Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder auf.
Zahlreiche unserer Divisionen, abgekämpft, der Auffrischung bedürftig, wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon überzeugen, wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gründlich ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so schien er schnell über all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfür der wirklichen Ruhe, ungestört von feindlichen Granaten und Bombenabwürfen und, wenn möglich, auch entfernt aus dem Hörbereiche des Donners der Geschütze. Aber wie wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjährigen Kämpfen eine solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in körperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und denjenigen aller unserer Gegner.
[pg 358]Nach Avesnes war der Geschützdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden.
Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jählings unterbrochen; von Südwesten her dröhnte auffallend starker Gefechtslärm. Die ersten Meldungen – sie kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne – lauteten ernst. Der Gegner war mit mächtigen Tankgeschwadern beiderseits der Straße Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Näheres ließ sich vorläufig nicht feststellen.
Die Ungewißheit wurde jedoch in den nächsten Stunden behoben, wenn auch die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war tief in unsere Stellung hineingestoßen, Batterien waren verloren. Unsere Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage überhaupt durch sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um die Vorgänge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und den Verfügungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschütterten Front zu schaffen. Was war geschehen?
Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse, nicht natürliche und leider auch nicht künstliche, getroffen. Man hatte an dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu wenig an Verteidigung.
Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen, dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Ferngläser. Man schonte auf diese Weise während der [pg 359]Zeit des Stilleliegens augenscheinlich viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an den rückwärtigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstücke, verstreute Stützpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen sogenannten ruhigen Fronten für ausgedehnte Schanzarbeiten nur dünn gesät. Wir brauchten die Massen anderwärts zu den großen Angriffsschlachten.
An diesem 8. August mußten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren für uns ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst jüngst wieder bei Soissons kennen und überwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch des Gegners war gleichzeitig überraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen, schneller wie bisher, überfielen Divisionsstäbe in ihrer Unterkunft, zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kämpfenden Truppen führten. Die höheren Kommandobehörden werden dadurch ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Übersicht verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schießen zwar in die Richtungen, aus denen Motorgeräusche und Kettengerassel hörbar sind, werden aber vielfach durch Stahlkolosse überrascht, die aus anderer Richtung plötzlich auftauchen. Wirre Gerüchte beginnen sich in unsern Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, daß englische Kavalleriemassen schon weit im Rücken der vordersten deutschen Infanterie sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verläßt die Stellungen, aus denen heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen hat, man sucht nach rückwärts den verlorenen Anschluß. Die Phantasie zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren.
[pg 360]Alles, was da geschah, was uns zum ersten großen Unheil werden sollte, ist ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluß ist auch nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einflüsse. Der Mißmut und die Enttäuschung, daß trotz aller Siege der Krieg für uns kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der Heimat Klagen über wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das zermürbt allmählich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann. Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern abgeworfenen Flugblättern, daß er es nicht so schlimm mit uns meine, wir müßten nur vernünftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir erobert haben, verzichten. Dann würde alles rasch wieder gut werden. Und wir könnten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Völker. Für den Frieden im Innern der Heimat würden dann neue Männer, neue Regierungen sorgen. Auch das würde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen Kämpfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos.
Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, daß der Gegner doch nicht all das erlügen kann, läßt sich vergiften und vergiftet andere.
Unsere Befehle zum Gegenstoß können an diesem 8. August nicht mehr ausgeführt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschützen zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue Artillerieverbände müssen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die in dieser Lage die Eisenbahnen für uns besitzen. Weithin in unsern Rücken feuern seine schweren und schwersten Geschütze. Auf einzelne Eisenbahn[pg 361]punkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwärmen über Stadt und Bahnhof kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im Rücken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Glücke die ganze Größe seines ersten taktischen Erfolges. Er stößt an diesem Tage nicht bis an die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch nennenswerte Kräfte hätten entgegengestellt werden können.
Dem verhängnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhältnismäßig ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Während dieser rollen unsere ersten Verstärkungen heran.
Die Lage ist bereits zu ungünstig, als daß wir von dem anfänglich geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten können. Der Gegenstoß hätte längerer Vorbereitung und stärkerer Truppen, als am Morgen des 9. August zur Hand sein können, bedurft. Daher soll und darf nichts überstürzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt jedoch, nicht warten zu können. Man meint, günstige Gelegenheiten zu versäumen, und stürzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in örtlich begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im großen zu nutzen.
Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Flügel unternommen worden. Die südlich anschließenden französischen Truppen hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu erwarten, daß die großen britischen Erfolge nunmehr auch die französischen Linien in Bewegung bringen würden. Gelang dem Franzosen ein rasches Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so mußte unsere Lage in dem weit nach Südwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhängnisvoll werden. Wir befehlen daher die Räumung unserer bisherigen ersten Stellungen südwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurück.
