Am folgenden Morgen wurde er von der Aufwärterin geweckt, die ihm einen Brief überreichte, der folgenden Wortlaut hatte:
2. Thim. IV, 7. 8. 9. 1. Kor. IX, 24. 25. 26.
Teurer Bruder!
Unseres H. J. Ch. Gnade und Friede, die Liebe des Vaters und die Gemeinschaft des H. G. usw. Amen!
Ich habe aus dem »Graumützchen« von gestern abend ersehen, daß Du die »Versöhnungsfackel« herauszugeben gedenkst. Suche mich in meiner Tätigkeit morgen früh vor neun Uhr auf.
Dein erlöster
Nathanael Skaare.
Jetzt verstand er Lundells Rätsel, zum Teil.
Er kannte freilich den großen Gottesmann Skaare nicht persönlich und wußte nichts von der »Versöhnungsfackel«, aber er war neugierig und beschloß, dem unverschämten Ruf Folge zu leisten.
Um neun stand er in der Regierungsstraße vor dem riesigen vierstöckigen Hause, dessen Fassade vom Erdgeschoß bis zum Dachfirst mit Schildern bedeckt war: Christliche Buchdruckerei Friede, A.-G., 2. Stock; »Das Erbe der Gotteskinder«, Redaktion, Zwischenstock; Expedition vom Jüngsten Gericht, 1. Stock; Expedition der Friedensposaune, 2. Stock; Redaktion der Kinderzeitschrift: Nähre meine Lämmer, 1. Stock; Direktion der Christlichen Bethausaktiengesellschaft Gnadenstuhl, vermittelt Auszahlungen und bewilligt Darlehn gegen erste Hypothek, 3. Stock; Kommt zu Jesus, 3. Stock. Achtung!☛Ordentliche Verkäufer, die Kaution stellen können, finden Beschäftigung. Missionsaktiengesellschaft Adler verteilt den Gewinn des Jahres 1867 in Kupons, 2. Stock; Kontor des Christlichen Missionsdampfers Zululu, 2. Stock.
☛ Der Dampfer geht, so Gott will, am 28. cr. ab. Güter werden gegen Konnossement und Zertifikat im Kontor Schiffsbrücke, an der Dampferladestelle, angenommen.
Der Nähverein Bienenkorb nimmt Gaben im Erdgeschoß entgegen. Priesterkrausen werden gewaschen und geplättet beim Portier! Oblaten 1,50 pro Pfund, beim Portier! Achtung! Schwarze Frackanzüge, passend für Konfirmanden, zu verleihen. Ungegorener Wein (Matth. 26, 28) zu verkaufen beim Portier, 75 Öre pro Kanne, ohne Gefäß.
Unten, links von der Haustür, war eine christliche Buchhandlung. Falk blieb stehen und las die Titel der im Fenster ausgelegten Bücher. Es war das Althergebrachte: indiskrete Fragen, unverschämte Beschuldigungen, verletzende Vertraulichkeiten, alles längst und gründlich bekannt. Aber was seine Aufmerksamkeit mehr anzog, waren die vielen illustrierten Zeitschriften, die mit ihren großen, englischen Holzschnitten aufgeschlagen lagen, um die Leute anzulocken. Die Kinderzeitschriften besonders hatten ein interessantes Programm, und der Buchhandlungsgehilfe wußte zu erzählen, daß alte Männer und Frauen stundenlang vor dem Fenster stehen und die Illustrationen betrachten konnten, die ihre frommen Gemüter zu rühren und die Erinnerung an eine entschwundene, vielleicht in Torheit entschwundene Jugend wachzurufen schienen. Falk wurde einen Augenblick von einem gottlosen Gedanken ergriffen, den er aber sofort zu dem sittlichen Inselvolk schickte, das Brot ißt und sein Blut trinkt, und er schämte sich seines Gedankens.
Er steigt zwischen pompejanischen Wandmalereien die breiten Treppen hinauf, die lebhaft an den Weg erinnern, der nicht zur Seligkeit führt, und kommt dann in ein großes Zimmer, das wie der Saal einer Bank eingerichtet ist, mit Pulten, die noch nicht von Kassierern und Buchhaltern eingenommen sind. Mitten im Zimmer steht ein Schreibtisch, groß wie ein Altar, einer Orgel mit vielen Registern gleichend; die Register werden hier von einer ganzen Klaviatur von Knöpfen für Lufttelegraphen mit trompetenähnlichen Sprachrohren gebildet, die die Verbindung mit allen Räumen des Gebäudes herstellen. Daneben steht ein großer Mann in Reitstiefeln, den Priesterrock mit einem Knopf oben am Halse zugeknöpft, so daß er wie ein offner Uniformrock aussieht, mit weißem Halstuch und einer Seekapitänsmaske darüber, denn das richtige Gesicht ist in einer Pultschublade oder einer Packkiste verschwunden. Der große Mann peitscht seine blanken Stiefelschäfte mit einer Reitgerte, deren Knauf, symbolisch, von einem Pferdefuß gebildet wird, und raucht eine starke Regalia, die er eifrig kaut, anscheinend um den Mund in Tätigkeit zu halten. Falk betrachtet den großen Mann mit Erstaunen.
