Vierundzwanzigstes Kapitel
Über Schweden

Man war zum Dessert gekommen. Der Champagner funkelte in den Gläsern, in denen sich die Lichtstrahlen des Kronleuchters in Nikolaus Falks Eßsaal in der Wohnung an der Schiffsbrücke spiegelten. Arvid nahm von allen Seiten freundliche Händedrücke mit Komplimenten und Glückwünschen, Warnungen und Ratschlägen entgegen; alle wollten sich einen Anteil an seinen Erfolgen sichern, denn jetzt war es ein ausgesprochener Erfolg.

»Herr Assessor Falk! Ich habe die Ehre!« sagte der Präsident des Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter und nickte ihm über den Tisch zu. »Das ist ein Genre, auf das ich mich verstehe!«

Falk nahm das verletzende Kompliment mit Ruhe entgegen.

»Warum schreiben Sie so melancholisch?« fragte eine junge Schönheit, die rechts vom Dichter saß. »Man könnte glauben, Sie seien unglücklich verliebt!«

»Herr Assessor Falk! Darf ich mir erlauben!« sagte der Chefredakteur des ›Graumützchens‹ von links, indem er seinen langen blonden Bart strich. »Warum schreiben Sie nicht für meine Zeitung, Herr Assessor?«

»Ich glaube, die Herren würden nicht drucken, was ich schreibe!« antwortete Falk.

»Ich wüßte nicht, was uns hindern sollte!«

»Die Ansichten!«

»Oh! Das ist doch nicht so gefährlich damit! Das wird sich schon ausgleichen! Wir haben ja gar keine Ansichten!«

»Prosit, Falk!« schrie der schon ganz ausgelassene Lundell über den Tisch. »Heisa!«

Levi und Borg mußten ihn festhalten, damit er nicht aufstand und eine Rede hielt.

Es war das erste Mal, daß er in so einer Gesellschaft war, und die stattliche Versammlung und das glänzende Diner waren ihm zu Kopf gestiegen; da aber alle Gäste sich in einem höheren Stadium befanden, erregte er gleicherweise kein unliebsames Aufsehen.

Arvid Falk fühlte sich warm beim Anblick dieser Menschen, die ihn wieder in ihrer Mitte aufgenommen hatten, ohne eine Erklärung zu verlangen oder eine Abbitte zu fordern. Er hatte ein Gefühl von Sicherheit, auf diesen alten Stühlen zu sitzen, die zu seinem Elternhause gehört hatten; er erkannte mit Wehmut den großen Tafelaufsatz wieder, der früher nur einmal im Jahre herausgeholt wurde; aber die vielen neuen Menschen machten ihn zerstreut. Er ließ sich von ihren freundlichen Mienen nicht täuschen; sie wollten ihm allerdings nichts Böses tun, aber ihr Wohlwollen hing von einer Konjunktur ab. Außerdem kam ihm die ganze Veranstaltung wie eine Maskerade vor. Was für gemeinsame Interessen hatte Professor Borg, der Mann mit dem großen wissenschaftlichen Ruf, mit seinem ungebildeten Bruder? Sie waren in der gleichen Aktiengesellschaft! Was tat der hochmütige Hauptmann Gyllenborst hier? Kam er her, um zu essen? Unmöglich, obwohl die Menschen recht weit gehen, um zu essen. Und der Präsident? Und der Admiral? Hier gab es unsichtbare Bande, starke, unlösliche Bande vielleicht!

Die Freude ging hoch, doch das Lachen war zu schrill, der Witz sprudelte, war aber säuerlich; Falk fühlte sich beklommen, und er hatte das Gefühl, als blicke von dem Porträt, das über dem Klavier hing, das Gesicht des Vaters zornig auf die Gesellschaft nieder.

Nikolaus Falk strahlte vor Zufriedenheit; er sah und hörte nichts Unangenehmes, wich aber den Blicken des Bruders soviel er konnte aus. Sie hatten noch kein Wort miteinander gewechselt, denn Arvid hatte sich nach Levins Anweisung erst eingefunden, als alle Gäste versammelt waren.

Das Diner näherte sich seinem Ende. Nikolaus hielt eine Rede auf »die eigne Kraft und den festen Willen«, die den Menschen zum Ziel führen: »zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit« und einer »Position«. »Dies alles zusammen«, sagte der Redner, »verleih Selbstgefühl und gibt dem Charakter die Festigkeit ohne die wir nichts ausrichten können; nichts ausrichten im Dienst der Allgemeinheit, dem Höchsten, was wir erreichen können; und dahin, meine Herren, streben wir doch alle, wenn wir wahr sein wollen! Ich trinke auf das Wohl meiner geehrten Gäste, die heute meinem Hause die Ehre geben, und hoffe, daß ich noch oft die gleiche Ehre genießen werde!«

Darauf antwortete Hauptmann Gyllenborst, der schon etwas angeheitert war, in einer längeren, scherzhaften Rede, die in einer andern Stimmung und in einem andern Hause als skandalös bezeichnet worden wäre.

