Vorwort von Peter Seewald

Montecassino im Frühjahr. Die Serpentinen zum Kloster des heiligen Benedikt waren eng und steil, und je höher wir kamen, desto kühler wurde die Luft. Niemand sprach ein Wort, nicht einmal

Alfredo, der Chauffeur des Kardinals. Ich weiß nicht, der Winter

war definitiv vorbei, aber irgendwie hatten wir wohl Angst vor

den kalten Nächten, die noch kamen.

Als ich mit Kardinal Ratzinger das Interview-Buch »Salz der Erde«

veröffentlichte, sahen viele darin eine Möglichkeit, sich mit einer Thematik zu befassen, zu der sie bisher keinen Zugang fanden.

Zwar wurde der Name Gottes so häufig gebraucht wie niemals

zuvor, aber im Grunde wußte niemand mehr, wovon er sprach,

wenn er über religiöse Dinge redete. Ich erlebte es bei Freunden

oder in den Redaktionen der Magazine, für die ich arbeitete. Innerhalb kürzester Zeit war in großen Teilen der Gesellschaft so etwas wie ein geistiger Nuklearschlag eingetreten, eine Art Big Bang der christlichen Kultur, die bislang unser Fundament war. Selbst wenn Menschen Gott nicht leugneten, so rechnete doch niemand mehr

damit, daß er in der Welt Macht hat und wirklich etwas tun kann.

In dieser Zeit hatte ich immer wieder einmal ein Gotteshaus besucht. Obwohl ich Zweifel hatte und den Botschaften der Offenbarung mißtraute, so schien mir unwiderlegbar, daß die Welt kein Zufall, nicht das Resultat einer Explosion oder von etwas

Ähnlichem war, wie Marx und andere behaupteten. Und schon

gar nicht eine Schöpfung der Menschen, die weder Schnupfen

heilen noch einen Dammbruch verhindern können. Mir wurde

bewußt, daß es hinter dem Geflecht aus Liturgie, Gebeten und Geboten einen Grund, eine Wahrheit geben mußte. »Wir sind nicht irgendwelchen klug ausgedachten Geschichten gefolgt«, heißt es

in einem Apostelbrief. Aber es wäre mir dumm vorgekommen, ein

12

 

Kreuzzeichen zu machen oder gar Demut zu bekennen, wie das in

den Messen üblich ist. Und so oft ich mich auch in einer Kirche

umsah, ich konnte all das nicht mehr lesen. Das Eigentliche, der

Sinn des Ganzen, schien wie hinter einer Nebelwand verborgen.

Die Kirche zu verlassen, die mir vor vielen Jahren ausgehöhlt und reaktionär vorkam, ist nicht ganz einfach, zurückzukehren aber

ist noch viel schwieriger. Man will nicht nur glauben, was man

weiß, sondern auch wissen, was man glaubt. Berge unlösbarer

Fragen stellen sich in den Weg. Ist Christus wirklich der Sohn

Gottes, der uns die Erlösung brachte? Und wenn ja, was ist das für ein Gott? Ein guter, der uns hilft? Ein zynischer, der gelangweilt Zeile für Zeile an seinem großen Buch des Lebens weiterschreibt?

Was hat er mit den Menschen vor, die sogar der Macht des Bösen verfallen können? Wozu sind wir überhaupt da? Was ist mit

den Geboten? Gelten sie auch heute noch? Und was bedeuten die

sieben Sakramente? Ist in ihnen, wie es heißt, tatsächlich der Bauplan des gesamten Daseins verborgen? Sind Glauben und Leben im 21. Jahrhundert überhaupt noch vereinbar, um in der modernen Welt etwas vom Grundwissen aus dem Erbe der Menschheit nutzbar zu machen?

Nun, sehr viel kann man in kurzer Zeit nicht beantworten oder erfahrbar machen. Vieles wird man nie ganz in Worten ausdrücken können. Aber als mir Joseph Kardinal Ratzinger im Kloster gegenübersaß, ein großer Weiser der Kirche, und mir geduldig das Evangelium erzählte, den Glauben des Christentums von der Entstehung der Welt bis zu ihrem Ende, da war von Tag zu Tag deutlicher etwas von dem Geheimnis zu spüren, das im Innersten die Welt zusammenhält. Und im Grunde ist es vielleicht ganz einfach.

»Die Schöpfung selbst«, so der Gelehrte, »trägt eine Ordnung in

sich. Wir können aus ihr die Gedanken Gottes ablesen – und sogar

die richtige Art, wie wir leben sollten.«

München, 15. August 2000

13

 

Prolog

Glaube, Hoffnung, Liebe

Eminenz, haben Sie manchmal nicht auch ein wenig Angst vor

Gott?

Angst würde ich das nicht nennen. Von Christus wissen wir ja, wie Gott ist, daß er uns liebt. Und er weiß, wie wir sind. Er weiß, wir sind Fleisch. Wir sind Staub. Deswegen nimmt er uns in unserer

Schwachheit an.

Ich habe allerdings immer wieder dieses brennende Gefühl, hinter

meiner Berufung zurückzubleiben. Hinter der Idee, die Gott von

mir hat, von dem, was ich geben könnte und müßte.

Kann es sein, daß Gott Sie auch einmal kritisiert oder eine Ihrer Entscheidungen nicht in Ordnung findet?

Gott ist nicht wie ein Gendarm oder ein Strafrichter, der einem

eine Buße aufbrummt. Aber im Spiegel des Glaubens und auch

des mir gewordenen Auftrags muß ich mich jeden Tag besinnen,

was recht ist und wann etwas verkehrt war. Natürlich spüre ich

dann auch, daß etwas nicht richtig gewesen ist. Dafür gibt es ja

auch das Bußsakrament.

Den Katholiken wird ja nachgesagt, sie seien Gott gegenüber

voller Schuldgefühle.

14

 

Ich glaube, daß die Katholiken vor allem von einem großen Gefühl

der Vergebung Gottes beseelt sind. Nehmen wir die Kunst des

Barock oder des Rokoko. Hier sieht man große Heiterkeit. So

typischen katholischen Nationen wie Italien oder Spanien wird

nicht ohne Grund eine innere Leichtigkeit nachgesagt.

Vielleicht hat es in einzelnen Zonen des Christentums auch Erzie-hungsformen und Verbiegungen gegeben, wo das Erschreckende, das Schwere, das Strenge ein Übergewicht hat, aber das eigentlich Katholische ist das nicht. Meinem Gefühl nach überwiegt gerade

bei Menschen, die aus dem Glauben der Kirche leben, letztlich ein Bewußtsein der Erlösung: Gott läßt uns nicht fallen!

Gibt es da eine Sprache, die Gott gebraucht, um uns ganz konkret manchmal zu sagen: »Ja, tu es.« Oder eben: »Stop mal, letzte

Warnung! Laß es lieber sein!«?

Die Sprache Gottes ist leise. Aber er gibt uns vielerlei Winke. Gerade rückschauend kann man erkennen, daß er uns durch Freunde, durch ein Buch oder auch durch ein vermeintliches Scheitern, ja

selbst durch Unfälle einen kleinen Stoß gegeben hat. Das Leben

ist eigentlich voll von diesen stillen Weisungen. Langsam, wenn

ich wach bleibe, setzt sich daraus ein Ganzes zusammen, und ich

fange an zu spüren, wie Gott mich führt.

Wenn Sie nun persönlich mit Gott sprechen, ist das so selbstverständlich geworden wie telefonieren?

Man kann es in gewisser Hinsicht vergleichen. Ich weiß, er ist

immer da. Und er weiß ohnedies, wer ich bin und was ich bin. Um

so mehr habe ich das Bedürfnis, ihn herbeizurufen, mich ihm mitzuteilen, mit ihm zu reden. Mit ihm kann ich das Allereinfachste und Innerste wie das Beschwerendste und Größte austauschen.

Es ist für mich irgendwie normal, im Alltag immer wieder die

Möglichkeit zu haben, ihn anzureden.

15

 

Ist Gott dabei immer nur respektvoll, oder zeigt er auch Humor?

Ich glaube, daß er viel Humor hat. Manchmal gibt er einem auch

so einen Stups und sagt, nimm dich nicht so wichtig! Der Humor

ist eigentlich Bestandteil der Heiterkeit der Schöpfung. In vielen Dingen unseres Lebens merkt man, daß Gott uns auch anstoßen

will, ein bißchen leichter zu sein; auch das Heitere zu sehen; von unserem hohen Sockel herunterzusteigen und den Sinn für das

Lustige nicht zu vergessen.

Müssen Sie sich nicht manchmal über Gott ärgern?

Natürlich denke auch ich hin und wieder: Warum hilft er mir denn

nicht stärker? Er bleibt mir manchmal auch rätselhaft. In den Zu-fällen, die mich ärgern, spüre ich irgendwo auch sein Geheimnis, seine Fremdheit. Aber sich direkt über Gott zu ärgern, das würde

heißen, daß man Gott zu weit heruntergezogen hat. Vielfach sind

ganz vordergründige Dinge an einem Ärger schuld. Und dort, wo

Ärger wirklich gerechtfertigt ist, muß man sich immer fragen, ob

mir dadurch vielleicht nicht auch etwas Wichtiges mitgeteilt wird in den Dingen, die mich ärgern, und in den Menschen, die mich

ärgern. Über Gott selber aber ärgere ich mich nie.

Wenn Sie Ihren Tag beginnen, wie machen Sie das?

Bevor ich aufstehe, mache ich zunächst ein kurzes Gebet. Der Tag

sieht anders aus, wenn man nicht so direkt in ihn hineinstolpert.

Dann kommt all das, was man in der Frühe tut, waschen, früh-stücken. Anschließend gibt es die Heilige Messe und das Brevier.

Beides sind für mich die grundlegenden Akte des Tages: Die Messe

ist die ganz reale Begegnung mit der Anwesenheit des auferstan-denen Christus, und das Brevier ist das Eintreten in das große Beten der ganzen Heilsgeschichte. Die Psalmen sind dabei das

Herzstück. Hier betet man mit den Jahrtausenden mit und hört

16

 

darin die Stimmen der Väter. All das öffnet einem die Tür in den

Tag hinein. Dann kommt die normale Arbeit.

Und wie oft beten Sie?

Feste Gebetszeiten sind am Mittag, wo wir nach katholischer

Überlieferung den Engel des Herrn beten. Am Nachmittag gibt es

die Vesper und abends die Komplet, das kirchliche Abendgebet.

Und dazwischen, wenn ich spüre, jetzt brauche ich Hilfe, können

kleine Gebete immer eingeschoben werden.

Beten Sie vor dem Aufstehen immer ein anderes Gebet?

Nein, das ist schon ein festes Gebet, eigentlich eine Ansammlung

von verschiedenen kleinen Gebeten, aber insgesamt eine feste

Formel.

Gibt es da eine Empfehlung?

Da kann sich sicher jeder etwas aus dem Schatz der Kirche aussuchen.

Nachts, wenn man keine Ruhe finden kann …

… würde ich den Rosenkranz empfehlen. Das ist ein Gebet, das

neben seiner geistlichen Bedeutung eine seelisch beruhigende Kraft hat. Wenn man sich hier immer wieder an den Wörtern festhält,

wird man allmählich frei von den Gedanken, die einen so plagen.

Wie werden Sie persönlich mit Problemen fertig – vorausgesetzt, daß Sie überhaupt welche haben?

Wie sollte ich sie nicht haben? Zum einen versuche ich, Probleme

ins Gebet hineinzutragen und mich dort innerlich festzumachen.

Zum anderen versuche ich, etwas Anspruchsvolles zu tun, mich

17

 

wirklich einer Aufgabe hinzugeben, die mich fordert und mir

zugleich auch Freude macht. Und schließlich kann ich durch die

Begegnung mit Freunden mich ein bißchen von dem losheben, was

sonst da ist. Diese drei Komponenten sind wichtig.

Ich glaube, jeder ist irgendwann einmal müde und zerstört und

ziemlich kraftlos, und verzweifelt und wütend auch über sein

anscheinend ganz verbogenes, ungerechtes Schicksal. Probleme in das Gebet einbringen, wie Sie sagten – wie sollte das gehen?

Man muß vielleicht anfangen wie Hiob. Man muß zunächst den

lieben Gott meinetwegen auch innerlich anschreien, ganz unverblümt, ihm sagen: Was machst du denn mit mir?! Die Stimme von Hiob bleibt ja eine authentische Stimme, die uns auch sagt,

daß wir das dürfen – und vielleicht sogar müssen. Obwohl Hiob

wirklich klagend vor Gott gestanden hat, gibt Gott ihm am Schluß

recht. Gott sagt, er hat es richtig gemacht, und die anderen, die alles erklärt haben, haben nicht recht von mir gesprochen.

Hiob tritt in ein Ringen ein und breitet seine Anklagen vor ihm

aus. Allmählich hört er dann Gott reden, die Dinge wenden sich

und rücken in eine andere Perspektive. Ich komme damit aus dem

bloßen Zustand des Gefoltertseins heraus und weiß, daß ich zwar

die Liebe, die er ist, nicht verstehen kann in diesem Moment, aber daß ich mich doch darauf verlassen kann, daß es so, wie es ist, gut ist.

Vielleicht sollte man einfach strenger mit seinen Problemen umgehen, sie gar nicht erst zulassen.

Probleme gibt’s halt einfach. Gewisse Entscheidungen, Mißerfolg,

menschliche Mißverhältnisse, Enttäuschungen, das rührt einen

an, und das soll einen auch anrühren. Probleme sollen einen eben

auch dazu erziehen, solche Dinge verarbeiten zu können. Wenn

man ganz stählern würde, undurchlässig, wäre das ein Verlust

18

 

an Menschlichkeit und Empfindungsfähigkeit, auch gegenüber

den anderen. Der Stoiker Seneca hat gesagt: Mitleid ist etwas

Abscheuliches. Wenn wir hingegen Christus sehen, so ist er der

Mitleidende, und das macht ihn uns kostbar. Zum Christen gehört

auch das Mitleiden, die Verwundbarkeit. Man muß dann lernen,

Wunden anzunehmen, mit Verwundungen zu leben und darin

schließlich eine tiefere Heilung zu finden.

Viele konnten als Kinder beten, aber irgendwann kam es ihnen

abhanden. Muß man es lernen, mit Gott zu sprechen?

Das Organ für Gott kann soweit verkümmern, daß die Worte des

Glaubens ganz sinnlos werden. Und wer kein Gehör mehr dafür

hat, der kann ja auch nicht reden, weil Taubheit und Stummheit

ineinandergehen.

Es ist, als ob man seine eigene Muttersprache erlernen müßte.

