Der Schnee fällt so leicht, so leise, so weiß auf die neue Königsholmbrücke, als Falk und Sellén abends an der Feuermühle und dem Seraphimlazarett vorbeiwandern, um Borg ins Rote Zimmer abzuholen.
»Merkwürdig, was der erste Schnee für einen, ich will nicht gerade sagen feierlichen Eindruck macht,« sagte Sellén. »Die schmutzige Erde wird ...«
»Bist du sentimental?« unterbrach Falk höhnisch.
»Nein, ich äußerte mich nur als Landschaftsmaler.«
Sie gingen schweigend weiter durch den Schnee, der ihnen um die Füße wirbelte.
»Der Königsholm mit seinen Lazaretten ist mir immer etwas unheimlich vorgekommen,« bemerkte Falk.
»Bist du sentimental?« sagte Sellén höhnisch.
»Nein, das bin ich nicht, aber dieser Stadtteil macht immer einen gewissen Eindruck auf mich.«
»Ach, Unsinn! Er macht gar keinen Eindruck; das ist ein Irrtum von dir! Sieh, jetzt sind wir da, und bei Borg ist Licht. Mich soll wundern, ob er heute abend ein paar nette Leichen hat.«
Sie standen jetzt vor der Pforte des Instituts; das riesige Gebäude blickte mit seinen großen, dunklen Fenstern auf sie nieder, als wolle es fragen, wen sie zu dieser späten Stunde suchten; sie wateten durch den Gang an dem Rondell vorbei und betraten das kleine Gebäude rechts. Ganz hinten im Saal saß Borg allein bei seiner Lampe und arbeitete an dem Körper eines abgeschnittenen Gehängten, den er auf die furchtbarste Art entstellt hatte.
»Guten Abend, Kinder,« sagte Borg und legte das Messer hin. »Wollt ihr einen Bekannten sehen?«
Er wartete nicht auf die Antwort, die ausblieb, sondern steckte eine Laterne an, griff nach seinem Überzieher und nahm ein Schlüsselbund in die Hand.
»Ich hätte nicht gedacht, daß wir hier Bekannte haben,« sagte Sellén, der den Humor nicht verlieren wollte.
»Kommt!« sagte Borg.
Sie gingen über den Hof nach dem großen Gebäude; die Tür kreischte und schloß sich hinter ihnen, und der Stearinlichtstumpf, der bei dem letzten Kartenspiel übriggeblieben war, warf seinen roten, machtlosen Schein über die weißen Wände. Die beiden Fremden versuchten in Borgs Gesicht zu lesen, ob es sich um einen Scherz handle, aber da stand nichts geschrieben.
Jetzt bogen sie links in einen Korridor ein, in dem der Laut ihrer Schritte widerhallte, als gehe jemand hinter ihnen her. Falk hielt sich dicht hinter Borg, um Sellén im Rücken zu wissen.
»Hier!« sagte Borg und blieb mitten im Gang stehen.
Keiner sah etwas anderes als Wände. Aber man hörte ein Geräusch wie einen sachten Regen, und ein sonderbarer Duft wie von einem feuchten Gartenbeet oder einem Nadelwald im Oktober schlug ihnen entgegen.
»Rechts!« sagte Borg.
Die rechte Wand war aus Glas, und hinter ihr sah man drei weiße Körper auf dem Rücken liegen.
Borg holte einen Schlüssel heraus, öffnete die Glastür und ging hinein.
»Hier!« sagte er und blieb vor dem zweiten von den dreien stehen.
Es war Olle! Er hatte die Arme über der Brust verkreuzt, als halte er Mittagsschlaf; die Lippen hatten sich nach oben gezogen, so daß er zu lächeln schien; im übrigen war er gut erhalten.
»Ertrunken?« fragte Sellén, der sich zuerst faßte.
»Ertrunken. — Kennt einer von euch seine Kleider?«
An der Wand hingen drei traurige Hüllen, unter denen Sellén sofort die richtige herausfand, eine blaue Joppe mit Matrosenknöpfen und eine schwarze Hose mit weißen Knien.
