Eine heiße Nachmittagssonne brannte auf das Pflaster in der großen Provinzstadt X-köping. Im Saal des Ratskellers war es noch still und leer; Tannengrün lag auf dem Fußboden und roch nach Begräbnis; die geeichten Likörflaschen standen auf ihren Regalen und hielten Mittagsschlaf, gerade gegenüber den Branntweinflaschen mit den Ordensketten um den Hals, die bis zum Abend Urlaub hatten; die Wanduhr, die nie Mittagsschlaf halten konnte, stand wie ein langer Rekel an der Wand aufgerichtet und verhökerte die Zeit, während sie einen riesigen Theaterzettel zu studieren schien, der auf einem Garderobenhaken daneben aufgespießt war; der Saal war sehr lang und schmal, und die beiden Längswände waren mit birkenen Tischen besetzt, die von der Wand ausgingen, so daß der Saal das Aussehen eines Stalls bekam, in dem die Tische, alle auf vier Beinen, die Pferde bildeten, die, mit den Hinterteilen dem Zimmer zugewendet, an die Wand gebunden waren; aber nun standen alle und schliefen, hier und da hatte einer das Hinterbein etwas hochgehoben, denn der Boden war recht holperig; daß sie schliefen, konnte man sehen, da die Fliegen ungestört auf ihren Rücken spazierten; aber der sechzehnjährige Kellner, der an die Uhr neben dem Theaterzettel gelehnt saß, schlief nicht, denn er schlug wieder und wieder mit seiner weißen Schürze nach den Fliegen, die eben draußen in der Küche gespeist und sich nun aufgemacht hatten, um ihr Spiel zu treiben; dann sank er wieder zurück und lehnte sein Ohr gegen den dicken Bauch der Uhr, als wolle er feststellen, was sie zu Mittag gegessen habe. Und das sollte er bald erfahren, denn jetzt stieß das lange Biest auf und genau vier Minuten später noch einmal, und dann begann es in seinem Rumpf zu rumoren und zu lärmen, daß der Junge in die Höhe fuhr und hörte, wie die Uhr unter entsetzlichem Röcheln sechsmal hintereinander schlug, um dann wieder zu ihrer stillen Beschäftigung zurückzukehren.
Aber der Junge mußte an seine Arbeit, und er machte jetzt eine Ronde durch seinen Stall, striegelte seine Gäule mit der Schürze und räumte auf, als erwarte er Gäste. Er stellte Streichhölzer auf einen Tisch hinten im Hintergrunde des Saales, von wo ein Beobachter den ganzen langen Raum mit seinen Blicken bestreichen konnte. Neben die Streichhölzer stellte er eine Flasche Absinth und zwei Gläser, ein Likörglas und ein Wasserglas. Darauf ging er nach dem Brunnen, holte eine große Karaffe Wasser, stellte sie neben die feuergefährlichen Dinge auf dem Tisch und machte dann einige Promenaden durch den Saal, wobei er höchst unerwartete Positionen einnahm, als imitiere er jemanden. Jetzt hatte er die Arme über der Brust verkreuzt, hielt den Kopf gesenkt, hatte den linken Fuß vorgestreckt und warf Adlerblicke über die abgeschabten Tapeten der alten Wände; eben verkreuzte er die Beine, die Knöchel der rechten Hand auf dem Tischrand, und hielt in der linken eine Lorgnette aus einem Bierflaschendraht, durch die er spöttisch die Deckenleisten betrachtete, als die Tür aufflog und ein fünfunddreißigjähriger Herr mit einer Sicherheit eintrat, als sei er hier zu Hause. Sein bartloses Gesicht hatte die scharf markierten Züge, die fleißiges Trainieren der Gesichtsmuskeln zu verleihen pflegt und die man nur bei Schauspielern und noch einer andern Gesellschaftsklasse findet; man sah alle Muskeln und Bänder durch die von einem dunklen Bartboden beschattete Haut, ohne das elende Drahtwerk wahrzunehmen, das diese feinen Tasten in Bewegung setzt, denn es war kein gewöhnliches Klavier, das eines Pedals bedurft hätte. Eine hohe Stirn, etwas schmal, mit eingesunkenen Schläfen, erhob sich wie ein echt korinthisches Kapitell; darüber hingen schwarze, ungeordnete Locken wie wilde Pflanzen, zwischen denen kleine, gerade Schlangen hinunterkrochen und zu den Augenhöhlen zu gelangen suchten, ohne jemals dorthin zu kommen. Seine großen, dunklen Augen sahen im Ruhezustand sanft und melancholisch aus, aber er konnte auch Feuer geben, und dann glichen die Pupillen den Mündungen eines Revolvers.