Er griff den kaufmännischen Geist an, der jetzt um sich gegriffen habe, und erklärte scherzend, es fehle ihm gewiß nicht an Selbstgefühl, obwohl er im höchsten Grade der wirtschaftlichen Unabhängigkeit entbehre; er habe gerade heute vormittag eine Affäre recht unangenehmer Art gehabt, — trotzdem jedoch habe er Charakterstärke genug besessen, zu diesem Diner zu gehen; und was seine gesellschaftliche Position betreffe, so halte er sie für ebenso gut wie die irgendeines andern Menschen — und dieser Meinung seien auch andere, da er ja doch die Ehre habe, an dieser Tafel, bei diesen scharmanten Gastgebern zu sitzen!

Als er geendet hatte, atmete die Gesellschaft erleichtert auf, denn »man habe das Gefühl gehabt, als zöge eine Gewitterwolke vorüber«, bemerkte die Schöne zu Arvid Falk, der dieser Äußerung lebhaft zustimmte.

Es war so viel Lüge, so viel Falschheit in der Luft, daß Falk sich beklommen fühlte und sich hinaussehnte. Er sah, wie diese Menschen, die ganz sicher ehrenhaft und achtenswert waren, gleichsam an einer unsichtbaren Kette gingen, an der sie dann und wann mit erstickter Wut zerrten — ja, Hauptmann Gyllenborst behandelte den Wirt wirklich mit offener, wenn auch scherzhafter Verachtung. Er steckte sich im Salon eine Zigarre an, nahm unpassende Stellungen ein und beachtete die Damen nicht. Er spuckte auf die Steine vor dem Ofen, kritisierte unbarmherzig die Öldrucke an den Wänden und sprach seine Verachtung für Mahagonimöbel aus. Die übrigen Herren beobachteten ein indifferentes, ihrer selbst würdiges Benehmen und schienen Dienst zu tun.

Erregt und unzufrieden verließ Arvid Falk unbemerkt die Gesellschaft und ging fort. Auf der Straße stand Olle Montanus und wartete auf ihn.

»Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß du kommen würdest,« sagte Olle. »Es ist so schön hell da oben!«

»Ach deshalb! Ich wollte, du wärst dabei gewesen!«

»Nun, wie macht Lundell sich unter feinen Leuten?«

»Beneide ihn nicht! Er wird auch noch bittere Tage haben, wenn er Porträtmaler werden will! — Laß uns jetzt von etwas anderm sprechen! Ich habe mich wirklich so nach diesem Abend gesehnt, wo ich die Arbeiter aus der Nähe sehen soll! Oh, ich glaube, nach diesem Qualm wird es wie frische Luft sein! Mir ist, als dürfte ich in den Wald gehen, nachdem ich in einem Krankenhaus darniedergelegen habe! Ich werde doch nicht auch dieser Illusion beraubt werden?«

»Der Arbeiter ist mißtrauisch, du mußt also vorsichtig sein!«

»Ist er edel? Ist er frei von Kleinlichkeit? Oder hat der Druck ihn verdorben?«

»Du wirst ja sehen! Es ist vieles in der Welt anders, als man sich vorstellt!«

»Ja, leider Gottes, das ist es!«

Nach einer halben Stunde befanden sie sich in dem großen Saal des Arbeitervereins Nordstern, der schon vollbesetzt war. Falks schwarzer Frack machte keinen guten Eindruck, und er mußte manchen unfreundlichen Blick aus finsteren Gesichtern entgegennehmen.

Olle stellte Falk einem langen, hageren, hustenden Manne von fanatischem Aussehen vor:

»Tischler Eriksson!«

»Ach,« sagte der, »ist das auch ein Herr, der Reichstagsabgeordneter werden will? Dazu sieht er mir doch zu schmächtig aus!«

»Nein, nein,« sagte Olle, »er kommt für die Zeitung!«

»Was für eine Zeitung? Es gibt so viele Sorten von Zeitungen! Vielleicht ist er hier, um sich über uns lustig zu machen!«

»Nein, durchaus nicht,« sagte Olle, »er ist ein Arbeiterfreund und will alles für euch tun!«

»So so, das ist etwas anderes! Aber ich habe Angst vor solchen Herren; wir hatten einen, der bei uns wohnte, das heißt in demselben Haus oben auf dem Weißen Berge; er war der Vizewirt — Struve hieß die Kanaille!«

Ein Hammerschlag ertönte, und ein Mann in mittleren Jahren setzte sich auf den Präsidentenstuhl. Das war Stellmacher Löfgren, Stadtverordneter und Inhaber der Medaille Litteris et Artibus. Durch Übung in der Wahrnehmung kommunaler Ämter hatte er sich eine große Routine erworben, und sein Äußeres hatte ein Gepräge von Würde angenommen, das Stürme beschwichtigen und Aufruhr eindämmen konnte. Eine große Richterperücke beschattete ein breites Gesicht, das mit Backenbart und Brille geziert war.

Neben ihm saß der Sekretär, in dem Falk einen Diätar aus dem großen Amt wiedererkannte. Dieser trug einen Kneifer und drückte durch ein bäurisches Grinsen seine Mißbilligung über das meiste aus, was geäußert wurde. Auf der ersten Bank unterhalb der Tribüne saßen die vornehmsten Mitglieder, Offiziere, Beamte, Großhändler, die alle loyalen Anträge kräftig unterstützten und mit überlegenem parlamentarischen Geschick alle Reformprojekte niederstimmten.

Das Protokoll wurde vom Sekretär verlesen und von der ersten Bank genehmigt. Darauf wurde der erste Punkt der Tagesordnung vorgetragen.

