Zwanzigstes Kapitel
Auf dem Altar

Die Standuhr im Ratskeller zu X-köping donnerte an einem Oktoberabend sieben, als der künstlerische Direktor des Stadttheaters sich zur Tür hereinwälzte. Er hatte eine strahlende Miene aufgesetzt, wie eine Kröte strahlen mag, wenn sie eine gute Mahlzeit gehalten hat; er sah froh aus, aber die Muskeln seines Gesichts waren es nicht gewöhnt, so etwas mitzumachen, sondern sie legten die Haut in unruhige Falten und entstellten sein schreckliches Aussehen nur noch mehr. Er grüßte gnädig den kleinen, dürren Wirt, der hinterm Büfett stand und die Gäste zählte.

»How are you?« schrie der Direktor — er hatte nämlich längst aufgehört zu sprechen, wie wir uns erinnern.

»Thank you,« antwortete der Wirt.

Da es nun mit dem Englisch der Herren zu Ende war, so gingen sie unmittelbar zu ihrer Muttersprache über.

»Nun, was sagen Sie zu dem Jungen, dem Gustav? War er nicht glänzend als Don Diego? Was? Ich kann Schauspieler machen, das will ich meinen!«

»Ja, das sage ich auch! Dieser Bengel! Aber es ist, wie Herr Direktor selbst gesagt haben: es ist leichter, ein Talent aus einem Menschen zu machen, der sich nicht mit den dummen Büchern verpfuscht hat ...«

»Die Bücher sind ein Verderb, das weiß ich am besten! Übrigens, wissen Sie, Herr Wirt, was in den Büchern steht? He? Ich weiß es! Sie sollen sehen, wenn jetzt der junge Rehnhjelm als Horatio auftritt, wie der sich benimmt. Das wird nett werden! Ich habe ihm die Rolle versprochen, weil er so sehr gebettelt hat; aber ich habe ihm gleich gesagt, daß ich ihm nicht helfen werde, denn ich will für sein Fiasko nicht verantwortlich sein. Ich habe ihm auch gesagt, er solle die Rolle bekommen, weil ich ihm beweisen möchte, wie schwer es sei zu spielen, wenn die Natur einem nicht die Gabe verliehen hat. — Oh, ich will ihn ducken, daß er noch manchen lieben Tag hinterher nicht nach Rollen ausschaut. Das will ich tun! Aber darüber wollten wir nicht reden! Hören Sie, Herr Wirt, haben Sie ein paar Zimmer frei?«

»Die beiden kleinen?«

»Ganz recht!«

»Immer zu Ihrer Disposition, Herr Direktor!«

»Ein Souper für zwei, aber fein! Um acht! Sie servieren selbst, Herr Wirt!«

Er schrie nicht, als er dies letzte sagte, und der Wirt verbeugte sich zum Zeichen, daß er verstanden habe.

Im selben Augenblick trat Falander ein. Ohne den Direktor zu grüßen, setzte er sich auf seinen alten Platz. Der Direktor stand sofort auf und sagte, als er am Büfett vorbeiging, geheimnisvoll: »Um acht Uhr«, worauf er sich entfernte.

Der Wirt stellte jetzt Falander eine Absinthflasche mit Zubehör hin. Da dieser keine Miene machte, die Unterhaltung zu eröffnen, nahm der Wirt seine Serviette und begann den Tisch abzuwischen; als das nichts half, füllte er den Streichholzständer und sagte:

»Souper heute abend; in den kleinen Zimmern! Hm!«

»Von wem und wovon sprechen Sie?«

»Hm! Von ihm, der eben wegging!«

»Ach, von dem! Nun, das ist ja etwas Merkwürdiges, wo er so geizig ist! Das ist wohl für eine Person?«

»Nein, für zwei,« sagte der Wirt und blinzelte mit den Augen. — »In den kleinen Zimmern! Hm!«

Falander spitzte die Ohren, schämte sich aber zugleich, daß er den Klatsch anhörte, und ließ das Thema fallen; aber das lag nicht in der Absicht des Wirtes.

»Ich möchte wissen,« sagte er, »wer das sein kann! Seine Frau ist krank, und ...«

»Was geht es uns an, mit wem das Ungeheuer zu soupieren geruht. Haben Sie eine Abendzeitung, Herr Wirt?«

Dieser brauchte auf den Verweis nicht zu antworten, denn jetzt kam Rehnhjelm herein, strahlend wie ein Jüngling, der einen Lichtschimmer auf seinem Wege sieht.

»Stelle den Absinth heute abend weg,« sagte er, »und sei mein Gast. Ich bin so froh, daß ich weinen möchte!«

»Was ist geschehen?« fragte Falander ängstlich. »Du hast doch nicht etwa eine Rolle bekommen?«

»Doch, du Pessimist, ich habe den Horatio bekommen ...«

Falander wurde finster:

»Und sie die Ophelia,« warf er hin.

»Woher weißt du das?«

»Ich vermute es.«

»Deine Ahnungen! Das war aber nicht schwer zu ahnen! Findest du nicht, daß sie es verdient? Haben wir eine Bessere hier am Theater?«

»Nein, das gebe ich zu! Nun, gefällt dir Horatio?«

»Oh, er ist herrlich!«

»Ja, es ist merkwürdig, wie verschieden der Geschmack ist!«

»Was findest du denn?«

»Ich finde, er ist der größte Schuft von allen Hofleuten, er sagt zu allem ja. ›Ja, mein Prinz, ja, mein guter Prinz!‹ Wenn er sein Freund ist, so muß er doch auch einmal nein sagen und ihm nicht immer zustimmen wie jeder beliebige Schmeichler.«

