Frau Falk hatte am selben Nachmittag, als ihr Mann zu der Versammlung des Triton gegangen war, ihr neues blaues Samtkleid geschickt bekommen, mit dem sie jetzt gleich auf frischer Tat Frau Revisor Homan, die ihr gegenüber wohnte, ärgern wollte. Und nichts war leichter und einfacher, denn sie brauchte sich nur am Fenster zu zeigen — und dazu hatte sie tausend Anlässe, während sie die Arrangements in den Zimmern überwachte, mit denen sie ihre Gäste, die sie um sieben Uhr zur Sitzung erwartete, »zu Boden schmettern« wollte. Die Direktion der Kinderkrippe Bethlehem wollte nämlich zusammentreten und den ersten Monatsbericht prüfen. Nun bestand aber die Direktion aus Frau Revisor Homan, deren Mann — als Beamter — nach Frau Falks Ansicht hochmütig war, aus der adelsstolzen Baronin Rehnhjelm und aus Pastor Skaare, der in allen vornehmen Häusern Hausprediger war und deshalb gedruckt werden mußte. Aus diesem Grunde sollte die ganze Direktion auf die denkbar großartigste und liebenswürdigste Art zu Boden geschmettert werden. Die Inszenierung hatte schon bei der großen Gesellschaft begonnen, für die alles alte Mobiliar, das keinen Antiquitäts- oder Kunstwert besaß, weggeschafft und durch blendend Neues ersetzt worden war. Die mitwirkenden Figuren wollte Frau Falk bis zum Ende der Sitzung leiten, dann sollte eine Störung durch Falk kommen, der einen Admiral mit nach Hause brachte — er hatte seiner Frau mindestens einen Admiral mit Uniform und Orden versprochen —, worauf Falk und der Admiral die Bitte stellen sollten, als zahlende Mitglieder in die Krippe aufgenommen zu werden; Falk sollte außerdem einen Teil des Gewinns, den er bei der Dividendenausteilung in der Aktiengesellschaft Triton so ohne sein Zutun eingeheimst hatte, als Schenkung zur Verfügung stellen.
Frau Falk hatte jetzt ihre Arbeit am Fenster erledigt und machte nun den perlmuttereingelegten Jakarandatisch zurecht, an dem der Monatsbericht verlesen werden sollte. Sie wischte das Achattintenfaß ab, legte den silbernen Federhalter auf die Schildpattschale, drehte das Petschaft mit dem Chrysoprasschaft so, daß der bürgerliche Namenszug nicht zu sehen war, schüttelte vorsichtig die aus feinstem Stahldraht verfertigte Geldkassette, so daß die Ziffer einiger darin als Gefangene verwahrten Banknoten (ihre Handkasse) sichtbar wurde, und erteilte dann dem Diener, der in Gala war, ihre letzten Befehle. Darauf setzte sie sich in den Salon und nahm eine sorglose Stellung ein, in der sie von der Meldung ihrer Freundin, der Frau Revisor, überrascht werden wollte, die sicher zuerst kommen würde, — und das tat sie auch. Frau Falk umarmte Evelyn und küßte sie auf die Wange, und Frau Homan umarmte Eugenie, die sie an der Tür zum Eßzimmer empfing, wo sie sie zurückhielt, um sie nach ihrer Meinung über die neuen Möbel zu fragen. Die Frau Revisor wollte aber nicht bei dem festungsartigen eichenen Büfett aus der Zeit Karls XII. mit den hohen japanischen Vasen verweilen, weil sie sich davon überwältigt fühlte, sondern wendete sich der Kerzenkrone zu, die sie zu modern fand, und dem Eßtisch, der nicht zum Stil passe; sie fand außerdem, die Öldrucke hätten nichts zu suchen zwischen den alten Familienbildern, und sie brauchte eine gute Weile, um den Unterschied zwischen einem Ölgemälde und einem Öldruck zu erklären; Frau Falk streifte gegen alle Möbelkanten, die ihr erreichbar waren, um durch das Rascheln ihres neuen Samtkleides die Aufmerksamkeit der Freundin zu erregen, aber es gelang ihr nicht. Sie fragte die Freundin, wie ihr der neue Brüsseler Teppich im Salon gefalle; und als diese fand, er kontrastiere zu sehr mit den Vorhängen, wurde sie ärgerlich und hörte auf zu fragen.
Man ließ sich am Tisch im Salon nieder und begann sofort nach den Rettungsbojen zu greifen — nach Photographien, unlesbaren Gedichtbüchern und ähnlichem. Ein kleines Blatt fiel der Frau Revisor in die Hände; es war auf rosa Papier mit Goldschnitt gedruckt und trug den Titel »An Großhändler Nikolaus Falk bei Vollendung seines vierzigsten Lebensjahres«.
