Viertes Kapitel
Herren und Hunde

Es waren einige Tage vergangen. Karl Nikolaus Falks zweiundzwanzigjährige Frau hatte eben ihren Kaffee im Bett getrunken, dem kolossalen Mahagonibett in dem riesigen Schlafzimmer. Es war erst zehn Uhr. Ihr Mann war schon seit sieben Uhr früh fort und nahm unten an der Brücke Flachs auf. Es geschah jedoch durchaus nicht in dem Glauben, er werde nicht so bald nach Hause kommen, daß die junge Frau sich die Freiheit nahm, so lange im Bett zu liegen, obwohl es im übrigen gegen Sitten und Gewohnheiten des Hauses verstieß. Es schien ihr eher ein Vergnügen zu bereiten, mit allen eingewurzelten Sitten und Gewohnheiten des Hauses zu brechen. Sie war erst seit zwei Jahren verheiratet, hatte aber genügend Zeit gehabt, durchgreifende Reformen in dem alten, konservativen Bürgerhause einzuführen, wo alles alt war, sogar die Dienstboten. Die Macht dazu hatte sie bekommen, als ihr Mann ihr seine Liebe erklärt und sie ihm gnädig ihr Jawort gegeben, das heißt sich in Gnaden von einem verhaßten Elternhause befreit hatte, in dem sie um sechs Uhr hatte aufstehen müssen, um den ganzen Tag zu arbeiten. Sie hatte ihre Brautzeit gut ausgenutzt; sie hatte nämlich während dieser Zeit alle Garantien dafür gesammelt, für ihre Person ein freies, unabhängiges Leben führen zu dürfen, ohne Einmischung vonseiten des Mannes. Diese Garantien bestanden freilich nur in Versprechungen, die ein liebeskranker Mann gegeben hatte; sie aber, die bei klarer Besinnung blieb, nahm sie entgegen und schrieb sie sich ins Gedächtnis. Der Mann jedoch zeigte jetzt nach zweijähriger, kinderloser Ehe die Neigung, all diese Verpflichtungen — daß die Frau so lange schlafen dürfe, wie sie wolle, daß sie im Bett Kaffee trinken könne usw. — zu vergessen. Er war sogar unzart genug gewesen, sie daran zu erinnern, daß er sie aus dem Schlamm gezogen, daß er sie aus einer Hölle befreit und sich selbst dabei aufgeopfert habe, denn er sei eine Mesalliance eingegangen — ihr Vater war Flaggschiffer bei der Marine. Über die Antwort auf diese und ähnliche Beschuldigungen dachte sie jetzt nach, und da ihr guter Verstand während ihrer Bekanntschaft nie von irgendeinem Gefühlsrausch umnebelt gewesen war, hatte sie ihn völlig in der Gewalt — und sie wußte ihn zu gebrauchen. Deshalb hörte sie mit ungemischter Freude die Symptome der Heimkehr ihres Mannes zum Frühstück. Die Türen zum Eßzimmer wurden nämlich ins Schloß geworfen, während gleichzeitig ein furchtbares Brüllen hörbar wurde, wobei die Frau den Kopf unter die Decke steckte, um ihr Lachen zu verbergen. Schritte ertönten auf dem Teppich im Nebenzimmer, und in der Schlafzimmertür erschien der erzürnte Mann mit dem Hut auf dem Kopf. Die Frau wandte ihm den Rücken und lockte mit ihrer zärtlichsten Stimme:

»Kommt da mein kleiner Dickwanst? Komm nur herein, komm nur herein!«

Der kleine Dickwanst — das war sein Kosename, und die Herrschaften hatten noch originellere — hatte keine Lust hereinzukommen, sondern blieb in der Tür stehen und schrie:

»Warum ist das Frühstück nicht aufgetragen? He?«

»Frage die Mädchen, ich habe das Tischdecken nicht übernommen. Und nimm bitte den Hut ab, wenn du hereinkommst, mein Herr!«

»Was hast du denn mit meiner Mütze gemacht?«

»Die habe ich verbrannt. Sie war so fettig, daß du dich schämen solltest.«

»Hast du verbrannt! Nun, darüber wollen wir nachher reden! Warum liegst du noch spät am Vormittag im Bett, statt auf die Mädchen zu passen?«

»Weil es mir Spaß macht!«

»Denkst du, ich habe eine Frau geheiratet, die sich nicht um ihren Haushalt kümmert? He?«

»Ja, das hast du! Und warum meinst du, habe ich dich geheiratet? Das habe ich dir schon tausendmal gesagt, — weil ich die Arbeit loswerden wollte, und das hast du mir versprochen. Hast du mir das nicht versprochen? Kannst du dein Ehrenwort geben, daß du es mir nicht versprochen hast? Da siehst du, was für ein Mann du bist! Genau wie alle andern!«

»Ja, das war damals!«

»Damals! Wann war es? Sind nicht Versprechungen immer bindend? Müssen sie etwa zu einer bestimmten Jahreszeit gegeben werden?«

Der Mann kannte diese unerschütterliche Logik zu genau, und die gute Laune seiner Frau tat die gleiche Wirkung wie sonst Tränen in solchen Fällen, — er ergab sich.

»Ich bekomme Besuch heute abend,« erklärte er.

»Ach, bekommst du Herrenbesuch?«

»Natürlich! Weiber kann ich nicht vertragen.«

»Nun, da hast du wohl schon deine Einkäufe gemacht?«

»Nein, das sollst du tun.«

»Ich! Nein, ich habe kein Geld für Besuch! Ich denke gar nicht dran, mein Wirtschaftsgeld für Extrabewirtungen auszugeben.«

»Nein, das verbrauchst du für deine Toilette und andere unnötige Sachen.«

»Nennst du das unnötige Sachen, die ich für dich arbeite? Ist ein Hauskäppchen etwa unnötig? Sind Pantoffel etwa unnötig? Sag! Antworte doch ehrlich!«

Sie verstand ihre Fragen immer so zu formulieren, daß die Antwort für den Antwortenden vernichtend ausfallen mußte. Das war ihres Mannes eigene Methode. Er mußte also, wenn er nicht ganz zu Boden geschmettert werden wollte, unaufhörlich neue Themen aufnehmen.

