Brief von Doktor Borg, Stockholm, an Landschaftsmaler Sellén, Paris.
Lieber Sellén!
Du hast jetzt ein ganzes Jahr lang auf einen Brief von mir gewartet, aber nun habe ich wenigstens etwas zu schreiben. Ich wollte meinen Grundsätzen getreu zuerst von mir selber sprechen, aber ich habe mich in Höflichkeit zu üben, denn ich muß mir jetzt bald mein Brot verdienen; ich fange also mit Dir an! Ich gratuliere mir, daß Dein Bild in der Ausstellung angenommen worden ist und dort solchen Effekt gemacht hat. Isaak hat die Notiz ins »Graumützchen« gebracht, ohne Wissen des Redakteurs, so daß dieser vor Wut schäumte, als er es las, denn er hatte geschworen, aus Dir sollte nie etwas werden. Da Du nun aber im Ausland anerkannt bist, hast Du natürlich auch hier daheim einen Namen, und ich brauche mich Deiner nicht mehr zu schämen.
Um nichts zu vergessen und um mich kürzer fassen zu können, denn ich bin faul und müde nach anstrengendem Dienst in der Entbindungsanstalt, verfasse ich meinen Brief in Notizenform, ganz wie im »Graumützchen«, so daß Du auch leichter das überspringen kannst, was dich nicht interessiert.
Die politische Lage wird immer interessanter; alle Parteien haben sich gegenseitig mit Geschenken und Gegengeschenken bestochen, so daß sie nun alle miteinander grau sind. Diese Reaktion wird wahrscheinlich mit Sozialismus enden. Es ist stark die Rede davon, die Zahl der Kreise auf achtundvierzig zu erhöhen, denn in der Ministerkarriere wird man jetzt am schnellsten befördert, besonders da nicht einmal das Volksschullehrerexamen dazu erforderlich ist. Ich sprach neulich mit einem meiner Schulkameraden, der schon Minister a. D. ist, und er behauptete, es sei viel leichter, Minister zu sein als Expeditionssekretär. Die Tätigkeit soll sehr an die Arbeit erinnern, die man zu tun hat, wenn man eine Bürgschaft leistet: man braucht nur zu unterschreiben! Mit der Bezahlung wird es nicht so genau genommen, man hat ja den zweiten Bürgen.
Was die Presse betrifft — ja, die kennst Du! Im allgemeinen hat sie sich als Geschäft konstituiert, das heißt, sie folgt der Ansicht der momentanen Majorität, und die Majorität, das heißt die meisten Abonnenten, ist reaktionär. Ich habe eines Tages einen liberalen Zeitungsmann gefragt, warum er so gut über Dich schreibe, ohne Dich zu kennen. Er sagte, das liege daran, daß Du die öffentliche Meinung, das heißt die meisten Abonnenten, für Dich hättest. »Nun, aber wenn die öffentliche Meinung sich gegen ihn wendet?« — »Dann stürze ich ihn natürlich!«
Unter solchen Verhältnissen ist es Dir wohl verständlich, daß die ganze nach 65 herangewachsene Generation, die nicht im Reichstag vertreten ist, die Lage verzweifelt findet; deshalb sind sie auch Nihilisten, das heißt sie ....... auf alles oder sehen ihren Vorteil darin, konservativ zu werden, denn unter solchen Verhältnissen liberal bleiben, das ist des Teufels!
Die wirtschaftliche Lage ist gedrückt; der Banknotenvorrat, meiner wenigstens, reduziert; auch die feinsten Papiere, von zwei Doktoren unterzeichnet, werden von keiner Bank angenommen.
Die Aktiengesellschaft Triton liquidierte, wie Du weißt, in der Weise, daß Direktoren und Liquidatoren alle gedruckten Aktien übernahmen, während Aktionäre und Depositäre von der bekannten Norrköpinger Gesellschaft (der einzigen, die sich in diesen Schwindelzeiten gut gehalten hat) allerlei lithographische Papiere bekamen; ich habe eine Witwe gesehen, die die Hand voll Obligationen für einen Marmorbruch hatte; es waren große, schöne Bogen, rot und blau bedruckt, auf denen immer wieder 1000 Kronen graviert war, und darunter standen, ganz als hätten sie Bürgschaft geleistet, die Namen von Leuten, von denen mindestens drei das Ehrengeläut für die Inhaber des Seraphimerordens bekommen, wenn sie aufhören, in dieser Welt Aktionäre zu sein.