»Mußt du mir auch das wieder verderben?«

»Ja, ich will dir alles verderben! Wie kannst du, solange du alles, was jämmerliche Menschen gemacht haben, groß und herrlich findest, etwas Unzeitliches erstreben? Wenn du in allem Irdischen Vollkommenheit und Vortrefflichkeit siehst, wie kannst du da Sehnsucht nach dem wirklich Vollkommenen haben? Glaube mir, der Pessimismus ist der wahrste Idealismus, und der Pessimismus ist eine christliche Lehre, wenn es dein Gewissen beruhigen kann, denn das Christentum lehrt die Eitelkeit der Welt, der wir entsagen sollen.«

»Soll ich denn wirklich nicht finden, daß die Welt schön ist? Darf ich ihr nicht dankbar sein, weil sie alles Gute schenkt, und mich freuen über das, was das Leben zu bieten hat?«

»Doch, doch, freue dich, mein Junge, freue dich und glaube und hoffe. Da alle Menschen auf Erden der gleichen Sache nachjagen — dem Glück —, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß du es erringen wirst, gleich 1439145300stel, weil es nämlich so viele Menschen gibt, wie der Nenner des Bruchs besagt. Ist das Glück, das du heute erobert hast, diese monatelangen Qualen und Demütigungen wert? Und übrigens: worin besteht dein Glück? Daß du eine schlechte Rolle bekommen hast, in der du nicht reussieren kannst, wie man das nennt, — ich will damit nicht sagen, daß du Fiasko machst. Bist du denn sicher, daß ...«

Er mußte Luft holen ...

»Daß Agnes als Ophelia Erfolg hat? Vielleicht macht sie in ihrem Eifer, die seltene Gelegenheit auszunutzen, zuviel aus der Rolle, das ist das übliche! Aber es tut mir leid, daß ich dich traurig gemacht habe, und ich bitte dich wie immer: glaube nicht, was ich sage; man weiß ja nicht, ob es wahr ist!«

»Wenn ich dich nicht kennte, würde ich glauben, du beneidetest mich!«

»Nein, mein Junge, ich wünsche dir, wie allen Menschen, daß ihnen so schnell wie möglich ihre Wünsche erfüllt werden, damit sie ihre Gedanken einem Bessern zukehren können; denn das dürfte doch der Zweck des Lebens sein.«

»Das kannst du so ruhig sagen, du, der du dich schon durchgesetzt hast?«

»Ja, sollen wir nicht dahin kommen? Wir wünschen uns ja gar nicht, Glück zu haben; wir wünschen uns, so dasitzen und über unsere großen Bestrebungen, unsere großen, hörst du, lächeln zu können!«

Die Uhr schlug jetzt acht, daß es durch den Saal schmetterte. Falander erhob sich hastig vom Stuhl, als wolle er gehen, dann strich er sich mit der Hand über die Stirn und setzte sich wieder.

»Ist Agnes heute abend bei Tante Beate?« fragte er in gleichgültigem Ton.

»Woher weißt du das?«

»Nun, das kann ich mir doch denken, wenn du hier in aller Ruhe sitzt! Sie will ihr wohl die Rolle vorlesen, denke ich mir, da ihr nicht mehr viel Zeit habt.«

»Ja, hast du sie heute abend getroffen, da du auch das weißt?«

»Nein, auf Ehre nicht! Ich kann mir nur keinen andern Grund denken, warum sie dich einen Abend, wo wir nicht spielen, allein läßt.«

»Da hast du ganz richtig gedacht. Übrigens hat sie mich gebeten, auszugehen und mir Gesellschaft zu suchen, weil ich so lange zu Hause gesessen habe. Sie ist so besorgt und zärtlich, das liebe Mädel!«

»Ja, sie ist sehr zärtlich!«

»Sie hat mich erst einen einzigen Abend allein gelassen, als sie bei ihrer Tante aufgehalten wurde und nicht absagen lassen konnte. Ich wäre beinahe verrückt geworden und habe die ganze Nacht nicht schlafen können.«

»Das war am 6. Juli, nicht wahr?«

»Du erschreckst mich! Spionierst du?«

»Warum sollte ich das tun? Ich kenne euer Verhältnis doch und begünstige es in jeder Weise. Und wenn ich weiß, daß das an einem Dienstag, am 6. Juli, passiert ist, so kommt das daher, daß du so oft davon gesprochen hast.«

»Ach, das ist wahr!«

Es wurde wieder lange still.

»Es ist seltsam,« unterbrach Rehnhjelm schließlich das Schweigen, »wie melancholisch das Glück einen Menschen machen kann; ich bin heute abend so unruhig und wäre lieber mit Agnes zusammengewesen. Wollen wir nicht in die kleinen Zimmer gehen und sie holen lassen? Sie kann ja sagen, es sei Besuch von auswärts gekommen.«

»Das würde sie nie sagen; sie bringt es nicht fertig, die Unwahrheit zu sprechen!«

»Oh, das ist nicht gefährlich! Das können alle Frauen!«

Falander fixierte Rehnhjelm auf eine Art, die dieser nicht enträtseln konnte; dann sagte er:

»Ich will erst nachsehen, ob die kleinen Zimmer frei sind, davon wollen wir es abhängig machen!«

»Nun, gut!«

Falander hielt ihn zurück, als er Miene machte, mitzugehen, und entfernte sich. Nach zwei Minuten war er wieder da. Er war ganz weiß im Gesicht, aber ruhig, und sagte nur:

»Sie sind besetzt!«

»Wie ärgerlich!«

»Nun, wir müssen uns so gut wir können Gesellschaft leisten!«

Und sie leisteten sich Gesellschaft, und sie aßen und tranken, und sie sprachen vom Leben, von der Liebe und von der Bosheit der Menschen; und sie wurden satt und betrunken und gingen nach Hause und legten sich schlafen.