Fünfzehntes Kapitel
Theateraktiengesellschaft
Phönix

Am folgenden Tage erwachte Rehnhjelm in seinem Bett im Hotel spät am Vormittag. Die Erinnerungen an die verflossene Nacht stiegen wie Gespenster auf und umgaben sein Bett mitten an dem sommerhellen Tag. Er sah das schöne, mit Blumen reich geschmückte Zimmer, in dem die Orgie bei fest verschlossenen Fensterläden stattgefunden hatte; er sah die fünfunddreißigjährige Schauspielerin, die von einer Rivalin in das Mutterfach verdrängt worden war; sie kommt voll Verzweiflung und Wut über neue Beschimpfungen herein, betrinkt sich, legt die Beine auf die Sofalehne und knöpft, als es zu warm im Zimmer wird, die Taille auf, so sorglos, wie ein Herr nach einem großen Diner die Weste aufmacht; da wankt der alte Komiker umher, der frühzeitig das Liebhaberfach aufgeben mußte, nach einer kurzen Blütezeit zu Dienerrollen herabgesunken ist und nun die Kleinbürger mit seinen Liedern und vor allem seinen Erzählungen aus der Zeit seiner Größe ergötzt; aber mitten in dem Rauch und den Bildern des Rausches sieht er die junge Sechzehnjährige, die mit tränengefüllten Augen eintritt und dem finsteren Falander berichtet, daß der große Direktor ihr wieder schimpfliche Anträge gemacht und bei ihrer Weigerung geschworen habe, sich zu rächen und ihr nur noch Dienstmädchenrollen zu geben; und er sieht Falander, der die Sorgen und Kümmernisse aller entgegennimmt und sie anhaucht, daß sie verschwinden; wie er alles in ein Nichts auflöst: Kränkungen, Demütigungen, Fußtritte, Unglücksfälle, Not, Elend und Jammer; wie er seine Freunde belehrt und ermahnt, nichts zu überschätzen, vor allem die eigenen Sorgen nicht. Aber wieder und immer wieder sieht er die kleine Sechzehnjährige mit dem unschuldigen Gesicht, deren Freund er geworden ist und von der er beim Abschied einen Kuß bekommen hat, einen heftigen, leidenschaftlichen Kuß; sein überreiztes Hirn erinnerte sich jetzt, wenn es aufrichtig war, diesen Kuß etwas unerwartet gefunden zu haben. Aber wie hieß sie doch nur?

Er steht auf, um nach der Wasserkaraffe zu greifen, und bekommt ein kleines Taschentuch mit Weinflecken darin in die Hand. Ah! Da steht es unauslöschlich mit Zeichentinte geschrieben — Agnes! Es küßt es auf der reinsten Stelle zweimal und stopft es in den Koffer. Darauf zieht er sich sorgfältig an, um zum Theaterdirektor zu gehen, der zwischen zwölf und drei Uhr am sichersten zu treffen ist.

