Medea (aufspringend).
Fort!

Jason (sie zurückhaltend).
Bleib!

Medea.
Von hier!

Jason.
Bleib da, ich bitte dich!
Ich sage dir: bleib da! Hörst du, du sollst!
Du sollst, beim Himmel, gält' es auch dein Leben!
Wagt es das Weib, dem Mann zu bieten Trotz?
Bleib!

(Er faßt ihre Arme mit beiden Händen.)

Medea.
Laß!

Jason.
Wenn du gehorchst, sonst nimmermehr!

(Er ringt mit der Widerstrebenden.)

Mich lüstet deines Starrsinns Maß zu kennen!

Medea (in die Kniee sinkend).
Weh mir!

Jason.
Siehst du? du hast es selbst gewollt.
Erkenne deinen Meister, deinen Herrn!

(Medea liegt auf einem Kniee am Boden, auf das andre stützt sie den
Arm, das Gesicht mit der Hand bedeckend.)

Jason (hinzutretend).
Steh auf!—Du bist doch nicht verletzt?—Steh auf!
Hier sitz und ruh', (vermagst) du es zu ruhn!

(Er hebt sie vom Boden auf, sie sitzt auf der Rasenbank.)

Jason.
Umsonst versend' ich alle meine Pfeile
Rückprallend treffen sie die eigne Brust.
Wie hass' ich dieses Land, sein rauher Hauch
Vertrocknete die schönste Himmelsblume,
Die je im Garten blühte der Natur.
Wärst du in Griechenland, da wo das Leben
Im hellen Sonnenglanze heiter spielt,
Wo jedes Auge lächelt wie der Himmel,
Wo jedes Wort ein Freundesgruß, der Blick
Ein wahrer Bote wahren Fühlens ist,
Kein Haß als gegen Trug und Arglist, kein—
Und doch, was sprech ich? Sieh, ich weiß es wohl
Du bist nicht was du scheinen willst, Medea,
Umsonst verbirgst du dich, ich kenne dich!
Ein wahres, warmes Herz trägst du im Busen,
Die Wolken hier, sie decken eine Sonne.
Als du mich rettetest, als dich mein Kuß—
Erschrickst du?—Sich mich an!—Als dich mein Kuß!—
Ja deine Lippen hat mein Mund berührt,
Eh ich dich kannt', eh ich dich fast gesehn
Nahm ich mir schon der Liebe höchste Gabe;
Da fühlt' ich (Leben) mir entgegen wallen
Und du gibst trügerisch dich nun für (Stein)!
Ein wahres, warmes Herz schlägt dir im Busen
Du (liebst) Medea!

(Medea will aufspringen.)

Jason (sie niederziehend).
Bleib!—du liebst Medea!
Ich seh's am Sturmeswogen deiner Brust
Ich seh's an deiner Wangen Flammenglut
Ich fühl's an deines Atems heißem Wehn,
An diesem Beben fühl' ich es—du liebst,
Liebst (mich)! (Mich) wie ich (dich)!—ja wie ich (dich)!

(Er kniet vor ihr.)

Schlag deine Augen auf und leugne wenn du's kannst!
Blick' mich an und sag' nein!—du liebst Medea!

(Erfaßt ihre beiden Hände und wendet die sich Sträubende gegen sich, ihr fest ins Gesicht blickend.)

Jason.
Du weinst! Umsonst, ich kenne Mitleid nicht
Mir Aug ins Aug, und sage: nein!—du liebst!
Ich liebe dich, du mich! Sprich's aus Medea!

(Er hat sie ganz gegen sich gewendet. Ihr Auge trifft das seinige.
Sie schaut ihm mit einem tiefen Blick ins Auge.)

Jason.
Dein Auge hat's gesagt, nun auch der Mund!
Sprich's aus Medea, sprich es aus: ich liebe!
Fällt dir's so schwer ich will dich's lehren, Kind.
Sprich's nach: ich liebe dich!

(Er zieht sie an sich; sie verbirgt dem Zuge folgend das Gesicht in seinen Haaren.)

—Und noch kein Wort!
Kein Wort, obschon ich sehe, wie der Sturm
An deines Innern festen Säulen rüttelt.
Und doch kein Wort!

(Aufspringend.)

So hab' es Störrische!
Geh! Du bist frei, ich halte dich nicht mehr!
Kehr' wieder zu den Deinigen zurück,
Zu ihren Menschenopfern, Todesmahlen,
In deine Wildnis, Wilde kehr' zurück,
Geh! Du bist frei; ich halte dich nicht mehr!

Aietes (von innen).
Hierher, Kolcher, hierher!

Jason.
Dein Vater naht.
Sei froh, ich weigre dich ihm nicht.
Argonauten (kommen weichend.
Hinter ihnen) Aietes, Absyrtus (und) Kolcher(, die sie verfolgen.)

Aietes (auftretend).
Braucht eure Waffen, wackre Genossen!
Wo ist mein Kind?

Absyrtus.
Dort Vater sitzt sie.

Aietes (zu Jason).
Verruchter Räuber, mein Kind gib mir zurück!

Jason.
Wenn du mich bittest, nicht wenn du mir drohst.
Dort ist dein Kind. Nimm sie und führ' sie heim.
Nicht weil Du willst, weil sie will und weil ich will.

(Zu Medeen hintretend und sie anfassend.)

Steh auf Medea! Komm! Hier ist dein Vater!
Du sehntest dich nach ihm; hier ist er nun.
Verhüten es die Götter, daß ich hier
Zurück dich hielte wider deinen Willen.
Was zitterst du? du hast es selbst gewollt.

(Er führt die Wankende zu ihrem Vater und gibt sie ihm in die Arme.)

Hier Vater ist dein Kind.

Aietes (Medeen empfangend, die das Gesicht auf seiner Schulter verbirgt).
Medea!

Absyrtus.
Schwester!

Jason.
Nun König, rüste dich zum Todeskampf!
Die Bande, die mich hielten sind gesprengt,
Zerronnen ist der schmeichelhafte Wahn,
Der mir der Tatkraft Sehnen abgespannt.
Mit ihr, die jetzo ruht in deinem Arm,
Legt' ich den Frieden ab und atme Krieg.
Auf, rüste dich, es gilt dein Heil und Leben!

(Zu Medeen.)

Du aber, die hier stumm und bebend liegt,
Das Angesicht so feindlich abgewandt,
Leb' wohl! Wir scheiden jetzt auf immerdar.
Es war ein Augenblick, wo ich gewähnt,
Du könntest fühlen, könntest mehr als hassen,
Wo ich geglaubt, die Götter hätten uns
Gewiesen an einander, dich und mich.
Das ist nunmehr vorbei. So fahre hin!
Du hast das Leben zweimal mir gerettet,
Das dank' ich dir und werd' es nie vergessen.
In ferner Heimat und nach langen Jahren
Will ich's erzählen in dem Kreis der Freunde.
Und frägt man mich und forscht: wem gilt die Träne,
Die fremd dir da im Männerauge funkelt?
Dann sprech' ich wohl in schmerzlicher Erinnrung:
Medea hieß sie; schön war sie und herrlich,
Allein ihr Busen barg kein Herz.

