Rehnhjelm erwachte um vier Uhr am folgenden Morgen, weil ihm war, als rufe jemand seinen Namen. Er richtete sich im Bett auf und lauschte — es war still. Er zog das Rouleau hoch und sah einen grauen Herbstmorgen, regnerisch und stürmisch. Er legte sich wieder hin, versuchte aber vergebens zu schlafen. Es waren so viele wunderliche Stimmen im Winde; sie klagten und warnten und weinten und ächzten. Er versuchte an etwas Angenehmes zu denken: an sein Glück; er nahm seine Rolle und begann zu lesen; aber es war nur: »Ja, mein Prinz,« und er dachte an Falanders Worte und fand, daß dieser zum Teil recht habe. Er versuchte daran zu denken, wie er auf der Bühne als Horatio aussehen werde; er versuchte sich Agnes als Ophelia vorzustellen, und er sah in ihr eine heuchlerische Intrigantin, die auf Polonius' Einflüsterung ihm eine Falle stellte; er wollte dies Bild verscheuchen und sah an Stelle von Agnes die galante Mamsell Jaquette, die er im Stadttheater zuletzt die Ophelia hatte spielen sehen. Vergebens versuchte er diese unangenehmen Gedanken und Bilder zu verjagen, aber sie verfolgten ihn wie Mücken. Als er sich müde gekämpft hatte, schlief er ein und machte im Traum dieselben Qualen durch; er riß sich los und ermunterte sich, schlief aber wieder ein, und die gleichen Bilder wiederholten sich. Gegen neun Uhr erwachte er davon, daß er laut aufschrie; da sprang er aus dem Bett, als wolle er vor bösen Geistern, die ihn verfolgten, fliehen. Als er vor den Spiegel trat, sah er, daß er geweint hatte. Er kleidete sich in aller Eile an, und als er die Stiefel anziehen wollte, lief eine Spinne über den Fußboden. Er freute sich, denn er glaubte an Spinnen, sie sollen Glück bedeuten; ja, er kam in ganz vortreffliche Stimmung und sagte sich selber, man dürfe abends keine Krebse essen, wenn man gut schlafen wolle. Er trank seinen Kaffee und rauchte eine Pfeife und lächelte über die Regenschauer und den Sturm draußen, als es an die Tür klopfte. Er fuhr zusammen, denn er fürchtete heute alle Nachrichten, er wußte nicht warum; dann dachte er an die Spinne und ging ruhig hin und öffnete.
Es war Herrn Falanders Dienstmädchen, das ihn bat, unbedingt pünktlich um zehn Uhr in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu Herrn Falander zu kommen.
Von neuem wurde er von der unbeschreiblichen Angst überfallen, die ihn im Morgenschlummer geplagt hatte. Er versuchte sich die noch bleibende Stunde zu vertreiben. Aber es war unmöglich. Da zog er sich an, und eilte mit hochklopfendem Herzen zu Falander.
Bei diesem war schon aufgeräumt und alles empfangsbereit. Er begrüßte Rehnhjelm mit freundlicher, wenn auch ungewöhnlich ernster Miene. Dieser bestürmte ihn mit Fragen, Falander aber erwiderte, er könne vor zehn Uhr nichts sagen. Rehnhjelm wurde unruhig und wollte wissen, ob es etwas Unangenehmes sei; Falander sagte, nichts sei unangenehm, wenn man es nur richtig zu sehen verstehe. Und er erklärte, daß viele Dinge, die uns unerträglich erschienen, sehr leicht zu ertragen seien, wenn man sie nur nicht überschätze. So verging die Zeit bis zehn Uhr.
Da wurde zweimal leise an die Tür geklopft, die sich unmittelbar darauf öffnete, und herein trat Agnes. Ohne auf die Anwesenden zu achten, holte sie den Schlüssel herein, verschloß die Tür und stand im Zimmer. Aber der Ausdruck der Verlegenheit, als sie statt einer Person deren zwei sah, dauerte nur eine Sekunde und löste sich in eine angenehme Überraschung auf, Rehnhjelm auch hier zu treffen. Sie warf den Regenmantel ab und lief auf ihn zu; er umarmte sie und drückte sie heftig an die Brust, als habe er sie ein Jahr lang nicht gesehen.
»Du bist lange fort gewesen, Agnes!«
»Lange? Was meinst du damit?«
»Ich habe dich seit einer Ewigkeit nicht gesehen, finde ich. Du siehst heute so frisch aus; hast du gut geschlafen?«
»Findest du, ich sehe frischer aus als gewöhnlich?«
»Ja, das finde ich; du bist so rosig und hast so runde Wangen! Willst du Falander nicht begrüßen?«
Dieser stand ruhig da und hörte dem Gespräch zu, aber sein Gesicht war weiß wie Gips, und er schien zu überlegen.
»Himmel, wie siehst du angegriffen aus,« sagte Agnes und machte einen Entrechat durch das Zimmer mit den weichen Bewegungen eines Kätzchens, nachdem sie sich Rehnhjelms Armen entwunden hatte.
