Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.
Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:
Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.
[pg 298]Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.
Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten [pg 299]konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.
Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen.
Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.
[pg 300]Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.
Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht [pg 301]die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.
Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war.
Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England.
Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverständlich. Sie [pg 302]hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.
Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden.
Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverständlich.
Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt [pg 303]war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer Truppen überlassen werden.
Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt und in zusammenfassenden Vor[pg 304]schriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.
Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen.
Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern.
Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es [pg 305]uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten.
Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten:
Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben.
Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer zu werden [pg 306]als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.
Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.
Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer [pg 307]Grenzen gegen Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.
Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors.
Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle.
Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte [pg 308]Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.
Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.
Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen.
Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte [pg 309]italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kräften vertreten hätte.
Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.
Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer [pg 310]deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.
Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.
Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite.
So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns [pg 311]vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.
Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu können!
Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen [pg 312]Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!
In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeres[pg 313]front auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten.
Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden.
Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glückliche Jugend!
Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend[pg 314]welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen.
Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.
Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse.
Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
Noch vor unserer Abfahrt von Spa erließ Seine Majestät der Kaiser den Befehl für die demnächstige große Angriffsschlacht. Ich führe diesen Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt wörtlich an, um weitläufige Ausführungen über unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur Erläuterung bemerke ich im voraus, daß die Vorarbeiten zu dieser großen Schlacht mit dem Deckwort: „Michael“ bezeichnet worden waren, und daß Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefügt wurden, als sich der Abschluß der Vorbereitungen einwandfrei übersehen ließ.
Großes Hauptquartier, 10. 3. 18.
„Seine Majestät befehlen:
1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste feindliche Stellung 940 vormittags.
2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnürt dabei als erstes großes taktisches Ziel den Engländer im Cambraibogen ab und gewinnt ... die Linie Croisilles (südöstlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei günstigem Fortschreiten des Angriffes des rechten Flügels (17. Armee) ist dieser über Croisilles weiter vorzutragen.
Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert vorzustoßen, mit linkem Flügel die Somme bei Peronne festzuhalten und mit Schwerpunkt auf dem rechten Flügel die eng[pg 316]lische Front auch vor der 6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kräfte aus dem Stellungskriege für den Vormarsch frei zu machen ...
3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunächst südlich des Omigonbaches (dieser mündet südlich Peronne) die Somme und den Crosatkanal (westlich La Fère). Bei raschem Vorwärtskommen hat die 18. Armee (rechter Flügel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die Übergänge über die Somme und die Kanalübergänge zu erkämpfen ...“
Die Spannung, unter der wir am 18. März abends Spa verlassen hatten, steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das bisher herrliche, klare Vorfrühlingswetter war umgeschlagen. Heftige Regenböen zogen über das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, daß der Gegner in unsere bisherigen Maßnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und dort suchten feindliche Flieger während der Nacht im Scheine von Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstraßen ab und schossen mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab noch keinen festen Anhalt für eine Antwort auf die Frage: „Kann unsere Überraschung gelingen?“
Die Angriffsverstärkungen rückten in den letzten Nächten in ihre Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien wurden vorgezogen. Keine wesentliche Störung durch den Gegner! An einzelnen Stellen unternahm man es, schwere [pg 317]Geschütze bis an die Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschoßtrichtern unterzubringen. Man glaubte Überkühnes wagen zu sollen, um der stürmenden Infanterie die artilleristische Unterstützung während ihres Durchbruches durch das ganze feindliche Stellungssystem zu gewährleisten. Keine feindliche Gegenmaßregel verhinderte auch diese Vorbereitungen.
Der größte Teil des 20. März verging in Sturm und Regen. Die Aussichten auf den 21. waren unsicher, örtlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem entschieden wir uns am Mittag für den Beginn der Schlacht am Morgen des folgenden Tages.
Die Frühdämmerung des 21. März fand das nördliche Frankreich von der Küste bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je höher die Sonne stieg, um so dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrückt. Er beschränkte zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschützen jeden Kalibers im heftigsten Feuer standen.
Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewähr geben für die Wirkung unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war örtlich und zeitlich von wechselnder Stärke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten Gegner, als eine systematische Bekämpfung des lästigen Feindes.