Über die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich mich keinen Täuschungen hin. Unsere Kämpfe vom 15. Juli bis 4. August konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglückten, kühnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege ereignet. Das Mißgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwäche. Es war etwas ganz anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und Verbündete mußten ängstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe, die Ruhe zu behalten und die Verhältnisse zwar ohne Selbsttäuschung, aber auch ohne übertriebenen Pessimismus zu betrachten.
Die militärische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt, das verlorene Kriegsgerät wieder ergänzt, neue Kräfte konnten herangeführt werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es war zu erwarten, daß der Gegner, durch seinen großen Erfolg angeregt, solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen würde. Er hatte jetzt die Erfahrung gemacht, daß sich in unserem Verteidigungssystem dem des Jahres 1917 gegenüber mancherlei Mängel befanden. Zunächst in technischer Beziehung. Auf den seit dem Frühjahr 1918 neu gewonnenen Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden. Es wurde, wie in der Gegend östlich Amiens, so auch an anderen Stellen der Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der Notwendigkeit der Verteidigung ge[pg 363]sprochen. Dazu kam, daß die Haltung eines großen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner überzeugt haben mußte, daß an unseren Verteidigungsfronten der zähe Widerstandswille von 1917 nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem Frühjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gründlich geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht, sondern er hatte uns in breiten Anstürmen überrascht. Er wagte nunmehr diese unsere Taktik, weil er die Schwächen unserer Verteidigungsfront erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht, so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht völlig der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmählich zu lähmen. Andererseits schöpfte ich aber aus dem Umstande, daß der Feind aus seinen großen Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die ihm hätten werden können, wieder die Hoffnung, daß wir weitere Krisen überwinden würden.
Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der Reichsleitung gegenüber in einer politischen Beratung in Spa über die militärische Lage dahin aussprechen zu müssen, daß diese zwar ernst sei, daß aber nicht vergessen werden dürfe, daß wir noch immer tief in Feindesland ständen. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch meinem Kaiser vor, indem ich nach einer längeren gemeinsamen Sitzung das Schlußwort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung des Reichskanzlers Graf Hertling, daß mit einem wirklich offiziellen Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in unserer damaligen militärischen Lage eintreten würde. Von dieser hing es dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele würden verzichten müssen.
[pg 364]Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluß des Krieges zu zweifeln, hielt ich demnach Mitte August noch nicht für gekommen. Ich hoffte bestimmt, daß die Armee, trotz betrübender Einzelerscheinungen auf dem letzten Schlachtfelde, imstande sein würde, zunächst einmal auszuhalten. Auch hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, daß sie Kraft genug hätte, auch diese jetzige Krisis zu überwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie vielleicht noch weiter ertragen mußte. Hatte nicht Frankreich, auf dessen Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War dieses Land während dieser ganzen Zeit jemals unter Mißerfolgen verzagt; war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das, so dachte ich, würde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere Verbündeten nicht ausbleiben. Ihre militärische Aufgabe war ja, soweit sie Österreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte.
Bei diesen meinen Erwägungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in den vier Kriegsjahren so fest begründet, daß diese uns, mochte kommen was wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend für meine Entschlüsse und Vorschläge blieb einzig und allein die Rücksicht auf das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab, was unsere deutsche Zukunft endgültig sicher stellte, so konnten wir es doch wenigstens dahin bringen, daß die gegnerischen Kräfte im Kampfe erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein erträgliches staatliches Dasein.
General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt, daß die errungenen Erfolge ihm wieder ver[pg 365]loren gehen würden, wenn unseren Truppen die Zeit zur Erholung gelassen würde. Ich hatte das Gefühl, daß die gegnerische Führung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu müssen.
Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitägigen Kämpfen auf diesen Punkt zurück. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen verbreitern die Engländer ihre Angriffsfront vom 8. August in nördlicher Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrüche zwingen uns auch hier zum allmählichen Zurücknehmen unserer Linien. Am 26. August wirft sich der Engländer beiderseits Arras in der Richtung auf Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schließlich aufgehalten. Da überrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September endgültig unsere Linien an der großen Straße Arras-Cambrai und zwingt uns, die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurückzunehmen. Zur Kräfteersparnis räumen wir gleichzeitig den weit über den Kemmel-Berg und Merville vorspringenden Bogen nördlich der Lys. Alles schwere Entschlüsse, die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgeführt werden. Die erhoffte Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner drängt überall sofort nach, und die Spannung dauert an.