»Ich habe wirklich Veranlassung,« sagte er mit einer gewissen Rührung, »heute abend Gäste einzuladen: mein alter Freund Fritz Levin von der Post ist nach neunzehnjähriger Dienstzeit jetzt fest angestellt worden — es hat gestern in der Postzeitung gestanden. Aber da es dir unangenehm zu sein scheint und du weißt, daß ich dir immer den Willen tue, so will ich weiter kein Aufhebens von der Sache machen, sondern empfange ihn und Magister Nyström nur unten im Kontor.«

»Ach, dieser Bummler Levin ist fest angestellt worden, nun das ist ja gut! Da bekommst du vielleicht auch all das Geld wieder, das er dir schuldig ist?«

»Nun ja, das denke ich doch.«

»Aber sag einmal, wie kannst du mit so einem Bummler, wie er ist, verkehren, und dann mit dem Magister; das sind ja richtige Lumpenkerle, denen kaum die Kleider auf dem Leibe gehören.«

»Hör einmal, Altchen, ich mische mich nicht in deine Angelegenheiten; bekümmere du dich nicht um meine.«

»Wenn du unten Besuch hast, so wüßte ich nicht, was mich hindern sollte, hier oben auch Besuch zu haben.«

»Nein, natürlich nicht.«

»Na, so komm her, kleiner Dickwanst, und gib mir etwas Geld!«

Der Dickwanst, der in jeder Hinsicht mit dem Resultat zufrieden war, kam dem Befehl mit Vergnügen nach.

»Wieviel willst du haben? Ich bin heute sehr knapp bei Kasse.«

»Ach, ich bin mit fünfzig zufrieden.«

»Bist du verrückt?«

»Verrückt! Bitte, gib mir, was ich verlange; ich brauche doch nicht zu hungern, wenn der Mann ins Wirtshaus geht und schlemmt.«

Der Friede war geschlossen, und die Parteien trennten sich unter gegenseitiger Zufriedenheit. Es blieb ihm erspart, zu Hause ein schlechtes Frühstück zu essen, er mußte außer dem Hause frühstücken; es blieb ihm erspart, da oben zu sitzen, ein bescheidenes Abendbrot einzunehmen und sich vor den Damen zu genieren, denn er war zu lange Junggeselle gewesen; und er brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben. Das hätte er nur haben müssen, wenn seine Frau allein zu Hause saß, — aber sie wollte sich ja selbst Besuch einladen und ihn wohl ganz gern los sein — und das war fünfzig Reichstaler wert.

Als der Mann gegangen war, klingelte die Frau der Haushälterin, um derentwillen sie sich heute gezwungen hatte, so lange liegen zu bleiben, weil diese erklärt hatte, hier im Hause pflege man um sieben Uhr aufzustehen. Dann ließ sie sich Papier und Bleistift bringen und schrieb folgendes Billett an Frau Revisor Homan, die gegenüber wohnte:

»Liebe Evelyn! Komm heute abend zu einer Tasse Tee zu mir, dann können wir über die Statuten des Vereins ›Frauenrechte‹ sprechen. Vielleicht wäre ein Basar oder eine Liebhaberaufführung praktisch. Ich habe wirkliches Verlangen, den Verein zustande zu bringen; es ist ein dringendes Bedürfnis, wie Du so oft sagst, und ich empfinde es sehr tief, wenn ich darüber nachdenke. Glaubst Du, daß Ihre Gnaden mir auch die Ehre erweisen würde? Ich werde vielleicht erst bei ihr Besuch machen. Hole mich bitte um zwölf ab, dann gehen wir zu Bergens und trinken Schokolade. Mein Mann ist aus.

Deine Eugenie.

PS. Mein Mann ist aus.«


Darauf stand sie auf und zog sich an, um zu zwölf Uhr fertig zu sein.


Es war am Abend desselben Tages. Die Österlangstraße lag bereits im Dämmern, als die Uhr von der Deutschen Kirche sieben schlug; nur ein schwacher Lichtstreif von der Ferkensgasse fiel noch in Falks Flachsladen, den Andersson jetzt zumachte. Im Kontor waren die Läden schon geschlossen und das Gas angezündet. Dort war ausgefegt und aufgeräumt worden; an der Tür prangten zwei Flaschenkörbe, aus denen Hälse mit rotem und gelbem Lack, mit Stanniol und sogar mit rosa Seidenpapier hervorsahen. Mitten im Zimmer stand ein weißgedeckter Tisch; darauf thronte eine ostindische Bowle und ein schwerer, vielarmiger silberner Leuchter. Und im Zimmer wanderte Karl Nikolaus Falk auf und ab. Er hatte einen schwarzen Gehrock angezogen und sah respektabel, aber auch vergnügt aus. Er hatte die Berechtigung, einen gemütlichen Abend zu beanspruchen; er hatte selbst die Kosten bestritten und alles arrangiert; er war zu Hause bei sich, ohne sich vor Damen genieren zu müssen, und seine Gäste waren von der Sorte, daß er ein Recht hatte, nicht allein Aufmerksamkeit und Artigkeit, sondern noch etwas mehr zu verlangen. Es waren freilich nur zwei Personen, aber er war nicht für viele Leute; dies waren seine Freunde, zuverlässig, treu wie Hunde, unterwürfig, angenehm, immer mit Schmeicheleien vollgepfropft und nie auf Widerspruch erpicht. Er hätte sich für sein Geld wohl besseren Verkehr schaffen können, und er hatte ihn auch zweimal im Jahr, wenn die alten Freunde seines Vaters eingeladen wurden; aber er war offen gesagt zu sehr Despot, um sich in ihrer Mitte wohl zu fühlen.

