Fünftes Kapitel
Bei dem Verleger

Arvid Falk wollte seine Versuche bei dem mächtigen Smith beginnen — den Namen hatte dieser aus übertriebener Bewunderung für alles Amerikanische angenommen, als er einmal in seiner Jugend einen kleinen Ausflug nach dem großen Lande gemacht hatte —, bei dem gefürchteten Manne mit den tausend Armen, der sogar aus schlechtem Material in zwölf Monaten einen Schriftsteller machen konnte. Seine Methode war bekannt, aber es gab niemanden, der sie anzuwenden wagte, denn dazu war ein beispielloser Grad von Frechheit erforderlich. Der Schriftsteller, dessen er sich annahm, konnte sicher sein, einen Namen zu bekommen, deshalb wurde Smith von namenlosen Schriftstellern überlaufen. Als ein Beispiel dafür, wie unwiderstehlich er war und wie er die Leute trotz Publikum und Kritik hochbringen konnte, pflegte die folgende Geschichte angeführt zu werden. Ein junger Mensch, der noch nie etwas geschrieben hatte, verfaßte einen schlechten Roman, den er Smith brachte. Diesem gefiel das erste Kapitel — mehr las er nie —, und er beschloß, die Welt mit einem neuen Schriftsteller zu beglücken. Das Buch kommt heraus; auf der Rückseite des Umschlages steht zu lesen: »Blut und Schwert. Roman von Gustav Sjöholm. Diese Arbeit des jungen und vielversprechenden Schriftstellers, dessen Name in weiten Kreisen schon lange bekannt und sehr geschätzt war, usw. ... Tiefe der Charaktere ... Klarheit ... Kraft. Unserem Romane lesenden Publikum aufs wärmste zu empfehlen.« Das Buch erschien am 3. April. Am 4. April stand in der viel gelesenen Stockholmer Zeitung »Graumützchen«, von der Smith fünfzig Aktien besaß, eine Kritik. Die Kritik schloß: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen; und wir empfehlen dieses Werk nicht nur dem Romane lesenden, sondern auch dem Romane schreibenden Publikum.« Am 5. April war das Buch in allen Zeitungen der Hauptstadt angezeigt, und in der Annonce fand sich das folgende Zitat: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name; wir brauchen ihm nicht erst dazu zu verhelfen (Graumützchen).«

Am selben Abend stand eine Rezension im »Unbestechlichen«, der aber von niemandem gelesen wird. Da wurde das Buch als ein Muster für erbärmliche Literatur besprochen, und der Rezensent verschwor sich, daß Gustav Sjöblom (ein absichtlicher Schreibfehler des Rezensenten) überhaupt kein Name sei. Aber da der »Unbestechliche« nicht gelesen wurde, so verhallte diese Opposition ungehört.

Die anderen Zeitungen der Hauptstadt, die im Urteil nicht von dem führenden, ehrwürdigen »Graumützchen« abweichen wollten und es Smiths wegen nicht wagten, waren recht milde, aber nicht mehr. Sie glaubten, Gustav Sjöholm werde sich durch Arbeit und Fleiß in Zukunft einen Namen machen können.

Einige Tage blieb es still, aber in allen Zeitungen, in dem »Unbestechlichen« mit fettem Druck, standen die Annoncen und verkündeten: Gustav Sjöholm ist bereits ein Name. Dann jedoch tauchte im »Allerlei« von X-köping ein Artikel auf, der gegen die Härte der hauptstädtischen Presse gegen junge Schriftsteller zu Felde zog. Der heißblütige Korrespondent schloß: »Gustav Sjöholm ist ganz einfach ein Genie, trotz der Opposition doktrinärer Dummköpfe.«