»Der vorbereitende Ausschuß stellt dem Arbeiterverein Nordstern anheim, der Mißbilligung Ausdruck zu geben, die jeder rechtdenkende Bürger hinsichtlich der ungesetzlichen Bewegungen empfinden muß, die unter dem Namen Streik durch fast ganz Europa gehen.

Will der Verein ...«

»Jawohl,« schrie die erste Bank.

»Herr Vorsitzender!« rief der Tischler vom Weißen Berge.

»Wer lärmt da hinten?« fragte der Vorsitzende und blickte mit einer Miene unter der Brille durch, als wolle er den Rohrstock holen.

»Hier lärmt keiner; ich wollte nur ums Wort bitten,« sagte der Tischler.

»Wer ist ich?«

»Tischlermeister Eriksson!«

»Sind Sie Meister? Wann sind Sie das geworden?«

»Ich bin ausgelernter Geselle und habe nie die Mittel gehabt, meine Meisterprüfung zu machen, aber ich bin ebenso geschickt wie irgendein anderer, und ich arbeite selbständig! Das kann ich sagen!«

»Tischlergeselle Eriksson, wollen Sie sich bitte setzen und uns nicht weiter stören. — Hält der Verein die Frage für bejaht?«

»Herr Vorsitzender!«

»Um was handelt es sich?«

»Ich bitte ums Wort! Können Sie nicht hören, Herr?« brüllte Eriksson.

»Eriksson hat das Wort,« wurde im Hintergrunde gemurmelt.

»Geselle Eriksson — schreiben Sie sich mit x oder mit z?« fragte der Vorsitzende, dem der Sekretär soufflierte.

Lautes Lachen ertönte auf der vordersten Bank.

»Ich schreibe mich überhaupt nicht, meine Herren, ich diskutiere!« sagte der Tischler mit funkelnden Augen; »das tue ich! Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, würde ich sagen: die Streikenden haben recht, denn wenn die Meister und Prinzipale fett werden, die nichts weiter tun als herumlaufen und scherwenzeln bei Audienzen und solchem Scheiß, so hat das den Schweiß der Arbeiter gekostet! Aber wir wissen recht gut, warum ihr unsere Arbeit nicht bezahlen wollt: weil wir dann das Wahlrecht zum Reichstag bekommen würden, und davor hat man Angst ...«

»Herr Vorsitzender!«

»Herr Rittmeister von Sporn!«

»Und wir wissen recht gut, daß die Steuereinschätzungskommission die Steuer herabsetzt, sobald sie eine bestimmte Höhe erreicht. Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, würde ich noch viel mehr sagen, aber es hat so wenig Zweck ...«

»Herr Rittmeister von Sporn!«

»Herr Vorsitzender, meine Herren! Es ist höchst unerwartet, daß in einer Versammlung wie dieser, die sich durch ihr würdiges Verhalten (noch kürzlich bei dem königlichen Beilager) einen so guten Namen gemacht hat, Personen ohne allen parlamentarischen Takt einen achtenswerten Verein durch schamlose und rücksichtslose Verachtung aller Formen kompromittieren dürfen. Glauben Sie mir, meine Herren, so etwas könnte nicht geschahen in einem Lande, wo man von Jugend auf militärische Zucht lernt ...«

(»Allgemeine Wehrpflicht!« sagte Eriksson zu Olle.)

»... wo man sich daran gewöhnt, sich selbst und andere zu beherrschen! Ich spreche die gemeinsame Hoffnung aus, daß ein so störender Zwischenfall nicht wieder vorkommt unter uns ... ich sage uns ... denn ich bin auch Arbeiter ... wir sind alle Arbeiter vor dem ewigen Gott ... ich sage das in meiner Eigenschaft als Mitglied dieses Vereins, und der Tag würde ein Tag der Trauer sein, an dem ich die Worte zurücknehmen müßte, die ich kürzlich in einer andern Versammlung — jawohl, es war in dem Nationalverein der Freunde der allgemeinen Wehrpflicht — geäußert habe: Ich denke hoch von dem schwedischen Arbeiter!«

»Bravo! Bravo! Bravo!«

»Hält der Verein den Antrag des vorbereitenden Ausschusses für angenommen?«

»Ja! Ja!«

»Zweiter Punkt: Auf den Antrag eines Mitgliedes des Arbeitsausschusses wird dem Verein anheimgestellt, zu der bevorstehenden Konfirmation Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs von Dalsland in Anerkennung der Dankesschuld, die der schwedische Arbeiter dem Königshaus gegenüber hat, und besonders als Ausdruck der Mißbilligung jener Arbeiterunruhen, die unter dem Namen Kommune die Hauptstadt Frankreichs verheeren, eine Sammlung für eine Ehrengabe zu veranstalten, deren Wert allerdings dreitausend Kronen nicht übersteigen dürfte.«

»Herr Vorsitzender!«

»Herr Doktor Haberfeld!«

»Nein, ich war es, Eriksson, ich bitte ums Wort!«

»Ach so! Nun! Eriksson hat das Wort!«

»Ich möchte darauf hinweisen, daß nicht der Arbeiter die Kommune in Paris gemacht hat; sie ist gemacht von Beamten, Advokaten, Offizieren, gerade von den Wehrpflichtigen — und von Zeitungsschreibern. Wenn ich das Wort in der Gewalt hätte, so würde ich die Herren bitten, ihre Gefühle in einem Album zur Konfirmation auszudrücken!«

»Hält der Verband den Antrag des Arbeitsausschusses für angenommen?«

»Ja! Ja!«

Und nun begann ein Schreiben der Schreiber und ein Kollationieren und ein Schwatzen wie im Reichstag selbst.