»Bist du ganz sicher?«
»Ich muß doch meinen eigenen Rock kennen, — den ich von Falk gepumpt habe.«
Aus der Brusttasche der Joppe holte Sellén ein großes, sehr dickes Notizbuch heraus, das von Wasser klebrig und mit grünen Algen behängt war, die Borg enteromorph nannte. Er öffnete es beim Lichtschein und sah den Inhalt durch — ein paar verfallene Pfandscheine und ein Stoß beschriebener Zettel, auf denen geschrieben stand: »An den, der es lesen will!«
»Habt ihr jetzt genug gegafft?« sagte Borg. — »Dann gehen wir nach der Piperschen Mauer!«
Die drei Trauernden (Freunde war ein Wort, das nur von Lundell und Levin angewendet wurde, wenn sie Geld haben wollten) konstituierten sich in der nächsten Kneipe als Ausschuß des Roten Zimmers. Bei einem flammenden Feuer im Ofen und einer Batterie starker Getränke begann Borg die Verlesung der nachgelassenen Papiere, mußte aber dann und wann Falks Fertigkeit als Autograph in Anspruch nehmen, denn das Wasser hatte die Tinte verwischt, so daß es aussah, als habe der Schreiber geweint, wie Sellén scherzhaft bemerkte.
»Still jetzt!« sagte Borg und trank seinen Grog mit einer Grimasse, daß die Backenzähne zu sehen waren. »Jetzt fange ich an, und bitte mich nicht zu unterbrechen!«
»An den, der es lesen will!
Daß ich mir jetzt das Leben nehme, ist mein Recht, um so mehr, als ich damit in die Rechte keines andern Menschen eingreife, sondern vielmehr einen glücklich mache, wie man es nennt; ein Arbeitsposten und 400 Kubikfuß Luft täglich werden frei.
Ich begehe diese Tat nicht aus Verzweiflung, denn ein denkender Mensch verzweifelt nie, sondern ziemlich ruhigen Herzens; daß ein solcher Schritt Erregung hervorrufen muß, wird man wohl verstehen; diese Handlung aus Furcht vor dem, was hinterher kommt, aufzuschieben, vermag wohl nur der Erdensklave, der diesen Vorwand sucht, um hierbleiben zu dürfen, wo er es sicherlich nicht so schlecht gehabt hat. Ich fühle mich befreit bei dem Gedanken, dies Dasein verlassen zu dürfen, denn schlechter kann ich es nicht bekommen, wohl aber besser. — Bekomme ich überhaupt nichts, — so ist der Tod an sich schon eine Seligkeit, so groß wie die, nach schwerer körperlicher Arbeit in einem guten Bett schlafen zu dürfen; wer beobachtet hat, wie dann der Körper sich gewissermaßen in allen Gliedern löst und die Seele sich allmählich fortstiehlt, der wird den Tod nicht fürchten.
Wenn die Menschen so viel Aufhebens von dem Tode machen, so liegt das daran, daß sie sich zu tief in die Erde eingegraben haben, als daß sie das Herausreißen nicht schmerzlich empfinden müssen. Ich habe mich längst losgemacht; keine Familienbande, keine wirtschaftlichen, keine staatsrechtlichen oder juristischen Bande halten mich, und ich gehe von hinnen, weil ich ganz einfach die Lust zum Leben verloren habe. Keineswegs will ich damit andere, denen es gutgeht, auffordern, zu tun, was ich tue; sie haben ja keinen Grund dazu und können deshalb meine Tat nicht beurteilen; ob sie feig ist oder nicht, darüber habe ich nicht nachgedacht, denn das ist gleichgültig; übrigens ist es eine Angelegenheit ganz privater Natur. Ich habe nie darum gebeten, hierherkommen zu dürfen; folglich habe ich das Recht, zu gehen, wann es mir paßt.
Warum ich gehe? Das hat viele und tiefe Gründe, und ich habe weder die Zeit noch die Fähigkeit, sie hier auseinanderzusetzen. Deshalb halte ich mich an die nächsten, die für mich und meine Tat besondere Bedeutung haben.
