Es war ein Abend Anfang Mai. Der kleine Park auf Mosebacke war für das Publikum noch nicht geöffnet, und die Beete waren noch nicht umgegraben; die Schneeglöckchen hatten sich durch die Laubansammlungen des Vorjahres hindurchgearbeitet und waren gerade im Begriff, ihre kurze Laufbahn abzuschließen, um den empfindlicheren Krokus Platz zu machen, die unter einem unfruchtbaren Birnbaum Schutz gesucht hatten; der Flieder wartete auf südliche Winde, um aufzublühen, aber die Linden boten den Buchfinken, die ihre mit Flechten bekleideten Nester zwischen Stamm und Ast zu bauen begonnen hatten, in ihren unaufgesprungenen Knospen noch Liebesdecken; noch hatte kein menschlicher Fuß die Kieswege betreten, seit der Schnee des letzten Winters verschwunden war, daher führten Tiere und Blumen ein sorgloses Leben in diesem Park. Die Spatzen sammelten allen möglichen Plunder, den sie dann unter den Dachpfannen der Navigationsschule versteckten; sie schleppten sich mit Stücken von den Raketenhülsen vom letzten Herbstfeuerwerk, sie lasen Strohhalme von den jungen Bäumen, die im Jahre vorher aus der Baumschule in Rosendal gekommen waren und — sie sahen alles! Sie entdeckten Mullfetzen in Lauben und holten auch wohl zwischen den Splittern eines Bankfußes Haarbüschel von Hunden hervor, die sich seit dem Josephinentage im vorigen Jahr nicht mehr hier gebalgt hatten. Das war ein Leben!
Die Sonne aber stand über Liljeholm und schoß ganze Strahlenbündel gen Osten; sie drangen durch die Rauchwolken von Bergsund, sie eilten über den Ritterfjord, kletterten zum Kreuz der Riddarholmskirche hinauf, warfen sich auf das steile Dach der Deutschen Kirche, spielten mit den Wimpeln der Boote an der Schiffsbrücke, illuminierten die Fenster im Zollgebäude, beleuchteten die Wälder von Lidingö und verschwammen in einer rosenfarbenen Wolke, weit weit in der Ferne, wo das Meer liegt. Und von dort kam der Wind und machte denselben Weg zurück über Vaxholm, vorbei an der Festung, vorbei am Zollamt, bis zur Siklainsel, drang in Hästholm ein und sah sich die Sommerfrischen an; kam wieder heraus, eilte weiter und gelangte nach Danvik, entsetzte sich und stürmte davon, am Südstrande entlang, spürte den Geruch von Kohle, Teer und Tran, prallte gegen den Stadthofkai, stürzte nach Mosebacke hinauf, in den Park und fuhr gegen eine Wand. Im selben Augenblick wurde die Wand aufgetan von einem Mädchen, das eben die Verkittung der Doppelfenster entfernt hatte; ein entsetzlicher Geruch von Bratfett, Bierresten, Tannenzweigen und Sägespänen drang heraus und wurde vom Winde weit fortgeführt, der jetzt, während die Köchin die frische Luft durch die Nase einzog, die Fensterwatte erfaßte, die mit Flimmer und Berberitzenbeeren und Heckenrosenblättern bestreut war und nun auf den Wegen des Gartens einen Rundtanz begann, an dem bald die Spatzen und Buchfinken teilnahmen, da sie nun ihre Wohnungssorgen zum größten Teil beseitigt sahen.
Unterdes setzte die Köchin ihre Arbeit an den Doppelfenstern fort, und nach wenigen Minuten war die Tür von der Kneipe nach der Veranda geöffnet, und in den Garten trat ein junger Herr, einfach aber vornehm gekleidet. Sein Gesicht hatte nichts Ungewöhnliches, aber in seinen Blicken lag etwas Besorgtes und Unruhiges, das allerdings verschwand, als er aus dem engen Wirtshauszimmer herauskam und den freien Horizont vor sich hatte. Er wandte sich nach der Windseite, knöpfte den Überzieher auf und holte ein paarmal tief Luft, was seinen Brustkorb und sein Gemüt zu erleichtern schien. Dann begann er an dem Geländer auf und ab zu gehen, das den Garten von dem steilen Seeufer trennte.
