Es war zwischen acht und neun Uhr an dem schönen Maimorgen, als Arvid Falk nach der Szene bei dem Bruder durch die Straßen wanderte, unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden mit dem Bruder und unzufrieden mit der ganzen Welt. Er wünschte sich trübes Wetter und schlechte Gesellschaft. Daß er ein Schuft war, daran glaubte er nicht ganz, aber er war mit sich selbst nicht zufrieden; er war gewohnt, hohe Anforderungen an sich zu stellen, und es war ihm eingeimpft, in dem Bruder eine Art Stiefvater zu sehen, vor dem er große Achtung, fast Ehrerbietung hegen müsse. Aber auch noch andere Gedanken tauchten auf und erfüllten ihn mit Sorge. Er war ohne Geldmittel und ohne Beschäftigung. Dies letzte war vielleicht das Schlimmste, denn die Untätigkeit war für ihn ein böser Feind, da er mit einer nimmer ruhenden Phantasie begabt war.
Unter recht unangenehmen Grübeleien war er in die kleine Parkstraße gekommen; er ging auf dem linken Trottoir entlang, am Dramatischen Theater vorbei, und befand sich bald in der Norrlandstraße; er wanderte ziellos weiter, immer geradeaus; bald wurde das Pflaster uneben, Hütten aus Holz traten an die Stelle der Steinhäuser, schlecht gekleidete Menschen warfen mißtrauische Blicke auf den gut angezogenen Herrn, der so früh am Tage ihre Gegend aufsuchte, und ausgehungerte Hunde knurrten den Fremden drohend an. Zwischen Gruppen von Soldaten, Arbeitern, Brauergesellen, Waschfrauen und Lehrlingen hindurch ging er das letzte Stück der Norrlandstraße mit etwas beschleunigten Schritten, kam dann in die große Hopfenparkstraße und betrat den Hopfenpark. Die Kühe des Generalfeldzeugmeisters hatten bereits die Viehweide in Benutzung genommen, die alten, kahlen Apfelbäume machten einen Versuch, Knospen zu treiben, die Linden waren schon grün, und die Eichhörnchen spielten in den Kronen. Er ging am Karussell vorbei und kam in die Allee, die zum Theater führt; dort saßen Knaben, die die Schule schwänzten und »Knopf« spielten; ein Stück weiter lag ein Malerlehrling auf dem Rücken im Grase und schaute durch die hohen Laubwölbungen zu den Wolken hinauf; er pfiff so sorglos, als warteten weder Meister noch Gesellen auf ihn, während Fliegen und andere Insekten herbeikamen und sich in seinen Farbtöpfen ertränkten.
Falk langte auf der Höhe oben beim Ententeich an; dort blieb er stehen und studierte die Metamorphosen der Frösche, beobachtete die Blutegel und fing einen Wasserläufer. Dann begann er Steine ins Wasser zu werfen. Das brachte sein Blut in Bewegung, und er fühlte sich verjüngt, kam sich vor wie ein schwänzender Schuljunge, frei, trotzig, frei; denn es war eine Freiheit, die er mit recht großen Opfern erkauft hatte. Bei dem Gedanken, frei und nach Belieben mit der Natur verkehren zu können, auf die er sich besser verstand als auf die Menschen, die ihn nur mißhandelt und ihn schlecht zu machen versucht hatten, wurde er froh, aller Unfriede schwand aus seinem Gemüt, und er stand auf, um seinen Weg zur Stadt hinaus fortzusetzen. Er ging durch das Kreuz und befand sich in der nördlichen Hopfenparkstraße. Hier sah er, daß im Zaun gerade gegenüber einige Bretter fehlten und daß auf der andern Seite ein Fußsteig ausgetreten war. Er kroch durch den Zaun, schreckte ein altes Weib auf, das Nesseln pflückte, spazierte über die weiten Tabakfelder, wo heute das Villenviertel steht, und befand sich am Eingang von »Lill-Jans«.
