(Auf die Seitentüre zeigend.)
Dies andere Gemach, es birgt dein Lager.
Dasselbe das die Kommende empfing
Am ersten Tag, vor sieben langen Jahren.
Das wachsen dich gesehn und reifen, blühn,
Und weise werden, still und fromm und gut.
Dasselbe das um rotgeschlafne Wangen
Die Träume spielen sah von einem Glück,
Das nun verwirklicht—doch du träumst auch jetzt.
Hero.
Ich höre guter Ohm.
Priester. Gesteh ich dir's?
Ich dachte dich erfreuter mir am Abend
Des sel'gen Tags, der unser Wünschen krönt.
Was wir gestrebt, gehofft, du hast, du bist es;
Und statt entzückt, find ich dich stumm und kalt.
Hero.
Du weißt, mein Ohm, wir sind nicht immer Herr
Von Stimmungen, die kommen, wandeln, gehn,
Sich selbst erzeugend und von nichts gefolgt.
Das Höchste, Schönste, wenn es nun erscheint,
Indem es anders kommt, als wir's gedacht,
Erschreckt beinah, wie alles Große schreckt.
Doch gönne mir nur eine Nacht der Ruh',
Des Sinnens, der Erholung, und, mein Ohm,
Du wirst mich finden, die du sonst gekannt.
Der Ort ist still, die Lüfte atmen kaum;
Hier ebben leichter der Gedanken Wogen,
Der Störung Kreise fliehn dem Ufer zu,
Und Sammlung wird mir werden, glaube mir.
Priester.
Sammlung? Mein Kind, sprach das der Zufall bloß?
Wie, oder fühltest du des Wortes Inhalt,
Das du gesprochen, Wonne meinem Ohr?
Du hast genannt den mächt'gen Weltenhebel
Der alles Große tausendfach erhöht,
Und selbst das Kleine näher rückt den Sternen.
Des Helden Tat, des Sängers heilig Lied,
Des Sehers Schaun, der Gottheit Spur und Walten,
Die Sammlung hat's getan und hat's erkannt,
Und die Zerstreuung nur verkennt's und spottet.
Spricht's so in dir? Dann, Kind, Glück auf!
Dann wirst du wandeln hier, ein selig Wesen.
Des Staubes Wünsche weichen scheu zurück;
Und wie der Mann, der abends blickt gen Himmel,
Im Zwielicht noch, und nichts ersieht als Grau,
Farbloses Grau, nicht Nacht und nicht erleuchtet;
Doch schauend unverwandt, blinkt dort ein Stern
Und dort ein zweiter, dritter, hundert, tausend,
Die Ahnung einer reichen, gotterhellten Nacht,
Ihm nieder in die feuchten, sel'gen Augen.
Gestalten bilden sich und Nebel schwinden,
Der Hintergrund der Wesen tut sich auf,
Und Götterstimmen, halb aus eigner Brust
Und halb aus Höhn, die noch kein Blick ermaß—
Hero.
Du weißt, mein Ohm, nicht also kühnen Flugs
Erhebt sich mir der Geist. So viel nicht hoffe!
Allein was not, und was mir auferlegt,
Gedenk ich wohl zu tun. Des sei gewiß.
Priester.
Wohlan auch das. Ist's gleich nicht gut und recht,
Beim Anfang einer Bahn das Ziel so nah,
So ärmlich nahe sich das Ziel zu setzen.
Doch sei's, für jetzt. Nur noch dies eine merk:
Bei allem was dir bringt die Flucht der Tage,
Den ersten Anlaß meid! Wer taten-kräftig
Ins rege Leben stürzt, wo Mensch den Menschen drängt,
Er mag Gefahr mit blankem Schwerte suchen,
Je härtrer Kampf, so rühmlicher der Sieg.
Doch wessen Streben auf das Innre führt,
Wo Ganzheit nur des Wirkens Fülle fördert,
Der halte fern vom Streite seinen Sinn,
Denn ohne Wunde kehrt man nicht zurück,
Die noch als Narbe mahnt in trüben Tagen.
Der Strom, der Schiffe trägt und Wiesen wässert,
Er mag durch Felsen sich und Klippen drängen,
Vermischen sich mit seiner Ufer Grund,
Er fördert, nützt, ob klar, ob trüb verbreitet:
Allein der Quell, der Mond und Sterne spiegelt,
Zu dem der Pilger naht mit durst'gem Mund,
Die Priesterin, zu sprengen am Altar;
Der wahre rein die ewig lautern Wellen,
Und nur bewegt, ist ihm auch schon getrübt. Und so schlaf wohl!
Bedarfst du irgend Rat,
Such ihn bei mir, bei deinem zweiten Vater.
Doch stießest du des Freundes Rat zurück,
Du fändest auch in mir den Mann, der willig,
Das eigne Blut aus diesen Adern gösse,
(Mit ausgestrecktem Arm.)
Wüßt' er nur einen Tropfen in der Mischung,
Der Unrecht birgt und Unerlaubtes hegt.
(Er geht nach der Mitteltüre.)
Hero (nach einer Pause).
Ich merke wohl, der Vorfall in dem Hain
Mit jenen Fremden hat mir ihn verstimmt.
Und, wahrlich, er hat recht. Gesteh ich's nur!
Wenn ich nicht Hero war, nicht Priesterin,
Den Himmlischen zu frommen Dienst geweiht,
Der Jüngere, der Braungelockte, Kleinre,
Vielleicht gefiel er mir.—Vielleicht?—Je nun!
Ich weiß nunmehr, daß, was sie Neigung nennen,
Ein Wirkliches, ein zu Vermeidendes,
Und meiden will ich's wohl.—Ihr guten Götter!
Wie vieles lehrt ein Tag, und ach, wie wenig
Gibt und vergißt ein Jahr.—Nun, er ist fern,
Im ganzen Leben seh ich kaum ihn wieder,
Und so ist's abgetan.—Wohl gut!
(Sie nimmt den Mantel ab.)
Hier liege du! Mit wie verschiednem Sinn,
Nahm morgens ich, leg ich dich abends hin.
Ein Leben hüllst du ein in deine Falten.
Bewahre was du weißt, ich leg es ab mit dir. Doch was beginnen
nun? Ich kann nicht schlafen.
(Die Lampe ergreifend und in die Höhe haltend.)
Beseh ich mir den Ort?—Wie weit!—wie leer!
Genug werd ich dich schaun manch langes Jahr,
Gern spar ich was du beutst für künft'ge Neugier.
Horch!—Es war nichts.—Allein, allein, allein!
(Sie hat die Lampe seitwärts aufs Fenster gestellt und steht dabei.)
Wie ruhig ist die Nacht! Der Hellespont
Läßt Kindern gleich die frommen Wellen spielen;
Sie flüstern kaum, so still sind sie vergnügt.
Kein Laut, kein Schimmer rings. Nur meine Lampe
Wirft bleiche Lichter durch die dunkle Luft.
Laß mich dich rücken hier an diese Stäbe!
Der späte Wanderer erquicke sich
An dem Gedanken, daß noch jemand wacht,
Und bis zu fernen Ufern jenseits hin
Sei du ein Stern und strahle durch die Nacht. Doch würdest du
bemerkt. Drum komm nur schlafen,
Du bleiche Freundin mit dem stillen Licht.
(Sie trägt die Lampe.)
Und wie ich lösche deinen sanften Strahl,
So möge löschen auch was hier noch flimmert,
Und nie mehr zünd' es neu ein neuer Abend an.
(Sie hat die Lampe auf den Tisch gesetzt.)
So spät noch wach?—Ei Mutter, bitte, bitte!
Nein, Kinder schlafen früh!—Nun denn, es sei!
(Sie nimmt das Geschmeide aus dem Haar und singt dabei mit halber
Stimme.)
