Und der Winter verging, langsam für die Unglücklichen, schneller für die weniger Unglücklichen. Und der Frühling kam mit seinen zunichte gewordenen Hoffnungen auf Sonne und Grün, bis der Sommer da war als eine kurze Vorbereitung auf den Herbst.
Eines Maimorgens ging der Schriftsteller Arvid Falk in glühender Sonnenhitze über die Schiffsbrücke nach der Redaktion der »Arbeiterfahne« und sah zu, wie am Hafen die Schiffe aus- und eingeladen wurden. Sein Äußeres war nicht so gepflegt wie früher, sein schwarzes Haar länger, als die Mode guthieß, und sein Bart a la Henri IV. gewachsen, was seinem abgemagerten Gesicht einen fast wilden Ausdruck gab. Seine Augen brannten in einem unheilverkündenden Feuer, das den Fanatiker oder den Trinker zu verraten pflegt. Er schien unter den Schiffen zu wählen, konnte sich aber schwer entschließen. Nach langem Zögern trat er auf einen Matrosen zu, der einen Karren mit Warenballen auf eine Brigg rollte. Er lüftete höflich den Hut.
»Wollen Sie mir bitte sagen, wohin dies Schiff geht?« fragte er schüchtern, obwohl er in einem sehr kühnen Ton zu sprechen glaubte.
»Schiff? Ich sehe kein Schiff!«
Und die Umstehenden lachten.
»Aber wenn Sie wissen wollen, wohin die Brigg geht, so lesen Sie da!«
Falk fühlte sich aus der Fassung gebracht, stachelte sich aber selber auf und fuhr in heftigem Ton fort:
»Können Sie auf eine höfliche Frage nicht eine höfliche Antwort geben?«
»Sie? Scher dich zur Hölle und steh nicht herum und schimpfe! — Aufgepaßt!«
Das Gespräch war zu Ende, und Falk faßte endlich einen Entschluß. Er machte kehrt, ging durch eine Gasse über den Kaufmannsmarkt und bog in die Kindstustraße ein. Hier blieb er vor der Tür eines schmutzigen Hauses stehen. Wieder zögerte er, denn seine Hauptsünde, die Unentschlossenheit, konnte er nicht überwinden. Da kam ein kleiner, zerlumpter, schielender Bengel gelaufen, die Hand voll langer Korrekturfahnen, und wollte an Falk vorbei, als dieser ihn anhielt.
»Ist der Redakteur oben?« fragte er.
»Ja, er ist schon seit sieben Uhr da,« antwortete der Junge außer Atem.
»Hat er nach mir gefragt?«
»Ja, schon mehrmals!«
»Ist er böse?«
»Ja, das ist er immer!«
Und der Junge schoß wie ein Pfeil die Treppen hinauf. Falk aber folgte ihm unmittelbar und betrat das Redaktionszimmer. Es war ein Loch mit zwei Fenstern nach der dunklen Straße; vor jedem stand ein ungestrichener Holztisch mit Papier, Federhaltern, Zeitungen, Schere und Leimflasche.
An dem einen Tisch saß unser alter Freund Ygberg, in einem zerlumpten schwarzen Gehrock, und las Korrektur; an dem andern Tisch, der Falk gehörte, saß ein Herr in Hemdärmeln, mit einer schwarzseidenen Mütze auf dem Kopf, ähnlich wie die Kommunards sie tragen. Sein Gesicht war mit einem roten Vollbart bewachsen, und seine untersetzte Gestalt mit den groben Formen verriet den Arbeiter. Als Falk eintrat, machte der Kommunard eine heftige Bewegung mit den Beinen unter dem Tisch und krempelte die Hemdärmel auf, wobei eine blaue Tätowierung, bestehend aus einem Anker und einem angelsächsischen R, sichtbar wurde. Darauf ergriff er die Schere, stach sie mitten durch das erste Blatt einer Morgenzeitung, machte einen Ausschnitt und sagte in rauhem Ton, dem angeredeten Falk den Rücken kehrend:
»Wo sind Sie gewesen, Herr?«
»Ich war krank,« sagte Falk trotzig, wie er selbst meinte, aber demütig, wie Ygberg hinterher versicherte.
»Das ist gelogen! Sie haben gesoffen, Herr! Sie sind gestern abend im Naples gewesen; ich habe Sie gesehen!«
»Nun, das darf ich doch tun ...«
»Sie können sitzen, wo Sie wollen, Herr, aber hier haben Sie pünktlich zu sein, auf den Glockenschlag, nach Vereinbarung! Jetzt ist es schon ein Viertel nach acht! Ich weiß, solche Herren, die sich an der Universität herumgetrieben haben, wo sie so schrecklich viel zu lernen glauben, können sich nicht an Ordnung und Lebensart gewöhnen. Ist es nicht ungeschliffen, zu spät zu kommen? Benehmen Sie sich nicht wie ein Tölpel, Herr, wenn Sie Ihren Arbeitgeber Ihre Arbeit tun lassen? Wie? Augenblicklich ist alles auf den Kopf gestellt, das sehe ich! Die Arbeitnehmer kujonieren die Meister, das heißt die Arbeitgeber, und die Kapitalisten sind die Unterdrückten! So ist es!«
»Seit wann haben Sie diese Ansicht, Herr Redakteur?«
»Seit wann? — Seit eben, Herr! Seit eben! Aber ich hoffe, deswegen ist die Ansicht doch gut! Ich habe jedoch auch noch etwas anderes entdeckt! Sie sind ja ein ungebildeter Mensch, Herr! Sie können ja nicht Schwedisch! Bitte, sehen Sie her! Was steht hier? Lesen Sie! ›Wir hoffen, daß alle, die im nächsten Jahr zur Übung eingezogen werden‹ — hat man so etwas schon gehört? ›alle, die ...‹«
»Ja, das ist richtig,« sagte Falk.
