»Glaube und Vernunft sind die beiden Flügel, mit denen sich der
Mensch zur Betrachtung der Wahrheit erhebt«, sagt Papst Johannes Paul II. zu Beginn seiner Enzyklika Fides et ratio. Wenn er von »Betrachtung der Wahrheit« spricht, so denkt er dabei an die
großen Grundfragen der Menschheit, die in allen Kulturen und in
jeder Geschichtsperiode gleichermaßen gestellt werden, weil sie
aus dem Herzen eines jeden Menschen aufsteigen. Er benennt sie
so: »Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Warum
gibt es das Böse? Was wird nach diesem Leben sein?« Heute breitet sich immer mehr eine Kapitulation gegenüber der Frage nach den grundlegenden Wahrheiten des Menschseins aus. Sie scheinen
zu hoch für den Menschen; man sagt, heute könne es nicht mehr
um Orthodoxie – um rechten Glauben, rechtes Erkennen – gehen,
denn der Glaube trenne und wirke Intoleranz; es müsse einfach
um rechtes Handeln – um Orthopraxie – gehen, denn das Handeln
vereine. Der Trugschluß, der darin liegt, ist offenkundig: Wie soll man recht handeln können, wenn man nicht erkennen kann, was
recht ist? Wie kann es rechte Praxis ohne rechte Erkenntnis geben? Der Marxismus war auf den Verzicht auf Wahrheit und auf den Vorrang der Praxis aufgebaut (die Welt nicht betrachten, sondern verändern, hieß es) – wohin das führt, haben wir inzwischen gesehen.
Der »Flug« zur Betrachtung der Wahrheit muß versucht werden, weil der Mensch Wahrheit über das Wesentliche seines Seins braucht, wenn er recht leben und wenn er wahrhaft Frieden, ein
rechtes Miteinander finden möchte. Vielleicht gelingt der Flug gerade deshalb nicht mehr, weil man den einen Flügel, den Glauben, weggebrochen hat und der andere Flügel – die Vernunft – zwar viel erreichen, aber den Aufstieg zu den tragenden Erkenntnissen des
Menschseins allein eben doch nicht bewirken kann. Mir kommt
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dabei ein Wort eines der ganz großen Theologen der alten Kirche,
Origenes (gestorben um 254), in den Sinn, das so lautet: »Es gibt eine gewisse Schwerhörigkeit, welche der Menschenseele schadet … Die Sünde wird von der Schrift schwer genannt. Darum sprach einer, der seine Sünde spürte: ›Wie ein schweres Gewicht
lasten sie auf mir.‹ … Was ist es, das das Gehör nicht schwer, sondern leicht macht? Die Flügel des Wortes (Logos), die Flügel
der Tugend … « (in Isaiam homilae 6,6). Der Ausdruck »Logos«
bedeutet die ewige Vernunft, den Sohn Gottes, der in Christus
Mensch geworden ist. Diese ewige Vernunft, die in Christus zu
uns spricht, nimmt uns durch ihr Wort mit auf, wird zum Flügel
und hebt uns empor.
Was hat dies alles mit dem vorliegenden Buch zu tun? Nun, der
Journalist Peter Seewald, der als suchender Agnostiker im Dialog
mit mir das Buch Salz der Erde geschaffen hatte, war inzwischen zur katholischen Kirche zurückgekehrt, der er in seiner Jugend
angehört hatte und wollte nun mit mir ein Gespräch über die Dinge des Glaubens führen – nicht mehr von außen an den Glauben heran fragen, wie es im Salz der Erde geschehen war, sondern als Glaubender nach Verstehen des Glaubens suchen: fides quae-rens intellectum, der Glaube auf der Suche nach Einsicht, hatte Augustinus formuliert. Darum ging es. Auch dem glaubenden
Menschen von heute ist der Glaube im Kontext unseres modernen
Denkens weithin dunkel, wie ein erratischer Block, der sich nicht in unsere Weltsicht einordnen läßt. Wir wollten ein wenig mit
den beiden Flügeln zu fliegen versuchen, sehen, wie Glaube und
Vernunft auch heute zusammengehen, da sie doch beide von dem
einen Logos, der ewigen Vernunft stammen, die uns den Glauben
schenkt und von der unsere Vernunft ein Abglanz ist. So entstand
in dem Gespräch eine Art Einführung in das Christentum oder,
wenn man so will, eine Art Katechismus, aus den Fragen unserer Zeit und den Antworten zusammengesetzt, die die gläubige Vernunft in allen Unzulänglichkeiten auch heute finden kann.
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Als Ort hatte Seewald das Mutterkloster des Benediktinerordens,
Monte Cassino, ausgesucht, mit dem der heilige Benedikt dem
abendländischen Mönchtum seine Mitte und seine bleibende Form
gegeben hat. Über diesen besonderen Ort hat uns Papst Gregor der
Große (gestorben 604) eine eigentümliche Geschichte aufbewahrt.
Der heilige Benedikt habe eines Nachts in einem Turm des Klosters Nachtwache gehalten, sei dort auf einer geraden Stiege bis zur
höchsten Höhe gestiegen und habe in dunkler Nacht am Fenster
stehend zum allmächtigen Gott gebetet. Während er hinausblickte,
sei ihm ein Licht erschienen, das die Helligkeit des Tages übertraf.
Dabei ereignete sich etwas ganz Wunderbares: Die ganze Welt
wurde ihm vor Augen geführt, wie in einem einzigen Sonnenstrahl
gesammelt. Auf die erstaunte Frage des dem Papst befreundeten
Diakons Petrus, wie denn ein Mensch die ganze Schöpfung sehen
könne, für die seine Seele doch zu eng sei, antwortete der Papst: Wenn Benedikt die ganze Welt als eine Einheit vor sich sah, so wurden nicht Himmel und Erde eng, sondern die Seele des Schauenden weit … (Dialoge II, 35,7). Nun, so hoch wie Benedikt konnten
wir innerlich nicht steigen, und unsere Seele wurde nicht so weit, daß wir im Licht Gottes mit unserem Blick das ganze All hätten
umfassen können. Aber immerhin, einen inneren Aufstieg, eine
Weitung der Seele haben wir versucht, um einen Funken Licht
zu empfangen und ein wenig mehr, als es der Alltag erlaubt, von
Gottes Geheimnis, von unserer Bestimmung und unserem Ziel
zu verstehen. Ich hoffe, daß dieses Buch mit all seinen Unzulänglichkeiten den Lesern zu einer Weitung der Seele helfen, zu einem tieferen Verständnis des Glaubens und damit unserer selbst wie
unserer Welt im Licht Gottes beizutragen vermag.
Rom, am Fest der Cathedra Petri (22. Februar) 2002
Joseph Kardinal Ratzinger
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