Nikolaus Falk saß in seinem Kontor am Morgen des Tages vor dem Weihnachtsabend; er war nicht mehr ganz der alte; die Zeit hatte das blonde Haar auf seinem Schädel gelichtet, und im Gesicht hatten die Leidenschaften kleine Abflüsse gegraben für all die Säure, die aus dem sumpfigen Boden hervorquoll. Er saß über ein kleines schmales Buch vom Format des Katechismus gebeugt und arbeitete mit der Feder darin, als steche er Muster aus.
Es klopfte, und sofort verschwand das Buch unter der Pultklappe, und eine Morgenzeitung nahm seine Stelle ein. Falk war tief in die Lektüre versunken, als seine Frau eintrat.
»Setz dich!« sagte Falk.
»Nein, dazu habe ich keine Zeit! Hast du die Morgenzeitung schon gelesen?«
»Nein!«
»Ach so, ich dachte, du seiest gerade dabei!«
»Ja, ich habe eben angefangen!«
»Dann hast du wohl die Kritik über Arvids Gedichte gelesen?«
»Ja ja, die habe ich gelesen!«
»Nun, er hat ja großes Lob bekommen!«
»Das hat er selbst geschrieben!«
»Das hast du gestern abend auch gesagt, als du das ›Graumützchen‹ last!«
»Nun, was willst du?«
»Ich habe vorhin die Admiralin getroffen; sie dankte für die Einladung und sprach ihre Freude aus, den jungen Dichter zu treffen!«
»Hat sie das gesagt?«
»Ja, das hat sie!«
»Hm! Nun, man kann sich ja getäuscht haben! Ich sage damit nicht, daß man es getan hat! Du willst wohl wieder Geld haben?«
»Wieder? Wann habe ich denn zuletzt welches bekommen?«
»Hier! — Geh nun! Aber verlange jetzt vor Weihnachten nicht noch einmal etwas; du weißt, es ist ein schweres Jahr gewesen!«
»Nein, das weiß ich allerdings nicht! Alle Menschen sagen, es sei ein gutes Jahr gewesen!«
»Für den Landwirt, ja! Aber nicht für die Versicherungsgesellschaft. Adieu!«
Die Frau ging, und herein trat Fritz Levin, vorsichtig, als fürchte er einen Hinterhalt.
»Was willst du?« begrüßte Falk ihn.
»Ach, ich wollte nur im Vorbeigehen einmal Guten Tag sagen!«
»Das ist gescheit! Ich wollte gerade mit dir sprechen!«
»Ach nein!«
»Du kennst den jungen Levi?«
»Ja, gewiß!«
»Lies dies Schriftstück; laut!«
Levin las laut: »Großartige Schenkung! Mit einer bei unsern Kaufleuten heute nicht ungewöhnlichen Freigebigkeit hat der Großhändler Karl Nikolaus Falk, um den Jahrestag einer glücklichen Ehe zu feiern, der Direktion der Kinderkrippe Bethlehem eine Schenkungsurkunde über 20000 Kronen eingehändigt, wovon die eine Hälfte sofort, die andere Hälfte nach dem Tode des edlen Spenders ausgezahlt wird. Das Geschenk ist von um so größerem Wert dadurch, daß Frau Falk eine der Gründerinnen der menschenfreundlichen Institution ist.«
»Ist das gut?« fragte Falk.
»Ausgezeichnet! Das bedeutet zu Neujahr den Wasa-Orden.«
»Nun, dann geh jetzt zu der Direktion, das heißt zu meiner Frau, mit der Schenkungsurkunde und dem Geld, und dann suche den jungen Levi auf! Verstehst du?«
»Gewiß!«
Falk gab ihm die Schenkungsurkunde, die auf Pergament geschrieben war, und die Summe.
»Zähle nach, ob es stimmt,« sagte er.
Levin riß einen Stoß Papiere auf und machte große Augen. Es waren fünfzig bedruckte Bogen für viele Kronen in allen möglichen Farben.
»Ist das Geld?« fragte er.
»Das sind Wertpapiere,« antwortete Falk, »fünfzig Aktien zu je zweihundert Kronen vom Triton, die der Kinderkrippe Bethlehem überwiesen werden.«
»Aha, der wird jetzt sinken, da die Ratten das Schiff verlassen!«
»Das hat niemand gesagt,« antwortete Falk mit einem boshaften Lachen.
