Sechzehntes Kapitel
Auf dem Weißen Berge

Eines Nachmittags im August sitzt Falk wieder im Park auf Mosebacke, einsam, wie er den ganzen Sommer über gewesen ist, und summiert seine Erfahrungen in diesem Vierteljahr, das vergangen ist, seit er zuletzt hier war, so voller Hoffnungen, so mutig und so stark. Er fühlt sich alt, müde, gleichgültig; er hat in all diese Häusermassen hineingesehen, die dort unten stehen, und es sah immer anders aus, als er gedacht hatte. Er hat sich in der Welt umgeschaut und hat die Menschen unter mancherlei Verhältnissen beobachtet, wie es nur einem Armenarzt oder einem Zeitungsschreiber vergönnt ist, allerdings mit dem Unterschiede, daß der Journalist sie zu sehen bekommt, wie sie sich zeigen, während der Arzt sie gewöhnlich sieht, wie sie sind. Er hatte Gelegenheit gehabt, die Menschen als Gesellschaftstiere in allen möglichen Formen zu sehen. Er war im Reichstag gewesen, hatte an Kirchenratssitzungen, Generalversammlungen von Aktiengesellschaften, Wohltätigkeitsveranstaltungen, polizeilichen Untersuchungen, Festen, Beerdigungen, Volksversammlungen teilgenommen; überall große Worte und viele Worte, Worte, die in der täglichen Rede nie gebraucht wurden, eine besondere Art von Worten, die nicht ein Ausdruck für irgendeinen Gedanken sind, wenigstens nicht für den, der ausgesprochen werden müßte. Er hatte dadurch eine einseitige Auffassung vom Menschen bekommen und konnte in ihm nur noch das verlogene Gesellschaftstier sehen, das er sein muß, da die Zivilisation offenen Krieg verbietet; infolge seines Mangels an Verkehr vergaß er, daß es ein anderes Tier gab, das zwischen Glas und Wand recht liebenswürdig ist, wenn es nicht gereizt wird, und das sich gern mit all seinen Fehlern und Schwächen zeigt, wenn keine Zeugen anwesend sind. Das hatte er vergessen, und deshalb war er sehr bitter. Aber ein anderer Umstand war noch trauriger: er hatte die Achtung vor sich selbst verloren! Und zwar ohne eine einzige Handlung begangen zu haben, deren er sich hätte schämen müssen! Andere aber hatten sie ihm geraubt, und das geht sehr leicht vonstatten. Überall, wo er auch aufgetreten war, hatte man ihm Mißachtung gezeigt, und wie hätte er, der von Kindheit an des Selbstgefühls beraubt worden war, den achten können, den alle andern mißachteten! Eins aber machte ihn wirklich unglücklich, nämlich zu sehen, wie die Referenten der konservativen Zeitungen, das heißt alle, die alles Verkehrte verteidigten oder zum mindesten unangetastet ließen, mit sehr großer Höflichkeit behandelt wurden. Er zog sich also nicht so sehr in seiner Eigenschaft als Zeitungsschreiber die allgemeine Verachtung zu, sondern als Anwalt der Elenden! Bisweilen war er ein Raub grausamer Zweifel gewesen. Er hatte zum Beispiel in dem Bericht über die Generalversammlung des Triton das Wort Schwindel gebraucht. Hierauf hatte das Graumützchen mit einem langen Artikel erwidert und so klar bewiesen, daß die Gesellschaft ein national-patriotisches, philanthropisches Unternehmen sei, daß er selbst fast glaubte, unrecht gehabt zu haben, und sich lange mit Gewissensbissen plagte, weil er so leichtsinnig mit dem Ruf der Menschen umgegangen war. Er befand sich eben jetzt in einem Zustand zwischen Fanatismus und absolutem Indifferentismus, und es hing nur von dem nächsten Impuls ab, welche Richtung er einschlagen würde.

