Kattwald.
Nur eben nein?
Du willst nicht, so? und all dein Grund ist: nein?
Ich aber sage dir: wenn er in meinem Namen
Dich folgen heißt, so folgst du ohne Nein;
Sonst dürften meine Knecht' an dir versuchen,
Ob fest das Eisen noch an Beil und Spieß.

Edrita.
Nun stehst du da und weißt nicht, was du sollst,
Und mußt gehorchen doch. Ich wußt' es ja.

Kattwald.
Merk wohl: wenn er dir's heißt in meinem Namen;
Doch vorderhand bleibst du hier außen noch.
(Zu Leon.)
Mein Freund, du schnüffelst mir zuviel herum
Und spionierst, merk ich, nach allen Seiten.
Du suchst wohl den Genossen nur der Flucht.

Leon.
Erraten, Herr! Zu zweien läuft sich's besser.

Kattwald.
Nun denn! du hast mich scherzhaft nur gesehn,
Da duld und geb ich wohl ein lustig Wort.
Doch preß ich meine Finger in den Mund
Und ruf mein Schlachtgeschrei, dann, guter Freund,
Setzt's Blut.

Edrita.
Du, das ist wahr.

Leon.
Ich zweifle nicht.
Blut auch bei mir, von Hühnern, Tauben, Enten,
Von allem, was nicht beißt und fromm sich fügt.
(Er fängt an, das Grünzeug aus dem Korbe zu werfen.)

Kattwald (eifrig).
Was machst du da?

Leon.
Was soll das viele Zeug?
Ist niemand hier doch, der's zur Küche trägt.

Kattwald.
Nimm du den Korb und geh!

Leon.
Ei, in der Tat?
Bin ich als Träger denn in Euerm Dienst?

Edrita.
Laß mich—

Leon.
Wärt Ihr bemüht an meiner Statt?

Kattwald.
Am Ende soll ich selbst—?

Leon.
Wer's tut, mir gleich.

Kattwald (umherblickend).
Da hilft denn wirklich nur ein tücht'ger Stock.

Atalus (auf seinen Knüttel gelehnt, vergnügt vor sich hin).
Bricht's einmal los? Er ist auch gar zu frech.

Kattwald (zu Atalus).
Zu frech? Und du zu albern, leerer Bursch!
Wer etwas kann, dem sieht man etwas nach,
Das Ungeschick an sich ist schon ein Ungemach.
Du nimmst den Korb und gehst und dienst ihm hilflich,
Und führt er Klag', gedenk an meinen Arm.
Für ihn wird sich wohl auch der Meister finden.
Du widersprichst?

Edrita.
Er sagt ja nicht ein Wort.

Kattwald.
Nun denn, hierher! und fort!
(Zu Galomir.)
Mach ihnen Beine!

(Da dieser mit hastiger Übertreibung das Schwert ziehen will.)

Oho! Du spießest etwa mir den Koch
Und brätst ihn endlich gar! Brauch deine Hände!

Leon (zu Edrita).
Indes sie hier sich liebenswürdig machen,
So machen wir uns fort. Nicht So?

Edrita.
Mir recht!

Leon.
Und wer am besten läuft, erhält—Nun was?

Edrita.
Nun nichts!

(Sie laufen Hand in Hand fort.)

Kattwald.
Holla, das läuft! Die sind schon sehr bekannt!
Und was denkst du dazu, mein armer Galomir?

Galomir.
Ich?

Kattwald.
Nun, ich weiß, du denkst nicht gar zuviel.
Doch sei getrost! Nur noch ein Tage zwei,
So ist sie deine Frau, und ihr zieht fort.
Da nimmst du diesen Burschen etwa mit,
(auf Atalus zeigend)
Und macht der andre hier sich gar zu unnütz,
So tun wir ihm, wie er den Hühnern tut,
Und schlachten ihn mal ab. Für jetzt, Geduld!
Zum Festschmaus ist er uns ja doch vonnöten.
(Zu Atalus.)
Du dort, voran!
Uns laß nur immer heim,
Die Gäste fanden etwa auch sich ein.
(Gehend, dann stehenbleibend.)
Mir wässert schon der Mund nach leckern Bissen!

(Indem Atalus, den Korb in der Linken tragend und den Stock auf der rechten Schulter, widerwillig vorausgeht und die beiden folgen, fällt der Vorhang.)

Dritter Aufzug

Vorhof in Kattwalds Hause wie im zweiten Akte. Die Halle ist erleuchtet, und man sieht Gäste an einem langen Tische sitzen. Im Vorgrunde Leon beschäftigt. Atalus vor der Küche auf einem Steine sitzend und mit seinem Stocke spielend.

Leon (einem Knechte einen großen Braten reichend).
Trag nur hinauf und sag, es sei das letzte.
Sie mögen ihre Lust am Weine büßen.

(Knecht über die Brücke in die Halle.)

Leon (nachdem er Atalus eine Weile betrachtet).
Nun habt Ihr überlegt?

Atalus.
Was nur?

Leon.
Was ich Euch sagte.

Atalus.
Was sagtest du mir denn?

Leon.
Du meine Zeit!
Das hält auch gar zu schwer. So hört denn zu.
Warum ich Euch hierher gebracht, Ihr wißt's.
Der alte Werwolf aber schöpft Verdacht.
Ich hört' ihn sagen, zieh' die Tochter fort,
Wollt' er mit ihr Euch senden, weit ins Land.

Atalus.
Das wär' mir eben recht.

Leon.
So? In der Tat!

Atalus.
Das Mädchen ist gar hübsch.

Leon.
Das merkt' ich auch.

Atalus.
Sie will mir wohl.

Leon.
Das merkt' ich nicht.

Atalus.
Seit lange.

Leon.
Doch schien es mir, als lacht' sie über Euch.

Atalus (aufstehend).
Mein Ohm hat mich den Studien bestimmt,
Deshalb verkehrt' ich wenig nur mit Weibern,
Doch sagt man: was sich neckt, das liebt sich auch.

Leon.
Doch Necken und Verlachen, Herr, sind zwei.

Atalus.
Ich glaub es nun einmal.

Leon.
Ei, immer denn!
Doch zieht mit der Euch liebenden Geliebten
Ihr weiter fort ins Land, wie steht's dann, Herr,
Mit Eures Oheims Wunsch und unsrer Flucht?

Atalus.
Da hast du wieder recht.

Leon.
So hört denn weiter.

(Geschrei und Lärm von zusammengestoßenen Bechern im Hause.)

Leon (nach rückwärts).
Nur zu! nur zu! Das paßt in meinen Plan!
Mein Anschlag ging zuerst ins Ferne, Weite,
Nach Wochen dacht' ich möglich erst die Flucht.
Doch trennt man uns, welkt alle Hoffnung hin.
Auch ist Gelegenheit ein launisch buhlend Weib,
Die nicht zum zweiten Male wiederkehrt,
Fand sie beim erstenmal die Tür verschlossen.
Nun hoff ich, daß der Wein, die fremden Speisen,
Die ich zumal gepfeffert und gewürzt,
Daß sie zum Trunk, wie Sommerwärme, laden;
Davon hoff ich die Herren so bewältigt—
Die Diener ahmten treulich ihnen nach.—
(Auf die große Pforte zeigend.)
Seht Ihr den Schlüssel dort in jenem Schloß?
Vergißt man den, wenn's Abend, abzuziehn,
Ist frei der Weg, und—halt noch! Geht zur Seite!

(Sie treten auseinander. Ein Diener kommt schwerfälligen Ganges, ein Lied mißtönig vor sich hinbrummend. Er geht zur Pforte, schließt sie ab und zieht dann den Schlüssel aus. Leon macht eine Bewegung gegen ihn, tritt aber gleich wieder zurück. Der Diener geht über die Zugbrücke ins Haus.)

Atalus (lachend).
Ha, ha! Damit ging's schief.

Leon.
Freut Ihr Euch drüber?

Atalus. 's ist nur, weil du für gar so klug dich hältst.

