Siebzehntes Kapitel
Natura ...

Falander saß eines Nachmittags zu Hause und lernte eine Rolle, als ein leises Klopfen — zwei Doppelschläge — an der Tür ertönte. Er sprang auf, zog einen Rock an und öffnete.

»Agnes! Das ist ein seltener Besuch!«

»Ja, ich mußte dir einmal Guten Tag sagen; es ist so verdammt langweilig!«

»Wie du fluchst!«

»Laß mich fluchen; das ist so schön!«

»Hm! Hm!«

»Gib mir eine Zigarre; ich habe seit sechs Wochen nicht geraucht! Diese Erziehung macht mich verrückt!«

»Ist er denn so streng?«

»Verdammt!«

»O pfui, Agnes, wie kannst du so etwas sagen!«

»Ich darf nicht rauchen, nicht fluchen, keinen Punsch trinken, nicht abends ausgehen! Aber laß mich nur erst verheiratet sein! Dann!!!«

»Ist es sein voller Ernst?«

»Sein voller! Sieh dir dies Taschentuch an!«

»A. R. mit Krone; neun Zacken?«

»Wir haben die gleichen Initialen, und er hat mir seine Schablone geliehen! Ist das nicht fein?«

»Ja, das ist fein. Also soweit seid ihr schon!«

Der Engel im blauen Gewande warf sich selbstherrlich auf das Sofa und qualmte die Zigarre. Falander betrachtete ihren Körper mit Blicken, als mache er einen Kostenüberschlag, darauf sagte er:

»Trinkst du ein Glas Punsch?«

»Ja, gern!«

»Nun, du liebst deinen Verlobten?«

»Er gehört nicht zu der Sorte von Männern, die man richtig lieben kann! Doch das weiß ich übrigens nicht. Lieben! Hm! Was ist das eigentlich?«

»Ja, was ist das?«

»O, du weißt es schon! — Er ist sehr achtenswert, schrecklich sogar, aber, aber, aber!«

»Nun?«

»Er ist so ordentlich!«

Sie sah Falander mit einem Lächeln an, daß der abwesende Bräutigam gerettet gewesen wäre, wenn er es gesehen hätte.

»Er ist nicht nett zu dir?« fragte Falander in neugierigem und unruhigem Ton.

Sie trank ihr Glas Punsch aus, machte eine Kunstpause, schüttelte den Kopf und sagte mit einem Theaterseufzer:

»Neihein!«

Falander schien mit der Antwort zufrieden zu sein und fühlte sich sichtlich erleichtert. Darauf setzte er seine Inquisition fort.

»Es mag lange dauern, bis du heiraten kannst! Er hat noch immer keine Rolle bekommen.«

»Nein, das weiß ich.«

»Das wird langweilig für dich werden?«

»Man muß Geduld haben!«

»Hier muß man die Folter anwenden,« dachte Falander.

»Du weißt doch, daß Jenny augenblicklich meine Geliebte ist.«

»Die alte häßliche Person!«

Es zog eine ganze Schar weißer Nordlichtflammen über ihr Gesicht, und alle Muskeln gerieten in Bewegung, als ständen sie unter der Einwirkung einer galvanischen Säule.

»Sie ist gar nicht so alt,« sagte Falander kaltblütig. »Hast du gehört, daß der Kellner aus dem Ratskeller in dem neuen Stück als Don Diego debütieren soll, und daß Rehnhjelm seinen Diener spielen wird? Der Kellner wird wohl Erfolg haben, denn die Rolle spielt sich von selber, aber der arme Rehnhjelm wird vor Scham sterben.«

»Gott im Himmel, was sagst du!«

»Es ist Tatsache!«

»Das darf nicht geschehen!«

»Wer kann es hindern?«

Sie sprang vom Sofa auf, leerte ein Glas, brach in heftiges Weinen aus und rief:

»O wie bitter die Welt ist, wie bitter! Es ist, als wenn eine böse Macht dasitzt und all unsere Wünsche ausspioniert, um sie durchkreuzen zu können, unsere Hoffnungen belauert, um sie zu zerschmettern, unsere Gedanken errät, um sie zu ersticken. Wenn man sich selbst alles Böse wünschen könnte, müßte man es tun, um diese Macht zum Narren zu halten!«

»Sehr richtig, mein Kind! Deshalb muß man immer davon ausgehen, daß es schlimm endet! Aber das ist nicht das Traurigste! Hör zu, dann will ich dir einen Trost geben! Du weißt, jedes Glück, das dir zuteil wird, geschieht immer auf Kosten eines andern; wenn du eine Rolle bekommst, so hat ein anderer keine; dann windet er sich wie ein getretener Wurm, und du hast unfreiwillig Böses getan; deshalb ist auch das Glück vergiftet! Dein Trost im Unglück muß sein, daß du mit jedem Pech, das du erleidest, eine — sagen wir unfreiwillige — gute Tat tust, und unsere guten Taten sind die einzigen reinen Genüsse, die wir haben.«

»Ich will keine guten Taten tun, ich will keine reinen Genüsse haben, ich bin ebenso berechtigt wie andere, Glück zu haben, und ich — werde — Glück haben!«

»Um jeden Preis?«

»Um jeden Preis muß ich aufhören, die Kammerjungfer deiner Geliebten zu spielen!«

»Oh, du bist eifersüchtig! — Lerne mit Geschmack Unglück zu haben, mein Kind, das ist größer — und viel interessanter.«

»Sag mir eins — liebt sie dich?«

»Ich fürchte, sie hat sich allzu ernstlich an mich attachiert!«

»Und du?«

»Ich? Ich werde nie eine andere lieben können als dich, Agnes.«

Er faßte ihre Hand.

Sie sprang vom Sofa auf, daß die Strümpfe zu sehen waren.

»Glaubst du, es gibt etwas, was Liebe heißt?« fragte sie und richtete ihre großen Pupillen auf ihn.

»Ich glaube, daß es mehrere Arten von Liebe gibt.«

Sie ging durchs Zimmer und blieb an der Tür stehen.

»Liebst du mich ganz, ungeteilt?« fragte sie mit der Hand am Schlüssel.

Er dachte zwei Sekunden nach und antwortete:

»Deine Seele ist böse, und ich liebe das Böse nicht!«

»Ich kümmere mich nicht um die Seele! Liebst du mich? Mich?«

»Ja! So sehr ...«

»Warum hast du mir Rehnhjelm auf den Hals geschickt?«

»Weil ich fühlen wollte, wie es ist, dich nicht zu besitzen!«

»Du hast also gelogen, als du sagtest, du seist meiner überdrüssig!«

»Ja, das habe ich getan!«

»O du Teufel!«

Sie hatte den Schlüssel hereingeholt und er die Jalousien heruntergelassen!