Hier war der Frühling im Ernst über die kleine hübsche Ansiedlung hereingebrochen, die mit ihren drei kleinen Häusern in blühenden Flieder und Apfelbäume eingebettet lag, vor den nördlichen Winden von dem Tannenwald auf der andern Seite der Landstraße geschützt. Hier war ein wirkliches Idyll aufgetischt. Der Hahn saß auf der Gabel eines Wasserkarrens und krähte, der Kettenhund lag in der Sonne und fing Fliegen, die Bienen schwärmten wie eine Wolke um die Körbe, der Gärtner kniete bei den Mistbeeten und zog Radieschen, die Laubsänger und die Rotschwänzchen sangen in den Stachelbeersträuchern, halbbekleidete Kinder scheuchten die Hühner, die die Keimfähigkeit verschiedener frisch gesäter Blumensamen untersuchen wollten. Über dem Ganzen lag ein hellblauer Himmel, und dahinter stand der schwarze Wald.
Neben den Mistbeeten, im Schutz des Zaunes, saßen zwei Männer. Der eine trug einen schwarzen hohen Hut, einen sauber gebürsteten schwarzen Anzug, hatte ein langes schmales blasses Gesicht und sah aus wie ein Geistlicher. Der andere war der Typ eines zivilisierten Bauern, mit zusammengesunkenem, aber korpulentem Körper, hängenden Augenlidern und mongolischem Schnurrbart; er war sehr schlecht gekleidet und sah wie alles mögliche aus — wie ein Vagabund, ein Handwerker oder ein Künstler —, er machte einen sonderbar verkommenen Eindruck.
Der Magere, der zu frösteln schien, obwohl er direkt in der Sonne saß, las dem Fetten, der aussah, als habe er alle Klimate der Erde erprobt und könne sie mit Ruhe alle vertragen, aus einem Buch vor.
Als Falk durch die Pforte auf die breite Landstraße trat, hörte er deutlich die Worte des Lesenden durch den Zaun, und er meinte stehen bleiben und zuhören zu dürfen, ohne einen Vertrauensdiebstahl zu begehen.
Der Magere las mit trockner, eintöniger Stimme, der jeder Klang fehlte, und der Fette gab dann und wann seine Zufriedenheit zu erkennen durch ein Schnauben, das bisweilen mit einem Grunzen abwechselte und schließlich zum Spucken wurde, wenn die Worte der Weisheit, die er hörte, über den gewöhnlichen Menschenverstand gingen. Der Lange las:
»Die höchsten Grundsätze sind, wie gesagt, drei: ein absolut unbedingter und zwei relativ unbedingte. Pro primo: der absolut erste, rein unbedingte Grundsatz soll die Handlung ausdrücken, die allem Bewußtsein zugrunde liegt und dieses erst möglich macht. Dieser Grundsatz ist die Identität: A = A. Er bleibt bestehen und kann auf keine Weise fortgedacht werden, wenn man alle empirischen Bestimmungen des Bewußtseins absondert. Er ist das ursprüngliche Faktum des Bewußtseins und muß darum notwendigerweise anerkannt werden; überdies ist er nicht wie jedes andere empirische Faktum etwas Bedingtes, sondern als Folge und Inhalt einer freien Handlung völlig unbedingt.«
»Verstehst du, Olle?« unterbrach sich der Leser.
»O ja, es ist wundervoll! — ›Er ist nicht wie jedes empirische Faktum etwas Bedingtes.‹ — Oh, ist das ein Mensch! Weiter, weiter!«
»Wenn man annimmt,« fuhr der Vorleser fort, »daß dieser Satz ohne jeden weiteren Grund sicher ist —«
»Höre einer diesen Filou an — ›ohne jeden weiteren Grund sicher‹,« wiederholte der dankbare Zuhörer, der damit jeden Verdacht, als verstehe er nicht, von sich abschütteln wollte, »ohne jeden weiteren Grund, wie schlau, wie schlau, statt nur zu sagen: ohne jeden Grund.«
»Soll ich weiterlesen? Oder gedenkst du mich noch öfter zu unterbrechen?« fragte der beleidigte Vorleser.
