Siebenundzwanzigstes Kapitel
Genesung

Und es ist wieder Herbst; es ist ein klarer Novembermorgen, als Arvid Falk sich von seiner jetzigen eleganten Wohnung in der Großen Straße nach dem ....manschen Mädchenpensionat am Karlsmarkt begibt, wo er als Lehrer für Schwedisch und Geschichte eintreten soll. Er hat die Herbstmonate gut genutzt, um sich wieder in die zivilisierte Gesellschaft hineinzufinden, und hat dabei erfahren, was für ein Barbar er auf seinen Streifzügen geworden war; er hat seinen Räuberhut abgelegt und sich einen neuen hohen angeschafft, der anfangs gar nicht sitzen wollte; er hat sich Handschuhe gekauft, war aber so verwildert, daß er, als das Fräulein im Laden nach seiner Nummer fragte, fünfzehn antwortete, was einiges Lächeln bei den vielen Verkäuferinnen hervorrief; die Mode hatte große Veränderungen durchgemacht, seit er sich zuletzt einen Anzug gekauft hattet; er kommt sich vor wie ein Stutzer, wenn er durch die Straßen geht, und spiegelt sich dann und wann in den Schaufenstern, um zu sehen, ob alles ordentlich sitzt. Jetzt geht er auf dem Trottoir vor dem Dramatischen Theater auf und ab und wartet, daß die Uhr von Sankt Jakob neun schlagen soll; er fühlt sich unruhig und erregt, ganz als solle er selber in die Schule gehen; das Trottoir ist zu kurz, und er meint wie ein Hund an einer Kette zu laufen, wenn er wieder und immer wieder in seinen Spuren umkehrt; einen Augenblick denkt er ernstlich daran, die Promenade etwas weiter auszudehnen, denn er weiß, daß man nach Lill-Jans kommt, wenn man die Straße verfolgt, und er erinnert sich des Morgens, als das gleiche Trottoir ihn aus der Gesellschaft, die er floh, zur Freiheit, zur Natur und — zur Sklaverei hinausführte.

Es wird neun Uhr! Er steht auf dem Flur; die Türen zur Aula sind geschlossen; im Zwielicht sieht er so viele kleine Kleidungsstücke an den Wänden umherhängen; Hüte, Boas, Häubchen, Kapuzen, Handschuhe, Muffe liegen auf dem Tisch und in den Fensternischen, und auf dem Fußboden stehen ganze Regimenter von Überschuhen. Aber es riecht nicht nach feuchten Kleidern und nassem Leder wie im Vestibül des Reichstags oder im Arbeiterverein Phönix, oder — oh, da strich ein Duft wie von frischgemähtem Heu vorbei — der kam bestimmt von dem kleinen Muff, der weiß ist wie ein Kätzchen mit schwarzen Flecken; blauseidenes Futter hat er und hängende Quasten; er kann nicht umhin, ihn in die Hand zu nehmen und das Parfüm New-mown hay zu riechen — aber da öffnet sich die Flurtür, und herein kommt eine kleine Zehnjährige, von ihrem Fräulein begleitet; sie sieht den Lehrer mit großen, unerschrockenen Augen an und macht einen kleinen koketten Knix, den der Lehrer fast verlegen mit einer Verbeugung erwidert, über die die kleine Schönheit lächelt, und das Fräulein auch! Sie kommt zu spät, aber das scheint sie nicht anzufechten, denn sie läßt sich von dem Fräulein Mantel und Überschuhe mit so ruhiger Miene ausziehen, als komme sie zu einem Ball. Da — was dringen da für Töne aus dem Zimmer — ihm klopft das Herz —, was war das? — Ah! Das war ja die Orgel! Hm! Die alte Orgel! Jawohl!

Und ein ganzes Heer von Kinderstimmen singt: »Jesus, laß mich stets beginnen.« Ihm ist nicht ganz wohl, und er muß an Borg und Isaak denken, um die Fassung wiederzugewinnen. Aber nun wird es noch schlimmer. »Vater unser, der du bist im Himmel!« — Herrgott, ja! Das alte Vaterunser! Das ist lange her ... Es wird still, so still, daß man das ganze Heer kleiner Köpfe sich aufrichten und Kragen und Schürzen knistern hört, und dann öffnen sich die Türen, und ein ganzes Blumenbeet junger Mädchen von acht bis vierzehn Jahren wogt hin und her. Er wird verlegen und kommt sich fast wie ein ertappter Dieb vor, als die alte Vorsteherin ihm die Hand reicht und ihn willkommen heißt; da entsteht eine Bewegung im Blumenbeet, und es wird geflüstert, und Blicke werden gewechselt, und es wird getuschelt und gezischelt.

Und jetzt sitzt er an dem einen Ende eines langen Tisches, umgeben von zwanzig frischen Gesichtern mit frohen Blicken, zwanzig Kindern, die das bitterste Leid des Erdenlebens, die Demütigungen der Armut, nie kennen gelernt haben; und sie begegnen seinen Blicken keck und neugierig, er aber ist verlegen, bis er sich zusammennimmt; bald aber ist er sehr intim mit Anne-Charlotte und Georgine und Lisen und Henny, und der Unterricht ist ein Vergnügen; fünf muß gerade sein, und Ludwig XIV. und Alexander sind wieder große Männer, wie alle, die Erfolg gehabt haben, und die Französische Revolution war ein entsetzliches Ereignis, das für den edlen Ludwig XVI. und die tugendsame Marie Antoinette ein schlimmes Ende nahm, und so ähnlich. Und als er dann nachher ins Amt für Heubelieferung der Kavallerieregimenter ging, fühlte er sich ganz warm und verjüngt.