Langsam lernt man, die Chiffren Gottes aufzulesen, diese Sprache

zu reden und Gott, wenn auch immer unzulänglich, zu verstehen. Allmählich wird man dann selber beten und mit Gott reden können, zunächst sehr kindlich – in einem gewissen Sinn werden

wir das immer bleiben – , aber dann mehr und mehr mit seinen

eigenen Worten.

Sie sagten einmal: Wenn der Mensch nur dem traut, was seine

Augen sehen, ist er eigentlich blind …

… denn dann beschränkt er seinen Horizont in einer Weise, daß ihm gerade das Wesentliche entgeht. Er sieht ja auch seinen Verstand nicht. Gerade die eigentlich tragenden Dinge sieht er mit dem bloß sinnlichen Auge nicht, und insofern sieht er noch nicht

recht, wenn er über das unmittelbare Wahrnehmbare nicht hin-ausschauen kann.

Jemand sagte mir, den Glauben zu haben, das wäre wie ein Sprung 19

 

vom Aquarium in einen Ozean. Können Sie sich an Ihr erstes

großes Glaubenserlebnis erinnern?

Ich würde sagen, bei mir war das eher ein stilles Wachsen. Natürlich gibt es Höhepunkte, wo einem in der Liturgie, in der Theologie, im ersten Konzipieren von theologischer Einsicht etwas aufgeht, wo es plötzlich weit und tragend wird und nicht mehr

bloß übernommen ist. Den großen Sprung, von dem Sie gesprochen haben, einen speziellen Vorgang, könnte ich in meinem Leben nicht identifizieren. Es war eher so, daß man sich langsam aus

dem ganz seichten Wasser vorsichtiger ein bißchen weiter hinaus-wagen darf und langsam etwas von dem Ozean spürt, der auf uns zukommt.

Ich denke auch, daß man den Glauben nie einfach fertig hat. Glaube muß immer wieder im Leiden und im Leben wie auch in den großen Freuden, die Gott uns schenkt, gelebt werden. Er ist nie

einfach etwas, was ich wie ein Geldstück einstecken kann.

Ein Bild von Gott

Mein kleiner Sohn fragt mich manchmal: Sag mal Papa, wie sieht Gott eigentlich aus?

Ich würde ihm antworten, man kann sich Gott so vorstellen, wie

wir ihn durch Jesus Christus kennen. Christus sagt ja einmal: »Wer mich ansieht, sieht den Vater.«

Und wenn man dann die ganze Geschichte Jesu betrachtet – von

der Krippe angefangen, über sein öffentliches Wirken, über die

großen und bewegenden Worte, bis hin zum letzten Abendmahl,

zum Kreuz, zur Auferstehung und zum Sendungsbefehl – , dann

bekommt man etwas von dem Gesicht Gottes zu sehen. Dieses

Gesicht ist einerseits ernst und groß. Es geht weit über unser Maß 20

 

hinaus. Aber in ihm ist im Grunde die Güte, das Annehmen, das

uns Gutwollen letztlich der charakteristische Zug.

Heißt es aber nicht auch, wir sollten uns kein Bild von Gott

machen?

Dieses Gebot ist insofern umgewandelt, als Gott sich selbst sein

Bild gegeben hat. Von Christus sagt der Epheser-Brief: Er ist das Bild Gottes. Und in ihm ist ganz verwirklicht, was in der Schöpfung vom Menschen gesagt wird.

Christus ist das Urbild des Menschen. Wir können damit zwar

nicht Gott selbst in seiner ewigen Unendlichkeit darstellen, aber wir können das Bild sehen, in dem er sich selbst dargestellt hat.

Von nun an machen wir nicht mehr ein Bild, sondern Gott selbst hat sein Bild gezeigt. Hier schaut und redet er uns an.

Das Bild von Christus ist freilich nicht einfach ein Foto von Gott.

In diesem Bild des Gekreuzigten sieht man vielmehr die ganze

Biographie Jesu, vor allem seine innere Biographie. Man wird

damit in ein Sehen eingeführt, in dem die Sinne sich öffnen und

übersteigen.

Wie könnte man Jesus mit wenigen Sätzen charakterisieren?

Hier sind unsere Worte immer überfordert. Grundlegend ist, daß

Jesus der Sohn Gottes ist, daß er von Gott und zugleich wahrer

Mensch ist. Daß er der ist, in dem nicht nur eine menschliche

Genialität oder eine menschliche Heroizität auf uns zukommt,

sondern in dem Gott durchscheint. Man kann sagen, in dem auf-gerissenen Leib Jesu am Kreuz sehen wir, wie Gott ist, nämlich der, der sich bis zu diesem Punkte für uns aus-gibt.

War Jesus katholisch?

Das kann man so sicher nicht sagen, denn er steht über uns. Es

gibt ja heute die umgekehrte Formel, daß man sagt, Jesus war kein 21

 

Christ, sondern er war ein Jude. Das stimmt auch nur beschränkt.

Er war ein Jude seinem Volkstum nach. Er war ein Jude, weil er das Gesetz angenommen und gelebt hat, und er war sogar auch, trotz

aller Kritik, ein frommer Jude, der die Tempelordnung eingehalten hat. Und trotzdem hat er das Alte Testament durchbrochen und

überschritten – aus der Vollmacht des Sohnes heraus.

Jesus hat sich selbst als den neuen, größeren Mose verstanden,

der nun nicht mehr bloß interpretiert, sondern erneuert. Insofern ist er über das Vorhandene hinausgegangen und hat damit Neues

geschaffen, nämlich die Ausweitung des Alten Testamentes in die

Universalität eines Volkes hinein, das die Erde umspannt und

immer weiter wachsen soll. Er ist also der, von dem der Glaube

ausgeht, von dem sich die katholische Kirche gewollt weiß, aber

der eben doch nicht einfach einer von uns ist.

Wie und wann haben Sie persönlich eigentlich gewußt, was Gott

von Ihnen will?

Ich denke, das muß man immer wieder neu lernen. Gott will ja

immer auch Weitergehendes. Wenn Sie allerdings auf die Berufsent-scheidung anspielen, auf die Grundrichtung, die ich einschlagen sollte und wollte, so war das ein intensiver Reifungsprozeß, der

in den Jahren des Studiums zum Teil auch kompliziert gewesen

ist. Dieser Weg führte mich über das Zugehen auf die Kirche, über priesterliche Führer und Weggefährten und natürlich über die Heilige Schrift. Es war ein ganzes Knäuel von Beziehungen, das sich dann allmählich geklärt hat.

Sie haben allerdings auch einmal davon gesprochen, daß es bei

Ihrer Entscheidung für den Priesterberuf ein »wirkliches Treffen«

zwischen Gott und Ihnen gegeben habe. Wie kann man sich denn

dieses Treffen zwischen Gott und Kardinal Ratzinger vorstellen?

Jedenfalls nicht so, wie man sich ein Rendezvous zwischen zwei

22

 

menschlichen Personen vorstellt. Vielleicht kann man es beschreiben als etwas, das einem auf die Haut kommt und sich dann in die Seele einbrennt. Man spürt, daß das nun einfach sein muß, daß

es der richtige Weg ist. Es war keine Begegnung im Sinne einer

mystischen Erleuchtung. Das ist nicht der Bereich von Erfahrungen, dessen ich mich rühmen dürfte. Aber ich kann sagen, daß das Ganze des Ringens zu einer deutlichen, fordernden Erkenntnis

führte, so daß sich mir der Wille Gottes auch inwendig darstellte.

»Gott hat dich zuerst geliebt!«, heißt es in der Lehre Christi. Und er liebt dich ohne Ansehen von Herkunft und Bedeutung. Was

bedeutet das?

Man sollte diesen Satz so wörtlich nehmen wie nur irgend möglich, und ich versuche es auch zu tun. Denn er ist wirklich die große

Kraft unseres Lebens und die Tröstung, die wir brauchen. Und

das ist ja gar nicht so selten.

Er hat mich zuerst geliebt, bevor ich überhaupt selber lieben konnte. Nur weil er mich schon kannte und liebte, bin ich überhaupt geschaffen. Ich bin also nicht durch einen Zufall in die Welt hineingeworfen worden, wie Heidegger sagt, und muß jetzt sehen, wie ich in diesem Ozean herumschwimme, sondern mir geht eine

Erkenntnis, eine Idee und eine Liebe voraus. Sie ist auf dem Grund meiner Existenz vorhanden.

Was für jeden Menschen wichtig ist, was seinem Leben erst Wichtigkeit gibt, ist, wenn er weiß, daß er geliebt wird. Gerade wer in einer schwierigen Situation ist, hält durch, wenn er weiß, jemand wartet auf mich, ich bin gewollt und gebraucht. Gott ist zuerst da und liebt mich. Und das ist der verläßliche Grund, auf dem mein

Leben steht, und von dem aus ich es selber entwerfen kann.

23

 

Krise des Glaubens

Herr Kardinal, der christliche Glaube wird in den meisten Konti-nenten der Erde nachgefragt wie noch nie. Alleine in den letzten 50 Jahren hat sich die Zahl der Katholiken weltweit auf über eine Milliarde Menschen verdoppelt. In vielen Ländern der sogenannten Alten Welt allerdings erleben wir eine weitere Säkularisierung.

Es scheint, als würden sich große Teile der Gesellschaften in Europa nunmehr gänzlich von ihrem Erbe trennen wollen. Gegner des Glaubens sprechen von einem »Fluch des Christentums«, von

dem man sich nun endlich befreien müsse.

Wir haben in unserem ersten Buch Salz der Erde diese Thematik ausführlich behandelt. Viele Menschen sind bereit, den antichristlichen oder antikirchlichen Stereotypen ohne eigene Überlegung zu folgen. Der Grund liegt oftmals einfach darin, daß uns die

Inhalte und Zeichen des Glaubens abhanden gekommen sind. Wir

wissen nicht mehr, was sie zu bedeuten haben. Hat die Kirche

nichts mehr zu sagen?

Wir leben ohne Zweifel in einem Geschichtsraum, wo die Versuchung, es ohne Gott schaffen zu wollen, sehr groß geworden ist.

Unsere Technik-und Wohlstands-Kultur beruht auf der Überzeugung, daß im Grunde alles machbar ist. Natürlich verschließt sich, wenn wir so denken, das Leben dann in dem, was von uns gemacht

und hergestellt und bewiesen werden kann. Die Gottesfrage tritt

somit ab.

Wenn man diese Einstellung verallgemeinert – und die Versuchung

ist sehr groß, weil das Ausschauhalten nach Gott tatsächlich das

Herausgehen in eine andere Ebene bedeutet, die früher vermutlich

leichter zugänglich gewesen ist – , liegt es auf der Hand zu sagen: Was wir nicht selber machen, das gibt es auch nicht.

Inzwischen gibt es genügend Versuche, Ethiken ohne Gott zu

bauen.

24

 

Sicher, und das Kalkül darin ist, das zu suchen, was der Menschheit angeblich am besten bekommt. Zum anderen haben wir auch Versuche, die innere Erfüllung des Menschen, das Glück, zu einem

konstruierbaren Produkt zu machen. Oder aber es gibt das Ausweichen in Religionsformen, die scheinbar ohne Glauben auskom-men, esoterische Angebote, die dann häufig nur Glückstechniken sind.

Alle diese Formen, die Welt im Lot halten zu wollen und mit

dem eigenen Leben auszukommen, liegen von dem Lebens-und

Existenzmuster unserer Gegenwart her sehr nahe. Das Wort der

Kirche dagegen kommt scheinbar aus einer Vergangenheit, sei es,

daß es lange her ist und nicht mehr unserer Periode zugehört, oder daß es einer ganz anderen Lebensform entstammt, die nicht mehr

die gegenwärtige zu sein scheint. Sicher hat die Kirche den Sprung in die Gegenwart noch nicht gänzlich geschafft. Die alten, wirklich gültigen und großen Worte wieder so mit Lebenserfahrung zu

füllen, daß sie vernehmbar werden, steht als eine große Aufgabe

vor uns. Wir haben da viel zu tun.

Ein an die Esoterik angelehntes Gottesbild gibt die Vorstellung von einem ganz anderen Gott, der sich in neuen Botschaften

mehr und mehr von der Lehre der Juden und Christen distanziert.

Rabbis und Priester und sogar die Bibel, heißt es hier, seien gar keine Quellen seiner Botschaft. Die Menschen sollten sich statt dessen lieber an den eigenen Gefühlen orientieren. Sie sollten sich endlich von den Zwängen dieser überkommenen, ja albernen

Religionen und ihrer machtbesessenen Priesterkasten befreien

und wieder ganzheitlich und glücklich werden, eben so, wie sie vom Ursprung her gedacht waren. – Vieles davon klingt sehr

verheißungsvoll.

Das entspricht genau unserem Gegenwartsbedürfnis von Religion und auch dem Bedürfnis nach Vereinfachung. Insofern hat es 25

 

etwas Einleuchtendes, Erfolgversprechendes an sich. Man muß

freilich auch fragen: Wer oder was legitimiert diese Botschaft?

Ist sie dadurch hinlänglich legitimiert, daß sie uns plausibel erscheint? Genügt die Plausibilität als Kriterium, um eine Botschaft über Gott anzunehmen? Oder kann nicht gerade die Plausibilität

eine Verführung sein, die uns schmeichelt? Sie zeigt uns zwar den einfacheren Weg auf, aber sie hindert auch daran, der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen.

Letztlich machen wir damit unsere Gefühle zum Maßstab dafür,

wer Gott ist und wie wir leben sollten. Aber Gefühle sind wech-selhaft und wir merken dann doch bald selber, daß wir so auf trügerischem Grund bauen. So einleuchtend das auch zunächst

scheint – ich begegne darin doch wieder nur menschlichen Ideen,

die letzten Endes fragwürdig bleiben. Das Wesentliche des Glaubens aber ist doch, daß ich darin nicht dem Ausgedachten begegne, sondern daß hier etwas auf mich zukommt, das größer ist als das,

was wir Menschen uns ausdenken können.

Einwand: Das sagt die Kirche!

Es ist bewährt durch die Geschichte, die daraus gewachsen ist. In ihr hat sich Gott gleichsam immer wieder verifiziert und wird sich auch weiterhin verifizieren. Ich denke, wir werden in diesem Buch noch vieles dazu erfahren.

Letzten Endes reicht es aber für den Menschen eben doch nicht

aus, daß uns Gott dieses oder jenes geäußert haben soll, oder daß wir uns dieses und jenes über ihn vorstellen können. Sondern nur

dann, wenn er etwas für uns getan hat und ist, dann geschieht das, was wir brauchen und worauf ein Leben stehen kann.