Tief unter ihm lärmte die eben erwachte Stadt; die Dampfkrane unten im Hafen schnurrten, die Eisenstangen in der Eisenwage rasselten, die Pfeifen der Schleusenwärter schrillten, die Dampfer an der Schiffsbrücke rauchten, die Omnibusse polterten klappernd über das holprige Pflaster; Lärm und Rufen auf dem Fischmarkt, draußen auf dem Strom flatternde Segel und Fahnen, Geschrei der Möwen, Hornsignale von Skeppsholm, das Herausrufen der Wache vom Södermalmsmarkt, klappernde Holzpantoffel der Arbeiter in der Glasfabrikstraße, — das alles machte einen Eindruck von Leben und Betriebsamkeit, der die Energie des jungen Mannes zu wecken schien, denn jetzt hatte sein Gesicht einen Ausdruck von Trotz und Lebenslust und Entschlossenheit angenommen, und als er sich über das Geländer beugte und auf die Stadt zu seinen Füßen niederblickte, war es, als betrachte er einen Feind; seine Nasenflügel weiteten sich, seine Augen flammten, und er hob die geballte Hand, als wolle er die arme Stadt herausfordern oder ihr drohen.
Jetzt läutete es sieben von Katrina, und Maria sekundierte mit ihrem milzsüchtigen Diskant, und die Große Kirche und die Deutsche fielen mit ihren Bässen ein, und die ganze Luft hallte bald von allen Abendglocken der Stadt; aber als eine nach der andern verstummte, hörte man noch weit in der Ferne die letzte ihr friedvolles Abendlied singen; sie hatte einen höheren Ton, einen reineren Klang und ein rascheres Tempo als die andern — das hat sie wirklich! Er lauschte und suchte festzustellen, woher der Klang kam, denn er schien Erinnerungen in ihm zu wecken. Da wurden seine Mienen weich, und sein Gesicht drückte den Schmerz aus, den ein Kind empfindet, wenn es sich allein gelassen sieht. Und er war allein, denn sein Vater und seine Mutter lagen auf dem Klarakirchhof, von wo man noch die Glocke hörte, und er war ein Kind, denn er glaubte noch an alles, an wahre Dinge wie an Märchen.
Die Glocke von Sankta Klara verstummte, und er wurde durch das Geräusch von Schritten auf dem Kiesweg aus seinen Gedanken gerissen. Auf ihn zu kam von der Veranda her ein kleiner Mann mit großem Backenbart und einer Brille, die mehr die Blicke als die Augen schützen zu sollen schien, mit einem boshaften Munde, der gern einen freundlichen, ja sogar gutmütigen Ausdruck annahm, einem eingebeulten Hut, einem sauberen Überzieher mit defekten Knöpfen, auf Halbmast gehißten Hosen und einem Gang, der Sicherheit und Scheu zugleich andeutete. Sein Äußeres war so unbestimmt, daß man unmöglich seine gesellschaftliche Stellung oder sein Alter danach abzuschätzen vermochte. Man konnte ihn ebensogut für einen Handwerker wie für einen Beamten halten, und er schien zwischen neunundzwanzig und fünfundvierzig Jahren zu sein. Jetzt schien er sich jedoch von der Gesellschaft des Herrn, dem er entgegenging, geschmeichelt zu fühlen, denn er zog ungewöhnlich rief den verbogenen Hut und steckte sein gutmütigstes Lächeln auf.
»Sie haben doch nicht gewartet, Herr Assessor?«
»Nicht einen Augenblick. Eben hat die Uhr sieben geschlagen. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, denn ich muß gestehen, daß diese Zusammenkunft von größter Wichtigkeit für mich ist; es gilt sozusagen meine Zukunft, Herr Struve.«
»Kreuzdonnerwetter!«
Herr Struve blinzelte mit den Augenlidern, denn er hatte sich nur auf einen Grogabend gefaßt gemacht und hatte — aus guten Gründen — wenig Lust zu einer ernsten Unterhaltung.