Der Freund und Bruder Nikolaus Falk, der seiner privaten Darlehnswirtschaft überdrüssig geworden ist, weil sie ihm kein volles bürgerliches Ansehen schenkte, was doch die öffentliche tut, beschloß, sich mit einigen sachverständigen (!) Personen zu vereinigen und eine Bank zu gründen. Das Neue an dem Programm wurde folgendermaßen angekündigt: »Da die Erfahrung gelehrt hat — wahrlich eine betrübende Erfahrung! — (Levin ist der Verfasser, das merkst Du!), daß Depositenscheine nicht hinlängliche Sicherheit bieten, um anvertraute Wertsachen, das heißt deponiertes Geld, auch wirklich zurückzubekommen, so haben die Unterzeichneten, erfüllt von uneigennützigem Eifer für die vaterländische Industrie, und um dem wohlhabenden Publikum eine größere Sicherheit zu bieten, sich als Bank konstituiert, unter dem Namen Depositen-Garantie-Aktiengesellschaft. Das Neue und Sichere, denn nicht alles Neue ist sicher, in unserer Idee ist, daß die Depositäre statt der wertlosen Depositenscheine Wertpapiere im vollen Betrag der hinterlegten Summe bekommen usw. Das Geschäft ist noch im Gange, und Du kannst Dir denken, was für Papiere statt des Depositenscheins ausgehändigt werden. Mit seinem scharfen Blick erkannte Falk, wie großen Vorteil er aus einem Menschen mit so weitgehender ökonomischer Erfahrung ziehen kann, wie Levin sie besitzt, der außerdem, durch seine Pumpgeschäfte, ungeheuer viele Menschen kennt; um ihn aber richtig vorzubereiten und ihn mit allen Irrwegen eines Geschäfts und besonders der juristischen Seite voll vertraut zu machen, schlug Falk ihn mit seinem Schuldschein zu Boden und zwang ihn zum Konkurs. Dann trat er als Retter auf und machte ihn zu einer Art finanziellem Beirat mit dem Titel Direktionssekretär, und nun sitzt Levin da in einem kleinen Privatzimmer, darf sich aber in der Bank nicht sehen lassen. Kassierer ist Isaak. Er hat das Abiturium gemacht (mit Lateinisch, Griechisch und Hebräisch, ebenso den juristischen und philosophischen Doktor mit den höchsten Nummern in allen Fächern — sein Examen wurde natürlich im »Graumützchen« erwähnt). Er arbeitet jetzt zum juristischen Staatsexamen und schachert einstweilen auf eigene Faust. Er ist wie der Aal, er hat neun Leben und lebt von nichts! Er trinkt keinen Alkohol, genießt kein Nikotin in irgendeiner Form; ob er sonst irgendwelche Laster hat, weiß ich nicht, aber er ist furchtbar! Er hat eine Eisenhandlung in Härnösand, ein Zigarrengeschäft in Helsingfors und ein Galanteriewarengeschäft in Södertelge; außerdem hat er im Süden von Stockholm ein paar kleine Häuser! Er ist ein Mann der Zukunft, sagen die Leute, er ist ein Mann der Gegenwart, finde ich. Der Bruder Levi hat sich nach Abwicklung der Geschäfte des Triton mit einem recht hübschen Vermögen, wie man sagt, zu Privatgeschäften zurückgezogen. Er soll das Waldkloster haben kaufen wollen, um es in einem neuen Stil zu restaurieren, den sein Onkel von der Kunstakademie erfunden hat. Das Angebot ist aber abgelehnt worden. Levi war sehr beleidigt darüber und schrieb im »Graumützchen« eine Notiz mit der Überschrift: Judenverfolgung im neunzehnten Jahrhundert, wodurch er sich die lebhaften Sympathien der gebildeten Kreise zuzog; er kann durch diesen Coup Reichstagsabgeordneter werden, wenn er Lust hat. Er bekam sogar eine Dankadresse von seinen Glaubensgenossen (als wenn Levi einen Glauben hätte!), in der sie ihm dafür dankten (sie war im »Graumützchen« abgedruckt), daß er die »Rechte« der Juden verteidige (nämlich das Waldkloster zu kaufen!). Die Adresse wurde bei einem Fest im Grünen Jäger überreicht, zu dem auch eine ganze Menge Schweden (ich führe die Judenfrage immer auf das richtige Gebiet — das ethnographische — zurück) eingeladen waren, zu verdorbenem Lachs und offnem Wein. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Helden des Tags unter großer Rührung (siehe »Graumützchen«) eine Ehrengabe von zwanzigtausend Kronen (in Kroppaktien) überreicht, für das »Heim für verwahrloste Kinder evangelischen Glaubens« (immer muß der Glaube herhalten). Ich bin auch auf dem Fest gewesen und habe — was ich noch nie erlebt — Isaak betrunken gesehen! Er erklärte, er hasse mich und Dich und Falk und alle Weißen — er nannte uns abwechselnd Weiße und Eingeborene und »Roche«; das letzte Wort kenne ich nicht, aber als er es aussprach, scharten sich sofort zahllose »Schwarze« um uns und machten so unheimliche Gesichter, daß Isaak mich in ein Nebenzimmer schleppte. Dort brach er los: sprach von seinen Leiden als Kind in der Klara-Schule, wie Lehrer und Kameraden ihn mißhandelt und zurückgesetzt, wie die Straßenjungen ihn auf der Straße geprügelt hätten; das Rührendste war eine Erzählung aus seiner Soldatenzeit: er war bei der Andacht vor die Front gerufen worden, um das Vaterunser zu beten, und als er das nicht konnte, wurde er verhöhnt. Seine Schilderung hat mich veranlaßt, meine Ansichten über ihn und seine Rasse zu ändern.