Am 12. September setzen die Kämpfe an der bisher ruhigen Front südöstlich Verdun und bei Pont-à-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches Mißgebilde, das den Gegner zu einem großen Schlag einladen konnte. Es ist nicht recht verständlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem großen Dreieck stehen ließ, das in seine Gesamtfront hineinsprang. Durchstieß er dieses in mächtigem Schlage an der Basis, so war eine schwere Krisis für uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen Fehler anrechnen, daß wir diese Lage nicht schon längst, spätestens mit dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir übten gerade [pg 366]durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so wichtige Maastal südlich der Festung. Erst Anfang September, als es zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen wir, diese Stellung zu räumen und auf die schon lange vorbereitete Basisstellung zurückzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste Niederlage bei.
Im übrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenüber unsere Front im wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die Champagne am 26. September änderte die Lage von der Küste bis zu den Argonnen zunächst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlußkampfes in einer selbständigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend.
Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrüche wiederholt zurückgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Lücke gerissen. Bulgarien brach zusammen.
Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht wesentlich geändert. Sie blieb ernst. Die äußere Politik des Landes schien jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen über Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persönlichkeiten mit der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstätte von uns verderblichen Plänen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen Wirklichkeit des Krieges.
Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die Armee wurde auch weiterhin davon berührt. Der Sturz Radoslawows war endlich im Frühjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Männer versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Bündnis. Das war für uns das Entscheidende.
Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die Lebensmittelversorgung machte immer größere Schwierigkeiten. Unter diesen litt besonders die Armee, das heißt, man ließ sie darunter leiden. Der Soldat mußte zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so elend gekleidet, daß ihm eine Zeitlang das Nötigste fehlte. Meutereien fanden statt, wurden uns gegenüber [pg 368]aber meistens vertuscht. Die Armee wurde durchsetzt mit völkisch fremden Elementen. Man stellte aus den besetzten Gebieten gepreßte Mannschaften ein, um die Truppenstärken in der Höhe zu halten. Das Überlaufen nahm daher einen außerordentlichen Umfang an. War es ein Wunder, daß unter allen diesen Umständen der Geist der Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Frühjahr seinen Tiefstand. Die bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine wirkungsvolle Sperrung der für den Gegner so wichtigen Straße Santa Quaranti-Korca, sowie eine günstige Rückwirkung auf die Stimmung von Heer und Volk. Die Durchführung des Unternehmens erwies sich schließlich als unmöglich, da nach Erklärungen bulgarischer Offiziere die Truppe den Angriff verweigern würde. Noch bedenklichere Zustände zeigten sich, als im Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung fast kampflos verließen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte größtenteils.
Die Zustände innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von unseren Lebensmittelvorräten und schickten Bekleidungsstücke. Auch lösten unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee große Begeisterung aus. Es war aber klar, daß diese gehobene Stimmung rasch wieder in sich zusammenbrechen würde, wenn auf unserer Seite Rückschläge erfolgten. Darüber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli nicht im Zweifel lassen.
Die gegenseitigen Stärkeverhältnisse an der mazedonischen Front schienen sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach dem schließlichen Ausgleich mit Rumänien war Bulgarien imstande, alle seine Kräfte auf einer Front zu [pg 369]versammeln. Dieser Verstärkung gegenüber kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmäßig gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefördert worden; die französischen Truppen hatten ihre jüngsten Jahrgänge nach der Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten königlich griechischen Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes übertragen. Nach Mitteilungen von Überläufern war der größte Teil dieser Truppen bereit, sich uns anzuschließen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front eingesetzt würden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung des Krieges für Bulgarien fiel.
Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend. Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frühjahr erklärt, daß sie an diesem Tage die Stellungen verlassen würden, sofern der Krieg bis dahin nicht beendet wäre.
Nicht weniger auffallend war es andererseits, daß sich der Gegner zu einem Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande wählte, an der bei einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen Führung das Durchdringen die allergrößten Schwierigkeiten bieten mußte. Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen zu können, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit längerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Engländer erkannt worden. Auch hier bestand angesichts der ganz außerordentlichen Stärke der Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer solchen von bulgarischer Seite entsprechend [pg 370]entgegentreten wollte. Über die zahlenmäßigen Kräfte verfügte die bulgarische Oberste Heeresleitung ganz gewiß.
Die zuerst eintreffenden Meldungen über den Verlauf der Kämpfe am 15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlaß. Die vordersten Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte nichts ungewöhnliches an sich. Die Hauptsache war, daß dem Gegner der glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spätere Nachrichten lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedrängt, als man zuerst annehmen konnte. Die zunächst am Kampfe beteiligten Truppen hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung, sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem Gegner das Kampffeld zu überlassen, und das an einer Stelle, die dem wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen Kriegsschauplatzes, nämlich Gradsko, bedenklich nahe lag.