Aietes.
Medea
Was ist? Feucht liegt dein Gesicht auf meiner Schulter.
Weinst du?

Jason.
Du weinst? Laß mich die Tränen sehn,
O laß mich's glauben, daß du weinen kannst.
Blick' noch einmal nach mir, es ist das letztemal;
Ich will den Blick mittragen in die Ferne.
Denk' doch, es ist zum letzten- letztenmal.

(Er faßt ihre herabhängende Hand.)

Aietes.
Wagst du's, zu berühren ihre Hand?

Jason (indem er ihre Hand fahren läßt).
Sie will nicht. Nun wohlan, so sei es denn!
Du siehst mich nimmermehr auf dieser Erde.
Leb' wohl Medea, leb' auf ewig wohl!

(Er geht rasch.)

Medea (das Gesicht hinwendend und den Arm ihm nachstreckend).
Jason!

Jason (umkehrend).
Das war's! Medea! Komm zu mir!

(Auf sie zueilend und ihre Hand fassend.)

Zu mir!

Aietes (sie an der andern Hand haltend).
Verwegner, fort!

Jason (Aietes' Hand wegschleudernd und Medeen an sich reißend).
Wagst du's Barbar!
Sie ist mein Weib!

Aietes.
Sein Weib?—Du schweigst Verworfne?

Jason (Medeen auf die andere Seite führend).
Hierher Medea, fort von diesen Wilden.
Von nun an bist du mein und keines Andern!

Aietes.
Medea, du weigerst dich nicht? du folgst ihm?
Stößt ihm nicht den Stahl in die frevelnde Brust?
Verruchte, war's vielleicht dein eignes Werk?

(Auf Jason eindringend.)

Meine Tochter gib mir, mein verlocktes Kind!

Medea (sich zwischen beide werfend).
Vater, töt' ihn nicht! Ich lieb' ihn!

Jason.
Er konnte dir's entreißen und ich nicht!

Aietes.
Schamlose! Du selbst gestehst's? Gestehst deine Schande?
O, daß ich nicht merkte die plumpe List,
Daß ich selbst sie sandte in seinen Arm,
Vertrauend der Väter Blut in ihren Adern!

Jason.
Darfst du sie schmähen?

Medea.
Höre mich Vater!
Es ist geschehn was ich fürchtete. Es ist.
Aber laß uns klar sein, Vater, klar!
In schwarzen Wirbeln dreht sich's um mich
Aber ich will hindurch, empor aus Dunkel und Nacht.
Noch läßt sich's wenden, ab sich wenden. Höre mich!

Aietes.
Was soll ich hören? Ich habe gesehn!

Medea.
Vater! Vernicht' uns nicht alle.
Löse den Zauber, beschwichtige den Sturm!
Heiß ihn dableiben, den Führer der Fremden,
Nimm ihn auf, nimm ihn an!
An deiner Seite herrsch' er in Kolchis,
Dir befreundet, dein Sohn!

Aietes.
Mein Sohn? Mein Feind.
Tod ihm, und dir, wenn du nicht folgst!
Willst du mit mir? Sprich! Willst du oder nicht?

Medea.
Höre mich.

Aietes.
Willst du, oder nicht?

Absyrtus.
Gönn' ihr zu sprechen, Vater!

Aietes.
Ja oder nein?
Laß mich Sohn!—Willst du?—Sie kommt nicht.—Schlange!

(Er holt mit dem Schwert aus.)

Jason (sich vor sie hinstellend).
Du sollst sie nicht verletzen!

Absyrtus (zugleich dem Vater in den Arm fallend).
Vater, was tust du?

Aietes.
Du hast recht. Nicht sterben soll sie, leben;
Leben in Schmach und Schande; verstoßen, verflucht,
Ohne Vater, ohne Heimat, ohne Götter!

Medea.
Vater!

Aietes.
Du hast mich betrogen, verraten.
Bleib! Nicht mehr betreten sollst du mein Haus.
Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis,
Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein.
Folg' ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat,
Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach;
Leb' im fremden Land, eine Fremde,
Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht;
Er selbst, für den du hingibst Vater und Vaterland
Wird dich verachten, wird dich verspotten,
Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begier;
Dann wirst du stehn und die Hände ringen,
Sie hinüberbreiten nach dem Vaterland,
Getrennt durch weite, brandende Meere,
Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch!

Medea (knieend).
Vater!

Aietes.
Zurück! Ich kenne dich nicht!
Komm, mein Sohn! Ihr Anblick verpestet,
Ihre Stimme ist Todeslaut meinem Ohr.
Umklammre nicht meine Kniee, Verruchte!
Sieh ihn dort, ihn, den du gewählt;
Ihm übergeb' ich dich;
Er wird mich rächen, er wird dich strafen,
Er selber, früher als du denkst.

Medea.
Vater!

Aietes

(indem er die Knieende von sich stößt, daß sie halbliegend
zurücksinkt).
Weg deine Hand, ich kenne dich nicht!
Fort mein Sohn, mein einziges Kind!
Fort mein Sohn aus ihrer Nähe!

(Ab mit Absyrtus und Kolchern.)

Jason.
Flieh nur Barbar, der Rach' entgehst du nicht!

(Zu den Argonauten.)

Nun Freunde gilt's; die Waffen haltet fertig
Zum letzten Streich, der Sieg bringt oder Tod.

(Auf Medeen zeigend.)

Sie kennt das Vließ, den Ort, der es verbirgt,
Mit ihr vollbringen wir's und dann zu Schiff.

(Zu Medeen hintretend, die noch auf eine Hand gestützt, die andre über die Stirne gelegt am Boden liegt.)

Steh auf Medea, er ist fort.—Steh auf!

(Er hebt sie auf.)

Hier bist du sicher.

Medea (die sich in seinen Armen aufgerichtet hat, aber mit einem Kniee
noch am Boden liegt).
Jason, sprach er wahr?

Jason (sie ganz aufhebend).
Denk' nicht daran!

Medea (scheu an ihn geschmiegt).
O Jason, sprach er wahr?

Jason.
Vergiß was du gehört, was du gesehn,
Was du gewesen bist auf diese Stunde.
Aietes' Kind ist Jasons Weib geworden,
An dieser Brust hängt deine Pflicht, dein Recht.
Und wie ich diesen Schleier von dir reiße,
Durchwoben mit der Unterird'schen Zeichen,
So reiß' ich dich von all den Banden los,
Die dich geknüpft an dieses Landes Frevel.
Hier Griechen eine Griechin! Grüßet sie!

(Er reißt ihr den Schleier ab.)

Medea (darnach fassend).
Der Götter Schmuck!

Jason.
Der Unterird'schen! Fort!
Frei wallt das Haar nun um die offne Stirn;
So frei und offen bist du Jasons Braut. Nun nur noch eins und dann
zu Schiff und fort.
Das Vließ, du kennst's, zeig' an mir, wo es liegt!

