Bardolph.
Gut, gut, steh' auf die Seite.
Schwächlich. Ich bekümmre mich nichts drum, ein Mensch kan nur einmal sterben; und gestorben muß es seyn, ich will mich herzhaft darein ergeben; ist es mein Schiksal, wohl und gut; wo nicht, so ist's nichts desto schlimmer. Niemand ist zu gut dazu, seinem Fürsten zu dienen; und es mag gehen wie es will, wer in diesem Jahr stirbt, ist quitt für das nächste.
Bardolph.
Das heißt wie ein braver Kerl gesprochen.
Falstaff.
Kommt, Sir, welche von diesen Leuten soll ich haben?
Schallow.
Die viere, die euch am besten gefallen.
Bardolph (zu Falstaff leise.) Sir, ein Wort mit euch—Schimmlicht und Bulkalb bieten drey Pfund an, wenn ihr sie freylassen wollt.
Falstaff.
Gut, gut.
Schallow.
Nun, Sir John, welche viere wollt ihr haben?
Falstaff.
Wählt ihr für mich.
Schallow.
Nun so sey es dann, Schimmlich, Bulkalb, Schwächlich und Schatten.
Falstaff. Schimmlich und Bulkalb—Was euch betrift, Schimmlich, bleibt ihr da, bis ihr aufgebraucht seyd, und ihr, Bulkalb, wachßt bis man euch brauchen kan; ich will keinen von euch.
Schallow. Sir John, Sir John, ihr thut euch ja selbst Unrecht, sie sind ja gerade die zween ansehnlichsten, und ich wollte euch gerne mit den besten bedient wissen.
Falstaff. Herr Schallow, wollt ihr mich lehren, wie ich meine Leute auswählen soll? Bekümmre ich mich was darum, wie groß, wie dik oder wie stark die Leute sind, was für breite Schultern sie haben, oder wie dik ihre Beine sind? Ich sehe auf Herz, Herr Schallow. Seht mir diesen Warze hier, ich steh euch davor, so zerlumpt er aussieht, so soll er mir drauf zuschlagen, wie ein Zinngiessers-Hammer; der Kerl ist flink, das kan ich euch sagen. Und dieser schindeldürre Geselle, Schatten, hier, das ist ein Mann für mich; das ist ein Mann, dem der Feind nicht beikommen kan; der Feind könnte eben so leicht nach der Schärfe eines Federmessers zielen als nach ihm; und wenn es um eine Retirade zu thun ist, wie behend wird dieser Schwächlich, der Frauenzimmer-Schneider, davon lauffen? O, gebt mir die unansehnlichen Leute, und behaltet diese grossen Kerle für euch. Gebt mir Warzen eine Flinte in die Hand Bardolph—- ——————-Diese Bursche werden ihre Sachen nicht übel machen. Herr Schallow, Gott behüte euch; lebt wohl, Herr Silence. Ich mache wie ihr seht, nicht viel Complimente; lebt wohl, meine Herren, beiderseits. Ich danke euch; ich muß noch ein duzend Meilen machen, eh es Nacht ist. Bardolph, gieb den Soldaten Uniformen.
Schallow. Sir John, der Himmel geleite euch, und benedeye eure Waffen, und geb' uns bald Frieden. Besucht mein Haus, wenn ihr zurükkommt; wir wollen die alte Bekanntschaft wieder erneuern; vielleicht geh ich dann mit euch nach Hofe.
Falstaff.
Es sollte mir angenehm seyn, Herr Schallow.
Schallow.
Gut, gut, es bleibt dabey, ein Mann ein Wort. Lebt wohl.
(Sie gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein Wald in Yorkschire.)
(Der Erzbischoff von York, Mowbray, Hastings und Coleville treten
auf.)
York.
Wie nennt man diesen Wald?
Hastings.
Es ist Gaultree-Wald, Milord.
York. Hier wollen wir Halte machen, Milords, und Kundschafter ausschiken, um die Stärke des Feinds zu erkundigen.
Hastings.
Es ist schon geschehen.
York. Ihr habt wol gethan. Nun, meine Freunde und Brüder in dieser grossen Angelegenheit, muß ich euch entdeken, daß ich kürzlich Briefe von Northumberland erhalten habe, deren kalter Inhalt dieser ist: Er wünschte in Person, und mit einer Macht, die seinem Stande proportioniert wäre, bey uns zu seyn; da es ihm aber unmöglich sey, eine solche aufzubringen, so habe er sich nach Schottland zurükgezogen, bis Zeit und Vermögen ihm erlauben würden, mehr zu thun. Den Beschluß macht er mit herzlichen Wünschen, daß unsre Unternehmung die Gefahr eines so mächtigen Widerstands überleben möge.
Mowbray. So stürzt also das ganze Gebäude von Hoffnungen ein, das wir auf ihn gegründet hatten. (Ein Bote zu den Vorigen.)
Hastings.
Nun, was bringt ihr Neues?
Bote. Von der Westseite dieses Waldes, und kaum noch eine Meile entfernt, rükt der Feind in stolzer Schlachtordnung an; und soviel aus dem Grund den sie deken, abzunehmen ist, schäze ich ihre Anzahl höchstens auf dreyßig tausend Mann.
Mowbray. Das ist gerade soviel als wir vermutheten. Laßt uns aufbrechen, um ihnen ins Gefild entgegen zu rüken.
Zweyte Scene.
(Westmorland zu den Vorigen.)
York.
Was für ein stattlicher Kriegs-Oberster kommt hier auf uns zu?
Mowbray.
Ich denke, es ist Milord von Westmorland.
Westmorland.
Heil und geneigten Gruß von unserm Feld-Herrn, dem Prinzen John von
Lancaster.
York.
Saget an, Milord von Westmorland, was ist der Beweggrund eurer
Anherkunft?
Westmorland. An euch, Milord, soll dann vornehmlich der Inhalt meiner Rede gerichtet seyn. Käme die Empörung in ihrer eignen Gestalt, in verächtlichen, pöbelhaften Rotten, von blutigen Jünglingen angeführt, von wilder Raubsucht gespornt, und von Lotterbuben und Bettlern unterstüzt; wenn der Aufruhr, sage ich, in dieser seiner wahren, natürlichen und eigenthümlichen Gestalt erschiene, so würdet ihr, ehrwürdiger Vater, und diese edeln Lords nicht hier seyn, seine verabscheute Häßlichkeit mit euerm ehrenvollen Ansehn aufzuschmüken. Ihr, Milord Erzbischoff, dessen Siz durch einheimischen Frieden beschüzt wird, dessen Bart die Silber-Hand des Friedens berührt, dessen Gelahrtheit und Wissenschaft der Friede begünstiget hat, und dessen weisser Priester-Schmuk die Unschuld, die Sanftmuth und jede gesegnete Eigenschaft des Friedens abbildet; warum übersezt ihr euch selbst aus der Sprache des Friedens, die so viel Anmuth hat, in die harte und rauhtönende Sprache des Kriegs? Warum, warum verwandelt ihr eure Bücher in Hellebarden, eure Dinte in Blut, eure Federn in Lanzen, und eure göttliche Zunge in eine kriegrische Trompete?
York. Warum thue ich diß? Das ist die Frage; und darauf antworte ich kürzlich: Wir sind alle krank, und haben uns selbst durch Ueppigkeit und Schwelgerey ein brennendes Fieber zugezogen, um dessen willen wir izt bluten müssen; es ist die nemliche Krankheit, an der unser voriger König Richard starb. Doch, mein sehr edler Lord von Westmorland, meine Absicht ist hier nicht den Arzt zu spielen; auch ist es weit von mir entfernt, als ein Feind des Friedens, mich unter die Hauffen kriegrischer Männer einzumengen; diese mir sonst fremde Gestalt ist nur auf eine Weile angenommen, um ausschweiffende üppige Gemüther, die das Uebermaaß ihres Glüks krank gemacht hat, wieder in Ordnung zu bringen, und die Verstopfungen zu reinigen, die den natürlichen Lauf unsers Lebens- Blutes selbst zu hemmen angefangen haben. Ich will mich deutlicher erklären: Ich habe das Uebel so unsre Waffen thun können, und dasjenige so wir leiden, genau gegen einander abgewogen, und finde unsre Beschwerden schwerer als unsre Verschuldungen. Wir sehen, welchen Weg der Strom der Zeit läuft, und werden von der gewaltsam daherstürmenden Gelegenheit aus unsrer friedsamen Sphäre weggerissen. Wir werden den Inhalt aller unsrer Klagen, sobald es die Zeit erheischen wird, Punct für Punct bekannt machen; Klagen, die wir dem König schon vor langer Zeit vorgelegt haben, ohne daß wir durch unser inständiges Bitten erhalten konnten, nur angehört zu werden. Wenn wir beleidiget werden, und unsre Beschwerungen entfalten wollen, so wird uns der Zutritt zu seiner Person von eben denjenigen abgeschlagen, die uns am meisten beleidiget haben. Die Gefahr jener neulichen Tage, deren Andenken mit noch sichtbarem Blut auf die Erde geschrieben ist; und die gegenwärtigen Beyspiele die uns jede Minute darstellt, haben uns in diese übelanständige Waffen-Rüstung gezwungen; nicht den Frieden oder irgend einen Zweig desselben zu brechen, sondern vielmehr einen wahren und dauerhaften Frieden, einen Frieden der den Namen mit der That führe, zu erzielen.