»Das ist richtig? Wie können Sie das behaupten, Herr! Es heißt: alle die, welche; also muß man schreiben: ›alle die, welche‹.«
»Ja, wenn ...«
»Oh, keine gelehrten Redensarten; damit kommt man nicht weiter! Solchen Unsinn müssen Sie mir nicht vorsetzen, Herr! — Nun, und dann schreiben Sie exserzieren nur mit x, obwohl es ex-serzieren heißt! Schweigen Sie! Heißt es ex-erzieren oder ex-serzieren? Antworten Sie!«
»Man sagt allerdings ...«
»Man sagt, also heißt es ex-serzieren; denn es kann nicht anders heißen, als man sagt! Vielleicht bin ich dumm, alles in allem, vielleicht kann ich nicht einmal Schwedisch sprechen! Ich habe es jedenfalls korrigiert! Sehen Sie her! Lesen Sie jetzt weiter und seien Sie ein andermal pünktlicher!«
Er sprang mit einem Aufschrei vom Stuhl auf und gab dem Korrekturjungen eine schallende Ohrfeige.
»So, du sitzt am hellen Tage da und schläfst, du Lümmel! Dich will ich lehren, wachzubleiben! Du bist noch nicht zu alt, Prügel zu kriegen!«
Er nahm das Opfer beim Gürtel, warf es auf einen Haufen unverkaufter Zeitungen und prügelte es mit seinem Leibriemen, den er abgeschnallt hatte.
»Ich habe nicht geschlafen, ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht!« schrie der Junge unter Schmerzen.
»So, du leugnest auch noch! Du hast lügen gelernt; aber ich werde dich lehren, die Wahrheit zu sagen! — Hast du geschlafen, oder hast du nicht geschlafen? Sage jetzt die Wahrheit, sonst gibt es ein Unglück!«
»Ich habe nicht geschlafen,« stotterte der Unglückliche, der noch zu jung und zu unschuldig war, um sich mit einer Lüge aus dem Dilemma retten zu können.
»So, du leugnest noch! Du bist mir ein verstockter Lümmel! So frech zu lügen!«
Er wollte gerade daran gehen, den jungen Wahrheitsfanatiker noch weiter zu bestrafen, als Falk aufstand, auf den Redakteur zuging und mit fester Stimme sagte:
»Schlagen Sie den Jungen nicht; ich habe gesehen, daß er nicht schlief!«
»Nein, höre einer an! Sie sind mir ein netter Knabe! ›Schlagen Sie den Jungen nicht!‹ Wer hat das gesagt? Mir war, als hätte ich eine Mücke vorm Ohr summen hören! Ich habe mich wohl verhört! Das hoffe ich! Das hoffe ich zu Gott! — Herr Ygberg! Sie sind ein anständiger Mann! Sie haben nicht studiert! Hören Sie, haben Sie vielleicht zufällig gesehen, ob der Junge, den ich hier wie einen Fisch an den Hosenträgern halte, haben Sie gesehen, ob er geschlafen hat, Herr?«
»Wenn er nicht geschlafen hat,« erwiderte Ygberg sanftmütig und einschmeichelnd, »so war er wohl gerade im Begriff, einzuschlafen.«
»Das ist die rechte Antwort! Herr Ygberg, wollen Sie mir bitte den Hosenbund festhalten, während ich mit meinem Stock einen Jüngling die Wahrheit sprechen lehre!«
»Sie haben kein Recht, ihn zu schlagen,« sagte Falk. »Wenn Sie ihn anrühren, öffne ich das Fenster und rufe einen Polizisten herauf.«
»Ich bin der Prinzipal, und ich schlage meine Lehrlinge! Er ist ein Lehrling, denn er soll später in die Redaktion! Das soll er, obwohl manche akademisch gebildeten Leute glauben, daß man eine Zeitung nicht ohne ihre Hilfe redigieren kann. Sag einmal, Gustav, lernst du nicht das Zeitungswesen? Was? Antworte jetzt, aber sprich die Wahrheit, sonst ...«
Die Tür öffnete sich, und ein Kopf sah herein — es war ein sehr ungewöhnlicher Kopf, der an diesem Ort recht ungewohnt wirkte, aber es war ein sehr bekannter Kopf, denn er war fünfmal abgebildet worden.