Er ließ sich an dem hergerichteten Tisch nieder und warf einen betrübten Blick auf die Wasserkaraffe.
»Warum stellst du immer Wasser hin, Gustav?«
»Weil Herr Falander nicht verbrennen soll.«
»Was geht es dich an, ob ich verbrenne! Kann ich das nicht halten, wie ich will!«
»Herr Falander sollen heut nicht Nihilist sein!«
»Nihilist! Wer hat dich das Wort gelehrt? Wo hast du das her? Bist du verrückt, Junge? Sag!«
Er stand vom Tisch auf und gab ein paar Schüsse aus seinen dunklen Revolvern ab.
Gustav verstummte vor Furcht und Entsetzen über den Ausdruck in dem Gesicht des Schauspielers.
»Nun, antworte, Junge, wo hast du das Wort her?«
»Herr Montanus hat es neulich gesagt, als er von Träskaala hier war,« antwortete Gustav ängstlich.
»So, Montanus!« wiederholte der düstere Mann und setzte sich wieder. »Montanus ist mein Mann; das ist ein Kerl, der versteht, was man sagt. Hör einmal, Gustav, du kannst mir ruhig erzählen, was für einen Namen, einen Spitznamen, verstehst du, dies Theaterpack mir gegeben hat. Nun, hab keine Angst!«
»Nein, der ist so häßlich, daß ich ihn nicht sagen mag.«
»Warum willst du es nicht, wenn du mir mit so wenig eine Freude machen kannst? Findest du nicht, mir tut etwas Aufheiterung not? Sehe ich so schrecklich vergnügt aus? Vorwärts! Wie sagen sie, wenn sie fragen, ob ich hier gewesen bin? Sagen sie nicht: Ist ...«
»Der Teufel ...«
»Ah! Der Teufel! Das ist ein guter Name. Sie hassen mich, nicht wahr?«
»Ja, schrecklich!«
»Schön! Aber warum? Habe ich ihnen etwas Böses getan?«
»Nein, das können sie nicht sagen!«
»Das glaube ich auch!«
»Aber sie sagen, Herr Falander verdirbt die Menschen!«
»Verdirbt?«
»Ja, sie sagen, Herr Falander hat mich verdorben, weil ich finde, daß alles alt ist!«
»Hm! Hm! Pflegst du ihnen zu sagen, daß ihre Witze alt sind?«
»Ja, alles was sie überhaupt sagen, ist alt; sie sind alle miteinander so alt, daß sie mich anwidern!«
»So! Findest du nicht auch, daß es etwas Altes ist, Kellner zu sein?«
»Aber gewiß! Es ist alt, zu leben, es ist alt, zu sterben, alles ist alt — nein — eins nicht — Schauspieler zu sein!«
»Doch, mein Freund, das ist das Älteste von allem. Sei jetzt still, ich muß mich betäuben!«
Er trank seinen Absinth aus und sank mit dem Kopf gegen die Wand, an der ein langer brauner Streifen zu sehen war, an der Stelle, wo der Rauch seiner Zigarre in den sechs langen Jahren, die er hier gesessen hatte, emporgestiegen war. Die Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster herein, wurden aber erst von den großen Espen draußen durchgeseiht, deren leichtes Blattwerk sich im Abendwinde regte, so daß der Schatten an der Längswand ein bewegliches Netz bildete, in dessen unterster Ecke der Kopf des düsteren Mannes mit seinen ungeordneten Locken einen Schatten warf, der genau wie eine große Spinne aussah.
