Neunzehntes Kapitel
Vom neuen Kirchhof nach
Norrbacka

Der Septembernachmittag lag grau und warm und still über der Hauptstadt, als Falk die südlichen Höhen hinaufwanderte. Auf dem Katarinenkirchhof setzte er sich nieder, um auszuruhen; er empfand ein wirkliches Wohlbehagen, als er sah, daß die Ahorne in den letzten Nächten rotgefroren waren, und er hieß den Herbst mit seiner Dunkelheit, seinen grauen Wolken und seinem fallenden Laub herzlich willkommen. Kein Windhauch regte sich; es war, als ruhe die Natur, müde von der kurzen Sommerarbeit; alles ruhte, die Menschen lagen unter dem Rasen so still und friedlich, wie sie nie im Leben gewesen waren, und er wünschte, sie lägen alle dort unten und er auch. Oben auf dem Turm schlug die Uhr; da stand er auf und ging weiter, ging die Parkstraße entlang, bog in die Neue Straße ein, die vor hundert Jahren neu gewesen sein mochte, ging über den Neumarkt und kam nach dem Weißen Berge. Da blieb er vor dem scheckigen Hause stehen und hörte zu, was die Kinder sagten, denn wie gewöhnlich waren Kinder auf dem Hügel; und sie unterhielten sich laut und ungeniert, während sie kleine Ziegelsteine schliffen, die sie zum Hupfspiel brauchten.

»Was hast du zu Mittag bekommen, Janne?«

»Geht das dich was an?«

»Angeht? Sagst du, ob mich das was angeht? Nimm dich in acht, du, sonst hau ich dir eine runter!«

»Du! Ach, hör an! Du, mit den Augen!«

»Na, weißt du! Hab ich dich nicht neulich erst am Hammarbysee verwichst? He?«

»Ach, halt's Maul!«

Janne wird »verwichst«, und die Unruhe legt sich.

»Hast du etwa nicht auch Kresse auf dem Katrinenkirchhof gestohlen, Janne? He!«

»Hat der lahme Olle gepetzt?«

»Und kam da nicht die Polizei, he?«

»Denkst du, ich habe Angst vor der Polizei! Das sollst du mal sehen!«

»Wenn du keine Angst hast, so komm doch mit zu Zinkens Teich und hilf Birnen mausen heut abend.«

»Ich steige nicht über den Zaun, da sind bissige Hunde!«

»Ach, der Schornsteinfeger-Pelle steigt über den Zaun wie ein Hui, und den Hunden muß man einen Tritt geben.«

Das Schleifen wird von einer Magd unterbrochen, die herauskommt und Tannenzweige auf die grasbewachsene Straße streut.

»Was für ein Teufel soll heut begraben werden?«

»Ach, von dem Vizewirt, der mit seiner Frau wieder ein Kind gekriegt hat.«

»Der Vizewirt ist ein kitzlicher Satan, was?«

Statt der Antwort stimmte der andere eine unbekannte Melodie an, die auf besondre Art gepfiffen wurde.

»Wir verhauen seine Füchse, wenn sie aus der Schule kommen. Und seine Frau, weißt du, die ist aufgeblasen. Das Teufelsweib hat uns einmal nachts im Schnee sitzen lassen, als wir die Miete nicht bezahlt hatten, und da haben wir im Blechschuppen schlafen müssen.«

Das Gespräch versiegte, denn diese letzte Mitteilung schien auf den Zuhörer nicht den geringsten Eindruck zu machen.

Nicht mit sehr heiteren Gefühlen betrat Falk das Haus nach der Vorstellung, die die beiden Straßenjungen vermittelt hatten. Er wurde in der Tür von Struve begrüßt, der eine betrübte Miene aufgesetzt hatte und ihn jetzt beim Arm nahm, als wolle er ihm eine vertrauliche Mitteilung machen oder in seinem Beisein eine Träne zerdrücken, irgend etwas mußte er tun — und er faßte ihn um.

Falk befand sich in einem großen Zimmer mit Eßtisch, Büfett, sechs Stühlen und einem Sarg. Vor den Fenstern hingen weiße Laken, durch die das Tageslicht hereinsickerte und sich an dem roten Schein zweier Stearinkerzen brach; auf dem Eßtisch stand ein Tablett mit grünen Weingläsern und ein Suppennapf mit Georginen, Levkoien und Astern.