Am Tage darauf stand wieder die Annonce in allen Zeitungen und verkündete: »Gustav Sjöholm ist bereits ein Name« usw. (Graumützchen), »Gustav Sjöholm ist ein Genie!« (X-köpinger Allerlei). Das nächste Heft der Zeitschrift »Unser Land«, von Smith herausgegeben, enthielt auf dem Umschlage die folgende Anzeige: »Zu unserer Freude können wir unseren vielen Lesern mitteilen, daß der berühmte Schriftsteller Gustav Sjöholm uns für das nächste Heft eine Originalnovelle in Aussicht gestellt hat usw.« Und dann Annoncen in den Zeitungen! Zu Weihnachten kam schließlich der Kalender »Unser Volk« heraus. Von den Verfassern waren auf dem Titelblatt genannt: Orvar Odd, Talis Qualis, Gustav Sjöholm u. a. Die Tatsache blieb bestehen: Gustav Sjöholm war schon nach acht Monaten ein Name. Und das Publikum, ja, das konnte nichts daran ändern; es mußte ihn hinnehmen. Es konnte in keine Buchhandlung gehen und ein Buch ansehen, ohne von ihm zu lesen, es konnte keine alte Zeitung zur Hand nehmen, ohne ihn darin angezeigt zu sehen, ja, es gab keine Situation im Leben, in der man nicht diesen Namen auf einem Fetzen bedruckten Papiers gefunden hätte. Die Hausfrauen hatten ihn Sonnabends im Marktkorb liegen, die Mädchen brachten ihn aus den Geschäften mit nach Hause, die Laufburschen fegten ihn von der Straße auf, und die Herren trugen ihn in der Schlafrocktasche.

Da der junge Schriftsteller diese große Macht Smiths kannte, stieg er nicht ohne eine gewisse Beklemmung die dunklen Treppen seines Hauses bei der Großen Kirche hinauf. Lange mußte er sitzen und warten und sich den peinlichsten Betrachtungen überlassen, bis die Tür aufgerissen wurde und ein junger Mann mit Verzweiflung im Gesicht und einer Papierrolle unterm Arm hinausstürzte. Zitternd betrat Falk das hintere Zimmer, in dem der Gefürchtete empfing. Er saß auf einem niederen Sofa, ruhig und mild wie ein Gott, nickte freundlich mit seinem graubärtigen, mit einer blauen Mütze versehenen Kopf und rauchte so friedvoll seine Pfeife, als habe er nicht soeben die Hoffnungen eines Menschen vernichtet oder einen Unglücklichen von sich gestoßen.

»Guten Tag, guten Tag!«

Und er musterte mit einigen Götterblicken die Kleider des Eintretenden, die proper aussahen; aber deshalb forderte er ihn doch noch nicht auf, Platz zu nehmen.

»Mein Name ist ... Falk.«

»Der Name ist mir unbekannt. — Was ist Ihr Vater?«

»Mein Vater ist tot!«

»So, er ist tot? Gut! Was kann ich für Sie tun, mein Herr?«

Der Herr holte ein Manuskript aus der Brusttasche und überreichte es Smith.

Dieser setzte sich drauf, ohne es anzusehen.

»Nun, und das soll ich drucken lassen? — Es sind Verse? Jawohl, ja! Wissen Sie, was es kostet, einen Bogen zu drucken? Nein, das wissen Sie nicht!«

Hier stieß er dem Unwissenden mit dem Pfeifenschaft vor die Brust.

»Haben Sie einen Namen, mein Herr? Nein! Haben Sie sich irgendwie ausgezeichnet? Nein!«

»Ich habe für diese Gedichte eine Belobigung von der Akademie bekommen.«

»Von welcher Akademie? Von der Akademie der Wissenschaften! Nun ja! die die vielen Flintsteinsachen herausgibt. Nun ja!«

»Flintsteinsachen?«

»Nun ja, Sie wissen doch, mein Herr, die Akademie der Wissenschaften. Nun ja, unten im Museum am Strom, nun also!«

»Nein, Herr Smith, die schwedische Akademie, bei der Börse ...«

»Nun ja! Die mit den Stearinkerzen! Gleichviel! Kein Mensch weiß, wozu die gut ist! Nein, sehen Sie, mein Bester, man muß einen Namen haben, wie zum Beispiel Tegnell, Öhronschlegel und so weiter! Unser Land hat viele große Dichter, auf die ich mich im Augenblick nicht besinne; aber man muß einen Namen haben. Herr Falk! Hm! Wer kennt Herrn Falk? Ich jedenfalls nicht, und ich kenne viele große Dichter! Ich habe neulich noch zu meinem Freunde Ibsen gesagt: Hör einmal, Ibsen — ich duze ihn —, hör einmal, Ibsen, schreibe etwas für meine Zeitschrift; ich bezahle, was du verlangst! Er hat geschrieben, ich habe bezahlt, aber ich habe es auch bezahlt bekommen. Nun also!«

Der niedergeschmetterte junge Mann wäre am liebsten in die Fugen des Fußbodens gekrochen und hätte sich versteckt, als er hörte, daß er einem Manne gegenüberstand, der Ibsen duzen durfte. Er wollte sein Manuskript wieder an sich nehmen und davonlaufen, wie vorhin der andere, hinaus, weit fort, an irgendeinen größeren Strom. Smith schien das zu empfinden.