Jedenfalls hatte dieser bedeutungslose Kopf die Wirkung, daß der Redakteur in einen Rock schlüpfte und den Leibriemen umschnallte, sowie eine Verbeugung machte und ein Grinsen aufsteckte, das von großer Übung zeugte.
Der Staatsmann fragte, ob der Herr Redakteur zu sprechen sei, worauf eine befriedigende Antwort erfolgte, während der letzte Rest des Arbeiters verschwand, indem die Barrikadenmütze vom Kopf genommen wurde.
Die beiden Herren traten in das Privatgemach des Redakteurs, und die Tür wurde gut hinter ihnen verschlossen.
»Mich soll wundern, was der Graf jetzt für Pläne hat,« sagte Ygberg und setzte sich selbstherrlich auf seinen Stuhl, wie ein Schuljunge, wenn der Lehrer fortgeht.
»Das soll mich gar nicht wundern,« sagte Falk, »denn jetzt glaube ich zu wissen, was für ein Schelm er ist, und was für ein Schelm der Redakteur ist; aber mich wundert das eine, wie du aus einem Rindvieh ein ehrloser Hund hast werden können, der sich zu Schändlichkeiten hergibt.«
»Du mußt nicht so heftig sein, lieber Freund! — Aber du warst ja über Nacht nicht im Plenum!«
»Nein! Nach meiner Ansicht ist der Reichstag für andere als private Interessen bedeutungslos. Wie ist es mit der schlechten Geschäftslage des Triton abgelaufen?«
»In allgemeiner Abstimmung wurde beschlossen, der Staat solle, in Anbetracht der großen nationalen Idee des patriotischen Unternehmens, die Obligationen übernehmen, während die Gesellschaft liquidiert ... das heißt die laufenden Geschäfte abwickelt!«
»Das heißt — der Staat stützt das Haus, während das Fundament einstürzt, so daß die Direktoren Zeit haben, sich in Sicherheit zu bringen.«
»Du hättest lieber gesehen, daß all die kleinen ...«
»Weiß schon! Weiß schon! All die kleinen Rentiers — jawohl, ich würde lieber sehen, daß sie mit ihrem kleinen Kapital arbeiten, als daß sie faulenzen und damit wuchern, aber am liebsten würde ich sehen, daß die Betrüger ins Zuchthaus kämen, dann würden betrügerische Unternehmungen nicht ermutigt. Das nennt man politische Ökonomie! Pfui Teufel! — Übrigens: Du trachtest nach meinem Posten! Du sollst ihn haben! Du sollst nicht da in deiner Ecke sitzen und bittere Gedanken gegen mich hegen, weil du in der Korrektur hinter mir auskehren und aufräumen mußt. Ich habe da drinnen bei diesem Freiheitshund, den ich verachte, zu viele Artikel ungedruckt liegen, als daß ich hier noch länger sitzen und Räubergeschichten für ihn aufschneiden möchte. Das ›Rotkäppchen‹ war mir zu konservativ, die ›Arbeiterfahne‹ aber ist mir zu schmutzig!«
»Gut, daß du deine Hirngespinste aufgibst und vernünftig wirst! Geh du zum ›Graumützchen‹, da hast du eine Zukunft!«
»Ich gebe das Hirngespinst auf, daß die Sache der Unterdrückten in guten Händen liegt, und ich glaube, es wäre eine große Aufgabe, die Allgemeinheit darüber aufzuklären, was die öffentliche Meinung, besonders die gedruckte, in Wirklichkeit ist, und wie sie entsteht, aber die Sache selbst gebe ich nie auf!«
Die Tür zum Zimmer des Redakteurs öffnete sich wieder, und herein kam der Redakteur selbst. Er blieb mitten im Zimmer stehen und sagte mit unnatürlich geschmeidiger, fast höflicher Stimme:
»Herr Assessor, wollen Sie bitte die Redaktionsgeschäfte führen in meiner Abwesenheit — ich muß auf einen Tag in einer höchst wichtigen Angelegenheit verreisen. Der Assistent kann Ihnen bei den laufenden Arbeiten helfen. Der Herr Graf bleibt eine Weile in meinem Zimmer — ich hoffe, die Herren werden dem Herrn Grafen behilflich sein, wenn er etwas wünscht.«
»Bitte sehr, das ist nicht nötig!« rief der Graf aus dem Zimmer, wo er über ein Manuskript gebeugt saß, das im Entstehen war.
Der Redakteur ging, und merkwürdigerweise entfernte sich der Graf ungefähr zwei Minuten später, das heißt nach genau so langer Zeit, wie nötig war, um sich nicht in Begleitung des Redakteurs der »Arbeiterfahne« zeigen zu müssen.
»Bist du sicher, daß er gleich abreist?« fragte Ygberg.
»Ich hoffe es!« sagte Falk.