Wir können dabei erkennen, daß es nicht nur Worte über Gott

gibt, sondern daß es eine Realität von ihm gibt. Daß nicht nur Menschen etwas erdacht haben, sondern daß etwas passiert ist;

passiert in dem wörtlichen Sinn einer Passion. Diese Realität ist größer als alle Worte, auch wenn sie schwerer zugänglich ist.

26

 

Für viele ist es freilich nicht nur unglaublich, sondern auch schon eine Anmaßung, eine ungeheure Provokation, zu glauben, daß ein einzelner Mensch, der um das Jahr 30 in Palästina hingerichtet worden ist, der Gesalbte und Erwählte Gottes, eben »Christus«, sein soll. Daß eine einzelne Gestalt die Mitte aller Geschichte ist.

Es gibt in Asien hunderte von Theologen, die sagen, Gott sei viel zu groß und umfassend, als daß er sich nur in einer einzelnen

Person inkarniert hätte. Und in der Tat, wird der Glaube dadurch nicht auch verkleinert, wenn das Heil der ganzen Welt an einem einzigen Punkt ausgerichtet sein soll?

Diese religiöse Erfahrung in Asien hält Gott einerseits für so unermeßlich und andererseits unser Fassungsvermögen für so begrenzt, daß Gott sich danach nur in einer unendlichen Vielzahl von Spiegelungen immer wieder neu darstellen kann. Christus ist dann vielleicht ein herausgehobenes Symbol Gottes, aber doch eine

Spiegelung, die absolut nicht das Ganze faßt.

Scheinbar ist dies ein Ausdruck der Demut des Menschen Gott

gegenüber. Man hält es gar nicht für möglich, daß Gott in einen

einzelnen Menschen eingehen kann. Und rein vom Menschen aus

gedacht könnten wir vielleicht auch nichts anderes erwarten, als

daß wir von Gott immer nur irgendeinen Funken, einen kleinen

Ausschnitt sehen könnten.

Klingt nicht unvernünftig.

Ja. Vernünftigerweise müßte man in der Tat sagen, Gott ist viel

zu groß, um in das Kleinsein eines Menschen einzugehen. Gott ist

viel zu groß, als daß eine Idee oder eine Schrift sein Wort umfassen könnte, er kann sich nur in vielfältigen, auch widersprüchlichen

Erfahrungen spiegeln. Andererseits würde die Demut zu Hochmut

werden, wenn wir Gott die Möglichkeit absprächen, daß er die

Freiheit und die Macht der Liebe hat, so klein zu werden.

27

 

Der christliche Glaube bringt uns eben den Trost, daß Gott so

groß ist, daß er klein werden kann. Und das ist eigentlich für mich erst die unerwartete und vorher auch gar nicht entwerfbare Größe

Gottes, daß er auch diese Möglichkeit hat, sich so herunterzubeu-gen. Daß er wirklich selbst in einen Menschen eingeht, sich in ihn nicht mehr verkleidet, damit er ihn dann wieder ablegen und ein

anderes Gewand anziehen kann, sondern daß er dieser Mensch wird. Erst darin sehen wir eigentlich die wahre Unendlichkeit

Gottes, denn das ist eben doch gewaltiger, unausdenkbarer und

zugleich rettender als alles andere.

Im anderen Fall müßten wir immer auch mit einer Menge von

Unwahrheit leben. Die widersprüchlichen Fragmente, die es gibt,

legen im Buddhismus wie im Hinduismus tatsächlich die Lösung

der negativen Mystik nahe. Aber dann wird Gott eigentlich zur

Negation – und hat dieser Welt positiv, konstruktiv letzten Endes auch nichts mehr zu sagen.

Umgekehrt ist genau dieser eine Gott, der die Macht hat, Liebe

so zu realisieren, daß er in einem Menschen er selbst ist, daß

er da ist und sich uns zu erkennen gibt, daß er Gemeinschaft

mit uns aufnimmt, genau das, was wir brauchen, um nicht mit

Fragmenten, Halbwahrheiten zu Ende leben zu müssen.

Das bedeutet nicht, daß wir nichts mehr von den andern Religionen lernen könnten. Oder daß der Kanon des Christlichen so fertig zementiert ist, daß wir nicht weitergeführt werden könnten.

Das Abenteuer des christlichen Glaubens ist immer wieder neu,

und seine Unermeßlichkeit erschließt sich gerade darin, daß wir

Gott diese Möglichkeiten zuerkennen.

Ist denn der Glaube im Menschen prinzipiell immer vorhanden?

Soweit die Geschichte der Menschheit bis in die früheste Urge-schichte hinein aus den Ausgrabungen erkennbar ist, kann man feststellen, daß es die Gottesidee immer gegeben hat. Die Marxi-28

 

sten hatten das Ende der Religion vorhergesagt. Man werde mit

dem Ende der Unterdrückung die Medizin Gott nicht mehr brauchen, hieß es. Aber auch sie haben erkennen müssen, daß Religion nie aufhört, weil sie wirklich im Menschen selbst vorhanden ist.

Dieser innere Sensor funktioniert allerdings nicht mit dem Auto-matismus eines technischen Geräts, sondern er ist etwas Lebendiges, das entweder mit dem Menschen mitwachsen oder aber auch betäubt werden und beinahe absterben kann. Mit dem inneren

Mitvollziehen wird der Sensor immer mehr geschärft, lebendiger

und reaktionsintensiver – im anderen Fall wird er stumpf und

gleichsam unter einer Anästhesie begraben. Und dennoch, irgendwie bleibt auch im ungläubigen Menschen eine Restfrage da, ob nicht vielleicht doch etwas vorhanden ist. Ohne dieses innerste

Organ ist die Menschheitsgeschichte gar nicht verstehbar.

Andererseits gibt es Bibliotheken von Büchern und gewaltige

Theorien, die versuchen, diesen Glauben zu widerlegen. Auch

der Glaube gegen den Glauben scheint also prinzipiell vorhanden zu sein, ja sogar etwas Missionarisches zu haben. Die größten

Menschenexperimente der bisherigen Geschichte, Nationalsozia-lismus und Kommunismus, waren darauf angelegt, den Glauben an Gott ad absurdum zu führen und aus den Herzen der Menschen

herauszureißen. Und das wird nicht der letzte Versuch gewesen

sein.

Deswegen ist ja der Glaube an Gott nicht ein Wissen, so wie ich

Chemie oder Mathematik erlernen kann, sondern bleibt Glaube.

Das heißt er hat durchaus eine rationale Struktur, darauf werden

wir noch kommen. Er ist nicht einfach irgendeine dunkle Sache,

auf die ich mich einlasse. Er gibt mir Einsicht. Und es gibt einsichtige Gründe genug, ihm anzuhängen. Aber er wird nie zu reinem Wissen.

Da der Glaube eben die ganze Existenz einfordert, den Willen, das 29

 

Lieben, das Sichloslassen, ist in ihm immer auch die Übersteigung des bloßen Wissens, des bloßen Beweisens vonnöten. Und weil das

so ist, kann ich auch immer vom Glauben wegleben und Gründe

finden, die ihn zu widerlegen scheinen.

Da gibt es, wie Sie selber wissen, ganze Schichten von Gegengründen. Wir müssen uns nur das ungeheure Leid in der Welt ansehen.

Allein dieses scheint Gott schon zu widerlegen. Oder nehmen wir

diese Kleinheit, die Unscheinbarkeit Gottes. Für denjenigen, dem

die Augen des Glaubens aufgegangen sind, ist das gerade seine ganze Größe, aber für den, der den Sprung nicht machen kann oder will, macht es Gott irgendwie widerlegbar. Man kann das Ganze

auch in lauter Details auflösen. Man kann die Heilige Schrift, das Neue Testament so zerlesen, daß nur noch lauter Stücke übrigblei-ben, daß dann ein gelehrter Herr sagen kann, die Auferstehung ist erst später erfunden worden, alles ist später hinzugefügt worden, nichts von dem hält.

Das alles ist möglich. Gerade auch deshalb, weil Geschichte und

Glaube etwas Menschliches ist. Insofern wird der Streit um den

Glauben nie aufhören. Dieser Streit ist ja immer auch ein Ringen

des Menschen mit sich und ein Ringen mit Gott, das bis in die

Morgenröte der endenden Geschichte hinein fortdauern wird.

In der modernen Gesellschaft wird angezweifelt, daß es die eine Wahrheit überhaupt geben könnte. Das schlägt sich auch auf die Kirche nieder, die unbeirrt an diesem Begriff festhält. Sie meinten sogar einmal, die derzeitige tiefgehende Krise des Christentums in Europa beruhe ganz wesentlich auf der Krise seines Wahrheitsanspruches. Warum?

Weil sich niemand mehr zu sagen traut, daß das, was der Glaube

sagt, wahr sei. Man fürchtet dann schon, daß man intolerant ist,

auch anderen Religionen oder Weltanschauungen gegenüber. Und

die Christen untereinander sagen, wir haben Furcht vor der Höhe

des Wahrheitsanspruches bekommen.

30

 

Einerseits ist das irgendwie heilsam. Denn wenn man zu schnell,

zu leichtfertig mit dem Wahrheitsanspruch um sich schlägt und

zu ruhig und gelassen sich darin niederläßt, kann man nicht nur

selbstherrlich werden, sondern auch etwas, das nur zweitrangig

und vorläufig ist, zu leicht als Wahrheit etikettieren.

Die Behutsamkeit mit dem Anspruch der Wahrheit ist durchaus

angemessen. Sie darf nur nicht dazu führen, daß man diesen Anspruch ganz generell fallen läßt. Denn dann tappen wir halt nur in verschiedenen Traditionsmodellen herum.

Allerdings werden die Grenzen auch wirklich unschärfer. Viele

träumen von einer Art Eintopfreligion, allerdings mit ausgewählten Zutaten, die ganz besonders mundgerecht sind. Es gibt zunehmend eine Unterscheidung zwischen »schlechter« und »guter«

Religion.

Interessant ist, daß der Begriff Tradition den Begriff Religion und Konfession weitgehend abgelöst hat – und damit eben auch den

Wahrheitsbegriff. Die einzelnen Religionen werden als Traditionen angesehen. Sie gelten dann als »ehrwürdig«, als »schön«, und man

sagt, wer in der einen Tradition steht, soll die seine achten, der andere die andere und alle sich gegenseitig. Wenn wir allerdings nur noch Traditionen haben, entsteht natürlich auch ein Wahrheits-verlust. Und irgendwann wird man sich fragen, warum eigentlich überhaupt noch Tradition. Und dann ist auch die Rebellion gegen

die Tradition begründet.

Mir fällt da immer das Wort von Tertullian ein, der einmal meinte: Christus hat nicht gesagt, ich bin die Gewohnheit, sondern die Wahrheit. Christus sanktioniert eben nicht einfach die Gewohnheit, im Gegenteil, er führt ja gerade aus den Gewohnheiten heraus. Er will den Aufbruch, er fordert uns auf, das zu suchen,

was wahr ist, was uns in die Wirklichkeit des Schöpfers, des Er-lösers, unseres eigenen Seins hineinbringt. Insofern müssen wir 31

 

die Behutsamkeit mit dem Wahrheitsanspruch als eine große Verpflichtung ansehen, aber auch den Mut dazu haben, die Wahrheit nicht zu verlieren, uns nach ihr auszustrecken und sie da demütig und dankbar anzunehmen, wo sie uns geschenkt wird.

Vom Zweifel

Sie haben einmal die Geschichte eines jüdischen Rabbis von Martin Buber nacherzählt. In dieser Geschichte wird der Rabbi eines Tages von einem Aufklärer besucht. Der Aufklärer ist ein gelehrter Mann. Er will dem Rabbi beweisen, daß es keine Wahrheit des

Glaubens gibt, und daß der Glaube in Wahrheit sogar rückständig, ein Relikt der Vergangenheit sei. Als der Gelehrte die Stube des Rabbis betritt, sieht er ihn mit einem Buch in der Hand sinnierend auf und ab gehen. Der Rabbi achtet nicht auf den Aufklärer. Nach einer Zeit aber bleibt er dann doch stehen, sieht ihn flüchtig an und sagt nur: »Vielleicht ist es aber wahr.« Das genügte. Dem Gelehrten schlotterten die Knie, und er verließ fluchtartig das Haus. –Eine schöne Geschichte, aber dennoch: Immer wieder kehren

auch Priester ihrer Kirche den Rücken, Mönche flüchten aus ihren Klöstern. Sie selbst haben einmal von der »bedrängenden Macht

des Unglaubens« gesprochen.

Der Glaube ist nie einfach da, so daß ich ab einem bestimmten

Zeitpunkt sagen könnte: ich habe ihn, andere haben ihn nicht. Wir sprachen bereits davon. Er ist etwas Lebendiges, das den ganzen

Menschen – Verstand, Wille, Gefühl – in allen seinen Dimensionen

einbezieht. Er kann zwar dann im Leben immer tiefer einwurzeln,

so daß mein Leben mit meinem Glauben mehr und mehr identisch

werden kann, aber trotzdem ist er nie einfach ein Besitz. Der

Mensch behält immer die Möglichkeit, dieser anderen Tendenz in

sich nachzugeben und zu Fall zu kommen.

32

 

Der Glaube bleibt ein Weg. Solange wir leben, sind wir unterwegs, und deswegen wird er auch immer wieder bedroht und bedrängt.

Und es ist auch heilend, daß er nicht zu einer handhabbaren Ideologie wird. Daß er nicht verhärtet und mich unfähig macht, mit dem fragenden, zweifelnden Bruder mitzudenken und auch mitzu-leiden. Glaube kann nur dadurch reifen, daß er in allen Stufen des Lebens die Bedrängung und die Macht des Unglaubens neu erträgt

und aufnimmt und sie dann schließlich auch durchschreitet, damit

er wieder in einer neuen Zeit begehbar wird.

Wie ist es bei Ihnen? Kennen auch Sie ganz persönlich diese »be-drängende Macht des Unglaubens«?

Natürlich. Gerade wenn man als Professor oder als ein Lehrer des

Glaubens in der geistigen Situation unseres Jahrhunderts mitzu-glauben versucht, muß man die Fragen an sich heranlassen, die es uns schwermachen. Und dann treten selbstverständlich auch

jene Lebensmodelle an einen heran, die uns mit dem Versprechen

vorgehalten werden, den Glauben ersetzen oder überflüssig machen zu können. Insofern ist für mich das Annehmen, das innere Bestehen, und das Bedrängtwerden durch all das, was heute gegen

den Glauben spricht, ein wesentlicher Teil meiner Aufgabe.