Um sich nichts vorwerfen zu müssen, geht er um zwölf Uhr ins Theater und trifft einen Diener, der ihn fragt, was er wünsche und ob er ihm zu Diensten sein könne. Rehnhjelm hält das nicht für möglich, sondern fragt von neuem, ob der Direktor nicht zu sprechen sei; darauf wird ihm mitgeteilt, daß der Direktor sich augenblicklich in der Fabrik befinde, später aber herkommen werde. Rehnhjelm hält das Wort Fabrik für eine familiäre Bezeichnung für das Theater, wird aber dahin belehrt, daß der geschäftsführende Direktor eigentlich Inhaber einer Streichholzfabrik ist. Sein Schwager, der Rendant, ist auf der Post beschäftigt und pflegt erst um zwei Uhr zu kommen, und dessen Sohn, der Sekretär, tut auf dem Telegraphenamt Dienst, so daß man nie sicher ist, ihn zu treffen. Da jedoch der Diener Rehnhjelms Anliegen zu kennen glaubte, überreichte er ihm in eigenem und in des Theaters Namen ein Exemplar der Statuten des Theaters, mit denen der junge Debütant sich die Zeit vertreiben sollte, bis einer von den Direktionsmitgliedern käme. Er wappnete sich also mit Geduld und setzte sich auf ein Sofa, um zu studieren. Als er die Satzungen durchgelesen hatte, war es erst halb eins. Da unterhielt er sich mit dem Diener bis dreiviertel eins. Darauf machte er sich daran, den ersten Paragraphen der Statuten zu ergründen: »Das Theater ist eine moralische Institution, deshalb müssen alle seine Mitglieder sich der Gottesfurcht, der Tugend und guter Sitten befleißigen.« Er drehte und wendete den Satz und suchte ihn ins rechte Licht zu stellen, ohne daß es ihm gelang. Wenn das Theater schon eine moralische Institution ist, so brauchen doch die Mitglieder, die (neben Direktor, Rendant, Sekretär, Maschinen und Dekorationen) die Institution bilden, so brauchen sie sich doch nicht erst all des Schönen, wie es nun auch heißt, zu befleißigen. Wenn man gesagt hätte: Das Theater ist eine unmoralische Institution und deshalb ... Ja, dann hätte es einen Sinn gegeben; so war es aber von der Direktion nicht gemeint. Und dann dachte er an Hamlets »Worte, Worte«, erinnerte sich aber sofort, daß es alt sei, Hamlet zu zitieren, und daß man seine Gedanken mit eigenen Worten ausdrücken müsse; so überlegte er lange und blieb schließlich dabei stehen, es Geschwätz zu nennen; er verwarf auch das als nicht originell, aber das war das Original ja auch nicht.

Paragraph 2 half ihm dann, sich eine weitere Viertelstunde mit Betrachtungen über den Text zu vertreiben. »Das Theater ist keineswegs zum Vergnügen da. Nicht bloß zur Belustigung.« Da stand: Das Theater ist nicht zum Vergnügen da, und da stand: Das Theater ist nicht ausschließlich zum Vergnügen da, also ist es (auch) zum Vergnügen da. Darauf dachte er darüber nach, wann man sich im Theater unterhält: Ja, wenn man sieht, wie Kinder, zumal Söhne, ihre Eltern um Geld betrügen, vor allem, wenn die Eltern sparsam, gutmütig und verständig sind; zweitens wenn Frauen ihre Männer betrügen; das ist besonders lustig, wenn der Mann alt ist und die Hilfe seiner Frau braucht; weiter erinnerte er sich, furchtbar gelacht zu haben über zwei alte Männer, die dem Hungertode nahe waren, weil ihr Geschäft zurückgegangen war; und noch heutigentags lachte man darüber in dem Stück eines klassischen Dichters. Er erinnerte sich ferner, sich an dem Unglück eines älteren Mannes ergötzt zu haben, der das Gehör verloren hatte; erinnerte sich, zusammen mit sechshundert andern Menschen sich höchlich amüsiert zu haben über einen Priester, der auf natürlichem Wege Heilung für die Verrücktheit suchte, in die seine Enthaltsamkeit ihn gebracht hatte, und über die Heuchelei, die er zur Erreichung seiner Absichten anwenden mußte. Worüber hatte man nur so gelacht, fragte er sich. Und da er nichts anderes zu tun hatte, so versuchte er darauf zu antworten! Ja, über Unglück, Not, Elend, Laster, Tugend, über die Niederlage des Guten, den Sieg des Bösen. Dies Resultat, das ihm teilweise neu war, versetzte ihn in gute Stimmung, und er fand einen großen Genuß an diesem Spiel mit Gedanken. Da die Direktion noch nichts von sich hören ließ, setzte er das Spiel fort und kam, ehe fünf Minuten vergangen waren, zu dem Ergebnis, daß man in der Tragödie über genau dieselben Dinge weint, über die man in der Komödie lacht. Da aber blieb er stehen, denn herein stürmte der große Theaterdirektor, rannte an Rehnhjelm vorbei, als sehe er ihn nicht, und stürzte in ein Zimmer links, wo einen Augenblick später eine Klingel von starker Hand in Bewegung gesetzt wurde. Der Diener brauchte eine halbe Minute, um hinein zu gehen und mit der Erklärung wieder herauszukommen, Seine Hoheit empfange.