»Ich werde dich nicht wieder unterbrechen, weiter, weiter!«
»So — jetzt kommt die Schlußfolgerung (herrlich in der Tat!) — mißt man sich die Fähigkeit bei, etwas zu behaupten.«
Olle schnaubte.
»Man behauptet demnach nicht A (großes A), sondern bloß, daß A = A ist, wenn und soweit A überhaupt ist. Es handelt sich nicht um den Inhalt des Satzes, sondern bloß um dessen Form. Der Satz A = A ist also seinem Inhalt nach bedingt (hypothetisch) und nur seiner Form nach unbedingt.«
»Hast du beachtet, daß es das große A ist?«
Falk hatte genug gehört; dies war die entsetzlich tiefe Philosophie von Upsala, die sich bis hierher verirrt hatte, um die rohe Großstadtnatur zu bezwingen; er sah nach, ob nicht die Hühner von ihren Stangen gefallen seien und ob nicht die Petersilie aufhörte zu wachsen beim Anhören dieses Tiefsten, das in Lill-Jans jemals in Zungen geredet worden war. Er wunderte sich, daß der Himmel sich noch an seinem Platz befand, obwohl er zum Zeugen einer solchen Kraftprobe des menschlichen Geistes angerufen worden war; zugleich aber forderte seine menschliche niedrigere Natur ihr Recht, und er fühlte eine große Trockenheit in der Kehle, weshalb er beschloß, in eins der Häuser hineinzugehen und um ein Glas Wasser zu bitten.
Er kehrte also um und betrat das Haus, das, wenn man von der Stadt kommt, rechts am Wege liegt. Die Tür zu einer großen ehemaligen Backstube stand nach der Diele offen, die nicht größer war als ein Reisekoffer. Im Zimmer befand sich nur eine Schlafbank, ein zerbrochener Stuhl, eine Staffelei und zwei Personen; die eine von diesen stand vor der Staffelei, angetan mit Hemd und Hosen, die von einem Riemen gehalten wurden. Er sah aus wie ein Handwerksbursche, aber er war Künstler, denn er war damit beschäftigt, die Skizze zu einem Altarbilde zu entwerfen. Der andere war ein junger Mann von feinem Aussehen, relativ fein gekleidet. Er hatte seinen Rock ausgezogen, hatte das Hemd heruntergestreift und stand augenblicklich dem Maler mit seiner prachtvollen Büste Modell. Sein schönes, vornehmes Gesicht trug Spuren von Ausschweifungen der vergangenen Nacht, und sein Kopf fiel dann und wann nach vorn, wodurch er sich eine besondere Zurechtweisung von dem Meister zuzog, der ihn unter seinen Schutz genommen zu haben schien. Den Endrefrain einer solchen Moralpredigt bekam Falk zu hören, als er die Diele betrat.
»Daß du so ein Schwein bist und mit diesem Bummler Sellén kneipen gehst! Jetzt stehst du hier und vergeudest deinen Vormittag, statt in der Handelsschule zu sitzen — die rechte Schulter etwas höher, so! Hast du tatsächlich die ganze Miete durchgebracht, so daß du nicht nach Hause zu gehen wagst? Hast du gar nichts übrig behalten? Keinen Pfennig?«
»O doch, etwas habe ich noch übrig, aber das reicht nicht!«
Der junge Mann holte ein zusammengeknülltes Stück Papier aus der Hosentasche und wickelte es auf, wobei zwei Dreikronenscheine zum Vorschein kamen.
»Gib her, ich hebe sie dir auf,« riet der Meister und nahm wie ein Vater die Scheine an sich.