Der Religionssnobismus und die Wohltätigkeitscholera grassieren in hohem Maße und machen den Aufenthalt im Vaterlande sehr angenehm. Du kennst zwei von diesen Haaren des Teufels: Frau Falk und Frau Revisor Homan; die beiden kleinlichsten, eitelsten und boshaftesten Geschöpfe, die nur je müßig herumgelaufen sind; Du erinnerst Dich an ihre Kinderkrippe und deren Ende; jetzt haben sie ein Magdalenenheim gegründet, und die erste, die aufgenommen wurde, war — auf meine Empfehlung — die Marie aus der Neuen Gasse! Die Arme hatte ihre ganzen Ersparnisse einem Handwerksburschen geliehen, der damit durchgebrannt ist. Jetzt ist sie froh, alles umsonst zu haben und die bürgerliche Achtung wiederzugewinnen. Das viele Gotteswort, das mit all solcher Wirksamkeit verbunden ist, erklärt sie aushalten zu können, wenn sie nur morgens ihren Kaffee habe.
Du erinnerst Dich auch Pastor Skaares; er hat die Stelle des Pastor primarius nicht bekommen; aus Ärger darüber ist er jetzt dabei, eine neue Kirche zusammenzubetteln; gedruckte Bettellisten, unterzeichnet von den reichsten Magnaten Schwedens, rufen die allgemeine Barmherzigkeit an. Die Kirche, die dreimal so groß wie die Blasieholmskirche werden und einen wolkenhohen Turm haben soll, wird da stehen, wo jetzt die Sankt-Katarinenkirche steht; diese soll nämlich angekauft und niedergerissen werden, weil sie sich als zu klein erwiesen hat für das große geistige Bedürfnis, das jetzt das schwedische Volk reitet. Die zusammengebettelten Mittel sind schon so groß, daß man zu ihrer Verwaltung bereits einen Rendanten (mit freier Wohnung und Heizung) hat ernennen müssen. Kannst Du raten, wer dieser Rendant ist? — Hör zu! Struve! — Er ist in letzter Zeit etwas religiös geworden — ich sage etwas, weil es nicht viel ist, aber doch hinreichend für seine kleinen Verhältnisse, denn nun wird er von den Gläubigen protegiert. Das hindert ihn nicht, seine Zeitungsschreiberei und sein Trinken fortzusetzen; aber sein Herz ist nicht weich; er ist im Gegenteil erbittert auf alle, die dem Verfall entgangen sind, denn, unter uns, er ist entsetzlich verkommen; deshalb haßt er Falk und Dich und hat sich vorgenommen, Euch niederzuschlagen, sobald Ihr wieder von Euch hören laßt. Um aber die Rendantenwohnung beziehen und die Heizung verbrennen zu können, hat er sich trauen lassen müssen, was in aller Stille oben auf dem Weißen Berge vor sich gegangen ist. Ich war Trauzeuge (betrunken natürlich) und habe mir die Szene angesehen. Die Frau hat sich ebenfalls auf das Gottesgnadentum geworfen, nachdem sie erfahren hat, daß es vornehm ist. — Lundell hat das religiöse Gefühl völlig ad acta gelegt und malt nur noch Bilder von geschäftsführenden Direktoren, wodurch er Lehrer an der Kunstakademie geworden ist. Er ist jetzt auch unsterblich, weil ein Bild von ihm sich im Nationalmuseum befindet. Die Methode war sehr einfach und ist zur Nachahmung zu empfehlen: Smith hat dem Museum ein von Lundell gemaltes Genrebild geschenkt, dafür hat Lundell ihm gratis sein Porträt malen müssen! — Das ist fein? Was?