In dem besagten Kollegium, wo er den »Konservativen« las, saß er bis elf Uhr, dann ging er in die Kanzlei für Branntweinfabrikation. Dort aß er Frühstück und schrieb zwei Briefe — an Borg und Struve.

Punkt eins ist er im Departement für Erbschaftssteuern. Dort kollationiert er eine Vermögensaufnahme, an der er hundert Kronen verdient, worauf er bis zum Mittagessen noch so viel Zeit hat, Korrektur einer neu durchgesehenen Auflage des Forstgesetzes zu lesen, die er herausgibt. Und so wird die Uhr drei. Wer dann über den Ritterhausmarkt geht, wird auf der Brücke einem jungen Herrn begegnen, der eine wichtige Miene aufsetzt und, mit Dokumentenrollen in den Taschen, die Hände auf dem Rücken verkreuzt, gemächlich dahinwandert neben einem alten, mageren, graugesprenkelten Herrn in den Fünfzigern. Das ist der Aktuar aus dem Erbschaftsamt. Alle, die im Bereich der Stadt sterben, müssen diesem Manne angeben, was sie besitzen; davon erhebt er seine Prozente; einige sagen, das sei sein Amt, andere meinen, er repräsentiere die Erde und müsse aufpassen, daß die Gestorbenen nichts mit wegnehmen von hier, wo alles ein Darlehn ist — ein zinsloses Darlehn! Jedenfalls ist er ein Mann, der sich mehr für die Toten als für die Lebenden interessiert; deshalb fühlt Falk sich in seiner Gesellschaft so wohl; daß er sich an Falk anschließt, hat seinen Grund darin, daß dieser gleich ihm selber Münzen und Autographen sammelt, und daß er so frei von Opposition ist, etwas so Ungewöhnliches bei jungen Leuten. Nun gehen die beiden alten Freunde zu Rosengren, wo sie ziemlich sicher davor sind, junge Leute zu treffen, und wo sie über Numismatik und Autographie sprechen. Darauf trinken sie Kaffee auf einem Sofa bei Rydberg und sehen Münzkataloge durch bis sechs Uhr; dann kommt die Postzeitung, und sie lesen die Ernennungen. Sie fühlen sich gegenseitig in ihrer Gesellschaft so glücklich, denn sie geraten nie in Streit; Falk ist so frei von Ansichten, daß er der liebenswürdigste Mensch geworden ist; daher ist er bei Vorgesetzten und Kollegen gleich beliebt und geschätzt. Manchmal bleiben sie noch zusammen, essen dann in der »Hamburger Börse« und trinken nachher einen Bittern, vielleicht auch zwei, im Opernkeller. Wenn man sie dann um elf Uhr nach Ladugaardsland hinaufpilgern sieht, Arm in Arm, so ist das wirklich ein erfreuliches Bild. Er ist sehr oft zu Diners und Soupers in Familien geladen, bei denen Borgs Vater ihn eingeführt hat; die Damen finden ihn interessant, aber sie wissen nie, wie sie mit ihm dran sind, denn er lächelt immer und sagt ihnen bisweilen reizende Bosheiten.

Wenn er aber das Familienleben und die gesellschaftliche Lüge satt hat, dann geht er hinunter ins Rote Zimmer; dort trifft er den schrecklichen Borg, seinen Bewunderer Isaak, seinen heimlichen Feind und Neider Struve, der nie Geld hat, und den sarkastischen Sellén, der nun allmählich beginnt, zum zweitenmal Glück zu haben, nachdem all seine Nachahmer das Publikum an die neue Manier gewöhnt haben. Lundell, der mit dem religiösen Gefühl Schluß gemacht hat, als sein Altarbild vollendet war, lebt jetzt vom Porträtmalen, eine Beschäftigung, die unendlich viele Einladungen zu Diners und Soupers mit sich bringt, die er für das Studium der Charaktere für unerläßlich erklärt; er ist ein fetter Epikuräer geworden, der nur immer dann ins Rote Zimmer kommt, wenn er nassauern möchte. Olle, der noch immer bei dem Ornamentbildhauer arbeitet und düster und menschenfeindlich ist nach seiner großen Niederlage als Politiker und Redner, will die Gesellschaft nicht »genieren«, sondern bleibt für sich. Falk ist feurig und wild, wenn er ins Rote Zimmer kommt, und Borg meint, viel Ehre mit ihm einzulegen; ja, er ist ein wirklicher Sappeur, dem nichts heilig ist — außer der Politik; an die rührt er nie. Aber sieht er dann, wenn er zur Belustigung der andern seine Raketen abbrennt, auf der andern Seite des Saales durch die Rauchwolken den düsteren Olle, so wird er finster wie eine Nacht auf dem Meer und nimmt große Quantitäten starker Getränke zu sich, als wolle er ein Feuer auslöschen oder verbrennen. Jetzt aber hat Olle sich schon lange nicht mehr blicken lassen.