»Damit wir besser miteinander reden können,« fuhr der Assessor fort, »wollen wir uns hier draußen hinsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben, und einen Grog trinken.«
Herr Struve zupfte an dem rechten Bartzipfel, drückte vorsichtig den Hut auf den Kopf und dankte für die Einladung, blieb aber unruhig.
»Erstens muß ich Sie bitten, mich nicht mehr Assessor zu titulieren,« begann der junge Herr das Gespräch, »denn das bin ich nie gewesen; ich war nur außerordentlicher Hilfsarbeiter, und das hat mit heute ein Ende; ich bin nur noch Herr Falk.«
»Was sagen Sie?«
Herr Struve sah aus, als habe er eine vornehme Bekanntschaft eingebüßt, blieb aber bei guter Laune.
»Sie sind doch ein Mann mit liberalen Ideen ...«
Herr Struve versuchte zu Wort zu kommen, um eine längere Rede zu halten, aber Falk fuhr fort:
»Ich habe Sie um eine Unterredung gebeten in Ihrer Eigenschaft als Mitarbeiter des freisinnigen ›Rotkäppchens‹.«
»Aber um Gottes willen, ich bin ein so unbedeutender Mitarbeiter ...«
»Ich habe Ihre donnernden Artikel in der Arbeiterfrage und in allen andern Fragen gelesen, die uns am Herzen liegen. Wir sind jetzt im Jahre III, mit römischen Ziffern, denn jetzt tritt die neue Volksvertretung im dritten Jahre zusammen, und wir werden bald unsere Hoffnungen verwirklicht sehen. Ich habe im ›Bauernfreund‹ Ihre vortrefflichen Biographien der führenden Politiker gelesen, dieser Männer aus dem Volke, die endlich vorbringen dürfen, was ihnen so lange schwer auf der Seele gelegen hat; Sie sind ein Mann des Fortschritts, und ich schätze Sie sehr!«
Struve, dessen Blick bei der feurigen Rede erloschen war, statt sich zu beleben, machte sich die blitzableitende Äußerung zunutze und ergriff mit Eifer das Wort.
»Ich muß gestehen, es ist mir eine wirkliche Freude, von einem jungen und — das darf ich wohl sagen — hervorragenden Manne, wie Sie es sind, Herr Assessor, eine Anerkennung zu hören, anderseits aber, warum wollen wir über Dinge sprechen, die allzu ernster, um nicht zu sagen trauriger Natur sind, wo wir hier draußen im Schoße der Natur sitzen, heute, am ersten Frühlingstag, wo alles in Knospen steht und die Sonne ihre Wärme in der ganzen Natur verbreitet; lassen Sie uns sorglos sein und unser Glas in Frieden trinken. Verzeihung, aber ich glaube, ich bin das ältere Semester — und — wage — deshalb vielleicht vorzuschlagen ...«
Falk, der wie ein Feuerstein ausgegangen war, um Stahl zu suchen, merkte, daß er in Holz gehauen hatte. Er nahm das Anerbieten ohne Wärme an. Und da saßen nun die neuen Brüder und hatten sich nichts zu sagen außer der Enttäuschung, die ihre Gesichter ausdrückten.
»Ich habe dir vorhin gesagt, Bruder,« nahm Falk das Gespräch wieder auf, »daß ich heute mit meinem bisherigen Leben gebrochen und die Beamtenkarriere aufgegeben habe; nun will ich nur noch hinzufügen, daß ich Schriftsteller zu werden gedenke!«
»Schriftsteller! O Himmel, warum denn? Das ist doch ein Jammer!«
»Das ist kein Jammer! Aber nun möchte ich dich fragen, ob du weißt, wohin ich mich wenden kann, um Arbeit zu bekommen?«
»Hm, das ist wirklich schwer zu sagen. Es strömen von allen Seiten so viele Leute herzu. Diesen Gedanken solltest du aufgeben. Es ist wirklich ein Jammer, daß du deine Laufbahn abbrechen willst; die Schriftstellerkarriere ist dornenvoll!«
Struve sah aus, als empfinde er Bedauern, konnte aber doch eine gewisse Befriedigung, einen Unglücksgefährten zu bekommen, nicht verbergen.