»Nun ja. Sie können Schwedisch schreiben, mein Herr, das glaube ich schon! Sie kennen wohl auch unsere Literatur besser als ich sie kenne! Nun also! Gut! Mir ist eine Idee gekommen! Ich habe gehört, daß es große, schöne, geistliche Schriftsteller in der Vergangenheit gegeben hat, unter Gustaf Eriksson oder seiner Tochter Christine; nun ja, das ist einerlei! Ich besinne mich auf einen, der einen großen, einen sehr großen Namen hat; er hat eine große Versdichtung über Gottes Schöpfung geschrieben, glaube ich! Haakan heißt er mit Vornamen!«

»Haqvin Spegel meinen Sie, Herr Smith! Gottes Werke und Ruhe!«

»Ja richtig! Nun also! Ich habe die Absicht, das herauszugeben! Unser Volk sehnt sich nach Religion in unseren Tagen; das empfinde ich; und man muß den Leuten etwas geben. Ich habe ihnen freilich schon etwas von diesem Hermann Francke und Arndt gegeben, aber die große Stiftung kann billiger verkaufen als ich, und jetzt will ich etwas Gutes billig herausbringen. Wollen Sie sich der Sache annehmen?«

»Ich weiß nicht, was ich dabei zu tun hätte, da es sich nur um einen Neudruck handelt,« antwortete Falk, der nicht nein zu sagen wagte.

»Aber nein, so eine Unwissenheit! Die Redaktion und die Korrektur! Sind wir einig? Sie geben es heraus! Nicht wahr? Wollen wir einen kleinen Zettel schreiben? Die Arbeit kommt in Lieferungen heraus. Nicht wahr? Einen kleinen Zettel. Geben Sie mir Feder und Tinte her! — So!«

Falk gehorchte; er konnte keinen Widerstand leisten. Smith schrieb, und Falk unterschrieb.

»So! Das wäre die Sache! Nun die andere! Geben Sie mir das kleine Buch, das da auf dem Regal liegt! Im dritten Fach! So! Sehen Sie her! Eine Broschüre. Titel: Der Schutzengel. Nun, sehen Sie sich die Vignette an! Ein Engel mit einem Anker und einem Schiff — es ist ein Schoner ohne Rahen, glaube ich! Es ist ja bekannt, wie segensvoll die Seeversicherung für das allgemeine soziale Leben ist. Alle Menschen haben doch einmal — wenig oder viel — auf einem Fahrzeug über See zu schicken. Nicht wahr? Nun also! Alle Menschen brauchen deshalb eine Seeversicherung. Nicht wahr? Nun also! Das haben nicht alle Menschen eingesehen? Nein! Deshalb ist es also die Pflicht des Wissenden, den Unwissenden aufzuklären? Nun also! Wir beide wissen, Sie und ich, also müssen wir aufklären. Dieses Buch handelt davon, daß jeder Mensch seine Sachen versichern muß, wenn er sie über See schickt! Aber dies Buch ist schlecht geschrieben! Nun also! Deshalb wollen wir es besser schreiben! Nicht wahr? Sie schreiben mir eine Novelle von zehn Seiten für meine Zeitschrift »Unser Land«, und ich verlange, daß Sie so viel Verstand haben, den Namen Triton, — so heißt eine neue Gesellschaft, die mein Neffe gegründet hat und die ich unterstützen will, und man soll doch seinem Nächsten helfen, nicht wahr? — Nun also! Der Name Triton soll zweimal vorkommen, nicht mehr und nicht weniger; aber so, daß es nicht auffällt. Verstehen Sie?«

Falk fühlte sich etwas abgestoßen von dem angebotenen Geschäft, aber es lag ja noch nichts Unehrenhaftes in dem Vorschlag; er bekam ja Arbeit bei dem einflußreichen Manne, und alles im Handumdrehen, ohne weitere Anstrengung. Er dankte also und nahm an.