Dies war also die letzte Mode dieser Art Menschen, denn auch in Menschen gibt es Moden. Dies war der große Verkünder, dem es gelungen war, eine Mode daraus zu machen, sündig zu sein, nach Gnade zu dürsten, elend, armselig, erbärmlich, mit einem Wort irgendwie schlecht zu sein. Dieser Mann hatte die Erlösung fashionabel gemacht! Er hatte ein Evangelium für die Große Parkstraße gefunden! Die Gnadenordnung war Sport geworden. Man veranstaltete Wettrennen in Sündigkeit, bei denen der Schlechteste den Preis errang; man stellte Schnitzeljagden nach armen Seelen an, die erlöst werden sollten; aber es gab auch, gestehen wir das, Treibjagden nach Opfern, an denen man sich in Besserung üben wollte, indem man sie zum Gegenstand der grausamsten Wohltätigkeit machte.
»Ach, Herr Falk, Sie sind es!« sagt die Maske. »Willkommen, mein Freund! Sie wollen sich wohl meine Tätigkeit ansehen! Verzeihen Sie, Herr Falk, Sie sind doch erlöst? Ja! Nun also! Dies ist die Expedition der Druckerei-Aktiengesellschaft — entschuldigen Sie einen Augenblick.«
Er tritt an die Orgel und zieht ein paar Register, worauf man als Antwort ein Pfeifen hört.
»Bitte, sehen Sie sich einstweilen hier um!«
Er setzt den Mund an eine Trompete und ruft: »Siebente Posaune und achtes Weh! Nyström! Schrift Mediäval, 8, vorrätig, Überschriften Fraktur, Namen gesperrt!«
In derselben Trompete antwortet eine Stimme: »Das Manuskript fehlt!« Die Maske setzt sich an die Orgel, nimmt eine Feder und einen Bogen Papier und läßt die Feder über das Papier gleiten, während er durch die Zigarre spricht.
»Diese Tätigkeit — hat — solchen Umfang angenommen, — daß sie — nahezu meine — Kräfte übersteigt, — und — meine — Gesundheit würde schlechter sein — als — sie ist, — wenn — ich sie nicht — so gut pflegte.«
Er springt auf, zieht ein anderes Register und ruft in eine andere Trompete hinein: »Korrektur von ›Hast du deine Schulden bezahlt?‹« — Und dann fährt er fort, zugleich zu sprechen und zu schreiben:
»Sie wundern — sich, — warum — ich Reitstiefel — anhabe. Das hat seinen Grund — darin, — daß ich — viel reite, — meiner Gesundheit — wegen ...«
Ein Laufjunge bringt die Korrektur. Die Maske reicht sie Falk und sagt mit der Nase — weil der Mund beschäftigt ist — »lesen Sie das!«, während er mit den Augen dem Jungen zuschreit: »Warten!«
»Zweitens — (mit einer Bewegung der Ohren sagt er prahlerisch zu Falk: Hören Sie, daß ich orientiert bin) — weil ich finde, — daß ein Mann des Geistes — sich — durch sein — Äußeres nicht von andern Menschen — unterscheiden sollte, — denn das — nennt — man geistigen — Hochmut, und — es gibt nur — Anlaß zu — Lästerungen.«
Ein Buchhalter tritt ein und wird von der Maske mit der Stirnhaut begrüßt, der einzigen Partie, die nicht in Anspruch genommen ist.
Um nicht müßig dazusitzen, nimmt Falk die Korrektur zur Hand und liest. Die Zigarre spricht weiter.
»Alle andern — Menschen — haben Reitstiefel, — ich — möchte mich — um keinen Preis von ihnen unterscheiden, — äußerlich, — deshalb, — weil — ich kein — Heuchler bin, — trage ich — Reitstiefel.«
Darauf gibt er dem Laufjungen das Manuskript und schreit — mit dem Munde: »Vier Winkelhaken Siebente Posaune für Nyström!« — Und dann zu Falk gewendet:
»Jetzt bin ich fünf Minuten frei! Wollen Sie, bitte, in den Lagerraum eintreten?«
Zum Buchhalter:
»Was lädt der Zululu?«
»Branntwein,« antwortet der Buchhalter mit einer rostigen Stimme.
»Geht das?« fragt die Maske.
»Es geht!« antwortet der Buchhalter.
»Nun, dann in Gottes Namen! — Kommen Sie, Herr Falk.«
Sie betreten ein Zimmer, das mit Regalen voll Bücherstößen bekleidet ist. Die Maske schlägt mit der Reitgerte auf die Rücken der Bücher und sagt hochmütig — ohne Umschweife:
»Dies habe ich geschrieben! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht viel? Sie schreiben ja auch — etwas! Wenn Sie sich dranhalten, werden Sie eines Tages auch so viel schreiben! —« Er biß und riß an der Zigarre und spuckte die Stückchen aus, die wie Schmeißfliegen umherschwirrten, bevor sie sich auf die Rücken der Bücher setzten; dabei machte er ein Gesicht, als denke er an etwas Verächtliches.