Aber auch wenn ich nicht wollte, tritt es an einen heran, durch

Informationen, durch das Geschehen, durch alles, was sich einem

an Lebenserfahrung auftut. All das macht den Glaubensweg einerseits mühsam. Aber dann, wenn man wieder ins Licht kommt, sieht man auch, daß es eine Bergbesteigung ist, und daß man

gerade auf diese Weise auch näher an den Herrn herankommt.

Ist das irgendwann einmal vorbei?

Ganz vorbei ist es nie.

Kann man sich vorstellen, daß auch ein Papst vom Zweifel oder

gar vom Unglauben befallen wird?

33

 

Vom Unglauben nicht, aber daß auch er unter den Fragen leidet,

die das Glauben schwermachen, das sollte man sich schon vorstellen. Mir ist als Kaplan eine kleine Begegnung aus München unvergeßlich geblieben. Mein damaliger Pfarrer Blumscheid war

mit dem Pfarrer der benachbarten evangelischen Pfarrei befreundet. Eines Tages kam Romano Guardini zu einem Vortrag, und die beiden Pfarrer konnten mit ihm reden. Ich weiß nicht wie

das Gespräch verlaufen ist, aber Blumscheid hat mir dann ganz

entgeistert erzählt, Guardini hätte gesagt, es wird, wenn man älter wird, nicht leichter mit dem Glauben, sondern schwerer. Guardini

mag damals so zwischen 65 oder 70 Jahre alt gewesen sein. Na-türlich, das ist die spezifische Erfahrung eines Menschen, der an sich schwermütig war und viel gelitten hat. Aber, wie gesagt, ganz erledigt ist die Sache nie. Andererseits wird es irgendwo leichter, weil auch die Flamme des Lebens kleiner wird. Aber solange man

unterwegs ist, ist man unterwegs.

Weiß denn die katholische Kirche mit absoluter Sicherheit, wie Gott wirklich ist, was er wirklich sagt und auch, was er eigentlich von uns will?

Die katholische Kirche weiß im Glauben das, was Gott uns in

der Geschichte der Offenbarung gesagt hat. Natürlich bleibt das

Verständnis davon – auch das, das die Kirche davon hat – immer

hinter der Größe dessen zurück, was Gott geredet hat. Deshalb

gibt es die Entwicklung des Glaubens. Jede Generation kann von

ihren Lebenszusammenhängen her neue Dimensionen entdecken,

die vorher auch die Kirche nicht gewußt hat. Der Herr selber sagt ja im Johannes-Evangelium voraus: »Der Heilige Geist wird euch

führen, in alle Wahrheit hinein, um auch das zu erkennen, was ihr jetzt noch gar nicht ertragen könntet.« Das heißt, es gibt immer

einen Überschuß, ein »Voraus« der Offenbarung, nicht nur gegenüber dem, was der einzelne davon begriffen hat, sondern auch 34

 

gegenüber dem, was die Kirche davon weiß. Dieser Überschuß ist

daher für jede Generation ein neues Abenteuer.

Was heißt das?

Es ist nie so, daß man sagen könnte, jetzt wissen wir alles, jetzt ist das Christentum in seiner Erkenntnis abgeschlossen. Weil Gott und das menschliche Leben unergründlich sind, gibt es immer

neue Dimensionen. Was der Kirche allerdings gegeben ist, ist ei-ne Sicherheit darüber, was nicht mit dem Evangelium vereinbar ist. Sie hat in ihrem Glaubensbekenntnis und in ihren Dogmen

die wesentlichen Erkenntnisse formuliert. Sie sind alle negativ

formuliert. Sie sagen einem, wo die Grenze ist, von wo an man

abirren würde. Der Innenraum bleibt sozusagen immer offen und

weit. Und deswegen kann sie auch für das menschliche Leben die

großen Grundrichtungen angeben und sagen, wohin ich sicher

nicht gehen darf, wenn ich nicht abstürzen möchte. Es bleibt Aufgabe des einzelnen, die vielfältigen Möglichkeiten auf seinem Weg zu erkennen und auszuschöpfen.

Manche meinen allerdings, das Christentum sei weniger eine praktische Religion, sondern etwas für das Jenseits, also ein Weg, mit dem man Punkte sammeln kann für ein Konto in der anderen

Welt.

Richtig ist, daß das Jenseits zur christlichen Lebensperspektive

gehört. Wenn man das wegnehmen wollte, dann wird unsere Perspektive zu einem merkwürdigen Fragment, zu einer zerstückelten Sache. Das menschliche Leben wäre grob verstümmelt, wenn man

es nur in der Dimension dieser 70 oder 80 Jahre ansieht, die wir

leben dürfen. Auf diese Weise entsteht ja diese merkwürdige Hab-gier nach Leben. Wenn das augenblickliche Leben das einzige ist, das ich überhaupt haben kann, dann muß ich natürlich schauen,

35

 

daß ich soviel heraushole und zusammenraffe wie nur irgend möglich. Dann kann ich auch auf den anderen keine Rücksicht mehr nehmen.

Das Jenseits gibt mir die Maßstäbe und gibt dem jetzigen Leben

den Ernst und das Gewicht, um nicht nur für den Augenblick zu

leben, sondern so, daß dieses Leben am Schluß etwas taugt, etwas

wert ist – und nicht nur für mich, sondern für das Ganze. Der

erhörende Gott nimmt uns die Verantwortung nicht ab, sondern

lehrt uns Verantwortung. Er führt uns dazu, daß wir aus dem, was

uns aufgegeben ist, verantwortlich leben und damit auch fähig

werden, einmal vor ihm zu bestehen.

Christus sagt: »Bittet, so wird euch gegeben werden. Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden«.

Andererseits: Wenn mein Sohn zum Beispiel vor einer Schulauf-gabe steht, bittet er Gott um Hilfe. Aber, ehrlich gesagt, es hilft nicht immer.

Man bittet zum Beispiel um Gesundheit; eine Mutter macht das

für ihr Kind, ein Mann für seine Frau; man bittet darum, daß ein

Volk nicht in einen großen Irrtum abstürzt – und wir wissen, daß

das keineswegs immer erhört wird. Das kann für einen Menschen,

bei dem es um Leben und Tod geht, zu einer großen Frage werden.

Warum hat er keine Antwort bekommen, oder jedenfalls ganz und

gar nicht die Antwort, um die er gebeten hat? Warum schweigt

Gott?, wird er sich fragen. Warum zieht er sich zurück? Warum

geschieht genau das Gegenteil von dem, was ich wollte?

Diese Distanz zwischen der Verheißung Jesu und dem, was wir

in unserem eigenen Leben erfahren, hat alle Generationen, hat

jeden einzelnen und hat auch mich immer wieder zum Nachdenken veranlaßt. Jeder muß sich ja auch selber zu einer Antwort durchringen, indem er dann schließlich verstehen lernt, warum

Gott gerade so mit ihm geredet hat.

36

 

Und welche Antwort gibt es da?

Augustinus und andere Große sagen, Gott gibt uns das, was das

Beste für uns ist – auch wenn wir das im voraus nicht erkennen

können. Oft halten wir ja genau das Gegenteil von dem, was er

tut, für unser Bestes. Man müßte lernen, diesen Weg, der uns von

unserer Erfahrung und von unserem Schmerz her so schwerfällt,

auch anzunehmen und darin eine Führung zu sehen. Der Weg

Gottes ist oftmals ein ungeheurer Weg der Umformung, der Um-schmelzung unseres Lebens, in dem wir dann aber auch wirklich geändert und zurechtgebogen werden.

Insofern muß man sagen, dieses »Bittet, ihr werdet empfangen«

kann sicher nicht heißen, daß ich einfach für alles, was ich möchte, Gott als Lückenbüßer hereinholen kann, der mir das Leben bequem macht. Oder der mir das Leiden und die Fragen abnehmen würde. Im Gegenteil, es bedeutet, daß Gott mich auf jeden Fall

hört und mich in der allein ihm bekannten Weise so erhört, wie es für mich richtig ist.

Um auf den konkreten Fall zurückzukommen: Für Ihren Sohn

kann es auch heilsam sein, zu lernen, daß da nicht einfach der

liebe Gott einspringt, wenn er seine Vokabeln nicht richtig gelernt hat, sondern daß er sich schon selber einsetzen muß. Es kann

manchmal auch heißen, daß ihm die kleine Züchtigung, die in

einem Mißerfolg liegt, nicht erspart wird. Denn vielleicht braucht er gerade diese sehr notwendig, um den Weg zu finden, auf dem er

gehen sollte.

Klagen wie Hiob?

Der Schriftsteller Joseph Roth hat, in alter jüdischer Tradition, mit seinem Gott regelrecht gestritten. »Millionen meinesgleichen zeugst Du in Deiner fruchtbaren Sinnlosigkeit«, schrieb er unter 37

 

dem Eindruck der Greuel des Ersten Weltkrieges. »Ich will Deine Gnade nicht!« schreit er voller Verzweiflung in den Himmel hinauf, »schick mich in die Hölle.«

Vielleicht ist das im Jüdischen stärker ausgeprägt, auch deswegen, weil Christus noch nicht erschienen ist, der mitleidende, Seelen

rettende und in das Elend hereingetretene Gott, der uns nicht mehr bloß als der große Unbegreifliche gegenübersteht, wie er bei Hiob am Ende erscheint, sondern als einer, der selber an den untersten Punkt heruntergestiegen ist, so daß er mit dem Psalm von sich

sagen kann: »Ein Wurm bin ich, kein Mensch«, einer, der getreten, zertreten wird.

Es gibt gerade in Zeiten, in denen wir in Not sind, immer wieder

die Frage: Warum tust du denn das?! Wir hatten ja anfangs davon

gesprochen, daß dieser Ansatz, in dem wir Gott unser Nichtverstehen ganz offen sagen, in vielen Situationen auch bereits der Beginn des persönlichen Betens und der Bewältigung sein kann.

Wir sagen das mit einem Grundstock an Gewißheit, daß ich die

rechte Antwort bekommen werde, weil der Gekreuzigte, dem es

genauso elend und schlecht ergangen ist, immer vor mir ist.

Vielleicht täusche ich mich, aber im Christentum hat man ein eher devotes Verhältnis zu Gott. Augustinus sagt: »Herr, ich streite nicht mit Dir, weil Du die Wahrheit bist … Ich ziehe Dich nicht zur Rechenschaft … Aber von Deiner Barmherzigkeit laß mich reden, mich Staub und Asche.«

Augustinus, der ja immer ein leidender und ringender Mensch

gewesen ist, hat diese Frage sehr bewegt. Anfangs meinte er, wenn man bekehrt ist, dann geht man von da an einen Höhenweg. Später

hat er gemerkt, daß eben auch der Höhenweg furchtbar schwierig

bleibt, und daß es da sehr dunkle Täler gibt. Er war der Meinung, daß sogar der heilige Paulus bis zuletzt unter Versuchungen gelitten habe, was er sicher von sich selber aus auf ihn projiziert hatte.

38

 

Aber gerade weil Augustinus bedrängt war, war es für ihn dann so

wesentlich, Gott als den Barmherzigen anreden zu können, von

ihm Zuflucht erwarten zu dürfen, in ihm das gütige Antlitz zu

sehen und nicht mit ihm streiten zu müssen.

In dem Sinn glaube ich, daß tatsächlich die Gestalt Christi unserem Streit etwas von seiner Bitterkeit nimmt. Die Antwort, die bei Hiob im Erscheinen des Schöpfers nur ganz anfanghaft aufgeht, ist in

der Zwischenzeit ein gutes Stück weitergekommen.

Noch einmal: Viele Menschen suchen gerade in einer Notsituation Hilfe aus dem Glauben. Manchmal funktioniert es, aber manchmal hat man auch das Gefühl, mein Gott, wo bist Du eigentlich?

Warum hilfst Du mir nicht besser, wenn ich Dich brauche?

Das Buch Hiob ist der klassische Schrei des Menschen, der die

ganze Not des Daseins und den schweigenden Gott erfährt. Und

sogar den scheinbar ungerechten Gott. Hiob ist verzweifelt und

zornig, so daß er dann wirklich all das vor Gott ausschüttet, was ihn niederwirft und zweifeln läßt an der Güte des Lebens.

Es sind die Fragen, ob es überhaupt gut ist, zu leben? Ob Gott gut ist und wirklich da ist und wirklich hilft? Diese Nächte werden uns nicht erspart. Sie sind offenbar auch nötig, damit wir im Leiden

lernen, damit wir darin auch eine innere Freiheit und Reife und

vor allen Dingen auch eine Mitleidensfähigkeit für den anderen

erlernen. Eine letzte, rationale Antwort, eine Weltformel, in der wir diese Dinge erklären könnten, gibt es nicht. Denn dort, wo

es wirklich unter die Haut und ans Herz geht, sind ganz andere

Gewichte im Spiel, die man nicht mehr mit Universalformeln auf-klären kann, sondern die letzten Endes nur im ganz persönlichen Durchleiden ins reine gebracht werden können.

»Nächte voller Mühsal teilte man mir zu«, so klagte Hiob, »le-ge ich mich nieder, sage ich, wann darf ich aufstehen. Wird es 39

 

Abend, bin ich gesättigt mit Unrast … Nie mehr schaut mein Au-ge Glück.« Wenn einem schon dieser Seelen-Schmerz nicht erspart bleibt, was bekommt man denn dann eigentlich vom Glauben?

Man darf diese Frage schon stellen, denn wenn ich etwas tue,

muß es Sinn haben. Man will wissen: Ist das eigentlich richtig?

Bedeutet das etwas oder ist es in Wirklichkeit eine Täuschung?

Falsch wird diese Fragestellung dann, wenn man alles, was es gibt, nur unter dem Aspekt des Ich betrachtet, unter der Prämisse, was ich davon bekomme. Dann ist man nämlich in einer Perspektive

der Habsucht nach Leben, der Verschließung in sich selbst, mit

der man nichts mehr verstehen kann und durch die man letztlich

am Leben scheitern muß.

Christus sagte einmal: Wer sein Leben besitzen will, der verliert es. Und nur wer sein Leben verliert, wer bereit ist, es wegzugeben, der kommt in die richtigen Perspektiven und kann es dadurch

finden. Das heißt, ich muß letzten Endes die Frage nach dem, was

ich davon habe, abwerfen. Ich muß lernen zu erkennen, daß es

wichtig ist, mich einmal loszulassen. Ich muß bereit sein, mich zu geben.

Das sagt sich so leicht.