Leon.
Ob klug, ob nicht, das soll die Folge lehren.
Den Schlüssel schaff ich wieder, drauf mein Wort.
Ich hab erkundigt, daß er nachts im Zimmer
Des Alten hängt, zu Häupten seines Betts;
Dort holt man ihn, tun Wein und Schlaf das ihre.

(Neuer Lärm in der Halle.)

Hört Ihr? Doch klingt's schon schwächer. Sie sind matt.
Was heut getan, ersparst du dir für morgen,
Ein Helfer wie dies Fest kommt nicht im Jahr.
Auch ist der Weg mir, den ich hergemacht,
Teils noch bekannt, teils stellt' ich Zeichen,
Die längre Zeit verwirret und verwischt,
So daß der Anschlag heut, wie nie, gelingt.
Kommt dann der Tag, und sind sie spät erwacht,
So sichert uns der Vorsprung, will es Gott.
(Die Lichter in der Halle sind nach und nach verlöscht.)
Seht, es wird dunkel oben in der Halle,
Bald haben Wein und Schlaf ihr Amt vollbracht.

Doch wird man unsre Flucht vor Tag gewahr,
So ist noch eins zu tun. Seht dort die Brücke,
So roh wie alles hier und schlecht gefügt,
Mit Pflöcken eingerammt die Tragepfähle.
Gräbt nun ein Mann der Pfeiler einen ab,
So stürzt die Brücke, wenn man sie betritt,
Und der Verfolger liegt im sumpf'gen Graben.
Das sichert uns vor jenen drin im Haus;
Und auch die Knechte werden früher eilen,
Zu ziehen den Gestürzten aus dem Grund,
Als daß sie uns verfolgen, die wir fliehen.
Bis man den Zugang herstellt, sind wir weit.
So ist nun zwei zu tun, doch sind wir zwei:
Der eine schleicht ins Haus, indes der andre
Die Stützen losgräbt, wie ich Euch gesagt,
Wozu hier das Gerät schon in Bereitschaft.

Atalus.
Ich dring ins Haus.

Leon.
Ei wahrlich! in der Tat!

Atalus.
Hätt' ich ein Schwert, der Schlüssel wäre mein.

Leon.
Hätt' ich, so würd' ich!—Possen! Wenn und Aber
Sind, wie das Sprichwort sagt, der Pferde schlechtster Haber.
Ich will Euch nicht bestreiten andre Gaben,
Doch schlauer, Herr, bin ich. Ich schleich ins Haus.
Ihr mögt indes nach Lust im Boden wühlen.

Atalus.
So fällt das Schwerste immer denn auf mich?

Leon.
So nennt Ihr das das Schwerste? in der Tat!

Atalus (Spaten und Haue mit dem Fuße wegstoßend).
Nicht rühr ich an dies niedrige Gerät.
Ich bin der Beßre, darum muß das Kühnre
Mir anvertraut sein, mir! Ich dring ins Haus.

Leon.
Und wenn Euch einer in den Gängen trifft?

Atalus.
So pack ich ihn am Hals—

Leon.
Und er schreit Zeter.
Herr, kämpft mit Löwen, aber Vögel fangen,
Das laßt nur mir. Es sei, wie ich gesagt.
Mir hat's Eu'r Ohm vertraut, ich steh ihm ein,
Drum muß es gehn nach meinen klaren Sinnen.
Sonst send ich Euch zu Euern Pferden wieder,
Da mögt Ihr denn an Euerm Unmut kaun,
Indes ich selbst die raschen Beine brauche.
Was sie für mich bezahlt, ist dann wohl wett
Durch manchen Dienst, den etwa ich geleistet.
Eu'r Oheim harret Eurer—hört Ihr wohl?
Leis mit den Abendwinden, deucht mich, dringt
Zu uns her sein Gebet, das schützt, das sichert,
Und Engel mit den breiten Schwingen werden
Um uns sich lagern, wo wir wandelnd gehn.
Ich möcht Euch schmeicheln, wie man Kindern schmeichelt.
Glaubt, Graben ist ein adelig Geschäft!
Was Ihr auch Großes wirkt und Großes fördert,
Der Euch einst eingräbt, er besiegt doch alles,
Was in Euch siegt und wirkt und prangt und trachtet.
Hier ist der Spaten, tragt ihn wie ein Schwert,
Und hier die Haue—doch noch nicht, noch jetzt nicht.

(Edrita erscheint auf der Brücke.)

Edrita.
Seid Ihr noch wach?

Leon.
Wir sind's.

Edrita.
So geht zur Ruh'!

Leon.
Wir werden's.

Edrita.
Habt ihr euch nun satt geplaudert?

Leon.
Man ist nicht satt, solang noch Hunger bleibt.

Edrita.
Wenn's euch erfreut, mir recht. Ich geh nun schlafen.

Leon.
Und schließest du dort oben wohl die Tür?

Edrita.
Das ist des Vaters abendlich Geschäft,
Der selbst vor Schlafengehn die Runde hält.
Doch heute, denk ich, unterläßt er's wohl.
Er hat des Weins zuviel in sich gegossen
Und liegt nun schon und schläft. Da mag er sehn.
Ich tu nur, was mein eignes Amt. Nicht wahr?

Leon.
Das sollte jeder tun.

Edrita.
So geh denn schlafen.
Das ist zu Nacht der Müden süße Pflicht.
Und Träume wachen auf, so wie wir schlafen.
Wirst du auch träumen heut?

Leon.
Weiß ich's?

Edrita.
Ich weiß.
Fast schlummr' ich schon. Gut' Nacht!

Leon.
Schlaf wohl!

Edrita.
Ich will.
(Sie geht ins Haus.)

Leon (nachdem er ihr eine Weile nachgesehen).
Nun geht ans Werk mit Gott! Hier das Gerät,
Doch braucht es leise, daß das Ohr der Nacht
Nicht aufhorcht Eurem Ton. Vorsicht vor allem.
(Er hat ihn nach rückwärts geführt.)
Steigt in den Graben nur. Seht zu, hier geht's.
Die Füße setzend in des Abhangs Rasen
Gelangt Ihr leicht zum Grund, der seicht genug,
Zur Not erreichbar mit 'nem tücht'gen Sprung.

(Atalus ist in den Graben gestiegen.)

So geht's. Schon recht. Nun das Gerät.
(Er reicht ihm die Werkzeuge.)
Und jenen Pfeiler rechts dort grabt mir an,
Er scheint am losesten befestigt und verrammt.
Der Grund ist weich, es geht so leicht wie Essen.
(Nach vorn kommend.)
Nun will denn ich mich rüsten an mein Werk.
(Sich an den Hals fühlend.)
Sitzt denn der Kopf noch fest? Ja, noch zur Hand,
Doch für demnächst möcht ich darauf nicht borgen.
Ob ich sie schon mit derber Unverschämtheit
So sehr an jedes Äußerste gewöhnt,
Daß Scherz und Ernst in einem Topfe quirlt
Und die Beleid'gung zur Entschuld'gung wird.
Mut denn, Leon, es geht nicht gleich ans Leben.
(Halblaut singend.)
Es war einmal!—
Ja so, es gilt zu schweigen.
Und dann, wenn's endlich wirklich nun gelingt
Und er, der gute alte Herr—Habt acht!
Es geht zum Sturm! Den Schild hoch! Doppelschritt!
(Er eilt die Brücke hinan, hinabsehend.)
So recht, mein Maulwurf, wühl dich in den Grund!
Doch laß ein Restchen Pflockes nur noch stehn,
Sonst droht beim Rückweg selber mir die Falle.

(Man hört unten einen lautern Schlag.)

Halt doch! zu laut!—Doch leise nur auch ich.
(Er geht ins Haus.)

Atalus (unten).
Leon!
(Er wird sichtbar.)
Er ist schon fort! Der freche Bursch
Läßt mich hier fronen, während er—Geduld!
Er soll mir's seinerzeit mit Wucher zahlen.
(Er verschwindet wieder.)