Gustav hatte sich wieder hingesetzt, um den Uhrenmann zu behorchen, und beobachtete ein nihilistisches Schweigen, während er zusah, wie die Fliegen um die Hängelampe tanzten.
»Gustav!« ertönte es hinten von dem Spinnennetz her.
»Ja!« erklang es vom Uhrgehäuse.
»Leben deine Eltern noch?«
»Nein, das wissen Sie doch, Herr Falander!«
»Das ist gut für dich!«
Eine lange Pause.
»Gustav!«
»Ja!«
»Kannst du nachts schlafen?«
»Was meinen Sie, Herr Falander?« antwortete Gustav und errötete.
»Was ich sage!«
»Natürlich kann ich das! Warum sollte ich es nicht können?«
»Warum willst du Schauspieler werden?«
»Das kann ich nicht sagen! Ich glaube, ich würde glücklich werden!«
»Bist du denn jetzt nicht glücklich?«
»Das weiß ich nicht! Ich glaube es nicht!«
»Ist Herr Rehnhjelm schon hier gewesen?«
»Nein, das ist er nicht, aber er wollte Herrn Falander um diese Zeit hier aufsuchen.«
Eine lange Pause; worauf die Tür geöffnet wird und ein Schatten in das große Netz fällt, das ins Wanken kommt, so daß die Spinne in der Ecke eine hastige Bewegung macht.
»Herr Rehnhjelm?« sagt der düstere Kopf.
»Herr Falander?«
»Seien Sie mir willkommen! Sie haben mich heute schon gesucht?«
»Ja, ich bin heute mittag angekommen und wollte Sie sofort aufsuchen. Sie erraten mein Anliegen; ich möchte mich um ein Engagement beim Theater bewerben.«
»Ach wirklich! Das wundert mich!«
»Wundert es Sie?«
»Ja, allerdings! Aber warum suchen Sie mich zuerst auf?«
»Weil ich weiß, daß Sie der beste Schauspieler sind, und weil ein gemeinsamer Bekannter, der Bildhauer Montanus, Sie mir als einen ausgezeichneten Menschen empfohlen hat.«
»Oh, hat er das? Was kann ich denn für Sie tun?«
»Mir einen Rat geben!«
»Wollen Sie an meinem Tisch Platz nehmen?«
»Danke sehr, wenn ich der Wirt sein darf.«
»Das kann ich nicht zugeben ...«
»Aber als mein eigener Gast, wenn Sie nichts dagegen haben?«
»Wie Sie wünschen! — Sie wollen einen Rat? Hm! — Wollen Sie einen aufrichtigen haben? Ja, natürlich! Aber hören Sie gut zu und nehmen Sie das ernst, was ich Ihnen sage, und vergessen Sie nie, daß ich am heutigen Tage soundso gesagt habe, denn ich habe gewissermaßen die Verantwortung für das, was ich sage.«
»Nun, sprechen Sie Ihre Meinung aus, ich höre!«
»Haben Sie schon Pferde bestellt? Nein! Tun Sie es und reisen Sie wieder nach Hause!«
»Halten Sie mich denn für untauglich, Schauspieler zu werden?«
»Nein, sicher nicht! Ich halte niemanden für untauglich dazu. Im Gegenteil! Alle Menschen haben mehr oder minder das Talent, Menschen darzustellen!«
»Nun also?«
»Ach, das ist etwas ganz anderes, als Sie ahnen! Sie sind jung, Ihr Blut ist in Wallung, tausend Bilder, schöne, helle wie in den Märchenbüchern, wirbeln in Ihrem Kopf durcheinander, aber Sie wollen diese Bilder nicht verbergen, Sie wollen sie ins Licht hinausbringen, sie auf die Arme nehmen und sie zeigen, vor allem sie der Welt zeigen und dabei eine stolze Freude empfinden, — nicht wahr?«
»O gewiß, — Sie sprechen meine Gedanken aus!«