»Aber«, fuhr er fort, »sage mir doch den Grund, warum du eine Laufbahn aufgibst, die Ehren und Macht bringt.«
»Ehre den Leuten, die sich die Macht anmaßen, und Macht den Rücksichtslosen.«
»Ach, du redest! So gefährlich ist es doch nicht!«
»Nicht? Nun, dann lassen wir das. Ich will dir nur ein Interieur von einem der sechs Ämter geben, denen ich zugeteilt war. Die fünf ersten habe ich sofort verlassen, aus dem einfachen Grunde, weil keine Arbeit da war. Jedesmal, wenn ich hinaufkam und fragte, ob etwas zu tun sei, war die Antwort: Nein! Und ich habe auch niemanden etwas tun sehen. Dabei war ich in so einflußreichen Ämtern, wie dem Kollegium für Spiritusfabrikation, der Steuereinschätzungskommission und der Generaldirektion für Beamtenpensionen. Als ich aber diese Unmengen von Beamten sah, die durcheinander wimmelten, kam mir der Gedanke: das Amt, das alle diese Gehälter auszuzahlen hat, müsse doch etwas zu tun haben. Folglich ließ ich mich zum Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter versetzen ...«
»In dem Amt bist du gewesen?« fragte Struve, dessen Interesse zu erwachen begann.
»Ja. Ich kann nie den großen Eindruck vergessen, den dies umfangreiche und gut organisierte Amt auf mich machte, als ich dort eintrat. Ich ging um elf Uhr vormittags hin, weil das Amt um diese Zeit geöffnet wird. Im Amtsdienerzimmer lagen zwei junge Amtsdiener über einem Tisch und lasen das ›Vaterland‹.«
»Das Vaterland?«
Struve, der bisher den Spatzen Zucker hingeworfen hatte, begann die Ohren zu spitzen.
»Ja. Ich sagte Guten Morgen. Eine schwache, schlangenartige Bewegung der Rücken der beiden Herren deutete an, daß mein Gruß ohne ausgesprochenen Unwillen aufgenommen wurde; der eine machte sogar eine Bewegung mit dem rechten Stiefelabsatz, die einen Händedruck bedeuten mochte. Ich fragte, ob einer der Herren frei sei und mir die Räume zeigen könne. Sie erklärten, sie seien verhindert; sie hätten Order, das Amtsdienerzimmer nicht zu verlassen. Ich fragte, ob weiter keine Amtsdiener da seien. Doch, es seien noch andere da. Aber der Oberamtsdiener habe Ferien, der erste Diener sei auf Urlaub, der zweite sei dienstfrei, der dritte sei zur Post, der vierte krank, der fünfte hole Trinkwasser, der sechste sei auf dem Hof. ›Und da sitzt er den ganzen Tag; im übrigen pflegt kein Beamter vor ein Uhr zu kommen.‹ Das war ein Wink für mich, wie unpassend mein früher, störender Besuch war, und eine Anspielung darauf, daß die Amtsdiener auch Beamte seien.
Nachdem ich jedoch erklärt hatte, daß ich fest entschlossen sei, die Räume zu besichtigen, um dadurch einen Begriff von der Verteilung der Arbeit in einem so einflußreichen und großen Amt zu bekommen, ließ sich der Jüngere von den beiden herbei, mich zu begleiten. Es war ein großartiger Anblick, der sich mir bot, als er die Tür öffnete und eine Flucht von sechzehn Zimmern, größeren und kleineren, vor meinen Blicken lag. Hier muß es doch Arbeit geben, dachte ich, und hatte das Gefühl, eine glückliche Idee gehabt zu haben. Das Prasseln von sechzehn Birkenholzfeuern, die in sechzehn Kachelöfen flammten, unterbrach sehr angenehm die Stille der Zimmer.«
Struve, der immer aufmerksamer zugehört harte, suchte jetzt zwischen Oberstoff und Futter der Weste einen Bleistift hervor und schrieb 16 auf seine linke Manschette.