Aber es gehört ja auch schon zu jeder menschlichen Liebe, daß

sie nur dann wirklich bereichernd und groß wird, wenn ich bereit

bin, für diesen Menschen auf mich selber zu verzichten, aus mir

herauszugehen, mich zu geben. Und das gilt erst recht in dem

Großen unseres Verhältnisses zu Gott, aus dem schließlich alle

anderen Verhältnisse erst entstehen können.

Anfangen muß ich damit, daß ich nicht mehr auf mich hinschaue, sondern mich frage, was er will. Anfangen muß ich damit, Liebe zu erlernen. Die besteht eben darin, den Blick von mir weg-und

auf ihn hinzuwenden. Wenn wir dann aus dieser Grundrichtung

40

 

heraus nicht mehr fragen, was kann ich alles für mich selbst verbuchen, sondern mich einfach von ihm führen lasse, mich wirklich verliere in Christus, wenn ich mich fallen lasse, loslasse von mir selbst, dann merke ich, ja, so wird das Leben erst richtig, weil

ich ohnedies für mich allein viel zu eng bin. Wenn ich sozusagen

ins Freie gehe, dann erst beginnt es, dann kommt das Große des

Lebens.

Jetzt wird es vermutlich heißen, daß diese Geschichte ganz schön dauern kann.

Nun, das ist natürlich ein Weg, den man nicht von heute auf

morgen tun kann. Wenn man auf das schnelle Glück eingestellt

ist, dann klappt’s mit dem Glauben nicht. Und vielleicht ist das

einer der Gründe für die heutige Glaubenskrise, daß wir die Lust

und das Glück sofort abholen wollen und nicht das Abenteuer

riskieren, das ein ganzes Leben dauert – in dem großen Vertrauen, daß dieser Sprung eben nicht im Nichts endet, sondern daß er

seinem Wesen nach der Akt der Liebe ist, für den wir geschaffen

sind. Und der mir überhaupt erst das gibt, was ich will: zu lieben und geliebt zu sein, und damit das eigentliche Glück zu finden.

Vom Berge versetzen

Aber Jesus sagt doch selber: »Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück’

von hier nach dort! Und er wird wegrücken. Nichts wird euch

unmöglich sein.«

Das ist tatsächlich eines der Rätselworte des Neuen Testaments,

für mich jedenfalls. Auch die Väter, die großen Theologen, die

Heiligen, haben mit diesem Wort gerungen. Wir dürfen uns auch

41

 

hier – ähnlich wie bei dem Wort »Betet und ihr werdet erhört« –

nicht bei einer banalen Auffassung festmachen, die sagt, also gut, jetzt glaube ich ganz fest, dann müßte ich zu dem Berg von Montecassino sagen können: weg mit dir. Gemeint sind im eigentlichen jene Berge, die unser Leben verstellen. Und die sind meistens viel gewichtiger als die Gebirge, die man auf den Landkarten aufzeich-nen kann. Diese Berge kann ich in der Tat überwinden, wenn ich mich loslasse an Gott hin.

Ist das eine Art Selbstsuggestion?

Der Akt des Glaubens ist ja nicht, sich gewissermaßen eine Idee

einzureden oder dem Glauben ein Können zuzuschreiben. Der

Akt des Glaubens liegt darin, darauf zu vertrauen, Gott ist da, ich kann mich in seine Hände geben. Und dann wird auch der Berg

weggehen.

Der Herr gebraucht in diesem Zusammenhang das Bild vom Senfkorn als dem geringsten aller Körnchen und Samen überhaupt, aus dem schließlich ein Baum wird, in dem die Vögel des Himmels

nisten. Im Senfkorn ist einerseits die Kleinheit enthalten – in der ich armselig bin – , aber auch die Potentialität des Wachsens. In diesem Senfkorn steckt insofern ein tiefes Bild des Glaubens. Der Glaube ist demnach nicht bloß ein Akzeptieren von bestimmten

Sätzen, sondern er ist ein Lebenssame in mir. Ich bin erst dann

ein richtig Glaubender, wenn der Glaube als ein lebendiger Same

in mir vorhanden ist, aus dem etwas wächst, und der dann wirklich zuerst meine Welt verändert, und damit auch für die Welt im ganzen etwas Neues bringt.

Jesus hat ein großes Versprechen gemacht. Er sagt: »Ich habe

meine Lehre nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt

hat. Wer den Willen Gottes tut, der wird an sich erfahren, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich aus mir selber rede.« Und selbst die 42

 

Pharisäer riefen damals aus: »Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser.«

Das entspricht genau dem, was wir jetzt meditiert hatten. Die

Wahrheit des Wortes Jesu ist nicht theoretisch abrufbar. Es ist wie bei einem technischen Lehrsatz: seine Richtigkeit zeigt sich erst im Ausprobieren. Die Wahrheit dessen, daß hier Gott spricht, bezieht den ganzen Menschen, das Experiment des Lebens mit ein. Sie

kann für mich nur sichtbar werden, wenn ich mich in den Willen

Gottes, so wie er sich mir erschließt, wirklich hineinbegebe. Dieser Schöpferwille ist ja nicht etwas mir Fremdes, Äußerliches, sondern er liegt mir selber zugrunde. Und in diesem Experiment des Lebens wird tatsächlich erkennbar, wie das Leben richtig wird. Es wird

nicht bequem, aber es wird richtig. Es wird nicht oberflächlich,

vergnüglich, aber es wird in einem tiefen Sinn von Freude erfüllt.

Das ist auch die eigentliche Bedeutung der Heiligen für uns, daß es Menschen sind, die sich in dieses Experiment des Willens Gottes

eingelassen haben. Sie sind gewissermaßen Lichter für die Menschheit, Wegweiser, die uns zeigen, wie es geht, wie das Leben richtig wird. Ich glaube, das ist für die ganze Frage nach der Wahrheit

des Christentums fundamental.

Gott und der Verstand

Die Kirche und ihre Heiligen betonen, man könne den christlichen Glauben auch verstandesmäßig erfassen, beweisen und begründen.

Stimmt das?

Ja, aber in Grenzen. Richtig ist, daß der Glaube nicht irgendein

Bildergewebe ist, das man so oder aber auch ganz anders machen

könnte. Der Glaube spricht unseren Verstand an, weil er Wahrheit

aussagt – und weil der Verstand für die Wahrheit geschaffen ist.

43

 

Insofern ist ein Glaube ohne Verstand kein richtiger christlicher Glaube.

Der Glaube fordert unser Verstehen heraus. Wir suchen ja auch

in diesem Gespräch herauszufinden, daß dies alles – vom Schöpfungsgedanken angefangen bis hin zur christlichen Hoffnung –eine sinnvolle Gestalt ist, in der Verständiges auf uns zukommt.

Insofern kann man zeigen, daß der Glaube auch für den Verstand

angemessen ist.

Gerade Naturwissenschaftler haben Gott und Glauben immer

wieder zum Thema gemacht. Ich habe einige Zitate mitgebracht.

Isaak Newton zum Beispiel, der Begründer der theoretischen

Physik, sagte: »Die wunderbare Einrichtung und Harmonie des

Weltalls kann nur nach dem Plane eines allwissenden und allmächtigen Wesens zustande gekommen sein. Das ist und bleibt meine letzte und höchste Erkenntnis.« Augustin Louis Chauchy,

der französische Mathematiker, meinte: »Ich bin ein Christ, das heißt ich glaube an die Gottheit Christi wie Tycho de Brahe, Ko-pernikus, Descartes, Newton, Leibnitz, Pascal … wie sämtliche große Astronomen und Mathematiker der Vergangenheit.« Und

der Italiener Guglielmo Marconi, ein Nobelpreisträger, dem wir das drahtlose Telephonieren und damit die Handy-Generation

verdanken, sagte es so: »Ich erkläre mit Stolz, daß ich gläubig bin. Ich glaube an die Macht des Gebetes. Ich glaube nicht nur als gläubiger Katholik daran, sondern auch als Wissenschaftler.«

Sicher, wir stürzen uns nicht in ein abergläubiges Abenteuer, wenn wir Christen werden. Nur würde ich zwei Vorbehalte anbringen:

Der Glaube ist nicht in dem Sinne verstehbar, daß er wie eine

mathematische Formel vollständig für mich durchschaubar wäre,

sondern er greift in immer tiefere Schichten, in das Unendliche

Gottes hinein, in das Mysterium der Liebe. In diesem Bereich gibt es dann eine Grenze dessen, was man bloß denkend verstehen

44

 

kann. Vor allem, was man als begrenzter Mensch verstehen und

verständlich vollkommen aufarbeiten kann.

Wir können schon einer den anderen Menschen nicht ganz verstehen, weil das in tiefere Gründe hinabgeht, als wir sie verständlich nachrechnen können. Wir können letztlich auch die Struktur der

Materie nicht verstehen, sondern immer nur bis zu einem bestimmten Punkt kommen. Um so mehr ist einsichtig, daß wir das, was uns in Gott und im Wort Gottes entgegentritt, letztlich nicht dem Verstand unterwerfen können, weil es weit darüber hinausgeht.

In diesem Sinne läßt sich Glauben eigentlich auch nicht beweisen.

Ich kann nicht sagen, wer das nicht annimmt, der ist eben blöd.

Zum Glauben gehört ein Lebensweg, in dem sich das Geglaubte

allmählich durch Experiment bewährt und in seiner Ganzheit als

sinnvoll erweist. Es gibt also vom Verstand her Annäherungen,

die mir das Recht geben, mich darauf einzulassen. Sie geben mir

die Gewißheit, daß ich mich nicht irgendeinem Aberglauben über-antworte. Aber eine erschöpfende Beweisbarkeit, wie ich sie für Naturgesetze haben kann, die gibt es nicht.

Kann man sagen, die Ausweitung des menschlichen Geistes ist

notwendig, um Gott immer besser erkennen zu können?

Auch der einfache Mensch kann eine ganz große Erkenntnis von

Gott haben. Es ist nicht unbedingt so, daß eine ausgebreitete Erkenntnis des naturwissenschaftlichen und historischen Materials, das wir haben, den Menschen fähiger macht, von Gott die rechte

Anschauung zu gewinnen.

Man kann in dem bloß Faktischen ja auch ertrinken. Wer nicht

den Blick auf das Geheimnis gewinnt, das in den Fakten der Natur oder der Geschichte waltet, stopft seinen Kopf und sein Herz

mit einer Menge von Sachen voll, die ihn vielleicht sogar seiner

seelischen Tiefe und Weite unfähig machen.

Die Wirkung der großen wissenschaftlichen Erkenntnisse kann

45

 

also einerseits dazu führen, daß der Mensch über das Faktische

nicht mehr hinausblicken kann, so daß es letztlich den Horizont

begrenzt. Weil er so viel weiß, kann er nur immer auf der Ebene

des Faktischen weiterdenken und den Sprung ins Geheimnis hinein

nicht mehr fertigbringen. Er sieht nur noch das Greifbare. Und

metaphysisch betrachtet wird der Mensch insofern dümmer. Auf

der anderen Seite kann es aber auch so sein, daß gerade in der

Größe der Anschauung, indem wir die so vielfältigen Brechungen

der göttlichen Vernunft in der Wirklichkeit wahrnehmen dürfen,

dann wirklich unser Gottesbild größer und weiter wird und wir

mit noch größerer Ehrfurcht und auch Demut und Bewunderung

vor ihm stehen.

Ein ganz praktisches Beispiel für eine mögliche Veränderung des Gottesbildes: Die frühere Vorstellung, daß Gott jeden Menschen sieht, daß er genau weiß, was jeder Mensch in jeder Sekunde

tut, wurde irgendwann verworfen. Es sei ein kindliches Hirnge-spinst, wenn nicht gar eine Drohgebärde und ein Angstfaktor der Kirche. Heute kommt über den Fortschritt der Technik seltsamer-weise dieses Bild wieder auf uns zurück. Inzwischen haben wir im All nicht nur Satelliten installiert, die uns mit Fernsehbildern bestrahlen, sondern auch Navigationssysteme, die jedes einzelne Auto auf dieser Welt orten und auch ins Ziel führen können. Und weiter: Computertechnik und Internet beweisen uns, daß durch

entsprechende Reize in Bruchteilen von Sekunden abermillionen

von Impulsen und Bewegungen gelenkt und vernetzt werden können, ob in Oslo oder in Kapstadt. Über diese Erweiterung der menschlichen Vorstellungskraft kehrt jedenfalls ein Gottesbegriff, den man bereits in die Asservatenkammer verbannt hatte, weil

er zu naiv erschien, plötzlich wieder als ganz neu und interessant zurück.

Ja, das ist schon richtig und dankbar festzustellen, daß wir hier 46

 

neue Anschauungshilfen bekommen. Insofern tun sich auch wieder Türen auf, die schon geschlossen gewesen waren. Indem wir mehr von der Welt verstehen, erscheint auch das Bild Gottes wieder größer und verständlicher. Das geschieht allerdings nicht automatisch.

Ein Widerspruch

Auf der einen Seite stehen die Gebote Gottes – auf der anderen Seite steht unsere menschliche Natur. Beides entstammt der Schöpfung. Und dennoch kann jeder sehen, daß beides oft recht schwer zusammenpaßt. Auch schlechtes Denken und schlechtes Tun ist

offensichtlich menschlich. Jedenfalls bringt uns dieses Paradox immer wieder auch in eine Situation, in der wir uns überfordert fühlen.

Der christliche Glaube ist davon überzeugt, daß es eine Störung

in der Schöpfung gibt. Die menschliche Existenz ist nicht mehr

so, wie sie eigentlich aus den Händen des Schöpfers hervorgekom-men ist. Sie ist mit einem anderen Faktor belastet, der neben der eingeschaffenen Tendenz zu Gott hin auch die andere Tendenz von Gott weg eingibt. Der Mensch ist auf diese Weise hin und her gerissen zwischen der ursprünglichen Schöpfungsspannung und

seiner geschichtlichen Erbschaft.

Diese Möglichkeit ist im Wesen des Endlichen, des Geschaffenen

bereits angelegt, hat sich aber durch die Geschichte erst ausgebildet. Der Mensch ist einerseits zur Liebe geschaffen. Er ist da, sich selbst zu verlieren, sich zu geben. Aber ihm liegt auch nahe, sich zu verweigern, nur er selber sein zu wollen. Diese Veranlagung

steigert sich dahin, daß er einerseits Gott lieben, daß er sich aber auch über Gott ärgern und sagen kann, ich möchte eigentlich

unabhängig sein, ich möchte nur ich selber sein.

47

 

Wenn wir wachsam auf uns selber schauen, können wir diese

Paradoxie, diese innere Spannung unserer Existenz, auch sehen.