Und Leda streichelt
Den weichen Flaum. Das ew'ge Lied! Wie kommt's mir nur in Sinn?
Nicht Götter steigen mehr zu wüsten Türmen,
Kein Schwan, kein Adler bringt Verlaßnen Trost.
Die Einsamkeit bleibt einsam und sie selbst.
(Sie hat sich gesetzt.)
Auch eine Leier legten sie hierher.
Ich habe nie gelernt darauf zu spielen.
Ich wollte wohl, ich hätt's!—Gedanken, bunt
Und wirr durchkreuzen meinen Sinn,
In Tönen lösten leichter sie sich auf. Ja denn, du schöner
Jüngling, still und fromm!
Ich denke dein in dieser späten Stunde,
Und mit so glatt verbreitetem Gefühl,
Daß kein Vergehn sich birgt in seine Falten.
Ich will dir wohl, erfreut doch, daß du fern;
Und reichte meine Stimme bis zu dir,
Ich riefe grüßend: Gute Nacht!
Leander (im Hintergrunde von außen am Fenster erscheinend).
Gut Nacht!
Hero.
Ha, was ist das?—Bist, Echo, du's, die spricht?
Suchst du mich heim in meiner Einsamkeit?
Sei mir gegrüßt, o schöne Nymphe!
Leander. Nymphe,
Sei mir gegrüßt!
Hero. Das ist kein Widerhall!
Ein Haupt!—Zwei Arme!—Ha, ein Mann im Fenster!
Er hebt sich, kommt! Schon kniet er in der Brüstung.
Zurück! Du bist verloren, wenn ich rufe.
Leander.
Nur einen Augenblick vergönne mir!
Die Steine bröckeln unter meinen Füßen;
Erlaubst du nicht, so stürz ich wohl hinab.
Ein Weilchen nur, dann klimm ich gern zurück.
(Er läßt sich ins Gemach herein.)
Hero.
Dort steh und reg dich nicht!—Unsel'ger,
Was führte dich hierher?
Leander (im Hintergrunde nahe beim Eingange stehenbleibend).
Ich sah dein Licht
Mit hellem Glanze strahlen durch die Nacht.
Auch hier war's Nacht und sehnte sich nach Licht.
Da klomm ich denn herauf.
Hero. Wer dein Genosse?
Wer hielt die Leiter dir, bot Arm und Hilfe?
Leander.
Nicht Leiter führte mich, noch äußre Hilfe.
Den Fuß setzt' ich in lockrer Steine Fugen,
An Ginst und Efeu hielt sich meine Hand.
So kam ich her.
Hero. Und wenn du, gleitend, stürztest?
Leander.
So war mir wohl.
Hero. Und wenn man dich erblickt?
Leander.
Man hat wohl nicht.
Hero. Des heil'gen Ortes Hüter
Die Wache gehen sie zu dieser Zeit.
Unseliger! Ward dir denn nicht geboten,
Bat ich nicht selbst? du solltest kehren heim.
Leander.
Ich war daheim, doch ließ mir's keine Ruh';
Da warf ich mich ins Meer und schwamm herüber.
Hero.
Wie? Von Abydos' weitentlegner Küste?
Zwei Ruderer ermüdeten der Fahrt.
Leander.
Du siehst, ich hab's vermocht. Und wenn ich starb,
Der ersten Welle Raub, erliegend, sank;
War's eine Spanne näher doch bei dir,
Und also süßrer Tod.
Hero. Dein Haar ist naß
Und naß ist dein Gewand. Du zitterst auch.
Leander.
Doch zittr' ich nicht vor Frost; mich schüttert Glut.
(Im Begriff, immer im Hintergrunde bleibend, sich auf ein Knie niederzulassen.)
Hero.
Laß das, und bleib! Ruh dich ein Weilchen aus,
Denn bald, und du mußt fort. So war's mein Licht,
Die Lampe, die dir Richtung gab und Ziel?
Du mahnst mich recht, sie künftig zu verbergen.
Leander.
O tu es nicht! O Herrin, tu es nicht!
Ich will ja nicht mehr kommen, wenn du zürnst,
Doch dieser Lampe Schein versag mir nicht! Als diese Nacht ich
schlaflos stieg vom Lager,
Und, öffnend meiner Hütte niedre Tür,
Aus jenem Dunkel trat in neues Dunkel,
Da lag das Meer vor mir mit seinen Küsten,
Ein schwarzer Teppich, ungeteilt, zu schaun,
Wie eingehüllt in Trauer und in Gram.
Schon gab ich mich dem wilden Zuge hin!
Da, am Gesichtskreis flackert hell empor
Ein kleiner Stern, wie eine letzte Hoffnung
Zu goldnen Fäden tausendfach gesponnen,
Umzog der Schein, ein Netz, die trübe Welt:
Das war dein Licht, war dieses Turmes Lampe.
In mächt'gen Schlägen schwoll empor mein Herz,
Nicht halten wollt' es mehr in seinen Banden;
Ans Ufer eilt' ich, stürzte mich ins Meer,
Als Leitstern jenen Schimmer stets im Auge.
So kam ich her, erreichte diese Küste.
Ich will nicht wiederkommen, wenn du zürnst,
Doch raube nicht den Stern mir meiner Hoffnung,
Verhülle nicht den Trost mir dieses Lichts.
Hero.
Du guter Jüngling, halt mich nicht für hart,
Weil ich nur schwach erwidre deine Meinung.
Doch kann's nicht sein, ich sagt' es dir ja schon.
Ich bin verlobt zu einem strengen Dienst,
Und liebeleer heischt man die Priesterin.
Ehgestern, wenn du kamst, war ich noch frei,
Nun ist's zu spät. Drum geh und kehr nicht wieder!
Leander.
Man nennt ja mild die Sitten deines Volks,
Sind sie so streng, und drohen sie so viel?
Hero.
Die Meder und die Baktrer, fern im Osten,
Sie töten jene, die, der Sonne Priestrin,
Das Aug' auf den geliebten Jüngling warf.
Mein Volk, nicht also mordbegier'gen Sinns,
Es schonet zwar das Leben der Verirrten,
Allein stößt aus sie, und verachtet sie,
Zugleich ihr ganzes Haus und all die Ihren.
Das kann nicht sein mit Hero, fühlst du wohl.
Drum also geh, und trage was du mußt.
Leander.
So soll ich fort?
Hero. Du sollst. Doch nicht denselben Pfad,
Der dich hierhergeführt, er scheint gefährlich.
Durch jene Pforte geh, und folg dem Gang,
Der dich ins Freie führt.
(Mit erregter Aufmerksamkeit einen Augenblick innehaltend.)
Doch hab mir acht,
Denn—Horch!—Bei aller Götter Namen!
Ich höre Tritte hierwärts durch den Gang.
Man kommt! Sie nahn! Unsel'ge Stunde! Weh!
Leander.
Ist hier kein Ort, der schützend mich verbirgt?
Ha, dort hinein.
(Auf die Seitentüre zugehend.)
Hero. Beträtst du mein Gemach?
Hier bleib! Hast du's gewagt, laß sie dich finden, stirb!
Ich selber will hinein.
Leander. Sie nahen.
Hero (nach der Seitentüre hinzeigend). Hier!
Geh nur hinein! Und nimm die Lampe mit!
Laß es hier dunkel sein! Hörst du? Nur schnell!
Allein nicht vorwärts dring, bleib nah der Tür!
Schnell, sag ich, schnell!
Leander. Du aber?
Hero. Still! und fort!
(Leander hat die Lampe ergriffen und geht durch die Seitentüre ab.
Das Gemach ist dunkel.)
Hero.
Nun, Götter, waltet ihr in eurer Milde!
