Zweiundzwanzigstes Kapitel
Schlimme Zeiten

Der Herbst hatte große Veränderungen auch für Sellén mit sich gebracht. Sein hoher Protektor war gestorben, und jetzt sollten alle Erinnerungen an diesen ausgelöscht werden; sogar das Andenken an seine guten Taten sollte ihn nicht überleben. Daß das Stipendium eingezogen wurde, verstand sich von selbst, besonders da Sellén nicht der Mann war, etwas zu erbetteln; übrigens glaubte er jetzt keiner Unterstützung mehr zu bedürfen, nachdem man ihm einmal so gut auf die Beine geholfen hatte, und er sah viele Jüngere, die bedürftiger waren. Aber er sollte erkennen, daß nicht nur die Sonne erloschen war, sondern daß auch alle kleinen Planeten in ein Stadium totaler Verfinsterung eingetreten waren. Obwohl er im Sommer durch strenge Studien sein Talent vervollkommnet hatte, erklärte der Direktor der Akademie, er habe sich verschlechtert, und sein Erfolg im Frühling sei ein Glückstreffer gewesen; der Professor der Landschaftsmalerei sagte ihm als Freund, aus ihm würde nie etwas werden, und der akademisch gebildete Rezensent nahm die Gelegenheit wahr, sich zu rehabilitieren, und hielt an seiner anfänglichen Meinung fest. Außerdem trat eine Veränderung des Geschmacks bei den Bilderkaufenden ein, das heißt bei der den Geschmack bestimmenden, unwissenden, reichen Masse; Landschaften mußten ein Porträt der Sommerfrischen sein, wenn sie Käufer finden wollten, und selbst dann war es noch schwer, denn eigentlich ging nur das tränenselige Genrebild oder das halbnackte Kabinettstück. Es waren also schwere Zeiten für Sellén, und es ging ihm sehr schlecht, denn er konnte sich nicht dazu verstehen, wider sein besseres Gefühl zu malen.

Jetzt hatte er sich ein ehemaliges photographisches Atelier oben in der Regierungsstraße gemietet. Die Wohnung bestand aus dem Atelier selbst, mit vermodertem Fußboden und ausgetrocknetem Dach — ein Übelstand, dem freilich jetzt im Winter der Schnee, der darauf lag, abhalf —, sowie der früheren Dunkelkammer, die nach Kollodium roch, so daß sie nur als Kohlen- und Holzschuppen benutzt werden konnte, wenn die Verhältnisse eine solche Art der Benutzung mit sich brachten. Das Meublement bestand aus einer Gartenbank aus Haselholz, mit herausstehenden Nägeln, und so kurz, daß sie, wenn sie als Bett benutzt wurde, was immer der Fall war, wenn der Besitzer (der Entleiher) nachts zu Hause war, ihm nur bis zu den Kniekehlen reichte. Das Bettzeug bestand aus einem halben Plaid — die andere Hälfte war versetzt — und einer Mappe voller Skizzen. Im Kohlenverschlag befand sich eine Wasserleitung mit Ausguß, das war die Toilette.

An einem kalten Nachmittag kurz vor Weihnachten stand Sellén und malte, zum drittenmal, ein neues Bild auf einer alten Leinwand. Er war gerade erst von seinem harten Bett aufgestanden; keine Aufwärterin war gekommen und hatte eingeheizt, teils weil er keine Aufwärterin hatte, teils weil er nichts zum Heizen besaß; aus den gleichen Gründen war auch keine Aufwärterin gekommen, um ihm die Kleider zu bürsten und den Kaffee hereinzubringen. Aber er stand doch ganz vergnügt da und pfiff und legte seine Farben auf zu einem brillanten Sonnenuntergang auf dem Gaustafelsen, als vier Doppelschläge an der Tür ertönten. Sellén öffnete ohne Zögern, und herein trat Olle Montanus, einfach und leicht gekleidet, ohne Überzieher.

