Die Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk [pg 200]zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen.
Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:
„Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein Sache der Politiker.“
Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver[pg 201]langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden Persönlichkeiten.
Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.
Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu müssen.
Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von [pg 202]einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.
Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns in sich. Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren.
Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland [pg 203]die oberste Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien.
Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenüber.
Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen würde.
Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete [pg 204]Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.
Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit.
Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.
Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.
Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.
[pg 205]Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender:
Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange.
Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld[pg 206]zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt.
In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.
Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin[pg 207]gewiesen, von welch großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten.
Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine Abneigung gegen die Politik.
Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung [pg 208]sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.
Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.
Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber leider nicht erfolgreich.
Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht völlig ent[pg 209]schlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen.
Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.
[pg 210]Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist?
Mitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei [pg 211]der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.
Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.
Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Ver[pg 212]letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der [pg 213]Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.
Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als [pg 214]Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden.
Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem [pg 215]Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu sichern.
Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.
Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen wäre.
[pg 216]Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein über alles andere zu stellen.
Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.
Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses Programm entstanden ist.
An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der [pg 217]großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterländischer Stimmung.
Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung [pg 218]von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben.
So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!
Als sich das Ergebnis der Kämpfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit überblicken ließ, mußten wir über die Weiterführung des Krieges im Jahre 1917 ins klare kommen. Über das, was der Gegner im nächsten Jahre tun würde, war bei uns kein Zweifel. Wir mußten auf einen allgemeinen feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und die Witterungsverhältnisse einen solchen zuließen. Vorauszusehen war, daß unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre, eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben würden, sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit ließen.
Nichts konnte näher liegen und unser aller Wünschen und Empfindungen mehr entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die gegnerischen Pläne dadurch über den Haufen zu werfen und damit von Anfang an die Vorhand an uns zu reißen. Ich darf wohl behaupten, daß ich in dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versäumt hatte, sobald mir die Mittel hierfür in einem nur einigermaßen genügenden Ausmaß zur Verfügung standen. Jetzt aber durften wir uns über diesen Wünschen den Blick für die tatsächliche Lage nicht trüben lassen.
[pg 220]Es bestand kein Zweifel, daß sich das Stärkeverhältnis zwischen uns und unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen war. Rumänien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mußten. Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit für seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im weitesten Umfang rechnen.
Es war ein Verhängnis für uns, daß es unserer Heeresführung während des ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd gegenüber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Kräfteverbrauch zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar günstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen, allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie jedoch wieder kampfkräftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt zur Auffrischung ihrer Verbände andauernd Zuzug und Ersatz aus allen möglichen Ländern, zuletzt besonders auch durch österreichisch-ungarische Überläufer slawischer Nationalitäten.
In allen drei Fällen, Belgien, Serbien und Rumänien, hatte das Schicksal der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gründe ihres Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche.
Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im Kriege eine große Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck würdigt man den Krieg aus seiner stolzen Höhe zu einem Glücksspiel herab. Als solches ist er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch wenn letzteres sich gegen uns wendete, [pg 221]immer und überall eine herbe Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den Erfolg auf seiner Seite, wer das unterläßt oder unterlassen muß, verliert.
Für das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darüber im Zweifel sein, ob die Hauptgefahr für uns aus West oder Ost kommen würde. Rein vom Standpunkte zahlenmäßiger Überlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront größer. Wir mußten annehmen, daß es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den Vorjahren gelingen würde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit Erfolg angriffsfähig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen Heeres hervorgegangen wäre. Die Erfahrung hatte mich übrigens gelehrt, derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit äußerster Vorsicht aufzunehmen.
Dieser russischen Stärke gegenüber konnten wir die Verhältnisse in dem österreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten, die uns zukamen, ließen die Zuversicht nicht recht aufkommen, daß der glückliche Ausgang des rumänischen Feldzuges und die verhältnismäßig günstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und stärkenden Einfluß ausgeübt hatten. Wir mußten weiterhin damit rechnen, daß Angriffe der Russen wieder Zusammenbrüche in den österreichischen Linien verursachen könnten. Es war sonach ausgeschlossen, den österreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Unterstützung zu nehmen; wir mußten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen Notfällen an den Fronten des Verbündeten mit weiteren Kräften auszuhelfen.
