21. UNVERSTANDLICHES

Gittin, Fol. 56a: “Abba Sikra, das Oberhaupt der Zeloten (Kriegs-partei) in Jerusalem, war ein Sohn der Schwester des Jochanan b.

Zakkaj, und dieser ließ ihm sagen: Komme heimlich zu mir. Als er kam, fragte jener: Wie lange wollt ihr es noch weiter treiben und alle uns durch Hunger töten? Dieser antwortete: Was soll ich tun? Wenn ich ihnen etwas rate, so töten sie mich. Darauf versetzte jener: Suche eine Modalität für mich, damit ich hinaus kann, um vielleicht etwas noch zu retten. Jener sprach: Stelle dich krank und lasse die Leute zu dir kommen; dann lege etwas Stinkendes neben dich, damit man glaube, du seiest gestorben. Jedoch mögen nur deine Schüler kommen und niemand anderer, damit man nicht merke, daß du leicht seiest, denn jene wissen, daß der Lebende leichter ist als der Tote. Er tat nun so. Da kam Eleazar von der einen und R. Jehoschua von der anderen Seite, ihn fortzutragen. Als sie ans Tor der Stadt kamen, wollten die Zeloten die Bahre durchstechen; Abba Sikra aber sprach zu ihnen: Die Feinde würden sagen: Sie stießen ihren Lehrer. Hierauf öffneten sie das Tor und R. Jochanan kam hinaus. Als er zu Vespasian kam, sprach er: Heil dir, o König! Heil dir, o König! Da versetzte dieser: Du hast dich zweifach des Todes schuldig gemacht. Erstens bin ich kein König und du nennst mich König; zweitens, wenn ich König bin, warum bist du bis jetzt nicht zu mir gekommen? R. Jochanan erwiderte: Freilich bist du ein König, denn wenn du kein König wärest, so würde Jerusalem nicht in deine Hand fallen, denn es heißt (Jes. 10, 34): ‘Und Lebanon wird durch einen Mächtigen fallen.’ Unter Mächtiger ist nur ein König zu verstehen, denn es

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heißt (Jerem. 30, 21): ‘Und ein Mächtiger wird aus ihm selber hervorgehen.’ Und unter Lebanon ist nur der Tempel zu verstehen, denn es heißt (5. Mos. 3, 25): ‘Dieser schöne Berg und der Lebanon.1

Du hast gefragt: warum ich bis jetzt nicht gekommen bin? Also die Zeloten ließen mich nicht. Vespasian versetzte: Wenn sich um ein Faß Honig eine Schlange gewickelt hätte, würde man das Faß (nämlich die Stadtmauer) wegen der Schlange nicht zerbrechen? R. Jochanan schwieg. R. Joseph (nach manchen R. Akiba) wandte ein, daß er doch zu ihm sagen hätte können: Man nimmt eine Zange, entfernt damit die Schlange, tötet sie und das Faß läßt man in Ruhe. Währenddessen kam zu ihm ein Befehlshaber aus Rom und rief: Auf! Der Kaiser ist gestorben und die Vornehmen (der Senat) haben dich zum Kaiser gewählt.”

Megillah, Fol. 16a: ‘“Und so tue (Haman) dem Mordekhaj.’ Haman ging und fand ihn unter den Rabbinern… Er wartete, bis Mordekhaj sein Gebet beendet hatte. Dann sprach er zu ihm: Womit befaßt ihr euch? - Als der Tempel bestand, pflegte derjenige, der ein Mehlopfer spendete, einen Haufen seines Mehls zu bringen, und er wurde entsündigt. Dieser sprach: Euer Haufen Mehl kam also und verdrängte meine zehntausend Silbertalente! Alsdann sprach jener: Ruchloser, wenn der Sklave Güter kauft, wem gehört der Sklave und wem gehören die Güter? Darauf sprach er: Stehe auf, ziehe deine Kleider an und setze dich auf dieses Roß, denn der König verlangt nach dir! Jener erwiderte: Ich kann nicht eher, als bis ich im Bad gewesen bin und das Haar abgenommen habe, denn es ist ja keine Art, sich in solch einem Zustand königlicher Gewänder zu bedienen. Daraufließ Esther alle Badediener und Barbiere verstecken. Alsdann brachte ihn Haman selbst ins Bad, zog ihm die Kleider ab, holte eine Schere aus seiner Wohnung und schnitt ihm das Haar. Während er ihm das Haar schnitt, stöhnte und seufzte er. Als ihn jener fragte, weshalb er stöhne, erwiderte er: Ein Mann, der beim König als Würdenträger 220