Jetzt war es drei Minuten nach sieben, und die Gäste hatten sich noch nicht eingefunden. Falk begann ungeduldig zu werden. Er war, wenn er seine Leute requirierte, gewohnt, daß sie auf die Minute zur Stelle waren. Der Gedanke an das ungewöhnlich blendende Arrangement und seinen lähmenden Eindruck hielt seine Geduld aber noch die eine Minute aufrecht, die verging, bevor der Postbeamte Fritz Levin eintrat.

»Guten Abend, mein lieber Bruder, — nein!« — Hier hielt er im Ausziehen des Überrocks inne, nahm die Brille ab und heuchelte Überraschung über die großartigen Zurüstungen, als wolle er vor lauter Verwunderung auf den Rücken fallen. Der siebenarmige Leuchter und das Tabernakel. »Mein Gott! Mein Gott!« rief er, als er die Flaschenkörbe bemerkte.

Der unter dem Vorbringen dieser gut einstudierten Artigkeiten den Überzieher auszog, war ein Mann mittleren Alters von dem vor zwanzig Jahren modernen Typ der königlichen Beamten, mit zusammenhängendem Schnurr- und Backenbart, das Haar schräg gescheitelt, mit coup-de-vent. Er war bleich wie eine Leiche, dünn wie ein Bindfaden, elegant gekleidet, sah aber aus, als friere er an allen Gliedern und stehe heimlich mit der Armut in innigem Verkehr.

Falk hieß ihn in roher und überlegener Art willkommen, die einesteils andeutete, daß er Schmeicheleien verachte, besonders von dieser Seite, andernteils, daß der Eintretende das Vertrauen genoß, sein Freund zu sein. Als geeigneten Glückwunsch zur Anstellung sah er eine Anspielung auf die Bestallung seines Vaters zum Hauptmann der Bürgerwehr an.

»Nun, es ist wohl ein schönes Gefühl, sein königliches Diplom in der Tasche zu haben? Was? Mein Vater hatte auch ein königliches Diplom ...«

»Verzeih, lieber Bruder, ich habe nur ein konstitutoriales.«

»Ach, konsistoriales oder königliches Diplom ist ganz dasselbe; willst du mich belehren! Mein Vater hat das königliche Diplom auch gehabt ...«

»Ich versichere dir, Bruder ...«

»Versichere! Was meinst du mit versichern? Denkst du, ich bin ein Lügner? Sag! Denkst du wirklich, ich lüge?«

»Nein, durchaus nicht, du mußt nicht gleich so hitzig werden!«

»Du gibst also zu, daß ich nicht lüge, also hast du doch das königliche Diplom. Was stehst du denn da und redest Unsinn! Mein Vater ...«

Der bleiche Mann, der schon beim Betreten des Kontors eine Schar Furien hinter sich zu haben schien, denn er zitterte an allen Gliedern, stürzte jetzt auf seinen Wohltäter zu, fest entschlossen, kurzen Prozeß zu machen, bevor das Fest begann, damit man nachher Ruhe hatte.

»Hilf mir!« stöhnte er wie ein Ertrinkender und holte einen Revers aus der Brusttasche.

Falk setzte sich auf das Sofa, rief Andersson, befahl ihm, die Flaschen aufzuziehen, und begann die Bowle zu brauen. Darauf antwortete er dem Blassen:

»Helfen? Habe ich dir nicht geholfen? Hast du mich nicht wiederholt angepumpt, ohne je etwas zurückzuzahlen? He? Nun, habe ich dir nicht geholfen? Was meinst du?«

»Mein lieber Bruder, ich weiß schon, daß du immer gut zu mir gewesen bist.«

»Nun, bist du jetzt nicht fest angestellt? Ja! Nun also! Dann sollte doch alles gut werden! Dann wolltest du alle Schulden bezahlen, und es sollte ein neues Leben anfangen. Das habe ich seit achtzehn Jahren gehört. Nun, wieviel Gehalt bekommst du jetzt?«

»Zwölfhundert Reichstaler, gegen achthundert früher. Aber höre nur zu. Das Diplom kostet einhundertfünfundzwanzig, für die Pensionskasse muß ich fünfzig bezahlen, Summa hundertfünfundsiebzig; wo soll ich die hernehmen? Doch nun kommt das Schlimmste: meine Gläubiger haben mein halbes Gehalt mit Beschlag belegt, so daß ich jetzt nur noch sechshundert Reichstaler zum Leben habe, gegen früher achthundert, und darauf habe ich nun neunzehn Jahre lang gewartet! Es ist wirklich eine Freude, fest angestellt zu werden.«

»Ja, aber warum hast du Schulden gemacht? Man muß keine Schulden machen, — niemals — Schulden — machen!«

»Wenn man viele Jahre lang nur hundert Reichstaler Gratifikation bekommt!«

»Dann hat man da nichts zu suchen. Aber das sind Dinge, die mich nichts angehen! Mich — nichts — angehen!«

»Willst du nicht dies eine Mal unterschreiben?«

»Du kennst meine Prinzipien in diesem Falle, ich unterschreibe nie. Höre jetzt auf davon!«

Levin schien an abschlägigen Bescheid in diesem Punkte gewöhnt zu sein und beruhigte sich. Im selben Augenblick kam auch Magister Nyström und unterbrach in höchst erwünschter Weise die Unterhaltung. Er war ein dürrer Herr von geheimnisvollem Aussehen und geheimnisvollem Alter; auch seine Beschäftigung war geheimnisvoll — er sollte Lehrer an irgendeiner Schule im Süden der Stadt sein, aber in welcher, danach fragte niemand, und er selbst legte keinen Wert darauf, darüber zu sprechen. Seine Mission in Falks Gesellschaft war erstens die, Magister tituliert zu werden, wenn jemand es hörte, zweitens unterwürfig und höflich zu sein, drittens dann und wann zu kommen und einen Pumpversuch zu machen, höchstens fünf Kronen — denn es gehörte zu Falks geistigen Bedürfnissen, daß Leute zu ihm kamen, um Geld von ihm zu borgen, kleinere Beträge natürlich —, und viertens bei festlichen Gelegenheiten Verse zu machen, und das war nicht der unwichtigste Teil seiner Mission.