»Guten Morgen, Olle! Wie geht's? Hast du gut geschlafen?«

»Danke für die Nachfrage!«

»Wie steht's mit der Metallkasse in der Stadt?«

»Ach, schlecht!«

»Und die Banknoten?«

»Es sind so wenig Banknoten im Umlauf.«

»Ja, sie wollen nicht mehr ausgeben! Nun, aber die Wertpapiere?«

»Keine vorhanden!«

»Glaubst du, daß es ein strenger Winter wird?«

»Ich habe heut früh viele Seidenschwänze bei Bälsta gesehen — das bedeutet einen kalten Winter!«

»Du hast einen Morgenspaziergang gemacht?«

»Ich bin die ganze Nacht umhergelaufen, seit ich um zwölf aus dem Roten Zimmer gekommen bin!«

»Ach, du bist gestern abend dagewesen!«

»Ja, und ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht: Doktor Borg und Sekretär Levin!«

»Ach, diese Kuckucke! Die kenne ich! Nun, warum hast du nicht bei ihnen übernachtet?«

»Ach, sie waren etwas hochmütig, weil ich keinen Überzieher anhatte, und ich schämte mich. Ach, ich bin so müde, ich lege mich ein bißchen auf dein Sofa! Erst bin ich nach dem Katrinenberg vorm Kungsholmer Tor gegangen, dann bin ich wieder umgekehrt und bin nach Bälsta hinausgewandert. Heute gedenke ich bei einem Ornamentbildhauer Arbeit zu suchen, sonst sterbe ich.«

»Ist es wahr, daß du in den Arbeiterverein Nordstern eingetreten bist?«

»Ja, das ist wahr! Ich soll dort Sonntag einen Vortrag halten über Schweden!«

»Das ist ein feines Thema! Sehr fein!«

»Wenn ich hier auf dem Sofa einschlafe, so wecke mich nicht; ich bin so schrecklich müde!«

»Geniere dich nicht, schlafe nur!«

Nach ein paar Minuten lag Olle in tiefem Schlaf und schnarchte. Sein Kopf hing über die eine Seitenlehne, die seinen dicken Hals stützte, und seine Beine über die andere.

»Armer Teufel!« sagte Sellén und warf den Plaid über ihn.

Jetzt klopfte es wieder, aber nicht reglementsmäßig, so daß Sellén es nicht geraten fand, zu öffnen; doch da wurde das Klopfen so dröhnend, daß alle Furcht vor etwas Ernstem verschwand und Sellén Doktor Borg und Sekretär Levin die Tür öffnete. Borg führte das Wort:

»Ist Falk hier?«

»Nein!«

»Was liegt denn da für ein Holzsack?« fuhr Borg fort und deutete mit seinem schneebedeckten Stiefel auf Olle.

»Das ist Olle Montanus!«

»Ach, dies Original, das Falk gestern abend bei sich hatte. Schläft er noch?«

»Ja, er schläft.«

»Hat er hier übernachtet?«

»Ja, das hat er!«

»Warum hast du kein Feuer gemacht? Hier ist es verteufelt kalt!«

»Weil ich kein Holz habe.«

»Nun, laß doch welches holen! Wo ist die Aufwärterin, der will ich Beine machen!«

»Die Aufwärterin ist zur Beichte.«

»Wecke den Ochsen auf, der daliegt und schläft, dann schicke ich den!«

»Nein, laß ihn schlafen!« bat Sellén und zog den Plaid über Olle, der die ganze Zeit geschnarcht hatte und noch immer weiter schnarchte.

»Nun, dann will ich dir eine andere Methode beibringen. Ist hier Erd- oder Schuttfüllung unter den Dielen?«

»Darauf verstehe ich mich nicht,« antwortete Sellén und nahm vorsichtig auf einigen auf dem Boden ausgebreiteten Pappscheiben Platz.

»Hast du noch mehr solche Pappe?«

»Ja, wieso?« fragte Sellén, und eine leichte Röte war an den Haarwurzeln zu sehen.

»Ich brauche sie und eine Feuerzange.«

Borg bekam die verlangten Dinge von Sellén, der nicht wußte, worauf er hinauswollte; er nahm jetzt seinen Malerstuhl und ließ sich auf den ausgebreiteten Pappscheiben nieder, wo er sitzenblieb, als bewache er einen Schatz.