Westmorland. Wenn ist euch jemals eine rechtliche Klage abgeschlagen worden? Worinn seyd ihr von dem Könige zum Unmuth gereizt worden? Welcher Peer ist heimlich aufgestiftet worden, euch anzutasten; daß ihr dieses gesezwidrige blutige Patent der meuterischen Empörung mit einem göttlichen Sigel gültig zu machen, und das Schwerdt des Bürger-Kriegs einzusegnen berechtiget seyn solltet?
York.
Mein Bruder General, das gemeine Wesen, ist durch eine ungerechte
Partheylichkeit gegen einige von seinen Kindern zum Nachtheil der
andern, in eine häusliche Tyrannie ausgeartet, welche der besondere
Gegenstand meiner Klagen ist.
Westmorland.
Es ist in diesem Stük noch nirgends keine Noth einer Staats-
Verbesserung vorhanden; und wann es wäre, so kommt sie euch nicht
zu.
Mowbray.
Warum nicht ihm, für seinen Theil, und uns allen, die noch die
Schmerzen der Wunden der vorigen Zeiten, und die ungerechte und
drükende Hand der gegenwärtigen fühlen?
Westmorland. O Milord Mowbray, betrachtet die Zeiten in der natürlichen Verknüpfung mit ihren Ursachen und Umständen, und ihr werdet bekennen müssen, daß es in der That die Zeit und nicht der König ist, worüber ihr euch zu beklagen habt. Und dennoch kan ich, was eure eigne Person betrift, nicht absehen, wie ihr, weder vorn König, noch der dermaligen Zeit, nur einen Zoll breit Grund hernehmen könnt, Beschwerden darauf zu bauen. Wurdet ihr nicht in alle Herrschaften und Güther des Herzogs von Norfolk, eures edeln und ruhmwürdigen Vaters, wieder eingesezt?
Mowbray. Womit hatte mein Vater verdient ihrer entsezt zu werden, wenn ich diese Wieder-Einsezung für etwas mehr halten soll, als was man mir schuldig war? Wider seinen Willen und sein Herz, wurde der König, der ihn liebte, durch die damalige Verfassung des Staats gezwungen, ihn zu verbannen. Und o! damals, da Harry Bolingbroke und er sich in ihre Sättel geschwungen hatten, da ihre schnaubenden Rosse ungeduldig dem Sporn zum Angriff entgegenwieherten, da sie ihre Lanzen eingelegt, ihre Visiere herabgezogen hatten, da ihre feurigen Augen aus stählernen Oeffnungen hervor funkelten, und die laute Trompete sie zum Kampf zusammenblies; damals, damals, (da nichts anders meinen Vater von Bolingbroks Brust hätte zurükhalten können) als der König seinen Stab hinwarf, warf er sein eigen Leben hin, warf er sich selbst hin, und das Leben aller derjenigen, die durch Anklage oder durch die Wuth des Schwerdts unter Bolingbroke gefallen sind.
Westmorland. Ihr redet hier, Lord Mowbray, und wißt nicht was ihr redet. Der Graf von Hereford wurde damals für den tapfersten Ritter von ganz England gehalten. Wer weiß, auf wen das Glük gelächelt hätte? Und hätt' auch euer Vater den Sieg erhalten, so würde er ihn gewiß nimmermehr aus Coventry hinausgetragen haben. Das ganze Land haßte ihn, und schrie ihm mit einer allgemeinen Stimme Flüche zu; alle ihre Liebe, alle ihre Wünsche, waren für Hereford, den Gegenstand ihrer brünstigen Zuneigung, dem sie, in der That, mehr Segnungen zurieffen, mehr Beyfall zujauchzten, als dem König selbst—Doch diß führt mich nur von meinem Vorhaben ab: Ich komme hier von dem Prinzen unserm Feldherrn, euern Beschwerden nachzufragen, und euch in seiner Durchlaucht Namen zu sagen, daß er euch Gehör geben will, und daß euch alle billige Forderungen, die ihr machen könnt, zugestanden werden sollen, ohne daß auch nur der blosse Gedanke, daß ihr Feinde gewesen seyd, dagegen in Betracht kommen solle.
Mowbray. Er hat uns gezwungen, ihm dieses Anerbieten abzudringen, welches aus blosser Politik, nicht aus guter Meynung gemacht wird.
Westmorland. Mowbray, ihr treibet die Einbildung zu weit, wenn ihr es so aufnehmt. Dieses Anerbieten kommt aus Gnade, nicht aus Furcht. Denn seht, dort, nah genug, um von euern Bliken erreicht zu werden, ligt unser Heer, und, bey meiner Ehre! keine Seele in ihm, die nicht den blossen Gedanken der Furcht verschmähe. Unsre Schlacht- Ordnung hat mehr Männer von Namen als die eurige, unsre Leute sind geübter in den Waffen, unsre Munition ist zum wenigsten eben so stark, und unsre Sache die bessere. Wie könnte, bey solchen Umständen, unser Herz schlechter seyn? Sagt also nicht, unser Anerbieten sey abgedrungen.
Mowbray. Gut, mit meinem Willen wird man sich in keine Unterhandlungen einlassen.
Westmorland.
Das beweist nur die Schändlichkeit euers Vergehens; ein böser
Schade leidet kein Anrühren.
Hastings.
Hat der Prinz John Vollmacht von seinem Vater, sich auf alle
Bedingungen, worauf wir schlechterdings bestehen mögen, einzulassen,
und den Vergleich einzurichten, wie es ihm und uns gefallen mag?
Westmorland. Das ligt in dem Namen unsers Generals; mich wundert, wie ihr eine so überflüßige Frage thun möget.
York. Wenn dieses ist, Milord von Westmorland, so nehmt dieses Papier; es enthält alle unsre Beschwerungen: Wird allen hierinn erwähnten Puncten abgeholfen, uns und allen unsern Anhängern, gegenwärtigen und abwesenden, der Pardon in gehöriger Form ertheilt, und eine vollständige Sicherheit unsrer Freyheit und unsers Eigenthums für's Künftige gewähret werden; so sind wir bereit die Waffen niederzulegen, und in unsre gesezmäßige Ordnung wieder einzutreten.
Westmorland. Ich will es dem Feldherrn überbringen. Gefällt es euch, Milords, so wollen wir im Gesicht unsrer beydseitigen Armeen wieder zusammen kommen, um entweder die Sache gütlich zu enden, (welches der Himmel geben wolle!) oder die Schwerdter sogleich herbeyzuruffen, die den Ausschlag geben müssen.
York.
Wir sind es zufrieden, Milord.
(Westmorland geht ab.)
Dritte Scene.
Mowbray. Es ist etwas in meinem Busen, das mir sagt, unser Friede werde unter keinerley Bedingungen Bestand haben.
Hastings. Besorget das nicht; wenn wir unsern Frieden unter so ausgedehnten und vortheilhaften Bedingungen erhalten, als diejenige, worauf wir schlechterdings bestehen wollen; so wird er so feste stehen, als ein felsichtes Gebürge.
Mowbray. Gut; aber alle diese Bedingungen werden uns doch nie das Zutrauen des Königs geben; wir werden immer mit einem Auge beobachtet werden, das voraus geneigt ist, uns schuldig zu finden; und die schlechteste Ursache, der eitelste Schatten eines Verdachts wird das Andenken dieser That wieder aufweken. Unsre künftige Treue mag den flammenden Eifer der Märtyrer haben, sie wird doch immer zu kalt befunden werden; und das argwöhnische Auge des Vorurtheils wird in unsern Verdiensten selbst Entwürfe neuer Verbrechen sehen.
York. Nein, nein Milord; glaubt mir, der König ist dieser allzugrossen Schärfe und dieser nagenden Besorgnisse selbst überdrüßig; er hat gefunden daß jeder Argwohn, dem er durch den Tod ein Ende macht, zween Grössere in den Ueberlebenden erwekt. Er wird also seine Schreibtafel rein auswischen, und, um seiner gegenwärtigen Ruhe willen, die Erinnrung vergangner Unruhen von sich entfernt halten. Denn er weiß allzuwol, daß er dieses Land nicht so genau ausjäten kan, als seine argwöhnische Gemüthsart es wünschte. Seine Feinde sind so sehr mit seinen Freunden zusammengewurzelt, daß er keinen Feind ausreuten kan, ohne zugleich einen Freund zu entkräften. So daß dieses Land, wie ein böses Weib, das seinen Mann so sehr aufgebracht hat, ihr Schläge anzubieten, indem er schlagen will, ihm sein Kind entgegen strekt, und dadurch die beschloßne Züchtigung in seinem aufgehobnen Arm zurük hält.
Hastings.
Ueberdem hat der König an den neulichen Verbrechern alle seine
Ruthen abgenuzt, so daß es ihm izt sogar an Werkzeugen zur
Züchtigung fehlt; und seine Macht, wie ein Löwe dem die Klauen
benommen sind, zwar drohen, aber nicht fassen kan.
York. Es ist in der That so; seyd also versichert, mein lieber Lord Marschall, daß wenn wir mit dem König nur erst recht ausgesöhnt sind, unser Frieden, wie ein gebrochnes Glied das wieder eingerichtet worden, nur desto stärker werden soll.