Jetzt saß Karl Nikolaus Falk da, selber mitten auf dem Ledersofa, denn man sollte nicht vergessen, daß es sein Sofa war, — umgeben von seinem Generalstab oder seinen Hunden, wie man auch sagen konnte. Levin fand alles wundervoll, die Bowle, die Gläser, die Kelle, die Zigarren (die ganze Kiste vom Kaminsims war hingestellt worden), die Streichhölzer, den Aschbecher, die Flaschen, die Korke, die Eisendrähte, — alles. Der Magister sah zufrieden aus und brauchte nicht zu sprechen, denn das besorgten die andern; er brauchte nur anwesend zu sein, um im Bedarfsfall als Zeuge zu dienen.

Falk hob das erste Glas und trank, — auf wen, das erfuhr niemand, der Magister aber nahm an, es gelte dem Helden des Tages, holte deshalb gleich seine Verse heraus und begann die »Fritz Levin bei seiner Anstellung« gewidmeten Strophen zu lesen.

Falk wurde dabei von einem heftigen Husten befallen, der die Vorlesung störte und die Wirkung der witzigsten Pointen auslöschte; Nyström aber, der ein kluger Mann war, hatte das vorausgesehen und deshalb die ebenso schön gedachte wie gesagte Wahrheit eingeflochten: »Was hätte wohl Fritz Levin gemacht, wenn Karl Nikolaus Falk nicht seiner gedacht?« Die feine Anspielung auf die vielen Darlehen, die von Falk seinem Freunde bewilligt worden waren, hatte zur Folge, daß der Husten nachließ und man die Schlußstrophe besser hören konnte, die unhöflicherweise wieder Levin gewidmet war, ein Mißgriff, der von neuem die Harmonie zu stören drohte. Falk goß sein Glas hinunter, als leere er einen bis an den Rand mit Undank gefüllten Kelch.

»Du bist heute abend nicht so amüsant wie sonst, Nyström,« antwortete er.

»Nein, an deinem achtunddreißigsten Geburtstag war er viel amüsanter,« half Levin nach, der wußte, worauf es hinausging.

Falk durchforschte mit einem Blick die geheimsten Winkel seiner Seele, um zu sehen, ob sich irgendein Falsch dort verbarg — und da er zu stolz war, so etwas zu sehen, sah er nichts. Er vollendete also:

»Ja, das will ich meinen! Das war das Amüsanteste, was ich je gehört habe; es war so witzig, daß man es hätte drucken lassen können; du solltest deine Sachen drucken lassen. Hör einmal, Nyström, du kannst es bestimmt noch auswendig, nicht wahr?«

Nyström hatte ein so schlechtes Gedächtnis, oder, um die Wahrheit zu sagen, er fand, sie hätten noch zu wenig getrunken, um dem Schamgefühl und dem guten Geschmack so gröblich Gewalt anzutun; er bat also um Aufschub; Falk aber, den die stille Opposition reizte und der schon zu weit gegangen war, um umkehren zu können, bestand auf seinem Kopf. Er glaube sogar, er habe eine Abschrift der Verse bei sich; er suchte in seiner Brieftasche, und wahrhaftig, da lagen sie! Die Bescheidenheit hätte ihm nicht verboten, sie selbst vorzulesen, denn das hatte er schon oft getan; aber es klang besser, wenn ein anderer es tat. Und der arme Hund biß in seine Kette, aber sie hielt. Dieser Magister war eine feinfühlige Natur, doch er mußte roh sein, um das kostbare Geschenk des Lebens weiter verwalten zu können, und er war gehörig roh gewesen. Die intimsten Verhältnisse des Lebens waren bloßgelegt: alles was mit der Geburt des Achtunddreißigjährigen, mit seiner Aufnahme in die menschliche Gesellschaft, seiner Erziehung und Pflege in Verbindung stand und was den Gefeierten selbst angeekelt hätte, wenn es sich um einen anderen als ihn selbst gehandelt hätte. Jetzt aber war es ausgezeichnet, weil es sich mit seiner Person beschäftigte. Nach beendeter Vorlesung wurde unter lautem Jubel auf Falks Wohl getrunken, und man leerte viele Gläser darauf, denn man hatte das Gefühl, zu nüchtern zu sein, um seine wirklichen Gefühle im Zaum halten zu können.

Darauf wurde der Tisch abgeräumt, und nun wurde ein köstliches Mahl aufgetragen, mit Austern und Geflügel und allen möglichen guten Dingen. Falk ging umher und beroch die Schüsseln, schickte diese und jene zurück, sah nach, ob der englische Porter verschlagen und die Weine je nach ihrer Art temperiert seien. Jetzt sollten seine Hunde ihren Dienst antreten und ihm ein angenehmes Schauspiel bereiten. Als alles fertig war, zog er seine goldene Uhr und behielt sie in der Hand, während er die folgende scherzende Frage hinwarf, an die die Antwortenden so gewöhnt, so sehr gewöhnt waren:

»Wieviel ist die silberne Uhr der Herren?«

Diese gaben pflichtschuldig und unter angemessenem Lachen die verlangte Antwort: ihre Uhren seien beim Uhrmacher. Das versetzte Falk in brillante Laune, die sich in der durchaus nicht unerwarteten Bemerkung Luft machte:

»Die Fütterung der Tiere findet um acht statt!« — Worauf er sich setzte, drei Schnäpse einschenkte, selber einen nahm und die anderen aufforderte, ein gleiches zu tun.

»Ich fange an, wenn ihr nicht wollt. Hier werden keine Umstände gemacht. Haut nur ein, Jungens!«

Und nun begann die Fütterung. Karl Nikolaus, der nicht besonders hungrig war, hatte genügend Zeit, sich an dem Appetit der anderen zu weiden, und er forderte sie durch Püffe und Stöße und Grobheiten auf, zu essen. Ein grenzenlos wohlwollendes Lächeln breitete sich über sein blondes Sonnenschein-Gesicht, als er ihren Eifer sah, und es war schwer festzustellen, was ihn am meisten ergötzte: daß sie so fleißig aßen oder daß sie so hungrig waren. Er saß da wie ein Kutscher und trieb sie durch Schnalzen und Knallen an.