Borg warf den Rock ab und begann mit der Feuerzange ein von Säuren und Regentropfen morsch gewordenes Brett herauszubrechen.

»Nein, bist du des Teufels!« schrie Sellén.

»So habe ich es in Upsala gemacht,« sagte Borg.

»Ja, aber in Stockholm geht das nicht!«

»Das schert mich den Teufel! Ich friere, und hier soll eingeheizt werden!«

»Aber brich doch nicht mitten im Zimmer meinen Fußboden auf! Man sieht es ja sofort!«

»Ist mir ganz egal, ob man es sieht, das kann ich dir sagen! Ich wohne ja nicht hier! Aber das ist zu hart.«

Er hatte sich Sellén genähert und stieß nun gegen den Stuhl, daß Sellén umfiel und im Fallen seine Pappscheiben mitriß, daß die nackte Bodenfüllung sichtbar wurde.

»So ein Schuft! Hier hat er eine regelrechte Holzgrube und sagt kein Wort!«

»Ja, das hat der Regen getan!«

»Ist mir ganz egal, wer es getan hat, jetzt wollen wir aber Feuer machen!«

Mit kräftigem Ruck hatte er ein paar Bohlenstücke losgerissen, und bald brannte das Feuer im Ofen.

Levin verhielt sich unterdes ruhig, abwartend und höflich. Borg setzte sich vor das Feuer und machte die Feuerzange glühend.

Wieder klopfte es, drei kurze Schläge und ein langer.

»Das ist Falk,« sagte Sellén und ging hin, um Falk zu öffnen, der mit etwas hektischem Aussehen eintrat.

»Brauchst du Geld?« fragte Borg den Eintretenden und schlug sich auf die Brusttasche.

»Sonderbare Frage!« antwortete Falk etwas zweideutig.

»Wieviel brauchst du? Ich kann es besorgen!«

»Ist das Ernst?« sagte Falk, und sein Gesicht erhellte sich.

»Ernst! Hm! Wieviel? Die Summe! Die Ziffer!«

»Nun, sechzig Kronen könnte ich schon brauchen!«

»Das ist ein bescheidener Mann,« sagte Borg und wandte sich zu Levin.

»Ja, das ist furchtbar wenig,« gab dieser zu. »Nimm doch, Falk, wenn es dir angeboten wird!«

»Nein, das will ich nicht! Ich brauche nicht mehr und kann mich nicht in größere Schulden stürzen. Übrigens weiß ich ja nicht, wann es bezahlt werden muß!«

»Zwölf Kronen jeden sechsten Monat, vierundzwanzig Kronen jährlich, in zwei Raten,« erwiderte Levin sicher und entschieden.

»Das sind ja loyale Bedingungen,« sagte Falk. »Wo bekommt ihr dafür Geld?«

»In der Stellmacherbank! — Gib Papier und Feder her, Levin!«

Dieser hatte schon einen Schuldschein, einen Federhalter und ein Taschentintenfaß in der Hand. Der Schuldschein war bereits ausgefüllt. Als Falk die Zahl achthundert sah, zögerte er einen Augenblick.

»Achthundert Kronen?« sagte er fragend.

»Nimm doch mehr, wenn du nicht zufrieden bist.«

»Nein, ich will nicht; und es ist ja gleichgültig, wer das Geld nimmt, wenn es nur richtig bezahlt wird. Übrigens bekommt ihr Geld auf so ein Papier, ohne Sicherheit?«

»Ohne Sicherheit? Du hast doch unsere Bürgschaft!« antwortete Levin verächtlich und vertrauensvoll.

»Ich will ja nichts dagegen sagen,« meinte Falk; »ich bin dankbar, daß ihr für mich bürgen wollt, aber ich glaube nicht, daß es durchgeht!«

»Hahaha! Es ist schon bewilligt,« sagte Borg und holte einen Bewilligungsschein heraus, wie er es nannte. »Nun, unterschreibe!«

Falk schrieb seinen Namen. Borg und Levin standen wie Polizisten neben ihm.

»Assessor,« diktierte Borg.

»Nein, ich bin Schriftsteller,« erwiderte Falk.