»Sie kennen doch das Format. Vier Spalten pro Seite macht vierzig Spalten zu je zweiunddreißig Zeilen. Nun also. Wir wollen vielleicht einen kleinen Zettel schreiben.«

Smith schrieb einen Zettel, und Falk unterschrieb.

»Nun also, gut. Und jetzt hören Sie zu. Sie kennen doch die schwedische Geschichte. Nun also, wieder auf dem Regal! Da liegt ein Klischee, ein Holzstock! Rechts! Nun also! Können Sie mir sagen, wer die Dame ist? Es soll eine Königin sein.«

Falk, der anfangs nichts weiter sehen konnte als ein schwarzes Stück Holz, entdeckte schließlich einige menschliche Züge und erklärte, nach seiner Ansicht müsse es Ulrika Eleonora sein.

»Hab ich es nicht gesagt! Hihihi! Dies Klischee ist als Königin Elisabeth von England benutzt worden, in einem amerikanischen Volksbuch, und nun habe ich es mit unzähligen anderen billig gekauft. Jetzt nehme ich es als Ulrika Eleonora in meine Volksbibliothek auf. Wir haben ein so gutes Volk; es kauft meine Bücher so brav. Nun also. Wollen Sie den Text schreiben, mein Herr?«

Falks fein ausgebildetes Gewissen konnte hierin nichts eigentlich Unrechtes finden, obwohl seine Gefühle sehr unangenehm berührt waren.

»Nun also! Dann schreiben wir einen kleinen Zettel! Sechzehn Seiten Oktav zu drei Spalten zu je vierundzwanzig Zeilen. So!«

Und dann wurde wieder geschrieben. Da Falk die Audienz für beendet hielt, machte er Miene, sein Manuskript wieder an sich zu nehmen, auf dem Smith die ganze Zeit gesessen hatte. Aber dieser wollte es nicht aus den Händen geben, er werde es bestimmt lesen, aber es werde noch etwas dauern, erklärte er.

»Nun, Sie sind ja ein verständiger Mann, mein Herr, und wissen, was die Zeit wert ist. Hier war vorhin ein junger Mann, auch mit Versen, einer großen Versdichtung, für die ich keine Verwendung habe. Nun, ich habe dem Herrn dasselbe angeboten wie Ihnen; wissen Sie, was er gesagt hat? Er sagte, ich solle etwas tun, was ich nicht aussprechen kann. Ja, das hat er gesagt, und dann ist er davongelaufen. Der Mann wird nicht lange leben! Adieu! Adieu! Sie verschaffen sich wohl den Haakan Spegel! Nun also! — Adieu! Adieu!«

Smith deutete mit dem Pfeifenschaft nach der Tür, und Falk entfernte sich.

Seine Schritte waren nicht leicht. Das Holzklischee in seiner Brusttasche war schwer, es zog ihn zu Boden, es hielt ihn zurück. Er dachte an den blassen jungen Mann mit dem Manuskript, der so etwas zu Smith zu sagen gewagt hatte, und ihm kamen hochmütige Gedanken. Dann aber tauchte die Erinnerung an alte väterliche Ermahnungen und Ratschläge auf, und zugleich meldete sich die alte Lüge, daß alle Arbeit gleich achtbar sei, und hielt ihm seinen Hochmut vor; da unterwarf er sich seiner Vernunft und ging nach Hause, um achtundvierzig Spalten Ulrika Eleonore zu schreiben.