Das Leben war ihm in diesem Sommer so sauer geworden, daß er mit Schadenfreude jeden Regentag begrüßte, und er fühlte jetzt ein relatives Behagen, als er sah, wie hier und da ein welkes Blatt über die Kieswege raschelte. Er saß da und stellte zu seinem Trost teuflisch heitere Betrachtungen über sein Dasein und dessen Zweck an, als er fühlte, wie eine magere, knochige Hand sich auf seine Schulter legte und eine andere seinen Arm umspannte, als wolle der Tod ihn beim Wort nehmen und ihn zum Tanz führen. Er blickte auf und erschrak: da stand Ygberg, bleich wie eine Leiche, mit abgezehrtem Gesicht und mit Augen, die eine so verwässerte Farbe hatten, wie nur der Hunger sie hervorbringen kann.

»Ah, guten Tag, Falk,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme und klapperte am ganzen Körper.

»Guten Tag, Ygberg,« antwortete Falk und kam in recht gute Laune. »Setz dich und trinke eine Tasse Kaffee mit mir, zum Teufel! Wie gehts dir? Du siehst aus, als hättest du unterm Eis gelegen!«

»Ach, ich bin so krank gewesen, so krank!«

»Du hast einen angenehmen Sommer gehabt, gerade wie ich!«

»Ist er für dich auch so schwer gewesen?« fragte Ygberg, während eine schwache Hoffnung, es möchte so sein, sein gelbgrünes Gesicht erhellte.

»Ich will nur sagen: Gott sei Dank, daß der verfluchte Sommer vorbei ist! Meinetwegen könnte das ganze Jahr Winter sein! Nicht genug, daß man selber leiden muß, man soll auch noch mit ansehen, wie andere sich freuen! Ich habe keinen Fuß vors Tor gesetzt! Und du?«

»Ich habe keine Tanne gesehen, seit Lundell im Juni von Lill-Jans fortgezogen ist! Aber warum muß man auch gerade Tannen sehen! Das ist nicht so nötig! Und etwas Merkwürdiges ist es auch nicht! Aber daß man es nicht haben kann, das empfindet man so bitter!«

»Nun, das soll uns jetzt nicht kümmern; da hinten im Osten ist es trüb, also morgen bekommen wir Regen, und wenn die Sonne wieder scheint, ist es Herbst! Prost!«

Ygberg sah den Punsch an, als dächte er, es sei Gift, aber er trank doch.

»Nun,« nahm Falk das Gespräch wieder auf, »du hast doch die schöne Erzählung von dem Schutzengel oder der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton für Smith geschrieben. War das nicht gegen deine Überzeugung?«

»Überzeugung? Ich habe keine Überzeugung!«

»Hast du keine?«

»Nein, nur dumme Menschen haben eine!«

»Bist du unmoralisch, Ygberg?«

»Nein! Sieh, wenn ein dummer Mensch einen Gedanken hat, entweder aus sich selbst oder aus andern, so erhebt er ihn zu seiner Überzeugung und hält daran fest und prahlt damit, nicht weil es eine Überzeugung ist, sondern weil es seine Überzeugung ist. Was die in Rede stehende Gesellschaft betrifft, so glaube ich, daß es Schwindel ist. Sie schadet recht vielen Menschen, nämlich den Aktionären, dafür aber macht sie andern, der Direktion und den Beamten, um so mehr Freude, und auf diese Weise tut sie doch viel Gutes!«

»Hast du denn alle Begriffe von Ehre verloren, Freund?«

»Man muß alles seiner Pflicht opfern!«

»Ja, das gebe ich zu.«

»Des Menschen erste und größte Pflicht ist es, zu leben — zu leben, um welchen Preis es auch sei! Das fordert das göttliche Gebot, das fordert das menschliche Gesetz.«

»Aber die Ehre darf man nicht opfern.«

»Beide Gesetze fordern, wie gesagt, daß man alles opfert — sie fordern von dem Armen, die sogenannte Ehre zu opfern! Das ist grausam, aber der Arme kann nicht dafür!«

»Du hast keine heiteren Ansichten vom Leben!«

»Wo sollte ich die herhaben?«

»Ja, das ist wahr!«

»Aber um auf etwas anderes zu kommen: ich habe einen Brief von Rehnhjelm. Ich will dir etwas daraus vorlesen, wenn du magst.«

»Er ist ja zum Theater gegangen, hörte ich.«

»Ja, und da scheint er keine guten Tage zu haben.«

Ygberg holte einen Brief aus der Brusttasche, steckte ein Stück Zucker in den Mund und las:

»Wenn es eine Hölle im künftigen Leben gibt, was recht zweifelhaft ist ...«

»Der Junge ist Freidenker geworden!«

... »so kann sie nicht schlimmer sein als meine jetzige. Ich bin seit zwei Monaten engagiert, und mir kommt es vor, als seien es zwei Jahre. Ein Teufel, ein ehemaliger Stellmachergeselle, jetzt Theaterdirektor, hat mein Schicksal in die Hände genommen und geht so zu Werk, daß ich dreimal täglich ans Ausreißen denke; aber vorsichtigerweise sind die Strafbestimmungen des Kontrakts so schwer, daß ich den Namen meiner Eltern entehren würde, im Falle eines Prozesses, so daß ich es vorziehe, zu bleiben. Denke Dir, ich bin Abend für Abend als Statist aufgetreten und habe noch kein Wort sagen dürfen. Zwanzig Abende hintereinander habe ich mir Umbra ins Gesicht schmieren und in einem Zigeunerkostüm auftreten müssen, von dem nicht ein Stück mir paßt: das Trikot ist zu lang, die Schuhe zu groß, die Jacke zu kurz. Ein Unterteufel, Kulissensouffleur genannt, paßt genau auf, daß ich diese Kleidungsstücke nicht gegen passende vertausche, und immer, wenn ich versuche, mich hinter dem Volkshaufen zu verkriechen, der aus den Fabrikarbeitern des direktorialen Fabrikbesitzers besteht, öffnen sie die Reihen und stoßen mich nach vorn, und sehe ich dann nach den Kulissen hinüber, so steht dort der Unterteufel und lacht, und blicke ich in den Zuschauerraum, so sehe ich den Bösen selber in der Loge sitzen und lauten Halses lachen. Er scheint mich zu seinem Privatvergnügen engagiert zu haben, nicht, damit ich dem Theater etwas nütze. Einmal wagte ich seine Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß ich mich einmal in Sprechrollen üben müsse, wenn ich Schauspieler werden solle. Da wurde er grob und erklärte, erst müsse man kriechen lernen, ehe man gehen könne! Ich erwiderte ihm, ich könne gehen! Das sei eine Lüge, sagte er und fragte mich, ob ich glaube, die Schauspielkunst, die schönste und schwerste aller Künste, erfordere keine Schule. Als ich ihm antwortete, das eben sei meine Ansicht, und deshalb warte ich ungeduldig darauf, diese Schule beginnen zu dürfen, sagte er, ich sei ein ungebildeter Hund und er werde mir einen Tritt geben. Als ich hiergegen opponierte, fragte er weiter, ob ich glaube, sein Theater sei eine Rettungsanstalt für unbemittelte Jünglinge; ich antwortete mit einem offenen, unbedingten, freudigen Ja! Da erklärte er, er werde mich morden, und dabei ist er jetzt. Ich fühle, wie meine Seele herunterbrennt wie ein Talglicht in Zugluft, und bin beinahe überzeugt davon, daß das Böse zum Schluß siegen wird, obwohl es sich in Wolken verbirgt, oder wie es im Katechismus heißt. Aber das Schlimmste von allem ist, daß ich die Achtung vor dieser Kunst verliere, die die Liebe und der Traum meiner Jugend gewesen ist. Wie ist es anders möglich, als daß ich anfangen muß, den Wert dieser Kunst gering zu schätzen, wenn ich hier Leute sehe, die ohne Erziehung, ohne Bildung, vom Handwerk und von der Straße kommen, nur von Eitelkeit und Leichtsinn getrieben, ohne Begeisterung und Verstand, sehe, wie sie nach ein paar Monaten Charakterrollen, historische Rollen spielen, leidlich gut, ohne einen Funken von Ahnung von der Zeit zu haben, in der sie sich bewegen, oder eine Spur von Verständnis für die Bedeutung, die die Personen, die sie darstellen, in Wirklichkeit besaßen.

Es ist ein langsamer Meuchelmord, der an mir verübt wird. Und unter diesem Pöbel, der mich unterdrückt (einige Mitglieder der Truppe sind mit Paragraphen des Strafgesetzbuches in Kollision gekommen), werde ich, was ich nie gewesen bin — Aristokrat, denn so schwer kann der Druck der Gebildeten von den Ungebildeten nie empfunden werden.