Wie sich die Verhältnisse an der mazedonischen Front gestalten würden, war ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kämpfe ein deutsches Heeresgruppenkommando die Führung der rechten und mittleren bulgarischen Armee, d. h. im allgemeinen die [pg 222]Front von Ochrida bis zum Doiran-See, übernommen; auch waren sonst noch aus den Kämpfen der Jahre 1915 und 1916 her höhere deutsche Befehlshaber in dieser Front tätig geblieben. Andere unserer Offiziere waren ferner damit beschäftigt, die reichen Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu übermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim Wiederaufleben der Kämpfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Unterstützungsbereit mußten wir jedenfalls auch für die mazedonische Front sein.
Auch an unserer Westfront mußten wir damit rechnen, daß die Gegner im kommenden Frühjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen würden. Ich möchte den Ausdruck „volle Kraft“ natürlich bedingt aufgefaßt wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger Monate wohl zahlenmäßig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen wie auch wir.
Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes: Der Gegner hatte im zähesten, fünfmonatigen Ringen an der Somme unsere Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurückgeworfen. Vergessen wir diese Zahlen für spätere Vergleiche nicht!
Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war, war bei der Größe unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung unserer Linien drückte aber auf unsere nach Nord und Süd anschließenden Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe, verbunden mit nördlich und südlich davon angesetzten Nebenangriffen, umfaßt zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den eingebrochenen Feind war die nächstliegende, angesichts unserer Gesamtlage aber auch die bedenklichste Lösung. Durften wir es wagen, alle unsere Kraft zu einem großen [pg 223]Angriff in der mit feindlichen Truppen angefüllten Gegend an der Somme einzusetzen, während wir vielleicht an anderer Stelle der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte sich hier wieder einmal, daß unsere Kriegführung, wenn sie mit großen Plänen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht verschließen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine Sprache, die sich Gehör verschaffen mußte.
Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch einen Angriff nicht verbessern konnten, so mußten wir die Folgerungen daraus ziehen und unsere Linien zurücknehmen. Wir entschieden uns daher auch zu dieser Maßnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne eingedrückt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurück. Diese neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt.
Also Rückzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluß. Schwere Enttäuschung für das Westheer, vielleicht eine noch schwerere für die Heimat, die schwerste, wie zu befürchten, bei unseren Verbündeten. Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren Stoff für Propaganda vorstellen? Glänzender, wenn auch spät sichtbarer Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher Widerstand, heftige unaufhörliche Verfolgungen mit großen Beutezahlen, Schauergeschichten über unsere Kriegführung. Man konnte das ganze Register, das aufgezogen werden würde, schon vorher hören. Welch ein Hagel propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien niederfallen!
Unsere große Rückwärtsbewegung begann am 16. März 1917. Der Gegner folgte ihr ins freie Gelände zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht sich zu größerem Drängen steigern wollte, verstanden es unsere Deckungstruppen, abkühlend auf den feindlichen Eifer zu wirken.
[pg 224]Mit der getroffenen Maßnahme schufen wir uns nicht nur günstigere örtliche Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte Kriegslage. Gab uns doch die Verkürzung der Verteidigungslinie im Westen die Möglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan, wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser unserem Rückzug in die Siegfriedstellung über das freie Gelände folgen würde, in dem wir uns ihm unbedingt überlegen fühlten. Wir verzichteten jedoch hierauf und hielten unser Pulver für die Zukunft trocken.
Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Frühjahr des Jahres 1917 geschaffen hatten, vielleicht als eine große strategische Bereitstellung bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand überließen, aus der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche Schwächepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus früheren Kriegen können bei der ungeheuer gesteigerten Größe aller Verhältnisse nicht gezogen werden.
Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen muß ich zwei Pläne besprechen, mit denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschäftigen hatten. Es waren Vorschläge für einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem großen Erfolge gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschließen. Wie ich schon früher ausführte, vertrat ich dauernd die Anschauung, daß Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem politischen Druck Englands stünde, als daß dieses Land, selbst durch eine große Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen wäre. Generaloberst von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die günstige Rückwirkung eines sieg[pg 225]reichen Feldzuges gegen Italien auf die Stimmung in den österreichisch-ungarischen Ländern. Er hoffte auf die große militärische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge für Österreich-Ungarn eintreten mußte. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche Unterstützung – es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen – glaubte Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener aus Südtirol heraus unternehmen zu können. Demgegenüber glaubte ich es jedoch nicht verantworten zu können, so viele deutsche Truppen auf nicht absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefährlichsten Fronten in Ost und West ablag.
Ähnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebäugelte mit diesem Plane, und von seinem Standpunkte aus natürlich mit vollster Berechtigung. Ein entscheidender Erfolg unsererseits hätte die Entente zur Räumung dieses Landes zwingen können. Bulgarien wäre dadurch militärisch und politisch nahezu völlig entlastet worden. Das Unternehmen hätte auch den lebhaften Wünschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen, schönen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei mir keinen Eindruck. Auch die militärische Entlastung Bulgariens hätte nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen für unsere Gesamtlage bedeutet. Hätten wir die Ententekräfte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen, so würden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo außerhalb des Balkans hätten einsetzen können, erschien mir mindestens fraglich. Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen außerhalb des unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes während des rumänischen Feldzuges nördlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen [pg 226]Reibungen mit diesen Verbänden geführt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegführung am besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien beschäftigten. Das schloß natürlich nicht aus, daß ich einen selbständigen Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begrüßt hätte. Das Ziel eines solchen hätte dann aber wohl wesentlich begrenzter gefaßt werden müssen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe, allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu können, und wohl mit Recht.
Nachrichten über die Entwicklung der politischen Verhältnisse in Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie verführerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber völlig unempfindlich. Ich bezweifelte es, daß das Volk der Hellenen mit großer Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im großen und ganzen wäre es dabei um das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner hätten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen.
Aus meinen vorstehenden Ausführungen dürfte mit aller Klarheit hervorgehen, daß die Anspannung der deutschen Kräfte durch die gesamte Lage eine so hohe war, daß wir sie nicht durch weitere, außerhalb unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Pläne, die sichere Aussichten auf große kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht von der zunächst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf im Osten und [pg 227]Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrückende Überlegenheiten.
Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre 1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute nochmals die Frage vorlege, ob ich anders hätte entscheiden sollen und dürfen, so muß ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen zu können, daß der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa späterhin unser Verhalten als das Richtige bestätigt hat. Wir konnten und durften nicht einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu pflücken.
Die Türkei war für 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr gegenüberstehenden Kräfte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so erfüllte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges.
Um die hierfür nötigen Truppen kampfkräftig zu erhalten, hatten wir schon im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie möchte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvölkerten und ausgesogenen armenischen Hochlande zurückziehen, um den Truppen die Überwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spät erteilt. Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Kälte dem vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr tragisches Ende je verkünden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle getan.
Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen! Man denke an die vielen Säuglinge, die infolge Aushungerung der Mütter dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose, kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung brüsten! Wo ist da Gesittung? Stehen sie als Menschen höher wie jene, die im armenischen Hochlande zum Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wüteten und dafür vom Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Nächstenliebe gesprochen.
Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so „Gesitteten“? Ihr Plan ist klar. Sie haben eingesehen, daß ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur Erkämpfung ihres tyrannischen Willens, daß ihre Kriegskunst unfruchtbar bleibt gegenüber ihrem Gegner mit stählernen Nerven. Man zermürbe also dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so gelingt es vielleicht von rückwärts her auf dem Wege über die Heimat. Man lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt „so Gott will“ auf den Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch allmählich! Vielleicht entschließen sich diese Gatten und Väter, die Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und Kind, der Tod – der Gesittung. So denken Menschen und können dabei beten!
[pg 229]„Der Gegner überschüttet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu? Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?“ Das fragt der Soldat an unseren Fronten.
Heimat und Heer wenden sich mit solchen und ähnlichen Ausführungen an ihre Führer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher. Der Wille, die ganze Schärfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die Leiden der Heimat abzukürzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu entlasten, war schon vor meiner Übernahme der Obersten Heeresleitung vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt nur „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Alles andere erscheint Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut.
Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so durften doch nicht Folgen außer acht gelassen werden, die aus der rücksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen konnten. Werden Rücksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt es doch Rücksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat darf durch Anwendung der Waffe nicht in größere Gefahren und Sorgen gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es schwankt also der Entschluß, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch menschliche Gefühle mitreden!
So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Großen Hauptquartier. Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darüber bei der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste Heeresleitung stark davon berührt. Ist es doch klar, daß wir aus allgemein militärischen Gründen die Führung des Unterseebootkrieges wünschen müssen. Die Vorteile, die wir hieraus für unsere Landkriegführung erwarten können, sind mit den Händen zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite [pg 230]die Fertigung von Kriegsbedürfnissen oder deren Beförderung über See wesentlich eingeschränkt werden müßte, wäre das für uns eine große Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelänge, die gegnerischen überseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch große Entlastung würde das nicht bloß für Bulgarien und die Türkei, sondern auch für uns bedeuten, ohne daß wir hierfür deutsches Blut opferten! In weiterer Ferne steht auch die Möglichkeit, den Ententeländern die Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unerträglichen Maße zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versöhnende Hand zu reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das wir noch für eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten, nachdem wir zum Weiterkämpfen gezwungen waren.