»Geht das hier immer so zu?« fragte Falk.

»Finden Sie das lustig, Herr?« antwortete Eriksson. »Man möchte sich die Haare ausreißen! Ich nenne dies Korruption und Verrat. Lauter Eigennutz und Schändlichkeit; keiner, der ein Herz hätte, der sich der Sache annimmt; deshalb kommt es auch, wie es kommt!«

»Was kommt denn?«

»Wir werden ja sehen!« sagte der Tischler und ergriff Olles Hand. »Bist du bereit?« fuhr er fort. »Sieh dich nur vor, denn hier wirst du kritisiert!«

Olle nickte schlau.

»Ornamentbildhauergeselle Olof Montanus will einen Vortrag über Schweden halten,« begann der Vorsitzende. »Das Thema ist sehr umfangreich, finde ich, und etwas allgemein gehalten, aber wenn er verspricht, es in einer halben Stunde zu erledigen, so wollen wir zuhören; oder was meinen die Herren?«

»Jawohl!«

»Herr Montanus, bitte, treten Sie vor!«

Olle schüttelte sich wie ein Hund, ehe er zum Sprung ansetzt, und ging durch die Menge hindurch, die ihn mit den Blicken musterte.

Der Vorsitzende eröffnete eine kleine Unterhaltung mit der ersten Bank, und der Sekretär gähnte, ehe er eine Zeitung zur Hand nahm, um zu zeigen, wie wenig er auf den Vortrag zu hören gedenke.

Olle aber stieg auf die Tribüne, senkte seine großen Augenlider, kaute ein paarmal, um die Zuhörer glauben zu machen, er wolle anfangen, und als es wirklich stillgeworden war, so still, daß man hören konnte, was der Vorsitzende zu dem Rittmeister sagte, begann er.

»Über Schweden. — Einige Gesichtspunkte.«

Eine Pause entstand.

»Meine Herren! Es dürfte wohl mehr als eine unverbürgte Annahme sein, daß die fruchtbarste Idee, die kraftvollste Bestrebung unserer Zeit die ist, das kurzsichtige Nationalgefühl aufzuheben, das die Völker trennt und sie als Feinde einander gegenüberstellt; wir haben die Mittel gesehen, die hierbei angewendet werden — Weltausstellungen und ihre Wirkungen — die Ehrendiplome!«

(Man sah sich fragend an. »Was war das für eine Stichelei?« sagte Eriksson. »Das kam etwas unerwartet, sonst war es gut!«)

»Die schwedische Nation marschiert, wie immer, so auch hier, an der Spitze der Zivilisation; sie hat in höherem Grade als irgendein anderes Kulturvolk die kosmopolitische Idee fruchtbar zu machen gewußt und hat, wenn man nach der Statistik urteilen darf, schon sehr vieles erreicht. Hierzu haben ungewöhnlich günstige Umstände beigetragen, über die ich jetzt einen kurzen Überblick geben will, um dann zu etwas Leichterverständlichem wie der Regierungsform, der Grundsteuer und ähnlichem überzugehen.«

(»Das wird lang,« sagte Eriksson und puffte Falk in die Seite; »aber er ist amüsant!«)

»Schweden ist, wie man weiß, ursprünglich eine deutsche Kolonie, und die Sprache, die sich bis in unsere Tage ziemlich rein erhalten hat, ist Plattdeutsch in zwölf Dialekten. Dieser Umstand, nämlich die Schwierigkeit für die Provinzen, sich untereinander zu verständigen, hat als mächtiger Faktor der Entwicklung des ungesunden Nationalitätsbegriffs entgegengearbeitet. Andere glückliche Umstände wieder haben einem einseitigen deutschen Einfluß entgegengewirkt, der früher einmal so weit gegangen ist, daß Schweden eine Deutschland einverleibte deutsche Provinz war, nämlich unter Albrecht von Mecklenburg. Hierzu rechne ich zunächst die Eroberung der dänischen Provinzen, Schonen, Halland, Blekinge, Bohuslän und Dalsland. Schwedens reichste Provinzen sind von Dänen bewohnt, die noch heute die Sprache ihres Landes sprechen und sich weigern, die schwedische Herrschaft anzuerkennen.«

(»Worauf in Jesu Namen will er hinaus? Ist er verrückt?«)

»Der Schone zum Beispiel sieht noch heutigentags Kopenhagen als Hauptstadt an, und die Vertreter Schonens bilden im Reichstag die regierungsfeindliche Partei. Ähnlich ist auch die Situation in dem dänischen Göteborg, das Stockholm nicht als Reichshauptstadt anerkennt. Da haben aber jetzt die Engländer die Initiative ergriffen und eine Kolonie angelegt. Diese Nation, die englische, fischt längs der Küste und hat während des Winters in der Stadt fast den gesamten Großhandel in den Händen; im Sommer fahren sie wieder nach Hause und genießen die gesammelten Schätze in ihren Landhäusern im schottischen Hochland. Übrigens ein prächtiges Volk! Die Engländer halten sich auch eine große Zeitung, in der sie ihre eigenen Taten rühmen, ohne die fremden geradezu zu schmähen.