Einerseits erkennen wir das, was in den Zehn Geboten gesagt ist,

als richtig an. Es ist etwas, was wir auch möchten und das uns

Freude macht. Nämlich dem anderen gut zu sein, dankbar zu sein,

den anderen zu respektieren in seinem Eigentum, im Verhältnis der Geschlechter die große Liebe zu finden, die dann eine lebenslange Verantwortung voreinander ist, die Wahrheit zu sagen, nicht zu

lügen. Irgendwie ist das schon ein Trend, der nicht nur gegen uns steht und wie ein Joch auf unseren Schultern liegt.

Andererseits verspüren wir das Kribbeln, uns dem auch wieder zu entziehen.

Da ist die Lust am Widerspruch, die Bequemlichkeit der Lüge, die

Versuchung zum Mißtrauen – all dieses ist aus einer Vernichtungs-tendenz, einem Willen zum Nein, auch im Menschen vorhanden.

Dieses Paradox zeigt auf eine gewisse innere Störung im Menschen

hin, so daß er nicht mehr schlichtweg der sein kann, der er sein

möchte. Ich sehe, was gut ist und billige es, sagte schon Ovid, ein römischer Dichter, und tue dann doch das andere. Und Paulus

hat im 7. Kapitel des Römerbriefes ebenfalls festgehalten: das

Gute, das ich eigentlich möchte, tue ich nicht; und das Schlechte, das ich eigentlich nicht möchte, tue ich dann. Bei Paulus steigt

daraus schließlich dieser Schrei auf: Wer erlöst mich denn von

diesem inneren Widerspruch!? Und das ist der Punkt, an dem

Paulus Christus eigentlich erst richtig begriffen hat – und von dem aus er dann Christus als die erlösende Antwort in die damalige

heidnische Welt hineingetragen hat.

Es gibt allerdings auch eine äußere Widersprüchlichkeit. Es ist der Widerspruch zwischen der Frohbotschaft dieses angeblich guten, »lieben« Gottes und dem wirklichen Zustand unserer Welt.

48

 

Die Folge ist eine Enttäuschung über Gott. Viele Menschen können nichts sehen von seiner angeblich heilenden Wirkung. Und manchmal denke ich auch, der Glaube hält vielleicht unseren wei-terentwickelten Vorstellungen nicht mehr stand. Er kann das volle Licht der Tatsachen eigentlich gar nicht ertragen.

Hier kommt zu dem inneren Widerspruch, von dem wir gerade gesprochen haben, das kollektive Moment hinzu. Es gibt ein Kollektivbewußtsein, das den Widerspruch verstärkt. Das den

egoistischen Tendenzen der Abwendung von Gott recht gibt und

die augenscheinlich bequemeren Wege des Lebens vorgibt. Jeder

Mensch lebt nicht nur selber, er wird immer auch ge-lebt, er wird mitgeformt oder auch mitverführt und verformt.

Es gibt verschiedene Verfalls-oder auch Erhebungsstufen von

Gesellschaften. Gemeinschaften können tragend sein und mich

auf den Weg bringen, so daß der innere Widerspruch allmählich

leichter wird und sich auflöst. Auf der anderen Seite aber gibt

es die Kollektive der Durchschnittlichkeit, wo man sagt, na ja,

die anderen machen es auch so. Das sind Gesellschaften, in denen Diebstahl normal geworden ist, Bestechung nicht mehr als ungehörig empfunden wird und das Lügen die gewöhnliche Um-gangsform ist.

Gesellschaften können den Menschen entweder immer weiter

nach unten ziehen – oder ihm nach oben helfen. Im ersten Fall

herrscht eine derartige Dominanz der materiellen Dinge und eine

Denkbindung an das bloß Materielle, daß alles andere, das über

diesen Materialismus hinausgeht, als etwas Überholtes, Törichtes

und dem Menschen Unangemessenes erscheint. Im zweiten Fall

ist in einer gewissen Evidenzform Gott real vorhanden, und es ist leichter, sich zu ihm hinzubewegen.

Aber warum sollte das Leben nicht einfach nur leicht und angenehm und lustvoll sein?

49

 

Natürlich ist das Sichbegnügen mit dem Materiellen, mit dem

Greifbaren, mit den Glückserlebnissen, die man ganz direkt einkaufen und abrufen kann, im Augenblick das Einfachere. Ich kann in einen Vergnügungsladen gehen, gegen Eintrittsgeld eine Art Ekstase erleben und mich damit von allen Mühen loskaufen von dem schwierigen Weg der Selbstwerdung und der Selbstüberschreitung.

Diese Versuchung ist unheimlich groß. Auch das Glück wird dabei

zu einer Ware, die verkauft und eingekauft werden kann. Das ist

dann bequemer, der Weg ist schneller, der innere Widerspruch

scheint beseitigt – weil die Frage nach Gott gar nicht mehr nötig ist.

Man könnte es aber auch als die zivilisierte, entwickelte und unserer modernen Welt absolut angemessene Form des Lebens sehen.

Aber wir wissen auch, daß sich dies schon sehr bald als Täuschung erweist. Der einzelne merkt, am Schluß bleibe ich nur leer, bin

ausgebrannt, und wenn ich herunterfalle aus der Ekstase, kann ich mich und die Welt endgültig nicht mehr ertragen. Und spätestens

hier zeigt sich, daß ich betrogen worden bin.

Richtig ist, daß wir nie nur persönlich mit unserer eigenen Innerlichkeit, sondern in der Wir-Gestalt in diesem Drama stehen.

Diese kollektive Gestalt kann uns das Schicksal erschweren oder

erleichtern. In der alten Kirche hatte man aus diesem Grunde

das Katechumenat geschaffen. Die Absicht war, eine Art Alterna-tivgesellschaft zu bilden, in der man sich auf Gott hin einleben konnte, und durch das Mitleben mit den anderen allmählich in

die Gegend kam, wo man ihn sehen lernen konnte. In der Zeit

bis zur Taufe, die ja Erleuchtung hieß, kam dann der Augenblick, in dem im einzelnen die Erkenntnis auflebt und damit auch das

Selbständigwerden im Glauben.

Ich denke, dies ist heute in atheistisch oder agnostizistisch-ma-terialistisch orientierten Gesellschaften eine neue Notwendigkeit 50

 

geworden. Früher schien es, als ob Kirche und Gesellschaft schon

weitgehend identifiziert seien. Jetzt muß die Kirche wieder eine

neue Anstrengung machen, alternative Orte zu schenken, in denen nicht nur das belastende und herunterziehende Wir, sondern ein öffnendes Wir angeboten wird, das den einzelnen Menschen

mitträgt und ihn ins Sehenlernen hineinbringt.

Die Frage ist, ob uns der Glaube wirklich so viel besser macht, barmherziger, nächstenliebender, weniger geizig, weniger eitel.

Nehmen wir die, die Gott selbst zum Glauben berufen hat, jene

Menschen, die von ihrem Vorsatz her nichts anderes im Sinn haben sollten, als Gott zu gefallen und quasi vollkommene Menschen

zu werden. Warum trifft man auch unter den Klerikern, unter

Mönchen und Nonnen ein so hohes Maß an Mißgunst, Neid,

Eifersucht, Lüge und Mangel an Hilfsbereitschaft? Warum konnte sie ihr Glaube nicht besser machen?

Das ist in der Tat eine sehr bedrängende Frage. Darin sieht man

erneut, daß der Glaube nicht einfach da ist, sondern schrumpfen

oder wachsen, daß er sich in einer Auf-und Ab-Linie bewegen

kann. Er ist nicht einfach eine fertige Garantie, etwas, das man wie ein eingezahltes Kapital betrachten könnte, das nur noch wächst.

Glaube ist immer in eine sehr brüchige Freiheit hineingegeben. Wir würden uns wünschen, daß es anders wäre. Aber das ist eben das

schwer begreifliche Risiko Gottes, daß er uns nicht eine stärkere Medizin verabreicht hat.

Auch wenn man sehen muß, daß es in der Welt der Glaubenden

Fehlverhalten gibt (hinter dem natürlich immer auch ein Schwach-werden im Glauben steht), dürfen wir doch auch die andere Bilanz nicht übersehen. An den Geschichten so vieler einfacher, gütiger

Menschen, die der Glaube gut gemacht hat, merkt man doch, daß

der Glaube etwas sehr Positives bewirkt. Ich denke besonders

an ältere Menschen in ganz normalen Pfarreien, die durch den

51

 

Glauben zu einer großen Güte gereift sind. In den Begegnungen

mit ihnen ist etwas Warmes, eine Art inneres Leuchten zu spüren.

Und umgekehrt müssen wir doch auch feststellen, daß die Gesellschaft mit dem Verdunsten des Glaubens härter, gewalttätiger, bissiger geworden ist. Das Klima, das hat sogar ein so kritischer Theologe wie Vorgrimler gesagt, ist nicht besser, sondern gereizter und bösartiger geworden.

Das Geheime

Die Welt der Christen ist eine Welt, in der das Unsichtbare so selbstverständlich ist wie das Sichtbare. Christen sind umgeben von Engeln und Schutzengeln. Sie können die Hilfe des Heiligen Geistes haben. Sie können, wenn sie das wollen, die heilige Maria um Trost und Hilfe bitten. Der große katholische Gelehrte Romano Guardini spricht davon, man könne das Geistliche und

Geheime sogar sichtbar machen. Die Methode sei, heilige Dinge oder Übungen zu erfassen und alle seine Gedanken, sein Gemüt in diesen Zeichen zu sammeln. Dann könne man auch sofort spüren,

wie es einen ordnet und heiligt. Für Nicht-Katholiken klingt das freilich fremd, wenn nicht gar sehr naiv.

Man darf es wiederum nicht in einem oberflächlichen und dann

letztlich abergläubischen Sinn fassen. So in der Art, sich in einem Kosmos von helfenden Mächten zu sehen, die uns das halbe Leben

abnehmen. Richtig ist, daß wir im Glauben eine Realität wahrnehmen, nach der es nicht nur die greifbaren Dinge gibt. Tatsächlich sind die großen Heiligen lebendig geblieben. Diese große Familie

ist da, und sie wahrzunehmen heißt, daß ich umsorgt und geliebt

bin.

Um diese Dinge richtig zu erlernen, wie Guardini es formuliert hat, muß ich mich selbstverständlich mit dieser Tatsache von innen 52

 

her anfreunden und sie verstehend in mich aufnehmen – und dann kann ich auch eine Wegweisung erkennen. Sie ist nicht einfach ein Mittel der Bequemlichkeit, die Hälfte meines Lebens abzuschieben, sondern eine Weisung.

Neulich hatte hier in Italien in den Nachrichten eine Frau von

ihrem Schicksal berichtet. Sie erwartete ein Kind, und die Herz-operation, die sie vor sich hatte, war mit einem großen Risiko verbunden. Dem Reporter sagte sie mit sehr heiterem Gemüt, sie

habe einfach zu Pater Pio gesagt, »Pater Pio, hilf mir und meinem Kind«, dann habe sie gewußt, daß ihr nichts passieren würde.

Vielleicht ist das sehr kindlich und einfältig, aber es spiegelt etwas von dem Urvertrauen wider, das einem geschenkt wird, wenn man

weiß, es gibt Geschwister in der anderen Welt. Sie sind nahe, sie können mir helfen, und ich darf sie voller Vertrauen herbeirufen.

Allerdings scheinen immer weniger Menschen von den Geheimnissen des Glaubens zu wissen. Wie konnte das passieren?

Vielleicht war in unserem Glauben etwas zu mechanisch geworden.

Vielleicht war auch zuviel Veräußerlichung entstanden, zuwenig

inneres Durchdringen, wie es in dem Wort von Guardini angedeutet ist.

Der Glaube muß in jeder Generation neu gelebt und neu gefunden

werden. Man sieht ja auch umgekehrt, wie eine Generation, die

den christlichen Glauben und seine Heilsmächte nicht mehr wahrnimmt, sich auf andere Weise auf die Suche macht, in esoterischen Sachen, wo man sich mit Steinen und mit was weiß ich noch allem

Hilfe beschaffen will. Das heißt, es werden neue Formen der Her-beirufung unsichtbarer Mächte gesucht, weil der Mensch spürt, daß er noch andere Helfer haben könnte oder haben sollte. Insofern müssen wir Katholiken und vor allem diejenigen, die in der Kirche Verantwortung tragen, uns fragen und besinnen, warum

wir den Glauben nicht so verkünden können, daß er auf die Fra-53

 

gen antwortet, die heute da sind. Daß die Menschen wieder sehen

und spüren, in diesem Glauben ist schon genau das vorhanden,

was wir mit unseren Bemühungen eigentlich möchten.

Steht alles schon geschrieben?

Es gibt im Arabischen einen Ausdruck, der ein großes Geheimnis dieser Welt auszudrücken versucht: »Maktub«. Übersetzt lautet

er ungefähr so: »Es steht geschrieben«. Vielleicht steht ja wirklich schon alles geschrieben, die ganze Geschichte der Welt, die Geschichte meiner Geburt und meines Todes. In einer Messe habe ich einmal gehört, selig die, die bei Gott schon verzeichnet sind, nämlich im großen Buch des Lebens . Zeichnet Gott den Weg, den jeder Mensch gehen soll, schon vor, so daß ich nur erkennen muß, was für mich aufgezeichnet ist?

Ich glaube, daß es in diesem Punkt – obwohl ich kein Islam-Spezialist bin – einen wirklichen Gegensatz oder zumindest einen Unterschied zwischen Islam und christlichem Glauben gibt. Der

Islam geht wohl von einer sehr strengen Vorbestimmungsidee aus;

die Dinge sind vorbestimmt, und ich lebe in diesem festgefügten

Netz. Der christliche Glaube dagegen kalkuliert durchaus den

Faktor Freiheit ein. Das heißt, Gott umfaßt einerseits alles. Er

kennt alles. Er führt die Geschichte. Und trotzdem hat er sie so

angelegt, daß darin Freiheit Platz hat. Daß ich sozusagen von dem abweichen kann, was er mit mir vorhatte.

Könnten Sie das genauer erklären?

Das ist sehr geheimnisvoll und schwierig. Auch im Christentum

wurde ja immer wieder die sogenannte Prädestinationslehre ausgebildet. Nach dieser Lehre steht einfach fest, daß die dafür Bestimmten in die Hölle kommen und die anderen in den Himmel, das sei 54

 

von ewig fixiert. Der Glaube der Kirche hat dies stets abgelehnt.

Denn die Vorstellung, daß ich als einzelner eigentlich gar nichts mehr machen könnte – wenn ich ein Höllenbraten bin, dann bin

ich eben einer, und wenn ich zum Himmel bestimmt bin, dann ist

es auch so – , ist sicher nicht dem Glauben gemäß.