»›Dies sind die Zimmer der Hilfsbeamten,‹ erklärte der Diener.
›Ach so! Sind denn viele Hilfsbeamte hier?‹ fragte ich.
›O ja, es reicht aus!‹
›Was machen sie denn?‹
›Sie schreiben natürlich, ein bißchen ...‹ — Hierbei sah er so vertrauensvoll aus, daß ich es für geraten hielt, ihn zu unterbrechen. Nachdem wir die Zimmer der Kopisten, der Sekretäre, der Kanzlisten, des Revisors und des Revisionssekretärs, des Kontrolleurs und des Kontrollsekretärs, des Staatsanwalts, des Kammerverwesers, des Archivars und des Bibliothekars, des Kämmerers, des Kassierers, des Syndikus, des Obersekretärs, des Protokollsekretärs, des Aktuars, des Registrators, des Expeditionssekretärs, des Bürochefs und des Expeditionschefs durchwandert hatten, blieben wir schließlich vor einer Tür stehen, auf der mit vergoldeten Buchstaben geschrieben stand: Präsident. Ich wollte die Tür öffnen und eintreten, wurde aber ehrerbietig von dem Diener gehindert, der in wirklicher Unruhe meinen Arm faßte und ›Still!‹ flüsterte. — ›Schläft er?‹ konnte ich in dem Gedanken an ein altes Gerücht nicht unterlassen zu fragen. ›Um Gottes willen, sagen Sie nichts; hier darf niemand eintreten, bevor der Präsident klingelt.‹ — ›Klingelt der Präsident denn oft?‹ — ›Nein, ich habe ihn in dem Jahr, seit ich hier bin, nicht klingeln hören.‹ — Wir schienen wieder auf das vertrauliche Gebiet zu kommen, deshalb brach ich ab.
Als die Uhr bald zwölf war, stellten sich nach und nach die Hilfsbeamten ein, und ich war sehr überrascht, in ihnen lauter alte Bekannte aus der Generaldirektion für Beamtenpensionen und dem Ausschuß für Spiritusfabrikation zu finden. Aber meine Überraschung wurde noch größer, als ich den Kammerverweser von der Steuereinschätzungskommission hereinspazieren, sich in das Zimmer und auf den Ledersessel des Aktuars setzen und es sich hier ebenso bequem machen sah wie in dem andern Amt.
Ich nahm einen der jungen Herren beiseite und fragte ihn, ob es nicht angebracht sei, hineinzugehen und dem Präsidenten meine Aufwartung zu machen. ›Still!‹ war seine geheimnisvolle Antwort, indem er mich in das achte Zimmer führte! Wieder dieses geheimnisvolle ›Still!‹
Das Zimmer, in dem wir uns jetzt befanden, war ebenso dunkel wie alle andern, aber schmutziger. Roßhaarbüschel guckten aus dem zerrissenen Leder der Möbel heraus; dicker Staub lag auf dem Schreibtisch, auf dem ein ausgetrocknetes Tintenfaß stand; da lag auch eine unbenutzte Siegellackstange, auf die der frühere Besitzer in anglosächsischen Buchstaben seinen Namen gemalt hatte, eine Papierschere, deren Scheren zusammengerostet waren, ein Datumzeiger, der auf Johanni vor fünf Jahren stand, ein Staatskalender, der fünf Jahre alt war, und ein Bogen Konzeptpapier, auf dem Julius Cäsar, Julius Cäsar, Julius Cäsar mindestens hundertmal abwechselnd mit Vater Noah, Vater Noah geschrieben stand.
›Dies ist das Zimmer des Archivars, hier sind wir ungestört‹, sagte mein Begleiter.
›Kommt der Archivar denn nicht her?‹ fragte ich.