Fällt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschützen erreichen, so ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung für die Dauer unmöglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, daß die bulgarischen Führer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, daß sie nicht alles daran setzen würden, ein namenloses Unheil für die Masse des Heeres abzuwenden.
Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen südlich von Gradsko kämpfen die bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem 18. September mit größter Erbitterung. Vergeblich versuchen die Engländer, sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zäher Wille in glänzendem Licht. Aber was nützt der Heldenmut am Doiransee, wenn in der Richtung auf [pg 371]Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch Schlimmeres als Mutlosigkeit.
Vergeblich versucht die deutsche Führung mit deutschen Truppen die Lage in der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld räumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen strömen ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklärung der bulgarischen Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach ihre Offiziere unbelästigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie willkommen, wollen sie zurückbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedränge ein Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedrängnis kommt, er hilft den deutschen Geschützen beim Marsch auf das Gefechtsfeld über schlechte Wegestrecken fort. Den Kampf indessen überläßt er den Deutschen. Mazedonien wird auf diese Weise freilich für Bulgarien verloren gehen. Aber der bulgarische Bauer sagt sich, daß er in der Heimat Land genug habe; also zieht er in die Heimat und überläßt die Sorge und den Kampf um Mazedonien und die bisherigen Großmachtspläne anderen Menschen.
Die deutsche Führung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhältnisse vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stützen und Gradsko zu retten. Die Aussichten, daß dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung, die Flügel des Heeres zurückzunehmen. Eine solche Bewegung würde an sich nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine gewaltige [pg 372]Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rückwärtigen Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern sich auch die rückwärtigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint wenigstens möglich, durch diese Maßnahme die Masse des Heeres zu retten.
Dem Entschluß des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die bulgarischen Führer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, daß ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar kämpfen würden. Dagegen sind sie der Anschauung, daß die Armeen sich völlig auflösen würden, wenn man ihnen den Rückzugsbefehl gäbe.
Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll für alle Beteiligten. Die Bulgaren klagen, daß nicht genug deutsche Truppen zur Stelle sind, daß man die früher vorhandenen zum Teil entfernt hätte. Was aber hätten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen hätte man schicken müssen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, daß die deutsche Kraft auch zu erschöpfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht erschöpft, erschöpft ist nur der bulgarische Kriegswille.
Auch wir im Großen Hauptquartier stehen vor verhängnisvollen Fragen. Wir müssen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist. Wir müssen also doch Unterstützungen schicken und zwar sofort, so schwer uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit in vollem Umfange ausprägt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die Amerikaner ihren großen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor.
[pg 373]Die erste Unterstützung, die wir freimachen können, sind Truppen, eine gemischte Brigade, die für Transkaukasien bestimmt waren und eben über das Schwarze Meer befördert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und sollen über Varna-Sofia herankommen. Diese Kräfte genügen jedoch nicht. An unserer Ostfront können wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was sind das für Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkräftigen schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung erwartet werden? Sie mögen den besten Willen mitbringen, aber in diesem Klima und ohne Ausrüstung für den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muß sein, denn nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der Zar müssen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten.
Auch vom Westen her schicken wir Unterstützung. Unser Alpenkorps, eben erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn gesetzt. Ebenso beteiligt sich Österreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfür zur Verfügung. Wir verzichten daher auf weitere österreichisch-ungarische Unterstützung an unserer Westfront.
Bis diese deutsche und österreichische Hilfe eintreffen kann, muß versucht werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rückzug an die rechte und mittlere bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, nördlich des Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden.
Die linke bulgarische Armee wird während dieser ganzen Zeit nicht angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind von größter Stärke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genügen für ihre Verteidigung. Trotzdem verbreitet [pg 374]sich auch in dieser Armee Verwirrung; Mut und ruhige Überlegung schwinden. Der Führer hält seine Lage für unhaltbar und beschwört den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schließen. Der Zar antwortet: „Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu Grunde.“ Das Wort beweist, daß der Zar Herr der Lage ist, und daß ich mich nicht in ihm täuschte.
Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Höhe seiner Aufgabe. Er eilt an die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem Schwinden des Willens?
Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemäß den Rückzug. Dieser wird zur Auflösung; ungeschickte Anordnungen vervollständigen die Verwirrung. Die Stäbe versagen, am gründlichsten der Armeestab. Hier ist nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen beseelt, nämlich der Führer.
Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrückzugsstraße führt über Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist diese Straße äußerst bedroht. Ein anderer Weg führt aus dem Seengebiete und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen über Veles bei Üsküb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob größere Truppenmassen in diesen Gebieten die nötige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken müssen starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch stärkere werden dorthin gedrängt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Straßenstück Prilep-Veles von Südosten her vorrückt. Gradsko fällt schon am 21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer förmlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Größe an eine amerikanische Neugründung er[pg 375]innert. Ungeheuere Vorräte sind hier aufgespeichert, ausreichend für einen ganzen Feldzug. In den dortigen Depots merkt man nichts davon, daß die bulgarischen Armeen an der Front irgend etwas entbehren mußten. Jetzt fällt alles der bulgarischen Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko sondern auch anderwärts verfügt Bulgarien noch über reiche Bestände. Sie ruhten bisher im Verborgenen, behütet von der einseitigen Sorge bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das Volksleben überzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem Parlament.
Bulgarien kann also den Krieg noch weiter führen, wenn es ihn nur nicht selbst für verloren hält oder halten will. Unser Plan, der auch die Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender: Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurückschwenken. Die rechte Armee soll sich bei Üsküb oder weiter nördlich versammeln; sie wird verstärkt durch die anrollenden deutschen und österreichischen Divisionen. Diese Kräfte bei Üsküb werden reichlichst genügen, um die Lage zu halten; ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbände damit zu rechnen, daß wir von Üsküb aus bald wieder zu einem Angriff in südlicher Richtung vorgehen können. Es scheint ausgeschlossen, daß der Gegner ohne Rast mit starken Massen bis Üsküb und bis an die altbulgarische Grenze nachdrängt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und Straßen gründlich zerstört haben? Wir hoffen auch, daß in den bulgarischen Truppen bei Berührung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und Verantwortungsgefühl zusammenfinden.
Die vorgeschlagene Operation ist nur möglich, wenn Üsküb so lange gehalten wird, bis die bulgarischen Truppen über Kalkandelen herankommen. Diese Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat über Gradsko hinaus mit nur verhältnismäßig schwachen Kräften.
[pg 376]Während dieser Vorgänge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort eintreffenden Bataillone, die der Bevölkerung zur Beruhigung, der Regierung zum Schutz und zur Stütze dienen sollen, finden nichts von der gefürchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die außerhalb ihrer Verbände durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, daß sie wiederkommen würden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt hätten. Ein eigenartiges Bild, ein merkwürdiger Seelenzustand. Oder ein abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den Soldaten vorauszusetzen. Daß es in dieser Auflösung nicht überall friedlich zugeht, ist klar. Die Gerüchte von schweren Ausschreitungen erweisen sich aber meist als übertrieben.
An der Front ändert sich die Lage nicht. Der Rückzug der bulgarischen Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kräfte des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schüssen ihre Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemühen deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch ihr Beispiel auf die haltlose gleichgültige Masse zu wirken.
So nähert sich der Gegner Üsküb, bevor neue deutsche und österreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen können. Am 29. September treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf [pg 377]guter Straße nach Üsküb zu rücken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffähig. Die schwerste Krisis scheint demnach überwunden zu sein. Militärisch mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgültig verloren. Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kräfte haben Üsküb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am 29. September abends schließt Bulgarien Waffenstillstand.
Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kühnen Aufschwung des osmanischen Kriegswillens. Die Türkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen. Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom. Die Masse der Truppen hatte sich bereits völlig aufgelöst. Der Vormarsch der Türken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden. Schwieriger als dessen Beseitigung war die Überwindung der Hindernisse, die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Türken in den Weg legte. Daß der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwürdigen Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die Türkei warf sich über die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggründe: Panislamitische Träumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschädigungen für bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch ein weiteres, nämlich die Suche nach Menschenkräften. Das Land, in erster Linie die Siedlungsgebiete der prächtigen Anatolier, ist in bezug auf Menschenkräfte völlig erschöpft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue große Quellen zu eröffnen. Rußland hat diese Mohammedaner zu [pg 378]dem regelmäßigen Militärdienst nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die Üppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch müßte man, wenn man den osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, daß die mohammedanischen Völker Rußlands seit langem keine höhere Sehnsucht gekannt hätten, als mit dem türkischen Reiche zusammen ein einiges großes geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß die Türkei sich in diesen Gebieten neue Kräfte erschließt, und daß England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung dieser Vorgänge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es aber gut, mit nüchterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken, freilich nicht mit dem wünschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, daß die Hauptaufgabe der Türkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und guter Wille in Konstantinopel, wenn die Führer auf den entlegenen Kriegsschauplätzen ihre eigenen Wege gehen!
Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorräten von Kriegsrohstoffen in Transkaukasien für die allgemeine Kriegführung zu retten, senden wir Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines geordneten Wirtschaftslebens zu ermöglichen.
Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht eher, als bis Baku auch in die Hand der Türken fällt, und zwar zu einer Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der Türkei vollzieht.
Auch die Absicht, über Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluß zu gewinnen, führte die Türkei so weit in östlicher Richtung [pg 379]vor. Man will durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchführung aber Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden werden. Vielleicht aber binden schon die ersten türkischen Bewegungen im nördlichen Persien englische Kräfte und retten dadurch Mesopotamien für die Türkei.
Wie durch das Weiße Meer über Archangelsk, so scheint England auch über das Kaspische Meer und über Baku sich einen Einfluß in Rußland sichern zu wollen. Aus diesen Gründen liegt die Durchführung der osmanischen Pläne in Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur hätte demgegenüber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien nicht vernachlässigt werden dürfen. Die Aufstellung einer verwendungsbereiten türkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo wäre jedenfalls mit Rücksicht auf alle operativen Möglichkeiten des Engländers südlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als größere Operationen in Persien.
In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte betrachtet unverändert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den Gegenden südlich von Mosul für die türkischen Armeen eine Katastrophe vollzogen, freilich nicht unter Geschützdonner. Wie im armenischen Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im Winter 1917/18 die türkischen Soldaten in großer Zahl zugrunde. Man spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermögen wir nicht nachzuprüfen. „Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod“, so versicherte uns ein Türke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster Überzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen türkischen Armee überleben in Mesopotamien das Frühjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu gefechtsfähiger Stärke gebracht werden können. Man fragt sich, warum greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum marschiert es nicht einfach vorwärts? Genügen die Schatten [pg 380]dieser osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms kolonialer Kriegführung zu veranlassen? Die englische Führung mag für diese Vorsicht ihrer Operationen alle möglichen Gründe anführen können, nur einen hat sie nicht, nämlich die Stärke des Gegners.
Während im armenischen Hochlande die türkische Wehrmacht nochmals einen Triumph feierte, hatten die Kämpfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne daß hierdurch die Lage wesentlich geändert wurde. Im Frühjahr 1918 schien die englische Kriegführung dieses ewigen Einerleis endlich müde zu werden. Sie raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach über Jericho in das Ostjordanland ein. Man nahm an, daß die Araberstämme in diesem Gebiete das Auftreten ihrer Befreier vom türkischen Joch nur erwarteten, um sofort den osmanischen Armeen in den Rücken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und türkischen Kräften dank ausgezeichneter osmanischer Führung. Die Lage an der syrischen Front wurde hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in jenen glutheißen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit Sicherheit zu erwarten, daß der Engländer im Herbste seine Angriffe in irgend einer Richtung wiederholen würde. Wir glaubten, daß die Zwischenzeit genügend sei, um die Lage an der syrischen Front durch Zuführung neuer türkischer Kräfte zu festigen.
Die inneren Schwierigkeiten im türkischen Staate dauerten auch im Jahre 1918 an. Der Tod des Sultans übte nach außen hin zunächst keinen sichtbaren Einfluß aus. Im Innern begann allmählich eine Bewegung zur Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschäden entgegenzutreten. [pg 381]Er wählte die Männer seiner Umgebung aus den Kreisen, die sich den alttürkischen Richtungen zuneigten.
Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt. Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur türkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf den Austausch von Ansprachen beschränkt. Die Erwiderung des Thronfolgers auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung.
Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen persönlichen Einfluß auszuüben. Er wollte auch die Armeen in den entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Mängel hätten beseitigt werden können, wage ich nicht zu entscheiden.
Das Land war durch den Kriegszustand völlig erschöpft. Es konnte dem Heere kaum noch irgend welche neuen Kräfte bieten. So gelang es auch während des Sommers nicht, die Verhältnisse an der syrischen Front wesentlich zu stärken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu kläglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes hätte geleistet werden können. Die Zustände in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu beständig in ungestilltem Hunger dahin, körperlich müde, seelisch empfindungslos.
Wie ich schon früher anführte, mußten wir auf das Wegziehen der deutschen Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Führung glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu können. Man schätzte freilich den Angriffsgeist der gegenüberstehenden englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen mohammedanisch-indischer Überläufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die bisherigen Leistungen der englischen Führung so wenig eindrucksvoll, daß man sich zu der [pg 382]Hoffnung berechtigt fühlte, mit den vorhandenen geringen Kräften dem Feinde wenigstens die Möglichkeit eines weiteren Widerstandes vortäuschen zu können. Wie lange eine solche Täuschung vorhielt, hing lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Gerüst des türkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stützen umwerfen würde oder nicht.