»Iß nur, Nyström; du weißt nicht, wann du wieder was kriegst. Nimm dir, Postrat — du siehst aus, als könntest du Fleisch auf den Knochen brauchen. Grinst du über die Austern — taugen die etwa nicht für so einen Kerl? — He? Nimm dir noch eine! Nimm doch! Du kannst nicht? Was ist das für ein Geschwätz! So! Jetzt trinken wir einen Schluck! Trinkt Bier, Jungens! Du mußt mehr Lachs nehmen! Zum Teufel, nimm doch noch ein Stück Lachs! Iß doch, zum Teufel! Das kostet alles gleich viel!«

Als das Geflügel zerlegt war, füllte Karl Nikolaus mit einer gewissen Feierlichkeit die Rotweingläser, und die Gäste, die eine Rede befürchteten, machten eine Pause. Der Wirt hob sein Glas, roch daran und sprach mit tiefem Ernst den folgenden Willkommensgruß:

»Prost, Schweine!«

Nyström beantwortete den Toast dankbar, indem er sein Glas hob und trank, Levin aber ließ das seine stehen und machte ein Gesicht, als schleife er ein Messer in der Tasche.

Als das Abendessen seinem Ende zuging und Levin sich von Speise und Trank gestärkt fühlte und der Weindunst ihm zu Kopf stieg, überkam ihn ein gewisses gefährliches Gefühl von Unabhängigkeit, und ein starker Freiheitstrieb erwachte in ihm. Seine Stimme wurde klangvoller, seine Worte sprach er mit mehr Sicherheit aus, und er bewegte sich unbefangen.

»Gib mir eine Zigarre,« befahl er, »eine gute Zigarre! Kein so schlechtes Kraut!«

Karl Nikolaus, der dies für einen gelungenen Scherz hielt, gehorchte.

»Ich sehe deinen Bruder heute abend nicht hier,« sagte Levin noncholant.

Es lag etwas Unheilverkündendes und Drohendes in seiner Stimme, und das empfand Falk, denn er wurde mißmutig.

»Nein!« antwortete er kurz, aber unsicher.

Levin zögerte, bevor er zum nächsten Schlage ausholte. Es gehörte zu seinen einträglichsten Beschäftigungen, sich in die Angelegenheiten anderer Leute zu mischen, wie man es nennt; er trug Klatsch von einer Familie zur anderen, säte hier ein Korn Zwietracht und da eins, um dann die dankbare Rolle des Vermittlers zu übernehmen. Hierdurch verschaffte er sich einen gefürchteten Einfluß und konnte, wenn er wollte, die Menschen wie Puppen tanzen lassen. Falk empfand diesen unangenehmen Einfluß auch und wollte sich ihm entziehen, vermochte es aber nicht, denn Levin verstand durch Kunstgriffe seine Neugier sehr geschickt zu reizen; und indem er mehr andeutete als er selbst überhaupt wußte, entlockte er den Leuten ihre Geheimnisse.

Jetzt hatte also Levin die Peitsche in der Hand, und er schwor sich, sie seinen Unterdrücker fühlen zu lassen. Einstweilen knallte er nur in der Luft, aber Falk war auf Hiebe gefaßt. Er versuchte das Thema zu wechseln. Er forderte zum Trinken auf, und es wurde getrunken. Levin wurde immer weißer und kälter, aber sein Rausch wuchs! Er spielte mit seinem Opfer.

»Deine Frau hat Besuch heute abend,« sagte er gleichgültig.

»Woher weißt du das?« fragte Falk bestürzt.

»Ich weiß alles,« antwortete Levin und zeigte die Zähne. Er wußte wirklich beinahe alles. Seine ausgedehnten Geschäftsverbindungen nötigten ihn, so viele öffentliche Lokale wie möglich zu besuchen, und dort bekam er viel zu hören, sowohl was in seiner Gesellschaft wie in fremder erzählt wurde.

Falk bekam tatsächlich Angst, er wußte nicht warum, und er fand es geraten, die drohende Gefahr abzuwenden. Er wurde höflich und sogar demütig, Levin dagegen immer kühner. Schließlich blieb dem Wirt nur übrig, eine Rede zu halten, wirklich an die Veranlassung dieses Gelages mit den Massen von Speisen und Weinen zu erinnern, mit einem Wort, dem Helden des Tags eine Anerkennung zu spenden. Es gab keinen anderen Ausweg; — er war allerdings kein Redner, aber es mußte nun einmal sein! Er klopfte an die Bowle, füllte das Glas, erinnerte sich einer alten Rede, die sein Vater auf ihn gehalten hatte, als er Geschäftsinhaber geworden war, stand auf und begann sehr langsam:

»Meine Herren! Ich bin jetzt seit acht Jahren Inhaber des Geschäftes; damals war ich erst dreißig Jahre alt.«

Die Veränderung der Lage vom Sitzen zum Stehen rief einen heftigen Blutandrang nach dem Kopf hervor, so daß er sich verwirrt fühlte, wozu auch Levins höhnische Blicke beitrugen. Er geriet so in Verwirrung, daß die Zahl dreißig ihm ungeheuer groß vorkam und er ganz bestürzt darüber wurde.

»Habe ich dreißig gesagt? Das — habe ich nicht gemeint! Jedenfalls hatte ich damals bei meinem Vater viele Jahre konditioniert, wie viele Jahre kann ich mich jetzt nicht genau erinnern. Mja — es würde zu weit führen, alles aufzuzählen, was ich in diesen Jahren durchgemacht und erfahren habe, denn das ist des Menschen Schicksal! Ihr findet vielleicht, daß ich egoistisch bin ...«

»Hört!« stöhnte Nyström, der sein müdes Haupt auf den Tisch gelegt hatte.