»Dann gehe ich nach der Mönchsbrücke und sehe zu, wie die Frauen einkaufen. Übrigens, hast du Beda seitdem getroffen?«
»Seit wann?«
»Ach, seit sie das Café Naples verlassen und sich eine Wohnung gemietet hat!«
»Woher weißt du das?«
»Du mußt versuchen, ruhig zu sein, Falk! Sonst nimmt es ein schlimmes Ende mit dir!«
»Ja, ich muß es wohl versuchen, sonst verliere ich den Verstand! Dies Mädchen, das ich so geliebt habe, so sehr! Sie hat mich so schändlich betrogen! Was sie mir verweigerte, das hat sie diesem dicken Krämer gegeben! Und weißt du, was sie mir geantwortet hat? Sie sagte: das beweise die Reinheit ihrer Liebe zu mir!«
»Das ist eine feine Dialektik! Und sie hat recht, denn die Prämisse ist ganz richtig: sie liebt dich noch immer?«
»Sie verfolgt mich wenigstens!«
»Und du?«
»Ich hasse sie, so tief man hassen kann; aber ich fürchte ihre Nähe!«
»Das heißt, du liebst sie noch!«
»Laß uns von etwas anderm reden!«
»Du mußt dich beruhigen, Falk! Sieh mich an! Jetzt gehe ich aber weg und sonne mich; man muß doch sein Dasein in seiner zeitlichen Existenz genießen. Gustav, du kannst auf eine Stunde an den deutschen Brunnen hinuntergehen und Knopf spielen, wenn du magst.«
Falk war allein. Die Sonne schien mit aller Macht auf das schräge Dach gegenüber und durchglühte jetzt das Zimmer; er öffnete das Fenster und blickte hinaus, um frische Luft zu schöpfen, aber ihm schlug der betäubende Geruch aus der Gosse entgegen; er ließ den Blick nach rechts hinüberschweifen durch die engen Gassen, und sah ganz hinten in der Ferne ein Stück von einem Dampfer, ein paar Wellen des Mälar, die im Sonnenschein glänzten, und eine Partie des Schinderbuchtberges, der jetzt erst hier und da in den Schluchten etwas Grün aufwies. Er dachte an die Leute, die auf diesem Dampfer in die Sommerfrische fahren würden, die in den Wellen baden und ihr Auge an dem Grün erlaben konnten. Nun aber begann der Klempner unten zu hämmern, daß Haus und Fensterscheiben zitterten. Ein paar Arbeiter fuhren einen rasselnden, stinkenden Karren vorbei, und aus der Kneipe gegenüber strömte ein Geruch von Branntwein, Dünnbier, Sägespänen und Tannenreisern. Er zog den Kopf zurück und setzte sich an seinen Tisch; vor ihm lagen wohl hundert Provinzzeitungen zum Ausschneiden bereit. Er zog die Manschetten aus und begann die Durchsicht. Sie rochen nach Kienruß und Öl und färbten ab — das war der Haupteindruck; was er des Ausschneidens wert fand, durfte er nicht nehmen, denn er mußte an das Programm seiner Zeitung denken. Wenn die Arbeiter einer Fabrik dem Werkmeister eine silberne Schnupftabaksdose geschenkt hatten, so war das sofort auszuschneiden; wenn aber ein Prinzipal der Kasse der Arbeiter fünfhundert Kronen stiftete, so mußte er daran vorbeigehen. Wenn der Herzog von Halland einen Rammblock eingeweiht und Direktor Trälund ein Gedicht darauf gemacht hatte, so mußte er das mit Gedicht und allem ausschneiden, »denn so etwas lesen die Leute gern«; konnte er etwas Geringschätziges hinzufügen, so war es um so besser, sie kriegten es dann wenigstens zu hören. Im übrigen galt für das Ausschneiden die folgende Regel: alles Rühmliche über Journalisten und Arbeiter, alles Schmähliche über Geistliche, Militärs, große Kaufleute (nicht kleine), Akademiker, berühmte Schriftsteller und Juristen. Außerdem mußte er mindestens einmal wöchentlich die Direktion des königlichen Theaters angreifen, sowie die leichtsinnigen Singspiele der kleinen Theater im »Namen der Moral und der Sittlichkeit« herunterreißen, denn der Redakteur hatte bemerkt, daß die Arbeiter diese Theater nicht liebten. Einmal monatlich mußten Stadtverordnete der Verschwendung bezichtigt (und verurteilt) werden, wobei, so oft sich die Gelegenheit bot, die Regierungsform angegriffen werden sollte, aber nicht die Regierung. Strenge Zensur hatte der Redakteur sich bei Attentaten auf gewisse Reichstagsabgeordnete und gewisse Minister vorbehalten. Auf welche? Das war ein Geheimnis, das nicht einmal der Redakteur kannte, denn das hing von den Konjunkturen ab, und die vermochte nur der geheime Verleger der Zeitung zu beurteilen.
