Der Flachshändler Karl Nikolaus Falk, ein Bruder des früheren außerordentlichen Hilfsarbeiters im Ministerium und jetzigen Schriftstellers Arvid Falk und Sohn des verstorbenen Flachshändlers Herrn Karl Johann Falk — der zu den fünfzig Ältesten der Bürgerschaft gehört hatte und Hauptmann der Bürgerwehr, Kirchenvorsteher und Direktionsmitglied der Stockholmer Feuerversicherungsgesellschaft gewesen war —, hatte sein Geschäft, oder wie seine Feinde es mit Vorliebe nannten, seinen Laden, in der Österlangstraße, schräg gegenüber der Ferkensgasse, so daß der Kommis, wenn er von seinem Roman aufblickte, den er heimlich unter dem Ladentisch las, gelegentlich ein Stück von einem Dampfer, ein Radgehäuse, einen Klüverbaum und ähnliches, sowie einen Baumwipfel auf Skeppsholm und einen Streifen Luft darüber sehen konnte. Der Kommis, der auf den nicht ungewöhnlichen Namen Andersson hörte — und er hatte hören gelernt —, hatte eben, früh am Morgen, aufgemacht und eine Flachsknocke, eine Fisch- und eine Aalreuse, ein Bündel Angelruten und ungesplissene Federn hinausgehängt; darauf hatte er den Laden ausgefegt, hatte Sägespäne auf den Fußboden gestreut und sich hinter dem Ladentisch niedergelassen, wo er aus einer leeren Kerzenschachtel, von einer Hakenstange gehalten, eine Art Mausefalle konstruiert hatte, in die sein Roman hinunterfallen konnte, wenn der Prinzipal oder einer von dessen Bekannten den Laden betrat. Etwaige Kunden schien er nicht zu befürchten, teils weil es früh am Morgen war, teils weil er nicht an einen Überfluß in dieser Beziehung gewöhnt war. Das Geschäft war zu Zeiten des seligen König Fredrik gegründet worden — Karl Nikolaus Falk hatte wie alles andere auch diesen Ausdruck von seinem Vater geerbt, der ihn wiederum in direkt absteigender Linie von seinem Großvater übernommen hatte — es war früher gut gegangen und hatte ein schönes Stück Geld abgeworfen, sogar noch bis vor wenigen Jahren; da aber war das unglückselige Kammersystem gekommen und hatte allem Handel ein Ende gemacht, alle Aussichten zerstört, alle Unternehmungslust gehemmt und die Bürgerschaft mit dem Untergang bedroht. So behauptete Falk; andere aber waren der Ansicht, daß er sich nicht um das Geschäft kümmerte und daß ein gefährlicher Konkurrent sich unten am Schleusenplatz niedergelassen hatte. Falk sprach jedoch nicht unnötig von dem Verfall des Geschäfts und war klug genug, Gelegenheit und Zuhörer sorgfältig zu wählen, wenn er diese Saite anschlug. Wenn einer von seinen alten Geschäftsfreunden in freundlicher Weise sein Erstaunen über den verminderten Verkehr äußerte, sagte er, er habe sich auf den Großhandel in der Provinz verlegt und benutze den Laden nur als Aushängeschild; und sie glaubten ihm, denn er hatte hinter dem Laden ein kleines Kontor, in dem er sich meistens aufhielt, wenn er nicht in der Stadt oder auf der Börse war. Wenn jedoch seine Bekannten — das war etwas anderes —, der Sekretär und der Magister, dieselbe freundliche Besorgnis äußerten, dann hatten die schlechten Zeiten, die von dem neuen Kammersystem herrührten, die Stagnation hervorgerufen.
Jetzt aber war Andersson von ein paar Burschen gestört worden, die in der Tür gefragt hatten, was die Angelruten kosteten, hatte dabei auf die Straße hinaus gesehen und den jungen Herrn Arvid Falk zu Gesicht bekommen. Da er sich das Buch gerade von ihm geliehen hatte, konnte es liegen bleiben, wo es lag, und mit vertraulichem Ton und einer Miene heimlichen Einverständnisses begrüßte er seinen früheren Spielkameraden, als dieser den Laden betrat.
»Ist er oben?« fragte Falk mit einer gewissen Unruhe.