Levin stieß den Rauch gegen den Redner aus, als speie er ihn an.

Falk, der jetzt betrunken war, fuhr fort, während seine Blicke ein fernes Ziel suchten, das er nicht fassen konnte:

»Der Mensch ist egoistisch, das wissen wir alle. Mja! Mein Vater, der eine Rede auf mich hielt, als ich Geschäftsinhaber wurde, wie ich vorhin sagte —«

Hier holte der Redner seine goldene Uhr heraus und löste sie von der Kette. — Die beiden Zuhörer rissen die Augen auf. Wollte er Levin eine Ehrengabe überreichen?

»Überreichte mir bei diesem Anlaß diese goldene Uhr, die er von seinem Vater bekommen hatte, im Jahre —«

Wieder diese furchtbaren Zahlen, und er schrak zurück.

»Diese goldene Uhr, meine Herren, habe ich bekommen, und nie denke ich ohne Rührung — an den Augenblick, da ich sie bekam. Sie finden vielleicht, daß ich egoistisch bin, meine Herren? Das bin ich nicht. Es ist allerdings nicht schön, über sich selbst zu sprechen, aber bei einer solchen Gelegenheit liegt es nahe, daß man zurückschaut — über das Vergangene. Ich will nur von einem einzigen kleinen Umstand erzählen.«

Er hatte Levin vergessen, hatte die Bedeutung des Tages vergessen und dachte, es sei sein Junggesellenschmaus. Jetzt aber schwebte ihm die Szene mit dem Bruder am Morgen und sein Triumph vor. Er fühlte ein unklares Bedürfnis, von diesem Triumph zu sprechen, konnte sich aber auf keine weiteren Einzelheiten besinnen, als daß er ihm bewiesen hatte, er sei ein Schuft; die ganze Beweiskette war seinem Gedächtnis entfallen, und es waren nur zwei Tatsachen übriggeblieben. Bruder und Schuft; er versuchte sie zu verknüpfen, aber sie wollten sich nicht vereinigen. — Sein Hirn arbeitete und arbeitete, und neue Bilder drängten sich heran. Er hatte das Verlangen, von einem edelmütigen Zuge seines Lebens zu sprechen, und ihm fiel ein, daß er seiner Frau am Morgen Geld gegeben hatte, daß sie schlafen konnte so lange sie wollte, und ihren Kaffee im Bett trinken durfte; aber das war für diese Gelegenheit nicht geeignet; er befand sich in einer schwierigen Lage und kam zur Besinnung aus Furcht vor dem Schweigen, das entstanden war, und den scharfen Blicken, die ihn unablässig betrachteten. Er fand sich mit der Uhr in der Hand dastehen. Mit der Uhr? Wo war sie hergekommen! Warum saßen sie hier im Dunkeln, während er stand? Ja, so war es, er hatte ihnen von der Uhr erzählt, und sie warteten auf die Fortsetzung.

»Diese Uhr, meine Herren, ist freilich keine merkwürdige Uhr. Es ist nur französisches Gold.«

Die beiden früheren Besitzer der silbernen Uhren machten große Augen. Dies war ihnen neu!

»Und ich glaube, es sind nur sieben Rubine — es ist durchaus keine merkwürdige Uhr — es ist eher eine schlechte Uhr!«

Er wurde aus irgendeinem geheimen Grunde, der seinem Gehirn kaum bewußt war, wütend und mußte seinem Zorn irgendwie Luft machen. Er schmetterte die Uhr auf den Tisch und schrie:

»Es ist eine verdammt schlechte Uhr, sage ich. Hört zu, wenn ich rede! Glaubst du mir nicht, Fritz? Antworte! Du sitzt da und siehst so falsch aus. Du glaubst nicht, was ich sage! Ich sehe es deinen Augen an, Fritz, du glaubst nicht, was ich sage. Ich bin ein Menschenkenner, du! Und ich kann schon noch einmal für dich Bürgschaft leisten! — Entweder lügst du, oder ich lüge! Hör zu: soll ich dir beweisen, daß du ein Schuft bist? Mja! Hör zu, Nyström! Wenn — ich — ein falsches Zeugnis abgebe, bin ich dann ein Schuft?«

»Natürlich bist du ein Schuft!« antwortete Nyström prompt.

»Ja! — Mja!«

Er versuchte sich vergebens zu erinnern, daß Levin ein falsches Zeugnis oder überhaupt irgendein Zeugnis abgegeben habe, also war die Sache hinfällig. Levin war müde und fürchtete, das Opfer könne die Besinnung verlieren, so daß es nicht mehr die Kraft hätte, den zugedachten Schlag zu empfinden. Er unterbrach also den Redner mit einem Scherz in Falks eigenem Stil.

»Prost, alter Schuft!«

Dann setzte er die Peitsche in Bewegung. Er zog nämlich eine Zeitung aus der Tasche und fragte Falk in kaltem, mörderischem Ton:

»Hast du die ›Volksfahne‹ gelesen?«

Falk starrte das Skandalblatt an, schwieg aber. Das Unvermeidliche mußte kommen.

»Es steht ein amüsanter Artikel über das ›Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter‹ darin.«

Falk wurde weiß im Gesicht.

»Man sagt, dein Bruder habe ihn geschrieben.«

»Das ist eine Lüge! Mein Bruder ist kein Skandalschreiber! Mein Bruder nicht, du!«

»Leider hat er doch dafür büßen müssen! Er soll aus dem Amt fortgejagt sein!«

»Das lügst du!«

»Nein, ich habe ihn übrigens heute mittag mit einem Bummler im ›Zinnknopf‹ gesehen! Es ist verflucht schade um den Jungen!«

Das war wirklich das Schlimmste, was Karl Nikolaus treffen konnte. Er war entehrt! Sein Name und der Name seines Vaters, — alles, was die alten Bürger ausgerichtet hatten, war vergebens gewesen. Wenn einer gekommen wäre und ihm erzählt hätte, seine Frau sei gestorben, — dann wäre doch noch nicht alles verloren gewesen, auch ein Geldverlust hätte sich wieder gutmachen lassen. Wenn ihm einer erzählt hätte, feine Freunde Levin oder Nyström seien wegen Wechselfälschung verhaftet worden, so würde er ganz einfach die Bekanntschaft mit ihnen abgeleugnet haben, denn er ließ sich nie außerhalb des Hauses mit ihnen sehen. Aber die Verwandtschaft mit seinem Bruder konnte er nicht ableugnen. Er war entehrt durch seinen Bruder! Das war ein Faktum.