(Sie senkt sich in den Stuhl, mit halbem Leibe sitzend, so daß das linke herabgesenkte Knie beinahe den Boden berührt, die Augen mit der Hand verhüllt, die Stirne gegen den Tisch gelernt.)
Des Tempelhüters Stimme (von außen).
Ist hier noch jemand wach?
Janthe (ebenso). Du siehst ja, alles dunkel.
(Die Türe wird halb geöffnet.)
Tempelhüter.
Doch sah ich Licht.
Janthe. Das schien dir wohl nur so.
Auch wohnt die Priestrin hier, du weißt es selbst.
Tempelhüter.
Doch was ich sah laß ich mir nicht bestreiten
(Die Türe schließt sich.)
Und kommt der Tag, soll es sich weisen, ob—
(Die Worte verhallen, die Tritte entfernen sich.)
Hero.
O Scham und Schmach!
Leander (aus der Seitentüre tretend).
So sind sie fort?—Wo weilst du?
Bist, Jungfrau, du noch hier?
(Er berührt, suchend, ihre Schulter.)
Hero (emporfahrend). Wo ist das Licht?
Die Lampe, wo? Bring erst die Lampe sag ich!
(Leander geht zurück.)
O alles Unheil auf mein schuldig Haupt!
Leander (der mit der Lampe zurückkommt).
Hier ist dein Licht.
(Er setzt es hin.)
Und dank mit mir den Göttern—!
Hero (rasch aufstehend).
Dank, sagst du? Dank? Wofür? Daß du noch lebst?
Das all dein Glück? Entsetzlicher! Verruchter!
Was kamst du her? nichts denkend als dich selbst,
Und störst den Frieden meiner stillen Tage,
Vergiftest mir den Einklang dieser Brust?
O hätte doch verschlungen dich das Meer,
Als du den Leib in seine Wogen senktest!
Wär', abgelöst, entglitten dir der Stein,
An dem du dich, den Turm erklimmend, hieltst,
Und du—Entsetzlich Bild!—Leander, oh—!
Leander.
Was ist? Was schiltst du nicht?
Hero. Leander, hörst du?
Kehr nicht den Weg zurück, auf dem du kamst,
Gefahrvoll ist der Pfad.—Entsetzlich, greulich!
Was ist es, das den Menschen so umnachtet,
Und ihn entfremdet sich, dem eignen Selbst
Und fremdem dienstbar macht?—Als sie nun kamen,
Drei Schritte fern, und nun mich fanden, sahn;
Ich zitterte,—doch nicht um mich!—Verkehrtheit!
Ich zitterte für ihn!
Leander. Und darf ich's glauben?
Hero.
Laß das! Berühr mich nicht!—Das ist nicht gut,
Was so verkehrt die innerste Natur,
Auslöscht das Licht, das uns die Götter gaben,
Daß es uns leite, wie der Stern des Pols
Den Schiffer führt.
Leander. Das nennst du schlimm?
Und alle Menschen preisen's hochbeglückt,
(Er kniet vor ihr.)
Und Liebe nennen sie's.
Hero. Du armer Jüngling!
So kam denn bis zu dir das bunte Wort,
Und du, du sprichst es nach und nennst dich glücklich?
(Sein Haupt berührend.)
Und mußt doch schwimmen durch das wilde Meer,
Wo jede Spanne Tod; und kommst du an,
Erwarten Späher dich und wilde Mörder
(Mit einem Blick nach rückwärts zusammenfahrend.)
Leander (der aufspringt).
Was ist?
Hero. O jeder Laut dünkt mich ein Häschertritt!
Die Kniee zittern.
Leander. Hero, Hero, Hero!
Hero.
Laß das! Berühr mich nicht! Du mußt nun fort!
Ich selber leite dich den sichern Pfad.
Denn, wenn sie kämen, dich hier fänden, fingen—
(Sich an der Lehne des Stuhles festhaltend.)
Leander (nach einer kleinen Pause).
Und darf ich, Jungfrau, wiederkommen?
Hero. Du!?
Leander.
So meinst du: nie? in aller Zukunft nie?
Kennst du das Wort und seinen grausen Umfang?
Dann auch: Du warst um mich besorgt. Weißt du?
Ich muß zurück durchs brausend wilde Meer,
Wirst du nicht glauben, daß ich sank und starb,
Bleibt kundlos dir mein Weg?
Hero. Send einen Boten mir!
Leander.
Ich habe keinen Boten als mich selbst.
Hero.
Nun denn, du holder Bote; komm denn, komm!
Allein nicht hier an diesen Todesort. Am Ufer
Streckt eine Zunge sandig sich ins Meer.
Dort komm nur hin, verbirg dich in den Büschen;
Vorübergehend hör ich was du sprichst.
Leander.
Die Lampe aber hier, laß sie mir leuchten,
Die Wege sie mir zeigen meines Glücks.
Wann aber komm ich wieder? Jungfrau sprich!
Hero.
Am Tag des nächsten Fests.
Leander. Du scherzest wohl!
Sag, wann?
Hero. Wenn neu der Mond sich füllt.
Leander.
Bis dahin schleichen zehen lange Tage!
Trägst du die Ungewißheit bis dahin? Ich nicht!
Ich werde fürchten, daß man uns bemerkt,
Du wirst mich tot in deinem Sinne schaun;
Und zwar mit Recht! Denn raubt mich nicht das Meer,
So tötet Sorge mich, die Angst, der Schmerz.
Sag: übermorgen; sag: nach dreien Tagen.
Die nächste Woche sag!
Hero. Komm morgen denn!
Leander.
O Seligkeit! o Glück!
Hero. Und kehrst du heim, Leander,
Das Meer durchschwimmend, nächtig, wie du kamst;
So wahre dieses Haupt, und diesen Mund,
Und diese meine Augen. Hörst du wohl?
Versprich es mir!
(Da er sie umfassen will, zurücktretend.)
Nein, nein!—Nun aber folge!
Ich leite dich!
(Sie geht nach dem Tische, die Lampe zu holen.)
Leander (ihr mit den Augen folgend).
O herrlich, himmlisch Weib!
Hero.
Was kommst du nicht?
Leander. Und soll ich also darbend
Verlassen diesen sel'gen Götterort?
Kein Zeichen deiner Huld, kein armes Pfand
Fort mit mir tragen, meiner Sehnsucht Labung?
Hero. Wie meinst du das?
Leander. Nicht mindestens die Hand?—
Und dann!—Sie legen Lipp' an Lippe,
Ich sah es wohl, und flüstern so sich zu,
Was zu geheim für die geschwätz'ge Luft.
Mein Mund sei Mund, der deine sei dein Ohr!
Leih mir dein Ohr für meine stumme Sprache!
Hero.
Das soll nicht sein!
Leander. Muß ich so viel? du nichts?
Ich in Gefahr und Tod, du immer weigernd?
(Kindisch trotzend.)
Ich werde sinken, kehr ich trauernd heim.
Hero.
Du, frevle nicht!
Leander. Und du gewähr!
Hero.
Wenn du dann gehst.
Leander (auf ein Knie niedersinkend.)
Gewiß!
Hero. Und mir nicht streitest,
Daß ich zu leicht die Wange dir berührt;
Nein, dankbar bist vielmehr und fromm dich fügst.
Leander.
Du zögerst noch!
Hero. Die Arme falte rückwärts,
Wie ein Gefangener, der Liebe, mein Gefangner.
Leander.
Sieh, es geschah.
Hero
(das Licht auf den Boden stellend). Die Lampe soll's nicht sehn.
Leander.
Du kommst ja nicht!
Hero. Bist du so ungeduldig?
So soll auch nie—Und doch, wenn's dich beglückt.
So nimm und gib!
(Sie küßt ihn rasch.)
Nun aber mußt du fort!
Leander (aufspringend).
Hero!
Hero. Nein, Nein!
(Zur Türe hinauseilend.)