»Ich habe nur den besten und gewöhnlichsten Fall angenommen, denn ich suche nicht schlechte Motive für alles, obwohl ich das meiste recht niedrig einschätze! Also gut, diese Neigung ist so stark, daß Sie lieber Not und Demütigungen auf sich nehmen, sich von Vampiren aussaugen lassen, das Vertrauen ihrer Mitmenschen verlieren, Konkurs machen, untergehen wollen, als umkehren! Nicht wahr?«
»Jawohl! Oh, wie gut Sie mich kennen!«
»Ich habe einmal einen jungen Mann gekannt — jetzt kenne ich ihn nicht mehr, denn er hat sich sehr verändert! Er war fünfzehn Jahre alt, als er der Strafanstalt entlief, die jede Gemeinde für die Kinder unterhält, die das äußerst gewöhnliche Verbrechen begangen haben, zur Welt zu kommen; in dieser Strafanstalt müssen die unschuldigen Kinder die Sünden ihrer Eltern abbüßen, denn wie sollte es sonst kommen .. Ach bitte, erinnern Sie mich, daß ich bei der Sache bleibe! Er hielt sich dann fünf Jahre in Upsala auf und las schauerlich viele Bücher; sein Gehirn wurde in sechs Fächer eingeteilt, in die sechs Sorten von Angaben eingepackt wurden: Angaben von Zahlen und Namen; ganze Speicher voll fertiger Urteile, Schlußfolgerungen, Theorien, plötzlicher Einfälle, Dummheiten. Das mochte noch angehen, denn das Gehirn ist geräumig; aber es sollte auch die Gedanken anderer aufnehmen, alte vermoderte Gedanken, an denen fremde Menschen ihr ganzes Leben lang gekaut hatten und die sie jetzt ausspuckten; da bekam er Erbrechen und da — er war zwanzig Jahre alt, als er zum Theater ging. Sehen Sie meine Uhr an; sehen Sie den Sekundenzeiger: sechzigmal, ehe es eine Minute wird, sechzigmal sechzig, ehe es eine Stunde wird, und das wieder vierundzwanzigmal, und es ist erst ein Tag; das wieder dreihundertfünfundsechzigmal — und es ist erst ein Jahr. Denken Sie nun, zehn Jahre! Herr — sind Sie schon einmal vor einem Hause auf und ab gegangen und haben auf einen lieben Bekannten gewartet? Die erste Viertelstunde vergeht wie ein Nichts; die zweite Viertelstunde — nun, man tut es so gern für einen, den man lieb hat; die dritte Viertelstunde: er kommt nicht; die vierte: Hoffnung und Furcht; die fünfte: man geht fort, kehrt aber wieder um; die sechste: Herr Gott, ich habe meine Zeit unnötig verschwendet; die siebente: aber ich bleibe doch hier, da ich nun einmal so lange geblieben bin; die achte: Raserei, Verwünschungen; die neunte: man geht nach Hause und legt sich auf sein Sofa und fühlt eine Ruhe, als halte man den Tod im Arm. Er wartete zehn Jahre, zehn Jahre lang! Sträuben sich mir nicht die Haare auf dem Kopf, wenn ich zehn Jahre sage? Sehen Sie nach! Es sind doch noch welche da? Zehn Jahre vergingen, bevor er eine Rolle bekam. Und dann hatte er Erfolg — sofort. Und da wäre er beinahe wahnsinnig geworden über seine vergeudeten zehn Jahre; er raste, weil es nicht vor zehn Jahren geschehen war, und wunderte sich, daß das eingetroffene Glück ihn nicht glücklich machte, und so wurde er unglücklich.«
»Meinen Sie, daß er die zehn Jahre nicht gebraucht hat, um seine Kunst zu studieren?«