Levin hatte es eine gewisse Befriedigung bereitet, diese Geschichte vorzubringen; denn Falk, der seinem Bruder nie ein ermunterndes Wort gönnte, wenn dieser es hörte, pflegte dagegen seinen Freunden gegenüber mit ihm und seinen Verdiensten zu protzen.

»Mein Bruder, der Assessor! Hm! Das ist ein Kopf! Er wird es weit bringen, das sollt ihr sehen!« Es hatte Levin gereizt, ständig diese indirekten Vorwürfe zu hören, um so mehr, als Karl Nikolaus eine bestimmte, unübersteigbare Grenze zwischen Post- und Ministerialbeamten zog, wenn er sie auch nicht mit einem Wort präzisieren konnte.

Levin hatte, ohne die Hand heben zu müssen, eine blendende Rache genommen, eine so wohlfeile Rache, daß er es sich leisten zu können glaubte, edelmütig zu sein und als Tröster aufzutreten.

»Nun, du mußt es nicht so verdammt schwer nehmen! Man kann ja doch ein Mensch sein, wenn man auch Zeitungsschreiber ist, und was den Skandal betrifft, so ist er nicht so gefährlich. Wenn man keine bestimmten Persönlichkeiten angreift, ist es ja kein Skandal; im übrigen ist es sehr amüsant geschrieben, sehr witzig, und wird in der ganzen Stadt gelesen.«

Diese letzte Trostpille brachte Falk vollends in Raserei.

»Er hat meinen guten Namen gestohlen, meinen Namen! Wie kann ich es wagen, mich morgen auf der Börse sehen zu lassen. Was werden die Leute sagen!«

Mit den Leuten meinte er eigentlich seine Frau, die über das Ereignis, das die Mesalliance weniger fühlbar machte, sehr entzückt sein würde. Seine Frau würde seinesgleichen werden — dieser Gedanke machte ihn rasend. Er wurde von einem unauslöschlichen Menschenhaß gepackt. Er hätte der Vater dieses Bastards sein mögen, dann hätte er wenigstens seine Hände waschen können, indem er sich das väterliche Prärogativ zunutze machte, einen Fluch aussprach und damit frei war; aber daß einem Bruder ein solches Recht zustand, hatte man noch nie gehört.

Vielleicht war er selbst zum Teil an seiner Schande schuld; hatte er nicht den Neigungen des Bruders bei der Berufswahl Gewalt angetan, hatte er diesen Artikel vielleicht durch die Szene am Morgen hervorgerufen oder durch die ökonomischen Schwierigkeiten, in die er den Bruder gebracht hatte? Er? Sollte er dies verschuldet haben? Nein! er hatte nie eine schlechte Handlung begangen; er war rein, er genoß Achtung und Ansehen, er war kein Skandalschreiber, er war nicht weggejagt worden; hatte er nicht ein Papier in der Tasche mit der Bestätigung, daß er der beste Freund mit dem besten Herzen sei? Hatte der Magister das nicht vorhin vorgelesen? Ja, natürlich! Er begann zu trinken — unmäßig — nicht um sein Gewissen zu betäuben, das hatte er nicht nötig, denn er hatte nichts Unrechtes getan, sondern um seinen Zorn zu ersticken. Aber das half nichts, der Zorn kochte über, und die in der Nähe saßen, wurden verbrüht.

»Trinkt, ihr Elenden! Da sitzt das Vieh und schläft! Das nenne ich Freunde! Weck ihn auf, Levin! Du! Du!«

»Wen schreist du so an?« fragte der gekränkte Levin in mürrischem Ton.

»Dich natürlich!«

Über den Tisch wurden Blicke gewechselt, die nichts Gutes verhießen. Falk, dessen Laune sich besserte, als er einen anderen in Wut geraten sah, nahm einen Löffel voll Bowle und goß sie dem Magister über den Kopf, daß sie ihm hinten in den Kragen lief.

»Tu das nicht noch einmal,« sagte Levin energisch und drohend.

»Wer sollte mich hindern?«

»Ich. — Ja, ich! Ich dulde solche Schändlichkeiten nicht, daß du seine Kleider ruinierst!«

»Seine Kleider!« lachte Falk. »Seine Kleider! Ist das nicht mein Rock, hat er ihn nicht von mir bekommen?«

»Jetzt geht es zu weit,« — sagte Levin und stand auf, um zu gehen.

»Ja, jetzt gehst du! Du bist satt, du kannst nicht mehr trinken, du brauchst mich heute abend nicht mehr; willst du mich um einen Fünfer anpumpen? Wie? Darf ich nicht die Ehre haben, dir etwas Geld zu leihen? Oder soll ich lieber unterschreiben, unterschreiben, du?«

Bei dem Wort unterschreiben spitzte Levin die Ohren. Wie, wenn er ihn in dieser erregten Stimmung überrumpeln könnte? Er wurde ganz weich bei dem Gedanken.