Leander. Wenn ich dir flehe. Hero!
Verwünscht! neidisches Glück!
(An der Türe horchend.)
Doch hör ich Tritte,
Es sind die ihren, nähern sich der Tür,
Leis auf den Zehn.—So kommt sie wieder?—Götter!
(Der Vorhang fällt.)
Vierter Aufzug
(Offner Platz, im Hintergrunde das Meer. Rückwärts auf der linken Seite Heros Turm mit einem halb gegen das Meer gerichteten Fenster und einem schmalen Eingange, zu dem einige Stufen emporführen. Daneben am Ufer einige hochgewachsene Sträucher. Nach vorn auf derselben Seite laufen Schwibbögen und Säulen, die Nähe von Wohnungen bezeichnend. Die rechte Seite frei mit Bäumen. Quer in die Bühne hineinstehend eine steinerne Ruhebank.)
(Nach dem Aufziehen des Vorhanges hört man hinter der Szene)
Die Stimme des Tempelhüters.
Hierher, hierher, ihr Diener dieses Hauses!
(Dann tritt Hero ganz vorne rechts auf.)
Hero. Er ist hinüber. Allen Göttern Dank!
War's doch, als hätte sich das All verschworen
Ihn hier zu halten bis zum lichten Tag.
Ein Gehen war und Kommen ohne Ruh'.
Und er stand da, im Winkel still geduckt.
Da endlich kam der günst'ge Augenblick.—
Nun, er ist fort, und ich bin wieder ruhig.
(Auf derselben Seite, mehr nach rückwärts, kommt der Tempelhüter, ein Horn am Bande um den Leib, und einen Spieß auf der linken Schulter, ihr bei jeder Bewegung folgend.)
Tempelhüter.
Du sahst ihn wohl?
Hero. Wen doch?
Tempelhüter. Den fremden Mann.
Er sprang nur jetzt ins Meer.
Hero. Nur jetzt? so rasch?
Tempelhüter.
Drei Schritte kaum von dir.
Hero. Und sah ihn nicht?
(Sie geht auf den Turm zu.)
Tempelhüter.
Wohl sahst du ihn, und mußtest wohl ihn sehn!
Hero (weitergehend).
Muß ich? Bin ich denn Wächter so wie du?
Tempelhüter.
Nicht Wächter.—Zwar, wenn Wächter ist, wer wacht:
Du wachtest ziemlich lang bei deiner Lampe.
Hero.
Ei, daß du alles siehst!
Tempelhüter. Wohl seh ich, wohl!
(Der Priester kommt von der linken Seite.)
Priester.
Find ich hier Streit?
Hero (auf den Stufen des Turms).
Der Mann da ist nicht klug.
Tempelhüter.
Wollt' ich nur reden, ei!
Hero. Er spricht und spricht!
Ich geh!
Priester. Wohin?
Hero. In Turm.
Priester. Was dort?
Hero. Zu schlafen.
(Ab in den Turm.)
Tempelhüter.
Zu schlafen, ja! nachdem sie lang gewacht!
Priester.
Was war denn hier?
Tempelhüter
(Heron nachsprechend).
Und nennst du mich nicht klug?
Weil ich ein Diener nur, ihr hohen Stamms?
Meinst du, die Klugheit erbe eben fort
Vom Vater auf den Sohn, wie Geld und Gut?
Ei, klug genug, und schlau genug, und wachsam!
(Er stößt den Spieß in den Boden.)
Priester.
Soll ich erfahren denn?
Tempelhüter (noch immer Heron nachsprechend).
Ei ja, ja doch!
Priester.
Du leistest, merk ich, selber dir Gesellschaft.
Ich gönne sie, und überlaß dich ihr.
Tempelhüter.
Herr! Eben sprang ein Mann vom Ufer in die Flut.
Priester.
Das also war's?
Tempelhüter. Und Hero stand nicht fern.
Priester.
Er sprang wohl auch, stand ich in seiner Nähe.
Tempelhüter.
Und dort in jenem Turme brannte Licht
Die ganze Nacht.
Priester. Das sollte freilich nicht.
Doch Hero weiß wohl kaum, daß wir vermeiden,
Durch Licht und Flamme, Bösgesinnten, Feinden,
Den Weg zu zeigen selber durch die Klippen,
Mit denen sich die Küste gürtend schützt.
Drum warne sie!
Tempelhüter. Ei, daß sie meiner spottet!
Sie wußt' es wohl, und dennoch brannte Licht,
Das macht: sie wachte, Herr.
Priester. So?
Tempelhüter. Bis zum Morgen.
Und oben war's so laut und doch so heimlich,
Ein Flüstern und ein Rauschen hier und dort;
Die ganze Gegend schien erwacht, bewegt.
Im dichtsten Laub ein sonderbares Regen,
Wie Windeswehn, und wehte doch kein Wind.
Die Luft gab Schall, der Boden tönte wider
Und was getönt und widerklang war: nichts.
Das Meer stieg rauschend höher an die Ufer,
Die Sterne blinkten, wie mit Augen winkend,
Ein halbenthüllt Geheimnis schien die Nacht.
Und dieser Turm war all des dumpfen Treibens
Und leisen Regens Mittelpunkt und Ziel.
Wohl zwanzigmal eilt' ich an seinen Fuß,
Nun, meinend, nun das Rätsel zu enthüllen,
Und sah hinan; nichts schaut' ich, als das Licht,
Das fort und fort aus Heros Fenster schien.
Ein einzig Mal lief wie ein Mannesschatten
Vom Meeresufer nach dem Turme zu;
Ich folg und, angelangt, war wieder nichts,
Nur Rauschen rings und Regen, wie zuvor.
Priester.
Scheint's doch, des ganzen Wunders voller Inhalt,
Mit Ursach' und mit Wirkung, lag in dir.
Tempelhüter.
Ei, Herr, und warum brannte denn das Licht,
Die ganze Nacht, bis kurz, wie ich berichtet?
Als mich der Spuk zum Rasen halb gebracht,
Trat ich ins Innre des Gebäudes, jenseits,
Wo an den Turm der Diener Wohnung schließt.
Da fällt Janthe mir zuerst ins Auge,
Gekleidet und geschmückt, als wär's am Tag.
Priester.
Des Rätsels Lösung bietet sich von selbst.
Frag du das Mädchen. Ruf sie her! Du kennst sie,
Und weißt, wie oft sie Störung schon gebracht.
Tempelhüter.
So dacht' ich auch, und schalt sie tüchtig aus.
Allein das Licht an jenem, jenem Fenster.
Und dann: als kurz ich vor im Haine ging,
Springt, hup! ein Mann ins brausend schäum'ge Meer.
Und in demselben Augenblick tritt Hero,
Drei Schritte kaum entfernt, aus dem Gebüsch.
Priester.
Wenn du vermuten willst, such andern Stützpunkt,
Nur was dir ähnlich treffe dein Verdacht.
Tempelhüter.
Nur was mir ähnlich? Ei, ich seh es kommen!
Dem Diener sei nicht Urteil, noch Verstand.
Priester.
Ruf mir Janthen!
Tempelhüter. Aber, Herr, das Licht!
Priester.
Janthen, sag ich dir!
Tempelhüter. Und jener Mann,
Der sprang ins Meer, und gen Abydos schwamm?
Priester.
Wie sagst du? Gen Abydos?
Tempelhüter. Wohl!
Priester. Abydos?
Ruf mir Janthen!
Tempelhüter. Wohl!
Priester. Und Heron sage—
(Eine Rolle aus dem Busen ziehend.)
Gib ihr dies Schreiben, das von ihren Eltern
Nur eben kam, und das—Vielmehr, laß nur!—
Sag ihr, daß ich die Dienerin beschied.
(Der Tempelhüter ab in den Turm.)
Priester. Abydos!