»Ja, wenn es aber der Fall ist, dann wird die Kinderkrippe Konkurs machen müssen!«
»Was geht das mich an, und dich noch weniger! Jetzt etwas anderes! — Du mußt — du weißt, was ich meine, wenn ich sage, du mußt —«
»Ich weiß, ich weiß; Gerichtsvollzieher, Scherereien, Schuldscheine — sprich nur, sprich nur!«
»Du mußt zu meinem Diner am dritten Weihnachtstag Arvid herschaffen!«
»Ebensogut könnte ich drei Barthaare von dem Riesen holen! Siehst du jetzt, wie gut es war, daß ich deinen Auftrag damals im Frühjahr nicht ausgeführt habe? Habe ich nicht gleich geäußert, es würde so kommen?«
»Hast du? Was willst du geäußert haben? Halt jetzt den Mund und tu, was ich sage: das war die Sache! — Nun noch eins! — Ich habe gewisse Symptome von Reue bei meiner Frau bemerkt. Sie muß die Mutter oder eine von den Schwestern getroffen haben. Weihnachten ist eine sentimentale Jahreszeit. — Geh nach dem Holm und heize etwas ein!«
»Das ist kein angenehmer Auftrag ...«
»Marsch! — Der Nächste!«
Levin ging und wurde von Magister Nyström abgelöst, der durch eine Tapetentür im Hintergrunde des Zimmers hereinkam, worauf die Tür verschlossen wurde. Jetzt verschwand die Morgenzeitung, und das lange schmale Buch kam zum Vorschein.
Nyström sah bedauerlich herabgekommen aus; sein Körper war auf ein Drittel seines Volumens reduziert und sein Anzug äußerst dürftig. Er blieb demütig an der Tür stehen, holte ein sehr verbrauchtes Notizbuch aus der Tasche und wartete.
»Fertig?« fragte Falk und legte den Zeigefinger in das Buch.
»Fertig,« antwortete Nyström und öffnete das Notizbuch.
»Nummer 26. Leutnant Kling; 1500 Kronen. Bezahlt?«
»Nicht bezahlt!«
»Wird prolongiert mit Strafzinsen und Provision. Wird zu Hause aufgesucht!«
»Empfängt zu Hause nie!«
»Dann muß man ihm brieflich androhen, ihn in der Kaserne aufzusuchen! — Nummer 27. Assessor Dahlberg: 800 Kronen. Wart einmal! Sohn des Großhändlers, der auf 35000 geschätzt wird; kann vorläufig gestundet werden, wenn er nur die Zinsen bezahlt! Behalte ihn im Auge!«
»Er bezahlt die Zinsen nie!«
»Muß auf Postkarte gemahnt werden, die ins Amt geschickt wird! — Nummer 28. Hauptmann Stjernborst: 4000. Da haben wir den Jungen. Nicht bezahlt?«
»Nicht bezahlt!«
»Schön! Verhaltungsmaßregeln: Wird um zwölf Uhr auf der Wache aufgesucht. Anzug — deiner, nämlich — kompromittierend. Der rote Überzieher, der an den Nähten gelb ist — du weißt ja!«
»Das nützt nichts! Ich habe ihn im Winter im Gehrock im Wachlokal aufgesucht!«
»Dann gehst du zu den Bürgen!«
»Da bin ich gewesen, und die haben mich zum Teufel geschickt! Die Bürgschaft sei nur eine Formalität gewesen, sagten sie.«
»Dann suchst du ihn selbst einmal am Mittwochnachmittag um eins auf, wenn er in der Direktion des Triton sitzt; nimm Andersson mit, damit ihr zu zweien seid.«
»Das ist schon geschehen!«
»Nun, was machte die Direktion denn für ein Gesicht?« fragte Falk und blinzelte mit den Augen.
»Sie sahen geniert aus!«
»Oh, taten sie das? Sahen sie wirklich geniert aus?«
»Ja, das taten sie!«
»Aber er selbst?«
»Er begleitete uns hinaus auf den Flur und sagte, er werde bezahlen, wenn wir nur versprächen, ihn nie wieder dort aufzusuchen!«
»Ach so! Oho! Sitzt da zwei Stunden in der Woche für sechstausend Kronen, weil er Stjernborst heißt! — Warte einmal! Heute ist Sonnabend! — Du bist pünktlich halb eins im Triton; wenn du mich da siehst, was sicher ist, so bitte — keine Miene! — Verstanden? Gut! — Neue Gesuche?«
»Fünfunddreißig!«
»Ja ja! Morgen ist Weihnachten!«
Falk blätterte einen Stoß Schuldscheine durch; dann und wann glitt ein Lächeln über seine Lippen, und ein vereinzeltes Wort entfuhr ihm.
»Herrgott! Ist es so weit mit ihm gekommen! Und der — und der — der für so solide gilt! Ja ja, ja ja, ja ja! Das sind Zeiten! — Ach, der braucht Geld? Dann werde ich sein Haus kaufen ...«
Es klopfte an die Tür. Die Klappe wurde zugemacht, Papiere und Katechismus waren wie fortgeblasen und Nyström ging durch die Tapetentür hinaus.
»Um halb eins,« flüsterte Falk ihm nach. »Noch ein Wort! Hast du das Gedicht fertig?«
»Ja,« ertönte es aus der Unterwelt.
»Gut! Halte Levins Schuldschein bereit, daß wir ihn der Kanzlei vorlegen können. Ich werde ihm eines Tages den Garaus machen! Der Teufel ist falsch!«
Darauf rückte er das Halstuch zurecht, zog die Manschetten vor und öffnete die Tür zum Korridor.