»Er konnte ja nie studieren, da er nie spielen durfte. Er war eine lächerliche Figur, ein Ausschuß auf dem Theaterzettel; der Direktor sagte, er sei nicht zu gebrauchen, und wenn er sich an einen andern Direktor wendete, sagte der, er habe kein Repertoir!«
»Aber warum war er nicht glücklich, als er Erfolg hatte?«
»Glauben Sie, eine unsterbliche Seele ist damit zufrieden, Erfolg zu haben? — Aber warum über so etwas reden! Ihr Entschluß ist unwiderruflich! Meine Ratschläge sind überflüssig! Es gibt keinen anderen Lehrmeister als die Erfahrung, und er ist sehr launisch und berechnend, genau wie die Lehrer in der Schule; einige Schüler werden immer gelobt, andere bekommen immer Prügel; Sie sind dazu geboren, Lob zu bekommen; glauben Sie nicht, daß ich das in Hinblick auf Ihre Herkunft sage; ich bin aufgeklärt genug, dem weder Gutes noch Böses zuzuschreiben; das ist ein völlig gleichgültiger Faktor in diesem Falle, denn hier gilt der Mensch als Mensch! Ich wünsche Ihnen, daß Sie so rasch wie möglich Erfolg haben, damit Sie aufgeklärt werden — so rasch wie möglich! Sie verdienen das, glaube ich!«
»Aber haben Sie denn keine Achtung vor Ihrer Kunst? Der größten und herrlichsten von allen?«
»Die überschätzt wird wie alles, worüber Menschen Bücher geschrieben haben. Sie ist gefährlich, denn sie kann schaden! Eine schön gesagte Lüge kann einen wahrhaften Eindruck machen! Sie gleicht der Volksversammlung, in der die ungebildete Majorität den Ausschlag gibt. Je oberflächlicher, desto besser — je schlechter, desto besser. Ich habe damit nicht gesagt, daß sie unnötig ist!«
»Was Sie sagen, kann doch nicht wirklich Ihre Ansicht sein!«
»Es ist meine Ansicht, aber sie braucht deshalb ja nicht zuzutreffen.«
»Aber haben Sie denn wirklich keine Achtung vor Ihrer Kunst?«
»Vor meiner? Warum sollte ich vor meiner mehr Achtung haben als vor der anderer?«
»Und Sie haben doch die tiefsinnigsten Rollen gespielt; Sie haben Shakespeare gespielt? Sie haben den Hamlet gespielt? Sind Sie wirklich nie in Ihrem Innersten erschüttert gewesen, wenn Sie den tiefen Monolog ›Sein oder Nichtsein!‹ gesprochen haben?«
»Was meinen Sie mit tief?«
»Tiefsinnig, tief gedacht!«
»Erklären Sie sich! Ist es so tief zu sagen: Soll ich mir das Leben nehmen oder nicht? Ich würde es sehr gern tun, wenn ich wüßte, was nach dem Tode kommt, und das würden alle andern auch tun, aber wir wissen es nun einmal nicht, deshalb wagen wir nicht, uns das Leben zu nehmen. Ist das nun so tiefsinnig?«
»Nein, so nicht ...«
»Nun also! Sie haben ganz sicher schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen? Nicht wahr?«
»Ja, das haben wohl alle Menschen getan!«
»Nun, warum haben Sie es nicht getan? Weil Sie, wie Hamlet, es nicht wagten, weil Sie nicht wissen, was hinterher kommt. Nun, waren Sie da sehr tiefsinnig?«
»Nein, natürlich nicht!«
»Nun also, es ist ganz einfach eine Banalität. Es ist mit einem Wort — wie nennt man das, Gustav?«
»Es ist alt!« kam die Antwort vom Uhrgehäuse her, wo man auf das Stichwort gewartet zu haben schien.