Was ist's, daß dieser Name mich durchfährt?
War aus Abydos nicht das Fremdenpaar,
Das jüngst im Hain—Wahnsinn, es nur zu denken!
Und doch! Ist nicht das Jünglingsalter kühn,
Und bleibt nicht gern auf halbem Wege stehn,
Vor allem wo Verbotnes lockt. Wenn sie
Versucht, das Abenteuer zu bestehn,
Das mein Dazwischentritt gestört, und Hero,
Unwissend trüge sie des Wissens Schuld,
Nebstdem, daß sie noch jung und neu im Leben,
Noch unbelehrt zu meiden die Gefahr,
Ja zu erkennen sie.—Genug, genug!
In meinem Innern reget sich ein Gott,
Und warnt mich, zu verhüten, eh's zu spät!
(Der Tempelhüter ist zurückgekommen.)
Priester.
Nun?
Tempelhüter. Hero hält Janthen noch bei sich.
Die Priestrin ruht, gelehnt auf weichen Pfühl,
Das Mädchen kniet vor ihr, und spricht und tändelt.
Man läßt dich bitten, Herr—
Priester. Sie zögern, wie?
Heiß du Janthen Augenblicks mir nahn.
Tempelhüter (sich nach rückwärts bewegend).
Nur aber—
Priester. Und wenn still auch sonst und klug!
Der Wahnsinn der das kluge Weib befällt,
Tobt heft'ger als der Torheit wildstes Rasen.
(Janthe kommt.)
Tempelhüter.
Ei komm nur immer, komm nur, du Geschmückte!
Hier frägt man dich, warum so spät du wachst.
Priester.
Von allem was sich Schlimmes je begab
In diesem Haus, fand ich dich immer wissend,
Belehrt durch Mitschuld, oder Neugier mindstens.
Nun meldet man, daß sich in dieser Nacht
Verdächtig Treiben hier am Turm geregt,
Auch fand dich dieser Mann, da alles schlief,
Noch wachend und gekleidet in den Gängen.
Drum steh ihm Red' und sage was du weißt.
(Er entfernt sich.)
Janthe.
Bei allen Göttern, Herr—
Priester (zurücksprechend). Laß du die Götter!
Und sorg erst wie den Menschen du genügst.
Janthe.
Nichts weiß ich ja; ich hörte nur Bewegung,
Ein Kommen und ein Gehn. Die Nacht war schwül;
Da lauscht' ich vor der Tür, und ging dann schlafen.
Tempelhüter.
So nennst du: vor der Tür, zwei Treppen hoch?
Ich fand dich in dem Gang vor Heros Kammer.
Janthe.
Ich war so bang, allein; da wollt' ich Hero fragen,
Ob sie gehört, und ob ihr bang wie mir?
Priester (sich wieder nähernd).
Ich aber sage dir: du sollst gestehn!
Denn daß du weißt, zeigt mir dein ängstlich Zagen.
(Hero kommt.)
Hero.
Was ist denn nur? Warum berief man uns?
Priester.
Hier ist Janthe, die du kennst, gleich mir.
Sie wird beschuldigt, daß bei nächt'gem Dunkel—
Hero. Man tut ihr wohl zuviel!
Priester. So weißt du—?
Hero. Herr!
Ich weiß nur, daß der Mensch gar gern beschuldigt,
Und vollends dieser Mann ist wirren Sinns.
Priester.
Doch ist's gewiß. ein Fremder war am Turm.
Hero (nach einer Pause).
Nun Herr, vielleicht der überird'schen einer!
Du sprachst ja selbst: in altergrauer Zeit
Stieg oft ein Gott zu sel'gen Menschen nieder.
Zu Leda kam, zum fürstlichen Admet,
Zur strengverwahrten Danae ein Gott:
Warum nicht heut? Zu ihr; zu uns, zu wem du willst.
(Sie geht auf die Ruhebank zu.)
Priester.
Sprach das der Spott? und dünkt das Heil'ge dir—?
(Zu Janthen.)
Nun Törin, oder Schuldige, gesteh!
Janthe.
Frag doch nur Hero selbst. Sie wohnt im Turm;
War dort Geräusch, vernahm sie es wohl auch.
Priester (sich Hero nähernd).
Hörst du?
Hero (die sich gesetzt hat, halb singend, den Kopf in die Hand
gestützt).
Sie war so schön,
Ein Königskind.
(Sprechend.)
Nun lichter Schwan, flogst du zu lichten Sternen?
Priester.
Hero!
Hero (emporfahrend).
Was ist? Wer faßt mich an? Was willst du?
Priester.
Hast du vergessen schon?
Hero. Nicht doch! ich weiß
Was man beschuldigt jene, ohne Grund.
Sei du nicht bange, Janthe, frohen Muts!
Wenn alle dich verließen, alle sie,
In meiner Brust lebt dir ein warmer Anwalt.
(Sie küssend.)
Wenn sie dich quälen, Gute, komm zu mir!
Nun aber geh, sie spotten dein und meiner.
Priester.
Bleib noch!
(Janthe zieht sich zurück.)
Priester (zu Hero).
Du liebtest nie das Mädchen sonst.
Woher der Anteil nun?
Hero (die aufgestanden ist).
Was frägst du mich?
Sie ist gekränkt, braucht's da noch andern Grund?
Priester.
Doch wem galt jene nächtig dunkle Störung?
Hero.
Warum denn ihr?
Priester. Wem sonst?
Hero. Die Lüfte wissen's;
Doch sie verschweigen's auch.
Priester. Nun denn, zu dir. Man sah
In deinem Turme Licht die ganze Nacht.
Tu das nicht mehr.
Hero. Wir haben Öl genug.
Priester.
Doch sieht's das Volk und deutet's wie es mag.
Hero.
Mag's denn!
Priester. Auch riet ich dir den Schein zu meiden,
Den Schein sogar; viel mehr noch wahren Anlaß.
Hero.
Wir meiden ihn, doch meidet er auch uns?
Priester.
Sprichst aus Erfahrung du?
Hero. Was ist die Zeit?
Wie lang ist noch bis Abend?
Priester. Und warum?
Hero.
Gesteh ich's, ich bin müd'.
Priester. Weil du gewacht?
Hero.
So ist's. Der Wind kommt uns von Osten denk ich,
Und ruhig ist die See. Nun, gute Nacht!
Priester.
Am hohen Tage? Hero, Hero, Hero!
Hero.
Was willst du, Ohm?
Priester. Hab Mitleid mit dir selbst!
Hero.
Ich sehe wohl, um mich geht manches vor,
Das mich betrifft, und nah vielleicht und nächst,
Doch faß ich's nicht und düster ist mein Sinn.
Ich will darüber denken.
Priester. Halt vorerst!!
—Du kannst noch nicht zurück in deine Wohnung!
Erst harrt noch—ein und anderes Geschäft.
Hero.
Geschäft?
Priester (streng). Geschäft!—
(Gemildert.)
Des neuen Amtes Bürde.
Im Tempel ist—Und doch—Vergaß ich's denn?
Von deinen Eltern kam ein Brief—Vielmehr:
Man meldet mir, ein Bote deiner Eltern,
Von ihnen scheidend noch zu uns gesendet,
Sei angelangt am östlich äußern Tor,
Das abschließt unsern heiligen Bezirk.
Allein die Fischer, die am Meere wohnen,
Mißtrauisch jedem Fremden, und vielleicht
Der Störungen schon kundig dieser Nacht,
Sie wehren ihm den Eintritt bis zu uns.
Ich gönne dir die Freude, geh du hin,
Und sprich den Mann und höre was er bringt.
Hero.
So muß ich selbst—?
Priester. Treibt dich Verlangen nicht?
Botschaft von deinen Eltern, dann—
Hero. Ich gehe.
Priester.