Falk, der sich vergebens bemerkbar zu machen versucht hatte, hielt es jetzt für richtig, so unbemerkt, wie er gekommen war, seiner Wege zu gehen. Er ging also wieder an dem Komposthaufen und den beiden Philosophen vorbei und bog links in den Königin-Christina Weg ein. Er war noch nicht weit gegangen, als er einen jungen Mann gewahrte, der seine Staffelei vor dem kleinen Erlenbruch gerade an der Stelle, wo der Wald anfängt, aufgeschlagen hatte. Es war eine feine, schlanke, fast elegante Gestalt mit etwas spitzem, brünettem Gesicht; sprühendes Leben erfüllte seine ganze Person, wie er da vor dem schönen Bilde stand und arbeitete. Er hatte Hut und Rock abgelegt und schien bei vortrefflichster Gesundheit und in bester Laune zu sein. Bald pfiff er, bald summte er vor sich hin, bald sprach er mit sich selber.
Als Falk so weit herangekommen war, daß er ihn im Profil sah, drehte er sich um:
»Sellén! Guten Tag, alter Kamerad!«
»Falk! Alte Bekannte hier draußen im Walde! Was um Gottes willen bedeutet das? Bist du um diese Tageszeit nicht in deinem Amt?«
»Nein. Aber wohnst du hier draußen?«
»Ja, ich bin mit einigen Bekannten am 1. April hier herausgezogen; es wurde zu teuer, in der Stadt zu wohnen — die Wirte sind auch so kleinlich!«
Ein pfiffiges Lächeln spielte in dem einen Mundwinkel, und die braunen Augen funkelten.
»Ach so,« erwiderte Falk, »dann kennst du vielleicht auch die Typen, die da hinten bei den Mistbeeten sitzen und lesen?«
»Die Philosophen? Aber natürlich! Der Lange ist außerordentlicher Hilfsarbeiter im Versteigerungsamt mit achtzig Reichstalern jährlich, und der Kleine, Olle Montanus, der sollte eigentlich zu Hause sitzen und bildhauern, aber seit er mit Ygberg zusammen auf die Philosophie verfallen ist, hat er aufgehört zu arbeiten, und jetzt geht es in raschem Tempo bergab mit ihm. Er hat entdeckt, daß die Kunst etwas Sinnliches ist!«
»Aber wovon lebt er denn?«
»Eigentlich von nichts! Manchmal steht er dem praktischen Lundell Modell, und dann bekommt er ein Stück Blutkuchen ab und lebt einen Tag davon, und im Winter darf er in seinem Zimmer auf dem Fußboden liegen, denn ›er wärmt doch immerhin etwas‹, sagt Lundell, wo das Holz so teuer ist; und hier war es im April recht kalt.«
»Wie kann er Modell stehen, er sieht doch aus wie ein Quasimodo?«
»Ja, bei einer Kreuzesabnahme soll er der eine Schächer sein, dem die Knochen schon entzwei geschlagen sind; der arme Teufel hat ein Hüftleiden gehabt; wenn er sich also über eine Stuhllehne legt, wird er sehr gut. Manchmal muß er sich nach hinten umdrehen, und dann ist er der zweite Schächer.«
»Warum tut er denn selbst nichts? Hat er kein Talent?«
»Olle Montanus, mein Lieber, ist ein Genie; aber er will nicht arbeiten, er ist Philosoph und würde sicher ein großer Mann geworden sein, wenn er nur hätte studieren können. Es ist wirklich merkwürdig, ihn und Ygberg reden zu hören; Ygberg hat ja allerdings mehr gelesen, aber Montanus hat einen so guten Kopf, daß er ihn manchmal in die Enge treibt, und dann geht Ygberg seiner Wege und liest noch ein Stück für sich; aber er leiht Montanus sein Buch nie.«
»Ach, ihr schätzt Ygbergs Philosophie?« fragte Falk.
»Oh, die ist sehr fein! Sehr fein? Du liebst doch Fichte? Oh, oh, oh, so ein Kerl!«
»Nun,« unterbrach Falk, der Fichte nicht liebte, »wer waren denn die beiden Typen dort im Hause?«
»Ach, die hast du auch gesehen? Ja, der eine war der praktische Lundell, der Figuren- oder richtiger Kirchenmaler, und der andere war mein Freund Rehnhjelm.«
Die letzten Worte versuchte er in sehr gleichgültigem Ton auszusprechen, um den Eindruck desto stärker zu machen.