Falk arbeitete mit seiner Schere, bis seine eine Hand schwarz war, und er klebte; aber die Leimflasche gab einen so ekelhaften Geruch von sich, und die Sonne brannte so heiß; die arme Aloe, die wie ein Kamel dursten und alle Stiche einer gereizten Stahlfeder ertragen konnte, sah sehr betrübt aus und machte den wüstenartigen Eindruck grauenhaft lebendig; sie hatte lauter schwarze Punkte von Stichen, und ihre Blätter schossen wie ein Bündel Eselsohren aus der wie Schnupftabak trocknen Erde auf. Etwas Ähnliches mochte Falk vorschweben, denn er saß in Gedanken versunken, und ehe er es bereuen konnte, hatte er alle Ohrzipfel abgeschnitten. Dann, vielleicht um das Gewissen zu betäuben, vielleicht um etwas zu tun zu haben, strich er Leim auf die Wunden und sah zu, wie die Sonne es trocknete; darauf überlegte er eine Weile, wo er Mittagessen herbekommen werde, denn er war auf den Weg geraten, der zur Verdammnis führt, das heißt auf den Weg der sogenannten »schlechten Verhältnisse«; schließlich steckte er sich eine Pfeife Knaster an und ließ den betäubenden Rauch aufsteigen und sich in dem kurzlebigen Sonnenschein baden. Das stimmte ihn milder gegen das arme Schweden, wie es sich nach der Meinung der Leute in den Tages-, Wochen- und Halbwochenbulletins, die man Zeitungen nennt, darstellte. Er legte die Schere beiseite, warf die Zeitungen in eine Ecke und teilte mit der Aloe brüderlich den Inhalt der Tonkaraffe; dabei fand er, daß die Ärmste aussah, als seien ihr die Flügel beschnitten — wie eine Ente zum Beispiel, die auf dem Kopf im Schlamm steht und nach irgend etwas gräbt — vielleicht nach Perlen, oder doch wenigstens nach Muscheln ohne Perlen. Dann packte ihn wieder die Verzweiflung, wie der Gerber mit seinen langen Haken, und stieß ihn zu Boden, hinunter in den Schmutz, wo er präpariert werden sollte, bevor das Messer kam und ihm die Haut abschabte, damit er würde wie andere Menschen. Und er fühlte keine Gewissensbisse, keine Reue über ein verfehltes Leben, sondern ganz einfach Verzweiflung darüber, in seiner Jugend sterben zu müssen, den geistigen Tod, bevor er hatte wirken können, Verzweiflung darüber, wie ein unnützes Rohr, wie dürres Holz ins Feuer geworfen zu werden!
Von der Deutschen Kirche schlug es elf, und nun setzte das Glockenspiel ein: »Wie groß ist des Allmächtigen Güte« und »Mein Leben ist ein Wellenspiel«; gewissermaßen von derselben Idee erfaßt begann ein italienischer Leierkasten mit der obligaten Flötenstimme »An der schönen blauen Donau« aufzuspielen; soviel Musik auf einmal brachte neues Leben in den Klempner, der mit verdoppeltem Eifer sein Blech vornahm; all dieser Lärm war schuld, daß Falk nicht hörte, wie die Tür sich öffnete und zwei Personen eintraten. Die eine war eine lange, magere, finstere Gestalt mit Habichtsnase und Polkahaar, die andere ein dicker, blonder, untersetzter Mann, dessen Gesicht blank vom Schweiß war und große Ähnlichkeit mit dem Tier hatte, das bei den Hebräern für das unreinste von allen galt. Ihr Äußeres deutete auf eine Beschäftigung hin, die weder die Seelen- noch die Körperkräfte zu sehr in Anspruch nahm; es war jenes unbestimmte Etwas, das Unregelmäßigkeit in Arbeit und Lebensweise verrät.
»Pst!« flüsterte der Lange; »bist du allein?«
Falk schien von dem Besuch halb angenehm, halb unangenehm überrascht zu sein.
»Ich bin sogar ganz allein; der Rote ist verreist.«
»Oh, dann komm mit und iß mit uns!«
Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden; er schloß das Büro zu und ging mit den beiden in die Kneipe »Stern« in der Österlangstraße, wo sie sich in der dunkelsten Ecke niederließen.
»Ach, sieh da, Branntwein!« sagte der Dicke, und seine erloschenen Augen leuchteten beim Anblick der Branntweinflasche.
Aber Falk, der hauptsächlich deshalb mitgegangen war, um Teilnahme und Trost zu finden, schenkte den aufgetischten Herrlichkeiten nicht die gebührende Aufmerksamkeit.
»Ich habe mich schon lange nicht so unglücklich gefühlt,« sagte er.
»Nimm dir ein Brötchen mit Hering!« sagte der Lange. »Wir wollen Rydinger Kümmelkäse essen. — Pst! Kellner! Mischung Blomberg!«
»Könnt ihr mir jetzt einen guten Rat geben?« versuchte Falk wieder; »ich halte es bei dem Roten nicht länger aus und muß suchen ...«
»Pst! Kellner! Bergmanns Hartbrot! — Trink doch, Falk, und rede keinen Unsinn!«
Falk war aus dem Sattel geworfen und machte keine weiteren Versuche, auf diese Art Linderung seiner geistigen Not zu finden; er schlug einen andern nicht ungewöhnlichen Weg ein.