Du findest wohl den Mann bei jenen Hütten,
Doch wär' es nicht, und hätt' er sich entfernt,
So wirst du mir schon weiter wandeln müssen,
Bis du—
Hero. Es soll geschehn.
Priester. Tritt nur indes
Bei unsers Hauses wackerm Schaffer ein,
Von dort aus sende Diener, die ihn suchen.
Und—einmal da, laß dir den Vorrat zeigen,
Den man dort sammelt für der Göttin Dienst.
Das letzte Fest ließ unsern Tempel nackt.
Es fehlt an Weihrauch, Opfergerste, Linnen;
Kannst du davon mir bringen, dank ich dir's.
Hero.
Dann aber kehr ich heim.
Priester. Gewiß! Wenn du
Der Pilgerruh' erst einen Blick gegönnt,
Die dort ganz nah auf schlanken Säulen steht.
Vielleicht birgt unser Mann sich dort zumeist.
Auch haben Waller sich, so heißt's versammelt,
Die ferne her zu unserm Tempel ziehn.
Tritt unter sie und sprich ein nützlich Wort.
Den Opfern die sie bringen wohne bei.
Und hast du so dein heilig Amt vollbracht—
Es wäre denn, der Rückweg gönnte Zeit—
Hero.
Genug, o Herr! Beinah sagt' ich: zuviel.
(Einschmeichelnd.)
Gesteh ich dir's; ich bliebe lieber hier.
Priester (ruhig).
Doch muß es sein.
Hero. Muß es? Nun so gescheh's.
Priester.
Nimm nur die neue Freundin mit, Janthen,
Die dir so sehr gefällt. Das kürzt den Weg.
Hero.
Hast du doch recht, und also will ich tun.
Janthe komm, und leite mich den Pfad.
Dein froh Gespräch laß uns den Weg verkürzen.
Und werd ich müd', so leih mir deinen Arm.
Du aber stille Wohnung lebe wohl!
Eh' noch der Abend graut, seh ich dich wieder!
Wo bist du? Ah!—Sei heute Hero du
Und denke, sprich für mich. Ein andermal
Bin ich Janthe gern! Und sei nicht grämlich. Hörst du?
(Janthens Nacken umschlingend ab.)
Priester.
Zähm ich den Grimm in meiner tiefsten Brust?
Kein Zweifel mehr, die Zeichen treffen ein!—
Ein Mann dem Tempel nah, und Hero weiß es.
Und einer war's von jenen Jünglingen,
Leander und Naukleros hießen sie,
Die, aus Abydos, ich im Haine traf.
Ob aber schon seit lang mit Heuchlerkunst,
Sie mir's verbirgt; ob nun erst, heute, jetzt erst?—Naukleros und
Leander! Welcher war's?
(Die flachen Hände vor sich hingestreckt.)
In gleichen Schalen wäg ich euer Los.
Die Namen beide ähnlichen Gehalts,
Die Zahl der Laute gleich in ein und anderm,
Desselben Anspruchs jeder auf das Glück:
Indes der eine doch ein Lebender, Beseelter,
Sein Freund ein Toter ist, schon jetzo tot.
Denn weil sie fern, leg ich die Schlingen aus,
Die ihn verderben, kehrt der Kühne wieder.
Unseliger, was strecktest du die Hand
Nach meinem Kind, nach meiner Götter Eigen?
(Nach rückwärts gewendet.)
Ha Alter du noch hier? Laß uns hinauf.
Erforschen jedes Zeichen, das der Tat
Der noch verhüllten, dunkeln Fußtritt zeigt.
Kommt dann die Nacht und siehst du wieder Licht—
Und doch wer weiß, ob wir uns nicht getäuscht?
Ist Zutraun blind, sieht Argwohn leicht zuviel:
Zum mindesten befehl ich dir zu zweifeln,
Bis ich dir sage: glaub's! Erschrick nicht, Alter!
Geh nur voran und öffne jene Tür.
(Der Alte geht dem Turme zu.)
Priester (im Begriff ihm zu folgen).
Fortan sei Ruh'! Der Torheit Werk vergeh'!
Der Morgen find' es nicht. Es sei gewesen.
(Mit dem Diener in den Turm ab.)
(Kurze Gegend. Rechts im Vorgrunde Leanders Hütte. Daneben ein
Baum mit einem Votivbilde.)
Naukleros (kommt und bleibt vor der Hütte stehen, mit dem Fuß auf den
Boden
stampfend).
Leander, hör! Machst du nicht auf?—Leander! Bis jetzt hat meine
Sorgfalt ihn bewahrt.
Ich ließ ihn gestern abends in der Hütte
Und heute tat, die Nachbarn sagen's,
Sich noch nicht auf die festverschloßne Tür.
Doch gilt's zu wachen noch, zu hüten, sorgen.
Was aber zögert er? Es ist schon spät.
Hat allzu großer Schmerz—? Wie, oder gar?
Vergaß vielleicht den Gram und seine Leiden?
Und träumt nun langgestreckt? Leander! Ho!
Langschläfer, Ohnesorg! Beim Sonnengott!
Machst du nicht auf, so spreng ich dir die Tür! Mit alle dem
dünkt's mich doch sonderbar.
(Er sieht durch die Spalte.)
(Leander tritt links im Hintergrunde auf.)
Leander.
Huhup!
(Er zieht sich wieder zurück.)
Naukleros (rasch umgewendet).
Wer da?—Freund oder Feind?
Leander (vortretend). Ha, ha!
Erschreckt?
(Er trägt einen Stab in der Hand und unter dem Arm ein Schleiertuch, dessen eines Ende er während des Folgenden in eine Schleife bindet.)
Naukleros. Du selbst? und also spöttisch
Genüber deinem Meister deinem Herrn?
Und dann?—Was dünkt mir denn?—Wo kommst du her?
Verließ ich dich nicht abends in der Hütte?
Und heute,—sieh, ich weiß, die Nachbarn sagen's—
Ging noch nicht auf die festverschloßne Tür.
Wo kommst du her? und wie?
(Er greift mit der Hand hin um Leanders Beschäftigung zu unterbrechen.)
Leander (zurückziehend).
Mein Stab! Mein Wimpel, ei!
Naukleros.
Dein Haar ist feucht, die schweren Kleider kleben.
Du warst im Meer.
Leander. Wie bündig schließt der Mann!
(Er geht während des Folgenden nach rückwärts zum Baume und legt Stab und Schleier auf einer Erderhöhung unter dem Götterbilde nieder.)
Naukleros (seinen Bewegungen folgend).
Im Meer!—Weshalb?—Du warst doch nicht?—Leander!
Weißt du? Sie senden Späher aus von Sestos,
An unserm Ufer hat man ihrer schon gesehn.
Wenn nun so weit, bis über Meeresgrenze
Ihr Argwohn reicht, um wieviel strenger denkst du
Das jenseits dir bewacht, uns feind von je?
Der wär' ein Tor, der irgend es versuchte,
Zu stürzen sich ins aufgespannte Netz.
Dann aber: wie?
Leander (der wieder zurückgekommen ist, nach rückwärts sprechend).
Bewahre mir's, du Gott!
Naukleros.
Noch einmal: wie? Du weißt, ich brach das Steuer
Von deinem Kahn, und alle Nachbarn hielten
Auf mein Gesuch die Nachen unterm Schloß.
Wenn nun zu Schiffe nicht, wie sonst? Denn schwimmend,
Leander schwimmend—Kennst du auch den Raum,
Der trennt Abydos' Strand von Sestos' Küste?
Kein Lebender kommt lebend drüben an,
Denn hielte auch die Kraft, so starren Klippen,
Die reichen rings, soweit das Ufer reicht,
Kein Ruheplatz, noch Anfurt, keine Stelle,
Die sichre Landung beut.