Als Rehnhjelm eintrat, hatte der Direktor schon abgeprotzt und seinen Mörser in so großem Winkel gerichtet, daß er unmöglich den Sterblichen sehen konnte, der leise zitternd eintrat. Aber er mußte ihn gehört haben, denn er fragte sofort in verletzendem Ton, was gefällig sei.

Rehnhjelm erklärte, er wolle debütieren.

»Oh! Großes Debüt! Großer Enthusiasmus! Haben Sie ein Repertoire, Herr? Haben Sie Hamlet, Lear, Richard Sheridan gespielt und sind nach dem dritten Akt zehnmal herausgerufen worden? Was? He?«

»Ich bin noch nie aufgetreten!«

»Ach so! Das ist etwas anderes!«

Er setzte sich in einen versilberten, mit blauer Seide bezogenen Lehnstuhl, und sein Gesicht legte eine Maske an, die in einer der Biographien im Svetonius als Illustration hätte dienen können.

»Darf ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen, mein Herr? Ja? Verzichten Sie auf diese Laufbahn!«

»Unmöglich!«

»Ich wiederhole: Verzichten Sie auf diese Laufbahn! Es ist die schrecklichste aller Karrieren! Sie ist so voll von Demütigungen, Unannehmlichkeiten, Nadelstichen, Dornen, mein Herr, die Ihnen, glauben Sie mir, das Leben so verbittern, daß Sie schließlich wünschen, nie geboren zu sein!«

Er sah wirklich glaubwürdig aus, aber Rehnhjelm war unerschütterlich in seinem Entschluß.

»Nun, beachten Sie meine Worte wohl! Ich rate Ihnen feierlich ab und erkläre Ihnen: die Aussichten sind so trübe, daß Sie vielleicht jahrelang als Statist fungieren müssen! Überlegen Sie sich das! Und kommen Sie später nicht zu mir und beschweren Sie sich. Diese Laufbahn ist so verteufelt schwer, mein Herr, daß Sie, wenn Sie Bescheid wüßten, sie nie einschlagen würden! Sie haben eine Hölle vor sich, glauben Sie mir, jetzt ist es gesagt!«

Es waren vergeudete Worte!

»Würden Sie dann nicht lieber gleich ohne Debüt ein Engagement nehmen? Das ist weniger riskant.«

»Ja natürlich, aber das hatte ich nicht in Erwägung gezogen.«

»Wollen Sie bitte diesen Kontrakt unterschreiben? Zwölfhundert Kronen Gage und zwei Jahre Kontrakt. Ist das gut?«

Er holte einen ausgefüllten und von der Direktion unterzeichneten Kontrakt, der unter dem Löschblatt lag, hervor und reichte ihn Rehnhjelm zur Unterschrift, und Rehnhjelm, dem die zwölfhundert Kronen den Kopf verwirrten, unterschrieb unbesehen.

Als das geschehen war, reichte der Direktor ihm seinen großen Mittelfinger mit dem Karneolring und sagte: »Willkommen!«, wobei er das Zahnfleisch des Oberkiefers und das gelbe, blutgesprenkelte Weiße der beiden Augen mit der seifengrünen Iris zeigte.

Und dann war die Audienz beendet. Rehnhjelm aber, dem das Ganze zu rasch gegangen war, blieb stehen und nahm sich die Freiheit, zu fragen, ob er nicht warten solle, bis die Direktion versammelt sei.

»Die Direktion?« rief der große Tragöde; »das bin ich! Haben Sie etwas zu fragen, so wenden Sie sich nur an mich! Wollen Sie einen Rat haben, so wenden Sie sich an mich! an mich, mein Herr! An keinen andern! So! — Marsch!«

Es sah aus, als bleibe Rehnhjelms Rockschoß an einem Nagel hängen, gerade als er im Hinausgehen war, so hastig blieb er stehen und drehte sich um, gewissermaßen um festzustellen, wie die letzten Worte aussahen, aber er erblickte nur das rote Zahnfleisch, das einem Folterwerkzeug glich, und das mit Blut marmorierte Auge, weshalb er keine Lust verspürte, eine Erklärung zu fordern, sondern in den Ratskeller eilte, um Mittag zu essen und Falander zu treffen.