Also auch jetzt noch keine Gewißheit, ob nicht der Engländer in voller Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der über allem lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stürmte gegen 10 Uhr vormittags unsere brave Infanterie. Zunächst kamen von ihr nur unklare Meldungen, Angaben über erreichte Ziele, Abänderungen dieser Nachrichten, Widerrufe. Erst allmählich hob sich die Ungewißheit, und es ließ sich überblicken, daß wir überall in die vordersten [pg 318]feindlichen Stellungen eingebrochen waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen.
In den späten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger Klarheit zu erkennen. Die rechte Flügelarmee und die Mitte unserer Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung zum Halten gekommen. Die linke Armee war über St. Quentin hinaus mächtig vorwärts geschritten. Kein Zweifel, daß der rechte Flügel den stärksten Widerstand vor sich hatte. Der Engländer spürte die ihm aus nördlicher Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfügbaren Reserven entgegen. Der linke Flügel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender Überraschung die verhältnismäßig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der Kräfteverbrauch war im Norden über unser Erwarten groß, sonst entsprach er unseren Voraussetzungen.
Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen sich auch unsere vom Schlachtfeld zurückkehrenden Generalstabsoffiziere aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns geführt hatte, nämlich eine Versumpfung des Vorwärtsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch.
Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Flügel im Besitz der zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte feindliche Widerstandslinie genommen, während die linke Armee im vollen Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte von feindlichen Geschützen, ungeheure Mengen Schießbedarfs und sonstige Beute jeder Art lagen im Rücken unserer vordersten Linien. Lange Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertrümmerung der englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da unser rechter Flügel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch genug vorwärts gekommen war.
[pg 319]Der dritte Kampftag veränderte nicht das bisherige Bild des Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Flügels, wo höchstgespannte englische Zähigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafür weiterer großer Geländegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Flügel. Südlich Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte sogar überschritten.
An diesem Tage, dem 23. März, fallen die ersten Granaten in die feindliche Hauptstadt.
Bei diesem glänzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens möglich. Amiens ist der große Vereinigungspunkt der wichtigsten Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen Kriegsgebiet des mittleren und nördlichen Frankreichs, letzteres das hauptsächliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von größtem strategischen Wert. Fällt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns, wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kräftiges Artilleriefeuer zu bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt, der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Länder durch solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die beiden Namen „Calais“ und „Paris“. Darum vorwärts gegen Amiens!
Und in der Tat geht es auch weiter vorwärts mit Riesenschritten. Für lebhafte Phantasien und heiße Wünsche freilich immer noch nicht rasch genug. Muß man doch befürchten, daß auch der Gegner die ihm nunmehr drohende Gefahr erkennt, und daß er alles versuchen wird, ihr zu begegnen. Englische Reserven vom Nordflügel, französische Truppen aus ganz Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben. Auch ist zu erwarten, daß die franzö[pg 320]sische Führung sich unserem Vordrängen von Süden her in die Flanke werfen wird.
Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Händen. Peronne und die Sommelinie südwärts liegt schon hinter unseren vordern Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten; für manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten Erinnerungen, für alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern, aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Gräben, aus dem majestätischen Schweigen über den verödeten Flächen und aus den Tausenden von Gräbern an das menschliche Herz dringt.
Starke Frontteile der Engländer sind völlig geschlagen und weichen ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurück. Zunächst stockt aber nun das Vorschreiten unserer rechten Flügelarmee. Um die Schlacht hier wieder in Fluß zu bringen, greifen wir das Höhengelände ostwärts Arras mit neuen Kräften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der linke Flügel stößt am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen französische Angriffe aus südlicher Richtung über Roye bis Montdidier vor.
Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens. Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwärts zu kommen. Aber bald wird auch hier der Widerstand zäher und zäher, die Bewegung langsamer und langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen müssen zurückgeholt werden. Die Tatsachen müssen so betrachtet werden, wie sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stückwerk. Günstige Gelegenheiten werden versäumt, nicht überall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen, selbst da, wo ein glänzendes Ziel in Aussicht steht. Man möchte es jedem einzelnen Soldaten zurufen: „Dringe vorwärts auf Amiens, gib den letzten Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den [pg 321]entscheidenden Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen Höhen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen können!“ Vergebens, die Kräfte sind erlahmt.
Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren würde. Er wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage für den Verbündeten und für sich selber.
Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir müssen Atem schöpfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glück war es, daß wir teilweise aus den reichen Vorräten des geschlagenen Gegners leben konnten; wir hätten sonst die Somme wohl nicht überschreiten können, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen Stellungen verschütteten Straßen können erst durch tagelange Arbeit wieder benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung, Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht völlig auf. Am 4. April versuchen wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheißungsvoll lauten an diesem Tage zuerst die Nachrichten über das Vorschreiten unseres Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rückschlag und Enttäuschung.
Amiens bleibt in den Händen der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer berührt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht unterbinden kann.
Die „Große Schlacht“ in Frankreich ist zu Ende!
Unter den Schlachtentwürfen für den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken [pg 322]ausgegangen, sich gegen den nach Osten vorspringenden englischen Nordflügel beiderseits Armentières zu wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den Zusammenbruch herbeizuführen. Die Aussichten, die eine solche Operation im Falle günstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der Durchführung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenüber. Zunächst war es klar, daß wir es hier mit der stärksten englischen Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhältnismäßig engem Raum zusammengefaßt, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgeländes beiderseits Armentières. Da waren zunächst die meilenbreiten Wiesengründe der Lys und dann dieser Fluß selbst zu überwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken überschwemmt, im Frühjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken für die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Nördlich der Lys stieg das Gelände allmählich an und erhob sich dann schärfer zu den gewaltigen Höhenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre mächtigsten Eckpfeiler hatten.
Bevor die Lys-Niederung nicht einigermaßen gangbar war, ließ sich an die Durchführung dieses Angriffes überhaupt nicht denken. Ein genügendes Trockenwerden war bei gewöhnlichen Witterungsverhältnissen erst gegen Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben zu können. Mußten wir doch ununterbrochen die Möglichkeit des Eingreifens von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff vorhandenen Bedenken ließen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch vorbereiten. An seine Verwirklichung war für den Fall gedacht, daß unsere Operation bei St. Quentin die gegnerische Führung veranlassen würde, starke Kräfte von der Gruppe [pg 323]in Flandern wegzuziehen, um sie unserem Durchbruch entgegenzuwerfen.
Dieser Fall war Ende März eingetreten. Sobald sich nun übersehen ließ, daß unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen mußte, entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front zurückzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht erhielt die Antwort: Der Angriff über die Lys-Niederung sei dank des trockenen Vorfrühlingswetters schon jetzt möglich. Mit außerordentlicher Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeeführungen und Truppen gefördert.
Am 9. April, am Jahrestage der großen Krisis von Arras, erhoben sich aus den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentières bis La Bassée unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwühlten Morast, zwischen tiefen, mit Wasser gefüllten Geschoßtrichtern oder auf den wenigen einigermaßen festen Geländestreifen den feindlichen Linien entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang trotz aller natürlichen und künstlichen Hindernisse das überraschende Vorgehen, an das anscheinend weder die Engländer noch die zwischen ihnen eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen verließen größtenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und verzichteten endgültig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit. Unsere Ausnützung der Überraschung und des portugiesischen Versagens fand freilich in dem Gelände die größten Schwierigkeiten; nur mit Mühe konnten einzelne Geschütze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwärts gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle überschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf der nächstfolgenden Tage. [pg 324]Die Aussichten blieben zunächst günstig. Der 10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der Gegend nordwestlich Armentières Gelände gewonnen. Am gleichen Tage wird unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die Trümmerstätten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder gestürmt.
Auch der nächste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen. Armentières wird vom Gegner geräumt, Merville von uns genommen. Wir nähern uns von Süden her der ersten Stufe zu dem mächtigen Höhengelände, von dem aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten. Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hören am linken Flügel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den nächsten Tagen noch Bailleul und setzen von Süden her den Fuß auf das Hügelgelände. Auch Wytschaete fällt in unsere Hand. Damit erschöpft sich jedoch dieser erste Schlag.
Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Süden her angreifenden Truppen gelegt. Schießbedarf kommt in nur ungenügenden Mengen durch, und wir sind nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage, unsere Truppen ausreichend zu verpflegen.