Struve faßte seine Hand und führte ihn an den Sarg, in dem der kleine Namenlose auf Hobelspänen in Tüll gebetet lag, mit wilden Weinblättern bestreut.

»Hier,« sagte er. »Hier!«

Falk spürte keine andern Erregungen, als die einen immer in Gegenwart einer Leiche überkommen, und konnte daher keine für die Situation passenden Worte finden, sondern beschränkte sich darauf, dem Vater die Hand zu drücken, worauf dieser sagte:

»Ich danke dir, ich danke dir!« und sich entfernte, um in ein Nebenzimmer zu gehen.

Falk war allein; er hörte zunächst ein heftiges Flüstern hinter der Tür, hinter der Struve verschwunden war; darauf wurde es eine Weile still; dann aber drang am andern Ende des Zimmers ein Gemurmel durch die dünne Bretterwand; er konnte die Worte nur teilweise unterscheiden, glaubte aber die Stimmen wiederzuerkennen. Zunächst hörte man einen schrillen Diskant, der sehr rasch lange Strophen sprach.

»Babebibobubybäbö. — Babebibobubybäbö. — Babebibobubybäbö —« ertönte es.

Darauf antwortete eine zornige Männerstimme unter der Begleitung des Hobels. »Witscho-witscho-witsch-witsch-hitsch-hitsch.«

Und dann ein langsam dahinrollendes »Mum-mum-mum-mum. Mum-mum-mum-mum.« Worauf der Hobel wieder sein »Witsch-witsch« zu spucken und zu niesen begann. Und darauf ein Sturm von »Babili-bebili-bibili-bobili-bubili-bybili-bäbili-bö!«

Falk ahnte, um was die Diskussion sich drehte, und an einem gewissen Tonfall glaubte er zu erkennen, daß der kleine Tote in die Sache verwickelt sei.

Nun begann wieder ein heftiges Flüstern hinter Struves Tür, durchschossen mit Schluchzen; dann öffnete sie sich, und heraus kam Struve und führte eine Waschfrau an der Hand, die schwarzgekleidet war und rote Augen hatte. Struve stellte mit der Würde eines Familienvaters vor:

»Meine Frau. — Assessor Falk, mein alter Freund!«

Falk wurde mit einer Hand so hart wie ein Waschholz und einem Lächeln sauer wie Pickels begrüßt. Er versuchte in größter Hast eine Redensart zu konstruieren, die die beiden Worte »Frau« und »Schmerz« enthielt, und kam einigermaßen damit zustande, so daß Struve ihm eine Umarmung zuteil werden ließ.

Die Frau, die auch eine Freundlichkeit beisteuern wollte, begann ihrem Mann den Rücken abzubürsten und sagte:

»Schrecklich, wie Christian sich immer einschmiert; ewig ist er hinten staubig. Finden Sie nicht auch, Herr Assessor, daß er wie ein Ferkel aussieht?«

Dem armen Falk blieb es erspart, diese liebevolle Frage zu beantworten, denn hinter dem Rücken der Mutter tauchten jetzt zwei rote Köpfe auf und grinsten den Fremden an. Die Mutter nahm sie zärtlich beim Schopf und sagte:

»Haben Sie schon einmal so häßliche Buben gesehen, Herr Assessor? Sehen sie nicht aus wie junge Füchse?«

Das stimmte mit der wirklichen Sachlage in solchem Grade überein, daß Falk sich veranlaßt fühlte, die Tatsache aufs lebhafteste in Abrede zu stellen.

Die Korridortür öffnete sich, und herein traten zwei Herren. Der erste war ein breitschulteriger Dreißiger mit einem viereckigen Kopf, dessen Vorderseite das Gesicht vorstellen sollte; die Haut sah aus wie eine halbvermoderte Brückenplanke, in die Würmer ihre Labyrinthe gegraben hatten; der Mund war breit geschnitten und stets etwas geöffnet, so daß man die vier gut geschliffenen Eckzähne sah; wenn er lachte, wurde das Gesicht in zwei Teile gespalten, und man konnte bis an den vierten Backenzahn sehen; kein Barthalm wagte sich auf dem unfruchtbaren Boden hervor; die Nase war so schlecht angebracht, daß man von vorn ein gutes Stück in den Kopf hineinsehen konnte; auf dem oberen Teil des Schädels wuchs etwas, das wie eine Kokosmatte aussah.