›Er ist seit fünf Jahren nicht hier gewesen, also jetzt wird er sich wohl schämen, zu kommen.‹
›Ja, aber wer versieht denn seinen Dienst?‹
›Der Bibliothekar.‹
›Worin besteht denn seine Tätigkeit in einem Amt wie diesem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter?‹
›Sie besteht darin, daß die Amtsdiener die Quittungen sortieren, chronologisch und alphabetisch, und sie zum Buchbinder schicken, worauf der Bibliothekar ihre Aufstellung auf die dafür bestimmten Regale überwacht.‹«
Struve schien jetzt Gefallen an der Unterhaltung zu finden und schrieb dann und wann ein Wort auf seine Manschette; als Falk eine Pause machte, glaubte er etwas Bedeutsames sagen zu müssen.
»Nun, aber wie hat denn der Archivar sein Gehalt bekommen?«
»Ja, das ist ihm nach Hause geschickt worden. Das war doch sehr einfach. Jedenfalls gab mir mein junger Kollege den Rat, hineinzugehen, dem Aktuar meine Reverenz zu machen und ihn zu bitten, mich den andern Beamten vorzustellen, die jetzt allmählich eintrafen, um das Feuer in ihren Öfen zu schüren und die letzten Strahlen der Kohlenglut zu genießen. Der Aktuar sei eine sehr mächtige und auch gutherzige Persönlichkeit, berichtete mein Freund, und sehr empfänglich für Höflichkeit.
Nun hatte ich, der ich den Aktuar in seiner Eigenschaft als Kammerverweser gekannt hatte, eine ganz andere Meinung von ihm; aber ich glaubte meinem Kollegen und ging zu ihm.
In einem großen Lehnstuhl vor dem Kachelofen saß der Gefürchtete, die Beine auf einem Renntierfell ausgestreckt. Er war sehr beschäftigt damit, eine echte, in Handschuhleder eingenähte Meerschaumspitze einzurauchen. Um nicht müßig zu sein, hatte er die Postzeitung vom gestrigen Tage vorgenommen, die ihn über die Wünsche der Regierung unterrichtete.
Bei meinem Eintritt, der ihn zu betrüben schien, schob er die Brille hoch und legte sie auf den kahlen Schädel; das rechte Auge versteckte er hinter dem Zeitungsrand, und mit dem linken schoß er eine Kugel auf mich ab. Ich brachte mein Anliegen vor. Er nahm die Zigarrenspitze in die rechte Hand und sah nach, ob es ›genützt hatte‹. Das entsetzliche Schweigen, das nun entstand, bestätigte all meine Befürchtungen. Er räusperte sich und spuckte, daß die Kohlenglut im Ofen laut aufzischte. Dann fiel ihm die Zeitung ein, und er setzte seine Lektüre fort. Ich meinte, mein Anliegen mit einigen Variationen wiederholen zu müssen. Da hielt er nicht länger an sich. ›Was wollen Sie, Herr? Was haben Sie in meinem Zimmer zu suchen, Herr? Kann ich in meinem eigenen Zimmer nicht ungestört sein? Wie?! Hinaus, hinaus, hinaus, Herr! Sehen Sie denn nicht, daß ich beschäftigt bin? Sprechen Sie mit dem Obersekretär, wenn Sie irgend etwas wünschen! Nicht mit mir.‹ — Ich ging zu dem Obersekretär.
Dort tagte seit drei Wochen ein großer Materialausschuß. Der Obersekretär hatte den Vorsitz, und drei Kanzlisten führten das Protokoll. Die von den Lieferanten eingesandten Proben lagen auf den Tischen verstreut, an denen alle nicht beschäftigten Kanzlisten, Abschreiber und Sekretäre Platz genommen hatten. Man hatte, allerdings mit großer Meinungsverschiedenheit, sich für zwei Ballen Lesseboer Papier entschieden und nach wiederholtem Probeschneiden achtundvierzig Scheren von dem preisgekrönten Fabrikat aus Graatorp (von welcher Fabrik der Aktuar fünfundzwanzig Aktien besaß) bestellt; das Probeschreiben mit den Stahlfedern hatte eine ganze Woche erfordert und das Protokoll darüber zwei Ries Papier verschlungen; jetzt war man zu den Federmessern gekommen, und das Kollegium war gerade dabei, sie auf den schwarzen Tischplatten zu probieren.