»Sagtest du, wir wollten trinken? Für mein Leben gern!«
Es floß wie Gift durch seine Adern, denn er war nicht an Alkohol am Vormittag gewöhnt; aber er empfand ein wunderliches Wohlbehagen bei den Essensgerüchen und dem Fliegengesumme und dem Duft des halbverfaulten Blumenstraußes, der neben dem schmutzigen Tafelaufsatz stand. Sogar die schlechte Gesellschaft mit der unsauberen Wäsche, den fleckigen Anzügen und den ungekämmten Galgenphysiognomien harmonierte so sehr mit seiner eigenen Erniedrigung, daß er eine wilde Freude empfand.
»Gestern sind wir im Tiergarten gewesen und haben gesoffen!« sagte der Dicke, um in der Erinnerung die verflossenen Genüsse noch einmal durchzukosten.
Dagegen hatte Falk nichts einzuwenden, und seine Gedanken schlugen sofort eine andere Richtung ein.
»Ist es nicht schön, einmal vormittags frei zu sein?« sagte der Lange, der die Rolle des Versuchers übernommen zu haben schien.
»Ja, das ist schön,« antwortete Falk und wollte mit einem Blick durch das Fenster seine Freiheit gewissermaßen messen, aber er sah nur eine Feuerleiter und einen Müllkasten auf dem Hof, auf den nur der schwache Widerschein des Sommerhimmels hinunterdrang.
»Jetzt trinken wir einen Schnaps! So! — Ah! — Nun, und der Triton? Hahahaha!«
»Du mußt nicht lachen,« sagte Falk; »es werden so viele arme Leute darunter leiden!«
»Was für arme Leute? Arme Kapitalisten? Hast du Mitleid mit Leuten, die nicht arbeiten, sondern von ihrem Gelde leben? Nein, mein Junge, du hast immer noch deine Vorurteile! Aber in der ›Hornisse‹ stand eine lustige Geschichte von einem Großhändler, der der Kinderkrippe Bethlehem 20000 Kronen geschenkt und dafür den Wasa-Orden bekommen hatte; nun stellt sich aber heraus, daß es Triton-Aktien mit solidarischer Haftung waren, und jetzt muß die Krippe Konkurs machen! Ist das nicht köstlich? Die Aktiva bestehen aus fünfundzwanzig Kinderbetten und einem Ölbilde eines unbekannten Meisters. Das ist doch herrlich! Das Porträt wird auf fünf Kronen geschätzt! Ist das nicht köstlich? Hahahaha!«
Falk fühlte sich von dem Thema, das er besser kannte als die andern, unangenehm berührt.
»Nun, hast du gesehen, daß das ›Rotkäppchen‹ den Schwindel mit Skönström entlarvt hat, der Weihnachten diese elenden Gedichte herausgegeben hat?« sagte der Dicke. »Es war direkt erfreulich, einmal ein wahres Wort über diesen Kerl zu lesen. Ich habe ihm in der ›Natter‹ ein paar Hiebe versetzt, daß es nur so pfiff.«
»Ja, aber du bist etwas ungerecht gegen ihn gewesen, seine Verse waren nicht schlecht,« sagte der Lange.
»Schlecht? Sie waren doch viel schlechter als meine, die das ›Graumützchen‹ so heruntergerissen hat — du erinnerst dich wohl!«
»Apropos, Falk, bist du im Tiergartentheater gewesen?« fragte der Lange.
»Nein.«
»Schade!«
»Da grassiert jetzt die Lundholmsche Räuberbande! Das ist ein frecher Lümmel, kann ich dir sagen. Er hatte der ›Natter‹ keine Billette geschickt, und als wir gestern hingingen, schmeißt er uns raus! Das soll er büßen! Willst du dir den Hund nicht vornehmen? Hier hast du Papier und Bleistift. Erst schreibe ich! ›Theater und Musik. Das Tiergartentheater.‹ Nun schreibst du.«
»Aber ich habe seine Truppe ja nicht gesehen!«
»Was tut das, zum Teufel? Hast du noch nie über etwas geschrieben, was du nicht gesehen hast?«
»Nein, das habe ich nicht; ich habe Schwindel entlarvt, aber ich habe nie Unschuldige angegriffen, und seine Truppe kenne ich nicht.«
»Oh, die ist elend! Lauter Pack!« bestätigte der Dicke. »Spitze deinen Bleistift und stich ihn in die Ferse, was du so gut kannst!«
»Warum stecht ihr nicht selbst?« fragte Falk.
»Weil die Setzer unseren Stil kennen, und die pflegen abends da draußen eine Rolle zu spielen. Übrigens ist Lundholm ein so jähzorniger Kerl, der kommt sicher ins Büro gerast, und dann muß man es ihm unter die Nase reiben können, daß es eine Meinungsäußerung eines Unparteiischen ist! Ja, wenn Falk über Theater schreibt, so nehme ich mir die Musik vor. Es ist doch in dieser Woche in der Kirche in Ladugaardsland ein Konzert gewesen. — Hieß er nicht Daubry mit y?«
»Nein, mit i,« antwortete der Dicke. »Vergiß nur nicht, daß er Tenor war und das Stabat mater gesungen hat!«
»Wie schreibt sich das?«
»Das können wir gleich nachsehen,« sagte der dicke Redakteur der ›Natter‹ und nahm einen Stoß schmieriger Zeitungen vom Gasmesserschrank.