»Er ist beim Kaffeetrinken,« antwortete Andersson und deutete nach der Decke. Im selben Augenblick hörten sie, wie gerade über ihren Köpfen ein Stuhl gerückt wurde.
»Jetzt ist er vom Tisch aufgestanden, Herr Arvid.«
Sie schienen beide dies Geräusch und seine Bedeutung gut zu kennen. Darauf hörte man ziemlich schwere, knarrende Schritte das Zimmer in allen Richtungen durchkreuzen, und durch die Decke drang ein dumpfes Gemurmel zu den lauschenden jungen Leuten hinunter.
»Ist er gestern abend zu Hause gewesen?« fragte Falk.
»Nein, er war aus.«
»Mit den Freunden oder den Bekannten?«
»Mit den Bekannten.«
»Und ist spät nach Hause gekommen?«
»Ziemlich spät.«
»Glauben Sie, Andersson, daß er bald herunterkommt? Ich möchte nicht gern hinaufgehen, meiner Schwägerin wegen.«
»Er wird wohl bald hier sein, das höre ich am Schritt.«
Im selben Moment hörte man oben eine Tür zuschlagen, und unten wurde ein bedeutungsvoller Blick gewechselt. Arvid machte eine Bewegung, als wolle er gehen, aber dann ermannte er sich.
Nach einigen Sekunden hörte man Geräusch im Kontor. Ein böser Husten erschütterte den kleinen Raum, und dann ertönten die bekannten Schritte: stapf — stapf, stapf — stapf!
Arvid ging hinter den Ladentisch und klopfte an die Tür des Kontors.
»Herein!«
Er stand seinem Bruder gegenüber. Dieser sah wie ein Vierziger aus, und er war es auch ungefähr, denn er war fünfzehn Jahre älter als der Bruder und hatte sich deshalb, allerdings auch noch aus andern Gründen, gewöhnt, ihn als einen Knaben zu betrachten, an dem er Vaterstelle vertrat. Er hatte hellblondes Haar, einen blonden Schnurrbart, blonde Augenbrauen und Wimpern. Er war ziemlich korpulent, daher konnte er so gut mit den Stiefeln knarren, die unter der Last seiner stämmigen Gestalt kreischten.
»Du bist es nur?« fragte er mit einem leichten Anflug von Wohlwollen und Verachtung, Gefühlen, die bei ihm unzertrennlich waren, denn er war nicht böse auf die, die in irgendeiner Hinsicht unter ihm standen, gleichzeitig aber verachtete er sie. Indes er sah jetzt doch aus, als sei er enttäuscht, denn er hatte ein dankbareres Objekt für seinen Ausbruch erwartet, und der Bruder war eine bescheidene und schüchterne Natur, die nie unnötig opponierte.
»Ich störe dich doch nicht, Karl?« fragte Arvid, der an der Tür stehen geblieben war. Diese demütige Frage hatte die Wirkung, daß der Bruder beschloß, seinem Wohlwollen Ausdruck zu geben. Er nahm selbst eine Zigarre aus seinem großen, gestickten Lederetui und bot dann dem Bruder aus einer Kiste an, die in der Nähe des Kamins ihren Platz gefunden hatte, weil die Zigarren — die »Besuchszigarren«, wie er sie offen nannte, denn er war eine offene Natur — einen Schiffbruch erlebt hatten, was sie sehr interessant, wenn auch nicht besser machte, und eine Strandauktion, wodurch sie sich sehr billig stellten.
»Nun, was hast du auf dem Herzen?« fragte Karl Nikolaus, indem er sich seine Zigarre anzündete und darauf die Streichholzschachtel in die Tasche steckte, — aus Zerstreutheit, denn er konnte die Gedanken nur auf einen Punkt konzentrieren, innerhalb eines Kreises, der nicht sehr groß war; sein Schneider hätte auf den Zoll sagen können, wie groß, wenn er seinen Leibesumfang maß.
»Ich möchte über unsere Geschäfte mit dir sprechen,« antwortete Arvid und drehte seine unangezündete Zigarre zwischen den Fingern.
»Setz dich!« kommandierte der Bruder.
Es war immer seine Gewohnheit, die Leute aufzufordern, sich zu setzen, wenn er sie sich vornehmen wollte, denn dann hatte er sie unter sich und konnte sie leichter zerschmettern, — falls es erforderlich war.