Am 19. September griff der Engländer überraschend den rechten türkischen Heeresflügel in den Küstenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die dortigen Linien. Die Niederlage der beiden türkischen Armeen an der syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt.
In diesen Tagen wurde die Türkei durch den bulgarischen Zusammenbruch ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war dadurch im ersten Augenblick auf der europäischen Landseite völlig schutzlos. Die türkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfähigen Küstenbesatzung ungeschützt. Die Befestigungen der berühmten Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schützengräben, wie sie nach den Kämpfen der Jahre 1912/13 von den türkischen Truppen verlassen waren. Alles übrige war nur in der Phantasie oder auf trügerischen Plänen vorhanden. Man mag über diese Zustände nachträglich den Kopf schütteln, letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der große Wille, alle vorhandenen Kräfte auf den entscheidenden Außenposten zu verwenden. Wehe dann freilich, wenn der äußere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen.
Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den Eindrücken der ersten Nachrichten vom drohen[pg 383]den bulgarischen Zusammenbruch wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter Widerstand wäre jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige Überführung von deutschen Landwehrformationen aus dem südlichen Rußland nach Konstantinopel an. Auch entschloß sich die Türkei dazu, alle aus Transkaukasien zurückgerufenen Divisionen zunächst nach Thrazien zu werfen. Bis jedoch nennenswerte Kräfte Konstantinopel erreichen konnten, mußte geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte, um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, läßt sich nach den bis jetzt vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Türkei vor einer unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen.
Nach den vergeblichen Angriffen des österreichisch-ungarischen Heeres in Oberitalien zeigte sich immer mehr, daß die Donaumonarchie ihre letzte und beste Stärke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so viel zahlenmäßige und sittliche Kräfte, um einen solchen Angriff wiederholen zu können. Die Verhältnisse dieses Heeres traten uns so recht deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer Unterstützung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz war unmöglich, wenn man später größere Kampfleistungen von ihnen verlangen wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der Ausrüstung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen ebenso rückhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k. Armee-Oberkommandos. Alle österreichisch-ungarischen Befehlsstellen [pg 384]gaben sich die größte Mühe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in verhältnismäßig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend leistungsfähig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Tätigkeit und Einsicht der Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig.
Die großen Verluste der österreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien, die mangelhaften Ersatzverhältnisse, die politische Unzuverlässigkeit einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustände im Innern des Landes machten eine wirklich große und ausschlaggebende Unterstützung unserer Westfront leider unmöglich. General von Arz mußte sich angesichts dieser Verhältnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die er uns schicken wollte, von der Seele reißen. Er selbst war von der großen Bedeutung dieser Hilfe durchaus überzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob man in allen österreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man überall die gleiche Dankesschuld uns gegenüber empfand, wie General von Arz.
An den österreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenübergestanden, die Italiener, etwa ein verstärktes Armeekorps, um Valona und östlich, die Österreicher im nördlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz wäre ohne jede militärische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den mazedonischen Fronten gehabt hätte. Bulgarien befürchtete beständig, daß durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte Flanke seiner Heeresfront umfaßt werden könnte. Militärisch wäre einem solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zurücknahme des bulgarischen Westflügels aus dem Gebiete von Ochrida in nordöstlicher Richtung zu begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhältnisse Bul[pg 385]gariens machten, wie ich das schon erwähnt habe, damals jedes Zurückziehen bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmöglich. Dazu kamen bulgarisch-österreichische Eifersüchteleien in Albanien, die mit Mühe von uns ausgeglichen worden waren.
Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Österreicher ihre italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die außerordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstützpunktes als zweiter Torflügel zur Sperrung der Adria war mit den Händen zu greifen. Für eine solche Operation fehlte jedoch für Österreich-Ungarn die erste Voraussetzung, nämlich die entsprechende leistungsfähige, rückwärtige Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in dem öden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und Österreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in genügendem Umfang schaffen.
Die österreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in einer Art von Dornröschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer Tatkraft gestört wurden. Einen größeren Ernst nahm die Lage in Albanien erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten Angriff von der Meeresküste bis in die Gegend des Ochridasees schritten. Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlässigten österreichisch-ungarischen Verbände wurden nach Norden zurückgedrückt. Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die österreichischen Kräfte in Albanien zu verstärken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen Flanke durchführen zu können. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung entschloß sich darüber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die Italiener wurden wieder zurückgeschlagen.
[pg 386]Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend welche weiter gesteckten politischen und militärischen Ziele im Auge hatte. Besonders muß ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem später einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der österreichische Gegenangriff stellte angesichts der ganz außerordentlichen Schwierigkeiten in den albanischen Geländeverhältnissen und der feindlichen zahlenmäßigen Überlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden.