Mowbray.
Ich wünsch' es. Hier kommt Milord von Westmorland zurük.
(Westmorland zu den Vorigen.)
Westmorland. Der Prinz ist nicht weit von hier; gefällt es euch, Milords, mit seiner Durchlaucht, in gleicher Entfernung von beyden Armeen zusammen zu kommen?
Mowbray.
Milord von York, so gehet dann in Gottes Namen voran.
York.
Gehet ihr voran, und grüsset seine Durchlaucht: Milord, wir kommen.
Vierte Scene.
(Prinz John von Lancaster tritt auf.)
Lancaster. Mir ist angenehm, mein Vetter Mowbray, euch hier anzutreffen; guten Tag, mein lieber Lord Erzbischoff, und so euch, Lord Hastings, und allen. Milord von York, ihr hattet ein weit bessers Ansehen, wenn euch eure Heerde, von der Gloke versammelt, umzirkelte, voller Ehrfurcht eure Erklärung des heiligen Texts anzuhören, als izt in dieser Gestalt eines eisernen Mannes, in der ihr eine Rotte von Aufrührern mit der Trummel aufreizet, um das Wort in Schwerdt, und Leben in Tod zu verwandeln. Der Mann, der das Herz eines Monarchen hat, und im Sonnenschein seiner Gewogenheit reift, wie viel Böses, wenn er die Macht des Königs mißbrauchen wollte, wie viel Unheil könnte er im Schatten eines solchen Ansehens anrichten? So ist es mit euch bewandt, Lord Bischoff. Wer hat nicht davon gehört, wie tief eure Einsicht in die Bücher des Himmels ist? In unsern Augen seyd ihr der Sprecher in seinem Parlament; wir glauben die Stimme des Himmels selbst zu hören, wenn wir euch hören; wir sehen euch als den Canal an, durch den die Gnaden des Himmels zu uns fliessen, und durch den wir ihm unsre Bitten vortragen. O! wer muß nicht glauben, daß ihr das ehrwürdige Ansehen euers Amts mißbraucht, und gleich einem treulosen Günstling, den Namen euers Fürsten zu Ausübung böser Thaten gelten macht? Ihr habt unter einem verstellten Eifer für die Sache Gottes, die Unterthanen seines Statthalters, meines Vaters, aufgewigelt, und sie, beydes gegen den Himmel und gegen ihn, in diesen Schwarm hier zusammen getrieben.
York. Gnädigster Herr, ich bin nicht gegen euern Vater hier; sondern, wie ich bereits dem Lord von Westmorland sagte, die Verwirrung dieser Zeiten treibt uns zusammen, und gruppiert uns in diese ungeheure Form, um unsre Sicherheit zu erhalten. Ich sandte Eu. Durchlaucht die besondern Puncte, worinn wir uns beschwert befinden, und womit wir bey Hofe mit Verachtung abgewiesen worden sind. Daher dieser Aufstand, der durch Gewährung unsrer gerechten Forderungen augenbliklich wieder gestillet werden kan, um zahm und unterwürfig sich zu den Füssen der Majestät hinzulegen.
Mowbray. Wo nicht, so sind wir bereit, unser Glük bis auf den lezten Mann zu versuchen.
Westmorland. Gefällt es Euer Durchlaucht, ihnen darauf zu antworten, in wie fern ihr ihre Artikel genehmiget?
Lancaster. Ich genehmige sie alle, und gestehe sie alle zu; und hier schwör ich, bey dem ehrenvollen Blut von dem ich stamme, meines Vaters Absichten sind mißgedeutet worden, und es sind einige um ihn, die seinen Willen und seine Autorität mit einer übertriebnen Schärfe gelten gemacht haben. Milord, diese Beschwerden sollen schleunig gehoben werden, bey meinem Leben! sie sollen. Wenn ihr hiemit zufrieden seyd, so entlaßt eure Truppen, wie wir mit den unsrigen thun werden; und laßt uns hier zwischen beyden Heeren uns umarmen, und auf unsre wiederhergestellte Freundschaft trinken, damit ihrer allen Augen diese Pfänder unsrer Aussöhnung mit nach Hause tragen mögen.
York.
Ich nehme euer Fürstliches Wort für die Abstellung dieser
Beschwerden.
Lancaster.
Ich geb' es euch, und will es behaupten; und hiemit trink ich Eu.
Gnaden zu.
Hastings (zu Coleville.) Geh, Hauptmann, und kündige der Armee diese Friedens-Zeitung an; laß sie ihren Sold haben und gehen; ich weiß, es wird ihnen angenehm seyn. Beschleunige dich, Hauptmann.
(Coleville geht ab.)
York.
Auf euer Wohlseyn, Milord von Westmorland.
Westmorland. Ich werde Eu. Gnaden Bescheid thun, und wenn ihr wißtet, wie viele Mühe ich angewandt habe, diesen Frieden zu Stande zu bringen, ihr würdet desto muntrer trinken; aber ich werde künftig Anlas haben, euch meine Freundschaft deutlicher zu zeigen.
York.
Ich seze keine Zweifel in sie.
Westmorland.
Es erfreut mich. Auf eure Gesundheit, Milord und Vetter Mowbray.
Mowbray. Die Gesundheit die ihr mir wünscht, käme sehr gelegen, denn es wird mir plözlich etwas übel.
York.
Vor schlimmen Zufällen sind die Menschen gemeiniglich munter, und
Bangigkeit ist oft der Vorbote einer glüklichen Begebenheit.
Westmorland.
Seyd also munter, Vetter, weil diese plözlichen Anstösse von
Bangigkeit von so glüklicher Bedeutung sind.
York.
Glaubt mir, es ist mir ungemein leicht ums Herz.
Mowbray.
Desto schlimmer, wenn eure eigne Regel wahr ist.
(Man hört ein Freuden-Geschrey.)
Lancaster.
Der Friede ist angekündigt; horcht! wie sie froloken.
Mowbray.
Nach einem Sieg würde das angenehm getönt haben.
York. Ein Frieden ist die glüklichste Art von Erobrung; beyde Theile sind dann überwunden, und keiner verliehrt.
Lancaster (zu Westmorland.)
Geht, Milord, und entlaßt auch unsre Armee.
(Westmorland geht ab.)
Und wenn es euch gefällt, mein lieber Lord, so wollen wir die
Truppen bey uns vorbeyziehen lassen, damit wir sehen, mit was für
Leuten wir uns hätten messen sollen.
York. Geht, Lord Hastings, und laßt sie hier vorbey ziehen, eh sie auseinander gehen.
(Hastings geht ab.)
Lancaster.
Ich hoffe, Milords, wir werden diese Nacht beysammen ligen.
Fünfte Scene.
(Westmorland kommt zurük.)
Lancaster.
Nun, Vetter, warum bleibt unsre Armee stehen?
Westmorland.
Die Officiers, welche den Befehl, Stand zu halten, aus Eu.
Durchlaucht Mund haben, wollen nicht gehen, bis sie den Befehl dazu
von Euch selbst bekommen würden.
Lancaster.
Sie kennen ihre Schuldigkeit. (Hastings kommt zurük.)
Hastings. Milord, unsre Armee ist bereits zerstreut: Gleich jungen noch unbejochten Stieren rennten sie gegen Ost, West, Süd und Nord davon; oder wie, wenn die Schule aus ist, die Schul-Jungens in wimmelndem Gedräng hervor stürmen, und jeder seinem Haus oder seinem Spielplaz zuspringt.
Westmorland. Eine gute Zeitung, Milord Hastings, für welche ich dich, Verräther, und euch, Lord Erzbischoff, und euch, Lord Mowbray, sämtlich als des Hochverraths schuldig in Verhaft nehme.
Mowbray.
Ist das ein erlaubtes und rechtschaffnes Verfahren?
Westmorland.
War es euer Aufstand?
York.
Brecht ihr eure Treue so?
Lancaster. Ich versprach euch keine; ich versprach euch, daß diesen Beschwerden abgeholfen werden sollte, worüber ihr klagtet, und bey meiner Ehre, ich will es mit der christlichen Sorgfalt halten. Ihr aber, Empörer, empfangt den Lohn eurer Thaten. Der Ausgang eurer thörichten Unternehmung entspricht der Unbesonnenheit ihres Anfangs— Laßt unsre Trummeln rühren, verfolgt die zerstreuten Flüchtlinge, der Himmel, nicht wir, hat an diesem Tag einen unblutigen Sieg für uns erfochten—Man sorge davor, daß diese Verräther bis zu ihrem Todes-Urtheil wol verwahret werden.
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene. (Ein Kriegs-Getümmel. Excursionen. Falstaff und Coleville treten auf.)
Falstaff. Wie ist euer Name, Sir? Von welchem Stand seyd ihr? Und von welchem Plaz, wenn ich bitten darf?
Coleville.
Ich bin ein Ritter, Sir, und mein Nam ist Coleville vom Thal.
Falstaff. Gut, Coleville ist also euer Nam', ein Ritter ist euer Stand, und euer Plaz das Thal. Coleville soll immer euer Name bleiben, ein Verräther euer Stand, und ein Loch im Gefängniß euer Plaz; ein Ort das tief genug ist, damit ihr immer Coleville vom Thal bleibet.