In meiner Kindheit und Jugend war ich Arbeiter; ihr, die ihr nicht wißt, was es heißt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu arbeiten, um dann in einen tierischen Schlaf zu versinken, ihr habt euch dem Fluch des Sündenfalls entzogen — denn es ist ein Fluch, zu fühlen, wie die Seele in ihrem Wachstum stillsteht, während der Körper sich in die Erde hineinwühlt. Geh hinter dem Ochsen her, der den Pflug zieht, und laß tagaus, tagein das Auge an der grauen Erdscholle haften, so wirst du schließlich vergessen, zum Himmel aufzublicken; steh mit dem Spaten da und hebe in brennender Sonnenhitze einen Graben aus, und du wirst empfinden, wie du in den sumpfigen Boden einsinkst und deiner Seele das Grab gräbst. Das wißt ihr nicht, die ihr euch's den ganzen Tag über wohl sein laßt und in einer müßigen Stunde zwischen Frühstück und Mittag arbeitet, um dann eure Seelen im Sommer auszuruhen, wenn die Felder grün sind, — wenn ihr die Natur genießt wie ein Schauspiel, das veredelt und erhebt. Für den Erdarbeiter ist die Natur so nicht vorhanden; der Acker ist Brot, der Wald Holz, das Meer ein Waschfaß, die Wiese Käse und Milch — alles ist Erde ohne Seele. Als ich sah, daß die eine Hälfte der Menschheit mit ihren Seelen, die andere mit ihren Körpern arbeitete, da dachte ich anfangs, die Welt habe zwei Arten von Menschen vorgesehen; aber dann kam die Vernunft und stellte das in Abrede. Da empörte sich meine Seele, und ich beschloß, mich ebenfalls dem Fluch des Sündenfalls zu entziehen — und ich wurde Künstler.
Den vielbesprochenen Künstlertrieb kann ich analysieren, da ich ihn selber besessen habe. Er beruht zunächst auf einer breiten Basis von Sehnsucht nach Freiheit, nach Befreiung von nützlicher Arbeit; deshalb hat auch ein deutscher Philosoph das Schöne als das Unnützliche definiert; denn wenn ein Kunstwerk nützlich sein will, eine Absicht oder eine Tendenz verrät, so ist es schlecht; ferner beruht dieser Trieb auf Hochmut; der Mensch will in der Kunst Gott spielen, nicht als ob er etwas Neues schaffen könnte (das kann er nicht!), sondern er will umgestalten, verbessern, zusammenstellen. Er fängt nicht damit an, die Vorbilder, das heißt die Natur, zu bewundern, sondern er fängt mit Kritik an. Man findet alles so mangelhaft und will es besser machen. Dieser Hochmut, der einen treibt, und diese Befreiung vom Fluch des Sündenfalls, der Arbeit, bewirkt, daß der Künstler über andern Menschen zu stehen glaubt, was er in gewisser Weise auch tut; aber er muß sich beständig hieran erinnern, sonst kommt er leicht hinter seine eigenen Schliche — das heißt er erkennt, wie nichtig seine Tätigkeit und wie unberechtigt seine Flucht vor dem Nützlichen ist. Dies ständige Bedürfnis, seine unnütze Arbeit anerkannt zu sehen, macht ihn eitel, unruhig und oft tief unglücklich; wird er sich über sich selbst klar, so hört häufig sein Produktionsvermögen auf, und er geht unter, denn zurückkehren ins Joch, wenn er einmal die Freiheit gekostet hat, das kann nur der Religiöse.
Einen Unterschied zwischen Genie und Talent zu machen, das Genie als eine neue Eigenschaft hinzustellen, ist dumm, denn dann müßte man auch an die besondere Offenbarung glauben. Der größte Künstler hat gewisse Anlagen zu einer technischen Fertigkeit bekommen; ohne Übung sterben diese; deshalb hat jemand gesagt: Genie sei Fleiß; das kann man sagen; ebensogut wie so vieles andere, was zu einem Viertel wahr ist: kommt Bildung hinzu (was nicht häufig ist, weil Wissen bald zur Erkenntnis des Irrtums führt, so daß der Gebildete sich selten der Kunst zuwendet) und ein guter Verstand, so entsteht das Genie als Produkt einer ganzen Reihe von günstigen Umständen.
Ich verlor bald den Glauben an das Höhere in meinen Neigungen (meinem Beruf, Gott behüte mich), denn meine Kunst konnte keine einzige Idee ausdrücken, sie konnte allenfalls den Körper darstellen in der Situation, die eine den Gedanken begleitende Gemütsbewegung zu bezeichnen scheint, — konnte also aus dritter Hand einen Ausdruck geben. Das ist wie der Feldtelegraph — sinnlos für alle, die nicht die Bedeutung der Signale kennen. Ich sehe nur eine rote Flagge, der Soldat aber sieht den Befehl: Vorgehen! Übrigens hat bereits Plato, der doch ein so feiner Kopf und dazu ein Idealist war, das Nichtige der Kunst erkannt, als einen Schein vom Schein (der Wirklichkeit), weshalb er aus seinem Idealstaat auch den Künstler vertrieb. Es war ihm Ernst.