Dann haben wir die zahlreichen Einwanderungen in Betracht zu ziehen, die dann und wann stattgefunden haben. Wir haben Finnen in den finnischen Wäldern, haben sie aber auch in der Hauptstadt, wohin sie unter den schwierigen politischen Verhältnissen in ihrer Heimat ausgewandert sind.

In unseren größeren Eisenwerken gibt es eine Unmenge von Wallonen, die im siebzehnten Jahrhundert ins Land kamen und noch heute ihr gebrochenes Französisch sprechen. Bekanntlich hat ein Wallone in Schweden die neue Staatsverfassung eingeführt, die Wallonien entlehnt ist. Tüchtige Leute, und sehr ehrlich!«

(»Nein, was in ... soll das heißen!«)

»Zu Gustaf Adolfs Zeiten strömte eine Menge schottischen Gesindels ins Land und verdingte sich als Soldaten, wodurch viele von ihnen auch ins Ritterhaus kamen!

An der Ostküste gibt es viele Familien, deren Traditionen von der Einwanderung aus Livland und den andern slawischen Provinzen sprechen, weshalb man hier oft rein tatarische Typen trifft.

Ich stelle die Behauptung auf, daß das schwedische Volk auf dem besten Wege ist, sich zu entnationalisieren! Schlagen Sie das Wappenbuch des schwedischen Adels auf, und zählen Sie die schwedischen Namen, die Sie treffen. Wenn das mehr als fünfundzwanzig Prozent sind, so können Sie mir die Nase abschneiden, meine Herren!

Schlagen Sie aufs Geratewohl das Adreßbuch auf; ich habe selbst den Buchstaben G nachgezählt: von vierhundert Namen waren zweihundert ausländische. Welches sind die Ursachen? Es gibt ihrer viele, die vornehmsten aber sind: die ausländischen Dynastien und die Eroberungskriege. Wenn man sich überlegt, wieviel Gesindel auf dem schwedischen Thron gesessen hat, so wundert man sich, daß die Nation noch heute so monarchisch ist. Hätte unsere Verfassung eine Bestimmung aufzuweisen, wonach der schwedische König stets ein Ausländer sein müßte, so würde dadurch unbedingt unser Ziel, die Entnationalisierung, geradeswegs erreicht werden, und das ist auch geschehen! Daß das Land durch Anschluß an fremde Nationen gewinnen kann, ist meine Überzeugung, denn verlieren kann es nichts, weil man nichts verlieren kann, was man nicht hat. Der Nation fehlt ganz einfach die Nationalität; das hat Tegnér im Jahre 1811 entdeckt und kurzsichtigerweise beklagt; da war es jedoch bereits zu spät, denn die Rasse war durch die Aushebungen während der dummen Eroberungskriege schon verdorben. Von der einen Million Einwohner, die es zu Gustaf Adolfs Zeiten im Lande gab, wurden siebzigtausend zeugungsfähige Männer ausgehoben und ruiniert. Wie viele Karl X., XI. und XII. ruiniert haben, ist mir nicht bekannt, aber man kann sich vorstellen, was für eine Rasse die Zuhausebleibenden erzeugen konnten, da sie ja doch Ausschuß waren.

Ich kehre zu meinem Auspruch zurück, daß uns die Nationalität fehlt. Kann jemand mir etwas Schwedisches in Schweden nennen, außer unsern Fichten, Tannen und Eisenbergwerken, die für den Weltmarkt bald überflüssig sein werden? Was sind unsere Volkslieder? Französische, englische und deutsche Romanzen, in schlechten Übersetzungen! Was sind die Volkstrachten, deren Verschwinden wir bedauern? Alte Überbleibsel von den Trachten der Edelleute des Mittelalters. Schon zu Gustafs I. Zeit verlangten die Talmänner, man solle alle die bestrafen, die ausgeschnittene und bunte Kleider trügen. Wahrscheinlich waren die bunten Hofgewänder, die burgundische Tracht, noch nicht zu den Talfrauen hinuntergekommen! Und sicher haben sie seitdem viele Modeveränderungen durchgemacht.

Nennen Sie mir eine schwedische Dichtung, ein Kunstwerk, eine Musikschöpfung, die so spezifisch schwedisch ist, daß sie sich von allem Nichtschwedischen unterscheidet! Zeigen Sie mir ein schwedisches Gebäude! Es gibt keins, und wenn es eins gibt, so ist es entweder schlecht oder es ist nach ausländischem Muster gemacht.

Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß die schwedische Nation eine unbegabte, hochmütige, sklavische, neidische, kleinliche und rohe Nation ist! Und deshalb geht sie ihrem Untergang entgegen, und zwar mit Riesenschritten!«

(Jetzt erhob sich Lärm im Saal! Vereinzelte Hochrufe auf Karl XII. übertönten jedoch den Spektakel.)

»Meine Herren, Karl XII. ist tot, lassen wir ihn bis zum nächsten Jubelfeste ruhen! Ihm in der Hauptsache haben wir unsere Entnationalisierung zu danken, und deshalb bitte ich die Herren, mit mir in ein vierfaches Hurra einzustimmen: Meine Herren! Karl XII. lebe hoch!«

»Ich muß die Versammlung zur Ordnung rufen!« schrie der Vorsitzende.