Coleville.
Seyd ihr nicht Sir John Falstaff?
Falstaff. Ein so braver Mann, Sir, als er, ich mag seyn wer ich will; wollt ihr euch ergeben, Sir, oder soll ich um euertwillen schwizen? Muß ich schwizen, so sind meine Schweiß-Tropfen die Thränen deiner Freunde, die deinen Tod beweinen. Zittre also so gut du kanst, und bitte um Gnade.
Coleville. Ich denke, ihr seyd Sir John Falstaff, und in dieser Meynung geb ich mich zu euerm Gefangnen.
Falstaff. Ich hab' eine ganze Schule voll Zungen in diesem Bauch und nicht eine einzige davon redt was anders als meinen Namen: Hätt' ich nur einen Bauch von etwas indifferenterm Umfang, ich wäre ohne weiters der activste Kerl in ganz Europa; mein Wanst, mein Wanst, mein Wanst ist mein Unglük—Hier kommt unser General. (Der Prinz John von Lancaster, und Westmorland treten auf.)
Lancaster. Die Hize ist vorbey, folgt ihnen nicht weiter, ruft die Unsrigen zurük, mein lieber Vetter Westmorland.
(Westmorland geht ab.)
Nun, Falstaff, wo seyd ihr diese ganze Zeit über gewesen? Wenn alles und jedes vorbey ist, dann kommt ihr. Diese Langsamkeit schikt sich nicht gut zu euerm Handwerk; bey meinem Leben, sie wird über lang oder kurz noch einmal einem Galgen den Rüken brechen.
Falstaff. Es solte mir leid thun, Milord, wenn es nicht so wäre; ich habe nie anders gehört, als daß Verweise und Demüthigungen der Lohn der Tapferkeit sind. Denkt ihr, ich sey eine Schwalbe, ein Pfeil oder eine Kugel? Kan ich armer alter Mann die Geschwindigkeit eines Gedankens haben? Ich eilte mit dem äussersten Punct des äussersten Grads der Möglichkeit hieher. Ich habe hundert und etlich und achtzig Postpferde zu Schanden geritten; und kaum war ich abgestiegen, so nahm' ich, so matt ich von der Reise war, in meiner reinen und immaculirten Tapferkeit diesen Sir John Coleville vom Thal, einen ganz furiosen Ritter und höchst furchtbaren Feind, gefangen: Doch was sag ich? Er sah mich, und ergab sich; so daß ich in Wahrheit mit jenem Haaken-nasichten Gesellen aus Rom da, dem Cäsar, sagen kan: ich kam, sah und siegte.
Lancaster. Das war eine blosse Höflichkeit von ihm daß er sich ergab, und ihr könnt euch kein Verdienst daraus machen.
Falstaff. Ich weiß nicht; hier ist er, und hier liefr' ich ihn aus, und bitte Eu. Durchlaucht, daß es mit den übrigen Thaten dieses Tages aufgeschrieben werden möge; oder bey G*** ich will eine eigne Ballade darauf machen lassen, und oben drüber mein Bild in Holzschnitt, und Colevillen wie er mir die Füsse küßt; wenn ich genöthiget werde, so was zu thun, und wenn ihr nicht alle wie verguldte Doppel-Pfennige gegen mich aussehen sollt, und ich am hellen Himmel des Ruhms euch nicht eben so weit überglänzen werde, als der Vollmond die Funken in einer heissen Asche, die nur wie Steknadel-Köpfe gegen ihn aussehen, so glaubt keinem Edelmann auf sein Wort. Laßt mir also mein Recht wiederfahren; laßt das Verdienst steigen.
Lancaster.
Zum Steigen ist das deine zu schwer.
Falstaff.
So laßt es scheinen.
Lancaster.
Dazu ist es zu dicht.
Falstaff. Laßt es nur etwas thun, mein gütiger Lord, das mir wohl thut, und nennt es wie ihr wollt.
Lancaster.
Ist dein Name Coleville?
Coleville.
Ja, Milord.
Lancaster.
Du bist ein berüchtigter Rebell, Coleville.
Coleville. Ich bin, Milord, was bessere als ich sind, die mich hieher führten; hätt' ich ihnen rathen sollen, ihr solltet sie theurer bezahlt haben, als ihr habt.
Falstaff. Ich weiß nicht, wie theuer sie sich selbst verkauften, aber du warst ein so gutherziger Geselle, und gabst dich gratis weg; und ich danke dir davor.
Siebende Scene.
(Westmorland zu den Vorigen.)
Lancaster.
Nun, habt ihr das Nachsezen gehemmet?
Westmorland.
Unsre Leute sind wieder zurük, und warten nur auf Befehl, wegen der
Gefangnen.
Lancaster. Sendet also Colevillen mit seinen Consorten nach York, ihr Urtheil unverzüglich zu empfangen. Blunt, führe sie ab, und sorge daß sie wol bewacht werden.
(Blunt geht mit Coleville ab.)
Und nun, Milords, will ich nach Hofe; ich höre, der König mein Vater ist krank; unsre Zeitungen sollen uns zuvorkommen, und ihr, Vetter, sollet sie seiner Majestät überbringen; vielleicht werden sie von beßrer Würkung seyn, als alle andre Arzneyen. Wir werden euch sobald als möglich folgen.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Verwandelt sich in den Palast zu Westmünster.)
(König Heinrich, Warwik, Clarence und Glocester treten auf.)
König Heinrich. Nun, Milords, wenn der Himmel diesem Streit, der vor unsrer Thüre blutet, ein glükliches Ende macht, so wollen wir unsre Jugend in höhere Gefilde führen, und hinfort keine andre als geheiligte Schwerdter ziehen. Unsre Flotte ist ausgerüstet, unsre Macht beysammen, die Regierung in unsrer Abwesenheit ist bestellt, und alles ist so wie wir's wünschen; ausser daß wir uns ein wenig besser befinden sollten, und noch verziehen müssen, bis diese Rebellen zu paaren getrieben sind.
Warwik. Beydes, Gnädigster Herr, wird, wie wir nicht zweifeln, in kurzem nach Wunsch erfolgen.
König Heinrich.
Humphrey, mein Sohn von Glocester, wo ist der Prinz euer Bruder?
Glocester. Gnädigster Herr, ich denke, er ist nach Windsor auf die Jagd gegangen.
König Heinrich.
Mit was für Gesellschaft?
Glocester.
Ich weiß es nicht, Milord.
König Heinrich.
Ist nicht sein Bruder, Thomas von Clarence, bey ihm?
Glocester.
Nein, Gnädigster Herr, er ist hier gegenwärtig.
Clarence.
Was wünscht mein Gebietender Herr und Vater?
König Heinrich. Nichts als Gutes für dich, Thomas von Clarence. Wie kommt es, daß du nicht bey dem Prinzen deinem Bruder bist? Er liebt dich, und du sezest ihn bey Seite, Thomas; du hast einen bessern Plaz in seinem Herzen als deine Brüder, trage Sorge dazu, mein Sohn, du kanst dereinst nach meinem Tod die Mittels-Person zwischen ihm und deinen Brüdern seyn, und ihnen wichtige Dienste thun. Verabsäume ihn also ja nicht; und verscherze den Vortheil seiner Liebe nicht, durch den Schein der Kaltsinnigkeit, oder, als wenn du dich nichts um ihn bekümmertest. Er ist gütig und freundschaftlich gegen diejenige, die er ihm ergeben sieht; er hat Thränen für andrer Leiden, und eine immer offne Hand zur Wohlthätigkeit. Allein, wenn er gereizt wird, ist er lauter Feuer, launig wie der Winter, und gäh wie ein Windsstoß an einem kühlen Morgen. Man muß sich daher nach seiner Gemüthsart richten lernen. Tadelt ihn wegen seiner Fehler, jedoch mit Ehrerbietung, wenn ihr sehet daß er bey guter Laune ist; aber wenn er aufgebracht ist, so gebt ihm Plaz, bis seine Leidenschaft, wie ein zu Grund sinkender Wallfisch, durch ihre eigne heftige Bewegungen sich entkräftet hat. Lerne diß, Thomas, und du wirst ein Schirm deiner Brüder seyn, ein goldner Reiff, der sie zusammenbinden wird, damit das vereinigte Gefäß ihres Bluts, wenn es, wie vielleicht begegnen kan, durch den Gift heimlicher Aufstiftungen in Gährung gesezt wird, nicht lek werde, und sollt' es gleich stärker würken als Aconitum oder rasches Schieß-Pulver.
Clarence.
Ich werde mir angelegen seyn lassen, seine Liebe zu verdienen.
König Heinrich.
Warum bist du nicht zu Windsor bey ihm, Thomas?
Clarence.
Er ist nicht zu Windsor; er speißt in London zu Mittag.
König Heinrich.
Und wer ist bey ihm? Kanst du mir's sagen?
Clarence.
Poins, und seine andern gewöhnlichen Begleiter.