Da er früh aufgestanden war, fand er sich schon um neun Uhr am Schreibtisch sitzend. Er stopfte sich eine große Pfeife, faltete zwei Bogen Papier, wischte seine Stahlfedern ab und versuchte sich zu besinnen, was er von Ulrika Eleonore wußte. Er schlug im Ekelund und Fryxell nach. Da stand vielerlei unter der Rubrik Ulrika Eleonore, aber von ihr selbst stand fast nichts da. Um halb zehn hatte er das Thema erschöpft; er hatte aufgeschrieben, wann sie geboren war, wann sie starb, wann sie die Regierung antrat, wann sie dem Thron entsagte, wie ihre Eltern hießen und mit wem sie verheiratet war. Das war ein gewöhnlicher Auszug aus einem Kirchenbuch und füllte nicht mehr als drei Seiten, — blieben also nur noch dreizehn. Er rauchte einige Pfeifen. Er stocherte mit der Feder im Tintenfaß, als wollte er nach der Midgardschlange fischen, aber es kam nichts nach oben. Er mußte sich über ihre Person äußern, eine flüchtige Charakteristik geben; er hatte das Gefühl, ein Urteil über sie aussprechen zu müssen. Sollte er sie loben oder sie heruntermachen? Da er in dieser Frage indifferent war, konnte er sich zu nichts entschließen, und die Uhr wurde elf. Er machte sie herunter, — und war unten auf der vierten Seite (blieben noch zwölf). Hier war guter Rat teuer. Er sollte von ihrer Regierung sprechen; aber da sie nicht regiert hatte, so war nichts darüber zu sagen. Er schrieb über ihre Räte — eine Seite —, blieben noch elf. Er rettete Görtz' Ehre — eine Seite —, blieben noch zehn. Er hatte noch nicht die Hälfte. Wie er diese Frau haßte! Neue Pfeifen! Neue Stahlfedern! Er ging in der Zeit zurück, er gab einen Überblick, und da er gereizt war, setzte er sein altes Ideal Karl XII. herab; aber das ging so rasch, daß dadurch nur eine einzige Seite den andern hinzugefügt wurde. Rest neun! Er schritt in der Zeit weiter vor und hackte auf Fredrik I. herum. Eine halbe Seite! Er schaute mit sehnsüchtigen Blicken auf das Papier, sah nach, wo die Mitte war, konnte aber nicht bis dahin kommen. Er hatte aber doch schon siebeneinhalb kleine Seiten geschrieben, wo Ekelund nur anderthalb hatte. Er warf das Klischee auf den Fußboden, stieß es unter den Schreibtisch, kroch ihm nach, stäubte es ab und legte es auf den Tisch! War das eine Qual! Ihm war so trocken in der Seele wie einem Buchsbaumbusch, versuchte sich zu Ansichten emporzuschrauben, die er nicht hatte, er versuchte irgendwelche Gefühle für die verstorbene Königin in sich zu erwecken, aber ihre langweiligen in Holz geschnittenen Gesichtszüge machten denselben Eindruck auf ihn wie er auf den Holzstock. Da sah er seine Unfähigkeit ein und fühlte sich verzweifelt, erniedrigt! Und diesen Beruf hatte er gegen den anderen eingetauscht. Er ließ wieder seine Vernunft sprechen und ging zum Schutzengel über. Der war ursprünglich für eine deutsche Gesellschaft namens Nereus verfaßt und enthielt kurz folgendes: Herr und Frau Schloß waren nach Amerika ausgewandert und hatten dort große Reichtümer erworben, die sie, damit die Erzählung möglich wurde, unpraktischerweise in kostbaren Gegenständen und Nippsachen angelegt hatten; damit nun diese ganz sicher umkommen sollten und nichts gerettet werden konnte, wurden sie auf einem Dampfer erster Klasse vorausgeschickt, nämlich auf Washington, Nr. 326 der Veritas, der mit Kupfer beschlagen, mit wasserdichten Schotten versehen und für vier Millionen Taler bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus versichert war. Nun also! Herr und Frau Schloß reisten mit den Kindern auf dem besten Dampfer der White-Star-Linie, Bolivar, der bei der großen deutschen Seeversicherungsgesellschaft Nereus (Grundkapital zehn Millionen Dollar) versichert war, und kamen in Liverpool an. Die Reise wurde fortgesetzt. Sie kamen bis an die Spitze von Skagen. Das Wetter war natürlich auf der ganzen Reise schön gewesen und der Himmel strahlend klar, aber gerade als sie an die gefährliche Spitze von Skagen kamen, brach natürlich der Sturm los; das Fahrzeug scheiterte, die Eltern, die ihr Leben versichert hatten, ertranken und garantierten dadurch den geretteten Kindern eine Summe von fünfzehntausend Pfund Sterling. Die Kinder waren natürlich sehr froh darüber und kamen in guter Laune in Hamburg an, um die Lebensversicherungssumme und das elterliche Erbe in Besitz zu nehmen. Man denke sich ihre Bestürzung, als sie die Nachricht bekamen, daß die Washington vor vierzehn Tagen auf der Doggerbank gestrandet und daß ihr ganzes Vermögen unversichert zugrunde gegangen sei. Ihnen blieb also nur die Lebensversicherungssumme. Sie eilten auf die Agentur der Gesellschaft, aber man denke sich ihren Schreck, als sie erfuhren, daß die Eltern unterlassen hatten, die letzte Prämie zu bezahlen, die — welches Schicksal! — am Tage vorher fällig gewesen war — gerade an dem Tage, als sie ertranken. Die Kinder waren hierüber sehr betrübt und betrauerten ihre Eltern tief, die so fleißig für sie gearbeitet hatten. Weinend fielen sie sich in die Arme und schwuren sich, fortan stets ihre Sachen zu versichern und nie mehr zu versäumen, ihre Lebensversicherungsprämien zu bezahlen.