Medea.
Ha schweig!

Jason.
Warum?

Medea.
Sprich nicht davon!

Jason.
Mein Wort hab' ich gegeben, es zu holen
Und ohne Siegespreis kehrt Jason nicht zurück.

Medea.
Ich sage dir, sprich nicht davon!
Ein erzürnter Gott hat es gesendet,
Unheil bringt es, (hat) es gebracht!
Ich bin dein Weib! Du hast mir's entrissen,
Aus der Brust gerissen das zagende Wort,
Ich bin dein, führe mich wohin du willst
Aber kein Wort mehr von jenem Vließ!
In vorahnender Träume dämmerndem Licht
Haben mir's die Götter gezeigt
Gebreitet über Leichen,
Besprützt mit Blut,
Meinem Blut!
Sprich nicht davon!

Jason.
Ich aber muß, nicht sprechen nur davon,
Ich muß es holen, folge was da wolle.
Drum laß die Furcht und führ' mich hin zur Stelle
Daß ich vollende, was mir auferlegt.

Medea.
Ich? Nimmermehr!

Jason.
Du willst nicht?

Medea.
Nein!

Jason.
Und weigerst du mir Beistand, hol' ich's selbst.

Medea.
So geh!

Jason (sich zum Fortgehen wendend.)
Ich gehe.

Medea (dumpf).
Geh—in deinen Tod!

Jason.
Kommt Freunde, laßt den Ort uns selbst erkunden!

(Er geht.)

Medea.
Jason!

Jason (wendet sich um).
Was ist?

Medea.
Du gehst in deinen Tod!

Jason.
Kam ich hierher und fürchtete den Tod?

Medea (auf ihn zueilend und seine Hand fassend).
Ich sage dir, du stirbst.

(Halblaut.)

In der Höhle liegt's verwahrt,
Verteidigt von allen Greueln
Der List und der Gewalt.
Labyrinthische Gänge,
Sinnverwirrend,
Abgründe, trügerisch bedeckt,
Dolche unterm Fußtritt,
Tod im Einhauch,
Mord in tausendfacher Gestalt,
Und das Vließ, am Baum hängt's,
Giftbestrichen,
Von der Schlange gehütet,
Die nicht schläft,
Die nicht schont,
Unnahbar.

Jason.
Ich hab' mein Wort gegeben und ich lös' es.

Medea.
Du gehst?

Jason.
Ich geh'!

Medea

(sich ihm in den Weg werfend).
Und wenn ich hin mich werfe
Flehend deine Kniee umfass' und rufe:
Bleib! bleib!

Jason.
Nichts hält mich ab!

Medea.
O Vater, Vater!
Wo bist du? Nimm mich mit!

Jason.
Was klagst du?
Wohl eher wär' das Recht zu klagen mir.
Ich tue was ich muß, du hast zu wählen.
Du weigerst dich und so geh' ich allein.

(Er geht.)

Medea.
Du gehst?

Jason.
Ich geh'!

Medea.
Trotz allem was ich bat,
Doch gehst du?

Jason.
Ja!

Medea (aufspringend).
So komm!

Jason.
Wohin?

Medea.
Zum Vließ,
Zum Tod!—Du sollst (allein) nicht sterben,
Ein Haus, Ein Leib und Ein Verderben!

Jason (sich ihr nähernd).
Medea!

Medea (ausweichend).
Die Liebkosung laß
Ich habe sie erkannt!—O Vater! Vater!
So komm, laß uns holen was du suchst;
Reichtum, Ehre,
Fluch, Tod!
In der Höhle liegt's verwahrt
Weh dir, wenn sich's offenbart!
Komm!

Jason (ihre Hand fassend).
Was quält dich?

Medea (indem sie ihre Hand aufschreiend wegzieht).
Ah!—Phryxus!—Jason!

Jason.
Um aller Götter willen!

Medea.
Komm! Komm!

(Huscht fort mit weit aufgerissenen Augen vor sich hinstarrend.
Die andern folgen.)

(Der Vorhang fällt.)

Vierter Aufzug

(Das Innere einer Höhle. Kurzes Theater. Im Vorgrunde rechts das
Ende einer von oben herabführenden Treppe. In der Felsenwand des
Hintergrunds ein großes, verschlossenes Tor.)

Medea (steigt, in der einen Hand einen Becher in der andern eine Fackel
die Treppe herab).
Komm nur herab! Wir sind am Ziel!

Jason (oben, noch hinter der Szene).
Hierher das Licht!

Medea (die Stiege hinaufleuchtend).
Was ist?

Jason (mit gezogenem Schwerte auftretend und die Stiege eilig
herabsteigend).
Es strich an mir vorbei! Halt! Dort!

Medea.
Was?

Jason.
An der Pforte steht's den Eingang wehrend.

Medea (hinleuchtend).
Sieh, es ist nichts und niemand wehrt dir Eingang,
Wenn du nicht selbst.

(Sie setzt den Becher weg und steckt die Fackel in einen Ring am
Treppengeländer.)

Jason.
Du bist so ruhig.

Medea.
Und du bist's nicht!

Jason.
Als es noch nicht begonnen
Als ich's nur wollte, bebtest du, und nun—

Medea.
Mir graut, daß du es willst, nicht daß du's tust.
Bei dir ist's umgekehrt.

Jason.
Mein Aug ist feig,
Mein Herz ist mutig.—Rasch ans Werk!—Medea!

Medea.
Was starrst du ängstlich?

Jason.
Bleicher Schatten, weiche!
Laß frei die Pforte, du hältst mich nicht ab.

(Auf die Pforte zugehend.)

Ich geh' trotz dir, durch dich zum Ziel—nun ist er fort!
Wie öffnet man das Tor?

Medea.
Ein Schwerthieb an die Platte
Dort in der Mitte öffnet es.

Jason.
Gut denn!
Du wartest meiner hier.

Medea.
Jason!

Jason.
Was noch?

Medea (weich und schmeichelnd).
Geh nicht!

Jason.
Du reizest mich!

Medea.
Geh nicht o Jason!

Jason.
Hartnäckige kann nichts dich denn bewegen,
Zu opfern meinem Entschluß deinen Wahn?

Medea.
Man ehrt den Wahn auch dessen, den man liebt.

Jason.
Genug nunmehr, ich will!

Medea.
Du willst?

Jason.
Ich will.

Medea.
Und nichts vermag dagegen all mein Flehn?

Jason.
Und nichts vermag dagegen all dein Flehn.

Medea.
Und auch mein Tod nichts?

(Sie entreißt ihm durch eine rasche Bewegung das Schwert.)

Sieh! dein eignes Schwert
Gekehrt ist's gegen meine Brust. Ein Schritt noch weiter
Und vor dir liegt Medea kalt und tot.

Jason.
Mein Schwert!

Medea.
Zurück! Du ziehst's aus meiner Brust!
Kehrst du zurück?

Jason.
Nein!

Medea.
Und wenn ich mich töte?