»Rehnhjelm?«
»Ja, ein sehr netter Junge.«
»Er steht Modell da drinnen?«
»Das tut er! Ja, dieser Lundell; der kann die Menschen ausnutzen; das ist ein ganz sonderbar praktischer Kerl. Aber komm mit, wir wollen hineingehen und ihn necken, das ist das Lustigste, was ich hier draußen habe; dann hörst du vielleicht auch Montanus reden, und das ist wirklich interessant.«
Weniger von der Aussicht, Montanus reden zu hören, als von der Hoffnung, ein Glas Wasser zu bekommen, verlockt, folgte er Sellén und half ihm Staffelei und Malkasten tragen.
Im Hause hatte sich die Szene insoweit verändert, als das Modell sich auf den zerbrochenen Stuhl hatte setzen dürfen und Montanus und Ygberg sich auf der Schlafbank niedergelassen hatten. Lundell stand vor der Staffelei und rauchte aus einer schnarchenden, hölzernen Stummelpfeife den armen Kameraden, denen das bloße Vorhandensein einer Tabakspfeife ein Genuß war, etwas vor.
Als Assessor Falk vorgestellt worden war, wurde er sofort von Lundell, der seine Meinung über sein Bild hören wollte, mit Beschlag belegt. Das Bild erwies sich als ein Rubens, wenigstens dem Stoff nach, wenn auch nicht in bezug auf Farbe oder Zeichnung. Darauf ließ sich Lundell über die schweren Zeiten für einen Künstler aus, machte die Akademie herunter und schimpfte auf die Regierung, die nichts für die einheimische Kunst tue. Er sei jetzt dabei, eine Skizze für ein Altarbild zu malen, aber er sei fest überzeugt, daß es nicht angenommen werden würde, denn ohne Intrigen und Beziehungen komme man nirgends durch. Hierbei warf er einen forschenden Blick auf Falks Anzug, um sich zu vergewissern, ob er vielleicht eine Beziehung abgeben könne.
Eine andere Wirkung hatte Falks Kommen auf die beiden Philosophen gehabt. Sie hatten in ihm sofort einen »Studierten« entdeckt und warfen ihren Haß auf ihn, denn er konnte sie ihres Prestiges in der kleinen Gesellschaft berauben. Sie wechselten bedeutsame Blicke, die Sellén nicht entgingen, so daß er sich versucht fühlte, seine Freunde in ihrem Glanz vorzuführen und womöglich einen Disput zustande zu bringen. Er machte sofort einen Zankapfel ausfindig, zielte, warf und traf.
»Was sagst du denn zu Lundells Bild, Ygberg?«
Ygberg, der nicht erwartet hatte, so bald zu Wort zu kommen, mußte einige Sekunden überlegen. Dann erwiderte er mit markierter Stimme, während Olle ihm den Rücken rieb, damit er sich gerade halte:
»Ein Kunstwerk ist nach meiner Meinung in zwei Kategorien zu zerlegen: in Inhalt und Form. Was den Inhalt dieses Kunstwerks betrifft, so hat es einen tiefen und allgemein menschlichen Inhalt, das Motiv ist fruchtbar, an sich, als solches, und enthält alle Begriffsbestimmungen und Potenzen, die sich für künstlerische Produktion geltend machen können; was aber die Form betrifft, die an sich de facto den Begriff manifestieren soll, das heißt die absolute Identität, das Sein, das Ich — so kann ich nicht umhin, sie weniger adäquat zu finden.«
Lundell fühlte sich von der Kritik geschmeichelt, Olle lächelte ein seliges Lächeln, als sehe er die himmlischen Heerscharen, das Modell schlief, und Sellén fand, Ygberg habe einen unbestrittenen Erfolg errungen. Jetzt richteten sich aller Blicke auf Falk, als auf den, der den hingeworfenen Handschuh aufnehmen mußte, denn daß es ein Handschuh war, darüber waren sich alle einig.