Dieser saß schon an seinem Tisch, ruhig und gleichgültig, als sei er auf das Allerschlimmste, was es auch sei, gefaßt. Es wunderte ihn also nicht, daß Rehnhjelm engagiert worden war, wenn er auch sehr finster wurde, als er es erfuhr.

»Wie gefällt dir der Direktor sonst?« fragte Falander.

»Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben, aber ich wagte es nicht.«

»Das wagt die Direktion auch nicht, und deshalb ist er Alleinherrscher. Du wirst immer sehen, daß die Roheit die Macht in Händen hat. Du weißt, daß er auch Dramatiker ist?«

»Das habe ich gehört!«

»Er schreibt eine Art historische Schauspiele, die immer Beifall finden; das kommt daher, daß er Rollen schreibt, statt Charaktere zu gestalten. Er bringt Applausstellen bei den Abgängen an und treibt Wucher mit dem sogenannten vaterländischen Gefühl. Übrigens können seine Figuren nicht sprechen, sie keifen und zanken nur: Männer und Fragen, Alte und Junge, allesamt, so daß sein bekanntes Stück ›König Göstas Söhne‹ mit Recht ein historisches Spektakelstück in fünf Auftritten heißt, denn es sind keine Akte, sondern regelrechte Auftritte, Familienauftritte, Straßenauftritte, Reichstagsauftritte und so weiter. Statt der Antworten erteilt man sich Gertenhiebe, die nicht Szenen, sondern den schrecklichsten Spektakel hervorrufen. Statt der Dialoge hat er Wortwechsel, in denen man sich gegenseitig beschimpft, und die höchste dramatische Wirkung wird von Handgreiflichkeiten hervorgerufen. Die Kritik sagt, er sei groß in der Schilderung historischer Charaktere. Wie hat er aber Gustav Wasa in dem erwähnten Stück geschildert? Ja, als einen breitschultrigen, langbärtigen, großmäuligen, unlenksamen und muskelstarken Mann — er zerschlägt unter anderem auf dem Reichstag in Västeraas einen Tisch und tritt bei der Versammlung in Vadstena eine Tür ein. Aber einmal sagte die Kritik, seinen Stücken fehle der Sinn; da wurde er böse und nahm sich vor, Sittenkomödien mit Sinn zu schreiben. Er hatte einen Jungen, der die Schule besuchte (das Ungeheuer ist verheiratet!), sich unanständig benahm und Prügel kriegte. Sofort schrieb der Vater eine Sittenkomödie, in der er die Lehrer abkonterfeite und schilderte, wie unmenschlich die Jugend heutzutage behandelt werde. Ein andermal wurde eine gerechte Rezension über ihn geschrieben, und sofort verfaßte er eine Sittenkomödie, in der er die liberalen Journalisten der Stadt darstellte! Nun, meinetwegen mag er tun, was er will!«

»Ja, aber warum haßt er dich?«

»Weil ich auf einer Probe Don Pasquale gesagt habe, obwohl er erklärt hatte, es heiße Paskal. Das Resultat: ich wurde bei Geldstrafe verurteilt, den Namen so auszusprechen, wie er befahl, wobei er erklärte, es möge in der ganzen Welt heißen, wie es wolle, hier aber solle es Paskal heißen, denn so heiße es!«

»Wo kommt er her? Was ist er gewesen?«

»Kannst du nicht sehen, daß er Stellmachergeselle gewesen ist? Aber wüßte er, daß du es weißt, so würde er dich vergiften! Doch, um jetzt von etwas ganz anderm zu sprechen: wie fühlst du dich nach gestern?«