»Hier hast du das ganze Programm, und ich glaube, es steht auch eine Rezension in der Zeitung.«
Falk konnte sich eines Lachens nicht erwehren.
»Es kann doch nicht eine Rezension drinstehen am selben Tag, wo die Annonce erscheint?«
»Das kann es schon! Aber es ist nicht nötig, denn ich werde dies französische Pack schon noch rezensieren. — Nimm du dir nur die Literatur vor, Dickus!«
»Schicken die Verleger der ›Natter‹ Bücher?« fragte Falk.
»Bist du verrückt?«
»Kauft ihr sie selbst, nur um das Vergnügen zu haben, sie zu rezensieren?«
»Kaufen? — Grünschnabel! Nimm dir noch ein Glas und mache ein heiteres Gesicht, dann kriegst du ein Kotelett!«
»Ihr lest wohl die Bücher gar nicht, die ihr rezensiert?«
»Wer sollte denn Zeit haben, Bücher zu lesen, he? Genügt es nicht, daß man darüber schreibt? Man liest die Zeitungen, das ist hinreichend! Übrigens ist es unser Prinzip, alle runterzumachen!«
»Aber das ist doch ein dummes Prinzip!«
»Unsinn! Dadurch zieht man alle Gegner und Neider der Dichter auf seine Seite — und da hat man doch die Majorität. Die Neutralen lesen lieber Grobheiten über andere als Lobesworte! Es liegt für den Unbeachteten etwas Erbauliches und Tröstliches darin, zu sehen, wie dornenvoll der Weg des Ruhms ist. Nicht wahr?«
»Ja, aber wie kann man so mit den Schicksalen der Menschen umgehen!«
»Oh, das tut Alten und Jungen sehr gut, das weiß ich, denn ich habe in meiner Jugend nie etwas anderes als Grobheiten zu hören bekommen!«
»Aber ihr führt das Urteil des Publikums irre.«
»Das Publikum will gar kein Urteil haben, das Publikum will seine Passionen befriedigt sehen. Wenn ich deinen Gegner lobe, windest du dich wie ein Wurm und sagst, ich hätte kein Urteil; wenn ich deinen Freund lobe, sagst du, ich habe Urteil! Nimm dir das letzte Stück des Dramatischen Theaters vor, Dickus, das soeben veröffentlicht ist!«
»Bist du sicher, daß es schon erschienen ist?«
»Aber gewiß! Du kannst jedenfalls betonen, daß es keine Handlung hat; daß man das sagt, ist das Publikum gewohnt; ferner kannst du dich über die ›schöne Sprache‹ mokieren; das ist ein altes, gutes, abschätziges Lob, und dann falle über die Direktion des Theaters her, die das Stück angenommen hat; sprich auch davon, daß der sittliche Gehalt des Stückes zweifelhaft ist, das kann man immer sagen; sage aber nichts über die Aufführung, das ›verschieben wir auf ein andermal, aus Mangel an Raum‹, kannst du hinzufügen, dann verhaust du dich nicht, weil du doch das Zeug nicht gesehen hast.«
»Wer ist der Unglückliche, der dies Stück geschrieben hat?« fragte Falk.
»Das weiß man noch nicht!«
»Denkt doch an seine Eltern und Geschwister; vielleicht lesen sie diese Dinge, die ja höchst ungerecht sein können.«
»Nun, was haben sie mit der ›Natter‹ zu tun? Sie wollten doch sicher etwas Abfälliges über ihre Gegner lesen; sei überzeugt: sie wissen genau, was die ›Natter‹ zu enthalten pflegt.«
»Ihr habt also kein Gewissen?«
»Hat das Publikum, das geehrte Publikum, das uns unterhält, Gewissen? Meinst du, wir würden leben, wenn sie uns nicht hielten? Willst du einen Erguß über den augenblicklichen Stand der Literatur hören, den ich geschrieben habe? Er ist nicht dumm, das kann ich dir sagen! Ich habe einen Abzug bei mir! Aber wir wollen erst ein Glas Porter trinken! Kellner! Pst! — Paß jetzt auf, dann sollst du was hören! Du kannst es auch auf dich beziehen, wenn du willst!«
»Seit langer Zeit hat man nicht solchen Jammer in der schwedischen Versfabrik gehabt; es ist ein Gewimmer, das zum Verzweifeln ist; große, ausgewachsene Männer winseln wie Katzen im März! Und diese Leute wollen, wenn sie auf andere Art nicht imstande dazu sind, das Interesse der Welt durch Bleichsucht und Polypen erregen; mit Schwindsucht wagen sie nicht zu kommen, das ist zu alt. Dabei haben sie einen Rücken so breit wie Bierwagenpferde und ein Gesicht so rot wie ein Weinzapfer. Da jammert einer über die Untreue des Weibes, der nie etwas anderes kennen gelernt hat als die bezahlte Treue der Hure; und jener andere, der da schreibt, er habe kein Gold, er habe nur seine Leier — so ein Lügner —, der hat fünftausend Kronen Zinsen