Gott hat wirkliche Freiheit geschaffen und läßt sich auch seine

Pläne durcheinanderbringen (wenn er es auch in einer Weise tut,

daß er daraus dann doch wieder etwas Neues erschafft). Die Geschichte zeigt das ja. Da ist zunächst die Sünde Adams, sie stürzt das Projekt Gottes um. Und Gott antwortet darauf, indem er sich

noch stärker gibt, indem er sich in Christus selber gibt.

Das ist jetzt sozusagen das ganz große Exempel. Daneben gibt es

viele kleine. Nehmen wir das Volk Israel. Es sollte eine Theokratie sein, eine Ordnung, die keine menschlichen Herrscher, sondern

nur Richter hat, die das Gottesrecht anwenden. Die Israeliten aber wollten auch einen König. Sie wollten sein wie die andern. Und

sie stürzen den Plan um. Gott gibt nach. Er gibt ihnen Saul, dann David und bildet gerade daraus wieder den Weg zu Christus hin,

zu dem König, der alles Königtum umstülpt, indem er am Kreuz

stirbt.

Wir haben hier Modelle, in denen uns die Schrift verstehen läßt,

wie Gott einerseits Freiheit voll akzeptiert – und andererseits dann doch größer ist und die Möglichkeit hat, aus dem Versagen, aus

dem Zerstören heraus einen neuen Anfang zu machen, der dann

irgendwie den vorigen sogar übertrifft und noch größer und besser sich darstellt. Wie das letztlich ist – daß Gott alles weiß und daß dennoch andere Entwürfe möglich sind – , darüber haben sich

die größten Philosophen und Theologen den Kopf zerbrochen.

Irgendwo endet da unsere Möglichkeit, weil wir eben nicht selber Gott sind und unser Horizont letztlich doch außerordentlich beschränkt ist.

Aber ich denke, wir können das Unmittelbare verstehen: Gott

behält die Geschichte in der Hand, behält mich in der Hand, aber

55

 

er läßt mir die Freiheit, wirklich selber ein Liebender zu werden –oder der Liebe abzusagen. Insofern hat Gott meinen Code nicht

invariabel kodifiziert, sondern hat in ihn die Variationsmöglichkeit mit eingetragen, die wir Freiheit nennen.

Sind Wunder Wirklichkeit?

Wunder gelten im Glauben als jederzeit möglich, und bereits den Aposteln wurde zu Lebzeiten viel Geld angeboten, wenn sie das

Geheimnis ihrer Wunderkraft verrieten.

Es gibt eine ganze Menge provozierender Zeugnisse des Unerklärlichen, die die einen zum Spott, die anderen zur Ehrfurcht bewegen. In der großen Basilika von Padua zum Beispiel kann

man in einem Schrein die Zunge des heiligen Antonius sehen, der ja ein großer Prediger gewesen sein soll. In Nevers bei Lourdes ist der Körper der Bernadette und in Lisieux derjenige der hl. Therese aufgebahrt, beide sind völlig unversehrt. Und sie werden auch nicht chemisch behandelt, wie das die Kommunisten mit ihrem

heiligen Lenin taten. Wie ist das möglich? Wenn wir jetzt Gott selber fragen könnten, was würde er zu diesen Wundern sagen?

Auszudrücken, was Gott selber sagen würde, maße ich mir natürlich nicht an. Aber die Frage des Wunders stellt sich, und es gehört in der Tat zum christlichen Glauben, daß Gott in der Welt Macht

hat und wirklich etwas tun kann.

Inwieweit dabei die Naturgesetze überschritten werden müssen,

oder ob diese bereits in sich selber die Varianten impliziert haben, die Gott gleichsam ausnutzen kann, das ist nicht die primäre

Frage. Wir sehen heute ja auch immer deutlicher, daß wir die

Naturgesetze nur als Anwendungsregeln kennen. Was in der Natur

selber ist, welche Spannweite die Naturgesetze haben, können wir

letzten Endes nicht definieren. Wichtig ist zu sehen, daß Gott

56

 

nicht, nachdem der die Schöpfung gemacht hat, abgetreten ist.

Abgetreten in dem Sinne: So, jetzt kann der Apparat nur noch so

ablaufen, wie er ein für allemal eingestellt wurde. Nein, Gott kann etwas machen. Er ist weiterhin der Schöpfer und hat daher auch

immer die Eingriffsmöglichkeit.

Ist denn jeder Eingriff schon ein Wunder?

Man darf das nicht in eine abergläubische Wunderidee umsetzen,

so, als ob man Wunder herbeirufen könnte. Man darf nicht billige

Rezepturen daraus machen. Aber man darf eben auch nicht rationalistisch besserwisserisch sein und Gott vorschreiben wollen, was er überhaupt tun kann.

Ich habe zu dieser Sache eine sehr interessante Bemerkung gelesen.

Sie stammt aus einem Buch über den evangelischen Theologen

Adolf Schlatter, der ein sehr gläubiger Mann war. Schlatter wurde nach Berlin gerufen, als Adolf von Harnack, der große liberale

Theologe, hier lehrte. Die evangelische Kirche wollte damit den

Liberalismus von Harnack ein wenig ausgleichen.

Harnack war ein wirklich nobler Mensch. Er hat, obwohl die Berufung ja ein Hieb gegen ihn war, diesen Schlatter sehr positiv aufgenommen und gesagt, das muß es eben auch geben, wir werden uns schon verstehen. Und sie haben auch gut zusammengearbeitet.

Irgendwann einmal, bei einer Sitzung, einem Gespräch, als jemand

auf die Gegensätze der beiden Theologen anspielte, sagte Harnack: Uns zwei, den Herrn Schlatter und mich, trennt eigentlich nur die Wunderfrage. Worauf Schlatter sofort dazwischenschrie: Nein, die

Gottesfrage! Denn in der Wunderfrage stellt sich die Gottesfrage.

Wer die Wunder nicht anerkennt, hat ein anderes Gottesbild.

Ich denke, damit ist genau der Nagel auf den Kopf getroffen. Es

geht nicht darum, ob man dieses oder jenes außergewöhnliche Geschehen als Wunder anerkennen kann oder nicht. Es geht darum, daß Gott Gott bleibt. Und daß er auf die Weise, die er will und

57

 

für die die Welt gut ist, wenn er es will, auch weiterhin als der Schöpfer und Herr sich in der Welt zu erkennen geben kann.

Johannes Paul II. meinte einmal: »Wenn man sich mit Gott beschäftigt, kann man von dem Licht empfangen, das einem die Wege des Herrn aufzeigt und damit etwas vom Plan Gottes enthüllt.« Heißt das, daß man mit dem Glauben sogar in die Zukunft sehen kann?

In der Tat können wir etwas von dem Plan Gottes erkennen. Diese

Erkenntnis reicht über das individuelle Schicksal meiner Person

und meines Weges hinaus. Wir können damit auch im Rückblick

auf das Große der Geschichte sehen, daß hier nicht etwas zufällig dahintreibt, sondern ein Weg enthalten ist und ein Ziel angesteuert wurde. In dem scheinbar so zufälligen Geschehen können wir eine

innere Vernunft, die Vernunft Gottes kennenlernen.

Wenn wir damit auch nicht voraussagen können, was dann und

dann geschehen wird, so kann doch eine bestimmte Wachheit

für die Gefahren entstehen, die in bestimmten Dingen liegen –

und umgekehrt für die Hoffnungen, die in anderen Dingen liegen. Es entsteht ein Sinn für die Zukunft, indem ich sehe, was auf der einen Seite Zukunft zerstört – weil es der inneren Logik

des Weges entgegengesetzt ist – , und was auf der anderen Seite

weiterführt – weil es positiv Türen öffnet und dem inneren Plan

des Ganzen entspricht. Insofern entsteht die Fähigkeit, Zukunft

zu diagnostizieren.

So ist es ja auch bei den Propheten. Die sind ja nicht als Wahrsager zu verstehen, sondern als Stimmen, die von Gott her die Zeit

erkennen und dadurch warnen können vor dem, was zerstörerisch

ist – und andererseits anzeigen, wo der Weg ist, der richtig führt.

Wenn Jesus Christus Gottes Sohn und Gott selbst ist, allmächtig und allwissend, dann müßte man vielleicht auch sagen können:

58

 

Ja, er hat mich, mich ganz persönlich, zu jener Stunde vor 2.000

Jahren, als er gemartert am Kreuz hing, bereits gekannt. Er hat sogar, durch seine göttliche Vorsehung, meinen Namen schon

gekannt.

Im Galater-Brief sagt Paulus einmal: »Er hat mich gekannt und

sich für mich hingegeben.« Rein empirisch hatte er natürlich Paulus nicht gekannt. Aber Paulus wußte doch, da er vom Auferstandenen angerufen worden war, daß der Blick des Herrn auch zu ihm hingegangen ist.

Wir sollten nicht versuchen uns vorzustellen, wie Christus nun als Mensch die Unendlichkeit der Personen in der Geschichte über-blicken konnte, aber daß er letzten Endes in diesem Augenblick der Ölberg-Angst, in diesem Augenblick des Ja zum Kreuz, uns im

Blick hatte, daß er auch mich gekannt hat, das kann man sagen.

Dieser Akt enthält ja den Liebesentschluß, der in der Ewigkeit ge-faßt ist und der in das zeitliche Leben Christi durchschlägt und es bestimmt. Damit weiß ich, ich bin nicht nur irgendein Nachgeborener, einfach einer, der außerhalb des Lichtkegels steht, sondern es gibt eine persönliche Beziehung zu mir, die im Akt der Hingabe Christi ihre innerste Verankerung hat.

Gott ja – Kirche nein?

Das griechische Wort Kirche bedeutet im ursprünglichen Sinn:

»Die dem Herrn Gehörende«. Heißt das, die Kirche gehört Gott

selbst?

Ganz genau. Ekklesia heißt herausrufen, die Herausgerufene. Das Wort meint in seiner technischen Bedeutung »die Versammlung«,

wobei man im griechischen Raum an die Volksversammlung der

damaligen Demokratien dachte. Im christlichen Sprachgebrauch

59

 

aber mißt es sich an der Sinai-Versammlung, der Volksversammlung Israels. Insofern bedeutet es »die von Gott Zusammengerufe-nen«, jene, die bei ihm versammelt sind, die Gott zugehören und wissen, daß er unter ihnen ist.

Dahinter steckt, wie Sie sagen, daß die Kirche durch die Zueig-nung der besondere Eigenbesitz Gottes in der Welt ist, etwas, was ihm in besonderer Weise gehört, der lebendige Tempel. Die

Christen haben ja sehr Ernst gemacht mit der Überzeugung, daß

Gott nicht im Stein wohnt, sondern lebendig ist. Der eigentliche

Tempel sind demnach die Menschen, in denen er wohnt und die

ihm gehören. Auch das Wort Volk Gottes bedeutet, in besonderer Weise Gott zugeeignet zu sein – und dann auch aus diesem Eigentumsverhältnis heraus zu leben.

In der 2.000jährigen Geschichte des Christentums hat sich die

Kirche immer wieder gespalten. Inzwischen gibt es rund 300 unterschiedliche protestantische, orthodoxe oder andere christliche Kirchen. Die Zahl der christlich-baptistischen Gemeinden in den USA geht weit über tausend. Auf der anderen Seite dieses Flus-ses steht noch immer die eine römisch-katholische Kirche mit ihrem Papst an der Spitze, die von sich behauptet, sie sei die einzig wahre Kirche. Sie ist jedenfalls, trotz aller Krisen, tatsächlich die weltumfassendste, bedeutendste und erfolgreichste Kirche der Welt geblieben, mit heute so vielen Anhängern wie nie zuvor in ihrer Geschichte.

Ich denke, wir sollten im Geist des Vatikanums daraus zunächst

keinen Triumph unserer Tüchtigkeit als Katholiken machen und

die nach wie vor große institutionelle und zahlenmäßige Stär-ke nicht mißbrauchen. Wenn wir es als unsere Leistung und als unseren Besitz verbuchten, würden wir bereits aus dieser Gott-Zugehörigkeit herausfallen und uns zu einem eigenen Verein mit einer eigenen Macht erheben. Und das kann dann sehr schnell

60

 

schiefgehen. Eine Kirche kann in einem Land große institutionelle Macht haben, wenn dahinter aber der Glaube wegbricht, bricht

sehr bald auch das Institutionelle zusammen.

Vielleicht kennen Sie diese mittelalterliche Geschichte von einem Juden, der an den päpstlichen Hof reiste und katholisch wurde.

Als er zurückkommt, fragt ihn ein Kenner des päpstlichen Hofes:

»Hast du überhaupt wahrgenommen, was da alles vor sich geht?«

»Ja,« sagt er, »freilich, alles, die ganzen skandalösen Dinge, ich habe alles gesehen.« »Und du bist trotzdem katholisch geworden?«, meint der andere: »Das ist doch der völlige Widersinn!«

Da sagt der Jude: »Gerade deswegen bin ich katholisch geworden.

Denn wenn die Kirche trotzdem weiterbesteht, dann muß wirklich

jemand anders sie halten.« Und in einer anderen Geschichte heißt

es, Napoleon habe einmal gesagt, er werde die Kirche vernichten. Darauf hat ihm ein Kardinal geantwortet: »Das haben nicht einmal wir fertiggebracht.«

Ich glaube, in diesen Paradoxen kommt etwas sehr Wichtiges zum

Vorschein. Es hat in der Tat an menschlichen Unmöglichkeiten in

der katholischen Kirche nie gefehlt. Daß sie aber nun trotzdem

zusammenhält, wenn auch unter Ächzen und Stöhnen, aber daß

sie eben noch immer existiert, daß sie große Märtyrer und große

Gläubige hervorbringt, Menschen, die ihr Leben zur Verfügung

stellen, als Missionare, als Krankenschwestern, als Erzieherinnen, das zeigt wirklich, daß da ein anderer da ist, von dem sie gehalten wird.

Wir können also die Erfolge der Kirche nicht als unser Verdienst

verbuchen, aber mit dem Zweiten Vatikanum dürfen wir dennoch

sagen – auch wenn in anderen Kirchen und Gemeinschaften viel

Lebendiges vom Herrn her da ist – , daß die Kirche als Subjekt im eigentlichen Sinn eben in diesem Subjekt gegenwärtig und erhalten ist. Und nur dadurch, daß er gibt, was Menschen nicht tun können, erklärt sich das.