In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere Infanterie außerordentlich, ihre Erschöpfung droht, wenn wir nicht eine Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits drängt die Lage zu einer Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff äußerst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten, nur im Vorwärtskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen.
Wir müssen den Kemmelberg stürmen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, daß [pg 325]ihn der Gegner zum Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder unserer Flieger enthüllen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, daß der äußere Eindruck des Berges stärker ist als sein wirklicher taktischer Wert. Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpaß, bei den Kämpfen in den transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewährt hatten, dürften vielleicht auch hier das scheinbar Unmögliche möglich machen.
Voraussetzung für das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist, die französische Führung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher zunächst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, daß der französischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens näherliegen würde als die Hilfeleistung für den schwer bedrängten englischen Freund in Flandern. Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen. Der Verlust dieser Stütze erschüttert die ganze feindliche Flandernfront. Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen Rücksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von Südosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muß die ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die Hoffnungen und eilen bis an die Küste des Kanals. Ich glaube zu fühlen, wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen Schlacht folgt.
[pg 326]Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurückzuweichen. Freilich kommen Nachrichten über das Versagen einzelner unserer Truppen. Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versäumnisse begangen. Doch solche Fehler und Versäumnisse liegen in der menschlichen Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am Kemmel, reißen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunächst wenigstens bis Cassel! Von dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschütze Boulogne und Calais erreichen. Beide Städte sind vollgepfropft mit englischen Kriegsvorräten, sie sind außerdem die hauptsächlichsten Ausschiffhäfen der englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am Kemmelberge überraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf großen Erfolg. Trifft keine französische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands äußerster Not. Mit verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat, versuchen die eintreffenden französischen Truppen, uns diesen Stützpunkt zu entreißen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten großen Anstürme gegen die neuen französisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr durch.
Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung über, oder, wie wir damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung.
Der von uns zur Erreichung unseres großen Zieles eingeschlagene Weg wurde auch nach Beendigung der Kämpfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch weiterhin „durch eng zusammenhängende Teilschläge das feindliche Gebäude derartig erschüttern, daß es gelegentlich doch einmal zusammenbricht“. So kennzeichnete eine damals verfaßte Niederschrift unsere Absichten. Zweimal war England in äußerster Krisis durch Frankreich gerettet worden; vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgültigen Sieg gegen diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordflügel blieb auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt für unsere Operationen. In der glücklichen Durchführung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Küste des Kanals, so berührten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in die denkbar günstigste Lage für Bekämpfung seiner Seeverbindungen, sondern wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschützen sogar einen Teil von Britanniens Südküste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten bis in die französische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergrößerung dieses Wunders ist nötig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Küste bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten für Großbritannien damals, aber auch weiter für alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach Kruppschen Gedanken nunmehr überall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien oder Kriegserreger gegeben sind, muß die Zukunft entscheiden. England hat wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden für die ihm drohenden Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch Frankreich im geheimen schon [pg 328]die Folgerungen daraus gezogen. Daß man über solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden selbstverständlich; doch fühlt man wohl beiderseits die Waffe in der Tasche des anderen.
Für uns handelte es sich im Mai 1918 zunächst darum, die beiden jetzigen Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen, wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Möglichste Eile ist notwendig, sonst entreißt uns der wieder gestärkte Gegner die Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken Verteidigungsfronten würde unsere Absichten empfindlich stören, ja unmöglich machen.
Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist die politische Atmosphäre gegenwärtig ziemlich stark geladen. Unsere Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung gebracht, doch können wir hoffen, daß dies gelingt, wenn wir näher an die Stadt heranrücken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir wissen, die französische Verteidigung zahlenmäßig besonders schwach, doch gerade hier im angriffsschwierigsten Gelände.
Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon die Terrasse der Präfektur am Südteil der eigenartig aufgebauten Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines herrlichen Vorfrühlingtages. Eingefaßt zwischen zwei Hügelrahmen im Westen und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Süden, dort abgeschlossen durch einen mächtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor 103 Jahren hatten Preußen und Russen unter Blüchers Führung nach kampfheißen Tagen südlich der Marne die Höhen des Chemin des Dames von Süden her überschritten und sich nach dem mörderischen Gefechte bei Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im Ostgelände des steilen Laoner Felsens entschied sich in der [pg 329]Nacht vom 9. auf den 10. März 1814 der Kampf zugunsten der Verbündeten.