»Nützt nichts, du bist als Assessor angemeldet, und übrigens stehst du so noch im Adreßbuch.«

»Habt ihr nachgesehen?«

»Man muß in Formsachen streng sein,« sagte Borg ernst.

Falk unterschrieb.

»Komm her, Sellén, und bezeuge!« befahl Borg.

»Ja, ich weiß nicht, ob ich es riskiere,« antwortete dieser. »Ich habe daheim auf dem Lande so viel Elend aus solchen Unterschriften entstehen sehen ...«

»Du bist jetzt nicht auf dem Lande und hast nicht mit Bauern zu tun! Schreibe und bestätige, daß Falk seinen Namen selbst geschrieben hat, das kannst du doch tun!«

Sellén unterschrieb, schüttelte aber den Kopf.

»Wecke jetzt den Zugochsen da auf, dann muß er auch unterschreiben.«

Als alles Rütteln vergebens war, um Olle zum Leben zu erwecken, nahm Borg die Feuerzange, die jetzt rot geworden war, und hielt sie dem Schlafenden unter die Nase.

»Wach auf, du Hund, dann kriegst du was zu essen!« schrie er.

Und Olle sprang auf und rieb sich die Augen.

»Du sollst Falks Unterschrift bestätigen, verstehst du!«

Olle nahm die Feder und schrieb nach dem Diktat der beiden Bürgen, worauf er sich wieder zum Schlafen legen wollte, aber von Borg gehindert wurde.

»Nein, warte einmal! Falk muß erst noch eine Ersatzbürgschaft schreiben.«

»Leiste keine Bürgschaft, Falk,« sagte Olle; »das geht nie gut; das ist ein Leiden!«

»Schweig, du Hund!« brüllte Borg. »Komm her, Falk. Wir haben für dich gebürgt, Kaution gestellt, verstehst du! Jetzt sollst du eine Ersatzbürgschaft leisten an Struves Stelle, der gerichtlich belangt worden ist.«

»Was heißt Ersatzbürgschaft?« fragte Falk.

»Das ist nur eine Form. Das Darlehn lautete auf achthundert Kronen in der Malerbank; die erste Anzahlung ist geleistet, nun aber wird Struve gerichtlich belangt, und da müssen wir uns nach einem Ersatzmann umsehen. Es ist ja ein altes gutes Darlehn, also ein Risiko ist nicht dabei; das Geld ist vor einem Jahr verfallen.«

Falk unterschrieb, und die beiden Zeugen setzten ihre Namen ebenfalls darunter.

Borg kniffte sorgfältig und mit Kennermiene die Schuldscheine zusammen und überreichte sie Levin, der sich sofort der Tür zuwandte.

»In einer Stunde bist du mit dem Geld wieder hier,« sagte Borg, »sonst gehe ich sofort zur Polizei und lasse dich suchen!«

Damit stand er auf und legte sich, zufrieden mit seinem Werk, auf das Sofa, auf dem Olle gelegen hatte.

Dieser wankte ans Feuer, ließ sich auf dem Fußboden nieder und rollte sich zusammen wie ein Hund.

Es blieb eine Weile still.

»Hör einmal, Olle,« sagte Sellén, »wenn wir auch so ein Papier unterschrieben!«

»Dann kommt ihr nach Rindö,« sagte Borg.

»Was ist Rindö?« fragte Sellén.

»Das ist eine Insel in den Schären; aber wenn ihr den Mälarsee vorzieht, so gibt es einen Ort, der Zuchthaus Langholm heißt!«

»Aber im Ernst, was geschieht,« fragte Falk, »wenn man am Verfalltage nicht bezahlen kann?«

»Dann nimmt man ein neues Darlehn auf in der Schneiderbank,« antwortete Borg.

»Warum leiht ihr nicht von der Reichsbank?« fing Falk wieder an.

»Die ist faul,« antwortete Borg.

»Verstehst du das?« sagte Olle zu Sellén.

»Kein Wort!« erwiderte dieser.

»Ihr werdet es einmal lernen, wenn ihr Mitglieder der Akademie seid und im Adreßbuch steht.«