Falander antwortete nicht. Agnes betrachtete ihn genauer und schien in einem Augenblick seine Gedanken zu erraten; ihr Gesicht verwandelte sich wie eine Wasserfläche, wenn der Windstoß sich nähert, aber nur für eine Sekunde. In der nächsten war sie wieder ruhig und entschlossen, allem zu begegnen, nachdem sie mit einem Blick Rehnhjelm gemustert und die Situation erfaßt hatte.
»Darf man wissen, was für wichtige Angelegenheiten uns so früh hierhergeführt haben?« sagte sie heiter und schlug Falander auf die Schulter.
»Ja,« begann er, fest und entschlossen, so daß Agnes erblaßte; aber im selben Augenblick warf er den Kopf herum, als wolle er den Gedanken eine andere Richtung geben: »heute ist mein Geburtstag, und ich möchte euch zum Frühstück einladen.«
Agnes, der zumut war wie einem Menschen, der einen Zug auf sich zubrausen sah, ihm aber im letzten Augenblick entronnen ist, brach in ein klingendes Lachen aus und umarmte Falander.
»Aber da ich es erst zu elf Uhr bestellt habe, müssen wir hier solange warten. Bitte, nehmt Platz!«
Es wurde still, unheimlich still.
»Jetzt geht ein Engel durchs Zimmer,« sagte Agnes.
»Das warst du,« sagte Rehnhjelm und küßte ehrerbierig und innig ihre Hand.
Falander sah aus wie einer, der aus dem Sattel geworfen, aber wieder hinaufzuklettern bemüht ist.
»Ich habe heute früh eine Spinne gesehen,« sagte Rehnhjelm, »das bedeutet Glück!«
»Araignée matin: chagrin,« sagte Falander; »das kennst du wohl nicht!«
»Was bedeutet das?« fragte Agnes.
»Spinne am Morgen, Unglück und Sorgen.«
»Hm!«
Es wurde wieder still, und das ruckweise Peitschen des Regens an den Fenstern ersetzte die Unterhaltung.
»Ich habe über Nacht ein so aufregendes Buch gelesen,« begann Falander, »daß ich gar nicht habe schlafen können.«
»Was war das für ein Buch?« fragte Rehnhjelm, ohne sonderliches Interesse an der Sache, denn er fühlte sich noch immer beunruhigt.
»Es hieß Pierre Clément und behandelte die übliche Weibergeschichte; aber sie war so lebendig dargestellt, daß sie einen sehr starken Eindruck machte.«
»Welches ist denn die übliche Weibergeschichte, wenn ich fragen darf?« sagte Agnes.
»Untreue und Falschheit, natürlich!«
»Nun, und Pierre Clément?« fragte Agnes.
»Er wurde natürlich betrogen. Er war ein junger Maler, der die Geliebte eines andern liebte ...«
»Jetzt erinnere ich mich, den Roman gelesen zu haben,« sagte Agnes, »und er hat mir sehr gefallen. Verlobte sie sich dann nicht mit einem, den sie wirklich liebte? Ja, so war es, und unterdes erhielt sie die alte Beziehung aufrecht. Damit wollte der Verfasser beweisen, daß die Frau auf zwei Arten lieben kann, der Mann aber nur auf eine. Das ist sehr richtig. Nicht wahr?«
»Gewiß! Doch dann kam der Tag, als ihr Verlobter sich mit einem Bilde an einer Konkurrenz beteiligen wollte — kurz und gut, sie gab sich dem Akademiedirektor hin, und Pierre Clément wurde glücklich — und konnte sich verheiraten.«
»Und damit wollte der Verfasser sagen, daß die Frau für den Mann, den sie liebt, alles opfern kann, während der Mann ...«
»Das ist das Schändlichste, was mir je vorgekommen ist!« rief Falander.
Er stand auf und trat an seinen Schreibsekretär. Er öffnete heftig die Klappe und holte ein schwarzes Kästchen heraus.
»Hier,« sagte er und gab Agnes das Kästchen; »geh nach Hause und befreie die Welt von einem Abschaum!«
»Was ist das?« sagte Agnes lachend, indem sie das Kästchen öffnete und einen sechsläufigen Revolver herausholte. »Nein, ist das ein nettes Ding! Hast du den nicht als Karl Moor gehabt? Ja, den hattest du! Ich glaube, er ist geladen!«
Sie hob den Revolver, zielte nach der Schornsteinklappe und drückte ab.
»Leg ihn wieder weg!« sagte sie. »Das ist kein Spielzeug, meine Freunde!«
Rehnhjelm hatte sprachlos dagesessen. Er begriff alles, aber er konnte kein Wort herausbringen, und er stand so unter dem Zauber des Mädchens, daß er nicht einmal unfreundliche Gefühle gegen sie aufbringen konnte. Er wußte freilich, daß ihm ein Messer durchs Herz gegangen war, aber der Schmerz hatte noch nicht Zeit gehabt, sich einzufinden.