›Ich schlage Sheffield Nr. 4 mit zwei Klingen, ohne Korkzieher, vor,‹ sagte der Obersekretär und hob einen Splitter aus der Tischplatte, so groß, daß man ein Feuer damit hätte anzünden können. ›Was meinen Sie, Herr Sekretär?‹
Dieser, der beim Probeschneiden zu tief geschnitten hatte und auf einen Nagel gestoßen war, so daß ein Eskilstuna Nr. 2 mit drei Klingen beschädigt wurde, schlug diese Marke vor.
Nachdem alle sich geäußert und ihre Ansichten unter Beifügung praktischer Proben streng motiviert hatten, beschloß der Vorsitzende, zwei Gros Sheffield zu bestellen.
Hiergegen protestierte der erste Sekretär in einer längeren Ausführung, die zu Protokoll genommen, in zwei Exemplaren kopiert, registriert, sortiert (alphabetisch und chronologisch), eingebunden und von dem Diener unter Oberaufsicht des Bibliothekars auf ein geeignetes Regal gestellt wurde. Dieser Protest war von warmem vaterländischen Gefühl erfüllt und wollte in der Hauptsache darauf hinweisen, wie nötig es sei, daß der Staat die einheimische Produktion fördere. Da hierin aber eine Anklage gegen die Regierung lag, weil sich der Protest doch gegen einen Beamten der Regierung richtete, mußte der Obersekretär die Regierung in Schutz nehmen. Er begann mit einer Geschichte der Entstehung des Manufakturwarendiskonts (bei dem Worte Diskont spitzten alle außerordentlichen Hilfsarbeiter die Ohren) und gab einen Überblick über die ökonomische Entwicklung des Landes in den letzten zwanzig Jahren, wobei er sich so in die Einzelheiten vertiefte, daß die Uhr in der Riddarholmkirche zwei schlug, ehe er zum Thema gekommen war. Bei dem verhängnisvollen Glockenschlage sprangen alle Beamten von ihren Plätzen auf, als sei Feuer ausgebrochen. Als ich einen jungen Kollegen fragte, was das zu bedeuten habe, antwortete der alte Sekretär, der meine Frage gehört hatte: ›Die erste Pflicht des Beamten, mein Herr, ist, pünktlich zu sein, mein Herr!‹ Zwei Minuten nach zwei war keine Menschenseele mehr in den vielen Zimmern! ›Morgen haben wir einen heißen Tag,‹ flüsterte mir ein Kollege auf der Treppe zu. ›Was um Gottes willen ist denn los?‹ fragte ich unruhig. ›Die Bleistifte!‹ antwortete er. Und es gab heiße Tage! Siegellack, Kuverte, Papiermesser, Löschpapier, Bindfaden. Aber das ging noch an, denn alle hatten wenigstens Beschäftigung. Es kam aber ein Tag, da sie knapp wurde. Da faßte ich mir ein Herz und bat, mir etwas zu tun zu geben. Sie gaben mir sieben Ries Papier für häusliche Abschriften, durch die ich mich verdient machen könne. Diese Arbeit führte ich in sehr kurzer Zeit aus; aber statt Anerkennung zu finden und angespornt zu werden, wurde ich mit Mißtrauen behandelt, denn man schätzte fleißige Leute nicht. Später bekam ich überhaupt keine Arbeit mehr. Ich will dir die qualvolle Beschreibung eines Jahres voller Demütigungen, voll zahlloser Stiche, voll grenzenloser Bitterkeit ersparen. Alles, was mir lächerlich und kleinlich vorkam, wurde mit feierlichem Ernst behandelt, und alles, was ich als groß und rühmenswert schätzte, wurde in den Staub gezogen. Das Volk nannte man Pack und vertrat den Standpunkt, es sei eigens für die Garnison da, damit sie im Bedarfsfalle daraufschießen könne. Man schmähte offenkundig die neue Staatsform und nannte die Bauern Verräter.[1] Das hörte ich sieben Monate lang mit an; man begann mir zu mißtrauen, da ich an dem Gelächter nicht teilnahm, und forderte mich heraus. Als man das nächste Mal die Oppositionshunde angriff, explodierte ich und hielt eine lange Rede mit dem Ergebnis, daß die andern wußten, wie sie mit mir daran waren und daß ich unmöglich wurde. Und jetzt mache ich es wie so viele Schiffbrüchige: ich werfe mich der Literatur in die Arme!«
Struve, den der abgehackte Schluß nicht zu befriedigen schien, steckte den Bleistift in die Tasche, trank seinen Grog aus und hatte eine zerstreute Miene aufgesetzt. Er glaubte aber doch etwas sagen zu müssen.