Und dies sollte nun lokalisiert, schwedischen Verhältnissen angepaßt und lesbar gemacht werden, in einer Novelle, mit der er in die Literatur eintreten sollte. Von neuem erwachte der Teufel des Hochmuts und flüsterte ihm zu, er sei ein Lump, wenn er sich mit diesen Dingen befasse; aber diese Stimme wurde bald von einer anderen übertönt, die aus der Magengegend kam und von ungewöhnlich saugenden und stechenden Gefühlen begleitet war. Er trank ein Glas Wasser und rauchte eine neue Pfeife, aber das Unbehagen steigerte sich; seine Gedanken wurden düsterer; er fand sein Zimmer ungemütlich, die Zeit schien ihm lang und einförmig; er fühlte sich matt und niedergeschlagen; alles kam ihm widrig vor; seine Gedanken waren abgeschmackt und drehten sich nur um nichtige oder unangenehme Dinge, und zugleich wuchs die körperliche Unlust. Er fragte sich, ob er hungrig sei. Es war ein Uhr, und er pflegte nicht vor drei zu essen! Er untersuchte unruhig seine Kasse. Fünfunddreißig Ör. Also kein Mittagessen! Das war das erstemal in seinem Leben! Dergleichen Sorgen hatte er noch nie gehabt. Aber mit fünfunddreißig Ör brauchte man nicht zu hungern. Er konnte sich doch Brot und Bier holen lassen. Nein, das konnte er nicht, denn das war nicht möglich, das schickte sich nicht; und wenn er selbst in den Milchladen hinunterging? Nein! Und wenn er ausging und pumpte? Unmöglich! Es gab keinen Menschen, den er hätte anpumpen mögen! Bei dieser Gewißheit raste der Hunger wie ein losgelassenes Raubtier und zerriß ihn, zerfleischte ihn und jagte ihn durch das Zimmer. Er rauchte eine Pfeife nach der andern, um die Bestie zu betäuben, aber es nützte nichts. Jetzt ertönte unten auf dem Kasernenhof ein Trommelwirbel, und er sah, wie die Soldaten mit ihren kupfernen Flaschen aufmarschierten, um sich ihr Mittagessen zu holen; aus allen Schornsteinen, die er sah, stieg Rauch auf, auf Skeppsholm läutete die Mittagsglocke, beim Nachbar, dem Polizisten, in der Küche prasselte es, und Bratengeruch drang durch die offene Korridortür zu ihm herein; er hörte im Zimmer nebenan Messer und Teller klappern, hörte, wie die Kinder das Tischgebet sprachen; die Pflasterer unten auf der Straße hielten, gesättigt, auf den leeren Proviantbeuteln Mittagsschlaf; er war überzeugt, daß die ganze Stadt in diesem Augenblick zu Mittag aß, alle außer ihm! Und er wurde böse auf Gott! Da durchkreuzte ein klarer Gedanke sein Gehirn. Er nahm Ulrika Eleonora und den Schutzengel, wickelte sie in Papier, schrieb Smiths Name und Adresse darauf und gab dem Boten seine fünfunddreißig Ör. Dann atmete er erleichtert auf, legte sich auf sein Sofa und hungerte mit Hochmut im Herzen.