Da versuchte ich in die Sklaverei zurückzukehren, aber das war unmöglich. Ich versuchte in ihr meine höchste Pflicht zu finden, ich versuchte zu resignieren, aber das ist mir nicht gelungen. Meine Seele nahm Schaden, und ich war auf dem Wege, ein Vieh zu werden; ich fand bisweilen, die viele Arbeit sei geradezu Sünde, weil sie dem höheren Ziel, der Entwicklung der Seele, entgegenwirkte; da schwänzte ich und floh für einen Tag hinaus in die Natur, wo ich in Meditationen lebte, die mich unaussprechlich glücklich machten — doch dies Glück erschien mir als ein selbstsüchtiger Genuß, ebenso groß, ja größer als das Glück, das ich bei der künstlerischen Arbeit empfunden hatte, und da kam das Gewissen, das Pflichtgefühl wie eine Furie über mich, und ich floh zurück in mein Joch, das nun wieder lieblich war — für einen Tag!
Um mich von diesem unerträglichen Zustand zu befreien und Klarheit und Frieden zu finden, gehe ich dem Unbekannten entgegen! Ihr, die ihr meine Leiche sehen werdet — sehe ich unglücklich aus im Tode?«
Gelegentliche Aufzeichnungen bei Wanderungen im Freien
Der Plan der Welt ist die Befreiung der Idee von der Sinnlichkeit, die Kunst aber versucht die Idee in eine sinnliche Hülle zu kleiden, damit sie sichtbar wird. Also ...
Alles korrigiert sich selbst. Als die Künstlerwirtschaft in Florenz zu bunt wurde, kam Savonarola — o dieser tiefe Mann! — und sprach sein: Das ist nichts! Und die Künstler — und was für Künstler! — machten einen Scheiterhaufen aus ihren Kunstwerken. O dieser Savonarola!
Was mögen die Bilderstürmer in Konstantinopel gewollt haben? Was wollten die Anabaptisten und Bilderstürmer in den Niederlanden? Das wage ich nicht zu sagen, denn dann erscheinen am Samstag Karikaturen von mir — vielleicht auch schon am Freitag!
Die große Idee unserer Zeit: die Arbeitsverteilung führt zum Fortschritt der Gattung und zum Tod der Individuen! Was ist denn die Gattung? Das ist der Totalitätsbegriff, die Idee, sagen die Philosophen, und die Individuen glauben es und sterben für die Idee!
Es ist merkwürdig, daß die Fürsten immer wollen, was das Volk nicht will. Sollte einem solchen Mißverhältnis nicht auf sehr einfache und leichtverständliche Art abzuhelfen sein?
Als ich in reiferen Jahren meine Schulbücher wieder las, wunderte ich mich nicht, daß wir Menschen solche Dummköpfe sind! Ich habe neulich Luthers Katechismus gelesen und machte dabei
Einige Bemerkungen und Entwurf zu einem Katechismus.
(Nicht der Kommission einzureichen; das hier Mitgeteilte ist alles, was ich geschrieben habe.)
Das erste Gebot. Vernichtet den Glauben an einen Gott, denn es setzt voraus, daß es noch andere Götter gibt, etwas, was das Christentum auch anerkennt.
Anm. Der so gefeierte Monotheismus hat einen schlechten Einfluß auf die Menschen gehabt, denn er hat sie der Achtung und Liebe für den Einzigen und Wahren beraubt dadurch, daß die Erklärung des Bösen ausgeblieben ist.
Das zweite und dritte Gebot enthalten wirkliche Lästerungen, weil der Verfasser unserm Herrgott so kleinliche und dumme Vorschriften in den Mund legt, die eine Beleidigung seiner Allweisheit sind, und die dem Verfasser einen Prozeß zugezogen haben würden, wenn er in unsern Tagen gelebt hätte.