Struve, der das Talent besaß, seine Umgebung zu adeln, stellte den Kandidaten Borg als Doktor Borg vor. Dieser gab kein Zeichen von Befriedigung oder Mißvergnügen, sondern hielt den Ärmel seines Überziehers seinem Begleiter hin, der sofort den Rock auszog und ihn an die Angel der Stubentür hängte, wobei Frau Struve bemerkte: dies alte Haus sei so schlecht; nicht einmal ein Kleiderständer sei da. Der Rockauszieher wurde als Herr Levi vorgestellt. Es war ein langaufgeschossener Jüngling; sein Schädel schien sich durch eine Entwicklung des Nasenbeins nach hinten gebildet zu haben; und der Rumpf, der bis zu den Kniekehlen reichte, sah aus, als sei er auf die Weise entstanden, daß der Schädel durch ein Zieheisen gegangen war, wie man Stahldraht zieht. Die Schultern fielen wie Dachrinnen ab, von Hüften war keine Spur zu sehen, die Schienbeine gingen bis an die Schenkel, die Füße waren abgelaufen wie alte Schuhe, die Höhlung niedergetreten, die Beine standen nach auswärts wie bei einem Arbeiter, der schwere Lasten getragen oder den größten Teil seines Lebens gestanden hat: es war ein richtiger Sklaventyp.

Der Kandidat war, nachdem er von dem Überzieher befreit worden war, an der Tür stehen geblieben; er hatte die Handschuhe ausgezogen, den Stock weggestellt, sich geschneuzt, das Taschentuch eingesteckt, ohne Struves wiederholte Versuche, ihn vorzustellen, zu beachten; er glaubte noch auf dem Korridor zu sein; jetzt aber nahm er seinen Hut, kratzte mit dem Fuß und trat einen Schritt ins Zimmer hinein.

»Guten Tag, Jenny, wie geht es?« sagte er und faßte die Hand der Frau mit einer Wichtigkeit, als gelte es ihr Leben. Darauf verbeugte er sich unmerklich vor Falk mit einer Grimasse wie ein Hund, wenn er einen fremden Köter auf seinem Hof sieht.

Der junge Herr Levi folgte dem Kandidaten auf den Fersen, fing sein Lächeln auf, zollte seinen Sarkasmen Beifall und ließ sich von seiner Überlegenheit ducken.

Die Frau zog eine Flasche Rheinwein auf und reichte ihn herum. Struve ergriff sein Glas und hieß die Gäste willkommen. Der Kandidat öffnete den Rachen, legte den Inhalt des Glases auf seine zu einem Rinnstein gewordene Zunge, schnitt eine Grimasse, als solle er einnehmen, und schluckte es hinunter.

»Er ist schrecklich sauer und schlecht,« sagte die Frau; »vielleicht trinken Sie lieber ein Glas Punsch, Henrik?«

»Ja, er ist recht schlecht,« gab der Kandidat zu und erntete Herrn Levis ungeteilten Beifall.

Der Punsch wurde gebracht. Borgs Gesicht klärte sich auf; er sah sich nach einem Stuhl um; sofort brachte Herr Levi ihm einen.

Die Gesellschaft ließ sich am Eßtisch nieder. Die Levkoien dufteten stark, und ihr Geruch mischte sich mit dem des Weins, das Licht spiegelte sich in den Gläsern, die Unterhaltung kam in Fluß, und bald stieg vom Platz des Kandidaten eine Rauchsäule auf. Die Frau warf einen unruhigen Blick nach dem Fenster, wo der Kleine schlummerte, aber diesen Blick sah niemand.

Da hörte man draußen einen Wagen vorfahren. Alle außer dem Doktor standen auf. Struve hustete und fragte mit leiser Stimme, als sage er etwas Unangenehmes: »Wollen wir uns fertigmachen?«

Die Frau trat an den Sarg, beugte sich nieder und weinte heftig; als sie sich wieder aufrichtete, sah sie ihren Mann mit dem Sargdeckel bereitstehen und brach in lautes Schluchzen aus.

»Nun, nun! beruhige dich,« sagte Struve und beeilte sich, den Deckel aufzulegen, als wolle er etwas verbergen. Borg goß ein Glas Punsch in seinen Rinnstein und sah hinterher aus wie ein Pferd, wenn es gähnt. Herr Levi half Struve den Deckel festschrauben, was er mit großer Gewandtheit tat, als mache er eine Packkiste zu.

Man verabschiedete sich von der Frau, zog die Überzieher an und ging; die Frau bat die Herren, auf der Treppe vorsichtig zu sein; »sie sei so alt und schlecht«.

Struve ging voran und trug den Sarg; als er auf die Straße kam und eine kleine Volksversammlung sah, die ihm zu Ehren zusammengeströmt war, wurde er so vom Hochmutsteufel gepackt, daß er den Kutscher anfuhr, weil er die Wagentür nicht geöffnet und das Trittbrett nicht heruntergelassen hatte; um die Wirkung zu steigern, duzte er den großen livrierten Mann, der mit dem Hut in der Hand schleunig seinen Befehlen nachkam; das hatte in dem Haufen einen kurzen, boshaften Hustenanfall eines Jungen zur Folge, der auf den Namen Janne hörte; als er sich durch sein Husten die Aufmerksamkeit der Umstehenden zuzog, begann er mit emporgewandten Augen die Schornsteine zu mustern, als erwarte er den Kaminkehrer.

Die Wagentür schlug hinter den vier Herren zu, und unter den jüngeren Mitgliedern der Volksversammlung, die sich jetzt sicherer fühlten, entspann sich das folgende Gespräch:

»He du! So ein protziger Sarg! Hast du ihn gesehen?«

»Ja, natürlich! Aber hast du gemerkt, daß auf dem Schild kein Name stand?«

»Wirklich nicht?«

»Nein, das konnte man doch sehen; es war ganz blank.«

»Was bedeutet das denn?«

»Weißt du das nicht? Das war ein Hurenkind!«

Glücklicherweise knallte die Peitsche, und der Wagen rollte davon. Falk warf einen Blick nach dem Fenster hinauf; da stand die Frau, die schon ein paar Laken abgenommen hatte, und blies die Stearinkerzen aus, und neben ihr standen die jungen Füchse, jeder mit einem Glas Wein in der Hand.

Der Wagen rasselte dahin, straßauf, straßab; keiner machte einen Versuch zu sprechen; Struve sah geniert aus, wie er mit dem Sarg auf den Knien dasaß; und es war noch so hell, daß er sich am liebsten unsichtbar gemacht hätte.

Es war ein langer Weg nach dem Neuen Friedhof, aber er nahm doch auch ein Ende, und schließlich war man angelangt. Vor dem Zaun hielt eine lange Wagenreihe. Man kaufte Kränze, und der Totengräber nahm den Sarg in Empfang. Nach einem längeren Spaziergang machte die kleine Prozession auf einem neuzugekauften Sandfelde ganz hinten am nördlichen Ende des Kirchhofs halt. Der Totengräber legte die Bretter zurecht; der Doktor kommandierte: Anfassen! Hochheben! Loslassen! und nun wurde der kleine Namenlose drei Ellen rief in die Erde gesenkt; es entstand eine Pause; alle neigten die Köpfe und blickten in das Grab hinunter, als warteten sie auf etwas; schwer und grau lag der Himmel über dem weiten, öden Sandfelde, auf dem die weißen Pfähle wie die Gespenster kleiner Kinder standen, die sich hier draußen verirrt hatten; der Waldsaum zeichnete sich schwarz wie der Hintergrund eines Schattenspiels ab, kein Windhauch regte sich. Da hörte man eine Stimme, zuerst zitternd, bald aber klar und bestimmt, wie von einer Überzeugung getragen; Levi war auf die Bahre gestiegen und sprach mit entblößtem Haupt:

»Von dem Höchsten sicher beschirmt, im Schatten seiner Allmacht ruhend. Zu dem Ewigen spreche ich: Du meine Zuflucht bist der Getreue, du meine Burg, die ewig sichere, du Gott, dem ich vertraue! — Kaddisch! — Herr, du allmächtiger Gott, gib, daß dein heiliger Name in der ganzen Welt angebetet und geheiligt werde; denn du wirst dereinst die Welt erneuen, du, der du die Toten auferweckst und sie zu neuem Leben rufst. Du, der du ewigen Frieden in deinem Himmel herrschen läßt, schenke du auch dem ganzen Israel deinen Frieden, Amen!

Schlaf in Frieden, du Kind, das keinen Namen bekommen hat! Er, der die Seinen kennt, wird dich schon beim Namen rufen! Schlafe gut in der Herbstnacht, keine bösen Geister werden dich stören, wenngleich du das geheiligte Wasser nicht empfangen hast; freue dich, daß du den Kämpfen des Lebens entgehst, seine Freuden sind zu entbehren. Glücklich du, der du von hinnen gehen durftest, ehe du die Welt kennen lerntest; rein und fleckenlos ließ deine Seele ihre zarte Hülle zurück, deshalb wollen wir nicht Erde auf dich werfen — Erde ist Vergänglichkeit —, sondern wir wollen dich mit Blumen zudecken; denn wie die Blume aus der Erde aufsteigt, so wird sich auch deine Seele aus dem dunklen Grabe zum Licht erheben, denn von Geist bist du gekommen, zu Geist sollst du wieder werden!«

Er ließ den Kranz fallen und bedeckte den Kopf.

Struve trat heran, faßte seine Hand und drückte sie mit Wärme, wobei ihm die Tränen in die Augen kamen, so daß er sich von Levi das Taschentuch leihen mußte. Der Doktor, der seinen Kranz ins Grab geworfen hatte, war schon im Gehen, und die andern folgten ihm langsam. Falk aber stand gedankenvoll über das Grab gebeugt und starrte in die Tiefe hinunter; anfangs sah er nur eine viereckige Finsternis, aber allmählich tauchte ein heller Fleck auf, der wuchs und eine bestimmte Form annahm, er wurde rund und warf einen weißen Schein wie ein Spiegel — das war das unbeschriebene Lebensschild des Kindes, das durch die Dunkelheit leuchtete und nur das ungebrochene Licht des Himmels widerstrahlte. Er ließ seinen Kranz hinuntergleiten; ein schwacher, dumpfer Ton, und das Licht erlosch. Da wandte er sich um und folgte den andern.

Am Wagen erhoben sich einige Diskussionen, wohin man fahren solle; Borg machte kurzen Prozeß und kommandierte. »Nach Norrbacka!«

Nach einigen Minuten befand sich die Gesellschaft in dem großen Saal im ersten Stock, wo sie von einem Mädchen empfangen wurde, das Borg mit einem Kuß und einer Umarmung begrüßte, worauf er seinen Hut unter ein Sofa warf, Levi befahl, ihm den Überzieher auszuziehen und eine Kanne Punsch, fünfundzwanzig Zigarren, eine halbe Flasche Kognak und einen Hut Zucker bestellte. Darauf zog er sich auch den Rock aus und belegte das einzige Sofa des Saals mit Beschlag.

Struves Gesicht begann zu strahlen, als er die Vorbereitungen zu einer Kneiperei sah, und er verlangte Musik. Levi setzte sich ans Klavier und haspelte einen Walzer herunter, während Struve Falk um die Taille faßte und mit ihm im Saal umherwanderte unter leichtfaßlichen Gesprächen über das Leben im allgemeinen, über Schmerz und Freude, über die unbeständige Natur des Menschen usw., woraus sich das Resultat ergab, daß es sündhaft sei, über das zu trauern, was die Götter — er gebrauchte das Wort Götter, weil er schon von sündhaft gesprochen hatte, damit Falk nicht glauben solle, er sei Pietist — gegeben und genommen hätten. Diese Erwägung schien die Introduktion zu dem Walzer zu bilden, den er gleich darauf mit der Kellnerin tanzte, die die Bowle hereinbrachte. Borg füllte die Gläser, rief Levi, hob ein Glas und sagte:

»Jetzt wollen wir Brüderschaft trinken, dann können wir nachher grob gegeneinander sein!«

Levi drückte seine große Freude über diese Ehre aus.

»Prost, Isaak,« sagte Borg.

»Ich heiße nicht Isaak ...«

»Denkst du, ich kümmere mich darum, wie du heißt? Ich nenne dich Isaak, und du bist mein!«

»Du bist mir ein netter Teufel ...«

»Teufel! Schämst du dich nicht, du Judenjunge ...«

»Wir wollten doch grob sein ...«

»Wir? Ich wollte grob gegen dich sein, ja!«

Struve glaubte vermitteln zu müssen:

»Hab Dank, Bruder Levi,« sagte er, »für deine schönen Worte. Was war das für ein Gebet, das du gesprochen hast?«

»Das war unser Begräbnisgebet.«

»Es war sehr schön.«

»Ich finde, es waren nur Phrasen,« fiel Borg ein. »Der ungläubige Hund hat nur für Israel gebetet, es konnte also gar nicht dem Verstorbenen gelten!«

»Alle Ungetauften rechnen zu Israel,« erwiderte Levi.

»Und dann hast du die Taufe angegriffen,« fuhr Borg fort. »Ich dulde nicht, daß jemand die Taufe angreift — das wollen wir selber tun. Ferner hast du die Rechtfertigungslehre angetastet! Laß das bleiben; ich dulde nicht, daß ein anderer unsere Religion antastet!«

»Da hat Borg recht,« sagte Struve, »sofern wir es nämlich dahin ausdehnen, die Taufe oder irgendeine andere der heiligen Wahrheiten überhaupt anzugreifen, und ich möchte mir ausbitten, daß jedes Gespräch dieser leichtsinnigen Art heute abend aus unserer Gesellschaft verbannt bleibt.«

»Möchtest du dir ausbitten?« schrie Borg. »Was möchtest du dir ausbitten? — Nun, ich verzeihe dir, wenn du den Mund hältst. Spiel auf, Isaak! Musik! Warum ist die Musik so stumm bei Cäsars Fest! Musik! Aber komme nicht mit etwas Altem. Neu muß es sein!«

Levi setzte sich ans Klavier und spielte die Ouvertüre zur Stummen.

»Schön, jetzt wollen wir plaudern,« sagte Borg. »Sie sehen ja so traurig aus, Assessor; kommen Sie, wir wollen trinken.«

Falk, der in Borgs Gegenwart eine gewisse Beklemmung empfand, nahm die Einladung mit einiger Zurückhaltung an. Aber es kam zu keiner Unterhaltung, man fürchtete gewissermaßen einen Zusammenstoß. Struve irrte umher wie eine Motte auf der Suche nach Vergnügen, ohne es zu finden, und kehrte doch immer wieder an den Punschtisch zurück; dann und wann machte er einige Tanzschritte und bildete sich ein, es sei lustig, es sei festlich, aber das war es nicht. Levi ging zwischen Klavier und Punsch hin und her; er machte sogar den Versuch, ein lustiges Lied zu singen, aber es war zu alt, als daß einer danach hingehört hätte. Borg brüllte, um »Stimmung« zu machen, wie er es nannte, aber es wurde immer stiller und fast beängstigend. Falk ging ab und zu durchs Zimmer, schweigend und unheilverkündend wie eine geladene Gewitterwolke.

Auf Borgs Befehl wurde nun ein gewaltiges Abendbrot aufgetischt. Man setzte sich unter bedrohlichem Schweigen zu Tisch. Struve und Borg sprachen dem Schnaps unmäßig zu. Borgs Gesicht sah aus wie eine bespuckte Ofenklappe; hier und da zeigten sich rote Flecke, und die Augen wurden gelb; Struve dagegen glich einem gefirnißten Edamer Käse, gleichmäßig rot und fettig. Wenn man Falk und Levi in dieser Gesellschaft sah, wirkten sie wie ein paar Kinder, die bei den Menschenfressern ihr letztes Abendbrot aßen.

»Gib dem Skandalschreiber den Lachs,« befahl Borg Levi, um das einförmige Schweigen zu unterbrechen.

Levi reichte Struve die Schüssel. Dieser schob die Brille in die Höhe und spie Galle.

»Schämst du dich nicht, du Jude?« fauchte er und warf Levi die Serviette ins Gesicht.

Borg legte ihm seine schwere Hand auf den kahlen Schädel und sagte:

»Schweig, du Lump!«

»In was für eine Gesellschaft ist man hier geraten! Ich will Ihnen sagen, meine Herren, daß ich so etwas nicht gewöhnt bin, und ich bin wirklich zu alt, mich wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen,« sagte Struve mit zitternder Stimme und vergaß seine angenommene Gutmütigkeit.

Borg, der jetzt gesättigt war, stand vom Tisch auf und sagte:

»Pfui Teufel, ist das eine Gesellschaft! Bezahle, Isaak, ich gebe es dir später wieder; ich gehe voraus!«

Er zog sich den Überzieher an und setzte den Hut auf, füllte ein Wasserglas mit Punsch, goß es bis an den Rand mit Kognak voll, leerte es in einem Zuge, pustete im Vorbeigehen ein paar Kerzen aus, zerschlug einige Gläser, steckte sich eine Handvoll Zigarren und eine Streichholzschachtel in die Tasche und taumelte hinaus.

»Es ist ein Jammer, daß so ein Genie so trinkt!« sagte Levi andächtig.

Nach einer Minute war Borg wieder im Zimmer, trat an den Eßtisch, nahm den Leuchter, zündete sich eine Zigarre an, blies Struve den Rauch ins Gesicht, streckte die Zunge heraus und zeigte die Backenzähne, löschte das Licht aus und ging. Levi lag bäuchlings auf dem Tisch und schrie vor Entzücken.

»Was ist das für ein Abschaum, mit dem du mich zusammenbringst?« fragte Falk ernst.

»Ach, mein Bester, jetzt ist er betrunken, aber er ist der Sohn von dem Stabsarzt und Professor ...«

»Ich habe nicht gefragt, wer sein Vater ist, sondern wer er selber ist; aber jetzt hast du mir gesagt, warum du dich von so einem Hund treten läßt! Kannst du mir nun auch die Frage beantworten, warum er mit dir verkehrt?«

»Ich behalte mir alle Sottisen vor,« sagte Struve vornehm.

»Ja, behalte dir alle Dummheiten der Welt vor, aber behalte sie für dich!«

»Was ist mit dir, Bruder Levi?« sagte Struve einschmeichelnd; »du siehst so ernst aus!«

»Es ist ein wahrer Jammer, daß so ein Genie wie Borg so schrecklich trinkt!« sagte Levi.

»Wie und wann äußert sich sein Genie?« fragte Falk.

»Man kann ein Genie sein, ohne Verse zu schreiben,« bemerkte Struve anzüglich.

»Das glaube ich, denn Verse schreiben setzt kein Genie voraus, — aber sich wie ein Vieh betragen, auch nicht,« sagte Falk.

»Wollen wir jetzt bezahlen?« fragte Struve und verließ das Zimmer unter einem Vorwand.

Falk und Levi bezahlten. Als sie hinauskamen, regnete es, und der Himmel war schwarz, nur das Gaslicht aus der Stadt stand wie eine rote Wolke im Süden. Die Droschke war nach Hause gefahren; es blieb ihnen also nur übrig, die Rockkragen hochzuschlagen und zu gehen. Sie waren erst bis an die Kegelbahn gekommen, als sie hoch in der Luft einen furchtbaren Schrei hörten.

»Fluch!« schrie es über ihren Köpfen, und nun sahen sie Borg auf einem der höchsten Äste einer Linde schaukeln. Der Ast senkte sich fast bis auf die Erde, hob sich aber im nächsten Augenblick wieder und beschrieb eine unerhörte Kurve.

»Oh, das ist kolossal!« schrie Levi. »Das ist kolossal!«

»So ein Tollkopf,« lächelte Struve, stolz auf seinen Schützling, und zog den Rockkragen hoch.

»Komm her, Isaak,« brüllte Borg oben in der Luft, »komm her, Judenjunge, wir wollen uns gegenseitig anpumpen!«

»Wieviel willst du haben?« fragte Levi und schwenkte die Brieftasche.

»Ich pumpe nie weniger als einen Fünfziger!«

Im nächsten Augenblick war Borg vom Baum herunter und steckte die Banknote in die Tasche.

Dann zog er den Überzieher aus.

»Zieh ihn an!« sagte Struve befehlend.

»Ich soll ihn anziehen? Was sagst du? Willst du mir befehlen? He? Sagst du, ich soll? Sagst du das? Vielleicht willst du dich mit mir prügeln?«

Dabei schlug er seinen Hut gegen den Baumstamm, daß er einknickte, worauf er Rock und Weste auszog und den Regen auf das bloße Hemd peitschen ließ.

»Komm nur her, du Lump, wir wollen uns schlagen!«

Damit faßte er Struve um den Leib und rang mit ihm, daß beide in den Graben fielen.

Falk machte sich auf den Weg nach der Stadt, so schnell er konnte, aber noch lange hörte er hinter sich Levis Lachsalven und Bravorufe: »Das ist göttlich, das ist kolossal — das ist kolossal!« und Borgs: »Verräter, Verräter!«