»Kann man sich wohl etwas Dümmeres denken, als daß ein Volk vom Ausland lernen muß, Dichter zu werden? Was sind das für Ochsen, die sechzehnhundert Jahre hinter dem Pfluge hergehen und nicht auf den Gedanken kommen, Lieder zu dichten! Da aber kam ein lustiger Bruder von Karls XI. Hof und zerstörte das ganze Werk der Entnationalisierung! Früher schrieb man deutsch, jetzt sollte schwedisch geschrieben werden! Ich muß deshalb die Herren bitten, mit mir in den Ruf einzustimmen: Nieder mit dem dummen Hund Georg Stjernhelm!«

(»Wie hieß er? Edvard Stjernström!« Der Vorsitzende schlägt mit dem Hammer auf den Tisch. Unruhe. »Es ist genug! Nieder mit dem Verräter! Er macht sich über uns lustig!«)

»Die schwedische Nation kann nur schreien und schlagen, das höre ich! Und da ich nicht weitersprechen darf und nicht zur Regierung und auf die Krongüter komme, so will ich nur sagen, daß solche servilen Lümmel, wie ich heute abend hier gehört habe, reif für den Absolutismus sind. Und ihr werdet ihn bekommen! Verlaßt euch drauf! Ihr bekommt den Absolutismus!«

(Ein Puff von hinten stieß dem Redner, der sich jetzt an das Pult klammerte, um sich festzuhalten, das Wort aus dem Halse.)

»Und ein undankbares Geschlecht, das die Wahrheit nicht hören will ...«

(»Schmeißt ihn raus! Haut ihn kaputt!« Olle wurde von der Tribüne hinuntergeworfen, aber noch im letzten Augenblick schrie er wie ein Wahnsinniger, während er Püffe und Schläge hinnahm: »Es lebe Karl XII.! Nieder mit Georg Stjernhelm!«)

Olle und Falk waren auf der Straße.

»Was war dir nur?« fragte Falk; »warst du von Sinnen?«

»Ja, das war ich, glaube ich! Ich hatte fast sechs Wochen lang meine Rede gelernt, ich wußte aufs Haar, was ich sagen wollte, aber als ich dann dastand und all diese Augen sah, da zerbrach es; meine ganze kunstvolle Beweisführung stürzte zusammen wie ein Gerüst, ich fühlte den Boden unter den Füßen schwinden und alle Gedanken kamen durcheinander. War es sehr falsch?«

»Ja, es war schlimm, und die Zeitungen werden über dich herfallen.«

»Ja, es ist zu traurig! Und ich dachte, es sei alles so klar! Aber es war doch schön, ihnen eins zu versetzen!«

»Auf diese Weise schadest du deiner Sache und kannst nie mehr öffentlich sprechen!«

Olle seufzte.

»Was um Gottes willen hattest du mit Karl XII. zu schaffen? Das war das Schlimmste von allem!«

»Frage mich nicht, ich weiß nichts!«

»Liebst du den Arbeiter noch?« fuhr Falk fort.

»Ich bedaure ihn, weil er sich von Glücksrittern verführen läßt, und ich werde seine Sache nie im Stich lassen, denn seine Sache ist das Problem der nächsten Epoche, und eure ganze Politik ist dagegen nicht einen roten Heller wert!«

Olle und Falk wanderten durch die Straßen, kamen dann wieder in die Stadt hinunter und schritten die Neue Straße entlang, wo sie ins Café Naples gingen.

Es war jetzt zwischen neun und zehn Uhr, und das Café war sozusagen leer. Nur ein einziger Gast saß an einem Tisch in der Nähe des Büfetts. Er las aus einem Buch der Kellnerin vor, die neben ihm saß und nähte. Es sah sehr nett und gemütlich aus, mußte aber Falk stark irritieren, denn er machte eine heftige Bewegung, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

»Sellén! Bist du hier! Guten Abend, Beda!« sagte Falk mit einer erkünstelten Herzlichkeit, die ihm sehr fremd war, indem er die Hand des jungen Mädchens ergriff.

»Ach, Bruder Falk!« sagte Sellén. »Verkehrst du hier auch? Ich habe mir schon gedacht, daß so etwas los sei, da wir uns so selten im Roten Zimmer sehen!«

Falk und Beda wechselten einen Blick. Das junge Mädchen hatte für seine Stellung ein distinguiertes Aussehen; ein feines, intelligentes Gesicht, das einen leidvollen Ausdruck trug; eine schlanke Gestalt, mit einem eigenwilligen, aber keuschen Linienspiel; die Augen gingen an den Winkeln etwas nach oben, als wollten sie ein Unglück vom Himmel erspähen, konnten aber im übrigen alle Spiele spielen, die eine momentane Laune zu ersinnen vermochte.

»Wie ernst du bist,« sagte sie zu Falk und blickte auf ihre Näherei nieder.

»Ich bin in einer ernsten Versammlung gewesen,« sagte Falk und errötete wie ein Mädchen. »Was lest ihr denn da?«

»Ich habe die Zueignung zum Faust gelesen,« sagte Sellén und streckte seine Hand aus, um mit Bedas Nähzeug zu spielen.

Eine dunkle Wolke zog über Falks Gesicht. Das Gespräch wurde gezwungen und unerträglich. Olle saß in Betrachtungen versunken da, die sich um Selbstmord zu drehen schienen.

