Die Landnahme einer Neuen Welt
54
LANDNAHME EINER NEUEN WELT
l. Die ersten globalen Linien: Von der Raya über die Amity Line zur Linie der Westlichen Hemisphä re
Kaum war die Gestalt der Erde als eines wirklichen Globus aufgetaucht, nicht nur mythisch geahnt, sondern als wissenschaftliche Tatsache erfahrbar und als Raum praktisch meß bar, so erhob sich auch sofort ein vö llig neues, bis dahin unvorstellbares Problem: das einer vö lkerrechtlichen Raumordnung des gesamten Erdenballes. Das neue globale Raumbild erforderte eine neue globale Raumordnung. Das ist die Lage, die mit der Umseglung der Erde und den groß en Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts beginnt. Damit beginnt zugleich die Epoche des neuzeitlichen europäischen Vö lkerrechts, die erst im 20. Jahrhundert enden sollte.
Sofort nach der Entdeckung der Neuen Welt setzt auch der Kampf um die Land-und die Seenahme dieser neuen Welt ein. Jetzt wird die Teilung und Einteilung der Erde in steigendem Maß e eine gemeinsame Angelegenheit der auf derselben Erde nebeneinander existierenden Menschen und Mächte. Jetzt werden Linien gezogen, um die ganze Erde zu teilen und einzuteilen. Solche Linien, von denen im folgenden gesprochen wird, sind die ersten Versuche und Bemühungen, für die Erde im Ganzen die Maß e und Abgrenzungen einer globalen Raumordnung aufzustellen. Sie fallen in das erste Stadium des neuen, planetarischen Raum-Bewuß tseins und sind begreiflicherweise ganz flächenhaft gedacht, im Sinne eines Oberflächenraumes, den sie mehr oder weniger rein geometrisch, more geometrico, einteilen.
Später, als das geschichtliche und wissenschaftliche Bewuß tsein der Menschen die ganze Erde, bis in die kartographischen und statistischen Einzelheiten hinein, in jedem Sinne des Wortes aufgenommen hatte, steigerte sich die praktisch-politische Notwendigkeit einer nicht nur geometrisch-flächenhaften Teilung, sondern inhalt-erfüllten Raumordnung dieser Erde.
Das europäische Vö lkerrecht der Zeit vom 16. bis zum 20. Jahrhundert betrachtete die christlichen Nationen Europas als die Schö pfer und Träger einer Ordnung, die für die ganze Erde galt. “Europäisch” bezeichnete damals den Normal-Status, der auch für den nichteuropäischen Teil der Erde maß geblich zu sein beanspruchte. Zivilisation war gleichbedeutend mit europäischer Zivilisation. In diesem Sinne war Europa immer noch die Mitte der Erde.
GLOBALES LINIENDENKEN
55
Freilich war dieses Europa dadurch, daß eine “neue Welt” erschien, in die Rolle der alten Welt versetzt worden. Der amerikanische Kontinent war nämlich wirklich eine vö llig neue Welt, denn selbst diejenigen Gelehrten und Kosmo-graphen des Altertums und des Mittelalters, die wuß ten, daß die Erde eine Kugel ist und Indien auf dem Wege nach Westen erreicht werden kann, hatten doch nichts von dem groß en Kontinent zwischen Europa und Ostasien geahnt.
Im Mittelalter hielten die christlichen Fürsten und Vö lker Europas Rom oder Jerusalem für die Mitte der Erde und sich selbst für einen Teil der alten Welt. Die Stimmung, daß die Weit alt und dem Untergang nahe ist, tritt ö fters auf; sie beherrscht z. B. einen Teil des Geschichtswerkes von Otto von Freising. Auch das gehö rt zu dem bereits erwähnten christlichen Geschichtsbild, das im Reich nur den Aufhalter des Anti-Christen, einen Katechon, sieht. Der gefährlichste Feind, der Islam, war damals nicht mehr neu. Im 15. Jahrhundert war er längst zu einem alten Feind geworden. Als nun im Jahre 1492 wirklich eine “Neue Welt” auftauchte, muß ten alle traditionellen Begriffe sowohl von einer Mitte wie auch vom Alter der Erde ihre Struktur verändern. Die europäischen Fürsten und Nationen sahen jetzt einen riesigen, bisher unbekannten, nichteuropäischen Raum neben sich auftauchen.
Aber das Wesentliche und für die folgenden Jahrhunderte Ausschlaggebende war, daß die auftauchende neue Welt nicht als ein neuer Feind erschien, sondern als ein freier Raum, als ein freies Feld europäischer Okkupation und Expansion. Das war zunächst für dreihundert Jahre lang eine ungeheuerliche Bestätigung Europas in seiner Position, sowohl als der Mitte der Erde, wie auch als eines alten Kontinents. Es war aber trotzdem von Anfang an zugleich eine Zerstö rung der bisherigen konkreten Begriffe von Mitte und Alter. Denn jetzt entstand der innereuropäische Kampf um diese neue Welt, aus dem eine neue Raumordnung mit neuen Einteilungen der Erde hervorging. Wenn eine alte Welt eine neue Welt neben sich auftauchen sieht, so ist sie offensichtlich schon eben dadurch dialektisch in Frage gestellt und nicht mehr im alten Sinne alt.
Die ersten Versuche, auf Grund der neuen umfassenden geographischen Vorstellung die Erde vö lkerrechtlich zu teilen, beginnen sofort nach 1492. Sie waren zugleich die ersten Anpassungen an das neue, planetarische Weltbild. Scheinbar waren sie allerdings zunächst nichts als ein derbes Zugreifen bei der riesigen Landnahme. Aber selbst dieses erste Zugreifen machte in dem Kampf, den die europäischen Landnehmer unter sich führten, gewisse Teilungen und Einteilungen notwendig. Diese entsprangen einer bestimmten Denkweise, die ich als globales Liniendenken kennzeichnen mö chte. Es ist das eine Denkweise, die einen bestimmten Abschnitt in der geschichtlichen Entwicklung des menschlichen Raumbewuß tseins darstellt und sofort mit der Entdeckung einer
56
LANDNAHME EINER NEUEN WELT
“Neuen Welt” und mit dem Beginn der “Neuzeit” einsetzt. Sie hielt mit der Entwicklung der geographischen Karten und des Globus fortwährend Schritt. Mit dem Wort global ist sowohl der erdumfassend-planetarische, wie auch der flächen-und oberflächenhafte Charakter dieser Denkweise bezeichnet, die auf der Gleichsetzung von Land-und Meeresfläche beruht. Hierfür scheint mir die Wortzusammensetzung “globales Liniendenken” passend und treffend. Sie ist jedenfalls anschaulicher und geschichtlich besser als andere Bezeichnungen, z. B. das von Friedrich Ratzel vorgeschlagene Wort “hologäisch”, auch besser als “planetarisch” oder ähnliche Benennungen, die nur das Ganze der Erde, nicht aber ihre eigentümliche Einteilungsweise treffen.
Die Frage ist von Anfang an politisch und läß t sich nicht als eine “rein geographische”
Angelegenheit abtun. Die reine Geographie und die bloß e Kartographie sind zwar, in ihrer Eigenschaft als naturwissenschaftliche, mathematische oder technische Wissenschaften und Methoden, etwas Neutrales. Aber sie liefern doch, wie jeder Geograph weiß , unmittelbar aktuelle und hochpolitische Anwendungs-und Verwertungsmö glichkeiten. Das wird im Folgenden besonders an dem Beispiel des Begriffs der “westlichen Hemisphäre” deutlich werden. Trotz jener Neutralität der geographischen Wissenschaft setzt daher sofort ein politischer Kampf um rein geographische Begriffe ein, ein Streit, der manchmal den pessimistischen Satz des Thomas Hobbes rechtfertigt, daß sogar arithmetische und geometrische Selbstverständlichkeiten problematisch werden, wenn sie in den Bereich des Politischen, d. h.
der akuten Freund-Feind-Unterscheidung geraten. Die Tatsache z. B., daß der Anfangsmeridian des heute meist noch üblichen kartographischen Gradnetzes der Erdkugel über Greenwich geht, ist weder etwas rein Objektiv-Neutrales noch etwas rein Zufälliges, sondern das Ergebnis einer Konkurrenz verschiedener Anfangsmeridiane. Die Franzosen, die zweihundert Jahre lang mit den Engländern einen Kampf um die See-und Weltherrschaft geführt haben, betrachteten seit dem 18. Jahrhundert den Meridian der Sternwarte von Paris als Anfangsmeridian. Sie haben ihren Widerstand gegen den Meridian von Greenwich erst im 20. Jahrhundert aufgegeben. Das Berliner astronomische Jahrbuch ist erst 1916 zum Greenwicher Meridian übergegangen. Es bedeutet also keine übertriebene Politisierung dieses scheinbar rein mathematisch-geographischen Problems, wenn wir auch in der Weltgeltung des Anfangsmeridians von Greenwich ein Symptom der damaligen englischen See-und Weltgeltung erblicken.
Kaum waren die ersten Karten und Globen hergestellt und dämmerten die ersten wissenschaftlichen Vorstellungen von der wirklichen Gestalt unseres Planeten und von einer neuen Welt im Westen, so wurden auch schon die
DIE RAYA
57
ersten globalen Teilungs-und Verteilungslinien gezogen. Am Anfang steht die berühmte, in dem Edikt des Papstes Alexander VI. Inter caetera divinae vom 4. Mai 1494, also wenige Monate nach der Entdeckung Amerikas gezogene Linie1. Sie verläuft vom Nordpol zum Südpol, 100 Meilen westlich des Meridians der Azoren und des Cap Verde. Die Ziffer von 100 Meilen erklärt sich juristisch daraus, daß Bartolus, Baldus und andere Rechtslehrer die Zone der Territorialgewässer mit zwei Tage-reisen annahmen. Auch hier zeigt sich, daß der spätere, für die vö lkerrechtliche Raumordnung von 1713 bis 1939 entscheidende Gegensatz von festem Land und freiem Meer diesen Teilungslinien noch ganz fremd war.
Der vom Papst gezogenen globalen Linie folgt unmittelbar die etwas nach Westen verlagerte, ungefähr durch die Mitte des Atlantischen Ozeans (370 Meilen westlich vom Cap Verde) gezogene Linie des spanisch-portugiesischen Teilungsvertrages von Tordesillas vom 7.
Juni 1494. Hier einigen sich die beiden katholischen Mächte darüber, daß alle neuentdeckten Gebiete westlich der Linie den Spaniern, ö stlich der Linie den Portugiesen zufallen. Man nannte das eine “particion del mär oceano” und ließ es durch den Papst Julius II. bestätigen. Auf der anderen Hälfte des Globus bildete sich die Molukken-Linie als Grenze heraus. Im Vertrag von Saragossa (1526) wird eine Raya durch den pazifischen Ozean gezogen und verläuft dort zunächst auf dem jetzigen 135. Meridian, geht also durch Ostsibirien, Japan und mitten durch Australien. Diese ersten globalen Teilungslinien sind allen Historikern, besonders natürlich der spanischen und portugiesischen Geschichtsschreibung, wohlbekannt; sie sind aber auch in der Vö lkerrechtslehre der letzten Jahre mit wachsendem Interesse erö rtert worden2. Ebenso sind die mit dem spanisch-franzö sischen Vertrag von
1 Die vorangehenden portugiesischspanischen Abgrenzungslinien haben noch keinen globalen Charakter. Auch die portugiesische Demarkationslinie von 1443, die 1455 vom Papst bestätigt wurde, ist noch keine globale Linie; sie ist eine “See-Barriere”, die den Portugiesen die Schiffahrt jenseits der Linie (über das Kap Bojador hinaus) vorbehalten soll; vgl. dazu den Text bei F. G. Davenport, Europaen treatings bearins; on the History of the United States and its Dependencies, Bd. I, Washington 1917, dort auch S. 84
f. der Vertrag von Tordesillas vom 7. Juni 1494 und der Durchführungsvertrag vom 7. Mai 1495; ferner Adolf Rein, Zur Geschichte der vö lkerrechtlichen Trennungslinie zwischen Amerika und Europa, Ibero-Amerikanisches Archiv (1930) S. 531 und E. Staedler, Zur Vorgeschichte der Raya von 1493 in der Ztschr.
f. Vö lkerrecht XXV (1941) S. 57 ff. Ebenso sind die päpstlichen Verleihungen an den portugiesischen Christusorden (Edikt Inter caetera vom 13. März 1456) noch nicht in unserem Sinne global, weil sie “usque ad Indos” reichen, Indien aber noch im Osten sehen.
2 Von deutscher Seite besonders die Aufsätze von E. Staedler in der Zeitschr. für Vö lkerrecht XXV
(1941) S. 57 über die westindische Raya von 1493; ferner sein Aufsatz über “Hugo Grotius über die Donatio Alexandri von 1493 und der Metellus-58
LANDNAHME EINER NEUEN WELT
Cateau Cambresis 1559 einsetzenden, unten näher zu erö rternden sogenannten Freundschaftslinien