»Ausgezeichnet! Ich habe ganz vergessen, dir zu danken!«

»Nun! Das ist schön! Und dir gefällt das Mädel? Die Agnes?«

»Ja, sie hat mir sehr gefallen!«

»Und sie ist in dich verliebt! Das paßt gut! Nimm sie.«

»Ach, wie du redest! Wir können doch noch nicht heiraten!«

»Wer hat gesagt, daß ihr das tun sollt?«

»Was meinst du denn?«

»Du bist achtzehn, sie ist sechzehn! Ihr liebt euch! Also gut! Wenn ihr einig seid, ist es doch die privateste Angelegenheit, die es gibt!«

»Ich verstehe dich nicht! Forderst du mich zu einer schlechten Handlung auf? Oder wie?«

»Ich fordere dich auf, ein wenig der großen Stimme der Natur zu gehorchen, nicht der dummen der Menschen. Wenn die Menschen euer Benehmen verwerfen, so geschieht es aus Neid, und die Moral, die sie predigen, ist ihre Bosheit, die eine passende, präsentable Form angenommen hat. Hat nicht die Natur euch schon jahrelang zu ihrem großen Fest geladen, das die Freude der Götter, aber das Entsetzen der Gesellschaft ist, die fürchtet, Alimente zahlen zu müssen?«

»Warum rätst du uns nicht zur Heirat?«

»Weil das etwas anderes ist! Man bindet sich nicht fürs Leben nach einem gemeinsam verbrachten Abend, und es ist nicht gesagt, daß jemand, der die Lust mitmacht, auch das Leid mit auf sich nehmen will! Die Ehe ist eine seelische Angelegenheit; das ist diese Sache vorläufig gerade noch nicht! Übrigens brauche ich euch nicht zu dem aufzufordern, was ohnehin geschehen wird. Liebt euch in der Jugend, ehe es zu spät ist, liebt euch wie die Vögel, ohne einen Gedanken an den Nestbau oder wie die Blumen aus der Klasse der Diözien.«

»Du sollst nicht so unehrerbietig von dem Mädchen sprechen! Sie ist gut, unschuldig und bedauernswert, und wer etwas anderes zu sagen wagt, der lügt! Hast du je unschuldigere Augen gesehen als ihre, liegt nicht sogar im Klang ihrer Stimme Wahrheit? Sie ist einer großen Liebe und einer reinen Liebe würdig, nicht so einer wie die, von der du sprichst, und ich hoffe, es ist das letztemal, daß du etwas in dieser Richtung vorbringst! Das eine kannst du ihr sagen: ich werde es als das größte Glück und die größte Ehre ansehen, ihr einmal, wenn ich ihrer würdig bin, meine Hand anzubieten!«

Falander schüttelte den Kopf, daß die Schlangen sich ringelten.

»Ihrer würdig? Deine Hand? Was sagst du?«

»Dabei bleibe ich!«

»Das ist entsetzlich! Wenn ich dir sage, daß dies Mädchen nicht nur aller Eigenschaften ermangelt, die du ihr zuerkennst, sondern sogar die entgegengesetzten besitzt, so glaubst du mir nicht, sondern wirst mein Feind!«

»Ja, das werde ich!«

»Wie kann die Welt nur so voller Lüge sein, daß ein Mensch keinen Glauben findet, wenn er die Wahrheit spricht.«

»Wie soll man dir glauben können, da du keine Moral hast?«

»Sieh, da haben wir das Wort wieder! Das ist ein merkwürdiges Wort; es beantwortet alle Fragen, schneidet alle Diskussionen ab, verteidigt alle Fehler, die eigenen, aber nicht die fremden, schlägt alle Gegner zu Boden, plädiert für und gegen, ganz wie ein Rechtsanwalt. Jetzt hast du mich damit geschlagen, das nächste Mal schlage ich dich damit. Lebwohl, ich muß nach Hause, denn ich gebe um drei Uhr Stunde! Lebwohl! Viel Glück!«

Und Rehnhjelm blieb allein mit seinem Mittagessen und seinen Betrachtungen.