»Versöhnungsfackel? Hm! Ich finde, das ist ein dummer Name! Finden Sie das nicht auch? Haben Sie ihn sich selbst ausgedacht?«
Zum erstenmal hatte Falk Gelegenheit, ihm zu antworten, denn wie alle großen Männer beantwortete er sich seine Fragen selbst; Falks Antwort war nein. Weiter kam er nicht, denn die Maske war schon wieder in Gang.
»Ich finde, das ist ein sehr dummer Name! Und Sie glauben, er zieht?«
»Ich weiß nichts von der Sache und begreife nicht, wovon Sie sprechen.«
»Sie wissen nichts?«
Er nimmt eine Zeitung und zeigt sie.
Falk liest mit Bestürzung folgende Anzeige:
»Zur Subskription: Die Versöhnungsfackel. Zeitschrift für die christliche Welt. Erscheint demnächst, unter der Redaktion von Arvid Falk (Preisträger der Akademie der Wissenschaften). Das erste Heft enthält Haakan Spegels ›Gottes Schöpfung‹, eine Versdichtung von anerkannt religiösem Geist und tiefer Christlichkeit.«
Er hatte vergessen, auch den Spegel abzulehnen, und nun stand er sprachlos da.
»Wie groß ist die Auflage, he? — Zweitausend, vermute ich. — Zu wenig! Hat keinen Zweck! Mein Jüngstes Gericht hat zehntausend, und ich stecke doch nicht mehr als — was soll ich sagen — fünfzehn netto ein!«
»Fünfzehn?«
»Tausend, junger Mann!«
Die Maske schien ihre Rolle vergessen zu haben und in alte Gewohnheiten zu verfallen.
»Nun also,« fuhr er fort. »Sie wissen, daß ich ein beliebter Prediger bin, ich kann das ohne Prahlerei sagen, denn die ganze Welt weiß es. Sie wissen, daß ich sehr beliebt bin, ich kann es nun einmal nicht ändern, es ist so. Ich wäre ein Heuchler, wenn ich sagte, ich wüßte nicht, was die ganze Welt weiß! Also gut, ich werde Ihr Unternehmen im Anfang unterstützen. Sehen Sie sich diesen Sack hier an. Wenn ich Ihnen sage, daß er Briefe enthält, von Damen — ja, ja, beruhigen Sie sich, ich bin verheiratet —, die mich um meine Photographie bitten, so habe ich nicht zuviel gesagt.«
Es war aber in Wirklichkeit nur ein Beutel, den er aufpeitschte.
»Um den Damen und mir viel Mühe zu ersparen und zugleich einem Menschen einen großen Dienst zu leisten, gedenke ich, Ihnen die Erlaubnis zu geben, meine Biographie zu schreiben, mit Bild, wodurch Ihre erste Nummer in Zehntausenden von Exemplaren abgesetzt würde und Sie mit dieser einen Nummer rund tausend Kronen in die Tasche stecken könnten.«
»Aber Herr Pastor —« (er hätte beinahe Kapitän gesagt) — »ich weiß nichts von dieser Sache!«
»Macht nichts! Gar nichts! Der Verleger hat mir selbst geschrieben und um mein Bild gebeten. Und Sie sollen meine Biographie schreiben! Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich von einem Freund den Hauptinhalt aufsetzen lassen, so daß Sie nur eine Einleitung zu schreiben brauchen — kurz und ausdrucksvoll, ein paar Winkelhaken höchstens! Jetzt wissen Sie es!«
Falk war verzagt über so viel weise Voraussicht, und wunderte sich, daß die Photographie dem Original so unähnlich war und die Handschrift des Freundes der der Maske so völlig glich.
Die Maske hatte ihm Bild und Manuskript überreicht und streckte ihm jetzt die Hand hin, um sich danken zu lassen.
»Grüßen Sie — den Verleger!« — Er war so nahe daran, Smith zu sagen, daß eine leichte Röte zwischen seinen Backenbärten aufstieg.
»Aber Sie kennen meine Anschauungen ja nicht, Herr Pastor,« protestierte Falk.
»Anschauungen? He? Habe ich nach Ihren Anschauungen gefragt? Ich verlange die Anschauungen eines Menschen nie zu wissen! Gott behüte mich! Ich? Nie!«
Er peitschte noch einmal die Rücken seiner Verlagsartikel, öffnete die Tür, begleitete seinen Biographen hinaus und kehrte zu seinem Altardienst zurück.
Falk konnte wie gewöhnlich, und das war sein Unglück, erst hinterher die passende Antwort finden, und er war schon unten auf der Straße, als sie ihm einfiel. Eine Kellerluke, die zufällig offen stand (und nicht mit Plakaten bedeckt war) nahm Biographie und Porträt in ihren Schoß auf.
Darauf ging er in die nächste Zeitungsredaktion, um einen Protest gegen die »Versöhnungsfackel« in die Presse zu bringen und dann einem sicheren Hungertode entgegenzugehen.