In welchen Zusammenhang wir die Führung des Unterseebootkrieges zu der gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung. Diese Zuschrift sollte als Grundlage für eine Anweisung an unseren Botschafter in Washington dienen und lautete:
„Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persönlichen Unterweisung mitgeteilt, daß die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmächte gegen Rumänien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch zweifelhaft. Daher muß vorläufig mit längerer Kriegsdauer gerechnet werden.
[pg 231]Demgegenüber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den rücksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt machen würde. Deshalb muß die Deutsche Oberste Heeresleitung den rücksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Maßnahmen einbeziehen, unter anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu führen. Schließlich können wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die neutralen Mächte bearbeitet, um seine militärische und wirtschaftliche Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten müssen wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns vorbehielten, wiedergewinnen.
Die Gesamtlage würde sich aber vollständig ändern, falls Präsident Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Mächten einen Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser müßte allerdings ohne bestimmte Vorschläge territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezügliche Aktion müsse aber bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor derselben warten, so würde er zu einem solchen Schritte kaum mehr Gelegenheit finden. Auch dürften die Verhandlungen nicht erst auf Abschluß eines Waffenstillstandes abzielen, sondern müßten lediglich unter den Kriegsparteien geführt werden und innerhalb kurzer Frist unmittelbar den Präliminarfrieden bringen. Ein längeres Hinausziehen würde die militärische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere Vorbereitungen der Mächte zur Fortsetzung des Krieges bis in das nächste Jahr zur Folge haben, sodaß an einen Frieden in absehbarer Zeit dann nicht mehr zu denken wäre.
[pg 232]Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House – dem Mittelsmann, durch welchen er mit dem Präsidenten verhandelt – besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine Friedensaktion des Präsidenten, die nach außen hin am besten spontan erscheinen würde, würde bei uns ernsthaft in Erwägung gezogen werden, und diese würde ja auch für die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg bedeuten.“
Die schwierigste Frage ist und bleibt: „Innerhalb welcher Zeitspanne wird der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden können?“ Der Admiralstab kann hierfür natürlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten Schätzungen sind so günstig für uns, daß ich grundsätzlich die Gefahr in den Kauf nehmen zu können glaube, uns mit der Anwendung des neuen Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen.
Mochte die Marine auch noch so sehr drängen, so verlangten doch politische und militärische Rücksichten eine Verzögerung des Beginns des uneingeschränkten Unterseebootkrieges über den Herbst 1916 hinaus. Wir durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf uns ziehen. Wir mußten jedenfalls warten, bis wir einen günstigen Abschluß des rumänischen Feldzuges überblicken konnten. Gelang ein solcher, so verfügten wir über genügend Kräfte, um angrenzende neutrale Staaten von einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu können, mochte England auch deren wirtschaftliche Bedrückung noch weiter steigern.
Zu den Rücksichten aus militärischen Gründen treten solche aus politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein völliger Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstärkte Anwendung der Unterseebootwaffe nicht denken.
Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es für mich nur noch militärische Rücksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in Rumänien, bis Ende Dezember gestattete nun[pg 233]mehr nach meiner Überzeugung die weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe.
Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhöchster Kriegsherr gegen die Ansicht des Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im Zweifel über die Schwere des Schrittes.
Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine große moralische Stärkung für Fortführung des Landkrieges.