König Heinrich. Der fetteste Boden trägt das meiste Unkraut, und er das edle Bild meiner Jugend, ist ganz damit überwachsen; Ursache zu einem Kummer, der sich über mein Leben hinaus erstrekt. Das Blut weint aus meinem Herzen, wenn ich mir die regellosen Tage, die verderbten Zeiten vorstelle, die ihr sehen werdet, wenn ich einst bey meinen Voreltern schlafe: Denn wenn seine wilde Schwelgerey keinen Zügel mehr hat, wenn Wuth und schäumendes Blut seine Räthe sind, wenn Macht und schlimme Sitten sich vereinbaren; oh, mit was für stürmenden Schwingen wird er seinem Fall und Verderben entgegen stürzen.
Warwik. Mein Gnädigster Herr, ihr mißkennt ihn in diesem Augenblik. Der Prinz studiert nur seine Gesellschafter, wie eine fremde Sprache; will man die Sprache besizen, so ist nöthig daß man auch das unanständigste Wort ansehe und lerne; wenn man's aber einmal versteht, so weiß Eu. Majestät, daß es zu keinem andern Gebrauch kommt, als daß man es kennt und verabscheut. So wird es der Prinz, zu seiner Zeit, mit seinen Gesellschaftern halten, und die Kenntniß die er von ihnen hat, wird eine Art von Modell oder Maasstab seyn, woran er den Werth beßrer Leute messen wird.
König Heinrich. Selten macht die Biene ihren Waben in ein Todten-Aaß.—Wer kommt hier? Westmorland?
Neunte Scene.
(Westmorland tritt auf.)
Westmorland. Heil, Gnädigster Herr, und neues Glük, zu demjenigen, so ich anzukündigen komme! Prinz John, euer Sohn küßt eure königliche Hand; Mowbray, der Bischoff Scroop, Hastings und die übrigen haben die Straffe eurer Geseze erfahren, kein einziges aufrührisches Schwerdt ist mehr entblößt, und der Friede treibt seine Oliven allenthalben hervor. Die Art und Weise und den ganzen Zusammenhang der Umstände, wie alles dieses geschehen ist, geruhe Euer Majestät mit beßrer Musse aus dieser Relation zu ersehen.
(Er übergiebt ein Papier.)
König Heinrich. O Westmorland, du bist ein Sommer-Vogel, der mitten im Winter den aufgehenden Tag ansingt. (Harcourt zu den Vorigen.) Seht, noch mehr Neuigkeiten.
Harcourt. Der Himmel bewahre Eure Majestät vor Feinden, und stehen Feinde gegen euch auf, so mögen sie fallen wie diejenige, von denen ich komme, euch Nachricht zu geben. Der Graf von Northumberland, und der Lord Bardolph, mit einer ansehnlichen Macht von Engländern und Schotten, sind von dem Scheriff von Yorkschire aufs Haupt geschlagen worden. Die nähere Umstände und Folgen dieser Action enthält dieses Paquet.
König Heinrich. Und warum müssen diese guten Zeitungen mich kränker machen? Kan das Glük keine unvermengte Gunst gewähren, und muß, wenn sie uns nichts als Gutes zu sagen hat, der angenehme Inhalt wenigstens in häßlichen Lettern geschrieben seyn? Entweder giebt sie einen guten Magen und nichts zu essen; oder sie stellt uns ein Banquet auf, und nimmt den Appetit hinweg. Ich sollte mich über diese gute Zeitungen erfreuen, und nun vergeht mir mein Gesicht, und mein Kopf wird mir ganz taumlicht. O! o! kommt näher—mir wird ganz übel—
Glocester.
Der Himmel stärke Eu. Majestät.
Clarence.
O mein königlicher Vater!
Westmorland.
Mein Gnädigster Gebieter, richtet euch auf, ermuntert euch!
Warwik.
Geduld, meine Prinzen; ihr wißt, diese Anstösse sind bey Sr.
Majestät nicht ungewöhnlich. Tretet weiter zurük, gebt ihm Luft,
er wird gleich besser werden.
Clarence. Nein, nein, er kan diese Bangigkeiten nicht mehr lange aushalten. Der langwierige Kummer, und die Unruhe seiner Seele haben die Mauer welche sie einschliessen soll, durchgearbeitet; und das Leben scheint allenthalben durch, und kan alle Augenblike ausbrechen.
Glocester. Das Volk erschrekt mich: Man spricht von allerley unnatürlichen Wunderzeichen und vaterlosen Mißgeburten; die Jahrszeiten haben ihre Sitten geändert, und es ist, als ob das Jahr einige Monate schlafend gefunden und sie übersprungen habe.
Clarence. Der Fluß ist dreymal ohne Ebbe angeschwollen, und alte Leute (die waschhaften Chroniken der Zeit) sagen, er habe eben das gethan, da unser grosser Anherr Eduard starb.
Warwik.
Redet nicht so laut, Prinzen, der König erholt sich wieder.
Glocester.
Dieser Schlag wird ganz gewiß sein Ende seyn.
König Heinrich.
Ich bitte euch, hebt mich auf, und tragt mich in ein anders Zimmer:
Sachte, ich bitte euch; sorget davor, daß kein Getöse gemacht werde,
meine werthen Freunde, ausser irgend eine mitleidige, tröstende
Hand, wollte Musik meinem schmachtenden Geiste zuflüstern.
Warwik.
Ruft Musik in das Nebenzimmer—
König Heinrich.
Sezt mir die Crone auf dieses Küssen hier.
Clarence (bey Seite.)
Seine Augen sind hohl, und er verändert sich ungemein.
Warwik.
Nicht so laut, nicht so laut.
Zehnte Scene.
(Der Prinz Heinrich tritt auf.)
Prinz Heinrich.
Wo ist der Herzog von Clarence?
Clarence.
Hier bin ich, Bruder, voller Kummer.
Prinz Heinrich. Warum das? Warum habt ihr alle Thränen in den Augen? Wie stehts mit dem König?
Glocester.
Sehr schlecht.
Prinz Heinrich.
Weiß er die guten Zeitungen? Sagt sie ihm.
Glocester.
Er alterirte sich ungemein, da er sie hörte.
Prinz Heinrich. Wenn er vor Freuden krank wurde, so wird er ohne Arzney gesund werden.
Warwik. Nicht so laut, Milords; liebster Prinz, redet leise; der König, euer Vater, hat einen Ansaz zum Schlaffen.
Clarence.
Wir wollen in ein andres Zimmer gehen.
Warwik.
Gefällt es Eu. Hoheit, mit uns zu kommen?
Prinz Heinrich.
Nein; ich will mich hier sezen, und dem König wachen.
(Alle gehen ab, bis auf Prinz Heinrich.)
Warum ligt die Crone hier auf diesem Küssen, sie, die ein so unruhige Bettgesellin ist? O du goldne Sorge! die so manche durchwachte Nacht die Thüren des Schlummers weit offen hält, izt lässest du ihn doch schlaffen! Aber nicht so gesund, nicht halb so tief und süß als der schläft, der mit einem groben Tuch um seine Schläffe, die lange Nacht hinweg schnarcht. O Majestät! du ligst auf dem der dich trägt, wie eine goldne Rüstung, an einem heissen Mittag.—Hier ligt eine Pflaumfeder auf seinen Lippen, die sich nicht bewegt; wenn er athmete, so müßte dieser leichte Pflaum nothwendig erregt werden. Ach! Mein Herr! Mein Vater! was für ein Schlaf ist das? Das ist der Schlaf, der so manche Englische Könige von diesem goldnen Reiff geschieden hat. Was dir nun von mir gebührt, sind Thränen und herzliche Trauer, und die soll dir Natur, Liebe und kindliche Zärtlichkeit in vollem Maaß bezahlen. Was mir von dir gebührt, ist diese Königs-Crone, die von dir auf mich, als den nächsten an dir, unmittelbar herabsinkt. Nun, hier sizt sie;
(Er sezt sie auf.)
der Himmel soll sie schüzen; und legt in eines Riesen Arm die Stärke der ganzen Welt, nimmer soll er diese angestammte Ehre von meiner Stirne reissen. Ich will sie den meinigen verlassen, wie du sie mir verlassen hast.
Eilfte Scene.
(Warwik, Glocester und Clarence kommen wieder.)
König Heinrich.
Warwik! Glocester! Clarence!
Clarence.
Ruft der König?
Warwik.
Was befiehlt Eu. Majestät? wie befindet Sie sich?
König Heinrich.
Warum ließt ihr mich so allein, Milords?
Clarence. Gnädigster Herr, wir liessen den Prinzen meinen Bruder hier, welcher sich sezen, und neben Eu. Majestät wachen wollte.
König Heinrich.
Den Prinzen von Wales? Wo ist er? laßt mich ihn sehen.
Warwik.
Hier ist eine Thür offen, er muß da hinausgegangen seyn.
Glocester.
Er gieng nicht durch das Zimmer, wo wir warteten.
König Heinrich.
Wo ist die Crone? Wer nahm sie von meinem Küssen.
Warwik.
Wie wir uns weg begaben, Gnädigster Herr, war sie noch da.
König Heinrich. Der Prinz hat sie also weggenommen? Geht, sucht ihn auf. Ist er so ungeduldig, daß er meinen Schlaf für meinen Tod ansieht? Sucht ihn, Milord von Warwik, und schmählt ihn unverzüglich her.
(Warwik geht ab.)