»Du darfst nicht ungerecht sein, lieber Bruder,« nahm er das Gespräch wieder auf. »Ich bin nicht undankbar und weiß deine Güte durchaus zu schätzen; ich bin arm, so arm, wie du nie gewesen bist und nie werden kannst; ich habe Demütigungen erduldet, die du nie für möglich halten würdest, dich aber habe ich immer als einen Freund angesehen. Wenn ich das Wort Freund sage — meine ich es. Du hast heute abend getrunken und bist traurig, deshalb bist du ungerecht; aber ich versichere allen, daß es kein besseres Herz gibt als deins, Karl Nikolaus. Und das sage ich nicht zum erstenmal. Ich danke dir für deine Aufmerksamkeit heute, wenn ich nämlich die festliche Bewirtung, die uns zuteil geworden ist, und die ausgezeichneten Weine, die hier geflossen sind, auf mich beziehen darf. — Ich danke dir, lieber Bruder, und trinke auf dein Wohl. Prost, Bruder Karl Nikolaus. Hab Dank, hab herzlichen Dank! Du sollst dies nicht umsonst getan haben! Denke daran!«

Diese mit vor Bewegung (Gemütsbewegung) zitternder Stimme gesprochenen Worte taten merkwürdigerweise ihre Wirkung. Falk kam sich gut vor; hatte man ihm nicht abermals versichert, daß er ein gutes Herz habe? Er glaubte es. Sein Rausch trat jetzt in das sentimentale Stadium. Man kam sich näher, man sprach abwechselnd über seine guten Eigenschaften, über die Bosheit der Welt, sprach darüber, wie warm man fühle und einen wie guten Willen man habe; man hielt sich an den Händen. Falk sprach von seiner Frau, wie gut er zu ihr sei; er sprach davon, wie geistlos seine Tätigkeit sei, wie tief er den Mangel an Bildung empfinde, wie verfehlt sein Leben sei; und als er seinen zehnten Likör getrunken hatte, vertraute er Levin an, er habe sich eigentlich dem geistlichen Beruf widmen, ja Missionar werden wollen. Man wurde immer geistiger und geistiger. Levin sprach von seiner verstorbenen Mutter, von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von einer verschmähten Liebe und schließlich von seinen religiösen Anschauungen, über die er nicht mit jedem Beliebigen spräche; und jetzt war man bei der Religion angelangt. Die Uhr wurde eins, wurde zwei, und man hörte noch immer nicht auf, während Nyström, den Kopf und die Arme auf den Tisch gelegt, getreulich schlief. Das Kontor war von dem Tabakrauch, der das Licht der Gaslampen verdunkelte, in Dämmerung gehüllt; die sieben Kerzen des siebenarmigen Leuchters waren niedergebrannt, und der Tisch sah betrüblich aus. Ein paar Gläser hatten den Fuß verloren, Zigarrenasche war auf das beschmutzte Tischtuch verstreut, Streichhölzer lagen auf dem Fußboden umher. Durch die Öffnung in den Fensterläden drang jetzt das Tageslicht herein, brach in langen Strahlen durch die Tabakswolken und bildete eine kabbalistische Figur auf dem Tischtuch zwischen den beiden Glaubenshelden, die eifrig im Zuge waren, die Augsburger Konfession umzuredigieren. Sie sprachen jetzt mit zischenden Stimmen, das Gehirn war stumpf geworden, die Worte kamen immer trockener heraus, die Spannung ließ nach, trotz dem fleißigen Anheizen, man versuchte noch einmal, sich zur Ekstase emporzuschrauben, aber sie flackerte und flackerte, der Geist entfloh, bedeutungslose Worte wurden noch hervorgebracht, bald aber erlosch der letzte Funke; die betäubten Hirne, die wie gepeitschte Kreisel gearbeitet hatten, ließen nach und fielen um. Nur ein Gedanke stand noch klar da — man mußte schlafen gehen, sonst würde man sich voreinander ekeln, man mußte allein sein.

Nyström wurde geweckt. Levin umarmte Karl Nikolaus und steckte drei Zigarren in die Tasche. Man war zu hoch gestiegen, um so schnell wieder herunter kommen und über den Schuldschein sprechen zu können. Die Abschiedsgrüße wurden ausgetauscht, der Wirt ließ die Gäste hinaus, — und er war allein! Er öffnete die Läden, und das Tageslicht fiel herein — er öffnete das Fenster und ein frischer Luftstrom von der Schiffsbrücke drang durch die enge Gasse, deren eine Häuserreihe von der eben aufgegangenen Sonne beleuchtet wurde. Es schlug vier; dieser wunderbare, kurze Glockenschlag, den nur der auf dem schlaflosen Bett des Kummers oder der Krankheit liegende, nach dem Morgen verlangende erbarmenswerte Mensch zu hören pflegt. Selbst die Österlangstraße, diese Straße des Lasters, des Schmutzes, der Schlägereien, lag still, einsam, rein da. Falk fühlte sich tief unglücklich. Er war entehrt, und er war einsam. Er schloß das Fenster und die Läden, und als er sich umdrehte und die Verwüstung sah, begann er aufzuräumen. Er sammelte alle Zigarrenstummel auf und warf sie in den Kamin, er deckte ab, er fegte aus, er wischte Staub, er stellte alles auf seinen Platz. Er wusch sich Gesicht und Hände und kämmte sich; ein Polizist hätte ihn für einen Mörder halten können, der sich bemühte, die Spuren seiner Tat zu verwischen. Aber bei all dem dachte er klar, bestimmt und deutlich. Und als er das Zimmer und sich selbst in Ordnung gebracht hatte, war sein Entschluß gefaßt, den er wirklich lange vorbereitet hatte und der jetzt ins Werk gesetzt werden sollte. Er wollte die Schande auslöschen, die er in seiner Familie erlitten hatte, er wollte emporsteigen, er wollte ein berühmter, ein mächtiger Mann werden; er wollte ein neues Leben beginnen, er hatte einen Namen hochzuhalten, und er wollte ihn zu Ehren bringen. Er fühlte, daß eine große Leidenschaft nötig war, um sich nach dem Schlag, den er heute abend empfangen hatte, aufrechtzuerhalten; der Ehrgeiz hatte lange in ihm geschlummert, man hatte ihn geweckt, und nun war er da.

Er war jetzt völlig nüchtern geworden, steckte sich eine Zigarre an, trank einen Kognak und ging in seine Wohnung hinauf, still und leise, um seine Frau nicht zu wecken.