Jason.
Beweinen kann ich dich, rückkehren nicht.
Mein Höchstes für mein Wort und wär's dein Leben!

(Auf sie zugehend.)

Gib Raum, Weib, und mein Schwert!

Medea (indem sie ihm das Schwert gibt).
So nimm es hin
Aus meiner Hand, du süßer Bräutigam!
Und töte dich und mich!—Ich halte dich nicht mehr!

Jason (auf die Pforte zugehend).
Wohlan!

Medea.
Halt! Eins noch! Willst du jetzt schon sterben?
Das Vließ, am heiligen Baum
Ein Drache hütet's, grimm,
Unverwundbar seine Schuppenhaut,
Alldurchdringend sein Eisenzahn,
Du besiegst ihn nicht.

Jason.
Ich ihn, oder er mich.

Medea.
Grausamer, Unmenschlicher!
Oder er dich! und du gehst?

Jason.
Wozu die Worte?

Medea.
Halt!
Den Becher hier nimm!
Vom Honig des Berges
Dem Tau der Nacht,
Und der Milch der Wölfin
Brauset drin gegoren ein Trank.
Setz' ihn hin wenn du eintrittst,
In der Ferne stehend.
Und der Drache wird kommen,
Nahrung suchend,
Zu schlürfen den Trank.
Dann tritt hin zum Baume
Und nimm das Vließ—Nein, nimm's nicht,
Nimm's nicht und bleib!

Jason.
Törin! Her den Trank! Gib!

(Er nimmt ihr den Becher aus der Hand.)

Medea (um seinen Hals fallend).
Jason!—So küss' ich dich und so, und so, und so!
Geh in dein Grab und laß auch Raum für mich!
Bleib!

Jason.
Laß mich Weib! Mir schallt ein höhrer Ruf!

(Gegen die Pforte zugehend.)

Und bärgest du des Tartarus Entsetzen,
Ich steh' dir!

(Er haut mit dem Schwerte gegen die Pforte.)

Tut euch auf, ihr Pforten!—Ah!

(Die Pforten springen auf und zeigen eine innere schmälere Höhle, seltsam beleuchtet. Im Hintergrunde ein Baum. An ihm hängt hellglänzend das goldene Vließ. Um Baum und Vließ windet sich eine ungeheure Schlange, die beim Aufspringen der Pforte ihr in dem Laube verborgenes Haupt hervorstreckt und züngelnd vor sich hin blickt.)

(Jason fährt aufschreiend zurück und kommt wieder in den Vorgrund.)

Medea (wild lachend).
Bebst du? Schauert dir das Gebein?
Hast's ja gewollt, warum gehst du nicht?
Starker, Kühner, Gewaltiger!
Nur gegen mich hast du Mut?
Bebst vor der Schlange? Schlange!
Die mich umwunden, die mich umstrickt,
Die mich verderbt, die mich getötet!
Blick' hin, blick's an das Scheusal
Und geh und stirb!

Jason.
Haltet aus meine Sinne, haltet aus!
Was bebst du Herz? Was ist's mehr als sterben?

Medea.
Sterben? Sterben? Es gilt den Tod!
Geh hin mein süßer Bräutigam,
Wie züngelt deine Braut!

Jason.
Von mir weg, Weib, in deiner Raserei!
Mein Geist geht unter in des deinen Wogen!

(Gegen das Tor zu.)

Blick' nur nach mir; du findest deinen Mann!
Und wärst du zehnmal scheußlicher, hier bin ich!

(Er geht drauf los.)

Medea.
Jason!

Jason.
Hinein!

Medea.
Jason!

Jason.
Hinein!

(Er geht hinein, die Pforten fallen hinter ihm zu.)

Medea (schreiend an die nunmehr geschlossene Pforte hinstürzend).
Er geht! Er stirbt.

Jason (von innen).
Wer schloß die Pforte zu?

Medea.
Ich nicht!

Jason.
Mach' auf!

Medea.
Ich kann nicht.—Um aller Götter willen!
Setz' hin die Schale, zaudre nicht!
Du bist verloren wenn du zauderst.
—Jason!—Hörst du mich?—Setz' hin die Schale!—
Er hört mich nicht!—Er ist am Werk!
Am Werk!—Hilfe, Ihr dort oben!
Schaut herab auf uns, ihr Götter!
Doch nein, nein, schaut nicht herab
Auf die schuldige Tochter,
Der Schuldigen Gemahl;
Ich schenk' euch die Hilfe, ihr mir die Rache!
Kein Götteraug seh' es,
Dunkel hülle die Nacht
Unser Tun und uns!
Jason lebst du?—Antwort gib!
Gib Antwort!—Alles stumm
Alles tot!—Ha?—Er ist tot!
Er spricht nicht, ist tot.—tot.

(Sie sinkt an der Türe nieder.)

Liegst du mein Bräutigam? Laß Raum,
Raum für die Braut!

Jason (inwendig, schreckhaft).
Ah!

Medea (aufspringend).
Das war seiner Stimme Klang! Er lebt!
Ist in Gefahr! Zu ihm! Auf, Pforte, auf!
Wähnst du zu widerstehn? Ich spotte dein!
Auf!

(Sie reißt mit einem Zuge gewaltsam beide Torflügel auf.)

Jason (stürzt wankend heraus, das Vließ als Banner auf einer Lanze tragend.)

Medea.
Lebst du?

Jason.
Leben?—Leben?—Ja!—Zu! zu da!

(Er schließt ängstlich die Pforte zu.)

Medea.
Und hast das Vließ?

Jason (es weit von sich weghaltend).
Berühr's nicht! Feuer! Feuer!

(Seine Rechte mit ausgestreckten Fingern hinhaltend.)

Sieh hier die Hand—wie ich's berührt—verbrannt!

Medea (seine Hand nehmend).
Das ist ja Blut!

Jason.
Blut?

Medea.
Auch am Haupte Blut.
Hast dich verletzt?

Jason.
Weiß ich's?—Nun komm! Nun komm!

Medea.
Hast du's vollführt, wie ich's gesagt?

Jason.
Ja wohl.
Die Schale stellt' ich hin, mich selber seitwärts
Und harrte schnaufend. Rufen hört' ich, doch
Nicht zu erwidern wagt' ich vor dem Tier.
Das hob sich blinkend auf und, und schon wähnt' ich
Auf mich hin schieb' es rauschend seine Ringe;
Allein der Trank war's, den das Untier suchte,
Und weit gestreckt in durstig langen Zügen
Sog, meiner nicht mehr achtend, es den Trank.
Bald, trunken oder tot lag's unbeweglich.
Ich rasch hervor vom marternden Versteck,
Zum Baum hin und das Vließ—hier ist's—Nun fort!

Medea.
So komm, und schnell!

Jason.
Als ich's vom Baume holte,
Da rauscht' es auf, wie seufzend, durch die Blätter
Und hinter mir riefs: Wehe!
Ha?—Wer ruft?

Medea.
Du selbst!

Jason.
Ich?

Medea.
Komm!