Angesichts des für uns verhängnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die Erklärung des uneingeschränkten Unterseebootkrieges für ein Vabanquespiel halten zu müssen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschluß politisch und militärisch wie auch moralisch herabzuwürdigen. Man übersieht bei diesem Urteil, daß nahezu alle entscheidenden Entschlüsse, und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich tragen, ja, daß die Größe einer Tat hauptsächlich darin liegt und daran zu messen ist, daß ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen wäre. Ein Führer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Mißlingt ihm der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es würde jeder Größe entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich gründen ließe, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhängig wäre von dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer deutschen militärischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf [pg 234]die größten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die mächtigsten Taten unserer gefährlichsten Gegner. Gab es einen kühneren Einsatz der letzten Kraft, als ihn der große König bei Leuthen wagte und damit das Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschluß Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden? Wäre nicht ein Blücher dem Korsen gegenüber gewesen, der Korse hätte gesiegt, und die Weltgeschichte wäre wohl einen anderen Weg gegangen. Und auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwärts; wagte er nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das Äußerste? Hören wir, was vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darüber sagte:
„Das schönste Manöver, das ich je auf Erden habe ausführen sehen, ist die Tat des Greises Blücher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten Soldaten losstürmte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenführte.“
Ich möchte dieses Kapitel nicht schließen, ohne meine Zweifel der Behauptung gegenüber zu äußern, daß mit dem Eintritt Amerikas in die Reihen unserer Gegner unsere Sache endgültig verloren gewesen sei. Warten wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise großen Erfolge zu Lande vom Frühjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht erfahren, daß wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu reißen, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, daß andere als militärische Gründe uns um ein erfolgreiches oder wenigstens erträgliches Kriegsende brachten.
Nach erfolgreicher Beendigung des rumänischen Feldzuges und der dadurch eingetretenen Entspannung der Ostlage mußte das Schwergewicht unserer demnächstigen Tätigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein frühzeitiger Beginn der Kämpfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die Möglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in unmittelbare persönliche Berührung zu treten. Dazu kam, daß Kaiser Karl einerseits in der Nähe der politischen Behörden seines Landes zu sein wünschte und andererseits auf den unmittelbaren persönlichen Verkehr mit seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k. Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917 nach Baden bei Wien über. Damit entfiel für Seine Majestät unseren Kaiser und für die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Pleß zu bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach.
Beim Abschied von Pleß war es mir ein besonderes Bedürfnis, dem dortigen Fürsten und seiner Beamtenschaft für die große Gastfreundschaft zu danken, die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken.
An die Gegend, in die wir nun kamen, knüpften sich für mich Erinnerungen aus meiner früheren Tätigkeit als Chef des Generalstabes in der Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen rührender Freundlichkeit. Diese äußerte sich unter anderem [pg 236]auch darin, daß unser Heim und unser gemeinsamer Speiseraum täglich durch die Hände junger Damen mit frischen Blumen geschmückt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen ältesten Vertretern im Kriege ich gehörte.
Kurz nach unserem Weggang von Pleß trat Generaloberst von Conrad von der Heeresleitung Österreich-Ungarns zurück, um den Oberbefehl an der Front Südtirols zu übernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt geworden. Ich glaubte sie auf persönlichem Gebiete suchen zu müssen, da sachliche Gründe meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher Soldat, also gleich seinem Vorgänger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, daß uns beiden die Abneigung gegen die Beschäftigung mit politischen Fragen gemeinsam war. Was unter den früher von mir berührten schwierigen Verhältnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General von Arz nach meiner Überzeugung mit bewundernswürdiger Ausdauer geleistet. Er hat sich über die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß er mit so mannhaftem Vertrauen an sie herantrat.
Für mich persönlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die Feier meines 70jährigen Geburtstages.
Seine Majestät mein Kaiser, König und Herr, hatte die große Gnade, mir als Erster an diesem Tage persönlich seine Glückwünsche in meinem Heim auszusprechen. Das war für mich die größte Weihe des Tages!
Auf dem Wege zu unserem Dienstgebäude begrüßte mich später in der strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur gemeinsamen Arbeitsstätte erwarteten mich meine Mit[pg 237]arbeiter, im anschließenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten, verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilstätten des Badeortes, daneben alte Veteranen, Mitkämpfer aus längst vergangener Zeit.
Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Gerücht von der Wahrscheinlichkeit eines großen feindlichen Fliegerangriffes auf unser Großes Hauptquartier für den heutigen Tag verbreitet. Möglich auch, daß das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurück längs der Nahe suchte. Kein Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und gehört wurde, als tatsächlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht eröffneten unsere Flugabwehrgeschütze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der hohen Feuergeschwindigkeit erschöpfte sich rasch die vorhandene Munition, und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestört zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine große Schale, angefüllt mit Sprengstücken deutscher Geschosse, die in dem Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr hatten wir also doch geschwebt.
Ein Teil der Kreuznacher hatte übrigens die nächtliche Schießerei für den militärischen Abschluß meines Geburtstagsfestes gehalten.