Falk ließ sich eine Zeitung geben und bekam den »Unbestechlichen«. Plötzlich fiel ihm ein, daß er nachzusehen vergessen habe, was der über seine Gedichte schrieb. Er schlug die Zeitung auf und richtete die Augen auf die dritte Seite; da fand er, was er suchte. Es waren keine Schmeicheleien, aber auch keine Grobheiten, denn der Artikel war von wirklichem und tiefem Interesse diktiert. Der Rezensent fand Falks Poesie nicht schlechter und nicht besser als die der sonstigen Zeitgenossen, aber ebenso egoistisch und bedeutungslos; sie handele nur von den Privatangelegenheiten des Verfassers, von unerlaubten Beziehungen, erdichteten oder wirklichen, kokettiere mit kleinen Sünden, trauere aber nicht über die großen; sie sei keine Spur besser als die englische Boudoirpoesie, und der Verfasser hätte ruhig sein Porträt vor den Text setzen sollen, dann wäre das Buch wenigstens illustriert gewesen usw. Diese einfachen Wahrheiten machten einen tiefen Eindruck auf Falk, der nur die Reklame im »Graumützchen«, die Struve geschrieben hatte, und die von persönlichem Wohlwollen diktierte Rezension im »Rotkäppchen« gelesen hatte. Er verabschiedete sich kurz und stand auf, um zu gehen.

»Willst du schon fort?« fragte Beda.

»Ja. Treffen wir uns morgen?«

»Ja, wie gewöhnlich. Gute Nacht!«

Sellén und Olle gingen mit ihm.

»Das ist ein nettes Kind!« sagte Sellén, nachdem sie eine Weile stumm dahingegangen waren.

»Ich möchte dich bitten, dich etwas zurückhaltender über sie zu äußern!«

»Ach, du bist in sie verliebt, scheint mir?«

»Ja, das bin ich, und ich hoffe, du verzeihst es mir!«

»Bitte sehr, ich will dir nicht hinderlich sein!«

»Und ich bitte dich, nichts Schlechtes von ihr zu denken ...«

»Nein, das tue ich auch nicht! Sie ist beim Theater gewesen ...«

»Woher weißt du das? Das hat sie mir nie erzählt!«

»Nein, aber mir! Man darf diesen kleinen Teufeln nie glauben!«

»Nun, dabei ist ja nichts Schlimmes! — Ich gedenke sie sobald ich kann aus dieser Stellung wegzunehmen; unser Verkehr beschränkt sich darauf, daß wir morgens um acht nach dem Hagapark gehen und Wasser aus der Quelle trinken.«

»Wie unschuldig! Soupiert ihr nie abends zusammen?«

»Ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, ihr einen so unpassenden Vorschlag zu machen, den sie mit Verachtung zurückweisen würde. Du lachst! Tu es nur! Ich glaube noch an ein Weib, das liebt, welcher Klasse es auch angehören, ja, was für Abenteuer es auch früher gehabt haben mag. Sie hat mir gesagt, ihr Weg sei nicht rein gewesen, aber ich habe versprochen, sie nie nach dem Vergangenen zu fragen!«

»Es ist also ernst?«

»Ja, es ist ernst!«

»Das ist etwas anderes! Gute Nacht, Bruder Falk! Olle, du kommst wohl mit mir!«

»Gute Nacht!«

»Armer Falk,« sagte Sellén zu Olle; »jetzt muß er auch das Spießrutenlaufen durchmachen; aber es muß so sein! Das ist wie Zahnwechsel; es wird kein Mann aus einem, ehe man nicht seine Geschichte gehabt hat!«

»Wie ist das Mädel denn?« fragte Olle aus reiner Höflichkeit, denn seine Gedanken waren weit weg.

»Sie ist in ihrer Art recht nett; aber Falk nimmt die Sache ernst; das tut sie scheinbar auch, solange sie glaubt, ihn erobern zu können; zieht es sich aber in die Länge, so wird sie der Sache überdrüssig, und es ist nicht sicher, daß sie sich nicht doch unterdes anderweitig Zerstreuung sucht. Nein, ihr könnt solche Affären nicht richtig behandeln; man muß nicht so lange trödeln, sondern gleich zupacken, sonst kommt einem ein anderer in den Weg. Hast du nie so etwas erlebt, Olle?«

»Ich hatte ein Kind mit unserer Magd daheim auf dem Lande; deshalb hat Vater mich aus dem Hause geworfen. Seitdem hab ich die Weiber nicht mehr anspucken mögen!«

»Das war ja nicht sehr verwickelt! Aber betrogen zu werden, wie man es nennt, das spürt man, das kannst du mir glauben. Oh! Oh! Oh! Man muß Nerven haben wie Geigensaiten, wenn man dies Spiel spielen will. Wir werden sehen, wie Falk die Feuerprobe besteht; manche nehmen so etwas sehr tief, und das ist dumm! — Ach so, die Tür ist auf! Tritt ein, Olle! Ich hoffe, das Bett ist gemacht, damit du recht gut liegst! Aber du mußt meine alte Aufwärterin entschuldigen, daß sie die Betten nicht ordentlich aufschüttelt; sie hat so schwache Hände, daher wird es vielleicht ein bißchen knollig und hart sein.«

Sie waren die Treppen hinaufgeklettert und langten nun oben an.

»Tritt ein, tritt ein!« sagte Sellén. »Es scheint, daß Stafva hier gelüftet hat oder auch gescheuert; ich finde, es riecht so feucht.«

»Du machst Witze! Hier kann doch niemand scheuern, es ist ja kein Fußboden da!«

»Ist kein Fußboden da? Das ist etwas anderes. Wo ist er denn geblieben? Vielleicht ist er verbrannt worden? Nun, einerlei! Dann werden wir auf unserer Mutter Erde schlafen, oder auf dem Schutt, was es nun auch ist.«

Und sie legten sich in den Kleidern auf die Bodenfüllung, nachdem sie mit Stücken Malerleinwand und alten Skizzen ein Lager hergerichtet hatten, und schoben sich beide ihre Brieftasche unter den Kopf. Olle machte Feuer, holte einen Stearinkerzenstummel aus der Hosentasche und stellte ihn neben sich auf den Fußboden; ein schwacher Lichtschein irrte in dem großen leeren Atelier umher und schien den Massen von Finsternis, die sich durch die kolossalen Fenster hereinstürzen wollten, heftigen Widerstand entgegenzusetzen.

»Es ist kalt heute abend,« sagte Olle und holte ein schmieriges Buch heraus.

»Kalt! Aber nein! Es sind zwanzig Grad draußen, da sind hier im Zimmer mindestens dreißig, wo wir so hoch wohnen. Wie spät mag es wohl sein?«

»Mir war, als hätte es vorhin von Johannis eins geschlagen.«

»Johannis? Die haben gar keine Uhr! Die sind so arm, daß sie sie versetzt haben.«

Eine lange Pause entstand, die erst von Sellén unterbrochen wurde.

»Was liest du, Olle?«

»Das ist egal!«

»Ist das egal? Mußt du nicht höflich sein, wenn du zu Besuch bist?«

»Es ist ein altes Kochbuch, das Ygberg mir geliehen hat.«

»Nein, Teufel auch, das ist es? Oh, dann wollen wir etwas lesen; ich habe heute nichts gegessen als eine Tasse Kaffee und drei Glas Wasser!«

»Was willst du denn haben?« sagte Olle und blätterte in dem Buch. »Willst du ein Fischgericht haben? Weißt du, was Mayonnaise ist?«

»Mayonnaise? Nein! Lies das! Das klingt gut!«

»Also hör zu. Nummer 139, Mayonnaise. Butter, Mehl und etwas englischer Senf werden geschwitzt und mit guter Bouillon verquirlt. Wenn es kocht, werden einige Eigelb hineingequirlt, worauf die Soße erkalten muß ...«

»Nein, zum Teufel, davon wird man nicht satt ...«

»Oh, es ist noch nicht zu Ende. Feines Speiseöl, Weinessig, etwas Sahne und weißen Pfeffer — ja, jetzt sehe ich, daß es nichts taugt. Willst du etwas Kräftigeres haben?«

»Schlage Kohlrollen auf; das ist mein Leibgericht!«

»Nein, ich kann nicht mehr laut lesen, laß mich!«

»Ach, lies doch!«

»Nein, laß mich jetzt in Ruh!«

Es wurde wieder still. Dann erlosch das Licht, und es wurde ganz dunkel.

»Gute Nacht, Olle! Deck dich gut zu, damit du nicht frierst!«

»Womit soll ich mich zudecken?«

»Ja, das weiß ich nicht! Findest du dies Dasein nicht herrlich?«

»Ich möchte wissen, warum man sich nicht das Leben nimmt, wenn es so kalt ist.«

»Das darf man nicht. Ich finde es interessant, zu sehen, wie es schließlich kommt.«

»Hast du Eltern, Sellén?«

»Nein, ich bin unehelich; und du?«

»Ja! Aber das ist egal!«

»Du mußt der Vorsehung dankbar sein, Olle! Man muß der Vorsehung immer dankbar sein — obwohl ich nicht weiß, was es eigentlich für einen Zweck hat! Es muß wohl so sein!«

Es wurde wieder still; diesmal war Olle der Störenfried.

»Schläfst du?«

»Nein, ich liege und denke an die Gustav-Adolf-Statue; willst du glauben, daß ...«

»Frierst du nicht?«

»Frieren? Hier ist es doch so warm!«

»Mein rechter Fuß ist ganz abgestorben!«

»Zieh dir den Farbenkasten über und stopfe die Pinsel neben dich, dann wird es besser.«

»Glaubst du, daß je ein Mensch es so schwer gehabt hat wie wir?«

»Schwer? Haben wir es schwer? Wir haben doch ein Dach überm Kopf! Es gibt Professoren der Akademie, mit Dreimaster und Degen, die es viel schlechter haben. Professor Lundström hat den halben April im Hopfenparktheater geschlafen! Das finde ich stilvoll! Er hatte die ganze linke Loge für sich, und er behauptet, es sei nach ein Uhr nachts nicht ein Parkettplatz freigewesen, im Winter immer gut besucht, aber im Sommer schlecht! Gute Nacht, du, jetzt schlafe ich!«

Und Sellén schnarchte. Olle jedoch stand auf und ging im Zimmer hin und her, bis es im Osten hell wurde; da erbarmte der Tag sich seiner und schenkte ihm die Ruhe, die die Nacht ihm nicht gegönnt hatte.