Jason.
Wohin?

Medea.
Fort!

Jason.
Fort, ja fort!
Geh du voran, ich folge mit dem Vließ
Geh nur! Geh, zaudre nicht! Voraus! Voran!

(Beide ab, die Treppe hinauf.)

(Freier Platz vor der Höhle. Im Hintergrunde die Aussicht aufs Meer, die auf der rechten Seite durch einen am Ufer liegenden Hügel verdeckt wird, hinter dem, nur mit den Masten und dem Vorderteile sichtbar, das Schiff der Argonauten liegt.) Milo, Argonauten, (teils mit Arbeiten des Einschiffens beschäftigt, teils als Wachen und ruhend gruppiert.)

Milo.
Das Schiff ist hergezogen. Gut. Doch hört!
Nicht Anker ausgeworfen! Hört ihr? (Nicht)!
Der Augenblick kann uns die Abfahrt bringen
Und ob's zum lichten Zeit dann, weiß ich nicht.

(Auf und ab gehend.)

Er kommt noch immer nicht. Daß er ihr traute!
Ich hab' ihn wohl gewarnt. Doch hört er Warnung?
Sonst ja, daheim, da horcht' er meiner Rede
Und tat auch was ihm riet mein treuer Mund
So folgsam, so ein Kind, und doch ein Mann.
Doch hier ist er verwandelt ganz und gar
Verwandelt gleich—uns allen, sagt' ich schier,
Vom gift'gen Anhauch dieses Zauberbodens.
O dieses Weib! Mir graut denk' ich an sie.
Wie sie so dastand mit den dunkeln Brauen
Gleich Wetterwolken an der finstern Stirn,
Das Augenlid gesenkt, im düstern Sinnen:
Nun hob sich's und wie Wetterleuchten fuhr
Der Blick hervor und faßt' und schlug und traf.—
Ihn traf er!—Nu die Götter mögen's wenden. Was bringen dort die
Beiden. Griechen sind's.
Ein Weib! Gebunden! Memmen ihr!—Holla!

Zwei Griechen (treten auf,)
Gora (mit gebundenen Händen in ihrer Mitte.)

Milo.
Was ist? Was bindet ihr das Weib!—Gleich löst sie!

Soldat.
Das Weib da kam an unsre Vorwacht, Herr
Und fragte nach—nu nach der Kolcherin
Die heut wir fingen.

Gora.
Kolcherin?
Ha Sklav', Medea ist's,
Des Kolcherfürsten Tochter.
Wo habt ihr sie?

Soldat.
Wir wollten sie nicht lassen, daß sie nicht
Dem Feinde Kundschaft gäb' von unsrer Lagrung
Allein sie wehrt' es und fast männlich, Herr.
Da banden wir sie, weil sie sich nicht fügte,
Und bringen sie euch her!

Milo.
Löst ihre Bande!

(Es geschieht.)

Gora.
Wo ist Medea? Wo ist mein Kind?

Milo.
Dein Kind?

Gora.
Ich hab' sie gesäugt gepflegt.
Als eine Mutter mein Kind. Wo habt ihr sie?
Sie sagen: freien Willens sei sie geblieben
Bei euch in eures Lagers Umfang;
Aber 's ist Lüge, ich kenne Medea
Ich kenne mein Kind.
Gefangen haltet ihr sie zurück.
Gebt sie heraus! Wo ist sie?

Milo.
Ganz gut kommst als Genossin du für sie
Leicht fände sie sich einsam unter Menschen.
Bringt sie ins Schiff!

Gora.
So weilt sie dort?

Milo.
Geh nur!
Zu bald wirst du sie noch erblicken!—Geh!

Gora (die abgeführt wird).
Ins Meer, nicht in das Schiff, wenn ihr mich täuscht.

(Ab.)

Milo

(ihr nachschauend).
Ha! bringen wir die wilden Tiere alle
Nach Griechenland, ich sorge, man erdrückt uns,
Die Seltenheit zu sehn!—Und Er kommt nicht!

(Man hört dumpfe Schläge unter der Erde.)

Was ist das?—Horch!—Speit auch der Boden Wunder?
Versucht's der Feind?—

(Gegen die Krieger, das Schwert ziehend.)

Holla! zur Hand!

(Die Krieger greifen nach ihren Waffen.)

Milo.
Die Erde hebt sich!—Was geschieht noch alles?
(Eine Falltüre öffnet sich am Boden.) Medea (steigt herauf.)

Medea.
Hier ist der Tag.

(Nachdem sie ganz heroben ist.)

Und hier die Deinen.
Ich hielt was ich versprach.
Jason (mit dem Vließ-Banner steigt auch herauf.
Medea läßt die Falltüre nieder.)

Milo

(auf ihn zueilend und seine Hand nehmend). Du bist es Jason! Du!

Jason (der mit gebeugtem Kopf dagestanden, emporblickend).
Jason!—Wo?—Ja so! Ja, ja!

(Ihm die linke Hand reichend. In der rechten hält er das Banner.)

Freund Milo!

Milo (im Vortreten).
Und mit dem Vließ?

Jason (schreckhaft sich umsehend).
Ha!—Mit dem Vließ!—

(Es hinhaltend.)

Hier ist's!

(Sich noch einmal umsehend.)

Ein widerlicher Mantel dort, der graue
Und drein gehüllt der Mann bis an die Zähne.

(Auf ihn zugehend.)

Borg' mir den Mantel, Freund!

(Der Soldat gibt den Mantel.)

Ich kenne dich
Du bist Archytas aus Korinth. Ja, ja
Ein lust'ger Kauz, ein (Geist) mit Fleisch und Blut!

(Ihn an der Schulter anfassend.)

Mit Fleisch und Blut!

(Widerlich lachend.)

Ha! ha!—Ich dank' dir Freund!

Milo.
Wie sonderbar—

Jason

(den Mantel um das Vließ hüllend). Wir wollen das verhüllen, So—und hier aufbewahren bis wir's brauchen.

(Er legt das Vließ hinter ein Felsenstück, auf das sich Medea sinnend gesetzt hat.)

Was sinnest du Medea, sinnest jetzt?
Laß uns die Überlegung aufbewahren
Als Zeitvertreib auf langer Überfahrt.
Komm her mein Weib, mir angetraut
Bei Schlangenzischen unterm Todestor.

Milo (sich zu Medea wendend).
Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl.
Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennend
Ward eingebracht—

Medea.
Gora.—Zu ihr!

Jason (rauh).
Bleib da!

(Medea erschrocken die Hände auf Brust und Stirn legend, bleibt stehen.)

Jason (milder).
Ich bitte dich bleib da!

(Indem er sie zurückführt.)

Geh nicht Medea!

(Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.)

Entwöhne dich vom Umgang jener Wilden
Dafür an unseren gewöhne dich!
Wir sind jetzt Eins, wir müssen einig denken.

Milo.
Kommt jetzt zu Schiff!

Jason.
Ja, ja! Komm mit Medea!
Wie lau die Feinde sind! Ich hätte Lust
Zu fechten, fechten. Doch sie schlafen scheint es!