jährlich und Anwartschaft auf einen Sitz in der Schwedischen Akademie. Und dieser treulose, zynische Spötter, der seinen Mund nicht auftun kann, ohne unreinen Atem auszustoßen, der predigt Gottseligkeit. Ihre Poesien sind nicht um ein Haar besser, als sie vor dreißig Jahren für Pastorentöchter in Gitarrenmusik gesetzt wurden; sie sollten für den Zuckerbäcker schreiben, für zwölf Pfennig den Zoll, nicht aber von Verlegern, Druckern und Rezensenten verlangen, sie zu Dichtern zu machen! Worüber schreiben sie? Über nichts, das heißt über sich selbst! Es ist unpassend, von sich selbst zu sprechen, aber schreiben darf man! Worüber jammern sie? Über ihre Unfähigkeit, Erfolg zu haben. Erfolg! Das ist das Wort! Hätten Sie einem einzigen Gedanken Ausdruck gegeben, der in irgendeinem andern, in der Epoche, in der Gesellschaft Wurzel schlüge; hätten sie ein einziges Mal sich zum Sprecher der Elenden gemacht, so sollten ihre Sünden ihnen verziehen sein, aber das haben sie nicht getan; deshalb sind sie ein tönendes Erz — nein, wie ein gellendes Eisen und eine zersprungene Narrenschelle — denn sie haben Liebe nur für die nächste Auflage von Bjurstens Literaturgeschichte, für die Schwedische Akademie und sich selbst! — Das ist scharf! Was?«
»Das ist ungerecht, finde ich,« sagte Falk.
»Ich finde es forsch,« sagte der Dicke. »Du mußt jedenfalls zugeben, daß es gut geschrieben ist. Nicht wahr? Der Lange hat eine Feder, die durch Sohlleder geht!«
»Haltet jetzt den Mund, Jungens, und schreibt, dann kriegt ihr nachher Kaffee und Kognak!«
Und sie schrieben über Wert und Unwert der Menschen und knickten Herzen, wie man Eier zerschlägt.
Falk hatte ein unbeschreibliches Verlangen nach frischer Luft; er öffnete das Fenster nach dem Hof, aber es war ein so hoher, schmaler, dunkler Hof, in dem man sich wie in einem Grabe fühlte, und wo man nur ein Viereck vom Himmel sehen konnte, wenn man den Kopf nach hinten bog. Und er hatte auch das Gefühl, tief unten in seinem Grabe zu sitzen, mitten in Branntweindunst und Speisengerüchen, im Begriff, seine Jugend, seine guten Vorsätze und seine Ehre zu Grabe zu trinken; er versuchte an dem Flieder zu riechen, der auf dem Tisch stand, aber der verbreitete nur einen Duft von Fäulnis; er versuchte noch einmal durch das Fenster irgendeinen Gegenstand zu erspähen, der ihm keinen Ekel einflößte; doch er sah nur den frischgeteerten Müllkasten, der dastand wie ein Sarg mit seinem Inhalt von weggeworfenen Zieraten, ausgedienten Gebrauchsgegenständen; er ließ seine Gedanken die Feuerleiter hinaufklettern, die aus Schmutz und Gestank und Schande direkt in den blauen Himmel zu führen schien, aber da stiegen keine Engel auf und nieder, und hoch oben war kein freundliches Gesicht zu sehen, nur das leere blaue Nichts.
Falk faßte die Feder und begann die Buchstaben in der Überschrift »Theater« zu schraffieren, als eine kräftige Hand ihn beim Arm faßte und eine energische Stimme sagte:
»Komm mit, ich muß mit dir sprechen!«
Falk blickte auf, betroffen und beschämt. Borg stand neben ihm und schien ihn nicht loslassen zu wollen.
»Darf ich vorstellen ...«, begann Falk.
»Nein, das darfst du nicht,« unterbrach Borg; »mit Branntweinliteraten möchte ich nicht bekannt werden. Komm nur mit!«
Und er zog Falk mit nach der Tür, unwiderstehlich.
»Wo ist dein Hut? So! Komm jetzt nur!«
Sie waren draußen auf der Straße; Borg faßte ihn unter und führte ihn nach dem Eisenmarkt; dort zog er ihn in einen Laden für Schiffsartikel und kaufte ein Paar Segelschuhe, darauf schleppte er ihn über die Schleuse nach dem Hafen hinunter; da lag ein Kutter vertäut, fertig zur Abfahrt; auf dem Kutter saß der junge Levi, studierte eine lateinische Grammatik und aß ein Butterbrot.
»Hier«, sagte Borg, »siehst du den Kutter Uria; das ist ein häßlicher Name, aber er fährt gut und ist beim Triton versichert; da sitzt der Reeder des Schiffes, der Judenjunge Isaak, und lernt Rabes Grammatik — der Idiot möchte studieren —, und nun bist du sein Lehrer für den Sommer; und jetzt fahren wir nach unserer Sommerfrische auf Nämdö. Alle Mann an Bord! Keine Widerrede! — Fertig? — Abfahrt!«