»Ja, es ist alt! Hätte aber der Dichter ein annehmbares Bild von dem künftigen Leben gegeben, das wäre neu gewesen!«
»Ist alles Neue so ausgezeichnet?« fragte Rehnhjelm, der über die neuen Dinge, die er zu hören bekam, sehr niedergeschlagen war.
»Das Neue hat wenigstens ein Verdienst — nämlich: daß es neu ist! Versuchen Sie Ihre Gedanken selber zu denken, und Sie werden sich immer neu finden. Wollen Sie glauben, daß ich gewußt habe, worüber Sie mit mir sprechen würden, bevor Sie in die Tür traten? Und daß ich weiß, was Sie mich nun zunächst fragen werden, nun wir in die Nähe Shakespeares gekommen sind?«
»Sie sind ein sonderbarer Mensch; ich muß gestehen, daß Sie in dem, was Sie sagen, recht haben, obwohl ich es nicht gutheiße.«
»Nun, was halten Sie von der Leichenrede des Antonius an Cäsars Bahre? Ist die nicht merkwürdig?«
»Das gerade wollte ich Sie fragen? Es ist ganz, als könnten Sie meine Gedanken lesen.«
»Ja, das habe ich Ihnen ja eben gesagt. Und ist das so seltsam, da alle Menschen dasselbe denken oder richtiger sagen? Nun, was finden Sie tief daran?«
»Das kann ich mit Worten nicht ausdrücken ...«
»Nun, finden Sie denn nicht, daß es eine ganz gewöhnliche Form einer ironischen Äußerung ist? Man sagt genau das Gegenteil von dem, was man meint, und wenn man die Kanten schärft, so wird keiner umhin können, sich daran zu stechen. Nun, aber haben Sie je etwas Schöneres gelesen als Julias und Romeos Zwiegespräch nach der Hochzeitsnacht?«
»Ja, die Stelle, wo er sagt, er habe geglaubt, es sei die Nachtigall, als es die Lerche war?«
»Welche andere Stelle sollte ich meinen, da die ganze Welt sie meint. Nun, hier beruht doch die Wirkung auf einem einzelnen, sehr häufig angewandten poetischen Bilde; glauben Sie nun, daß Shakespeares Größe auf poetischen Bildern beruht?«
»Warum wollen Sie mir alles zertrümmern, warum wollen Sie mir meinen ganzen Halt nehmen?«
»Ich werfe Ihre Krücken fort, damit Sie — selber gehen lernen. Im übrigen: verlange ich, daß Sie auf das eingehen, was ich sage?«
»Sie verlangen es nicht, Sie zwingen einen, es zu tun!«
»Dann müssen Sie meine Gesellschaft meiden. — Ihre Eltern sind traurig über Ihr Vorhaben?«
»Ja, natürlich! Wie können Sie das wissen?«
»Das sind alle Eltern! Warum müssen Sie mein Urteilsvermögen überschätzen? Sie dürfen überhaupt nicht überschätzen!«
»Glauben Sie, daß man dadurch glücklicher wird?«
»Glücklicher? Hm! Kennen Sie jemanden, der glücklich ist? Antworten Sie jetzt mit eigenen Ansichten, nicht mit fremden Worten!«
»Nein!«
»Nun, wenn Sie nicht glauben, daß irgend jemand glücklich ist, wie können Sie dann davon sprechen, daß man glücklicher wird? — Also Sie haben Eltern! Es ist sehr dumm, Eltern zu haben!«
»Wieso? Wie meinen Sie das?«
»Finden Sie es nicht unnatürlich, daß eine alte Generation eine neue erziehen und sie mit ihren veralteten Dummheiten aufpäppeln soll? Nun, Ihre Eltern verlangen Dankbarkeit von Ihnen? Nicht wahr?«
»Ja, man soll doch auch wohl seinen Eltern dankbar sein?«