Leander. Sieh nur! so schroff?
Naukleros.
Nun ja, ein Ort ist zwischen scharfen Klippen,
Dort mag ein Glückskind, das ihn nicht verfehlt,
In finstrer Nacht, dort mag dem Land er nahn.
Ein Turm steht da, voreinst zum Schutz gebaut;
Jetzt wohnt die Priesterjungfrau drin, die einst wir
Im Haine sahn. Du wohl seitdem—Leander!
Birg nicht dein Aug'! Zu spät! Denn es gestand. Nun, du warst
dort heut nacht, statt hier zu ruhn,
Fandst glücklich aus den einz'gen Platz der Landung,
Und standst am Turm, den feuchten Blick empor,
Liebäugelnd mit dem Licht in ihrer Kammer.
Sahst ihre Schatten an den Wänden fliehn,
Beglückt, um höhern Preis nicht, als den Tod,
Im Übermaß von so viel Glück zu schwelgen.
Leander.
Armseliger!
Naukleros. Auch das! Die Schildrung war zu schwach.
Du sahst sie, sprachst mit ihr, fandst Haus und Pforte
Geöffnet, unbewacht, tratst ein—
Leander (sich in seine Arme werfend).
Naukleros!
Fühlst du den Kuß? Und weißt du, wer ihn gab?
Naukleros.
Laß ab! Dein Kuß ist Tod.
Leander. So furchtsam?
Naukleros feig?
Naukleros. Nun ja, ich seh es wohl, wir haben,
Die Plätze haben wir getauscht. Ich furchtsam,
Du kühn; Leander frohen Muts, Naukleros—
Ich werde doch nicht gar noch weinen sollen?
Wohlan, geh in den Tod! Nur eines,
Ein einziges versprich mir: Dieses Mal,
Diesmal such mir ihn nicht. Bleib fern von Sestos.
Damit, wenn du nun daliegst bleich und kalt,
Ich mir nicht sagen müsse: Du warst's, du,
Der treulos seine Freundespflicht versäumt,
Ihm selber wies die todgeschwellten Früchte,
Selbst wob das Netz, das klammernd ihn umfing.
(Ein Knie zur Erde gebeugt.)
Leander!
Leander. Bist du krank? Was kommt dir an?
Naukleros.
Hast du doch recht, und fürder auch kein Wort!
Wer spräch' auch wohl zum brandend tauben Meer,
Zum lauten Sturm, dem wilden Tier der Wüste,
Das achtlos folgt der angebornen Gier.
Darum kein Wort! Nur, denkst du irgend noch
Der Freundschaft, die uns einst—
Leander. Naukleros, einst?
Naukleros.
Laß das! Es spricht die Tat. Schein ich dir irgend
Noch eines kleinen, armen Dienstes wert:
Tu mir die Lieb' und öffne jene Tür.
Leander.
Wozu?
Naukleros. Ich bitte dich!
Leander. Der Schlüssel, weißt du,
Liegt unterm Stein.
Naukleros. Tu's selbst!
Leander (der die Türe der Hütte geöffnet hat).
Es ist geschehn.
Naukleros.
Wohlan! Und daß ich dankbar mich erweise:
Geh dort hinein!
Leander. Ich nicht!
Naukleros. Du sollst! Du mußt!
Der Stärkre war ich stets, der Ältre bin ich,
Und jetzt stählt Sorge dreifach meinen Arm.
(Leander anfassend.)
So faß ich dich, so halt ich dich, so drück ich
Dich an den Grund. Gehorchst du wohl?
Leander (mit gebrochenen Knien).
Halt ein!
Naukleros (ihn loslassend).
Armseliger! von Lieb' und Wellen matt!
Und nun hinein!
Leander (zurückweichend).
Fürwahr! ich werde nicht!
Naukleros (ihn anfassend und zurückdrängend).
Du wirst, du sollst, du mußt!
Leander. Laß ab!
Naukleros. Vergebens!
(Er hat ihn in die Türe gedrängt, die er jetzt rasch an sich zieht.)
Nun zu die Tür!
(Er dreht den Schlüssel.)
Und schwimm du künftig wieder!
Ich will als Schließer selbst dir Nahrung bringen.
Doch daß du nicht entkommst, bin ich dir gut.
Leander (von innen).
Naukleros!
Naukleros. Nein!
Leander. Ein Wörtchen nur!
Naukleros. Nicht eins!
Leander.
Doch wenn mein Heil, mein Leben dran geknüpft,
Daß du mich hörst?
Naukleros. Was also wär' es denn?
Leander.
Nur eine Spanne weit mach auf die Tür!
Mein Dasein ist bedroht, wenn du's verweigerst.
Naukleros.
Nun, Handbreit öffn' ich denn.
(Zurückprallend.)
Ha, was ist das?
(Leander stürzt aus der Hütte, das Haupt mit einem Helme bedeckt, den Schild am Arme, ein bloßes Schwert in der Hand.)
Leander.
Komm an! komm an! Warum nicht hältst du mich?
Noch ist mir meines Vaters Helm und Schwert,
Und Tod dräut jedem, der sich widersetzt. Tor, der du bist! und
denkst du den zu halten,
Den alle Götter schützen, leitet ihre Macht?
Was mir bestimmt, ich will's, ich werd's erfüllen:
Kein Sterblicher hält Götterwalten auf. Ihr aber, die ihr rettend
mich beschirmt
Durch Wellennacht:
(Er kniet.)
Poseidon, mächtiger Gott!
Der du die Wasser legtest an die Zügel,
Den Tod mir scheuchtest von dem feuchten Mund.
Zeus, mächtig über allen, hehr und groß!
Und Liebesgöttin, du, die mich berief,
Den kundlos Neuen, lernend zu belehren
Die Unberichteten was dein Gebot.
Steht ihr mir bei und leitet wie bisher!
(Aufstehend und Schild und Schwert von sich werfend, den Helm noch immer auf dem Haupte.)
Drum keine Waffen! Euer Schutz genügt.
Mit ihm geharnischt, wie mit ehrner Wehr,
Stürz ich mich kühn in Mitte der Gefahren.
(Schnell den Stab mit dem Schleiertuche aufnehmend und die dareingeknüpfte Schleife an die Spitze des Stabes befestigend, indes er das andere Ende mit der Hand daran festhält.)
Und dieses Tuch, geraubt von heil'ger Stelle,
Schwing ich als Wimpel in vermeßner Hand.
Es weist den Weg mir durch die Wasserwüste,
Und läßt ein Gott erreichen mich die Küste,
Pflanz ich, ein Sieger, es auf den erstiegnen Strand.
Erlieg ich, sei's durch Euch! und also fort!
(Das Tuch flaggenartig schwingend.)
Amor und Hymen, ziehet ihr voran,
Ich komm, ich folg, und wäre Tod der Dritte!
(Er eilt fort.)
Naukleros.
Er ist von Sinnen! Hörst du nicht? Leander!
(Die Waffen aufnehmend.)
Noch geb ich ihn nicht auf. Die Freunde samml' ich.
Wir halten ihn, und wär' es mit Gewalt. Dort schleicht ein Mann,
gehüllt in dunkeln Mantel,
Ein Späher jenes Tempels schon vielleicht.
Ich meid ihn, folge jenem. O mein Freund!
(Er zieht sich ausweichend nach der entgegengesetzten Seite zurück.)
(Platz vor Heros Turm wie zu Anfang dieses Aufzuges.)
(Hero kommt, die Hand auf Janthens Schulter gelegt. Diener mit
Gefäßen folgen.)
Hero.
Tragt die Gefäße nur hinauf zu meinem Ohm!
Sagt ihm!—Ihr wißt ja selbst.—Ich bleibe hier.
(Sie setzt sich.)