Dieser Zug seiner Gemüthsart vollendet die Würkung meines Uebels, und beschleunigt meinen lezten Augenblik. Seht, Söhne, was für Dinge ihr seyd! Wie leicht sich die Natur zum Abfall bringen läßt, wenn Gold der Versucher ist! Für diß haben närrische sorgenvolle Väter ihren Schlaf mit Nachsinnen unterbrochen, ihr Gehirn mit Sorgen erschöpft, ihre Gebeine mit Arbeit entkräftet; für diß, für diesen Dank haben sie Tag und Nacht darauf gedacht, ihre Söhne durch Künste und martialische Uebungen zu bilden, für diß haben sie mit so vieler Mühe Gold auf Gold gehäuft. Gleich der Biene flattern wir von Blume zu Blume, saugen ihre besten Düfte aus, und wenn unsre Beine mit Wachs und unsre Lippen mit Honig beladen sind, tragen wir's in den Stok; und wie Bienen, werden wir für unsre Müh getödtet. Bittrer Gedanke für einen sterbenden Vater!— (Warwik kommt zurück.) Nun, wo ist er? er, der nicht warten kan, bis sein Freund, Krankheit, mit mir fertig ist?
Warwik.
Gnädigster Herr, ich fand den Prinzen in dem nächsten Zimmer, mit
Thränen der zärtlichsten Wehmuth seine Wangen badend, und in seiner
Mine und Stellung eine so tiefe, so rührende Bekümmerniß ausgedrükt,
daß die Grausamkeit selbst, bey seinem Anblik, ihren blutigen
Dolch mit milden Thränen gewaschen hätte.
König Heinrich.
Aber warum nahm er dann die Crone weg? (Der Prinz Heinrich zu den
Vorigen.) Seht, hier kommt er. Komm hieher zu mir, Harry; verlaßt
das Zimmer, laßt uns allein.
(Die Lords gehen ab.)
Prinz Heinrich.
Ich dachte nicht, daß ich Eu. Majestät wieder reden hören würde.
König Heinrich. Dein Wunsch, Harry, war Vater zu diesem Gedanken. Ich lebe zu lange für dich, du wirst es müde. Ist deine Begierde nach meinem leeren Thron so heftig, daß du dich meiner Vorrechte schon anmassest, eh deine Stunde reif ist? O thörichter Jüngling! Du suchst eine Hoheit, die dich zu Grunde richten wird. Warte nur noch ein wenig; die Wolke meiner Würde wird von einem so schwachen Wind noch emporgehalten, daß sie bald zertrieffen wird. Du hast etwas gestohlen, das in wenigen Stunden ohne Verbrechen dein gewesen wäre; in meiner Todesstunde selbst hast du noch das Siegel auf meine Erwartung gedrükt; dein Leben bewies, wie wenig du mich liebest; und du willt, daß ich mit der völligen Ueberzeugung davon sterben soll. Du verbirgst tausend Dolche in deinen Gedanken, die du an deinem steinernen Herzen gewezt hast, eine halbe Stunde zu ermorden, die ich noch zu leben gehabt hätte. Wie? kanst du mich nicht noch eine halbe Stunde ertragen? So geh' dann, und grabe selbst mein Grab, und laß die frölichen Gloken in dein Ohr tönen, daß du gekrönt bist, nicht daß ich todt bin. Mögen alle die Tropfen, die meine Leiche bethauen sollten, zu Balsam-Tropfen werden, dein Haupt zu heiligen; nur bedeke mich vorher mit ein wenig faulem Staub, und gieb den der dir das Leben gab, den Würmern. Stürze meine Staats-Bediente, vernichte meine Verordnungen; denn nun ist eine Zeit gekommen, die aller gesezlichen Ordnung spottet. Heinrich der fünfte ist gekrönt: Auf, Thorheit! Herab, königliches Ansehn! Alle ihr weisen Räthe, hinweg! Und nun versammelt euch aus allen Enden an den Englischen Hof, ihr müßigen Affen; nun, angrenzende Nachbarn, reinigt euch von euerm Unrath! Habt ihr einen Lotterbuben, der schwört? säuft? tanzt? die Nächte durchschwärmt? raubt? mordet? und die ältesten Sünden nach der neuesten Mode begeht? Freut euch, er wird euch nicht länger beunruhigen, in England wird er Dienste, Ehre und Gewalt bekommen; denn Heinrich der fünfte nimmt der gekrümmten Ausgelassenheit den Maulkorb des Zwangs ab, und der rasende Hund hat nun Freyheit, seine Zähne in jeden Unschuldigen einzuhauen. O! mein armes Land! von bürgerlichen Wunden entkräftet! Wenn meine Sorgfalt deine Ausschweiffungen nicht dämmen konnte, was wird aus dir werden, wenn die Ausschweiffung deine Fürsorge ist? O du wirst wieder eine Wildniß werden, von Wölfen, deinen alten Einwohnern, bewohnt!
Prinz Heinrich (kniend.) O! vergebet mir, mein Gnädigster Oberherr! Wenn ich vor Beklemmung und Thränen hätte reden können, so würde ich diese harte und schmerzliche Bescheltung eher unterbrochen haben. Hier ist eure Crone, und derjenige, der die Crone der Unsterblichkeit trägt, möge sie euch noch lang' erhalten. Wenn ich sie mehr liebe als euer Leben, und eure Ehre, so mög' ich nimmer von diesem Boden aufstehen, auf den mein getreues und von seiner Pflicht durchdrungnes Herz meine Knie niedergeworfen hat. Der Himmel ist mein Zeuge, was für ein kalter Schauer mich befiel, da ich herein kam, und keinen Athem mehr an Eurer Majestät spürte. Wenn diß Verstellung ist, o! so mög' ich in meiner gegenwärtigen Wildheit sterben, und die Zeit nicht erleben, daß ich der ungläubigen Welt die Veränderung zeigen könne, die ich bey mir selbst beschlossen habe. Ich war gekommen euch zu besuchen, und in der Meynung daß ihr todt seyd, und von dem Gedanken daß ihr es seyd, selbst beynahe todt, redte ich die Crone an, als ob sie mich verstehen könnte, und machte ihr diese Vorwürfe: Die Sorgen, die du machst, haben das Leben meines Vaters aufgezehrt, und also bist du, obgleich das feinste, das schlimmste Gold; anders Gold, obgleich minder fein, ist kostbarer, da es, in eine trinkbare Arzney aufgelößt, ein Mittel zu Erhaltung des Lebens ist; du hingegen, das feinste, das hochgeschäzteste, das glorreicheste, hast den der dich trug des Lebens beraubt. Indem ich sie so beschalt, mein Königlicher Herr, sezte ich sie auf mein Haupt, um mit ihr, wie mit einem Feind, der meinen Vater vor meinen Augen ermordet hatte, die Sache eines rechtschaffnen Erben auszufechten. Wenn sie aber mein Blut mit Freude anstekte, oder mit irgend einem stolzen Gedanken meine Seele schwellte, wenn ein rebellischer oder hochstrebender Geist in mir, auch nur mit dem schwächsten Grad von Vergnügen, ihre Macht willkommen hieß; so verhindre der Himmel, daß sie nie auf mein Haupt komme, und mache mich dem Aermsten unter allen gleich, die mit zitternder Ehrfurcht vor ihr knien!
König Heinrich. O! Mein Sohn, der Himmel gab dir ein, sie von hinnen zu nehmen, um zu dieser Erklärung Anlaß zu machen, die dir deines Vaters Liebe in desto vollerm Maaß wieder giebt. Komm näher, Harry, seze dich zu meinem Bette, und höre, ich denke den lezten Rath, den ich dir jemals geben werde. Der Himmel weiß, mein Sohn, durch was für Seiten-Wege und krumme Pfade ich zu dieser Crone gekommen bin, und ich selbst weiß am besten, wie unruhig sie auf meinem Haupte saß. Zu dir wird sie in beßrer Ruhe, mit bessrer Meynung und mit einem bessern Titel herabsteigen: Denn alle Vorwürfe, die der Gelangung dazu gemacht werden können, gehen mit mir zu Grabe. Diese Crone schien an mir nur eine gewaltthätig an mich gerissene Zierde, und es lebten ihrer viele die mir vorrüken konnten, daß sie mir dazu verholfen hätten; und daraus mußte täglich Zank und Blutvergiessen entstehen; der Friede, dessen ich genoß, war unsicher, und alle Augenblike von Unternehmungen unterbrochen, die meine Crone und mein Leben in Gefahr sezten. Meine ganze Regierung war wie ein Schauspiel, wovon Empörung und Selbstvertheidigung der Inhalt war. Aber nun ändert mein Tod die Scene; was bey mir erobert war, fällt unter einem schönern Titel auf dich, denn du trägst die Crone durch das Recht der Erbfolge. Allein ob du gleich sichrer stehst als ich, so stehst du doch nicht fest genug, da die Beschwerden noch so frisch sind, und allen denen, die du nun zu deinen Freunden machen must, der Stachel erst so kürzlich ausgezogen worden ist. Ich rede von den Erben und Freunden dererjenigen, durch deren verbrecherische Künste ich emporgestiegen, durch deren Macht ich besorgen mußte, wieder gestürzt zu werden, und denen ich deßwegen zuvor kam. Meine Absicht war, sie in das heilige Land zu führen, damit nicht Ruhe und Musse sie veranlassen möchte, zu tief in unsern Staat hinein zu schauen. Laß es also deine vornehmste Maxime seyn, mein Sohn Harry, schwindlichte Köpfe mit auswärtigen Angelegenheiten zu beschäftigen; damit sie ihr Feuer in entfernten Provinzen ausarbeiten, und unter dieser Arbeit das Andenken der vorigen Tage verliehren. Ich wollte noch mehr mit dir reden, aber meine Lunge ist so schwach, daß ich es nicht länger aushalten kan. Wie ich zu dieser Crone kam, o Gott, vergieb mir! und laß sie ruhig und glüklich auf meines Sohnes Haupte sizen!