Aber es gibt doch einen Lichtpunkt in dieser Finsternis: ich liebe. Ein Mädchen von reinstem Gold mitten in diesen Schlacken. Natürlich wird auch sie zu Boden getreten und macht dieselbe langsame Hinrichtung durch wie ich, nachdem sie mit Stolz und Verachtung die schändlichen Anträge des Regisseurs zurückgewiesen hat. Sie ist die einzige Frau mit lebendigem Geist unter all den Tieren, die sich hier im Schmutz wälzen, und sie liebt mich mit ihrer ganzen Seele und ist jetzt im geheimen meine Braut. — Oh, ich warte nur auf den Tag, da ich mich durchgesetzt habe und ihr meine Hand bieten kann, aber wann? Wir haben oft daran gedacht, zusammen in den Tod zu gehen, doch dann kommt die trügerische Hoffnung und verleitet einen, das Elend fortzusetzen! Dies unschuldige Mädchen zu sehen, zu sehen, wie sie leidet und sich schämt, wenn sie gezwungen wird, in unanständigen Kostümen aufzutreten, das ist mehr, als man ertragen kann! Aber ich will dies traurige Kapitel einstweilen ruhen lassen.

Von Olle kann ich grüßen, und von Lundell auch! Olle hat sich sehr verändert! Er ist in eine neue Art Philosophie hineingekommen, die alles niederreißt und alle Dinge um und um kehrt, daß sie auf dem Kopf stehen. Es ist sehr amüsant anzuhören und wirkt bisweilen sehr wahr, ist aber auf die Dauer recht gefährlich. Ich glaube, ihm sind diese Ideen in dem Verkehr mit einem hiesigen Schauspieler gekommen, der ein sehr guter Kopf ist und große Kenntnisse besitzt, der aber sehr unmoralisch ist und den ich liebe und hasse zu gleicher Zeit. Es ist ein sonderbarer Mensch! Er ist im Grunde gut, aufopfernd, edel, großherzig, ich kann mit einem Wort nicht eine schlechte Eigenschaft von ihm anführen, — aber er ist unmoralisch, und ohne Moral ist der Mensch doch ein Schuft. Nicht wahr?

Jetzt muß ich abbrechen, denn ich sehe meinen Engel, meinen guten Geist kommen; nun werde ich wieder eine Stunde haben, da alle bösen Gedanken fliehen und ich mich wieder als ein besserer Mensch fühle! Grüße Falk und bitte ihn, an mein Schicksal zu denken, wenn er es schwer hat.

Dein Freund R.«

»Nun, was sagst du dazu?«

»Das ist die alte Geschichte von den Kämpfen des wilden Tieres! Weißt du, Ygberg, ich glaube, man muß ein schlechter Mensch werden, wenn man in der Welt vorwärts kommen will.«

»Versuche es! Es ist vielleicht nicht so leicht!«

»Hast du jetzt noch Geschäfte mit Smith?«

»Nein, leider nicht. Du etwa?«

»Ich bin wegen meiner Gedichte bei ihm gewesen. Er hat sie für zehn Kronen pro Bogen gekauft, so daß er an mir denselben Mord begehen kann wie der Stellmacher an Rehnhjelm. Und ich fürchte etwas in dieser Art, denn noch habe ich keinen Ton gehört. Er war beängstigend gutmütig, so daß ich auf das Allerschlimmste gefaßt bin, wenn ich nur wüßte, was es ist. Aber was ist dir, Bruder, du bist ja ganz weiß im Gesicht?«

»Ja, siehst du,« erwiderte Ygberg und hielt sich am Geländer fest, »ich habe seit zwei Tagen nur diese fünf Stückchen Zucker gegessen! Ich glaube, ich werde ohnmächtig!«

»Wenn dir mit Essen geholfen ist, so geht es, denn ich habe glücklicherweise Geld bei mir!«

»Gewiß ist mir mit Essen geholfen,« flüsterte Ygberg mit matter Stimme.

Das war jedoch nicht der Fall, denn als sie in die Kneipe gegangen waren und Essen vorgesetzt bekamen, wurde Ygberg immer elender, und Falk mußte ihn unter den Arm nehmen und ihn nach Hause bringen in seine Wohnung hinten auf dem Weißen Berge.