»Ah, guten Tag, Herr Lundell! Ergebenster Diener! Bitte sehr, treten Sie näher! Wie geht es? Ich hatte mich einen Augenblick eingeschlossen!«
Es war wirklich Lundell, wie ein Kommis gekleidet, nach der letzten Mode, mit Uhrkette, Ring, Handschuhen und Galoschen.
»Ich störe wohl, Herr Großhändler?«
»Nein, durchaus nicht! Glauben Sie, Herr Lundell, daß wir es bis morgen fertig bekommen?«
»Muß es unbedingt morgen fertig sein?«
»Unbedingt! Die Krippe hat ein Fest, das ich gebe, und meine Frau soll dies Porträt überreichen, damit es im Eßsaal aufgehängt wird!«
»Nun, dann darf es keine Hindernisse geben,« erwiderte Lundell und holte ein fast fertiges Bild und eine Staffelei aus einem Kämmerchen. »Wollen Herr Großhändler bitte einen Augenblick stillsitzen, dann kann ich hier und da etwas korrigieren!«
»Bitte sehr! Bitte sehr! Ganz wie Sie wünschen!«
Falk warf sich auf einen Stuhl, schlug die Beine übereinander, nahm die Haltung eines Staatsmanns an und setzte eine vornehme Miene auf.
»Bitte, sprechen Sie,« sagte Lundell. »Das Gesicht ist allerdings schon an sich interessant, aber je mehr Nuancen des Charakters es ausdrücken kann, desto besser!«
Falk lächelte, und ein Schein von Wohlgefallen und Zufriedenheit mit sich selbst erhellte seine rohen Gesichtszüge.
»Sie speisen doch am dritten Weihnachtstag bei mir, Herr Lundell?«
»Danke sehr ...«
»Da werden Sie die Gesichter hochverdienter Männer studieren können, die am Ende würdiger wären, auf der Leinwand festgehalten zu werden als meins.«
»Ich werde vielleicht die Ehre haben, sie zu malen?«
»Sicher, wenn ich ein gutes Wort für Sie einlege!«
»Oh, glauben Sie wirklich?«
»Ganz sicher!«
»Jetzt habe ich eben einen neuen Zug gesehen. Bitte, behalten Sie diese Miene bei. So! Vortrefflich! Ich fürchte, wir müssen heute den ganzen Tag daranwenden, Herr Großhändler! Es bleiben noch eine Menge Kleinigkeiten, die man nur so unter der Hand entdeckt. Ihr Gesicht ist so reich an interessanten Zügen.«
»Nun, dann wollen wir zusammen im Restaurant essen! Und wir wollen uns oft treffen, Herr Lundell, damit Sie Gelegenheit haben, mein Gesicht besser zu studieren zu der zweiten Auflage — die man doch immer gern haben möchte! Ich muß wirklich sagen, Herr Lundell, es gibt wenige Leute, die so angenehm auf mich wirken wie Sie ...«
»Oh, ich bitte ergebenst.«
»Und ich muß Ihnen sagen, mein Herr, daß ich sehr scharfsichtig bin und Wahrheit von Schmeichelei wohl zu unterscheiden verstehe.«
»Das habe ich sofort gesehen,« erwiderte Lundell gewissenlos. »Mein Beruf hat mir die Fähigkeit gegeben, Menschen zu beurteilen!«
»Sie haben Blick! Mich können in der Tat nicht viele Menschen richtig beurteilen. Meine Frau zum Beispiel ...«
»Nun, das kann man von Frauen auch nicht verlangen.«
»Nein, habe ich das nicht immer gesagt? — Hören Sie, darf ich Sie nicht zu einem guten Glas Portwein einladen?«
»Danke sehr, Herr Großhändler, aber ich habe mir zum Prinzip gemacht nie etwas zu trinken, wenn ich arbeite ...«
»Das ist sehr richtig! Dies Prinzip respektiere ich — ich respektiere Prinzipien immer — um so mehr, wenn ich sie teile.«
»Aber wenn ich nicht arbeite, trinke ich gern ein Glas.«
»Ganz wie ich — ganz wie ich!«
Es schlug halb eins. Falk sprang auf.
»Entschuldigen Sie mich, ich muß einen Augenblick in Geschäften fort, aber ich werde sogleich wieder da sein!«
»Bitte sehr! Bitte sehr! Die Geschäfte gehen vor!«
Falk zog sich an und ging. Lundell blieb allein in dem Kontor.
Er steckte sich eine Zigarre an und betrachtete das Porträt. Wer sein Gesicht jetzt beobachtet hätte, würde seine Gedanken nicht haben lesen können, denn er hatte schon so viel Lebenskunst gelernt, daß er nicht einmal der Einsamkeit seine Ansichten anvertraute, ja er hatte sogar Angst, sie sich selber kundzutun.