————

Verwandlung

Kurzes Zimmer, an der Rückwand eine große bogenförmige Öffnung, daneben links eine kleinere. Beide durch Vorhänge geschlossen. Hart an der letztern eine Seitentüre.

Nach einer Pause guckt Leon durch den Vorhang des kleinen türförmigen
Ausschnittes.

Leon (gedämpft).
Hier ist das Zimmer, hab ich recht bemerkt,
Und dort der Raum, wo unser Werwolf ruht.
Schläft er?

(Er setzt einen Fuß ins Zimmer und tritt damit etwas stärker auf, wonach er sich sogleich wieder zurückzieht und verschwindet. Nach einer Weile wieder erscheinend.)

Er schläft.—Insoweit wär' es gut!
Obgleich mit alledem noch nicht am besten.
Der Schlüssel hängt zu Häupten seines Betts.
Und liegt er gleich in Wein und Schlaf begraben,
So hat das Raubtier doch gar leisen Schlaf,
Wenn's selber wird beraubt.—Jetzt oder nie!
Ein rascher Griff, und alles ist getan.
Erwacht er auch, so hilft ein Lügenkniff.
Doch halt! das hat der alte Herr verboten,
Ob's töricht gleich, höchst albern, lächerlich!
Wie soll man mit den Teufeln fertig werden,
Hilft nicht ein Fund?—Wie immer! sei's gewagt!
(Er hat sich dem Vorhange genähert.)
Wer nur den Schlüssel fänd' beim ersten Griff—
(Horchend.)
Ich hör ihn atmen. Schnarchen, deucht' mich, heißt's.
Ist er so grob, was bin ich denn so sittig?
(Er geht hinter den Vorhang.)

(Edrita erscheint am Eingange der Mittelwand, den Finger auf dem Munde.
Sie tritt horchend einige Schritte vorwärts.)

Kattwalds Stimme (hinter dem Vorhange).
Holla. Hallo! Den Schlüssel da—

Leon (ebendort).
So hört!

Kattwald.
Den Schlüssel, sag ich, gib! Wo ist mein Schwert?
Ich haue dich in hunderttausend Stücke.

Leon.
Hört nur!

Kattwald.
Du höre, spricht mein Schwert.

(Edrita hat gleich bei den ersten Worten sich nach der Seitentüre links gewendet und in hastiger Eile den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen. Jetzt tritt sie damit hinter den Vorhäng der Eingangstüre zurück.)

Leon (hervorkommend).
Nun stehe Gott uns bei! Fort den Verräter!
(Er schleudert den Schlüssel von sich nach der Gegend des Eingangs.)

Kattwald (mit bloßem Schwert ihm folgend).
Heraus mein Schwert! Wo ist der freche Dieb?

Leon (dem Schlüssel nachblickend).
Vielleicht kann ich ihn noch beim Gehn erhaschen.

Kattwald.
Wo ist der Schlüssel, wo?

Leon.
Ich hab ihn nicht.

Kattwald.
Du nahmst ihn.

Leon.
Ja, ich nahm ihn.

Kattwald.
Nun, und wo?

Leon.
Ich warf ihn, Herr, von mir.

Kattwald (zum Stoß ausholend).
So schaff ihn wieder.

Leon.
Man muß ihn eben suchen.
(Sucht auf der entgegengesetzten Seite.)

Kattwald.
Such!

Leon (am Boden suchend).
Hier ist er nicht.

Kattwald.
Ich aber will nicht wissen, wo er nicht,
Ich frage, wo er ist!

Leon (aufgerichtet).
Das frag ich auch.

Kattwald.
Such! sag ich.

Leon (wieder gebückt).
Wohl, ich suche.

Kattwald.
Frecher Bursch!
War das der kecke Spaß, die tolle Kühnheit,
Mit der du dich ins Haus—?

Leon.
Herr, hebt den Fuß!

Kattwald.
Wozu?

Leon (ihm einen Fuß emporhebend).
Hier!—ist er auch nicht.

Kattwald.
Donner!
So machst du dich noch lustig über mich?

Leon.
Man muß doch üb'rall suchen.

(Edrita ist während des Vorigen leise eingetreten, hat den Schlüssel vom Boden aufgenommen, den andern an dessen Stelle gelegt und sich leise wieder entfernt.)

Kattwald.
Nun wohlan!
Ich zähle: Eins, zwei, drei; und ist beim dritten
Der Diebesschlüssel nicht in meiner Hand,
Fährt dir mein Schwert in deine feisten Rippen.
Eins!

Leon.
Hört doch!

Kattwald.
Zwei!

Leon.
Ihr wollt doch nicht—?

Kattwald (zum Hieb ausholend).
Und—

Leon (schreiend).
Possen!
(Kaltblütig nach der entgegengesetzten Seite zeigend.)
Wir haben ja dort drüben nicht gesucht.
(Den Schlüssel aufhebend.)
Hier ist das Kleinod ja. Da liegt's am Boden.

Kattwald.
Es war die höchste Zeit. Dir ging's schon nah.

Leon.
Doch ist der Schlüssel leichter, oder wahrlich,
Mir zittert noch die Hand.

Kattwald.
Dort häng ihn hin.

Leon.
Es ist derselbe Schlüssel nicht.

Kattwald.
Dort, sag ich!

(Er hat den Vorhang nach einer Seite zurückgeschlagen. Man sieht ein Bette, daneben einen Schemel.)

Leon (zum Boden gebückt).
Man muß den andern suchen.

Kattwald.
Tausend Donner!
So narrst du mich von neuem? Dort der Platz!

Leon.
Doch wenn's der rechte nicht?

Kattwald.
Es ist der rechte,
Weil du's bezweifelst grad!

Leon.
Fast glaub ich's auch.
Liegt doch kein andrer rings herum am Boden.
(Zur Schlafstelle gehend.)
Hier häng ich ihn denn auf.
(Er tut's.)

Kattwald.
Wo? Zeig die Hände.

Leon.
Hier beide, sie sind leer.

(Der Alte befühlt die Hände.)

Kattwald.
Wohl.

Leon.
Dort der Schlüssel.

Kattwald (in die Höhe fühlend, wobei er aufs Bett zu sitzen kommt).
Auch gut.

Leon.
Nun liegt und schlaft nur aus den Rausch.

Kattwald.
Wie wäre das?

Leon.
Betrunken seid Ihr, ja!

Kattwald.
Heut schon ich dich.

Leon.
Weil Ihr mich morgen braucht.
Doch werf ich Gift in alle Eure Brühen.

Kattwald.
Du sollst von allen essen mir zuerst.

Leon.
So eß ich alle auf mit meinem Freund,
Der viel ein größrer Herr in unserm Land
Als Eure rost'gen Gäst' und Sippen alle.

Kattwald (will aufstehen, Leon stößt schnell den Schemel vor seine Füße, so daß er wieder hinsinkt). Verdammt.

Leon.
Geduld! Da braucht es schnellre Beine.
Und morgen denkt nur, Herr, Ihr habt geträumt,
Und alles das war nicht. Nun, gute Nacht!
(Zur Türe hinaus.)

Kattwald (sitzend).
Im Grund kann man dem Burschen gram nicht sein.
Er sagt grad alles 'raus und ist gar lustig.
Wär' ich an seiner Statt, ich macht's nicht anders.
Der Schlüssel wieder da und—
(Sein Kopf sinkt herab, auffahrend.)
Holla, Bursch!
Ja, er ist fort. Ich will von neuem schlafen.
Der Wein ist wirklich etwas schwer im Kopf.

(Er macht halbliegend mit der Schwertspitze den Vorhang los. Dieser fällt zu und bedeckt die Schlafstelle.)

————

Veränderung

Vorhof des Hauses wie zu Anfang des Aufzuges.