Es war ein altes einstöckiges Holzhaus, das auf einen Berg geklettert war und jetzt aussah, als habe es ein Hüftleiden; es war scheckig, als habe es den Aussatz gehabt, denn es hatte früher einmal angestrichen werden sollen, aber es war beim Spateln geblieben; es sah in jeder Beziehung erbärmlich aus, und man traute dem Feuerversicherungsschild nicht recht, das an der Wand rostete, als eine Verheißung, daß ein Phönix aus der Flamme emporsteigen werde. Zu Füßen des Hauses wuchsen Butterblumen, Brennesseln und Wegerich, diese treuen Begleiter des Menschen in der Not; Spatzen badeten in dem glühend heißen Sand, daß er nur so spritzte, und Kinder mit dicken Bäuchen und blassen Gesichtern, die aussahen, als würden sie mit neunzig Prozent Wasser ernährt, machten sich Halsketten und Armbänder aus Butterblumenstengeln und suchten sich im übrigen ihr trauriges Dasein zu verbittern, indem sie sich zankten und beschimpften.

Falk und Ygberg stiegen eine knarrende, wackelige Holztreppe hinauf und kamen in ein großes Zimmer, in dem drei Parteien wohnten, die das Zimmer mit Kreidestrichen in drei Kreise eingeteilt hatten. In zweien von diesen Kreisen wurde ein Handwerk betrieben, von einem Tischler und einem Schuhmacher; der dritte Kreis war ausschließlich für das Familienleben bestimmt. Wenn die Kinder zu schreien anfingen, was alle Viertelstunde geschah, geriet der Tischler in Raserei und begann zu schimpfen und zu fluchen, was wieder von seiten des Schuhmachers Bibelsprüche und Ermahnungen zur Folge hatte. Die Nerven des Tischlers waren von diesem ewigen Jammergeschrei, den Züchtigungen und dem Zank so aufgerieben, daß er, obwohl er sich vorgenommen hatte, Geduld zu üben, kaum fünf Minuten, nachdem der Schuhmacher die Versöhnungsprise angeboten hatte, von neuem in Wut geriet; er war meistens den ganzen Tag in Wut, am schlimmsten aber war es, wenn er die Frau fragte, »warum die Teufel von Weibern so viele Kinder in die Welt setzen müßten«, denn dann kam die Frauenfrage aufs Tapet, und dann blieb man ihm die Antwort nicht schuldig.

Durch dies Zimmer gingen Falk und Ygberg, um in Ygbergs Kammer zu gelangen; aber obwohl sie ganz leise gingen, weckten sie doch zwei von den Kindern auf, weshalb die Mutter ein Wiegenlied zu singen begann, mitten in einem Wortwechsel zwischen Schuhmacher und Tischler, so daß der Tischler sofort wieder einen Anfall bekam.

»Sei still, Weib!«

»Sei doch selber still! Kann Er die Kinder nicht schlafen lassen?«

»Geh zur Hölle mit den Gören! Sind es meine Kinder? Soll ich darunter leiden, daß andere liederlich gewesen sind? Was? Bin ich selber liederlich? He? Habe ich selber Kinder? Halt den Mund, oder du kriegst den Hobel an den Kopf!«

»Aber Meister! Meister!« nahm der Schuhmacher das Wort; »Er darf nicht so von den Kindern reden! Gott schickt die Kinder auf die Welt!«

»Das ist eine Lüge, Schuster! Nein, der Böse schickt sie! Und dann schieben die liederlichen Eltern es auf Gott! Oh, ihr solltet Euch schämen!«

»Meister! Meister! Er soll doch nicht fluchen! Die Bibel sagt, den Kindern gehört das Himmelreich.«

»Ach so, solche sind im Himmelreich!«

»Gott, wie Er redet,« rief die erzürnte Mutter. »Wenn Er selbst einmal Kinder bekommt, so will ich beten, daß sie verkrüppelt und lahm werden; ich will beten, daß sie stumm und taub und blind sind; ich will beten, daß sie in die Besserungsanstalt und an den Galgen kommen; das will ich tun.«