»Unsere Geschäfte? Haben wir Geschäfte miteinander?« begann er. »Davon weiß ich nichts. Hast du Geschäfte?«
»Ich meinte nur, ich möchte wissen, ob ich noch etwas zu bekommen habe.«
»Was sollte das sein, wenn ich fragen darf? Etwa Geld? He?« scherzte Karl Nikolaus und ließ den Bruder den Duft der feinen Zigarre genießen. Da er keine Antwort bekam, die er auch nicht haben wollte, mußte er selber sprechen.
»Bekommen? Hast du nicht alles bekommen, was dir zusteht? Hast du nicht selbst die Quittung vorm Vormundschaftsgericht unterschrieben? Habe ich dich seitdem nicht ernährt und gekleidet, das heißt dir Vorschuß gegeben? Denn diese Summen wirst du zurückzahlen, wenn du einmal dazu imstande bist, deinem eigenen Wunsch entsprechend; ich habe alles aufgeschrieben, um es zu haben für den Tag, da du selber dein Brot verdienen kannst, und das hast du bisher noch nicht getan.«
»Das gerade möchte ich jetzt tun, und deshalb bin ich hergekommen, um genau zu erfahren, ob ich noch etwas zu erwarten habe, oder ob ich etwas schuldig bin.«
Der Bruder warf einen durchdringenden Blick auf sein Opfer, um zu ergründen, ob dieses irgendwelche Hintergedanken habe. Dann begann er mit seinen knarrenden Stiefeln den Fußboden in einer Diagonale zwischen Spucknapf und Schirmständer zu durchmessen; die Berlocken bimmelten an der Uhrkette, als wollten sie die Leute warnen, ihnen in den Weg zu kommen, und der Tabaksrauch stieg empor und legte sich in langen, drohenden Wolken, die ein Unwetter anzukündigen schienen, zwischen Kachelofen und Tür. Er ging heftig auf und ab, mit gesenktem Kopf und vorgeschobenen Schultern, als memoriere er eine Rolle. Als er sie zu können glaubte, blieb er vor dem Bruder stehen und sah ihm gerade in die Augen mit einem langen, meergrünen, falschen Blick, der wie Vertrauen und Schmerz aussehen sollte; und mit einer Stimme, die klang, als komme sie aus der Familiengruft auf dem Klarakirchhof, sagte er:
»Du bist nicht ehrlich, Arvid! Du bist nicht ehr—lich!«
Jeder Zuhörer, außer Andersson, der hinter der Ladentür stand und lauschte, hätte sich rühren lassen von diesen Worten, die mit dem tiefsten brüderlichen Schmerz ein Bruder dem Bruder sagte. Arvid selbst, der von klein auf an den Glauben gewöhnt worden war, daß alle andern Menschen vortrefflich seien, er selbst aber schlecht, überlegte wirklich einen Augenblick, ob er ehrlich sei oder nicht, und da seine Erzieher mit zweckdienlichen Mitteln ein höchst empfindliches Gewissen in ihm großgezogen hatten, konstatierte er, daß er nicht sehr ehrlich oder zum mindesten nicht sehr offen gewesen war, als er soeben in ziemlich verschleierter Weise an den Bruder die Frage gestellt hatte, ob er ein Schurke sei.
»Ich bin zu der Ansicht gekommen,« sagte er, »daß du mich um einen Teil meines Erbes betrogen hast; ich habe mir ausgerechnet, daß du die schlechte Beköstigung und deine abgelegten Kleider zu hoch bewertet hast; ich weiß, daß mein Vermögen nicht für meine schrecklichen Studien draufgegangen sein kann, und ich glaube, daß du mir eine recht große Summe schuldest, die ich jetzt brauche und die ich jetzt — ausbezahlt haben möchte!«
Ein Lächeln erhellte das blonde Gesicht des Bruders, und mit einer so ruhigen Miene und einer so sicheren Geste, als habe er sie jahrelang einstudiert, um in Aktion treten zu können, sobald das Stichwort fiel, steckte er die Hand in die Hosentasche, schüttelte das Schlüsselbund, bevor er es herausholte, ließ es in der Luft eine Volte machen und trat voll Andacht an den Geldschrank. Er schloß ihn schneller auf, als seine Absicht war und als die Heiligkeit des Ortes vielleicht gestattete, holte ein Papier heraus, das ebenfalls bereit gelegen und auf das Stichwort gewartet hatte, und reichte es dem Bruder.