Leon (steht auf der Brücke).
He, Atalus!—Ich glaube gar, er schläft.
(Herabkommend.)
Ei immerhin! Was nützt auch all sein Graben,
Jetzt, da mißlang, was möglich macht die Flucht.
(Horchend.)
Er gräbt!—Oh, daß ich ihn gering geachtet,
Und er genügt dem Wen'gen, was ihm oblag,
Indes ich scheitre, wo ich mich vermaß.
(Nach rückwärts sprechend.)
Laßt ab!—Und doch vorher noch erst versuchen,
Ob also fest gefügt das Tor, die Flügel,
Daß keine Wut, die Wut ob eignem Unsinn—
(Er hat sich dem Tore genähert, plötzlich zurücktretend.)
Du güt'ger Himmel! Täuschen, meine Augen?
Trügt mich die Nacht?—Im Tore steckt ein Schlüssel.
Grabt immer, Atalus!—Es ist nicht möglich!
Wie käm' er hier, der nur erst kurz noch oben
Und doch blinkt er liebäugelnd mir herüber,
(hineilend)
Ich muß dich fassen—prüfen, ob—
(Den Schlüssel fassend und damit auf- und zuschließend.)
 Er ist's!
Und Freiheit weht, wie Äther, durch die Fugen.
(Mit gefalteten Händen.)
So will der Himmel sichtbar seine Wege?
Stehn Engel um uns her, die uns beschirmen?

Edrita (die schon früher sichtbar geworden, jetzt vortretend).
Du irrst, kein Engel hilft, da wo der Mensch
Mit Trug und Falsch an seine Werke geht.

Leon.
Mit Trug und Falsch?

Edrita.
Du willst entfliehn.

Leon.
Ich hab es nie verhehlt.

Edrita.
Ei, ja, ja doch!
Und darum hältst du dich für wahr? Nicht so?
Hast du die Wahrheit immer auch gesprochen,
(die Hand aufs Herz legend)
Hier fühl ich dennoch, daß du mich getäuscht.
Drum hoffe nicht auf Gott bei deinem Tun,
Ich selber war's, die dir den Schlüssel brachte.
Du willst entfliehn?

Leon.
Ich will.

Edrita.
So, und warum?

Leon.
Frägst du, warum der Sklave sucht die Freiheit?

Edrita.
Es ging dir wohl bei uns.

Leon.
Dann ist noch eins.
Ich habe meinem frommen Herrn versprochen,
So fromm, daß, denk ich seiner Abschiedsworte,
Mit dem, was erst nur sprach dein Kindermund,
Ich in Beschämung meine Augen senke;
Versprochen hab ich ihm, den Neffen sein,
Dort jenen Atalus, zurückzubringen.
O kenntest du den heilig würd'gen Mann!

Edrita.
Mir sind nicht fremd die Heil'gen deines Volks.
Es wandern Christen-Priester wohl durchs Land,
Gewinnend ihrem Herrn verwandte Seelen,
Wofür sie Tod erdulden oft und Pein.
Sie lehren einen einz'gen Gott, und wahrlich,
(seine Hand berührend)
An was das Herz in gläub'ger Fülle hängt,
Ist einzig stets und eins. O fürchte nicht,
Daß, bleibst du hier, ich dich mit Neigung quäle.
Ich bin nicht, wie die Menschen oft wohl sind:
Ei, das ist schön! das soll nur mir gehören,
Und das ist gut! das eign' ich rasch mir zu.
Ich kann am Guten mich und Schönen freun,
Wie man genießt der Sonne goldnes Licht,
Das niemands ist und allen doch gehört.
Auch bin ich nicht mehr mein, noch eignen Rechts,
Obwohl ich schaudernd denke, wem ich eigne.
Es soll dir wohl ergehen, bleibst du hier.
Mein Vater ist nur hart im ersten Zorn,
Und jener andre—Nein, ich kann, ich mag nicht!
Bleib hier! das andre gibt der Tag, das Jahr.

Leon.
Wie aber stünd' es dann um meinen Freund?

Edrita.
Laß ihn allein der Rettung Wege gehn.

Leon.
Du kennst ihn, wie er ist, wie rat- und hilflos,
Er fiele den Verfolgern doch anheim.
Doch ist er erst befreit, dann—

Edrita.
Hüte dich!
Du wolltest sagen: dann kehr ich zurück.
Du kehrst nicht wieder, bist du fort erst.

Leon (nach ihrer Hand fassend).
Edrita!

Edrita.
Laß nur das!—Kannst du mich missen,
Ich kann es auch. Und nun zu nöt'gern Dingen.
Wo ist dein Freund?

Leon.
Er gräbt dort an der Brücke.

Edrita.
Er gräbt?

Leon.
Der Pfeiler einen sticht er ab,
Daß ein sie bricht, wird irgend sie betreten.

Edrita (lachend).
Und der Verfolger in den Graben fällt?
Nun, das ist gut.—Dort steht die Pforte offen.
Und doch. Sieh nur, wie Trug und Arglist sich bestraft.

Leon.
Wie nur?

Edrita.
Du glaubst dich Meister nun der Flucht,
Doch gehen weitum Wächter, rasche Knechte,
Die jeden töten, weiß er nicht das Wort,
Das nächtlich als ein Merkmal wird gegeben.
Das Wort heißt Arbogast. Merk dir's.

Leon.
Ja wohl.

Edrita.
Am Ufer dann des Flusses wohnt ein Fährmann,
Verschuldet meinem Vater und verpflichtet.
Den täusch nur, wenn's die Wahrheit dir erlaubt,
Daß du im Auftrag meines Vaters gehst,
Sag ihm auch: Arbogast. Er führt dich über.

(Im Graben geschieht ein stärkerer Schlag.)

Edrita.
Was ist nur dort?

Leon (hineilend).
Zum Henker! Warum lärmt Ihr?

Atalus (heraufsteigend).
Es war der letzte Schlag!

Leon.
Müßt Ihr drum poltern?

Atalus (auf Edrita losgehend).
Hier ist das Mädchen auch.

Edrita (zu Leon).
Schütz mich vor dem!
Nun hast du deinen Freund, der dir so wert
Und der mit Liebe lohnt dir deine Treue.
Ha, ha! Fürwahr! Du siehst recht artig aus!
Mit Kot befleckt und naß.
(Sie berührt ihn mit dem Finger.)
 Du armer Junker!

Atalus.
Der wollt' es so!

Edrita.
Nun aber geht ans Werk!
Denn ob mein Vater gleich im Schlafe liegt,
Wär's möglich, daß Verdacht ihn früher weckte.

(Sie geht zur Pforte, um sie zu öffnen. Leon tut es statt ihrer.)

Der Weg läuft anfangs grad, dann teilt er sich.
Der eine links bringt schneller wohl ans Ziel,
Doch wählt den andern rechts, er führt durchs Dickicht,
Und da die Unsern euch zu Pferde folgen,
Durchdringt ihr leicht, was jene stört und hemmt.
Den Schlüssel steck von außen in das Schloß,
Und seid ihr fort, schließ ab und wirf ihn weg,
So hält ein neues Hemmnis die Verfolger.

(Leon befolgt es.)

Edrita (zu Atalus).
Und kämen sie euch nach, ergreif 'nen Ast
Und fechte löwenkühn für deinen Freund.

Atalus.
Ich sorg um mich.

Edrita (zu Leon).
Hörst du? Das klingt recht gut.
Nun aber geht! Die Zeit vergönnt nicht Wort.
Die ihr als Räuber kamt, wie Diebe macht euch fort.

Kattwald (der mit Galomir am Fenster der Halle erscheint).
Dort stehn sie, schau!

Edrita.
Nur schnell!

(Die jungen Leute entfliehen, wobei das Tor offen bleibt.)

Kattwald (zu Galomir).
Folg ihnen, lauf!

Edrita.
Da bricht nun alles Wetter über mich.

(Galomir ist aus der Türe gekommen und auf die Brücke getreten. Diese wankt und bricht endlich mit ihm zusammen, er stürzt in den Graben.)

Edrita (vortretend).
Ha, ha! ha, ha! Der dumme Galomir!
Das haben sie recht schlau sich zugerichtet.