Absyrtus

(hinter der Szene). Hierher!

Milo.
Sie schlafen nicht.

Jason.
So besser! Schließt euch!
Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurück.
Wir wollen unser Angedenken ihnen
Zum Abschied noch erneun auf immerdar.

(Er rafft das verhüllte Vließ auf.)

Medea, in den Kreis und zittre nicht!
Absyrtus (tritt mit) Kolchern (auf.)

Absyrtus.
Hier ist sie! Komm zu mir! Medea! Schwester!

Medea (die bei seinem Eintritt ihm unwillkürlich einige
Schritte entgegen gegangen ist, jetzt stehen bleibend).
Wohl deine Schwester, doch Medea nicht!

Jason.
Was weilst du dort? Tritt wieder her zu uns!

Absyrtus (mitleidig zu ihr tretend).
So wär' es wahr denn, was sie alle sagen
Und ich nicht glauben konnte bis auf jetzt.
Du wolltest ziehen mit den fremden Männern?
Verlassen unsre Heimat, unsern Herd
Den Vater und mich Medea
Mich, der dich so liebt, du arme Schwester!

Medea (an seinen Hals stürzend).
O Bruder! Bruder!

(Mit tränenerstickter Stimme.)

O mein Bruder!

Absyrtus.
Nein es ist nicht wahr!—Du weinst!
Ich muß auch weinen. Doch was tut's?
Ich schäme mich der Tränen nicht Genossen
Im K a m p f will ich zeigen, was ich wert.
Weine nicht Schwester, komm mit mir!

Medea (an seinem Halse, kaum vernehmlich).
O könnt' ich gehn mit dir!

Jason (hinzutretend).
Du willst mit ihm?

Medea (furchtsam).
Ich?

Jason.
Du sagtest's!

Medea.
Sagt' ich etwas Bruder?
Nein, ich sagte nichts!

Absyrtus.
Wohl sagtest du's, und komm, o komm,
Ich führe dich zum Vater, er verzeiht!
Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht;
Gewiß verzeiht er, noch ist nichts geschehn,
Die Fremden, sie fanden's noch nicht das Vließ.

Medea (sich entsetzt aus seinen Armen losreißend).
Nicht?

(Schaudernd.)

Sie haben's!

Jason (indem er die Hülle von dem Vließ reißt und es hochgeschwungen vorzeigt). Hier!

Absyrtus.
Das Vließ!

(Zu Medeen.)

So hast du uns denn doch verraten
Geh hin in Unheil denn und in Verderben!

(Zu Jason.)

Behalt sie, doch das Vließ gib mir heraus!

Jason.
Du schwärmst mein junger Fant! Mach' dich von hinnen,
Und sag' dem Vater was du hier gesehn.
Nehm' ich die Tochter, schenk' ich ihm den Sohn!

Absyrtus.
Das Vließ!

Jason.
Ich will dein Blut nicht. Schweig und geh!
Mit Drachen ist mein Arm gewohnt zu kämpfen,
Mit Toren nicht wie Du: Geh sag' ich geh!

Absyrtus (eindringend).
Das Vließ.

Jason (ausweichend).
Mir zu begegnen ist gefährlich,
Denn ich bin grimmig wie der grimme Leu.

Absyrtus.
Das Vließ!

Jason.
So hab's!

(Er haut, über die linke Schulter ausholend mit einem grimmigen Seitenhieb auf Absyrtus, daß Helm, Schild und Schwert ihm rasselnd entfallen, er selbst aber, obschon unverwundet, taumelnd niederstürzt.)

Medea

(bei dem Fallenden auf die Kniee stürzend und sein Haupt in ihrem Schoß verbergend). Halt ein!

Jason.
Ich töt' ihn nicht!
Allein gehorchen muß er, (muß—gehorchen)!

Medea (Absyrtus aufrichtend).
Steh auf!

(Er ist aufgestanden und lehnt sich betäubt an ihre Brust.)

Medea.
Bist du verletzt?

Absyrtus (matt).
Es schmerzt!—Die Stirn!

Medea (ihre Lippen auf seine Stirne pressend).
Mein Bruder!

Milo

(der früher spähend abgegangen ist, kommt jetzt eilig zurück). Auf! Die Feinde nahen! Auf! In großer Zahl, der König an der Spitze!

Medea (ihren Bruder fester an sich drückend).
Mein Vater!

Absyrtus (matt).
Unser Vater!

Jason (zu den Beiden).
Ihr, zurück!

Milo (auf Absyrtus zeigend).
Der Sohn sei Geisel gegen seinen Vater
Bringt ihn dort auf die Höh' zum Schiff hinauf!

Absyrtus (matt die ihn Anfassenden abwehren wollend).
Berührt ihr mich?

Medea.
O laß uns gehn, mein Bruder!

(Sie werden auf die Höhe gebracht.)

Jason.
Hinan, ins Schiff und spannt die Segel auf.
Aietes (kommt mit bewaffneten) Kolchern.

Aietes (hereinstürzend).
Haltet ein! Meine Kinder! Mein Sohn!

Absyrtus (oben am Hügel sich loszumachen strebend).
Mein Vater!

Jason (den Hügel hinauf rufend).
Haltet ihn!

(Zu Aietes.)

Er bleibt bei mir,
Folgt mir zu Schiff, als Geisel wider dich.
Wenn nur ein Kahn, ein Nachen uns verfolgt
So stürzt dein Sohn hinab ins Wellengrab!
Erst wenn erreicht ist Kolchis' letzte Spitze,
Setz' ich ihn aus und send' ihn her zu dir.
Barbar, du lehrtest mich, dich zu bekämpfen!

Aietes.
Sohn, stehst du in den Armen der Verworfnen?

Absyrtus (fruchtlos sich loszuwinden strebend).
Laß mich!

Medea.
Mein Bruder!—Vater!

Jason.
Haltet ihn!

Aietes.
Komm, Sohn!

Jason.
Umsonst!

Aietes.
So komm' ich, Sohn, zu dir!
Mir nach ihr Kolcher, folget eurem König!

Jason.
Zurück!

Aietes (vordrängend).
Glaubst du, du schreckest mich?

Jason.
Zurück!
Du rettest nicht den Sohn, als wenn du weichst.
Kein Haar wird ihm gekrümmt, ich schwör' es dir!
Bringt ihn an Bord!

Absyrtus (ringend).
Mich? Nimmermehr!

Aietes.
Mein Sohn!

Absyrtus.
Fall sie an, befrei' den Sohn, o Vater!

Aietes.
Kann ich's? sie töten dich, wenn ich's tue!

Absyrtus.
Lieber frei sterben, als leben gefangen
Fall' ich auch, wenn nur sie fallen mit!

Jason.
An Bord mit ihm!

Aietes.
Sohn komm!

Absyrtus (der sich losgerissen hat).
Ich komme Vater!
Frei bis zum Tod! Im Tode räche mich!

(Er springt von der Klippe ins Meer.)