Falk war teils belustigt, teils geärgert und suchte in den Rumpelkammern seines Gedächtnisses nach einigen philosophischen Windbüchsen, als sein Blick auf Olle Montanus fiel, der am Schluß Gesichtszuckungen bekommen hatte, ein Zeichen, daß er sprechen wollte. Falk lud aufs Geratewohl seine Flinte mit Aristoteles und feuerte ab.
»Was meinen Sie mit adäquat, Herr Assessor? Ich kann mich nicht erinnern, daß Aristoteles dies Wort in seiner Metaphysik anwendet.«
Es wurde ganz still in dem Raum, und man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen der Künstlerkolonie Lill-Jans und dem Gustavianum bevorstand. Die Pause wurde länger als wünschenswert war, denn Ygberg kannte Aristoteles nicht und wäre lieber gestorben, als daß er das zugegeben hätte. Da er nicht schlagfertig war, entdeckte er die Bresche nicht, die Falk offen gelassen hatte; Olle aber sah sie, und er fing den abgeschossenen Aristoteles ab, faßte ihn mit beiden Händen und schleuderte ihn auf den Gegner zurück.
»Wenn ich auch kein Gelehrter bin, möchte ich mir doch die Frage erlauben, ob der Herr Assessor wirklich die Argumente seines Gegners über den Haufen geworfen hat. Ich glaube, man kann adäquat als Bestimmung in einer logischen Schlußfolgerung setzen und als solche gelten lassen, obwohl Aristoteles das Wort in seiner Metaphysik nicht erwähnt. Habe ich recht, meine Herren? Ich weiß es nicht! Ich bin ein ungelehrter Mann, und der Herr Assessor hat diese Dinge studiert.«
Er hatte mit halbgeöffneten Augenlidern gesprochen; jetzt schlug er sie ganz nieder und sah unverschämt bescheiden aus.
»Olle hat recht,« ertönte es von allen Seiten.
Falk fühlte, daß man hier mit harten Fäusten zufassen mußte, wenn die Ehre Upsalas gerettet werden sollte; er schlug eine Volte mit dem philosophischen Kartenspiel und warf ein As hin.
»Herr Montanus hat den Vordersatz verneint oder ganz einfach gesagt: nego majorem! Gut! Ich erkläre wiederum, daß er sich eines posterius prius schuldig gemacht hat; er hat, als er einen Hörnerschluß machen mußte, sich verirrt und hat einen Syllogismus nach ferioque statt barbara gemacht; er hat die goldene Regel vergessen: Caesare Camestres festino barocco secundo; infolgedessen ist seine Schlußfolgerung limitativ! Habe ich nicht recht, meine Herren?«
»Sehr recht, sehr recht,« antworteten alle, außer den beiden Philosophen, die nie eine Logik in der Hand gehabt hatten.
Ygberg sah aus, als habe er auf einen Nagel gebissen, und Olle grinste, als sei ihm Schnupftabak in die Augen gekommen; aber da er ein schlauer Kerl war, wurde ihm die taktische Methode seines Gegners sofort klar. Er faßte also rasch den Entschluß, nicht auf die Frage zu antworten, sondern von etwas anderem zu sprechen. Er kramte deshalb alles, was er gelernt, und alles, was er gehört hatte, aus dem Gedächtnis hervor und begann mit dem Referat über Fichtes Wissenschaftslehre, das Falk vorhin durch den Zaun gehört hatte; dies zog sich bis gegen Mittag hin.
Unterdes stand Lundell und malte und schnarchte mit seiner sauren Holzpfeife. Das Modell war auf dem zerbrochenen Stuhl eingeschlafen; der Kopf sank tiefer und immer tiefer, bis er gegen zwölf Uhr zwischen den Knien hing, so daß ein Mathematiker hätte ausrechnen können, wann er den Mittelpunkt der Erde erreichen würde.