»Hast du dies geschrieben? — Antworte! Hast du dies geschrieben?«
»Ja!«
Arvid erhob sich, um zu gehen.
»Nein, setz dich! — setz dich! Setz dich!«
Wenn ein Hund im Zimmer gewesen wäre, würde er sich sofort gesetzt haben.
»Nun, was steht da? Lies! — Ich, Arvid Falk, bestätige und bezeuge, — daß — ich — von — meinem Bruder, dem mir vom Gericht bestimmten Vormund — Karl Nikolaus Falk — mein Erbe vollständig ausgezahlt bekommen habe, — in Höhe von usw.«
Er schämte sich, die Summe zu nennen.
»Du hast also eine Sache bestätigt und bezeugt, an die du nicht geglaubt hast! Ich darf wohl fragen: ist das ehrlich? Nein, antworte auf meine Frage! Ist das ehrlich? Nein! Ergo hast du ein falsches Zeugnis abgelegt. Du bist also ein Schuft! Ja, das bist du! Habe ich nicht recht?«
Die Szene war zu dankbar und der Triumph zu groß, um ohne Publikum genossen werden zu können. Der unschuldig Angeklagte mußte Zeugen haben; er machte die Tür zum Laden auf.
»Andersson!« rief er. »Beantworten Sie mir eine Frage: hören Sie genau zu! Wenn ich ein falsches Zeugnis abgebe, bin ich dann ein Schuft oder bin ich es nicht?«
»Sie sind natürlich ein Schuft, Herr Prinzipal,« antwortete Andersson ohne Bedenken und mit Wärme.
»Hörst du: er sagt, ich bin ein Schuft — wenn ich eine falsche Quittung unterschreibe. Nun, was habe ich vorhin gesagt? Du bist nicht ehrlich, Arvid; du bist nicht ehrlich! Das habe ich schon immer gesagt! Gutmütige Menschen sind sehr oft Schufte; und du bist immer gutmütig und nachgiebig gewesen, aber ich habe gemerkt, daß du insgeheim andere Gedanken hegtest; du bist ein Schuft! Das hat dein Vater auch gesagt, ich betone ›gesagt‹, denn er sagte immer, was er dachte und war ein rechtschaffener Mann, Arvid, und das — bist — du — nicht! Sei überzeugt: wenn er jetzt noch lebte, so würde er mit Schmerz und Gram sagen: Du bist nicht ehrlich, Arvid! Du — bist — nicht ehrlich!«
Er schritt wieder einige Diagonalen ab, und es klang, als applaudiere er seiner Szene mit den Füßen, und er klingelte mit dem Schlüsselbund, als gebe er das Signal für den Vorhang. Die Schlußreplik war so abgerundet gewesen, daß jede Hinzufügung das Ganze verderben würde. Trotz der schweren Beschuldigung, die er tatsächlich seit mehreren Jahren erwartet hatte, denn er war immer der Überzeugung gewesen, daß der Bruder ein falsches Herz habe, war er sehr froh, daß es jetzt vorüber war, und so glücklich vorüber, so gut und so sinnreich vorüber, daß er fast fröhlich und sogar ein wenig dankbar gestimmt wurde. Außerdem hatte er ja eine so gute Gelegenheit gefunden, loszuwettern, nachdem er oben in der Familie gereizt worden war; seinen Zorn an Andersson auszulassen, hatte im Lauf der Jahre seinen Reiz eingebüßt, — und ihn oben auszulassen — dazu hatte er die Lust verloren.
Arvid war verstummt; er war eine durch die Erziehung so eingeschüchterte Natur, daß er immer etwas Unrechtes zu tun glaubte; er hatte von Kind an diese furchtbar großen Worte: rechtschaffen, ehrlich, aufrichtig, wahrhaft täglich und stündlich aussprechen hören, so daß sie wie Richter vor ihm standen, die ihn immer schuldig sprachen. Er dachte einen Moment, er habe sich in seinen Berechnungen getäuscht, der Bruder sei unschuldig und er selber wirklich ein Schuft; aber im nächsten Augenblick sah er in dem Bruder einen Betrüger, der mit einfachem Advokatengeschwätz ihn übertölpelte, und er wollte sich aus dem Staube machen, um nicht mit ihm in Streit zu geraten, wollte sich aus dem Staube machen, ohne ihm sein Anliegen Nummer 2 vorzutragen: daß er nämlich im Begriff stehe, seinen Beruf zu wechseln.