Prinz Heinrich. Mein Gnädigster Herr, ihr habt sie gewonnen, getragen, erhalten, und auf mich gebracht; mein Besiz ist also klar und rechtmäßig; und rechtmäßig will ich ihn auch, so viele Müh es kosten mag, gegen die ganze Welt behaupten. (Lord John von Lancaster und Warwik, treten auf.)
König Heinrich.
Sieh, sieh, hier kommt mein Sohn Lancaster.
Lancaster.
Gesundheit, Frieden und Glük, meinem Königlichen Vater.
König Heinrich. Du bringst mir Glük und Frieden, Sohn John; aber die Gesundheit ist mit jugendlichen Schwingen aus diesem kahlen verdorrten Stamm weggeflohen. Nachdem ich nun auch dich gesehen habe, so sind meine zeitlichen Geschäfte vorbey—Wo ist Milord von Warwik?
Prinz Heinrich.
Milord von Warwik!—
König Heinrich. Hat das Zimmer, wo ich die erste Ohnmacht bekam, nicht irgend einen besondern Nahmen?
Warwik.
Man nennt es Jerusalem, Gnädigster Herr.
König Heinrich. Gott sey gelobt! Dort muß ich mein Leben enden. Es ist mir vor vielen Jahren propheceyet worden, ich könnte nirgends als in Jerusalem sterben: und ich bildete mir fälschlich ein, es müßte im gelobten Lande seyn. Aber bringet mich in dieses Zimmer, das ist das Jerusalem, wo ich sterben will.
(Sie gehen ab.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
(Schallow's Siz in Glosterschire.)
(Schallow, Silence, Falstaff, Bardolph, und der kleine Lakay
treten auf.)
Schallow.
Beym Sappermost, Sir, ich laß euch diese Nacht nicht fort! He!
Davy, sag ich—
Falstaff.
Ihr werdet mich entschuldigen, Herr Robert Schallow.
Schallow.
Ich werd' euch nicht entschuldigen; ihr sollt nicht entschuldiget
werden; ich nehme keine Entschuldigung an; es hilft keine
Entschuldigung; ich lasse keine Entschuldigung gelten—He! Davy—
(Davy tritt auf.)
Davy.
Hier, Sir.
Schallow.
Davy, Davy, Davy, laß mich seh'n, Davy, laß mich sehen; ja,
Sapperment! der Koch William, sagt ihm, er soll herkommen—Sir
John, ich laß keine Entschuldigung gelten.
Davy. Ja, Herr; aber diese Regeln können nicht gehalten werden; und noch eins, Sir, sollen wir das Ek mit Weizen ansäen?
Schallow. Mit rothem Weizen, Davy—Aber auf William Koch zu kommen—sind keine jungen Dauben da?
Davy.
Ja, Sir—Hier ist des Schmidts Conto, für Schuhe, und Pflug-
Eisenwerk.
Schallow.
Laß ihn bezahlt und quittirt werden—Sir John, ich nehme keine
Entschuldigung an.
Davy. Izt, Sir, brauchte man nothwendig einen neuen Ring an den Wasser- Eymer. Und, Sir, ist nicht eure Meynung, dem William den Betrag von dem Sak, den er neulich auf dem Hinkley-Markt verlohr', an seinem Lohn abzuziehen?
Schallow.
Er muß es vergüten. Etliche Dauben, Davy, ein Paar kurz-beinichte
Hennen, eine Schöps-Keule, und etliche artige kleine Beyessen:
Sag's dem Koch Willhelm.
Davy.
Bleibt der Mann im rothen Rok die ganze Nacht da, Sir?
Schallow. Ja, Davy. Ich will ihm eine Ehre anthun. Ein Freund bey Hofe, ist besser als ein Pfenning im Beutel. Mach' daß seine Leute ihre Sachen recht bekommen, Davy; denn es sind Erzschelme, sie würden uns durchhecheln, daß es eine Art hätte. Geh izt an deine Arbeit, Davy.
Davy. Ich bitte euch, Herr, helfet doch dem William Visor von Woncot gegen Clement Perkes vom Bühel.
Schallow. Es gehen grosse Klagen, Davy, über diesen Visor; dieser Visor ist ein Erz-Schelm, so viel ich weiß.
Davy. Ich gesteh es Eu. Herrlichkeit ein, daß er ein Schelm ist; aber behüt uns G**, Sir, daß ein Schelm keine Gunst sollte finden können, wenn ein guter Freund für ihn bittet. Ein ehrlicher Mann, Sir, ist im Stand für sich selbst zu reden, das ist ein Schelm nicht. Ich hab' Euer Herrlichkeit treulich gedient, diese acht Jahr' her; und wenn ich nicht auch ein oder zweymal in einem Quartal einem Schelmen gegen einen Bidermann hinaushelfen kan, so ist wahrlich mein Credit bey Eu. Herrlichkeit nicht groß. Der Schelm ist mein guter Freund, Sir, und ich bitte Euer Herrlichkeit also, laßt ihn durchwischen.
Schallow.
Geh, geh, sag' ich, es soll ihm nichts gethan werden: Sieh' zu den
Sachen, Davy.—Wo seyd ihr, Sir John? Kommt, herab mit euern
Stiefeln! Gebt mir eure Hand, Herr Bardolph.
Bardolph.
Es freut mich, Eu. Herrlichkeit wohl zu sehen.
Schallow.
Ich danke dir von Herzen, mein wakrer Herr Bardolph;
(zum kleinen Lakayen)
ha, willkommen, mein hübscher Bursche—Kommt, Sir John.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Hof zu London.)
(Der Graf von Warwik, und der Lord Ober-Richter treten auf.)
Warwik.
Wie steht es, Milord Ober-Richter, wohin?
Ober-Richter.
Wie befindt sich der König?
Warwik.
Vollkommen wohl; seine Sorgen sind nun alle geendigt.
Ober-Richter.
Ich hoffe, er ist nicht todt?
Warwik.
Er ist den Weg der Natur gegangen, und für uns lebt er nicht mehr.
Ober-Richter. Ich wünschte, Se. Majestät hätte mich mit sich genommen. Die getreuen Dienste, die ich ihm in seinem Leben geleistet, haben mich allen Kränkungen ausgesezt gelassen.
Warwik.
In der That, ich denke der junge König ist nicht euer Freund.
Ober-Richter.
Ich weiß, daß er's nicht ist; und ich rüste mich auf alles was
begegnen kan; es kan nicht schlimmer seyn, als ich's erwarte.
(Lord John von Lancaster, Glocester und Clarence zu den Vorigen.)
Warwik. Hier kommen die betrübten Söhne des todten Heinrichs. O hätte der lebende nur die Gemüthsart des schlechtesten unter diesen drey Prinzen, wie viele Männer von Stand und Verdienst würden dann ihre Pläze behalten, die izt vor Leuten von der verächtlichsten Classe die Segel streichen müssen.
Ober-Richter. Ich besorge, leider! es werde alles zu unterst zu oberst gekehrt werden.
Lancaster.
Guten Morgen, Vetter Warwik.
Glocester. Clarence.
Guten Morgen, Vetter.
Lancaster.
Wir kommen zusammen, wie Leute die das Reden vergessen haben.
Warwik. Wir erinnern uns noch wol, aber der Inhalt unsrer Gedanken ist zu schwer, als daß ihn Worte sollten tragen können.
Lancaster.
Nun, Friede sey mit dem, der uns diese Schwermuth verursacht hat.
Ober-Richter.
Friede sey mit uns, oder wir werden noch schwermüthiger werden.
Glocester. O, mein lieber Lord, ihr habt in der That einen Freund verlohren, und ich darf schwören, ihr borgtet dieses kummervolle Gesicht nicht; es ist ganz gewiß euer eignes.
Lancaster. Obgleich niemand gewiß weiß, wie es ihm ergehen wird, so habt ihr doch am wenigsten gutes zu erwarten; diß vermehrt meinen Kummer, ich wollt' es wär' anders.
Clarence. Gut, ihr müßt izt Sir John Falstaffen gute Worte geben; seine Gunst vermag izt mehr als eure Verdienste.
Ober-Richter. Liebste Prinzen, was ich that, that ich als ein rechtschafner Mann, nach der Vorschrift meines Gewissens und meiner Pflicht; und niemals sollt ihr mich eine niederträchtige Verzeihung erbetteln sehen. Wenn Wahrheit und aufrichtige Unschuld meinen Fall verursachen, so will ich zu dem König meinem abgelebten Herrn, und ihm sagen, wer mich ihm nachgeschikt hat.
Warwik.
Hier kommt der Prinz.
Dritte Scene.
(Der Prinz Heinrich, nunmehr König Heinrich der fünfte, zu den
Vorigen.)