»Dankbar dafür, daß sie uns mit gesetzlicher Erlaubnis in dies Elend hineingesetzt, uns mit schlechtem Essen ernährt, uns geschlagen, unterdrückt, gedemütigt, sich unsern Wünschen widersetzt haben? Wollen Sie glauben, daß eine Revolution nötig ist? Nein, zwei! Warum trinken Sie nicht Absinth? Sie haben Angst davor? Ach, sehen Sie, es ist doch das Rote Kreuz darauf! Es heilt die Verwundeten auf dem Schlachtfelde, Freund und Feind! Es betäubt den Schmerz, stumpft die Gedanken ab, tilgt die Erinnerung, erstickt alle edlen Gefühle, die den Menschen verleiten, Torheiten zu begehen, und löscht schließlich das Licht der Vernunft aus. Wissen Sie, was das Licht der Vernunft ist? Das ist erstens eine Phrase, zweitens ein Irrlicht, Sie wissen, so ein Licht, das über Orten umhertanzt, wo Fische vermodert sind und Phosphorwasserstoff erzeugt haben; das Licht der Vernunft ist Phosphorwasserstoff, aus der grauen Gehirnsubstanz erzeugt. Es ist doch merkwürdig, daß alles Gute hier auf Erden untergeht und vergessen wird. Ich habe bei meinen zehnjährigen Streifzügen und meiner anscheinenden Untätigkeit alle Volksbibliotheken durchgelesen, die in den kleinen Städten existieren; alles Schlechte und Bedeutungslose, was in den Büchern steht, wird zitiert und neu gedruckt, aber das Gute bleibt unbeachtet. — Was ich sagen wollte — erinnern Sie mich daran, daß ich bei der Sache bleibe —«
Jetzt begann die Uhr ihr Unwesen zu treiben und donnerte sieben Schläge. — Die Tür flog auf, und herein wälzte sich mit großem Lärm ein Mensch. Es war ein Fünfziger mit fettem, schwerem Kopf, der wie ein Mörser zwischen ein paar fetten Schultern ruhte, wie auf einer Lafette mit einer beständigen Elevation von 45 Grad, und aussah, als wolle er die Sterne bombardieren. Das Gesicht machte den Eindruck, als sei sein Besitzer aller möglichen Verbrechen und aller unmöglichen Laster fähig, werde aber von Feigheit abgehalten, sie zu begehen. Er schleuderte sofort eine Granate auf den Düsteren und verlangte von dem Kellner einen Rumgrog in einer grammatikalisch ungehobelten Sprache, mit einer Stimme wie ein Korporal.
»Das ist der Lenker Ihres Geschicks,« flüsterte der Düstere Rehnhjelm zu. »Das ist der große Tragöde, der Direktor und Intendant, mein Todfeind.«
Rehnhjelm schauderte, als er die entsetzliche Gestalt betrachtete, die einen Blick tiefsten Hasses mit Falander gewechselt hatte und nun dasaß und den Gang mit Spucksalven beschoß.
Darauf öffnete sich die Tür von neuem, und herein glitt ein fast eleganter, älterer Mann mit pomadisiertem Haar und gewachstem Schnurrbart. Er ließ sich vertraulich neben dem Direktor nieder, der ihm den mit einem Karneolring geschmückten Mittelfinger zum Schütteln reichte.
»Das ist der Redakteur der hiesigen konservativen Zeitung: der Verteidiger von Thron und Altar. Er hat freien Zutritt zu den Kulissen und möchte alle Mädchen verführen, auf die nicht der Direktor seine Augen wirft. Er war früher königlicher Beamter, mußte die Stellung aber aufgeben, — ich schäme mich, zu sagen, warum,« erläuterte Falander. »Aber ich schäme mich auch, im selben Raum zu sitzen wie diese Herren, und ich gebe außerdem hier heute abend meinen Freunden ein kleines Fest anläßlich meines gestrigen Benefizes. Wenn Sie Lust haben, in schlechter Gesellschaft zu sein, mit den verworfensten Subjekten, zwei übel beleumundeten Damen und einem alten Lump von Herrn, so sind Sie mir um acht Uhr willkommen.«
Rehnhjelm zögerte nicht einen Augenblick, die Einladung anzunehmen.