Die Pause wurde länger, als beabsichtigt war. Karl Nikolaus hatte also Zeit, in der Erinnerung seine eben erlebten Triumphe durchzugehen. Das kleine Wort »Schuft« tat der Zunge so wohl, wenn sie es aussprechen konnte, genau so wohl wie das Wort »Hinaus!«. Und das Öffnen der Tür und Anderssons Antwort und die Vorführung des Dokuments, alles hatte so gut geklappt; das Schlüsselbund war nicht auf dem Nachttisch liegengeblieben, das Schloß hatte funktioniert, das Dokument war bindend gewesen wie ein Garn und die Schlußfolgerung wie die Angel, die den Hecht in ihrer Schlinge fängt. Er war in gute Laune gekommen; er hatte verziehen, nein, er hatte vergessen, alles vergessen, und als er den Geldschrank wieder zuwarf, da verschloß er die unangenehme Affäre für immer. Aber er wollte sich nicht so von dem Bruder trennen, er hatte das Verlangen, über andere Dinge mit ihm zu sprechen, ein paar Schaufeln Geschwätz über das unangenehme Thema zu werfen, ihn in einer alltäglichen Situation zu sehen, zum Beispiel ihn an einem Tisch sitzen zu sehen, warum nicht essend und trinkend? Die Menschen sahen immer vergnügt und zufrieden aus, wenn sie aßen und tranken, und er wollte ihn vergnügt und zufrieden sehen; er wollte sein Gesicht ruhig sehen und hören, daß seine Stimme nicht mehr zitterte, und kam zu dem Entschluß, ihn zum Frühstück einzuladen. Die Schwierigkeit war, einen Übergang zu finden, eine geeignete Brücke, die man über den Abgrund werfen konnte. Er suchte in seinem Kopf, fand aber keine, er suchte in seinen Taschen und fand die — Streichholzschachtel.
»Teufel auch, du hast ja deine Zigarre nicht angesteckt, Junge!« sagte er mit wirklicher, nicht erheuchelter Wärme.
Aber der Junge hatte seine Zigarre im Lauf des Gesprächs zerbröckelt, und sie wollte nicht mehr brennen.
»Hier, nimm dir eine neue!«
Er holte sein großes Lederetui heraus:
»Sieh her! Nimm nur! Es sind gute Zigarren!«
Der Bruder, der so unglücklich veranlagt war, keinen Menschen verletzen zu können, nahm das Anerbieten dankbar an, wie eine zur Versöhnung hingestreckte Hand.
»So, alter Junge,« fuhr Karl Nikolaus fort und schlug einen angenehmen Gesellschaftston an, auf den er sich so gut verstand. »Komm jetzt, dann gehen wir zu Riga und frühstücken ein bißchen! Komm nur!«
Arvid, an Freundlichkeit nicht gewöhnt, war hierüber so gerührt, daß er dem Bruder hastig die Hand drückte und hinauseilte, durch den Laden hindurch, ohne Andersson zu grüßen, hinaus auf die Straße.
Der Bruder blieb bestürzt stehen; dies konnte er nicht begreifen; was sollte das bedeuten! Davonlaufen, wenn er zum Frühstück eingeladen wurde; davonlaufen, und dabei war er doch nicht böse. Davonlaufen! Das würde ein Hund nicht getan haben, wenn man ihm ein Stück Fleisch hingeworfen hätte!
»Er ist so sonderbar!« murmelte er und stampfte über die Dielen. Darauf trat er an sein Pult, schraubte den Sessel so hoch, wie es ging, und kletterte hinauf. Von diesem erhöhten Platz pflegte er Menschen und Verhältnisse von einem höheren Gesichtspunkt zu betrachten und fand sie in der Regel klein, allerdings nicht so klein, daß sie nicht für seine Zwecke zu verwenden gewesen wären.