»Ja, tu das, du liederliches Weibsstück; ich habe nicht die Absicht, Kinder in die Welt zu setzen, damit sie wie Hunde schuften; Ihr müßtet ins Arbeitshaus, weil Ihr solche armen Dinger ins Elend hineinsetzt. Ihr seid verheiratet? Ja! Müßt Ihr liederlich sein, weil Ihr verheiratet seid? He?«

»Meister! Meister! Gott schickt doch die Kinder!«

»Das ist eine Lüge, Schuster! Ich habe in einer Zeitung gelesen, die verdammte Kartoffel sei schuld, daß die Armen so viele Kinder kriegen, denn seht, die Kartoffel enthält zwei Materien oder Stoffe, die man Sauerstoff und Stickstoff nennt; wenn sie in einer gewissen Zusammensetzung und in einer bestimmten Menge vorkommen, werden die Frauen fruchtbar!«

»Aber wie soll man es denn ändern?« fragte die erzürnte Mutter, deren Gefühle sich beim Anhören des interessanten Vortrags besänftigt hatten.

»Man soll das Kartoffelessen lassen, das kannst du doch wohl begreifen!«

»Was soll man denn essen, wenn man keine Kartoffeln essen darf?«

»Beefsteak, Weib, mußt du essen! Beefsteak mit Zwiebeln! He! Ist das gut? Oder Chatto-briang! Weißt du, was das ist? He? Im ›Vaterland‹ stand neulich von einer Frau, die Mutterkorn genommen hat, so daß beinahe sie und das Kind draufgegangen wären.«

»Was sagst du da?« fragte die Frau und spitzte die Ohren.

»Bist du neugierig, he?«

»Ist das mit dem Mutterkorn wirklich wahr?« fragte der Schuhmacher blinzelnd.

»Ja, das treibt Leber und Lunge aus einem heraus, und übrigens steht schwere Strafe darauf, und das ist recht!«

»Ist das recht?« fragte der Schuhmacher mit dumpfer Stimme.

»Gewiß ist das recht! Wer liederlich ist, muß Strafe haben; und man darf doch seine Kinder nicht morden!«

»Kinder! Das ist doch wohl noch ein Unterschied,« sagte die erzürnte Mutter ergeben. »Aber wo kommt der Stoff her, Meister, von dem du sprachst?«

»Ach so, du willst noch mehr Kinder machen, du Weibsstück, obwohl du Witwe mit Fünfen bist! Nimm dich vor dem Schuster in acht; der ist sehr streng gegen die Weiber, obwohl er gottesfürchtig ist! Gib eine Prise her, Schuster!«

»Also es gibt wirklich ein Kraut ...«

»Wer hat gesagt, daß es ein Kraut ist? Habe ich gesagt, daß es ein Kraut ist? Nein! Es ist ein zoologischer Stoff. Seht einmal, alle Stoffe — es gibt etwa sechzig Stoffe in der Natur — alle Stoffe lassen sich in chemische und zoologische einteilen; dieser Stoff heißt auf lateinisch Cornutibus secalias und kommt im Auslande vor; zum Beispiel auf der Kalabrischen Halbinsel.«

»Ist es wohl sehr teuer, Meister?« fragte der Schuhmacher.

»Teuer!« wiederholte der Tischler und hielt den Hobel, als ziele er mit einem Karabiner. »Es ist verteufelt teuer!«

Falk, der mit großem Interesse diese ganze Unterhaltung angehört hatte, fuhr zusammen, als er durch das offene Fenster hörte, wie ein Wagen auf der Straße anhielt und zwei Frauenstimmen, die er zu kennen glaubte, ein Gespräch anfingen:

»Dies Haus sieht gut aus!«

»Es sieht gut aus?« fragte die ältere Dame. »Ich finde, es sieht schrecklich aus.«

»Ich finde, es sieht gut aus für unsern Zweck. Wissen Sie, ob hier im Hause Arme wohnen, Kutscher?«

»Ich weiß es nicht, aber der Teufel soll mich holen, wenn keine drin wohnen.«

»Fluchen ist Sünde, also lassen Sie das! Warten Sie hier auf uns, während wir hinaufgehen und unseres Amtes walten.«

»Höre, Eugenie, wollen wir nicht hier unten bleiben und erst mit den Kindern sprechen?« sagte Frau Revisor Homan zu Frau Falk.