Die Spinne an der Wand kletterte durch ihr Netze wie um es zu inspizieren, und verschwand dann. Die Fliege blieb noch eine kleine Weile sitzen. Aber die Sonne verkroch sich hinter der Domkirche, die Maschen des Netzes lösten sich auf, als seien sie nie gewesen, und die Espen zitterten vor dem Fenster. Da aber erhob der große Mann, der künstlerische Direktor, seine Stimme und schrie, denn das Sprechen hatte er verlernt; und er sagte:
»Nun, du hast gesehen, wie das Wochenblatt mich wieder angegriffen hat.«
»Ach, um das Geschwätz mußt du dich nicht kümmern!«
»Ich soll mich nicht darum kümmern! Was meinst du damit, zum Teufel? Liest es nicht die ganze Stadt? Oh, ich werde mich schon darum kümmern! Ich gehe zu ihm in die Wohnung und verprügele ihn, das tue ich! Er behauptet ganz frech, ich übertreibe und sei affektiert.«
»Nun, so bestich ihn doch! Aber mache keinen Skandal!«
»Bestechen? Denkst du, das habe ich nicht versucht? Diese liberalen Zeitungsschreiber sind verdammt sonderbare Leute! Wenn man mit ihnen befreundet und bekannt ist, können sie nett über einen schreiben, aber bestechen, das geht nicht, und wenn sie noch so arm sind!«
»Ach, du verstehst dich nicht darauf! Man muß nicht gerade drauflos gehen, sondern muß ihnen Geschenke schicken, die man versetzen kann, oder auch bares Geld, anonym, und sich dann später nie etwas merken lassen!«
»Wie man es mit dir macht? Nein du, das geht bei ihnen nicht; ich habe es schon versucht. Es ist eine Hölle, mit Leuten mit Prinzipien zu tun zu haben.«
»Was meinst du, was war das für ein Opfer — um das Thema zu wechseln —, das der Teufel in den Klauen hatte?«
»Das geht mich nichts an!«
»Vielleicht doch! Gustav! Wer war der Herr, den Falander bei sich hatte?«
»Ja, der will zum Theater und heißt Rehnhjelm.«
»Was sagst du? Der will zum Theater? Der?« schrie der Direktor.
»Ja, das will er,« antwortete Gustav.
»Und Tragödie spielen, natürlich. Und von Falander protegiert werden? Und sich nicht an mich wenden? Und meine Rollen nehmen? Und uns die Ehre erweisen. Und ich weiß kein Wort von der Sache? Ich? Ich? Das tut mir leid um ihn! Es ist schade um ihn! Was für eine schreckliche Zukunft! Ich werde ihn natürlich protegieren! Ich werde ihn unter meine Flügel nehmen! Man fühlt die Kraft meiner Flügel, auch wenn ich nicht fliege! Sie haben einen guten Druck! Das war ein schmucker Kerl! Ein feiner Kerl! Schön wie ein Antigonus! Schade, daß er nicht zuerst zu mir gekommen ist, dann hätte er Falanders sämtliche Rollen bekommen! Oh! Oh! Oh! Aber das ist noch nicht zu spät! Ha! Erst muß der Teufel ihn verderben! Er ist noch etwas zu frisch! Er sah wirklich unverdorben aus! Armer Junge! Ja, ich sage nur: Gott behüte ihn!«
Der Laut des letzten Stoßgebets erstarb unter dem Lärm, der entstand, als nun alle Groggäste der Stadt sich einfanden.