Kattwald (am Fenster den Spieß zum Wurf schwingend).
Verruchter Balg, des trägst nur du die Schuld!

Edrita.
O weh, o weh! Sie bringen mich noch um!
Auch ließen jene dort den Torweg offen.
Ich dreh den Schlüssel ab und mach mich fort.
Ist erst der Zorn vorüber, kehr ich wieder.
(Sie eilt durch die Pforte, die sie hinter sich zuzieht und abschließt.)

Kattwald (am Fenster, mit den Händen in den Haaren).
So schlage denn der Donner! Mord und Pest!
Hört mich denn niemand? Knechte! Leute! Brut!
Da steh ich denn und fresse meine Wut!

(Indem er einen fruchtlosen Versuch macht, aus dem Fenster zu steigen, fällt der Vorhang.)

Vierter Aufzug

Waldige, dicht bewachsene Gegend. Links im Vorgrunde ein großer Baum mit einem natürlichen Moossitze. Auf derselben Seite im Hintergrunde dickes Gestrüpp und Steinmassen, höhlenartig ein Versteck bildend. Es ist Tag.

Leon und Atalus kommen.

Leon.
Hier ist der rechte Weg.

Atalus.
Nein, dort!

Leon.
Nein, hier!

Atalus.
Dort, hat das Mädchen selber mir gesagt.

Leon.
Euch sagte sie's?

Atalus.
Ja mir, und war besorgt,
Weil ich durchnäßt, und rührte meinen Arm.

Leon.
So lebt denn fort in Eurer süßen Täuschung!
Doch läuft der Fußsteig hier.

Atalus.
Ich geh nicht weiter.
Soll alles denn nach deinem Dünkel nur?
Auch bin ich müd.
(Er setzt sich rechts auf einen Stein.)

Leon.
Und holen sie uns ein?

Atalus.
Wenn sie uns fangen, ei, dann geht's dir schlimm,
Mich kauft der Oheim etwa dennoch los.

Leon.
Er kauft Euch los? Weil er nicht kann, nicht mag,
Drum eben kam ich her.

Atalus.
Er mag nicht, sagst du?
Das ist recht schlecht von ihm.

Leon.
Schmäht Ihr den Ohm?
Den frommen Mann, der fehllos bis auf eins,
Nicht daß er geizig, wie ich einst ihn hielt,
Nein, daß, beschäftigt wohl mit höhern Dingen,
Den Neffen er nicht besser sich erzog.
Weil er Euch liebt, drum sandt' er mich hieher,
Wär's nicht um ihn, ich ließ Euch längst in Stich.

Atalus.
Das wär' mir eben recht! du bist mir widrig.

Leon.
Ihr säßt noch bei den Pferden ohne mich.

Atalus.
Dort war mir wohl, auch hatt' ich Essen satt.
(Aufstehend.)
Nun denn, weil du für gar so klug dich hältst,
Weißt du hier Pfad und Steg und Ziel und Richtung?
Hast du bedacht, was sonst dem Menschen not?
Was nützt es uns, daß wir im Freien sind,
Wenn wir vor Mangel grausamlich verschmachten?
Der Wald dehnt sich wohl etwa tagelang,
Und eher findet sich ein reißend Tier,
Das uns verzehrt, als wir, wovon wir zehren.

Leon.
Vertraut auf Gott, der uns so weit geführt,
Er wird die Hungernden mit Nahrung trösten,
Wie den Gefangnen er die Freiheit gab.
Und nun—

Edritas Stimme (hinter der Szene).
Leon!

Leon.
Man kommt. Nur schnell von hinnen!

Atalus.
Hör erst!

Edrita (näher).
Leon!

Atalus.
Das ist des Mädchens Stimme.

Leon.
Wes immer auch! Hier sind nur wir und Feinde.
Auch ist sie kaum allein.

Atalus.
Sie ist's. Ich seh's.

Leon.
Nun, so verplaudern wir die Zeit der Rettung.

Atalus.
Sie hilft uns wohl mit einem neuen Fund.
Geh immer, wenn du willst, ich harr auf sie.

Leon.
Nun denn, so streck ich wehrlos meine Hände;
Wenn's doch mißlingt, ich trage nicht die Schuld.

(Edrita kommt.)

Edrita.
Hier seid ihr ja. Nun, das ist recht und gut.

Atalus.
Sei mir gegrüßt!

Edrita (zu Leon).
 Was wendest du dich ab?
Du fürchtest, ich verzögre eure Flucht?
Doch umgekehrt. Jetzt tut euch Zaudern not.

Atalus.
Siehst du?

Edrita.
Was soll er sehn?

Atalus.
Ich wollte weilen,
Er trieb zu gehn.

Edrita.
Da hatt' er recht, du nicht,
Da ihr nicht wußtet, was nur ich kann wissen.
Die Unsern gehn zu Roß die andre Straße,
Insoweit ist es gut. Doch dieser Pfad,
Er trifft am Saum des Walds mit jenem andern,
Und da ihr Pferde doch nicht überholt,
So wär' euch schlimm, kämt ihr zu früh dahin.
Im Rücken ihrer aber geht ihr sicher.

Leon.
Nun aber noch um aller Himmel willen:
Wie kommst du her?

Edrita.
Ich, meinst du? Ei, ja so!
Ihr habt es gut gemacht, bis nur auf eins.

Atalus.
Ei, er macht alles klug.

Edrita.
Ja, alles andre.
Ihr wart kaum fort, da wollten sie mich töten,
Der Vater hob den Spieß in seiner Hand.
Da lief ich fort, ein Endchen in den Wald,
Bei Tagesanbruch wollt' ich wiederkehren.
Doch kam der Tag, da sah ich euern Fußtritt
Im weichen Boden kenntlich eingedrückt;
Das, dacht' ich, das verrät sie; und am Saum
Des Rasens gehend, wo kein Fußtritt haftet,
Bestreut' ich eure Spur mit Sand und Erde.
So kam ich weiter, weiter und bin hier.
Und nun ich da, kehr ich nicht mehr zurück.

Leon.
Was fällt dir ein?

Atalus.
Ja ja, bleib nur bei uns.

Edrita.
Bedenk nur selbst. Kehrt nun mein Vater heim
Und fing euch nicht, was euer Gott verhüte!
So schlägt er mich und wirft mich in den Erker,
Wo ich schon einmal lag, wie einst die Mutter.
Und dann wird jener Galomir mein Mann.
Ich will ihn nicht. Ich sag euch's nun, ich will nicht.
Nehmt mich mit euch, ich bin euch wohl noch nütz.
Die Wege kenn ich hier und alle Schliche.
Ihr seid noch nicht so sicher, als ihr glaubt.
Sie führen Hunde mit, ich hört' es wohl,
Die wittern euch und schlagen bellend an,
Mich aber kennen sie und jeder schweigt,
Und streichl' ich ihn, legt er sich auf die Pfoten.
Ich will zu deinem Herrn, zu seinem Ohm,
Und dort den frommen Lehren horchend lauschen,
Die er wohl weiß von Gott und Recht und Pflicht.
Will mich mein Vater, soll er auch nur kommen
Und lernen auch, ist er gleich grau und alt.
Das ist ihm nütz. Sie sind auch gar zu wild.

Leon.
Ich aber duld es nicht!

Edrita.
Wie nur, Leon?

Leon.
Ich habe meinem frommen Herrn versprochen.
Nichts Unerlaubtes, Greulichs soll geschehn
Bei diesem Schritt, den nur die Not entschuldigt.
Hab ich den Sklaven seinem Herrn entführt,
Will ich dem Vater nicht die Tochter rauben
Und mehren so den Fluch auf unserm Haupt.

Edrita.
So hör doch nur!

Leon.
Es soll, es darf, es kann nicht.

Atalus.
Er ist nicht klug.