Als Falander nach Hause kam, zog er sich Schlafrock und Pantoffel an, als erwarte er durchaus keinen Besuch. Aber eine heftige Unruhe schien ihn zu beherrschen, denn er ging im Zimmer auf und ab und blieb dann und wann hinter der Gardine stehen, um ungesehen auf die Straße blicken zu können. Dann trat er vor den Spiegel, knöpfte seinen Kragen ab und legte ihn auf den Sofatisch. Nachdem er eine Weile so hin und her gewandert war, nahm er die Photographie einer Dame aus einer Visitenkartenschale, legte sie unter ein riesiges Vergrößerungsglas und betrachtete sie, wie man ein mikroskopisches Präparat betrachtet. Er saß recht lange bei dieser Arbeit. Als er Schritte auf der Treppe hörte, versteckte er hastig die Photographie da, wo er sie hergenommen hatte, sprang auf und setzte sich an den Schreibtisch, so daß er der Tür den Rücken kehrte. Er war in voller Beschäftigung, als ein Klopfen an der Tür — zwei kurze, leise Doppelschläge — ertönte.

»Herein!« rief Falander mit einer Stimme, die nicht einladend klang, sondern eher für eine Ausweisung paßte.

Herein trat ein junges Mädchen, klein von Wuchs, aber mit angenehmen Linien in der Figur; ein feines, ovales Gesicht, von Haar umgeben, das seine blonde Farbe durch Bleichen in der Sonne bekommen zu haben schien, denn es hatte nicht dieses ausgesprochene Blond, das angeboren ist. Die kleine Nase und der fein geschnittene Mund brachten ein munteres Spiel kleiner, schelmischer Kurven zustande, die unaufhörlich die Formen änderten wie Figuren in einem Kaleidoskop; wenn sie zum Beispiel die Nasenflügel bewegte, und der hellrote Knorpel sich wie ein Anemonenblatt abzeichnete, teilten sich die Lippen und zeigten die Spitzen sehr kleiner, gleichmäßiger Zähne, die, obwohl sie echt waren, zu gleichmäßig und zu weiß waren, um Vertrauen einzuflößen. Die Augenwinkel gingen nach der Nasenwurzel zu in die Höhe und senkten sich an den Schläfen, wodurch ein beständig bittender, elegischer Ausdruck erzielt wurde, der eine zauberhafte Disharmonie mit den unteren, spielenden Partien des Gesichts bildete; aber die Pupille war unruhig, sie konnte in einem Augenblick fein werden wie die Spitze einer Nähnadel, um sich im nächsten aufzutun und zu starren wie das Objekt eines Nachtfernrohrs.

Sie betrat also das Zimmer und verriegelte die Tür, nachdem sie den Schlüssel hereingeholt hatte.

Falander saß noch immer und schrieb.

»Du kommst spät heute, Agnes,« sagte er.

»Ja, das tue ich,« antwortete sie trotzig, während sie den Hut abnahm und sich häuslich einrichtete.

»Ja, wir sind über Nacht spät ins Bett gekommen!«

»Warum stehst du nicht auf und begrüßt mich? So müde kann man doch nicht sein!«

»Ach, verzeih, das habe ich vergessen!«

»Vergessen! Ich habe bemerkt, daß du seit einiger Zeit manches vergißt.«

»So? Seit wann hast du das bemerkt?«

»Seit wann? Was meinst du? Bitte, zieh den Schlafrock und die Pantoffel aus!«

»Liebes Kind, das ist mir heute zum erstenmal passiert, und du findest das eine lange Zeit! Ist das nicht seltsam? Sag!«

»Du verspottest mich! Was ist mit dir? Du bist seit einiger Zeit so sonderbar!«

»Seit einiger Zeit! Da haben wir es wieder! Warum sagst du seit einiger Zeit? Weil gelogen werden muß? Warum muß gelogen werden?«

»So, du wirfst mir vor, ich lüge?«

»O nein, ich scherzte nur!«

»Denkst du, ich sehe nicht, daß du meiner überdrüssig bist? Denkst du, ich habe das gestern abend nicht gesehen, als du gegen die simple Jenny so aufmerksam warst, daß du für mich den ganzen Abend kein Wort hattest?«

»Du bist also eifersüchtig?«

»Ich? Nein, weißt du, nicht im geringsten! Wenn du sie mir vorziehst, bitte schön! Das rührt mich keine Spur!«

»So! Du bist nicht eifersüchtig? Das ist unter gewöhnlichen Verhältnissen eine bedauerliche Tatsache.«

»Unter gewöhnlichen Verhältnissen? Was meinst du damit?«

»Ich meine — ganz einfach —, daß ich deiner überdrüssig bin, wie du vorhin selbst gesagt hast!«

»Das lügst du! das bist du nicht!«

Sie bewegte die Nasenflügel, zeigte die Zahnspitzen und stach mit den Nähnadeln.