»Ja, das wollen wir tun! Komm her, kleiner Junge, wie heißt du?«

»Albert!« antwortete ein kleiner blasser Sechsjähriger.

»Kennst du Jesus, mein liebes Kind?«

»Nee,« antwortete der Kleine lachend und steckte den Finger in den Mund.

»Das ist ja entsetzlich,« sagte Frau Falk und holte ihr Notizbuch heraus. »Ich schreibe also hier: Katharina-Gemeinde, auf dem Weißen Berge. Tiefe geistige Finsternis bei den Minderjährigen. — Kann man Finsternis sagen? — Nun, möchtest du ihn nicht kennenlernen?« fragte sie weiter.

»Nee!«

»Willst du denn einen Groschen haben, mein Junge?«

»Ja!«

»Bitte, sagt man! — Im höchsten Grade verwahrlost; es gelang jedoch durch Milde, ihnen ein besseres Benehmen beizubringen.«

»Hier ist ein entsetzlicher Geruch; wir wollen weitergehen, Eugenie,« bat Frau Homan.

Sie stiegen die Treppen hinauf und traten, ohne zu klopfen, in das große Zimmer.

Der Tischler griff zum Hobel und nahm ein ästiges Brett in Angriff, so daß die Damen schreien mußten, um sich Gehör zu verschaffen.

»Ist hier jemand, der nach Erlösung und Gnade dürstet?« schrie Frau Homan, während Frau Falk mit Parfüm aus dem Zerstäuber die Kinder besprengte, die zu schreien anfingen, weil es ihnen in den Augen brannte.

»Haben Sie Erlösung auszubieten?« fragte der Tischler, der eine Pause in der Arbeit machte. »Wo haben Sie die her? Vielleicht gibt es auch Wohltätigkeit und Demütigung und Hoffart? He?«

»Sie sind ein roher Mensch, der der Verdammnis anheimfallen wird,« erwiderte Frau Homan. Frau Falk schrieb in ihr Notizbuch und sagte. »Der ist gut.«

»Sprechen Sie,« sagte die Frau Revisor.

»Das kennen wir! Vielleicht wollen die Damen über Religion mit mir sprechen! Ich kann über alles sprechen! Wissen die Damen, daß in Niceum im Jahre 829 ein Konzil stattfand, wo der Heilige Geist in die Schmackhaldinschen Artikel aufgenommen wurde?«

»Nein, das wissen wir nicht, guter Mann!«

»Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut, als Gott allein, sagt die Heilige Schrift! Also die Damen kennen das Konzil zu Niceum im Jahre 829 nicht? Wie kann man da andere lehren wollen, wenn man selber nichts weiß? Nun, wenn jetzt die Wohltätigkeit losgehen soll, so passen Sie den Augenblick ab, wenn ich den Rücken wende, denn die wahre Wohltätigkeit geschieht im geheimen. Aber üben Sie sie vor allen Dingen an den Kindern, die können sich nicht wehren; doch kommen Sie uns nicht zu nah! Geben Sie uns Arbeit, wenn Sie wollen, und lernen Sie Arbeit bezahlen, dann brauchen Sie nicht so umherzulaufen! Eine Prise, Schuster!«

»Kann man so schreiben, Evelyn?« fragte Frau Falk, »starker Unglaube, Verstocktheit ...«

»Verhärtung ist besser, liebe Eugenie!«

»Was schreiben die Damen auf? Unsere Sünden? Dann ist das Buch viel zu klein ...«

»Die Frucht der sogenannten Arbeitergewerkschaften ...«

»Sehr gut,« sagte die Frau Revisor.

»Nehmen Sie sich vor den Gewerkschaften in acht,« sagte der Tischler. »Jetzt ist es seit ein paar Jahrhunderten über die Könige hergegangen, aber nun haben wir entdeckt, daß es nicht ihre Schuld ist; das nächste Mal kommen alle Faulenzer an die Reihe, die von der Arbeit anderer existieren; dann sollt ihr was erleben!«

»Still, still!« sagte der Schuhmacher.