Die inneren Verhältnisse Österreich-Ungarns hatten sich im Laufe des Jahres 1918 in der früher erwähnten bedenklichen Richtung weiter entwickelt. Die ungewöhnlichen Schwierigkeiten in der Volksernährung bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein Wunder, daß die österreichisch-ungarischen Behörden in dem Zusammenraffen greifbarer Verpflegungsbestände, sei es in Rumänien, sei es in der Ukraine, zu Maßnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im höchsten Grade entgegengesetzt waren.
Unter den trüben politischen Verhältnissen Österreich-Ungarns war es nicht weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklärt wurde, daß eine Weiterführung des Krieges über das Jahr 1918 hinaus von seiten der Donaumonarchie ausgeschlossen wäre. Der Drang nach Abschluß der Feindseligkeiten äußerte sich immer häufiger und immer stärker. Ob dabei, wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluß ausübte, lasse ich dahingestellt sein.
Im Sommer erfolgte der Rücktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als Außenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, daß die von seinem Kaiser an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen ihm und [pg 387]seinem Herrn geschaffen hätten. Mir war der Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensätze, die zwischen seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns gegenüber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen.
Für mich war Graf Czernin der typische Vertreter der österreichisch-ungarischen Außenpolitik. Er war klug und von scharfem Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von zutreffender, rückhaltsloser Kritik der Schwächen des von ihm vertretenen Staatswesens. Seine politischen Pläne bewegten sich dabei aber weit mehr im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Für die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht. Aus diesen Widersprüchen kam es, daß er für die Doppelmonarchie Erweiterung ihrer Machtsphäre anzustreben nicht aufhörte, auch wenn er gleichzeitig uns Deutschen große Opfer für die Interessen der verbündeten Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschätzte, wie alle österreichisch-ungarischen Staatsmänner dieser Zeit, die Leistungsfähigkeit seines Vaterlandes. Sonst hätte er nicht im Frühjahr 1917 kurz nach seiner Amtsübernahme von der Unmöglichkeit weiteren Durchhaltens sprechen dürfen, obwohl die österreichisch-ungarische Kraft noch länger ausreichte und auch bei der Geschäftsniederlegung des Grafen noch keineswegs bei dem Erschöpfungstod angelangt war. Es lag in den Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben. Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster Überzeugung unterstützte, vermochte ich während seiner Amtsführung nicht klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in einer übertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenüber enthalten [pg 388]waren. Nur so wird es verständlich, daß er in einer Zeit des scheinbar beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Mißerfolges der feindlichen Frühjahrsoffensive und der Rückwirkung der staatlichen Auflösung in Rußland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte.
Ich war der Meinung, daß es Graf Czernin an der bundesbrüderlichen Gesinnung uns gegenüber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei Überraschungen stellte. Er befürchtete damals wohl, daß die Donaumonarchie ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht überwinden könnte, und daß der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit der Ukraine forderte.
Unter der außenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage zwischen uns und Österreich-Ungarn keinen Abschluß. Eine Preisgabe ganz Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon früher berührten Gründen für uns unannehmbar.
Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner Tätigkeit als Außenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pleß bekannt geworden. Bei der Umständlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muß auch offen eingestehen, daß meine Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren Verhandlungen.
Bei seiner Wiederberufung als Außenminister hatte Graf Burian das begreifliche Bestreben, möglichst bald einen Ausweg aus unserer politischen Lage zu finden. Es war menschlich verständlich, daß er unter dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit größter Hartnäckigkeit zum Frieden drängte. Nach meiner Anschauung sollte indessen keiner der verbündeten Staaten aus dem Rahmen der politischen Einheitsfront [pg 389]heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war ein Irrtum, zu glauben, daß dadurch jetzt noch wesentliches für einen Einzelstaat oder für unsere Gesamtheit gebessert werden könne. Der türkische Großwesir, der in der ersten Septemberhälfte in Spa weilte, beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu gleichem Zeitpunkt davon, daß Friedensbestrebungen seines Landes außerhalb des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen könnten. Vielleicht ahnte der Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte.
Aus den angeführten Gründen heraus fühlte ich mich nicht veranlaßt, den österreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, für glücklich zu halten. Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenüber in der Tat auch völlig ablehnend. Sie übersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als daß sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten. Die Frage weiterer Menschenopfer spielte für sie keine Rolle. Die Befürchtung, daß wir Deutschen uns rasch wieder erholen könnten, wenn uns auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen würde, beherrschte völlig den feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch machten. Für uns ein stolzes Gefühl mitten in alledem, was um uns zurzeit vorging und noch vorgehen sollte!