An den Höhen des Chemin des Dames war die französische Frühjahrsoffensive 1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917 aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordöstlich Soissons vom Gegner gestürmt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu räumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurückzulegen.
Über die Steilhänge des Chemin des Dames hinüber hatten unsere Truppen nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Überraschung ab. War eine solche nicht möglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an den nördlichen Steilhängen des Höhenrückens. Die Überraschung gelang jedoch vollständig.
Eine eigenartige Erklärung für diese Tatsache möchte ich hier anführen. Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette tätig gewesen war, vertrat die Anschauung, daß der Lärm der quakenden Frösche in den Flußarmen und feuchten Wiesengründen so stark gewesen sei, daß er selbst das Geräusch unserer vorfahrenden Brückenwagen übertönte. Mag ein anderer über diese Mitteilung denken, wie er will, ich möchte nur versichern, daß ich den Erzähler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem Jägerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende Erklärung für das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage vor Beginn unseres Angriffes ein preußischer Unteroffizier gebracht, der auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas über einen deutschen Angriff sagen könnte, gab dieser folgende Auskunft:
„In den frühesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein mächtiges deutsches Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Täuschungs[pg 330]zwecken, denn der anschließende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen Freiwilligenabteilungen ausgeführt werden. Die Moral der deutschen Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in Flandern so erschüttert, daß sich die Infanterie einem allgemeinen Angriffsbefehl offen widersetzt hat“.
Der Offizier gab offen zu, daß ihm diese Angaben den Eindruck voller Glaubwürdigkeit gemacht hätten, und daß er deswegen am 27. Mai in voller Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu können glaubte. Vielleicht kommen diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich drücke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres, dem er einen so unschätzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Täuschung des feindlichen Offiziers hätte übrigens nicht so gelingen können, wenn nicht die feindliche Propaganda durch die sinnlose Übertreibung unserer bisherigen Verluste einen günstigen Boden für die Glaubwürdigkeit der Angaben des preußischen Unteroffiziers vorbereitet hätte. So rächen sich hier und da propagandistische Unwahrheiten und Übertreibungen.
Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glänzenden Verlauf. Wir hatten ursprünglich damit rechnen zu müssen geglaubt, daß unser Angriff an der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen würde, und wollten dann über diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht wenig überrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages die Meldung erhielten, daß die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem Südufer der Aisne liegen, und daß unsere Infanterie dorthin noch am gleichen Tage vorgehen wollte.
Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen Tagen die Marne von Château-Thierry bis Dormans. Unsere Flügel schwenkten nach Westen gegen Villers-Cotterêts und [pg 331]nach Osten gegen Reims und das Höhengelände südlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze Aufmarschgebiet der französischen Frühjahrsoffensive von 1917 mit seinen noch vorhandenen reichen Vorräten aller Art war in unserem Besitz. Die Anlage neuer Straßen, Lagerbauten für viele Tausende von Mannschaften und anderes legten Zeugnis davon ab, in welch großzügiger Weise der Franzose damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir hatten die Sache kürzer gemacht!
In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem unsere größten Geschütze aus den Waldungen bei Crépy, westlich Laon, das Feuer gegen Paris eröffnet hatten, begannen nämlich feindliche Batterien aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglückliche Stadt. Ich möchte damit nicht behaupten, daß die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut wüteten ohne verständlichen militärischen Zweck. Sie nahmen wohl an, daß die Munitionszufuhr zu unseren Paris so lästigen Batterien über Laon gehen würde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine große Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevölkerte Stadt, auch warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder. Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung bedrohten Heimstätte nicht losreißen konnte, mußte in Kellern oder Erdräumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus ähnlichen Gründen auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen Verteidigungsfronten mit ansehen mußten, ohne etwas daran ändern zu können. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschütze am Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschießung Laons ein Ende genommen. Ein Zugehöriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt geführt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Häuserviertel besuchen zu [pg 332]dürfen, da ihn die Lage der Schüsse seiner Geschütze interessiere. Welch überraschender Tiefstand eines durch den Krieg versteinerten Herzens!
Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern fanden sich weiche Herzen nach hartem Männerkampfe. Von den mir erzählten Beispielen möchte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. März in dem noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen sich in den zerschossenen Straßen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene, aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten gezwungen. Sie legen ihre Bürde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter deutscher Soldat, dem Tode näher als dem Leben, den ermattenden Arm suchend und stöhnt zu dem sich niederbeugenden Träger: „Mutter, Mutter.“ Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt: „Mother, yes, mother is here!“
Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen Fühlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals über die kurz vorher erstürmten Höhen westlich Craonne. Bei jedem der noch nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bückt er sich und bedeckt das noch entblößte Gesicht, eine Huldigung an die Majestät des Todes. Er sorgt aber auch für lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwäche zurückgebliebene Verwundete und veranlaßt ihren bequemen Transport. Auch schon früher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses Deutschen zu blicken. In den Märztagen des Jahres fahre ich in der Gegend von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der Spitze einer dieser Kolonnen läßt er Halt machen und spricht den dort vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung für die tapfere Haltung ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis tröstend, daß das härteste Los, das der Gefangenenschaft, oft den trifft, [pg 333]der am tapfersten ausgeharrt hat. Die Wirkung dieser Worte scheint groß. Am größten bei einem jungen hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer berührt bisher den Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer Blick trifft das Auge – meines Kaisers.
Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch während der Kämpfe in dem bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Flügel unseres Angriffes nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur unvollständig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am 9. Juni in Richtung Compiègne führten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterêts gelangten zu keinem größeren Ergebnis. Wir mußten uns davon überzeugen, daß wir in der Gegend von Compiègne-Villers-Cotterêts die Hauptkräfte des feindlichen Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kräfte nicht besaßen.
Zusammenfassend möchte ich meine Bemerkungen über die Schlacht von Soissons-Reims damit schließen, daß uns die Kämpfe viel weiter geführt hatten, als es ursprünglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Daß diese schließlich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmählichen Erschöpfung der eingesetzten Kräfte begründet. Unseren allgemeinen Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen für die Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich ununterbrochen nach Flandern.
Das von uns in den drei großen Schlachten Erreichte stellte vom kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet [pg 334]worden war. Aus dem Geländegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Größe der deutschen Erfolge. Wir hatten das Gefüge des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten erschüttert. Unsere Truppen hatten sich den großen Anforderungen, die wir an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen Angriffskämpfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, daß der alte Geist durch die jahrelangen Verteidigungskämpfe nicht erstickt war, sondern sich unter dem Worte „Vorwärts“ bis zu der Höhe des seelischen Schwunges des Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: „What an admirable and gallant infanterie you have“, so sprach ein feindlicher Offizier sich gegenüber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluß an diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in vorderster Linie gestanden. Ein mächtiger Einheitszug war durch das Ganze hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwärts gestrebt, um teilzuhaben, mitzuwirken und mitzufühlen an dem großen Geschehen! Wie oft löste sich da ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet. Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen, der mich wie ein Herüberwehen aus meiner längst vergangenen militärischen Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unverändert geblieben. So hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von Königgrätz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt wieder sprachen und sangen in den großen Kämpfen um Dasein und Vaterland, für Kaiser und Reich.
Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht, den Gegner militärisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von [pg 335]Nachgiebigkeit. Nach außen hin schien im Gegenteil jede militärische Niederlage den Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstärken. Dieser Eindruck wurde auch nicht dadurch abgeschwächt, daß ab und zu im gegnerischen Lager Stimmen zur Mäßigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen Staatsgebäude war im großen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Völker zusammen und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle diejenigen unschädlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag für mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stützten ihre eigenen Hoffnungen und verwiesen ihre Völker in erster Linie auf das allmähliche Ermatten unserer Kraft. Diese mußte sich nach ihrer Anschauung allmählich verbrauchen. Der Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kämpfe hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten kampfgeschulten Truppen bei Château-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns dort entgegen, noch ungelenk aber von kräftigem Willen geführt. Sie wirkten auf unsere schwachen Verbände überraschend durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit.
Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange gehegten französischen und englischen Hoffnungen endlich erfüllt. War es da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmänner jetzt weniger als je an einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es, um ihren eigenen Völkern die auferlegte Blutsteuer erträglich [pg 336]erscheinen zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermürben. So war ein Ende des Krieges für uns nicht abzusehen.
Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militärische Lage für den Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach erfolgverheißenden Anfängen war der Angriff Österreich-Ungarns in Italien gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besaß, aus dem Mißlingen des österreichisch-ungarischen Unternehmens größeren Vorteil zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet, die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs hätten entstehen können. Das Mißgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglück auch für uns. Der Gegner wußte so gut wie wir, daß Österreich-Ungarn mit diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges geworfen hatte. Von jetzt ab hörte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr für Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu müssen, daß Italien sich nunmehr dem Drängen seiner Verbündeten nicht mehr entziehen könnte und auch seinerseits Kräfte auf den alles entscheidenden westlichen Kriegsschauplatz werfen würde, nicht nur, um die feindliche politische Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kämpfen eine wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf unsere Schultern allein fallen, so mußten wir österreichisch-ungarische Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der für uns maßgebende Grund für das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare österreichisch-ungarische Unterstützung. Große Wirkung konnten wir uns von dieser Unterstützung allerdings zunächst nicht versprechen. Die Entscheidung über die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr als je ab von Deutschlands Kraft.
Die Frage war also, ob diese noch ausreichen würde, um ein siegreiches Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glänzenden Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur [pg 337]Beantwortung dieser Frage wende ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten:
Bei aller Liebe und Anerkennung für unsere Soldaten durften wir doch die Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Mängeln in dem Gefüge unserer Armee nicht verschließen. Das Fehlen einer genügenden Zahl langgeschulter Führer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern großen Angriffsschlachten sehr fühlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und zu bedenklich gelockert. Es war an sich verständlich, daß der Soldat sich inmitten der erbeuteten reichen Bestände gegnerischer Depots dem Genusse lang entbehrter Lebens- und Genußmittel hingab. Aber es hätte verhindert werden müssen, daß er sich auf diese Genüsse zur Unzeit stürzte und dabei seine augenblickliche Pflicht vernachlässigte. Ganz abgesehen von den auflösenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat auch die Gefahr ein, daß uns günstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten.
Die Kämpfe hatten weitere schwere, unausfüllbare Lücken in unsere Truppen gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines völlig neuen Aufbaues. Die Bausteine hierfür waren dem alten Material moralisch meist nicht mehr gleichwertig. Die Schwächen der heimatlichen Verhältnisse spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld nachkommenden Ersatz durchdrangen.
Unter dem Einfluß unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die Stimmung der Heimat in weiten Kreisen mächtig gehoben. Man folgte den Nachrichten aus dem Felde mit größter Spannung und hoffte auf ein baldiges, glückliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen, manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein glücklicher Schluß des ungeheuern Duldens in greifbare Nähe gerückt blieb. So bewirkten die [pg 338]Erfolge des Heeres vieles, was die politische Führung versäumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen Ideenrichtungen durchtränkt waren, die bei ihrer Nervenzerrüttung und sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glück und den Frieden des Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschließlich im feindlichen Lager, das Böse ebenso ausschließlich im eigenen Lande suchten und zu finden glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt für die Zersetzung, die unsern ganzen Volkskörper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen Irrlehren drangen über unsere Grenzpfähle und fanden zahlreiche Anbeter in allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggründen. Die feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort. Sie warf sich mit wechselnder Stärke auf alle Gebiete unseres Lebens.
So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden. Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage geben zu können. Mit ihrer Hilfe zu einem glücklichen Ende zu kommen, war nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung. Vorbedingung für solche Erfolge war, daß wir die Vorhand nicht verloren, das heißt im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn wir ihn selbst aus der Hand gaben.
Wir konnten uns durchkämpfen, wenn nur die Heimat uns weiter die körperlichen und sittlichen Kräfte gab, über die sie noch verfügte, wenn sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die Bundesgenossen nicht versagten.
In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortführung unseres bisherigen Gesamtplanes heran.