Schluß eines Romans. Ich sitze eines Sonntags vormittags, in der kurzen Stunde, wenn der Sabbatfriede nicht von den schrecklichen Glocken gestört wird, in meinem Zimmer und rauche. Da klopft es an die Tür, und herein kommt ein großer, hübscher Kerl, den ich zu kennen glaube — es ist Rehnhjelm. Gegenseitiges Examen. Er ist Verwalter eines großen Betriebes und recht zufrieden mit seiner Welt. Es klopft noch einmal. Herein kommt Falk (mehr von ihm weiter unten). Alte Erinnerungen und gemeinsame Bekannte werden erörtert. Dann kommt der bekannte Augenblick nach einem eifrigen Gespräch, wo es still wird und eine sonderbare Pause entsteht! Rehnhjelm griff nach einem Buch, das ihm gerade zur Hand lag, blätterte darin und begann laut zu lesen:
»›Ein Kaiserschnitt. Akademische Abhandlung, die mit Genehmigung der hohen medizinischen Fakultät im kleinen Hörsaal des Gustavianums öffentlich verteidigt wird.‹ Das sind ja schreckliche Figuren; wer ist denn so unglücklich, daß er nach seinem Tode auf diese Weise umgehen muß?«
»Sieh nach!« sagte ich, »das steht auf Seite zwei.«
Er las weiter:
»Das Becken, das unter Nr. 38 in der pathologischen Sammlung der Akademie — Nein, das war es nicht. Unverehelichte Agnes Rundgren.«
Der Mann wurde weiß wie Kalk und mußte aufstehen und Wasser trinken.
»Hast du sie gekannt?« fragte ich, um ihn etwas abzulenken.
»Ob ich sie gekannt habe! Sie war in X-köping am Theater und ist später nach Stockholm gegangen in ein Restaurant, wo sie sich Beda Pettersson nannte.«
Jetzt hättest Du Falk sehen müssen. Es gab eine Szene, die damit endete, daß Rehnhjelm die Frauen im allgemeinen verfluchte, worauf Falk sehr erregt erwiderte, es gebe zwei Arten von Frauen, darauf bitte er aufmerksam machen zu dürfen, und zwischen Frauen und Frauen sei ein so großer Unterschied wie zwischen Engeln und Teufeln. Und er sprach mit solcher Rührung, daß Rehnhjelm die Tränen in die Augen traten.
Ja, Falk! Den habe ich mir bis zuletzt aufgehoben. Er hat sich verlobt! Wie das zugegangen ist? Er selbst hat das folgendermaßen erzählt: »Wir sahen uns!« Wie Du weißt, habe ich niemals fertige Ansichten, sondern warte immer noch auf neue Erfahrungen, aber was ich bisher gesehen habe, scheint unstreitig zu beweisen, daß die Liebe etwas ist, worüber wir Junggesellen nicht urteilen können — was wir mit diesem Namen bezeichnen, ist nur Liederlichkeit! Lache nur, Du alter Spötter!
Ich habe sonst nur in schlechten Theaterstücken eine so rasche Charakterentwicklung gesehen wie damals bei Falk. Mit der Verlobung ging es nicht sehr rasch, das mußt Du nicht denken. Der Vater war ein alter Witwer, Egoist, Pensionär, der seine Tochter als ein Kapital betrachtete: durch eine reiche Heirat sollte sie ihm ein angenehmes Alter schaffen (ein sehr häufiger Fall). Er sagte rundheraus nein! Da hättest Du Falk sehen sollen. Er ging ein Mal übers andere zu ihm und wurde hinausgeworfen, aber er kam wieder und sagte dem Alten gerade ins Gesicht, sie würden ohne seine Einwilligung heiraten, wenn er nicht nachgebe; ich weiß nicht, aber ich glaube, sie haben sich geprügelt. Dann eines Abends begleitete Falk seine Braut von Verwandten, bei denen er sich eingeführt hatte, nach Hause. Als sie in die Straße kamen, sahen sie beim Laternenschein den Alten im Fenster liegen — er hat ein kleines Haus in der Hornzollstraße, das er allein bewohnt. Falk rüttelt an der Gartentür; er rüttelt eine Viertelstunde lang, niemand öffnet! Er klettert über den Zaun, wird von einem großen Hund angefallen, den er überwältigt und in den Müllkasten sperrt (denke Dir den ängstlichen Falk); darauf zwingt er den Hausmann, aufzustehen und zu öffnen; jetzt standen sie auf dem Hof; blieb noch die Haustür; er schlägt mit einem großen Stein gegen die Tür, aber von innen hört man keinen Laut. Da holt er aus dem Garten eine Leiter und klettert zum Fenster des Alten hinauf (genau wie ich es selbst auch gemacht haben würde) und ruft: Aufmachen, sonst schlage ich das Fenster ein! Da ertönt von innen die Stimme des Alten: »Schlag, du Lümmel, dann schieße ich dich nieder!« Falk schlug das Fenster ein. Es blieb eine Weile totenstill. Schließlich hörte er durch die zerschmetterte Scheibe: »Das war stilvoll (der Alte war Soldat gewesen)! Du bist mein Mann!« — »Ich schlage nicht gern Fenster ein,« sagte Falk, »aber für Ihre Tochter tue ich alles!« und damit war die Sache in Ordnung.