»Wir wollen von etwas anderm sprechen,« sagte er. »Wie hat dir Rehnhjelm gefallen?«

»Sehr nett! Das ist ein lieber Junge! Und ein feiner Junge!«

»Er hat sich bis über beide Ohren in dich verliebt!«

»Wie du redest!«

»Doch das Schlimmste ist, daß er sich mit dir verheiraten will!«

»Ach, bitte, verschone mich mit solchen Dummheiten!«

»Da er aber erst zwanzig Jahre alt ist, will er warten, bis er deiner würdig ist, wie er sich ausdrückt!«

»So ein Narr!«

»Mit würdig meint er, ein anerkannter Schauspieler sein. Und das kann er nicht eher werden, ehe er Rollen bekommt. Kannst du ihm nicht dazu verhelfen?«

Agnes errötete, warf sich in die Sofaecke und zeigte ein paar elegante Stiefeletten mit goldenen Troddeln.

»Ich? Ich kriege ja selber keine! Du machst dich über mich lustig!«

»Ja, das tue ich!«

»Du bist ein Teufel, Gustav! Willst du das glauben?«

»Vielleicht, vielleicht nicht! Es ist so schwer, so etwas zu entscheiden! Aber wenn du ein verständiges Mädchen bist ...«

»Schweig!«

Sie nahm ein scharfes Papiermesser vom Tisch und hob es drohend im Scherz, der wie Ernst aussah.

»Du bist so schön heute, Agnes,« sagte Falander.

»Heute? Was meinst du? Heute? Hast du das früher nicht gesehen?«

»O doch, das habe ich schon!«

»Warum seufzt du?«

»Das tut man immer, wenn man gebummelt hat.«

»Darf ich dich ansehn? Tun dir die Augen weh?«

»Die durchwachte Nacht, meine Liebe!«

»Ich will gehen, dann kannst du Mittagsschlaf halten!«

»Geh nicht fort! Ich kann doch nicht schlafen!«

»Ich glaube, ich muß ohnehin gehen! Ich bin eigentlich nur hergekommen, um dir das zu sagen!«

Ihre Stimme wurde weich, und ihre Augenlider senkten sich sacht wie der Vorhang nach einer Todesszene. Falander erwiderte:

»Das ist lieb, daß du doch gekommen bist, um abzusagen.«

Sie stand auf und setzte vor dem Spiegel ihren Hut auf.

»Hast du Parfüm hier?« fragte sie.

»Nein, das habe ich im Theater.«

»Du mußt dir das Pfeifenrauchen abgewöhnen; das setzt sich so scheußlich in den Kleidern fest.«

»Das will ich tun.«

Sie bückte sich und machte ihr Strumpfband zu.

»Verzeih!« sagte sie und warf einen bittenden Blick auf Falander.

»Was denn?« antwortete er mit abwesender Miene, als habe er nichts gesehen.

Da die Antwort ausblieb, faßte er sich ein Herz, holte rief Luft und fragte:

»Wo willst du hin?«

»Ich muß ein Kleid anprobieren, du brauchst dich also nicht zu beunruhigen!« antwortete sie, sehr ungezwungen, wie sie glaubte. Er aber hörte an dem falschen Akzent, daß es einstudiert war, und sagte nur:

»Also dann adieu!«

Sie ging auf ihn zu, um sich küssen zu lassen. Er nahm sie in die Arme und drückte sie an die Brust, als wolle er sie ersticken, darauf küßte er sie auf die Stirn, führte sie zur Tür, schob sie hinaus und sagte ganz kurz: »Adieu!«