Die erzürnte Mutter, die während dieses Auftritts die Augen auf Frau Falk gerichtet hatte, benutzte jetzt eine Pause, um zu fragen: »Verzeihung, sind Sie nicht Frau Falk?«

»Nein, das bin ich nicht,« antwortete die fragliche Dame mit einer Sicherheit, die sogar Frau Homan frappierte.

»O Herrgort, die Dame ist Ihnen so ähnlich; ich kannte ihren Vater, den Flaggschiffer Raanock auf dem Holm, als er Matrose war!«

»Das ist ja sehr interessant, aber das gehört nicht hierher ... Wohnt hier noch sonst jemand, der Erlösung braucht ...«

»Nein,« sagte der Tischler, »Erlösung brauchen sie nicht, aber Essen und Kleider, oder am liebsten Arbeit, viel Arbeit und gutbezahlte Arbeit. Aber es ist besser wenn die Damen nicht hineingehen, denn der eine hat die Pocken ...«

»Die Pocken!« schrie Frau Homan; »und man hat uns kein Wort davon gesagt! Komm, Eugenie, dann schicken wir die Polizei her. Pfui, was für Menschen!«

»Aber die Kinder? Wem gehören diese Kinder? Antworten!« sagte Frau Falk und drohte mit dem Bleistift.

»Mir, gute Frau!« sagte die Mutter.

»Aber der Mann? Wo ist der Mann?«

»Der läßt sich nicht mehr blicken,« sagte der Tischler.

»So! Dann werden wir ihm die Polizei auf den Hals schicken! Und wir werden ihn ins Arbeitshaus stecken! Hier soll es anders werden! — Dies ist wirklich ein gutes Haus, wie ich sagte, Evelyn!«

»Wollen gnädige Frau nicht Platz nehmen?« fragte der Tischler. »Es plaudert sich besser, wenn man sitzt, aber Stühle können wir Ihnen nicht anbieten, denn wir haben keine, und das macht nichts; wir haben auch keine Betten, die sind draufgegangen für die Beisteuer zur Gasbeleuchtung, pro primo, damit Sie nicht nachts im Dunkeln aus dem Theater nach Hause gehen müssen; wir haben kein Gas, wie Sie sehen; und für die Wasserleitung, pro secundo, damit Ihre Dienstmädchen keine Treppen zu steigen brauchen; wir haben keine Wasserleitung; und für das Krankenhaus, pro tertio, damit Ihre Söhne nicht zu Hause zu liegen brauchen ...«

»Komm, Eugenie, um Gottes willen, hier wird es unerträglich ...«

»Ich versichere Ihnen, meine Damen, es ist hier schon unerträglich,« sagte der Tischler. »Und es wird ein Tag kommen, da es noch schlimmer wird, aber dann, dann kommen wir vom Weißen Berge herunter, und vom Schinderbuchtberge, und vom Tyskbagarberge, und wir kommen mit großem Getöse wie ein Wasserfall und fordern unsere Betten zurück. Fordern? Nein, nehmen! Und ihr könnt dann auf Hobelbänken liegen, wie ich es muß, und ihr werdet Kartoffeln essen, daß eure Bäuche sich wie ein Trommelfell spannen, ganz als hättet ihr die Wasserprobe durchgemacht wie wir ...«

Die Damen waren verschwunden, unter Zurücklassung eines Stoßes Broschüren.

»Pfui Teufel, wie das nach Eau de Cologne riecht! Ganz wie bei Dirnen!« sagte der Tischler. »Eine Prise, Schuster!«

Er wischte sich mit der blauen Schürze über die Stirn und griff wieder zum Hobel, während die Gesellschaft ihre Betrachtungen anstellte.

Ygberg, der die ganze Zeit über geschlafen hatte, erwachte jetzt und machte sich zurecht, um mit Falk wieder fortzugehen. Durch das offne Fenster hörte man noch einmal Frau Homans Stimme:

»Was meinte sie mit dem Flaggschiffer? Dein Vater ist doch Kapitän?«

»Man nennt ihn so! Übrigens ist Schiffer und Kapitän dasselbe! Das weißt du doch! Findest du nicht, es war ein unverschämtes Pack? Hierher komme ich nie wieder! Aber ein feiner Bericht wird es! Fahren Sie nach Hasselbacken, Kutscher!«