61

 

Guardini hat den Sinn der Kirche einmal so beschrieben: »Sie

muß den Menschen die letzten Wahrheiten, das endgültige Bild

der Vollkommenheit, die tiefsten Richtlinien der Wertung unverrückbar entgegenhalten und darf sich durch keine Leidenschaft, durch keine Schwankung des Gefühls, durch keine Kniffe der

Selbstsucht irre machen lassen.« Ein hoher Anspruch.

Ja, der aber doch richtig ist. Selbst wenn er hier steil formuliert ist.

Guardini, der ein so großer Verstehender war, hat es geliebt, den Anspruch groß hinzustellen, und das ist auch wichtig. Wir dürfen

die Größe des Anspruchs nicht in Kompromißformeln ertränken

und allmählich zum Verschwinden bringen. Die Kirche kann nicht

nach dem Motto vorgehen: Was kriegen wir fertig, was nicht? Sie

ist nicht dazu da, möglichst erträgliche Kompromißformeln zu

finden, sondern unverfälscht die ganze Größe von Gottes Wort

und Willen hinzuhalten – auch immer wieder gegen sich selber

und gegen die eigenen Verkünder.

Mich beeindruckt immer wieder, was der heilige Paulus in seiner Abschiedsrede an die Priester von Ephesus sagte (er wußte dabei schon, daß ihn in Jerusalem die Gefangenschaft erwarten

würde). Ich habe euch, so erklärte er, den ganzen Willen Gottes kundgetan. Ich habe euch nichts vorenthalten oder versucht, es

bequemer zu machen. Ich habe auch nicht versucht, euch meine

eigene Formel zu geben, sondern ich habe euch den ganzen Willen

Gottes verkündet! Und dazu in der Tat ist die Kirche da.

Vermutlich ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, aus der Kirche auszutreten. Gibt es nichts, was sie an der Kirche ärgert oder sogar irritiert?

Aus der Kirche auszutreten, wäre mir tatsächlich nie in den Sinn

gekommen, dazu ist sie wirklich viel zu sehr meine innerste Heimat. Ich bin von Geburt an mit ihr so verschmolzen, daß ich mich ohne sie gewissermaßen zerschneiden, ja zerstören würde.

62

 

Natürlich gibt es dann aber im großen und im kleinen immer wieder Dinge, über die man sich ärgert. Das beginnt in der Ortskirche und kann hinaufgehen bis in den Raum der Gesamtregierung der

Kirche, in dem ich jetzt zu arbeiten habe. Immer sind Menschen

da, und insofern sind auch immer ärgerliche Dinge da. Aber man

tritt ja auch aus einer Familie nicht aus, wenn man sich ärgert;

vor allen Dingen dann nicht, wenn die Liebe, die einen aneinan-derbindet, stärker ist; wenn sie die Urkraft ist, die einen im Leben trägt.

Und so ist es auch mit der Kirche. Auch hier weiß ich, daß ich

nicht wegen diesem oder jenem da bin, ich weiß auch, daß es so-undsoviele geschichtliche Fehlgriffe gegeben hat, daß es faktische Ärgerlichkeiten geben kann. Aber ich weiß auch, daß all diese Dinge das Eigentliche an dieser Kirche nicht aufheben können. Aus dem einfachen Grunde, weil das von ganz woanders herkommt –und sich auch immer wieder neu zur Geltung bringen wird.

Joseph Roth schreibt in seinem Roman »Radetzkymarsch«: »Die

römische Kirche ist in dieser morschen Welt noch die einzige Form-geberin, Formerhalterin. Ja, man kann sagen, Formspenderin …

Indem sie Sünden statuiert, vergibt sie bereits diese Sünden. Sie gestattet geradezu keine fehlerlosen Menschen: dies ist das emi-nent Menschliche an ihr … Dadurch bezeugt die römische Kirche ihre vornehmste Tendenz, zu verzeihen, zu vergeben.« Ist denn

die Kirche ihrem Wesen nach eine Kirche der Sünder?

Ganz evident! Wir haben gerade gesehen, daß die Kirche trotz

der Sünder von Gott gehalten wird. In dem Zitat kommt zum

einen eine bestimmte Sehweise der Kirche zum Vorschein, die sie

rein aus profanen Erwägungen für gut und nützlich hält. Daß

die Kirche eine Form gibt, daß sie eine Gestalt festhält, daß sie nicht ins Unbestimmte verschwimmt, daß sie den Willen Gottes

sagen kann, ist etwas ganz Wesentliches. Wenn man sie allerdings

63

 

bloß aus ihrer historischen Größe versteht, stellt man Gott in den Dienst für menschliche Zwecke. Dann tritt genau das ein, daß

man zwar eine Religion irgendwie haben will, Gott selber aber

nur noch als eine Hilfskonstruktion betrachtet, um den Menschen

beieinanderzuhalten und an sich zu binden.

Ich würde zum anderen das Wort kritisieren, die katholische Kirche statuiert Sünden und vergibt sie dann auch gleich wieder. Die Kirche erfindet die Sünden natürlich nicht, sondern sie erkennt

den Willen Gottes und muß ihn sagen. Das Große dieses Zitates

ist freilich, daß die Kirche, die den Willen Gottes in seiner Größe, in seiner Unbedingtheit und Strenge sagen muß, damit der Mensch

sein Maß kennt, zugleich auch mit dem Auftrag der Vergebung

begnadet ist.

In der Tat kann die Kirche den Menschen sagen: Wer ganz allein aus sich selbst heraus recht sein will, wer glaubt, so sein zu können, daß er Vergebung nicht braucht, der verfehlt sich. Dann

entsteht eine Arroganz, ein Hochmut der Selbsttüchtigkeit und

der Selbsterbauung, der letzten Endes unmenschlich ist.

Es geht eben darum, diesen Stolz gar nicht haben zu müssen. Ich

muß ja auch gar nicht fertigbringen, auf Vergebung verzichten zu

können. Im Gegenteil, wenn ich versuche, in den Willen Gottes

hineinzuleben, ihn mit meinem zu identifizieren, weiß ich auch,

daß ich immer Vergebung erhalte. Ich bin ein Wesen, das die

Demut hat, zu akzeptieren, daß ich Vergebung brauche. In dieser Hinsicht sind Demut und Vertrauen das, was den Menschen wirklich menschlich macht.

»Gott ja, Kirche nein« ist ein geläufiges Schlagwort geworden. Der heilige Cyprian, Bischof von Karthago (200–258), sagte zu dieser Frage: »Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil«, denn »wer die Kirche nicht zur Mutter hat, kann Gott nicht zum Vater haben.«

Gilt das auch heute noch?

64

 

Das gilt nicht in dem Sinn, als ob nun alle Nicht-Christen zur

Hölle verurteilt wären. Aber es bedeutet, daß man irgendwie die

Mutter braucht, auch wenn man sie nicht kennt; die Gemeinschaft,

die einen in den Glauben gebiert und die einen zu Gott hinhält.

Cyprian spricht von dem Zusammenhang zwischen Gott und

Kirche im Kontext der Verfolgung. Er meint Leute, die aus Furcht

vor dem Martyrium aus der Kirche weggehen und glauben, sie

würden aber natürlich schon an Christus und an Gott festhalten.

Ihnen sagt er, wer die lebendige Gemeinschaft, den lebendigen

Körper verläßt, der steigt aus der Arche Noach aus und geht in der Flut unter. In diesem Sinn zeigt er die Untrennbarkeit zwischen

Glaube an Christus und Kirche.

Ich kann eben Christus nicht zum Privatbesitz machen und ihn

für mich alleine haben wollen. Zu Christus gehört gewissermaßen

auch die Unbequemlichkeit seiner Familie. Der Glaube ist in dieses Wir hineingeschenkt, anders ist er nicht da. Cyprian hat keine

Theorie darüber erfunden, was Gott mit jenen tun wird, die die

Kirche nicht kannten. Auch der heilige Paulus, der so sehr auf die Kirche insistiert, sagt, wir müssen uns innerhalb der Kirche richtig verhalten, was Gott mit denen draußen tun wird, das wird er tun, die wird er richten. Also auch Paulus entwickelt keine Theorie darüber, wie Gott nun mit den andern zu Rande kommt. Aber er

sagt uns, wem Christus zu Gesicht gekommen ist, der kann ihn

nicht von der Kirche ablösen, er muß ihn in ihr leben.

Die Frage ist über zweitausend Jahre hinweg sehr aktuell geblieben.

Vielleicht darf ich noch ein Wort hinzufügen: Heute hat sich die

Lage noch ein bißchen weiter verändert. Johann Baptist Metz hat

einmal gesagt, heute gelte die Formel: Gott nein, Religion ja. Man möchte irgendwelche Religion haben, esoterisch oder wie und was

auch immer. Einen persönlichen Gott aber, der redet, der mich

65

 

kennt, der etwas Bestimmtes gesagt hat und mit einem bestimmten

Anspruch an mich herantritt und mich auch richten wird, den will

man nicht. Das Phänomen ist, daß sich die Religion von Gott

ablöst. Man will zwar dieses Gefühl des ganz anderen, dieses

Besondere des Religiösen, nicht ganz entbehren und in vielfältigen Formen haben. Dieses wird aber letztendlich unverbindlich, wenn

nicht auch ein Wille Gottes, wenn Gott nicht da ist. Insofern

befinden wir uns weniger in einer Religionskrise – Religionen

wuchern regelrecht – als in einer Gotteskrise.

Ich wollte heute morgen zu der Messe der Mönche in die Kirche

von Montecassino. Ich war spät dran und hatte es sehr eilig. Aber zu meinem Unglück war nirgendwo jemand zu sehen, der mir

hätte helfen können. Ich irrte wie ein Blinder in diesem Kloster, das so groß ist wie eine Stadt, herum, fast fluchend, konnte aber diesen verflixten Weg einfach nicht finden. Da waren unzählige Türen, an die ich klopfte, aber alle führten irgendwo ins Leere, jedenfalls nicht zu dem Ziel, das ich so verzweifelt gesucht hatte.

Kann man den Weg zu Gott, zur Kirche, überhaupt alleine finden?

Ganz alleine sicher nicht. Es gehört geradezu zum Wesen des

Christlichen – und ist eigentlich in dem Begriff Kirche enthalten – , daß unser Verhältnis zu Gott nicht ein bloß innerliches ist, eines aus meinem Ich und seinem Du gemachtes, sondern auch ein

Angeredetwerden, ein Geführtwerden. Zu jedem Bekehrungsweg

gehört auch Begegnung. Die Kirche ist dazu da, daß in ihr die

Menschen sind, die ihrerseits gesucht und dann die Tür gefunden

haben. Unter den verschiedenen Temperamenten gibt es dann

immer auch jemanden, der zu mir paßt und für mich das richtige

Wort hat.

Wir sind als Menschen dazu da, daß Gott durch Menschen zu

Menschen kommt. Er kommt immer durch Menschen zu Menschen. So kommen auch wir durch Menschen zu ihm, die von 66

 

ihm geführt werden, in denen er selber uns begegnet und uns zu

ihm aufschließt. Wenn wir uns einfach durch Lektüre der Heiligen Schrift selber hinaufheben könnten bis ins Letzte, wäre das dann doch eher eine philosophische Bewegung, die dieses Gemein-schaftselement nicht in sich hat, das zum Glauben ganz wesentlich dazugehört.

Vom heiligen Laurentius verlangte der Kaiser in Rom, er solle die Schätze der Kirche abliefern. Kurze Zeit später trat Laurentius, der dafür den Märtyrertod starb, vor den Imperator und zeigte

ihm das Heer der Armen der Stadt mit folgenden Worten: »Das

ist der größte Schatz der Kirche.«

Die Heilige Schrift sagt uns ja, daß Christus aus den Armen Israels gekommen ist. Seine Mutter bringt am 40. Tag nach der Geburt das Armenopfer dar und läßt uns sehen, daß gerade unter

diesen einfachen Menschen der innere Blick offengeblieben war.

Sie hatten sich nicht durch tausend Unterscheidungen den Blick

aufs Ganze verstellt, sondern bewahrten eine innere Einfachheit,

Lauterkeit, Wahrhaftigkeit und Güte, die sehen kann.

Natürlich braucht die Kirche unbedingt auch die Intellektuellen.

Sie braucht Menschen, welche die Kraft ihres Geistes zur Verfügung stellen. Sie braucht auch großzügige, reiche Menschen, die

den Reichtum in den Dienst des Guten stellen wollen. Aber sie lebt gerade immer auch von dem großen Grund jener Menschen, die

demütig Glaubende sind. In diesem Sinn ist tatsächlich die Schar

derer, die Liebe brauchen und Liebe geben, ihr eigentlicher Schatz: einfache Menschen, die der Wahrheit fähig sind, weil sie Kinder

geblieben sind, wie der Herr sagt. Sie haben sich durch die Peri-odengänge der Geschichte hindurch den Blick für das Wesentliche bewahrt und erhalten in der Kirche den Geist der Demut und der

Liebe.

Mit dem Kommen Christi, so die Lehre, hat nun bereits eine »End-67

 

zeit« begonnen. Es sei damit die »Zeit der Kirche« angebrochen, und sie werde dauern bis zur Wiederkunft des Herrn. Wie ist

das gemeint? Hängt mit anderen Worten das Wohl und Wehe

dieser Erde und ihrer Menschen mit dem Wohl und Wehe der

katholischen Kirche zusammen? Oder noch spitzer formuliert:

Hätte Gott ohne die Kirche, ohne ihr Beten und Mühen, die Welt womöglich schon längst untergehen lassen?

Was Gott getan hätte und tun könnte, wollen wir vielleicht lieber offenlassen. Aber daß die katholische Kirche in der Bewegung der

Geschichte eine ganz grundlegende Aufgabe hat, das ist, glaube

ich, schon rein empirisch offenkundig. Würde ihr Glaube zusammenbrechen und sie sich sozusagen für bankrott erklären und sagen, wir haben uns geirrt, dann würde in der Tat ein Bruch

durch die ganze Geschichte und durch die Menschheit hindurchgehen, dessen Auswirkungen man sich gar nicht vorstellen könnte.

Wir haben bereits gesehen, wie die nachkonziliare Krise die große Krise von ’68 vielleicht nicht ausgelöst, aber auf sie zweifellos als ein ungeheurer Verstärker gewirkt hat. Aus ihrer Dramatik ist sie jedenfalls nicht wegzudenken. Und das ist jetzt nur das, was man

sozusagen sichtbar greifen kann. Sie haben mit Recht von den

tieferen Dingen gesprochen, der Kraft des Betens, des Glaubens,

des Liebens. Durch sie wird Gott in die Welt hereingeholt, damit

sich in der Menschheit etwas von seinem Licht ausbreitet. Wenn

diese Kraft verschwinden würde, wäre es eine Katastrophe für die

Geschichte.

68