Sellén saß am offnen Fenster und genoß die Situation, und der arme Falk, der davon geträumt hatte, daß die entsetzliche Philosophie zu Ende gehen werde, mußte ganze Fäuste voll philosophischem Schnupftabak nehmen und ihn seinen Feinden in die Augen werfen. Die Qual hätte kein Ende genommen, wenn nicht der Schwerpunkt des Modells sich ganz allmählich auf eine der empfindlichsten Seiten des Stuhls verlegt hätte, so daß dieser mit einem Krach zusammenbrach und der Baron auf die Erde fiel, was Lundell Gelegenheit bot, über das Laster der Trunksucht und seine bedauerlichen Folgen für den Menschen selbst und für andere — damit meinte er sich selber — zu schimpfen.
Falk, der dem verstörten Jüngling aus seiner Verlegenheit helfen wollte, brachte in aller Eile eine Frage aufs Tapet, die von ganz allgemeinem Interesse sein mußte.
»Wo wollen die Herren heute zu Mittag essen?«
Es wurde so still, daß man die Fliegen summen hörte; Falk wußte nicht, daß er auf fünf Hühneraugen zugleich getreten hatte. Lundell brach das Schweigen zuerst. Er und Rehnhjelm wollten im »Kochkessel« essen, wo sie zu essen pflegten, weil sie dort Kredit hatten; Sellén wollte nicht dort essen, weil er mit dem Essen nicht zufrieden war, und hatte sich noch für kein Lokal entschieden; bei dieser Unwahrheit warf er einen fragenden, ängstlichen Blick auf das Modell. Ygberg und Montanus hatten »viel zu tun«, so daß sie »sich ihren Tag nicht zerreißen wollten«, indem »sie sich anzögen und in die Stadt gingen«; sie wollten sich hier draußen etwas beschaffen; was das war, sagten sie nicht.
Darauf begann die Toilette, die in der Hauptsache im Waschen an dem alten Brunnen im Garten bestand. Sellén, der doch ein Stutzer war, hatte unter der Schlafbank ein Zeitungspapierpäckchen versteckt, aus dem er Kragen, Manschetten und Chemisette, alles aus Papier, hervorholte; dann verbrachte er eine lange Zeit kniend vor der Brunnenöffnung, um sich zu spiegeln, während er ein braungrünes Atlasband umband, das er von einem Mädchen geschenkt bekommen hatte, und sein Haar auf besondere Art frisierte; nachdem er dann die Schuhe mit einem Klettenblatt abgerieben, den Hut mit dem Rockärmel abgebürstet, eine Traubenhyazinthe ins Knopfloch gesteckt und seinen Spazierstock herausgeholt hatte, war er fertig. Auf seine Frage, ob Rehnhjelm bald kommen werde, antwortete Lundell, er habe vorläufig noch keine Zeit, er müsse ihm zeichnen helfen, und Lundell pflegte immer zwischen zwölf und zwei zu zeichnen. Rehnhjelm war gefügig und gehorchte, so schwer es ihm auch fiel, sich von seinem Freunde Sellén zu trennen, den er liebte, während er gegen Lundell einen ausgesprochenen Abscheu empfand.
»Wir treffen uns auf jeden Fall heute abend im Roten Zimmer?« warf Sellén tröstend hin, und darin waren alle einig, sogar die Philosophen und der moralische Lundell.
Auf dem Wege nach der Stadt weihte Sellén seinen Freund Falk in allerlei Geheimnisse in bezug auf die Ansiedler von Lill-Jans ein; er erzählte, er selbst habe mit der Akademie gebrochen, weil seine Auffassung von Kunst eine so ganz andere sei; er wisse, daß er Talent habe und einmal Erfolg haben werde, wenn es auch lange dauern könne, obwohl es unendlich schwer sei, sich einen Namen zu machen, ohne die königliche Medaille bekommen zu haben. Auch natürliche Hindernisse stellten sich ihm in den Weg; er sei an der waldlosen Küste der Provinz Halland geboren und habe das Große und Einfache in der Natur dieser Gegend lieben gelernt; Publikum und Kritik dagegen bevorzugten augenblicklich Einzelheiten, Finessen, deshalb verkaufe er nichts; er könne wohl wie die andern malen, aber das wolle er nicht.