Medea.
Mein Bruder! Nimm mich mit!

(Sie wird zurückgehalten und sinkt nieder.)

Aietes.
Mein Sohn!

Jason.
Er stirbt!
Die hohen Götter ruf' ich an zu Zeugen
Daß d u ihn hast getötet und nicht ich!

Aietes.
Mein Sohn!—Nun Rache! Rache!

(Auf Jason eindringend.)

Stirb!

Jason.
Laß mich!
Soll ich dich töten?

Aietes.
Mörder stirb!

Jason.
Ich Mörder?
Mörder du selber!

(Das Vließ einem Nebenstehenden entreißend, dem er es früher zu halten gegeben.)

Kennst du dies?

Aietes (schreiend zurücktaumelnd).
Das Vließ!

Jason

(es ihm vorhaltend). Kennst du's? Und kennst du auch das Blut, das daran klebt? 's ist Phryxus' Blut!—Dort deines Sohnes Blut! Du Phryxus' Mörder, Mörder deines Sohns!

Aietes.
Verschling mich Erde! Gräber tut euch auf.

(Stürzt zur Erde.)

Jason.
Zu spät, sie decken deinen Frevel nicht.
Als Werkzeug einer höheren Gewalt
Steh' ich vor dir. Nicht zittre für dein Leben,
Ich will nicht deinen Tod; ja stirb erst spät,
Damit noch fernen Enkeln kund es werde,
Daß sich der Frevel rächt auf dieser Erde.
Nun rasch zu Schiff, die Segel spannet auf
Zurück ins Vaterland!

Aietes (an der Erde).
Weh mir weh
Legt mich ins Grab zu meinem Sohn!
(Indem die Kolcher sich um den König gruppieren und Jason mit den
Argonauten das Schiff besteigt fällt der Vorhang.)

Medea

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Personen:

Kreon, König von Korinth
Kreusa, seine Tochter
Jason
Medea
Gora, Medeens Amme
Ein Herold der Amphiktyonen
Ein Landmann
Diener und Dienerinnen
Medeens Kinder

Erster Aufzug

(Vor den Mauern von Korinth. Links im Mittelgrunde ein Zelt
aufgeschlagen. Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einer
Landspitze ein Teil der Stadt hinzieht. Früher Morgen noch vor
Tages Anbruch. Dunkel.)

(Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der Schaufel grabend und Erde auswerfend. Medea auf der andern Seite, vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste, in welche sie mancherlei Gerät während des Folgenden hineinlegt.)

Medea.
Bist du zu Ende?

Sklave.
Gleich, Gebieterin!

(Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.)

Medea.
Zuerst den Schleier und den Stab der Göttin;
Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier.
Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei
Und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes,
Es muß geschehn am offnen Strahl des Lichts.
Dann dies Gefäß: geheime Flammen birgt's,
Die den verzehren, der's unkundig öffnet;
Dies andere, gefüllt mit gähem Tod;
Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nähe!
Noch manches Kraut, manch dunkel-kräft'ger Stein,
Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch.

(Aufstehend.)

So. Ruhet hier verträglich und auf immer!
Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste.

(Der Sklave, der unterdes aus der Grube heraufgestiegen ist und sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschäftigung abwartend, gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer Lanze befestigten, Verhülltem, das an einem Baume hinter Medeen lehnt; die Hülle fällt auseinander, das Banner mit dem Vliese leuchtet strahlend hervor.)

Sklave (das Banner anfassend).
Ist's dieses hier?

Medea.
Halt ein! Enthüll es nicht!—
Laß dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk!
Du Zeuge von der Meinen Untergang,
Besprützt mit meines Vaters, Bruders Blut,
Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld.

(Sie tritt mit dem Fuße auf den Schaft, daß er entzweibricht.)

So brech ich dich und senke dich hinab
In Schoß der Nacht, dem dräuend du entstiegen.

(Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gerät in die Kiste und schließt den Deckel.)

Gora (vortretend).
Was tust du hier?

Medea (umblickend).
Du siehst's.

Gora.
Vergraben willst du
Die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab
Und noch dir geben kann?

Medea.
Der Schutz mir gab?
Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab,
Vergrab ich sie. Ich bin geschützt genug.

Gora.
Durch deines Gatten Liebe?

Medea (zum Sklaven).
Bist du fertig?

Sklave.
Gebiet'rin ja!

Medea.
So komm!

(Sie faßt die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern, und so tragen beide sie zur Grube.)

Gora (von ferne stehend).
O der Beschäftigung
Für eines Fürsten fürstlich hohe Tochter!

Medea.
Scheint's dir für mich zu hart, was hilfst du nicht?

Gora.
Jasons Magd bin ich, nicht die deine;
Seit wann dient eine Sklavin der andern?

Medea (zum Sklaven).
Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu!

(Der Sklave läßt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit der
Schaufel Erde darüber. Medea kniet dabei.)

Gora (im Vorgrunde stehend).
O laßt mich sterben, Götter meines Landes,
Damit ich nicht mehr sehn muß was ich sehe!
Doch vorher schleudert euren Rachestrahl
Auf den Verräter, der uns dies getan!
Laßt mich ihn sterben sehn, dann tötet mich!

Medea.
Es ist getan. Nun stampf den Boden fest
Und geh! Ich weiß, du wahrest mein Geheimnis,
Du bist ein Kolcher und ich kenne dich.

(Der Sklave geht.)

Gora (mit grimmigen Hohn nachrufend).
Verrat's nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!—
Hast du vollendet?

Medea (zu ihr tretend).
Ja.—Nun bin ich ruhig.

Gora.
Und auch das Vlies vergrubst du?

Medea.
Auch das Vlies.

Gora.
So ließt ihr es in Jolkos nicht zurück
Bei deines Gatten Ohm?

Medea.
Du sahst es hier.

Gora.
Es blieb dir also und du vergrubst es
Und so ist's abgetan und aus!
Weggehaucht die Vergangenheit,
Alles Gegenwart, ohne Zukunft.
Kein Kolchis gab's und keine Götter sind,
Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht:
Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen!
So denk denn auch, du seist nicht elend, denk
Dein Gatte, der Verräter, liebte dich;
Vielleicht geschieht es!

Medea (heftig).
Gora!

Gora.
Was?
Meinst du ich schwiege?
Die Schuldige mag schweigen und nicht ich!
Hast du mich hergelockt aus meiner Heimat
In deines trotz'gen Buhlen Sklaverei,
Wo ich, in Fesseln meine freien Arme,
Die langen Nächte kummervoll verseufze,
Und jeden Morgen zu der neuen Sonne
Mein graues Haar verfluch und meines Alters Tage,
Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung,
An allem Mangel leidend als an Schmerz,
So mußt du mich auch hören, wenn ich rede.

Medea.
So sprich!