Edrita.
Ei, klüger, als du glaubst.
Er ist der Mann des Rechts, des trocknen, dürren,
Das eben nur den Gegner nicht betrügt.
Allein durch ungekünstelt künstliches Benehmen
Vertraun erregen, Wünsche wecken, denen
Sein wahres Wort dann polternd widerspricht,
Das mag er wohl und führt es wacker aus.
(Zu Atalus.)
So nimm denn du mich mit.

Atalus.
Ja doch, wie gerne.

Leon.
Ich duld es nicht.

Edrita.
Wir fragen dich auch nicht.
Wir sind zu zweit, da gilt denn unsre Meinung.

Leon.
So trenn ich mich von diesem Augenblick.

Edrita.
Auch das! Wir helfen ohne dich uns weiter.
Die Wege kenn ich alle bis zum Strom,
Von dort an weiß sie der.

Atalus.
Ich weiß sie nicht.

Edrita.
Nun denn, dann sind wir nahe deinem Land,
Und jeder bringt uns auf die sichre Fährte.

Leon.
Viel Glück dazu!

Atalus.
Siehst du, er streitet immer.

Edrita.
Dann treten wir vor deinen Oheim hin
Und sagen ihm: dein Knecht hat schlimm getan,
Wir aber halfen selbst uns, wie wir konnten.
(Zu Leon.)
Du bist ja trüb.

Leon.
Ich lieh dir meine Laune.

Edrita.
Siehst du? Man muß nur artig sein und wollen,
Sonst kommt das Müssen und dann fehlt der Dank.

(Der Ton eines Horns von weitem.)

Leon.
Hör doch! Nun zitterst du, und warst so kühn.

Edrita.
Und wenn ich zittre, ist's um euch.

Atalus.
Nur fort!

Leon.
Ich bleibe.

Edrita.
Keine Torheit, die nur quält.
Das ist kein Trupp; ein einzelner, Verirrter,
Der die Genossen sucht mit Hornesruf.
Er wird vorüberziehn, weil er allein,
Und, zwei zu fangen, mehr als einer nötig.
Dort rückwärts ist, ich weiß es, ein Versteck,
Wo dichte Sträuche sich zum Schirmdach wölben.
Dort warten wir, bis seine Schritte fern,
Vielleicht könnt ihr beschleichen ihn, bewält'gen.
Wie immer, nur hinein, und zwar im Umkreis,
Daß ihm der Tritt nicht unsre Spur verrät.
(Sie führt sie leise auf den Zehen bis an die Bäume rechts, dann rasch
am innern Umkreise zurück und in die Höhle.)

(Kurze Pause; dann kommt Galomir von der linken Seite, einen Spieß auf der linken Schulter, das Schwert an der Seite, ein Horn um den Leib. Er sucht gebückt nach den Fußtritten am Boden.)

Galomir.
Da, da!—Eh, eh! die Kleine! Oh!—Nach dort!
(Die Spur mit dem Finger verfolgend.)
Wart! wart!—Verirrt. Kein Mann da! Wo? Ah weit.
Uf!—heiß! (Seine Beine befühlend.)
Und müd!—Da.—Ah! Dort Schatten! Baum.
Ruh aus, Mann, ruh! dann weiter.
(Er setzt sich.)
Heiß die Haube!
(Er nimmt den Helm ab und legt ihn neben sich.)
Noch einmal rufen.
(Er ruft durch die hohle Hand.)
Hup!
(Er horcht eine Weile, dann nach rückwärts gekehrt.)
Ah!—Niemand hören.
Wozu das Horn? Blas an!—Verwirrt, verwirrt!
(Er lehnt den Spieß an den Baum und wickelt die verworrene Schnur des
Hornes auseinander.)
Ah, los! Nun an den Mund!
(Er setzt das Horn an.)

————

(Edrita, die schon während des letzten sichtbar geworden ist und Ruhe gebietend zurückgewinkt hatte, tritt jetzt vor.)

Edrita.
Stoß nicht ins Horn!

Galomir (sie erblickend).
Ah. Ah.

Edrita.
Ich bin's! Was mehr?

Galomir.
Eh, fangen, fangen!
(Er hascht nach ihr.)

Edrita.
Was braucht's zu fangen, die du ja schon hast.
Laß mir ein bißchen Raum, sitz ich zu dir.

Galomir (hastig rückend).
Eh, eh!

Edrita.
Du wirst mich doch nicht fürchten?

Galomir.
Du schuld an allem!

Edrita.
Ich? Was fällt dir ein!

Galomir.
Der Vater!

Edrita.
Nu, er wird wohl etwas zürnen,
Doch, sprech ich ihn, setzt alles sich ins Gleis.

Galomir.
Nein, nein!

Edrita.
Nun, dann bist du mein Bräutigam
Und ich die Braut, du mußt, du wirst mich schützen.

Galomir.
Ha, ha!

Edrita.
Ei, das gefällt dir!

Galomir (mit dem Finger drohend).
Du!

Edrita.
Wie, nicht?
Je, weil ein wenig etwa ich gelacht,
Als du in Graben fielst? Das war ein Sprung.

Galomir (den Arm reibend).
Ah.

Edrita.
Schmerzt's noch etwa?

Galomir (nach unten zeigend).
Uh!

Edrita.
Und auch der Fuß.
Ein Ehmann muß an manches sich gewöhnen.
Nun ziehst du aus und willst die beiden fangen?

Galomir (nach ihr greifend).
Du, du!

Edrita.
Nur mich allein? Wo bleibt dein Mut?
Nein, nein! Du selber mußt die Flücht'gen haschen.
Sie sind nicht fern!

Galomir (aufstehend).
Ah! Wo?

Edrita.
Nicht grad vor dir,
Doch auch nicht weit. Sind zwei, doch du bewaffnet.
Hier lehnt dein Spieß.
(Da Galomir danach langen will.)
Er liegt auch gut am Boden.
Und dann dein breites ritterliches Schwert.

Galomir (ans Schwert schlagend).
Ah, oh!

Edrita.
Ich weiß, dein Arm ist stark. Nur neulich
Schlugst du dem Stier das Haupt ab einen Streichs.
Doch war der Kampf nicht billig. Du bewaffnet,
Er blank und bar. Gib künftig auf den Vorteil,
Dann kämpft ihr gleich mit gleich. Allein auch so.
Ich will mich nur auf jene Seite setzen.
(Sie setzt sich auf die andere Seite. Er macht ihr Platz.)
Hier ist dein Schwert, das gut und stark. Doch schmucklos.
Was gibst du mir, so knüpf ich dir ein Bändchen,
Das, etwa blau, ich trug an meinem Hals
(sie macht eine Schleife am Halse los)
Wie, schau nur, dies. Das knüpf ich an dein Schwert.

Galomir (mit offner Hand ihr ins Gesicht greifend).
Eh!

Edrita.
Nur gemach!—Das wär' ganz artig, deucht mir.
Zieh aus dein Schwert und lehn es zwischen uns,
So machen sie's bei der Vermählung auch,
Da liegt ein Schwert erst zwischen beiden Gatten.

(Er hat das Schwert neben sie gelehnt.)

Edrita (das Band um das Schwertheft windend).
So knüpf ich denn—dann so—und wieder so
(Sie hustet wiederholt.)

Galomir.
Wie?

Edrita.
Ei, ich bin doch allzu scharf gelaufen.
Nun steht es schön. Nicht wahr? Ei, ei, wie artig.

(Sie schlägt wie erfreut die Hände zusammen; die Jünglinge, die schon früher leise vorgetreten, sind ganz nahe.)

Edrita (das Schwert umstoßend).
O weh, es fällt!

Galomir.
Mein Schwert!

Edrita.
Heb's auf vom Boden.

(Sie tritt mit dem Fuße darauf. Galomir bückt sich.)

Edrita (stehend und auf Leon sprechend).
Nur hier! Da liegt sein Speer. Nimm ihn nur auf.
(Zu Galomir herabsprechend.)
Was zögerst du?

Galomir (immer gebückt).
Der Fuß—

Edrita (Atalus nach der andern Seite winkend).
Du hier herüber.
(Zu Galomir.)
Ja so, mein Fuß, er steht auf deinem Schwert.
Der böse Fuß!
(Zu den beiden.)
Nur hier.

Galomir (sich vom Boden aufrichtend).
So heb ihn.
(Er erblickt Leon, der, auf der linken Seite stehend, den Spieß gerade
gegen seine Brust hält.)
Ah!
(Er sinkt auf den Sitz zurück.)

(Atalus ist indessen von der andern Seite gekommen und hat das Schwert aufgenommen.)

Edrita (steht auf und eilt auf Leons Seite).
Du, reg dich nicht, sonst bringen sie dich um!

Atalus.
Mich weht es an, hab ich doch nun ein Schwert!

Edrita (mit den Händen zusammenschlagend).
Ei, das ist gut, ei, das ist gut! Fürwahr!
(Zu Atalus.)
Du, droh ihm auch!

Atalus (mit gehobenem Schwerte).
Hier bin ich.

Leon (zu Galomir).
Mir tut leid,
Muß also ich an Euch die Worte richten.
Es war nicht meine Wahl, doch ist's geschehn,
Und da es ist, benütz ich es zur Rettung.
Bleibt sitzen, Herr, Ihr seid in unsrer Macht.
(Seinen Gürtel lösend.)
Mit dieser Schnur bin ich genötigt, Herr,
Zu binden Euch an dieses Baumes Stamm.
Es hält nicht lange gegen Eure Kraft,
Doch sind wir fern, kehrt ruhig zu den Euern.

Edrita.
Ich halte dir den Spieß, doch regt er sich,
Ist flugs er wieder dort in deiner Hand.
(Galomirn den Speer zeigend, den sie umgekehrt gefaßt hat.)
Du sieh!—Ja so!
(Sie kehrt ihn um. Zu Atalus.)
 Du, droh ihm—droh ihm auch!

(Während Galomir nach Atalus blickt, der einen Schritt näher getreten, zieht Leon rasch die Schnur zwischen Galomirs Leib und Arme, auf die er sich rückwärts stützt, und bindet letztere am Baume fest.)

Galomir.
Ah, oh!

Leon.
Euch wird kein Leid, wenn Ihr Euch fügt.

Edrita.
Du, bind ihn fest, er hat wohl Kraft für viele.

Leon.
Es ist getan, und wohl für jetzt genug.
Kommt, Atalus, Ihr seid mir anvertraut.

(Atalus tritt zu ihm.)

Edrita.
Ich nicht? Da sorg ich denn nur selbst für mich.
(Laut, wobei sie aber den Kopf verneinend schüttelt.)
Wir gehn nun grade in den Wald hinein.

(Galomir hat indessen heftige Bewegungen gemacht.)

Leon.
Er macht sich los.

Edrita (zu Atalus).
Sorg du!

(Atalus nähert sich ihm.)

Edrita (leise zu Leon).
Wenn auch! Wenn auch!
Allein genügt er nicht, Ihr seid bewaffnet,
Und zieht er unsre Leute zu sich her,
Wird frei der untre Weg, der näh're, beßre,
Und so erreichen wir den Strom vor ihnen.
Leb wohl denn, Galomir, auf lange, hoff ich.

Leon.
Und kehrt Ihr zu dem Vater dieses Mädchens,
Sagt ihm, nicht ich—

Edrita.
Ich selber, meinst du, nicht?
Ich selber nahm die Flucht? Nun, sei bedankt
Um all die Sorglichkeit für meinen Ruf.
Doch weiß ich ja, daß du die Wahrheit sprichst;
So laß uns schweigen, dann sind wir am wahrsten
Und brauchen um nichts minder unsern Fuß.
Komm, Atalus!
(Sie geht nach der rechten Seite ab.)

Leon
(Atalus nach sich ziehend).
Ja, kommt!

Atalus.
Er regt sich immer.
Ich dächt', ein ringer Streich—

Leon.
Was fällt Euch ein!

(Er zieht ihn fort. Beide Edriten nach, ab.)

Galomir (ihnen nachsehend, dann gegen seine Bande wütend).
Ah!—Schurken—Oh—Mord Donner!—Oh, das Band!
(Er versucht, mit den Zähnen sich der Schnur zu nähern.)
Geht nicht! Und dort mein Horn. Blas an!
(Das Haupt hinabgeneigt.)
Geht auch nicht.
(Rüttelnd)
Verdammte Schurken!
(Er sinkt ermüdet auf den Sitz zurück. Plötzlich mit einem listigen Gesichte.)
Ih!
(Es ist ihm gelungen, den rechten Arm zum Teil aus dem Bande zu ziehen,
er rüttelt aber gleich wieder von neuem.)
Sei ruhig, Mann!
(Laut rufend.)
Uh! Uh!—Hört nicht!—Der Arm! Es geht! Der Arm.
Geht, Galomir, der Arm—Ah! Eh!
(Er hat den rechten Arm aus dem Bande gezogen und greift sogleich nach
dem Horne.)
Er bläst.
(Stößt ins Horn. Horchend.)
Horch!—Nein!
(Macht sich mit dem andern Arme los, den Weg der Fortgegangenen am Boden
verfolgend.)
Da! Da! In Wald—Eh, eh, kein Schwert.
(Auf die leere Scheide schlagend. Er bleibt am Ausgange rechts stehen und
stößt von neuem ins Horn. Ein entfernter Ruf antwortet.)
Ah. Ha! Wo Männer, wo?
(Neue Antwort, näher.)
Ah, dort. Heran.

(Einer der Burgmänner kommt. Es ist der Schaffer. Nach und nach sammeln sich mehrere.)

Schaffer.
Seid Ihr's?

Galomir.
Ja, ja!

Schaffer.
Saht Ihr die Flücht'gen?

Galomir (auf den Weg der Abgegangenen zeigend).
Ah!

Schaffer (nach rückwärts zeigend).
Kommt dort hinüber. Dort ist unser Pfad.

Galomir (auf den Weg rechts zeigend).
Da, da!

Schaffer.
Allein, der Herr befahl—

Galomir.
Nein, da.

Schaffer.
Doch sie entwischen uns, ich sag's Euch, Herr.
Nach dortaus treffen allseit sich die Pfade.

Galomir.
Ich selber sie gesehn. Gebunden.—Da.
(Auf den Baum zeigend.)

Schaffer.
Sie banden Euch?

Galomir (den Weg bezeichnend).
Nur da. Und mir ein Waffen.
(Er nimmt einem der Knechte den Kolben, ihn schwingend.)
Aha!—Nur da!

Schaffer.
Nun denn, wenn Ihr befehlt,
Doch wasch ich nur in Unschuld meine Hände.

(Sie gehen nach rechts ab.)

————

Veränderung

Offene Gegend am Strom, der im Hintergrunde sichtbar ist. Am Ufer die
Hütte des Fährmanns.

Der Fährmann und sein Knecht.

Fährmann.
Die ganze Herde, sagst du, trieb er fort?

Knecht.
Der Kattwald, ja. Wir waren auf der Weide,
's ist nun der zweite Tag. Und als er schied,
Befahl er grinsend mir, Euch nur zu sagen:
So treib' er Schulden ein, sobald sie fällig.

Fährmann.
Die ganze Herde für so kleine Schuld?
So sag ich mich denn auch für immer los,
Der Wilden Trutz ist nicht mehr zu ertragen.
Die Franken zahlen besser, sind auch besser.
(Auf einen Baum zeigend, in den ein Bild eingefügt ist.)
Sie schenkten dort mir jenes fromme Bild,
Und wenn die Frucht man kennet aus der Saat,
Gilt mehr ihr Gott als Wodan oder Teut.

Doch früher räch ich mich an jenen Argen.
Dem Kattwald fang ich nur ein Liebstes weg,
Ein Kind, ein Weib, den Nächsten seines Stamms,
Und das soll bluten, zahlt er nicht mit Wucher,
Was ungerecht er meiner Habe stahl.