Er verlobte sich! Du mußt bedenken, daß vor kurzem der Reichstag die große Reorganisation der Ämter vorgenommen hat, wobei Gehälter und Stellen verdoppelt wurden, so daß ein junger Mann sich schon in der untersten Gehaltsklasse verheiraten kann! Er will im Herbst heiraten. Sie bleibt Lehrerin, das ist sie nämlich! Ich weiß sehr wenig von der Frauenfrage, denn sie geht mich nichts an, aber ich glaube, nach dem, was ich gesehen habe, daß unsere Generation das Asiatische abschaffen wird, das der Ehe noch anhaftet. Beide Parteien schließen einen freien Vertrag, keiner gibt seine Selbständigkeit auf, keiner versucht den andern zu erziehen, jeder lernt die Schwächen des andern respektieren, und man hat eine Kameradschaft fürs Leben, die nicht dadurch langweilig wird, daß der eine Teil auf Zärtlichkeit pocht. Frau Nikolaus Falk, Du weißt, diese wohltätige Teufelin, halte ich für nichts anderes als eine femme entretenue, und so sieht sie sich selbst auch an; die meisten Frauen verheiraten sich, um es gut zu haben und nicht mehr arbeiten zu müssen, um selbständig zu werden; daß so wenig Ehen geschlossen werden, das ist die Schuld der Frau, aber auch die des Mannes.
Falk aber ist undurchdringlich; er hat sich auf die Numismatik geworfen mit einem Eifer, der nicht ganz natürlich ist, ja ich habe ihn sogar neulich davon reden hören, er sei mit der Ausarbeitung eines Lehrbuchs der Numismatik beschäftigt und wolle versuchen, es in den Schulen einzuführen, wo die Münzenkunde Lehrfach werden solle; nie liest er eine Zeitung; nie weiß er, was in der Welt passiert; und die Schriftstellerei scheint er sich ganz aus dem Sinn geschlagen zu haben. Er lebt nur für seinen Dienst und seine Braut, die er vergöttert; aber ich glaube nicht an dies alles. Falk ist ein politischer Fanatiker, der weiß, daß er verbrennen würde, wenn er der Flamme Spielraum gäbe, deshalb löscht er sie durch strenge, trockne Studien aus; ich glaube jedoch nicht, daß es ihm gelingt, denn wenn er sich derartig Zwang antut, befürchte ich einmal eine Explosion; übrigens — unter uns — glaube ich, daß er einer der heimlichen Gesellschaften angehört, die Reaktion und Militarismus auf dem Kontinent hervorgerufen haben. Als ich ihn neulich im Reichstag sah, als Herold bei der Thronrede, im roten Purpurmantel, mit der Feder am Barett und dem Stab in der Hand, zu Füßen des Thrones (zu Füßen des Thrones!) — da dachte ich: ja, es ist eine Sünde, das zu sagen; als aber der Minister Seiner Majestät des Königs gnädige Propositionen über Zustand und Bedürfnisse des Reiches vorbrachte, da sah ich einen Blick in Falks Augen, der ungefähr sagte: »Was weiß Seine Majestät von der Lage und den Bedürfnissen des Reiches?« Der Mann, der Mann!
Nun habe ich wohl meine Rundschau beendet, ohne jemanden vergessen zu haben. Leb also für diesmal wohl! Du wirst bald wieder von mir hören!
H. B.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig