Achtzehntes Kapitel
Nihilismus

Als Falk an einem sehr regnerischen Abend im September nach Hause wanderte und in die Grafmagnistraße einbog, sah er zu seinem Erstaunen hinter seinem Fenster Licht. Als er näher kam, gewahrte er oben an der Decke einen Schatten, der an einen Menschen erinnerte, den er schon gesehen hatte, aber er konnte sich nicht erinnern, wer es war. Es war eine traurige Gestalt, die in der Nähe noch betrüblicher wirkte. Als Falk das Zimmer betrat, saß Struve am Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt. Seine Kleider waren naß vom Regen und hingen auf den Fußboden nieder, wo sich Wasserläufe gebildet hatten, die ihren Abfluß durch die Dielenritzen suchten; sein Haar stand ihm in Strähnen um den Kopf, und sein sonst so steifer englischer Backenbart hing wie Tropfstein auf seinen nassen Rock. Neben ihm auf dem Boden stand sein schwarzer Hut, der unter der eigenen Schwere das Knie gebeugt hatte und um seine verlorene Jugend zu trauern schien, denn er trug einen schmalen Trauerflor.

»Guten Abend,« sagte Falk; »das ist ja vornehmer Besuch!«

»Verspotte mich nicht,« bat Struve.

»Warum sollte ich das nicht? Ich wüßte keinen Grund, warum nicht.«

»Ach so, du bist auch am Ende!«

»Ja, darauf kannst du dich verlassen, ich werde nächstens auch konservativ! Du hast Trauer, sehe ich, hoffentlich kann ich gratulieren.«

»Mir ist ein Kind gestorben.«

»Nun, dann kann ich dem gratulieren! — Aber sag, was willst du eigentlich von mir? Du weißt, daß ich dich verachte; das tust du selbst wohl auch, vermute ich. Nicht wahr?«

»Freilich, aber höre einmal, mein Freund, findest du nicht, daß das Leben bitter genug ist, ohne daß man es sich gegenseitig unnötig zu verbittern braucht? Wenn Gott oder das Schicksal Vergnügen daran findet, so braucht sich doch nicht auch der Mensch so weit zu erniedrigen!«

»Das ist ein vernünftiger Gedanke; er macht dir Ehre! Willst du nicht meinen Schlafrock anziehen, während dein Gehrock trocknet; du frierst doch darin?«

»Ich danke dir, aber ich muß bald gehen.«

»O bleib doch eine Weile hier, dann können wir uns wenigstens einmal aussprechen.«

»Ich spreche so ungern von meinem Mißgeschick.«

»Dann sprich von deinen Verbrechen!«

»Ich habe keine begangen!«

»Oh, große! Du hast deine schwere Hand auf die Unterdrückten gelegt, du hast die Verwundeten mit Füßen getreten, du hast die Elenden verhöhnt! Erinnerst du dich des letzten Streiks, als du dich auf die Seite der Gewalt stelltest?«

»Auf die Seite des Gesetzes, lieber Freund!«

»Ha, das Gesetz! Wer hat das Gesetz für die Armen geschrieben, du Narr? Der Reiche! Das heißt der Herr für den Sklaven!«

»Das Gesetz hat das ganze Volk und das allgemeine Rechtsbewußtsein geschrieben — das hat Gott geschrieben!«

»Spare deine großen Worte, wenn du mit mir sprichst. Wer hat das Gesetz des Jahres 1734 geschrieben? Herr Cronhjelm! Wer hat das letzte Gesetz über die Prügelstrafe aufgestellt? Das war Oberst Sabelmann — sein Antrag war es —, und es wurde von seinen Bekannten durchgedrückt, die damals die Majorität ausmachten. Oberst Sabelmann ist nicht das Volk, und seine Bekannten sind nicht das allgemeine Rechtsbewußtsein. Wer hat das Gesetz über die Rechte der Aktiengesellschaften geschrieben? Richter Svindelgren! Wer hat die neue Reichstagsverfassung aufgesetzt? Assessor Vallonius! Wer hat das Gesetz über den ›gesetzlichen Schutz‹ gemacht, das heißt den Schutz des Reichen gegen die rechtmäßigen Ansprüche des Armen? Großhändler Kryddgren! Halt den Mund! Ich kenne deine Phrasen! Wer hat das neue Erbrecht entworfen? Verbrecher! Wer hat das Forstgesetz gemacht? Diebe! Wer hat das Gesetz über das Notenemissionsrecht der Privatbanken geschrieben? Schwindler! Und du behauptest, Gott habe das getan? Armer Gott!«

»Darf ich dir einen Rat geben, einen Rat fürs Leben, den mir die Erfahrung erteilt hat! Wenn du der Selbstverbrennung zuvorkommen willst, der du als Fanatiker entgegengehst, so eigne dir schleunigst eine neue Anschauung von Sachen und Dingen an; übe dich, die Welt in Vogelperspektive zu sehen, und du wirst erkennen, wie klein und bedeutungslos alles erscheint; geh davon aus, daß das Ganze ein Kehrichthaufen ist, daß die Menschen Abfall, Eierschalen, Mohrrübenkraut, Kohlblätter, Zeuglappen sind, so wirst du nie mehr überrumpelt werden, kannst nie mehr eine Illusion verlieren; dafür aber wirst du eine ganze Menge Freude erleben, so oft du einen schönen Zug, eine gute Tat siehst; lege mit einem Wort eine ruhige und stille Weltverachtung an — du brauchst deshalb nicht zu fürchten, herzlos zu werden.«

»Diesen Standpunkt nehme ich noch nicht ein, das ist richtig, aber die Weltverachtung habe ich schon zum Teil. Das ist aber auch mein Unglück, denn wenn ich einen einzigen Beweis von Güte oder Edelmut sehe, liebe ich die Menschen wieder, überschätze sie und werde von neuem betrogen!«

»Werde Egoist! Pfeife auf die Menschen!«

»Ich fürchte, das kann ich nicht!«

»Suche dir eine andere Beschäftigung. Tu dich mit deinem Bruder zusammen; er scheint hier in der Welt zu gedeihen. Ich habe ihn gestern auf der Kirchenratsversammlung von Nicolai gesehen.«

»Auf der Kirchenratsversammlung?«

»Er ist im Kirchenrat! Ja, das ist ein Mann mit einer Zukunft! Der Pastor Primarius hat ihm zugenickt! Er wird nächstens Stadtverordneter werden, wie alle Hausbesitzer.«

»Wie steht es augenblicklich mit dem Triton?«

»Ach, die sind jetzt bei den Obligationen; dabei hat dein Bruder nichts verloren, wenn er auch nichts verdient hat, nein, er hat andere Geschäfte.«

»Wir wollen nicht von dem Mann reden.«

»Aber er ist doch dein Bruder!«

»Ist das ein Verdienst von ihm, daß er mein Bruder ist? Aber nun haben wir so viel hin und hergeredet; sage mir jetzt, was du willst!«

»Ach, ich habe morgen Begräbnis, und ich habe keinen Frack.«

»Nun, den kannst du bekommen ...«

»Danke, lieber Freund, du hilfst mir aus einer großen Verlegenheit. Das war die eine Sache; aber es ist noch eine andere, von etwas heiklerer Art ...«

»Warum wählst du mich, deinen Feind, zum Vertrauten in so heiklen Fällen? Das wundert mich!«

»Weil du ein Mensch von Herz bist ...«

»Darauf verlaß dich jetzt nicht mehr! Nun, sag ...«

»Du bist so nervös geworden, und so ganz anders, du warst doch früher so sanft!«

»Das sage ich ja! Nun, heraus mit der Sprache!«

»Ich wollte fragen, ob du mit zum Kirchhof gehen würdest?«

»Hm! Ich? Warum bittest du keinen von deinen Kollegen vom ›Graumützchen‹?«

»Weil es besondere Umstände sind! Dir kann ich es sagen! Ich bin nicht verheiratet!«

»Nicht verheiratet? Du, der Wächter des Altars und der Sitten, lockerst du die heiligen Bande?«

»Die Armut, die Verhältnisse! Aber ich bin doch glücklich! Meine Frau hat mich lieb und ich sie, und das ist alles! Es ist auch noch eine andere Ursache! Das Kind ist aus gewissen Gründen nicht getauft worden; es war drei Wochen alt, als es starb, und da bekommt es am Grabe keinen Pastor, aber das darf meine Frau nicht wissen, denn dann würde sie verzweifeln; deshalb habe ich ihr gesagt, der Geistliche komme direkt auf den Kirchhof; damit du Bescheid weißt. Sie selbst bleibt natürlich zu Hause. Du wirst nur zwei Personen treffen; der eine heißt Levi, ein jüngerer Bruder des Direktors vom Triton, der im Kontor der Gesellschaft angestellt ist; das ist ein liebenswürdiger junger Mann mit einem ungewöhnlich guten Kopf und einem noch besseren Herzen. Du mußt nicht lachen, ich sehe schon, du denkst, ich habe Geld von ihm gepumpt; das habe ich natürlich auch getan; aber es ist ein Mann, der dir gefallen wird! Und dann mein alter Freund Doktor Borg, der das Kind behandelt hat. Das ist ein vorurteilsloser Mann von sehr fortschrittlicher Denkart — mit dem wirst du dich gut verständigen. Nun, jetzt kann ich wohl auf dich rechnen; wir sitzen nur zu vieren im Wagen, und dann natürlich der Sarg mit dem Kinde.«

»Ja, ich werde kommen!«

»Aber ich muß dich noch um eins bitten. Siehst du, meine Frau hat religiöse Bedenken, daß das Kind nicht selig wird, weil es ungetauft gestorben ist, und sie fragt alle Menschen nach ihrer Meinung, um ihr Gemüt zu beruhigen.«

»Nun, du kennst doch die Augsburger Konfession?«

»Es ist hier nicht die Rede von einer Konfession!«

»Aber wenn du für die Zeitung schreibst, ist immer die Rede von dem offiziellen Glauben.«

»Die Zeitung, ja, das ist ja die Sache der Firma — wenn die Firma das Christentum aufrechterhalten will, so mag sie das tun; wenn ich für die Firma arbeite, so ... das ist eine Sache für sich ... Sei nett und stimme ihr zu, wenn sie sagt, sie glaube, daß das Kind selig wird.«

»Nun ja, um einen Menschen glücklich zu machen, kann ich wohl den Glauben verleugnen, besonders da es nicht meiner ist. Aber du mußt mir auch sagen, wo du wohnst!«

»Weißt du, wo der Weiße Berg liegt?«

»Ja, das weiß ich! Wohnst du etwa in diesem scheckigen Holzhaus oben auf dem Berge?«

»Woher kennst du das?«

»Ich bin einmal dort gewesen.«

»Du bist wohl mit dem Sozialisten Ygberg bekannt, der mir die Leute aufsässig macht? Ich bin Vizewirt dort für Smith und habe freie Wohnung dafür, daß ich die Mieten eintreibe; aber wenn sie nicht bezahlen können, so reden sie allerhand Quatsch, den er sie gelehrt hat, von Arbeit und Kapital und so allerhand, was in den Skandalzeitungen gestanden hat.«

Falk wurde still.

»Kennst du den Ygberg?«

»Ja, das tue ich! Willst du jetzt den Frack anprobieren?«

Nachdem Struve in den Frack geschlüpft war, zog er den nassen Gehrock darüber, knöpfte ihn bis zum Kinn zu, steckte sich einen zerkauten Zigarrenstummel an, der auf ein Streichholz gesteckt war, — und ging.

Falk leuchtete ihm die Treppe hinunter.

»Du hast weit zu gehen,« sagte Falk, um den Abschied etwas abzurunden.

»Ja, das soll Gott wissen! Und einen Regenschirm habe ich nicht.«

»Und keinen Überzieher! Willst du nicht meinen Winterüberzieher anziehen?«

»O danke vielmals, aber das ist zu freundlich von dir!«

»Du kannst ihn mir ja gelegentlich wiedergeben!«

Falk kehrte in sein Zimmer zurück, holte den Überzieher und trug ihn Struve hinunter, der unten auf dem Flur stand, und nach einem kurzen Gute Nacht ging er wieder hinauf. Aber die Luft kam ihm so stickig vor, daß er das Fenster öffnete. Draußen strömte der Herbstregen nieder, prasselte auf die Dachpfannen und stürzte auf die schmutzige Straße. Von der Kaserne gegenüber hörte man den Zapfenstreich, während im Logement die Abendandacht gehalten wurde, daß abgerissene Choralverse durch die geöffneten Fenster drangen.

Falk fühlte sich leer und müde. Er hatte gehofft, einem Repräsentanten alles dessen, was er für feindlich hielt, eine Schlacht liefern zu dürfen, aber der Feind war geflüchtet und hatte ihn zugleich teilweise besiegt. Wenn er sich klarzumachen suchte, worum der Kampf eigentlich ging, gelang ihm das nicht, und wer recht hatte, konnte er auch nicht ergründen. Und er begann sich zu fragen, ob nicht die ganze Sache, die er zu der seinen gemacht hatte, die Sache der Unterdrückten nämlich, bloß eine Unwirklichkeit sei. Im nächsten Augenblick machte er sich diese Feigheit zum Vorwurf, und der permanente Fanatismus, der in ihm glühte, flammte wieder auf; er verurteilte seine Schwäche, die ihn ständig zum Nachgeben verleitete; eben hatte er den Feind in den Händen gehabt, und er hatte ihn nicht nur seinen tiefen Abscheu nicht fühlen lassen, sondern hatte ihn sogar mit Wohlwollen behandelt und ihm Sympathie erzeigt. Was würde der nun von ihm denken? Diese Gutmütigkeit war kein Verdienst, da sie ihn hinderte, kraftvolle Entschlüsse zu fassen, sie war nur eine moralische Schlappheit, die ihn unfähig machte für einen Kampf, dem er sich immer weniger gewachsen fühlte. Er verspürte das lebhafte Bedürfnis, das Feuer unter dem Kessel auszulöschen, der einem so hohen Druck nicht mehr lange widerstehen konnte, da kein Dampf verbraucht wurde, und er dachte an Struves Rat; er dachte so lange, daß er sich schließlich in einem chaotischen Zustand befand, in dem Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht in behaglicher Eintracht umhertanzten, so daß sein Gehirn, in dem die Begriffe durch die akademische Erziehung schön sortiert gewesen waren, bald wie ein gutgemischtes Kartenspiel aussah.

Es gelang ihm merkwürdig gut, sich in einen Zustand des Indifferentismus hineinzuarbeiten; er übte sich darin, gute Motive für die Handlungen des Feindes zu suchen und gab sich mit der Zeit selbst unrecht, fühlte sich versöhnlich gestimmt gegenüber der Weltordnung, nahm schließlich den erhöhten Standpunkt ein und fand es in der Tat völlig bedeutungslos, ob das Ganze nun schwarz oder weiß sei; war es schwarz, so gab es keine Sicherheit dafür, daß es nicht so sein sollte, und in diesem Falle stand es ihm nicht zu, es anders zu wünschen. Er fand diesen Seelenzustand angenehm, denn er brachte ein Gefühl von Ruhe mit sich, wie er es in den vielen Jahren, in denen er in Unruhe um die Menschheit gewesen war, nicht empfunden hatte. Er genoß diese Ruhe, im Verein mit einer Pfeife starken Tabaks, bis die Aufwärterin hereinkam, um sein Bett zurechtzumachen und ihm zugleich einen Brief zu bringen, den der Postbote eben abgegeben hatte. Der Brief war Olle Montanus unterzeichnet, war sehr lang und schien zum Teil einen lebhaften Eindruck auf Falk zu machen. Er hatte folgenden Wortlaut:


Lieber Freund!

Obwohl Lundell und ich jetzt unsere Arbeiten abgeschlossen haben und bald in Stockholm eintreffen werden, habe ich doch das Verlangen, meine Eindrücke aus den vergangenen Tagen hier aufzuzeichnen, weil sie von großer Bedeutung für mich und meine geistige Entwicklung gewesen sind; denn ich bin zu einem Resultat gekommen und stehe nun verwundert da wie ein eben ausgebrütetes Küchlein, das mit neugeöffneten Augen in die Welt blickt und der Eierschale, die ihm so lange das Licht ferngehalten hat, einen Tritt gibt. Dies Resultat ist allerdings nicht neu; Plato hat es bereits ausgesprochen, bevor das Christentum kam: die Wirklichkeit, die sichtbare Welt ist nur ein Schein, ein Schattenspiel der Gedanken; das heißt: die Wirklichkeit ist etwas Niederes, Bedeutungsloses, Sekundäres, Zufälliges. Jawohl! Aber ich will synthetisch verfahren und mit dem Einzelnen anfangen, um von da zum Allgemeinen zu kommen.

Zunächst will ich von meiner Arbeit sprechen, für die sich Reichstag und Regierung gemeinsam interessiert haben. Neben dem Altar in der Kirche von Träskaala standen zwei Holzfiguren; die eine war zertrümmert, die andere war heil. Die unbeschädigte hielt ein Kreuz in der Hand und war eine weibliche Gestalt; von der zertrümmerten Figur waren zwei Säcke mit Stücken in der Sakristei aufbewahrt. Ein gelehrter Altertumsforscher hatte den Inhalt der beiden Säcke untersucht, um das Aussehen der zertrümmerten Figur zu bestimmen, war aber über Mutmaßungen nicht hinausgekommen. Er ging jedoch gründlich zu Werk; er nahm eine Probe von der weißen Farbe, mit der die Figur überstrichen war, schickte sie an das Pharmazeutische Institut und erlangte auf diese Weise die Bestätigung, daß sie Blei enthalte und nicht Zink; folglich war die Figur älter als 1844, weil Zinkweiß erst in diesem Jahre in Gebrauch kam. (Was soll man zu einer solchen Schlußfolgerung sagen, die Figur konnte doch übermalt sein!) Darauf schickte er eine Probe des Holzes an das Tischleramt in Stockholm und bekam die Antwort, es sei Birke. Die Figur war also aus Birke, vor 1844 entstanden. Aber nicht das wollte er feststellen, sondern er hatte Anlaß(!) zu der Annahme (das heißt, er wünschte es um seiner Ehre willen), daß die Bildwerke aus dem sechzehnten Jahrhundert stammten, und er hätte am liebsten gesehen, wenn sie von dem großen (natürlich großen, da sein Name so gut in Eiche eingeschnitten war, daß er sich bis in unsere Tage erhalten hat) Burchard von Schiedenhanne verfertigt wären, der die Chorstühle in der Domkirche von Västeraas geschnitzt hat. Die gelehrten Untersuchungen wurden fortgesetzt. Er hatte etwas Gips von den Figuren in Västeraas gestohlen und schickte den nun mit der Gipsprobe aus der Sakristei von Träskaala an die Ekole pollyteknik (ich kann es nicht richtig schreiben) in Paris. Das Urteil war vernichtend für die Zweifler: die Analysen ergaben, daß die Gipsproben die gleiche Zusammensetzung hatten, 77 Äquivalente Kalk und 23 Schwefelsäure, folglich (!) stammten die Figuren aus der gleichen Epoche. Das Alter der Figuren war mithin festgestellt; die Teile wurden abgezeichnet und an die Akademie für Altertümer eingeschickt (die Gelehrten haben eine entsetzliche Passion, alles einzuschicken); jetzt mußte nur noch die zertrümmerte bestimmt und rekonstruiert werden. Zwei Jahre lang wurden die beiden Säcke zwischen Upsala und Lund hin und her geschickt; die beiden Professoren waren diesmal glücklich verschiedener Meinung, so daß ein Streit entstand; der Professor in Lund, der soeben Rektor geworden war, schrieb eine Abhandlung über die Figur für seine Rektoratsrede und schlug den Professor in Upsala zu Boden; dieser antwortete mit einer Broschüre. Glücklicherweise trat im selben Moment ein Professor von der Stockholmer Kunstakademie mit einer ganz neuen Ansicht auf; die Folge war wie immer, daß Herodes und Pilatus sich einigten und nun gemeinsam über den Stockholmer herfielen und ihn mit der ganzen Galle des Kleinstädters zerrissen. Ihre Meinung aber war, und daran hielt man fest: die zertrümmerte Figur habe den Unglauben dargestellt, weil doch die heile Figur — mit dem Symbol des Kreuzes — den Glauben darstellen mußte. Die Mutmaßung (des Professors in Lund), die zertrümmerte Figur habe die Hoffnung dargestellt, da man in dem einen Sack einen Ankerhaken gefunden habe, wurde verworfen, weil man dann das Vorhandensein einer dritten Figur, der Liebe, hätte voraussetzen müssen (!), von der sich keine Spur fand, und für die auch kein Platz da war; außerdem wurde (durch Beispiele aus der reichen Sammlung von Pfeilspitzen im Historischen Museum) bewiesen, daß es kein Ankerhaken sei, sondern eine Pfeilspitze, eine von den Waffen, durch die der Unglaube symbolisiert wird; vergleiche Brief an die Hebräer, wo von den blinden Schüssen des Unglaubens gesprochen wird, und Jesaias, wo mehrfach die Pfeile des Unglaubens erwähnt werden! Die Form der Pfeilspitze, die denen aus der Zeit des Reichsverwesers Sture genau glich, entfernte den letzten Zweifel betreffs des Alters der Figur.

Meine Aufgabe war nun, nach der Idee der Professoren eine Statue des Unglaubens als Pendant zum Glauben herzustellen. Das Programm war gegeben, und ich zögerte nicht. Ich suchte mir ein männliches Modell, denn ein Mann mußte es sein; ich habe lange suchen müssen, aber ich habe ihn gefunden, ja, ich glaube, ich fand den Unglauben in eigener Person — und es ist mir brillant gelungen. Nun steht der Schauspieler Falander links vom Altar, mit einem mexikanischen Bogen aus dem Schauspiel Ferdinand Cortez und einem Räubermantel aus Fra Diavolo; aber die Leute sagen: es ist der Unglaube, der vor dem Glauben die Waffen streckt, und der Propst, der die Einweihungspredigt hielt, sprach von den herrlichen Gaben, die Gott bisweilen den Menschen gebe und besonders mir; und der Graf, bei dem wir zum Einweihungsdiner waren, erklärte, ich hätte ein Meisterwerk geschaffen, das gut mit den Werken der Antike zu vergleichen sei (die er in Italien gesehen habe); und ein Student, der bei dem Grafen konditionierte, nahm die Gelegenheit wahr, Verse drucken zu lassen und zu verteilen, in denen er den Begriff des Erhaben-Schönen entwickelte und eine historische Übersicht über die Teufelsmythe gab.

Bisher habe ich als echter Egoist nur von mir selber gesprochen! Was soll ich von Lundells Altarbild sagen? Es sieht folgendermaßen aus: Christus (Rehnhjelm) am Kreuz im Hintergrunde; links der unbußfertige Schächer (ich; der Schuft hat mich noch häßlicher gemacht als ich bin); rechts der bußfertige Schächer (Lundell selbst, die scheinheiligen Augen auf Rehnhjelm gerichtet); zu Füßen des Kreuzes Maria Magdalena (Maria, du weißt doch, tief dekolletiert); ein römischer Zenturio (Falander) zu Pferd (der Beschäler von dem Schöffen Olsson).

Ich kann nicht beschreiben, was für einen entsetzlichen Eindruck es auf mich machte, als nach der Predigt die Hüllen fielen und all diese bekannten Gesichter von dem erhöhten Platz am Altar über die Gemeinde hinstarrten, die mit Andacht den großen Worten des Geistlichen von der hohen Bedeutung der Kunst lauschte, zumal wenn sie im Dienst der Religion stehe. Vor meinen Augen zerriß in diesem Augenblick ein Schleier, der vieles, vieles verhüllt hatte, und was ich später über Glauben und Unglauben gedacht habe, sollst du einmal zu hören bekommen; was ich jedoch über die Kunst und ihre hohen Aufgaben denke, werde ich in einem Vortrag zum Ausdruck bringen, den ich in einem öffentlichen Lokal zu halten gedenke, sobald ich in die Stadt komme.

Daß Lundells religiöse Gefühle in diesen »teuren« Tagen überhandnahmen, kannst Du Dir vorstellen; er ist verhältnismäßig glücklich in seinem kolossalen Selbstbetrug, und er weiß nicht, daß er ein Schelm ist.

Nun habe ich, glaube ich, das meiste gesagt; das weitere mündlich, wenn wir uns sehen.

Bis dahin lebwohl und laß es dir gutgehen!

Dein wahrer Freund

Olle Montanus.

PS. Ich habe ganz vergessen, von der Auflösung der Altertumsforschungsgeschichte zu erzählen. Sie endete so, daß der Armenhäusler Jan, der sich aus seiner Kindheit erinnert, wie die Figuren ausgesehen haben, die Erklärung abgab, es seien drei gewesen: Glaube, Liebe und Hoffnung; da die Liebe die größte sei (1. Korinther), so habe sie über dem Altar gestanden. Der Blitz habe sie und den Glauben um das Jahr 1810 niedergerissen. Die Figuren habe sein Vater, der Galjonschnitzer in Karlskrona war, verfertigt.

D.O.


Nach der Lektüre dieses Briefes ließ Falk sich an seinem Schreibtisch nieder, sah nach, ob die Lampe gut gefüllt war, steckte sich eine Pfeife an, holte ein Manuskript aus der Schublade und begann zu schreiben.