Das vierte Gebot müßte folgenden Wortlaut haben: Du sollst dich von deiner angeborenen Ehrfurcht vor deinen Eltern nicht verleiten lassen, auch ihre Fehler zu bewundern, und du brauchst sie nicht mehr zu ehren, als sie verdienen. Du bist unter keinen Umständen den Eltern irgendwelche Dankbarkeit schuldig, denn sie haben dir keinen Gefallen damit getan, daß sie dich in die Welt gesetzt haben; daß sie dich ernähren und dich kleiden, das gebietet ihnen sowohl ihr Egoismus als auch das bürgerliche Gesetz. Die Eltern, die von ihren Kindern Dankbarkeit erwarten (es gibt sogar Eltern, die Dank verlangen), sind wie Wucherer: sie setzen gern das Kapital aufs Spiel, wenn sie nur Zinsen bekommen.
Anm. 1. Wenn die Eltern (besonders die Väter) ihre Kinder häufiger hassen als lieben, so liegt das daran, daß die Kinder ihren Wohlstand einschränken. Es gibt Eltern, die ihre Kinder wie Aktien behandeln, von denen sie unaufhörlich Dividenden verlangen.
Anm. 2. Dies Gebot hat die ungeheuerlichste aller Regierungsformen geschaffen, die Familientyrannei, gegen die schwerlich eine Revolution helfen kann. Die Menschheit würde mit Kinderschutzvereinen mehr Ehre einlegen als mit Tierschutzvereinen.
(Fortsetzung folgt.)
Schweden ist eine Kolonie, die ihre Blütezeit, die Epoche der Großmacht, gehabt hat, und nun gleich Griechenland, Italien und Spanien in den ewigen Schlaf einzugehen scheint.
Die schreckliche Reaktion, die nach 1865, dem Todesjahr der Hoffnungen, eingetreten ist, hat demoralisierend auf das neue Geschlecht gewirkt, das herangewachsen ist. Eine größere Gleichgültigkeit gegen die Allgemeinheit, einen größeren Egoismus, eine größere Irreligiosität hat man seit langer Zeit in der Geschichte nicht gesehen. Es stürmt draußen in der Welt, und die Völker brüten vor Wut gegen die Tyrannei, doch hier im Lande feiert man nur Jubelfeste.
Der Pietismus ist die einzige Äußerung von Seelenleben bei dem schlafenden Volk; das Mißvergnügen wirft sich der religiösen Resignation in die Arme, um nicht in Verzweiflung oder ohnmächtige Raserei zu verfallen.
Pietisten und Pessimisten gehen von dem gleichen Grundsatz aus: von der Erbärmlichkeit des Daseins, und streben dem gleichen Ziele zu: der Welt zu entsagen, mit Gott zu leben.
Aus Berechnung konservativ zu sein ist die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann. Das ist ein Attentat gegen die Weltidee, für drei Silberlinge, denn der Konservative sucht die Entwicklung zu hindern; er stemmt den Rücken gegen die rollende Erde und sagt: steh still! Es gibt nur eine Entschuldigung: Dummheit; schlechte Geldverhältnisse sind keine Entschuldigung, wohl aber ein Motiv.
Ich frage mich, ob Norwegen für uns nicht ein neuer Flicken auf einem alten Kleide wird.
Stjernhelm, der ein dummer Kerl war, schrieb schon im siebzehnten Jahrhundert folgendes über Schweden:
»Nun, was sagt ihr dazu?« fragte Borg, als er die Lektüre beendet und einen Kognak getrunken hatte.
»Ach, gar nicht so übel; es hätte freilich etwas witziger sein können,« sagte Sellén.
»Nun, was sagst du denn, Falk?«
»Es ist ja das übliche Gewinsel — nichts weiter. Wollen wir jetzt gehen?«
Borg sah ihn an, um festzustellen, ob es Ironie sei, aber er sah nichts Beunruhigendes.
»Ja,« sagte Sellén, »Olle hat seligere Gefilde aufgesucht; nun, jetzt hat er es ja gut; jetzt braucht er sich nicht mehr ums Mittagessen zu sorgen. Ich möchte wissen, was der Wirt im ›Knopf‹ hierzu sagen wird. Er hatte doch wohl einen kleinen Klaps, wie er es nannte. Ja ja!«
»Was für eine Herzlosigkeit! Was für eine Roheit! Pfui Teufel, diese Jugend!« brach Falk los, warf Geld auf den Tisch und griff nach seinem Mantel.
»Bist du sentimental?« höhnte Sellén.
»Ja, das bin ich! Adieu!«
Und er ging.