Nun rüste mir den Kahn, ich will hinüber.
Man sagt, die Franken brechen wieder los
Und wollen jenes Ufer sich gewinnen,
Das streitig ohnehin, bald des, bald jenes,
Und spärlich nur bewohnt, zwei Tag' im Umkreis.
Sie zielen wohl auf Metz, wo jene Teufel
Ob ihrem Land die plumpe Wache halten.
Doch wird's wohl nicht so bald; drum noch Geduld,
Bis dahin heißt's verbeißen seinen Ärger.
Nur jenem Kattwald tu ich's früher an.
(Er geht in den Hintergrund, wo er sich am Flusse beschäftigt.)

Edrita (tritt von der linken Seite kommend rasch auf).
Wir sind am Strom!
(In die Szene sprechend.)
 Verbergt die Waffen nur,
Im Notfall nehmt ihr leicht sie wieder auf.

(Die Jünglinge kommen.)

Hab ich mein Wort gehalten oder nicht?

(Leon eilt mit schnellen Schritten dem Ufer zu, von dort zurückkehrend, erblickt er den Baum mit dem Heiligenbilde und kniet betend davor nieder.)

Edrita (zu Atalus).
Wie unvorsichtig! Jetzt dorthin zu knien.

Atalus.
Da hat er recht. Man muß wohl also tun.
(Er kniet auch hin.)

Edrita (zum Fährmann, der, die beiden betrachtend, vom Ufer nach vorn
gekommen).
Seid Ihr der Fährmann?

Fährmann.
Wohl, ich bin's.

Edrita.
Dem Grafen
Im Rheingau ob nicht hörig, doch verpflichtet?

Fährmann.
Dem guten Grafen Kattwald, ja.

Edrita.
Nun denn!
Die beiden, die du siehst, sind Knechte Kattwalds,
Sie tragen seine Botschaft in das Land.
Drum rüste schnell ein Schiff, ein gutes, rasches,
Das sie hinüberführt und mich mit ihnen.

Fährmann.
Des Grafen Kattwald?

Edrita.
Wohl. Damit du glaubst,
(leiser)
Das Wort heißt: Arbogast.

Fährmann.
Ja wohl, so heißt's.
Das kommt mir recht gelegen, o fürwahr.
(Seinen Knecht rufend.)
He, Notger, hier! Die wackern Leute da,
Sie tun für Grafen Kattwald ihre Reise,
Des frommen Manns, der unsre Herden schützt.
Mach immer nur das Schiff bereit.
(Die Kappe ziehend, zu Edrita.)
Verzeiht!
Ich muß dem Knecht da Auftrag geben.
(Leise zum Knecht.)
Führ sie zum Schein in Strom. Dann suche Säumnis,
Indes versamml' ich Freunde, Fischersleute—

Leon (der aufgestanden ist).
Wo ist der Fährmann?

Fährmann.
Hier.

Leon.
Wir wollen über.

Fährmann.
Ich weiß, ich weiß, in hohem Auftrag, ja!

Leon.
Was spricht der Mann?

Edrita.
Ich sagt' ihm, was du weißt,
Daß ihr, die beiden, mit Graf Kattwalds Botschaft—

Fährmann.
Und da gehorcht ein niedrer Mann, gleich mir.

Leon.
Wenn Ihr's nur deshalb tut, und nicht für Lohn,
Um dessen willen nicht, der prangt dort oben,
(auf das Heiligenbild zeigend)
So wißt: nicht in Graf Kattwalds Auftrag gehn wir,
Und nicht mit seinem Willen sind wir hier.

Edrita.
Leon.

Leon.
Es ist so, und ich kann nicht anders.

Fährmann.
Gehört ihr nicht zu Kattwalds Freunden?

Leon.
Nein.

Fährmann.
Ihr habt nur erst vor jenem Bild gekniet.
Seid ihr vielleicht von jenen fränk'schen Geiseln?
Es ward um einen kurz nur angefragt.

Leon.
Wer fragte?

Fährmann.
Wie es hieß, von seiten dessen,
Der ihren Gläub'gen vorsteht in Chalons.

Atalus.
Leon!

Fährmann.
Ihr seid erwartet drüben; doch
Liegt feindlich Land dazwischen weit und breit.

Leon.
Nun, Gott wird helfen. Wer wir immer sei'n,
Willst du den Strom uns nicht hinüberbringen,
Versuchen wir denn anderwärts das Glück.

Fährmann.
Halt noch! Und habt ihr Geld?

Leon (Münzen vorweisend).
Wenn das genügt.

Fährmann.
Nun denn, ich führe selber euch hinüber.
Nicht weil ihr Kattwalds, nein doch, weil ihr's nicht.
Denn wärt ihr's, lägt inmitten ihr des Stroms.
Er ist mein Feind, und Rache lechzt die Brust.

Leon (zu Edrita).
Siehst du, man ist nicht klug, wenn man nur klügelt.

Edrita (sich von ihm entfernend und auf Atalus zeigend).
Ich geh mit dem. Was soll es weiter nun?

Fährmann (zu dem sein Knecht gesprochen hat, der sogleich wieder abgeht).
Nun kommt, denn Reiter streifen durch die Gegend.
Seid ihr entflohn, verfolgen sie wohl euch.
Seht dort!—Folgt rasch!—Und dankt dem droben,
(auf das Bild am Baume zeigend)
Der euern Fuß, der euer Wort gelenkt.

(Sie gehen.)

Ein Krieger (der im Vorgrund auftritt).
Halt da!

Fährmann.
Halt selber du! Es liegt ein Wurfspieß
Und auch wohl zwei im Kahn. Willst sie versuchen?

(Sie gehen ab.)

Krieger (zurückrufend).
Hallo!

Zweiter Krieger (der im Hintergrunde links aufgetreten).
Dort sind sie.
(Er ist vorgeprellt, jetzt zurückweichend und sein Haupt schirmend.)
Blitz! Sie haben Waffen.

Kattwald (auftretend).
Wo da! Wo da?

Zweiter Krieger.
Sie sind schon, seht, im Strom.

Kattwald.
Verfolgt sie!

Zweiter Krieger.
Ja, da ist ringsum kein Kahn.
Doch an der Sandbank müssen sie vorüber,
Dort rechts, da reichen wir mit unsern Pfeilen.

Kattwald.
Schießt immer, schießt! Und träft ihr auch mein Kind,
Weit lieber tot—verwundet wollt' ich sagen—,
Als daß entkommen sie, mein Kind mit ihnen.

(Knechte haben sich rechts am Ufer aufgestellt.)

Knecht.
Es ist umsonst. Sie staun mit Macht den Strom
Und halten ihren Kahn scharf nach der Mitte.

Kattwald (wieder hineilend).
Nicht also sie! Nicht sie? Nicht Rache! Rache!
So werf ich mich denn selber in den Strom,
Und kann ich sie nicht fassen, mag ich sterben.

Knecht (ihn zurückhaltend).
Laßt ab! Vielleicht erreicht sie Galomir.
Am Ende seines Wegs ist eine Furt,
Da kommen dann noch drüben sie zu Schaden.

Kattwald (an seinem ausgestreckten Arm die Stellen bezeichnend).
Die Hand, den Arm in ihrem Blute baden.

Fünfter Aufzug

Vor den Wällen von Metz. Im Hintergrunde ein großes Tor, die daran fortlaufenden Seitenmauern zum Teile von Bäumen verdeckt. Rechts im Vorgrunde eine Art Scheune mit einer Flügeltüre. Es ist vor Tag und noch dunkel.

Leon (öffnet die Tür der Scheune und tritt, jene hinter sich zuziehend
heraus).
Die Sonne zögert noch, 's ist dunkle Nacht,
Und dunkel wie das All ist meine Brust.

(Zurückblickend.)
Da liegen sie und schlafen wie die Kinder,
Ich aber, wie die Mutter, bin besorgt.
O daß ein Teil doch jenes stillen Glücks,
Der Freudigkeit am Werk mir wär' beschieden.