war, muß jetzt Badediener sein! Jener entgegnete: Warst du etwa nicht einst Barbier? Es wird gelehrt: Haman war 22 Jahre Barbier in Karzom (Krijanos). Als er ihm das Haar geschnitten hatte, zog er ihm die Kleider an und sprach zu ihm: Steige auf und reite! Jener erwiderte: Ich kann nicht, ich bin schwach vom Fasten. Da bückte er sich und jener stieg auf; beim Aufsteigen aber gab er ihm einen Fußtritt. Als er in die Straße kam, in der Haman wohnte, schaute seine Tochter zu, die auf der Altane stand, und da sie glaubte, der Reitende sei ihr Vater und Mordekhaj der Führende, nahm sie ein Abortbecken und warf es auf den Kopf ihres Vaters. Da erhob er seine Augen, und als sie sah, daß es ihr Vater war, stürzte sie sich von der Altane zur Erde und starb. ‘Und der König stand in seinem Zorn.’ Als er in den Garten kam, traf er Dienstengel, die ihm wie Menschen erschienen, und die Bäume des Gartens ausrissen und sagten, daß es Haman ihnen befohlen hat.”

 

Aboda zara, Fol. 10b: “Kaiser Antoninus hatte einen unterirdischen Gang errichtet, der von seiner Wohnung nach der Wohnung Rabbis führte und jeden Tag nahm er zwei Diener mit, von denen er einen an der Tür für Rabbis und den anderen an der Tür seines eigenen Hauses tötete; auch verabredete er mit ihm, daß, wenn er zu ihm kommt, kein Mensch bei ihm anwesend sein dürfe. Eines Tages traf er bei ihm R.

Chanina ben Chama an; da sprach er: Habe ich dir etwa nicht gesagt, daß, wenn ich zu dir komme, kein Mensch bei dir anwesend sein dürfe? Dieser erwiderte: Der ist kein Menschensohn. Da sprach er zu ihm: Gehe, sage dem Diener, der an der Tür schläft, daß er aufstehen und hereinkommen soll. Als R. Chanina hinausging, fand er ihn tot; da sprach er: Was mache ich nun? Soll ich mich umkehren und melden, daß er tot ist? Man darf ja keine schlechte Nachricht dem König bringen; soll ich ihn liegen lassen und fortgehen, so wäre es ja eine Geringschätzung des Königs. Da flehte er um Erbarmen und machte ihn lebendig und schickte ihn hinein. Daraufsprach der 221

König: Obgleich ich weiß, daß der Geringste unter euch Tote beleben könne, dennoch soll sich niemand bei dir einfinden, wenn ich zu dir komme. Jeden Tag pflegte er ihn zu bedienen; er reichte ihm Speis und Trank; als Rabbi sich zu Bett legen wollte, legte er sich vor das Bett hin und sprach zu ihm: Steige auf mich und lege dich ins Bett.

Dieser erwiderte: Es ist nicht schicklich, einen König soweit geringzuschätzen. Jener entgegnete: Daß ich doch in der zukünftigen Welt eine Unterlage für dich sein könnte! Dann hat Rabbi ihm versprochen, daß er allein von sämtlichen Königen der Welt in den Himmel kommen werde.”

Chagigah, Fol. 15a: “Acher sagte: Da ich aus jener Welt verdrängt worden bin, so will ich von dieser Welt genießen. Alsdann artete er aus; als er fortging, traf er eine Hure und forderte sie auf. Diese fragte ihn: Bist du nicht Elischa ben Abuja? (Der andere Name von Ascher.) Daraufriß er am Schabbath einen Rettich aus einem Beet und gab ihn ihr. Da sprach sie: Es ist ein anderer.”

Berakhoth, Fol. 17a, b: Als die Rabbinen sich von dem Hause R.

Chisdas (manche sagen: dem Hause des R. Schemuels) verabschiedeten, sprachen sie zu ihm wie folgt (Ps. 143, 14): Unsere Lehrer sind überbürdet etc. Rabh und Schemuel, manche sagen: R. Jochanan und Eleazar (streiten darüber). Einer erklärte: unsere Lehrer in der Thora (Gesetzlehre) sind überbürdet, mit Geboten; der andere erklärte: unsere Lehrer in der Thora und Geboten sind überbürdet, mit Züchtigungen. Kein Riß: es sei unsere Gesellschaft nicht wie die Gesellschaft Sauls, aus der der Edomite Doeg hervorging. Kein Durchlaß: es sei unsere Gesellschaft nicht wie die Gesellschaft Davids, aus der Achitophel hervorging. Kein Jammergeschrei: es sei unsere Gesellschaft nicht wie die Gesellschaft Elisas, aus der Gechazi hervorging. In unseren Straßen: daß wir sollen weder einen Sohn noch

einen Schüler haben, der seine Speise öffentlich verbrennen läßt (ausartet und das Gesetz

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mißachtet, verschmäht) wie Jeschu der Nazarener und seine Kollegen.” (s. Sanhedrin, Fol. 103b.) Sanhedrin, Fol. 110a: “Rab Chisda sagte: Wenn jemand gegen seinen Lehrer Streit führt, so ist es ebenso, als würde er gegen die Gottheit Streit führen. Wenn jemand mit seinem Lehrer zankt (hadert), so ist es ebenso, als würde er es mit der Gottheit tun. (s. Jore de’ah, 242) - Die Sonne und der Mond traten in die Himmelsburg (Hab. 3, 11) vor Gott und sprachen: Wenn du dem Sohne Amrams (Abrahams) Recht verschaffst, so gehen wir hinaus. Jetzt gehen sie nicht eher heraus, als bis er sie schlägt. - Moscheh sprach vor den Heiligen: Ist das Fegefeuer bereits erschaffen, so ist es recht, wenn aber nicht, so soll es nun der Herr erschaffen.”

Joma, Fol. 20a: “Hielt der Hochpriester beim Einschlafen, so schnalzten die jungen Priester mit dem Mittelfinger und sprachen zu ihm: Herr, o Hochpriester, stehe auf und ernüchtere dich ein wenig auf dem Pflaster. Zeige etwas Neues, zeige uns das Bücken.”

Sanhedrin, Fol. 106a: “R. Eliezer sagte, daß die Einwohner von Sitim zu ihren Göttern herankamen; Jehoschua sagte: Sie bekamen alle Pollution. - R. Jochanan explizierte die Worte Josue 13, 22 so, daß Bileam anfangs ein Prophet war, nachher wurde er ein Zauberer. David sprach vor dem Heiligen: Herr der Welt, mag doch Doeg sterben! Er erwiderte ihm: Er hat Vermögen verschlungen, vorher muß er es wieder ausspeien. - Wenn R. Jehuda nur einen Schuh abzog, so kam sofort Regen.”

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22. RELIGIÖSE ÜBERTREIBUNGEN

Sanhedrin, Fol. 96a: “Abahu sagte: Es heißt (Jsai. 7, 20): An jenem Tag wird der Herr mit dem Schermesser, das jenseits des Stromes gedungen ist, dem König von Assur das Haupt und die Schamhaare scheren und auch der Bart wird eingehen. Der Herr erschien ihm als Greis und sprach zu ihm: Was wirst du zu den Königen aus Ost und West, deren Söhne du mitgenommen hattest, wenn du zu ihnen kommst, sagen? Dieser erwiderte ihm: In dieser Angst befinde ich mich eben, aber was soll ich tun? Er erwiderte ihm: Geh, ändere dein Äußeres. - Wie mache ich dies? - Geh, hole mir eine Schere, und ich werde dich scheren. - Wo soll ich aber eine hernehmen? Er erwiderte ihm: Geh in jenes Haus und hole sie von dort. Als er hineinkam, traf er da Engel, die ihm wie Menschen erschienen, welche Fruchtkerne mahlten. Da sprach er zu ihnen: Gebt mir eine Schere! - Mahle ein Maß Fruchtkerne, so geben wir sie dir. Darauf mahlte er ein Maß Fruchtkerne und sie gaben ihm eine Schere. Als er zurückkam, war es

bereits finster geworden; da sprach der Herr zu ihm: Geh, hole Feuer.

Da ging er fort und holte Feuer; als er es aber aufblasen wollte, wurde sein Bart in Brand gesteckt. Alsdann schor ihm der Herr den Kopf und den Bart. Darauf ging er fort und fand ein Brett von der Arche Noahs; da sprach er: Das ist der große Gott, der den Noah vom Ertrinken rettete; wenn ich jetzt Erfolg habe, so bringe ich dir meine beiden Söhne als Opfer. Als seine Söhne dies hörten, töteten sie ihn.”

Aboda zara, Fol. 3b: “Dereinst (in den messianischen Zeiten) werden die weltlichen Völker kommen und Proselyten werden. Werden sie dann aufgenommen? Es wird ja gelehrt, daß in den messianischen Zeiten keine Proselyten aufgenommen werden, und ebenso nahmen sie keine Proselyten in den Tagen Davids, noch in den Tagen Salomos auf. Sie werden aufdrängende Proselyten. Der Heilige wird aber da sitzen und sie auslachen, (s. PS. 2). Rabh

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sagte: Zwölf Stunden hat der Tag; in den ersten drei Stunden sitzt der Heilige und befaßt sich mit der Gesetzlehre (Thora), in den anderen sitzt er und richtet die ganze Welt; in den dritten sitzt er und ernährt die ganze Welt von den gehörnten Büffeln bis zu den Nissen der Läuse; in den vierten sitzt er und scherzt mit dem Leviathan. Seit dem Tage, an dem der Tempel zerstört worden ist, gibt es kein Lachen mehr für den Heiligen. Was tut er demnach in den vierten? Er sitzt und lehrt die Schulkinder die Gesetzlehre. Was tut er nachts? Er reitet auf dem leichten Cherub und schwebt in den 18 000 Welten umher.”