War dieser Mann doch, meiner Eltern Bote,
Wie Hoffnung, wie das Glück. Man sucht's, es flieht,
Und läßt uns so zurück.
Janthe. Du gingst so rasch.
Hero.
Nun, ich bin wieder da.
Janthe. Willst du nicht lieber
Hinauf in dein Gemach?
Hero. Nein, nein, nur hier.
Ist's noch nicht Abend?
Janthe. Kaum.
Hero (den Kopf in die Hand gestützt).
Nu, nu! Ei nu!
(Der Tempelhüter kommt von der linken Seite.)
Tempelhüter.
So bist du hier? Wir harrten deiner längst.
Hero.
Längst also, längst? Ich glaub ihr spottet mein!
Ging ich nicht unverweilt, den Boten suchend,
Der ewig mir entschwand, jetzt hier nun dort.
Mit Absicht tatet ihr's. Weiß ich warum?
Tempelhüter.
Der Bote kam auf andern Wegen her,
Du warst kaum fort. Er ist bei deinem Ohm.
Hero.
Und ihr ließt unberichtet mich? Doch immer!
Ein andermal will ich wohl klüger sein.
Tempelhüter.
Dein Oheim harrt im Tempel.
Hero. So?
Er wird noch harren, denn ich bleibe hier.
Tempelhüter.
Doch er befahl—
Hero. Befahl er dir, so tu's!
Ich denke künftig selbst mir zu gebieten.
Geh nur!
(Zu Janthen.)
Du immer auch.
Janthe. Befiehlst du irgend sonst?
Hero.
Ich nicht. Und doch! wenn's selber dir gefällt.
Geh nur hinauf, bereite mir die Lampe,
Gieß Öl noch zu, genug für viele Zeit.
Und kommt die Nacht.—Allein das tu ich selbst.
(Die beiden gehen.)
Hero.
Und kommt die Nacht—Sie bricht ja wirklich ein.
Da ist mein Turm, dort flüstern leise Wellen;
Und gestern war er da, und heut versprach er.
War's gestern auch? Mich deucht es wär' so lang.
Mein Haupt ist schwer, die wirren Bilder schwimmen.
Des Tages Glut, die Sorge jener Nacht,
Die keine Nacht, ein Tag in Angst und Wachen—
Das liegt wie Blei auf meinem trüben Sinn.
Und doch ein lichter Punkt in all dem Dunkel:
Er kommt. Gewiß? Nur noch dies eine Mal!
Dann bleibt er fern.—Wer weiß? Auf lange Zeit.
Und spät erst, spät—Ich muß nur wachsam sein!
(Den Kopf in die Hand lehnend.)
(Der Priester kommt mit dem Tempelhüter.)
Priester.
So kommt sie nicht?
(Der Tempelhüter zeigt schweigend auf die Ruhende.)
Priester (zu ihr tretend). Hero!
Hero (aufschreckend). Bist du's, mein Freund?
Priester.
Ich bin's, und bin dein Freund.
Hero (aufstehend). Sei mir gegrüßt!
Priester.
Der Bote deiner Eltern weißt du wohl—
Hero.
Ich weiß.
Priester. Er brachte Briefe mit, sie liegen
In deinem Turmgemach. Holst du sie nicht?
Hero.
Auf Morgen les ich sie.
Priester. Nicht heut?
Hero. Nicht jetzt.
Priester.
Zu wissen wie sie leben, reizt dich nicht?
Hero.
Nur kurz ist's, daß sie schieden, sie sind wohl.
Priester.
Bist du so sicher des?
Hero. Ich bin es, Herr!
Aufs Zeugnis einer seligen Empfindung,
Die mich durchströmt, mein Wesen still verklärt,
Daß alle, die mir teuer, froh und wohl.
Priester.
Wie oft täuscht ein Gefühl!
Hero. Was täuschte nie?
Bleibt mir die Wahl, wähl ich die süßre Täuschung.
Priester.
Wo ist Janthe?
Hero. Eben ging sie hin.
Priester.
Nach den Ereignissen der letzten Zeit,
Kann sie nicht weilen mehr in unserm Hause.
Hero.
Ich sagte dir, du tust dem Mädchen unrecht.
Priester.
Doch wie erweisest du's?
Hero. Ich glaub es so.
Priester.
Auf ein Gefühl auch?
Hero. Auch auf ein Gefühl.
Priester.
Doch ich will Klarheit, und Janthe scheide.
Hero.
Verzeih! Du weißt, das kann nicht ohne mich,
Die Mädchen sind der Priesterin befohlen,
Und meine Rechte kenn ich so wie meine—
Ich kenne, Herr, mein Recht.
Priester. Wie meine Pflichten;
Du wolltest sagen so.
Hero. Ich wollte, Herr;
Und sag es jetzt: auch meine Pflichten kenn ich,
Wenn Pflicht das alles, was ein ruhig Herz,
Im Einklang mit sich selbst und mit der Welt,
Dem Recht genüber stellt der andern Menschen.
Priester.
Dem Recht der Götter nicht?
Hero. Laß uns nicht klügeln!
Gib deinem Bruder und dir selbst sein Teil:
Die Götter sind zu hoch für unsre Rechte.
Priester.
Du bist gereift.
Hero. Nun, Herr, die Sonne scheint,
Und auch der Mond läßt wachsen Gras und Kraut.
Priester.
Da du so streng ob deinen Rechten hältst,
So muß ich bitten dich, mir zu verzeihn,
Daß ich erbrochen deiner Mutter Schreiben.
Hero.
Was mein ist, ist auch dein.
Priester. Ich wollte wohl,
Du läsest diesen Brief, ob einer Warnung
Die er enthält.
Hero. Gewiß, ich werde: Morgen.
Priester.
Nein, heut. Wär's nicht zuviel, ich bäte dich,
Ihn jetzt zu holen, gleich.
Hero. Du quälst mich, Ohm.
Allein damit du siehst—Ist's noch nicht Abend?
Priester.
Beinah.
Hero. Ich hole denn das Schreiben,
(Mit verbindlichem Ausdruck.)
Damit du siehst, wie sehr ich dir zu Dienst.
(Ab in den Turm.)
Priester.
Mein Innerstes bewegt sich, schau ich sie.
So still, so klug, so Ebenmaß in jedem;
Und immer deucht es mir, ich müßt' ihr sagen:
Blick auf! Das Unheil gähnt, ein Abgrund neben dir!
Und doch ist sie zu sicher und zu fest.
Gönn ich ihr Zeit, und taucht ihr heller Sinn
Auf aus den Fluten, die ihn jetzt umnachten,
Denkt sie auf Mittel nur ihn zu erretten,
Entzieht den Strafbarn unsrer Schlingen Haft,
Und ist so mehr und sichrer denn verloren. Zwar, muß sie schuldig
sein? Wenn ein Verwegner
Das Unerlaubte tollkühn unternahm—
Sei's auch, daß sie berührt nach Jugendart—
Muß im Verständnis sie ihm selbst die Zeichen,
Die Mittel selbst ihm bieten seiner Tat?
(Am Fenster des Turmes erscheint die Lampe.)
Was dort? Die Lampe strahlt. Unselig Mädchen!
Sie leuchtet deiner Strafe, deiner Schuld.
(Der Tempelhüter kommt.)
Tempelhüter.
Siehst du das Licht?
Priester. Ich seh's. Sprachst du die Fischer?
Tempelhüter.
Ja Herr. Sie rudern nicht, wie du befahlst,
Heut nacht ins Meer, das hoch geht ohnehin.
Priester.
So besser denn! Du folge nun! Sie kommt.
(Sie entfernen sich nach der linken Seite.)
(Hero kommt zurück mit einer Rolle.)
Hero.
Hier ist dein Brief. Nimmst du ihn nicht?—Ei ja!
Wo ging' er mir nur hin?—Er kommt wohl wieder.