Gora.
Was ich vorhergesagt, es ist geschehen!
Kaum ist's ein Mond, daß euch das Meer von sich stieß,
Unwillig, den Verführer, die Verführte,
Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu.
Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke,
Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mächte,
Wo du dich zeigst weicht alles scheu zurück
Und flucht dir. Mög' der Fluch sie selber treffen!
Auch den Gemahl, der Kolcherfürstin Gatten,
Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen.
Der Oheim schloß die Tür ihm seines Hauses,
Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt,
Als jener Oheim starb, man weiß nicht wie,
Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Stätte:
Was denkst du nun zu tun?

Medea.
Ich bin sein Weib!

Gora.
Und denkest nun zu tun?

Medea.
Zu folgen ihm
In Not und Tod.

Gora.
In Not und Tod, ja wohl!
Aietes' Tochter in ein Bettlerhaus!

Medea.
Laß uns die Götter bitten um ein einfach Herz,
Gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los!

Gora (grimmig lachend).
Haha! Und dein Gemahl?

Medea.
Es tagt. Komm fort!

Gora.
Weichst du mir aus? Ha, du entgehst mir nicht!
Der einz'ge lichte Punkt in meinem Jammer
Ist, daß ich seh, an unserm Beispiel seh,
Daß Götter sind und daß Vergeltung ist.
Bewein dein Unglück und ich will dich trösten,
Allein verkennen sollst du's frevelnd nicht
Und leugnen die Gerechtigkeit da droben,
Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz.
Auch muß ein Übel klar sein, will man's heilen!
Dein Gatte, sprich! ist er derselbe noch?

Medea.
Was sonst?

Gora.
O spiel mit Worten nicht!
Ist er derselbe, der dich stürmend freite,
Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter,
Derselbe, der auf langer Überfahrt,
Den Widerstand besiegte der Betrübten,
Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend,
Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut?
Ist er derselbe noch? Ha bebst du? Bebe!
Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, haßt dich,
Wie du die Deinen, so verrät er dich!
Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat,
Die Tat begräbst du nicht!

Medea.
Schweig!

Gora.
Nein!

Medea (sie hart am Arm anfassend).
Schweig, sag ich!—
Was rasest du in deiner tollen Wut?
Laß uns erwarten was da kommt, nicht rufen.
So wär' denn immer da, was einmal dagewesen
Und alles Gegenwart?—Der Augenblick,
Wenn er die Wiege einer Zukunft ist
Warum nicht auch das Grab einer Vergangenheit?
Geschehen ist, was nie geschehen sollte,
Und ich bewein's und bittrer als du denkst,
Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten?
Klar sei der Mensch und einig mit der Welt!
In andre Länder, unter andre Völker
Hat uns ein Gott geführt in seinem Zorn,
Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht,
Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Haß;
So laß uns denn auch ändern Sitt' und Rede
Und dürfen wir nicht sein mehr was wir wollen,
So laß uns, was wir können mind'stens sein.
Was mich geknüpft an meiner Väter Heimat
Ich hab es in die Erde hier versenkt;
Die Macht, die meine Mutter mir vererbte,
Die Wissenschaft geheimnisvoller Kräfte,
Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wieder
Und schwach, ein schutzlos, hilfbedürftig Weib
Werf ich mich in des Gatten offne Arme;
Er hat die Kolcherin gescheut, die Gattin
Wird er empfangen, wie's dem Gatten ziemt.
Der Tag bricht an—mit ihm ein neues Leben!
Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben!
Du aber milde, mütterliche Erde
Verwahre treu das anvertraute Gut.

(Sie gehen auf das Zelt zu; es öffnet sich und Jason tritt heraus mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.)

Jason.
Sprachst du den König selbst?

Landmann.
Jawohl, o Herr!

Jason.
Was sagtest du?

Landmann.
Es harre jemand außen,
Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar,
Doch der nicht eher trete bei ihm ein,
Umringt von Feinden, von Verrat umstellt,
Bis er ihm Fried' gelobt und Sicherheit.

Jason.
Und seine Antwort?

Landmann.
Er wird kommen, Herr!
Ein Fest Poseidons feiern sie hier außen,
Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend,
Der König folgt dem Zug mit seiner Tochter,
Da, im Vorübergehen, spricht er dich.

Jason.
So, es ist gut! Hab Dank!

Medea (hinzutretend).
Sei mir gegrüßt!

Jason.
Du auch.

(Zum Sklaven.)

Ihr aber geht, du und die andern,
Und brechet grüne Zweige von den Bäumen,
Wie's Brauch hier Landes bei den Flehenden.
Und haltet ruhig euch und, still. Hörst du?
Genug!

(Der Landmann und der Sklave gehen.)

Medea.
Du bist beschäftigt?

Jason.
Ja.

Medea.
Du gönnst
Dir keine Ruh'!

Jason.
Ein Flüchtiger und Ruh'?
Weil er nicht Ruh' hat ist er eben flüchtig.

Medea.
Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinaus
Und walltest einsam durch die Finsternis.

Jason.
Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug'.

Medea.
Auch sandtest Boten du zum König hin;
Nimmt er uns auf?

Jason.
Erwartend weil ich hier.

Medea.
Er ist dir freund.

Jason.
Er war's.

Medea.
Willfahren wird er.

Jason.
Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus.—
Du weißt ja doch, daß alle Welt uns flieht
Daß selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod,
Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwürgte,
Daß mir das Volk ihn Schuld gibt, deinem Gatten,
Dem Heimgekehrtem aus dem Zauberlande?
Weißt du es nicht?

Medea.
Ich weiß.

Jason.
Wohl Grunds genug,
Zu wandeln und zu wachen in der Nacht!—
Doch was trieb dich schon vor der Sonn' empor?
Was suchst du in der Finsternis?—Ei ja!
Riefst alte Freund' aus Kolchis?

Medea.
Nein.

Jason.
Gewiß nicht?

Medea.
Ich sagte: nein.

Jason.
Ich aber sage dir,
Du tust sehr wohl wenn du es unterläßt!
Brau nicht aus Kräutern Säfte, Schlummertrank,
Sprich nicht zum Mond, stör nicht die Toten,
Man haßt das hier und ich—ich haß es auch!
In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland,
Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen! Allein ich weiß, du tust's
von nun nicht mehr,
Du hast's versprochen und du hältst es auch.
Der rote Schleier da auf deinem Haupt,
Er rief vergangne Bilder mir zurück.
Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes?
Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis' Grund,
Sei eine Griechin du in Griechenland.
Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen?
Von selbst erinnert es sich schon genug!

(Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.)

Gora (halbleise).
Verachtest du dein Land um seinetwillen?

Jason (erblickt Gora).
Du auch hier?—Dich haß ich vor allen, Weib!
Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn,
Steigt Kolchis' Küste dämmernd vor mir auf.
Was drängst du dich in meines Weibes Nähe?
Geh fort!

Gora (murrend).
Warum?

Jason.
Geh fort!

Medea.
Ich bitt dich, geh!

Gora (dumpf).
Hast mich gekauft? daß du mir sprichst als Herr?

Jason.
Die Hand zuckt nach dem Schwert. Geh weil's noch Zeit ist;
Mich hat's schon oft gelüstet, zu versuchen,
Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint.

(Medea führt die Widerstrebende begütigend fort.)