»Lieber Bruder, du bist noch unerfahren in der Lebenskunst; du wirst sehen, wie schwer es ist, sein Brot zu verdienen, du wirst sehen, wie das allmählich die Hauptsache im Leben wird. Man arbeitet, um Brot zu bekommen, und man ißt sein Brot, um arbeiten zu können. Glaube mir, ich habe Weib und Kind, und ich weiß, was das heißen will. Man muß sich den Verhältnissen anpassen, siehst du. Man muß sich anpassen! Und du weißt nicht, wie die Lage eines Schriftstellers ist. Der Schriftsteller steht außerhalb der Gesellschaft!«
»Nun ja, das ist die Strafe dafür, daß er sich über die Gesellschaft erheben will! Im übrigen verabscheue ich die Gesellschaft, denn sie beruht nicht auf freier Übereinkunft, sie ist ein Gewebe von Lügen — und ich gehe ihr mit Vergnügen aus dem Wege!«
»Es wird kalt,« bemerkte Struve.
»Ja, wollen wir gehen?«
»Vielleicht gehen wir.«
Die Flamme des Gesprächs war erloschen.
Unterdes war die Sonne untergegangen, der Halbmond hatte den Horizont erklommen und stand jetzt über den Feldern im Norden der Stadt, hier und da rang ein Stern mit dem Tageslicht, das noch oben am Himmel verweilte; unten in der Stadt, die nun still zu werden begann, wurden die Gaslaternen angezündet.
Falk und Struve wanderten zusammen in nördlicher Richtung und plauderten über Handel, Schiffahrt, Gewerbe und alles mögliche, was sie nicht interessierte, worauf sie sich unter gegenseitiger Erleichterung trennten.
Während neue Gedanken in seinem Kopf keimten, ging Falk die Stromstraße hinunter bis Skeppsholm. Er kam sich vor wie ein Vogel, der gegen eine Fensterscheibe geflogen ist und nun geschlagen daliegt, gerade als er die Schwingen zu heben glaubte, um direkt ins Freie hinaus zu fliegen. Er setzte sich auf eine Bank am Strande und lauschte auf das Wellengeplätscher; eine leichte Brise rauschte in den blühenden Ahornen, und der Halbmond leuchtete mit schwachem Schein über dem schwarzen Wasser; da lagen zwanzig, dreißig Boote am Kai vertäut, rissen an ihren Ketten und streckten eins nach dem andern die Köpfe empor, nur einen Augenblick, um dann wieder unterzutauchen; Wind und Wellen schienen sie vorwärts zu jagen, und sie machten einen Anlauf gegen die Brücke, wie eine Koppel gehetzter Hunde; aber die Kette riß sie zurück, und dann stießen und stampften sie, als wollten sie sich losreißen.
Hier blieb er bis Mitternacht sitzen; da schlummerte der Wind ein, die Wellen gingen zur Ruhe, die gefangenen Boote rissen nicht mehr an ihren Ketten, die Ahorne rauschten nicht mehr, und der Tau fiel.
Da stand er auf und wanderte träumend nach Hause in seine einsame Dachkammer hinten auf Ladugaardsland.
Das tat der junge Falk; der alte Struve aber, der am selben Tage in das konservative »Graumützchen« eingetreten war, nachdem das »Rotkäppchen« ihn verabschiedet hatte, ging nach Hause und schrieb für die berüchtigte »Volksfahne« einen Artikel »Über das Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter«, vier Spalten, die Spalte zu fünf Kronen.
[1] Diese Schilderung trifft jetzt nicht mehr zu, nachdem die große Reorganisation der Ämter vorgenommen ist.