Falander war von so viel Frechheit aus der Fassung gebracht und brauchte eine Weile, um sich zu sammeln, da seine ganze moralische Hinrichtungsszene mißglückt und sein Theatercoup für ihn nicht sehr günstig ausgefallen war.
»Wollen wir jetzt nicht gehen?« fragte Agnes und begann ihr Haar vor dem Spiegel zu ordnen.
Falander öffnete die Tür.
»Geh!« sagte er, »und nimm meinen Fluch mit dir. Du hast den Seelenfrieden eines ehrlichen Mannes zerstört.«
»Wovon sprichst du eigentlich? Mache doch die Tür zu, es ist nicht warm hier drinnen.«
»Ach so, wir müssen deutlicher reden. Wo bist du gestern abend gewesen?«
»Das weiß Hjalmar, und dich geht es nichts an!«
»Du warst nicht bei deiner Tante; du hast mit dem Direktor soupiert!«
»Das ist eine Lüge!«
»Ich habe dich um neun Uhr im Ratskeller gesehen!«
»Das lügst du! Um die Zeit bin ich zu Hause gewesen; du kannst Tantes Mädchen fragen, die mich nach Hause begleitet hat!«
»Das hätte ich doch nicht gedacht!«
»Wollen wir diese Unterhaltung jetzt nicht beenden, so daß wir endlich wegkommen? Du mußt nachts nicht solche dummen Bücher lesen, dann hast du tags darauf den Koller! Zieht euch jetzt an!«
Rehnhjelm mußte sich an den Kopf fassen, um zu fühlen, ob der noch an seinem richtigen Platz saß, denn ihm drehte sich alles vor den Augen. Als er sich überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war, suchte er nach einem klaren Gedanken, der Licht in die Angelegenheit hätte bringen können, aber er fand keinen.
»Wo bist du am 6. Juli gewesen?« fragte Falander mit der vernichtenden Miene eines Richters.
»Was du für dumme Fragen stellst; wie soll ich mich erinnern, was vor drei Monaten geschehen ist?«
»Nun, du warst bei mir, während du Hjalmar gesagt hast, du seist bei deiner Tante.«
»Höre nicht auf ihn,« sagte Agnes und ging schmeichelnd auf Rehnhjelm zu, »er schwatzt so viel dummes Zeug.«
Im nächsten Augenblick hatte Rehnhjelm sie am Halse gepackt und warf sie nun rücklings in die Ofenecke, wo sie still und regungslos auf einem Haufen Holz liegen blieb.
Dann setzte er den Hut auf, Falander aber mußte ihm den Überzieher anhelfen, denn er zitterte an allen Gliedern.
»Komm, wir wollen gehen,« sagte er, spuckte auf die Steine vor dem Ofen und ging hinaus.
Falander zögerte einen Augenblick, fühlte Agnes' Puls und ging dann sofort hinter Rehnhjelm her, den er unten auf dem Flur einholte.
»Ich bewundere dich,« sagte Falander zu Rehnhjelm; »die Sache stand wirklich außerhalb aller Erörterungen.«
»Ich bitte dich, sie auch weiter so zu behandeln; wir haben nicht mehr viel Zeit, um gegenseitig unsere Gesellschaft zu genießen; ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Hause, um zu arbeiten und zu vergessen! Jetzt wollen wir in den Ratskeller gehen und uns betäuben, wie du es nennst!«
Sie kamen in den Keller und ließen sich ein separates Gemach geben, verbaten sich aber die »kleinen Zimmer«.
Bald saßen sie an einem wohlgedeckten Tisch.
»Habe ich graues Haar bekommen?« fragte Rehnhjelm und befühlte sein Haar, das ganz feucht war und dicht am Schädel klebte.
»Nein, mein Freund, das geht nicht so schnell; grauhaarig bin ich ja noch nicht einmal geworden.«
»Hat sie sich verletzt?«
»Nein.«
»In diesem Zimmer war es — das erste Mal!«
Er stand vom Tisch auf, machte einige Schritte, wankte und fiel neben dem Sofa auf die Knie, auf das er seinen Kopf legte und in ein Weinen ausbrach wie ein Kind, wenn es in seiner Mutter Schoß weint.
Falander setzte sich neben ihn und nahm seinen Kopf zwischen die Hände. Rehnhjelm fühlte etwas Heißes wie einen Feuerfunken auf seinen Hals fallen.
»Wo ist die Philosophie, Freund? Her damit! Ich ertrinke! Einen Strohhalm! Hierher!«
»Armer, armer Junge!«
»Ich muß sie sehen! Ich muß sie um Verzeihung bitten! Ich liebe sie! Dennoch! Dennoch! Hat sie sich wehgetan? Gott im Himmel, daß man leben, daß man so unglücklich sein kann, wie ich bin!«
Um drei Uhr am Nachmittag reiste Rehnhjelm mit dem Zuge nach Stockholm ab. Falander warf selbst die Kupeetür hinter ihm zu und verschloß sie.