Lundell dagegen sei ein praktischer Mann — Sellén sprach das Wort praktisch immer mit einer gewissen Verachtung aus. — Er male nach Wunsch und Geschmack der Menge. Er leide nie an Indisposition; er sei freilich auch von der Akademie fortgegangen, aber aus geheimen, praktischen Gründen, und er habe nicht ganz mit ihr gebrochen, obwohl er das überall erzähle. Er schlage sich ganz gut durch, mit Zeichnungen für illustrierte Zeitschriften, und werde sicher eines Tages Erfolg haben, ungeachtet seines unbedeutenden Talents, dank irgendwelchen Beziehungen und besonders Intrigen, die er von Montanus lernte, denn dieser habe bereits einige Pläne entworfen, die von Lundell mit Erfolg verwirklicht worden seien — Montanus aber sei das Genie, allerdings entsetzlich unpraktisch.
Rehnhjelm sei der Sohn eines ehemals reichen Mannes oben in Norrland. Der Vater habe ein großes Gut besessen, das ihm aber schließlich verloren gegangen und in die Hände des Verwalters gekommen sei. Jetzt sei der alte Edelmann ziemlich arm und hege den Wunsch, der Sohn möge aus der Vergangenheit eine Lehre ziehen und, als Verwalter, der Familie wieder ein Gut verschaffen; deshalb besuche dieser jetzt die Handelsschule, um landwirtschaftliche Buchführung zu lernen, was er verabscheue. Er sei ein netter Junge, aber etwas schwach, und lasse sich von dem schlauen Lundell leiten, der es nicht verschmähe, das Honorar für seine Morallehren und seine Protektion in natura zu nehmen.
Unterdes hatten Lundell und der Baron sich an die Arbeit gemacht, und zwar in der Weise, daß der Baron zeichnete, während der Meister auf der Ofenbank lag und die Arbeit überwachte, das heißt rauchte.
»Wenn du jetzt fleißig bist, so kannst du mit mir kommen und im ›Zinnknopf‹ zu Mittag essen,« verhieß Lundell, der sich mit den beiden Reichstalern, die er aus dem Ruin gerettet hatte, reich vorkam.
Ygberg und Olle hatten sich auf die Waldhöhe begeben, um über Mittag zu schlafen. Olle strahlte nach seinen Siegen, Ygberg aber war verstimmt; er war von seinem Schüler übertroffen worden. Außerdem hatte er kalte Füße bekommen und war ungewöhnlich hungrig, denn das eifrige Gespräch über Essen hatte schlummernde Gefühle geweckt, die sich ein ganzes Jahr lang nicht Luft gemacht hatten. Sie legten sich unter eine Tanne; Ygberg barg das kostbare Buch, das er Olle nie leihen wollte, gut in Papier gewickelt, unter seinem Kopf und streckte sich in seiner vollen Länge aus. Er war blaß wie eine Leiche, kalt und ruhig wie eine Leiche, die die Hoffnung auf Auferstehung aufgegeben hat. Er sah, wie die Vögelchen über seinem Kopf den Tannensamen pickten und die Schalen auf ihn niederfallen ließen, er sah eine strotzende Kuh zwischen den Erlen weiden und sah den Rauch aus dem Küchenschornstein des Gärtners aufsteigen.
»Bist du hungrig, Olle?« fragte er mit matter Stimme.
»Nein,« sagte Olle und warf hungrige Blicke auf das wunderbare Buch.
»Wer doch eine Kuh wäre!« seufzte Ygberg, faltete die Hände über der Brust und überantwortete seine Seele dem allerbarmenden Schlaf.
Als seine schwachen Atemzüge einigermaßen regelmäßig geworden waren, holte der wachende Freund vorsichtig und ganz leise, damit der Schläfer nicht gestört werden sollte, das Buch hervor, warf sich dann auf den Bauch und begann den kostbaren Inhalt zu verschlingen, worüber er sowohl den »Zinnknopf« wie den »Kochkessel« vergaß.