Ober-Richter.
Gott erhalte Eu. Majestät.
König Heinrich. Dieses ungewohnte und strozende Kleid, Majestät, sizt mir lange nicht so leicht als ihr euch einbildet. Brüder, eure Traurigkeit ist, wie mich däucht, mit Furcht vermischt; diß ist der Englische, nicht der Türkische Hof; kein Amurath folgt auf einen Amurath, sondern Heinrich auf Heinrich. Und doch seyd immerhin traurig, meine Brüder; aber, da die Ursache dazu uns allen gemein ist, so betrachtet sie auch nicht anders als wie eine Last, die uns gemeinschaftlich zu tragen auferlegt ist. Von mir seyd versichert, daß ich euer Vater sowol als euer Bruder seyn will: Schenket mir nur eure Liebe, und überlaßt mir eure Sorgen. Weint, daß Heinrich todt ist, ich thue es auch; aber ein Heinrich lebt, der alle diese Thränen, soviel ihrer sind, in eben so viele glükselige Stunden verwandeln wird.
Lancaster. Glocester. Clarence.
Wir hoffen nichts anders von Eu. Majestät.
König Heinrich.
Ihr seht mich alle mit seltsamen Gesichtern an, sonderlich ihr.
(Zum Lord Ober-Richter.)
Ich denke, ihr seyd versichert, daß ich euch nicht liebe.
Ober-Richter.
Ich bin versichert, daß, wenn ich nach Biligkeit beurtheilt werde,
Eu. Majestät keine Ursache hat mich zu hassen.
König Heinrich.
Keine? Soll ein Prinz von meinen Hoffnungen so grosse
Beleidigungen vergessen können, als mir von euch wiederfahren sind?
Wie? den Cron-Erben von England auszuschalten, öffentlich zu
beschimpfen und ins Gefängniß zu schiken? War das eine
Kleinigkeit? Kan das in Lethe gewaschen, und vergessen werden?
Ober-Richter. Ich stellte damals die Person euers Vaters vor, nicht die meinige. Ich war mit der Handhabung seines Gesezes, und der öffentlichen Gerechtigkeit beschäftiget, als es Euer Hoheit beliebte, mein Amt, die Majestät und Gewalt des Gesezes, und des Königs, den ich vorstellte, zu vergessen, und in meinem Richter-Stuhl gewaltsame Hand an mich zu legen. Als einen Verbrecher gegen die Person euers Vaters, ließ ich euch, kraft der Autorität die mir anvertraut war, in Verhaft nehmen; und wenn ich daran unrecht that, so laßt es euch immerhin gefallen, einen Sohn zu bekommen, der eurer Verordnungen spotte, der die Gerechtigkeit von euern ehrwürdigen Bänken herabreisse, den Lauf der Geseze hemme, und das Schwerdt stumpf mache, das eure eigne Person und die allgemeine Sicherheit beschüzt; ja der euer königliches Ebenbild schmählich antaste, und eure Handlungen in der Person euers Repräsentanten verspotte. Fraget eure königlichen Gedanken, macht den Fall zum eurigen, seyd nun der Vater, und stellt euch einen Sohn vor, von dem euer Ansehn so sehr angegriffen werde; und dann bildet euch ein, daß ich eure Parthey nehme, und in euerm Namen und durch eure Macht euern Sohn so zur Gebühr weise. Nach dieser kalten Ueberlegung sprecht mein Urtheil, und saget nun, da ihr ein König seyd, was ich gethan habe, das meinem Amt, meiner Person, und der Majestät meines Königs nicht gemäß war?
König Heinrich. Ihr habt vollkommnes Recht, Milord, und wäget diese Sache richtig ab; fahret also fort, die Wage und das Schwerdt zu tragen; und möchtet ihr, mit immersteigenden verdienten Ehren, so lange leben, biß ihr einen Sohn von mir sehet, der, wenn er euch so beleidigt hätte, euch so gehorche wie ich that: So würd ich's erleben, wie damals mein Vater sagen zu können: Glüklich bin ich, daß ich einen Mann habe, der Muth genug hat, die Justiz gegen meinen eignen Sohn auszuüben; und nicht weniger glüklich, daß ich einen Sohn habe, der seine Grösse so willig in die Hände der Gerechtigkeit überliefert— Zum Beweiß also, daß ich eure Tugend ehre, übertrag' ich euch ferner das unbeflekte Schwerdt, das ihr bißher getragen habt, mit der Erinnerung, daß ihr eben diesen gerechten, kühnen und unpartheyischen Geist, den ihr damals gegen mich gezeigt habet, über alle eure Handlungen herrschen lasset. Hier habt ihr meine Hand, daß ihr bey meiner Jugend die Stelle eines Vaters vertreten sollt; meine Stimme soll tönen, was ihr meinem Ohr eingebet, und Eure Weisheit und wohlgeübte Erfahrenheit soll in allen meinen Entschliessungen mich leiten. Und, ihr Prinzen alle, glaubet mir, ich bitte euch, mein Vater hat den besten Theil meines Herzens mit sich ins Grab genommen; und ich lebe nur mit seinem Geist, die Erwartungen der Welt zu beschämen, voreilige Weissagungen zu vereiteln, und die schlimme Meynung auszulöschen, die man nach meinem äusserlichen Schein von mir gefaßt hat. Die Fluth meines Bluts, die bisher von vielen Ausschweiffungen aufgeschwollen daherströmte, soll nun zum Meer zurük ebben, und daselbst mit dem allgemeinen Staat der Wasser vermengt, hinfort in festlicher Majestät einherfliessen. Wir sind nun im Begriff unser Parlament zusammen zu beruffen, und wir werden vor allen Dingen darauf bedacht seyn, unsern edeln Staatsrath, in welchem ihr, mein Vater,
(zum Lord Ober-Richter,)
den Vorsiz haben sollt, mit würdigen Gliedern zu verstärken; damit der grosse Körper unsers Staats mit den bestregierten Nationen in gleicher Linie stehe, und Krieg oder Frieden oder beydes zugleich, uns bekannte und vertraute Sachen seyn mögen. Sobald unsre Crönung vorbey seyn wird, werden wir, wie ich schon erinnert, unsern ganzen Staat zusammen beruffen, und, wenn der Himmel meine guten Absichten bekräftiget, so soll kein Prinz noch Pair eine gerechte Ursache finden zu wünschen, daß der Himmel Heinrichs glükliches Leben um einen einzigen Tag verkürzen möge.
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene. (Diese Scene stellt das Gastmahl vor, das der Junker Schallow dem Sir John Falstaff giebt; es ist ein vortreffliches Gemählde in seiner Art, aber man muß nach London reisen um es zu sehen; denn nichts als die würkliche theatralische Vorstellung kan ihm das Leben und den Grad von Abgeschmaktheit geben, worinn der ganze Werth davon besteht. Das was bey der Vorstellung den besten Effect machen muß, ist der gute ehrliche Junker Silence, der aus dem mehr als Pythagoräischen Stillschweigen, das er nüchtern zu halten pflegt, in das andre Extremum fällt, und in trunknem Muth ein dummes Liedlein nach dem andern singt.)
Fünfte Scene. (Während daß Herr Silence und Sir John im Streit begriffen sind, wer den andern zu Boden trinken könne, kommt Pistol von London an, und unterbricht das Landjunkerische Bacchanal durch frohe Zeitungen vom Hofe, die er ankündiget, ohne gleich zu sagen, worinn sie bestehen. Dieses giebt unserm Autor Anlas zu einer kleinen spöttischen Parodie eines abgeschmakten Schauspiels vom König Cophetua, so vermuthlich damals noch von Marionetten-Spielern oder andern Comödianten von dieser Art gespielt wurde; endlich macht die Weisheit des Hrn. Schallow dem Mißverständniß auf folgende Art ein Ende:)
Schallow. Um Vergebung, Sir: Wenn ihr mit neuen Zeitungen vom Hofe kommt, Sir, so sind, wie ich's begreiffe, nur zwey Wege; entweder ihr müßt sie sagen, oder ihr müßt verschweigen. Ich bin unter dem König in einiger Autorität, Herr.
Pistol.
Unter welchem König? Nichtswürdiger, sprich oder stirb!*
{ed. * Dieser Vers scheint wieder eine Parodie zu seyn.}
Schallow.
Unterm König Heinrich!
Pistol.
Heinrich dem vierten oder dem fünften?
Schallow.
Heinrich dem vierten.
Pistol. So geb' ich dir einen T** für dein Amt. Sir John, dein zartes Lämmchen ist nun König. Heinrich der fünfte ist der Mann. Was ich sag' muß wahr seyn. Wenn Pistol lügt, so thut das, und prellt mich wie den prahlenden Spanier.
Falstaff.
Was, ist der alte König todt?
Pistol.
Wie ein Nagel in der Thür; das muß wahr seyn.
Falstaff.
Auf, Bardolph, sattle mir mein Pferd. Herr Robert Schallow, such'
dir ein Amt im Königreich aus, was für eins du willt, es ist dein;
Pistol, ich will dich doppelt mit Ehrenstellen beladen.
Bardolph. O freundenvoller Tag! Ich wollte kein Ritter-Gut um mein Glük nehmen.
Pistol.
Gelt! Ich bringe gute Zeitungen?