»Ah, das sind die Verse, die neulich auf der Gesellschaft vorgelesen wurden. Wer hat sie doch noch geschrieben?«
»Ja, das ist ein Genie, ein Freund meines Mannes. Er heißt Nyström.«
»Hm! Komisch, daß man den Namen noch nie gehört hat! Also ein Genie! Aber warum hat man ihn auf der Gesellschaft nicht zu sehen bekommen?«
»Er war krank, bedauerlicherweise, da konnte er nicht kommen, meine Liebe!«
»Ach so! Ja, meine liebe Eugenie, es ist schrecklich traurig mit deinem Schwager! Er ist schlimm dran!«
»Sprich nicht von ihm! Es ist eine Schande und ein Kummer für die Familie, ganz schrecklich!«
»Es war recht unangenehm auf der Gesellschaft, weißt du, wenn Leute kamen und mich nach ihm fragten. Ja, meine liebe Eugenie, ich habe mich wirklich geschämt für dich ...«
Das ist für das Büfett aus der Zeit Karls XII. und die japanischen Vasen, dachte die Frau Revisor.
»Für mich? O bitte sehr, für meinen Mann, meinst du?« fiel Frau Falk ein.
»Nun, das ist wohl dasselbe, scheint mir!«
»Nein, durchaus nicht! Ich denke gar nicht daran, mich für alle Taugenichtse verantwortlich zu fühlen, mit denen mein Mann verwandt zu sein geruht!«
»Wie schade, daß deine Eltern neulich auf der Gesellschaft auch krank sein mußten. Wie geht es deinem lieben Papa jetzt?«
»Danke, sehr gut! Wie nett und besorgt du bist!«
»Nun ja, man muß doch nicht nur an sich selbst denken! Ist er sehr kränklich, der alte — wie soll ich ihn nennen?«
»Kapitän, bitte!«
»Kapitän? Ich glaube mich doch zu erinnern, mein Mann sagte, er sei — Flaggschiffer, aber das wird dasselbe sein. Und von den Töchtern war auch keine da.«
Das ist für den Brüsseler Teppich, dachte die Frau Revisor.
»Nein! Die sind so launenhaft, auf die kann man nie rechnen.«
Frau Falk sah ihr ganzes Photographiealbum durch, daß der Einband krachte. Sie war ganz rot vor Wut.
»Sag einmal, liebe Eugenie,« fuhr die Frau Revisor fort, »wie hieß doch dieser unangenehme Herr, der neulich abends die Verse vorlas?«
»Du meinst Levin, den Königlichen Sekretär Levin; das ist der intimste Freund meines Mannes.«
»Ach, wirklich! Hm! Wie sonderbar! Mein Mann ist Revisor im selben Amt, wo er Sekretär ist, und ich will dich gewiß nicht traurig machen oder dir etwas Unangenehmes sagen; so etwas sage ich nie zu einem Menschen; aber mein Mann behauptet, er soll in sehr schlechten Verhältnissen leben. Also das ist sicher keine passende Gesellschaft für deinen Mann.«
»Sagt er das? Das ist etwas, was ich nicht weiß und worein ich mich auch nicht mische. Ich will dir sagen, meine liebe Evelyn, ich mische mich nie in die Angelegenheiten meines Mannes, wenn es auch viele Leute gibt, die das tun!«
»Verzeih, meine Liebe, aber ich glaubte, dir einen Dienst zu leisten, wenn ich dir dies sagte.«
Das war für den Kronleuchter und den Eßtisch! Blieb nur noch das Samtkleid!
»Nun,« fing die gute Frau Revisor wieder an, »dein Schwager soll ja, soviel ich gehört habe ...«
»Schone meine Gefühle und sprich nicht von einem verkommenen Menschen!«
»Ist er wirklich verkommen? Ich hörte, er solle mit den schlechtesten Menschen verkehren, die man sich vorstellen kann ...«
Hier wurde Frau Falk begnadigt, denn der Diener meldete Ihre Gnaden die Baronin Rehnhjelm.
O wie willkommen sie sei! O wie liebenswürdig von ihr, ihnen die Ehre zu erweisen!
Und liebenswürdig war sie wirklich, die alte Dame mit dem freundlichen Gesicht, wie es nur ein Mensch haben kann, der mit dem wahren Mut durch alle Stürme hindurchgegangen ist.
»Nun, liebe Frau Falk,« sagte Ihre Gnaden, nachdem sie Platz genommen hatte, »ich kann Sie von Ihrem Schwager grüßen!«
Frau Falk fragte sich, was sie der Person Böses getan habe, daß nun auch die mit Sticheleien kam, und sie antwortete in gekränktem Ton: »Ach so!«
»Ja, das ist ein so liebenswürdiger junger Mann; er war heute bei mir und hat meinen Neffen besucht; sie sind so gute Freunde! Oh, das ist ein ganz vortrefflicher junger Mann!«
»Ja, nicht wahr?« fiel die Frau Revisor ein, die bei Frontveränderungen nie auf sich warten ließ. »Wir haben eben von ihm gesprochen.«
»Wirklich? Und was ich am meisten bewundere, ist sein Mut, eine solche Laufbahn einzuschlagen, bei der man so leicht auf Grund gerät; aber so etwas brauchen wir bei ihm nicht zu befürchten, er ist ein Mensch von Charakter und Prinzipien; finden Sie nicht auch, liebe Frau Falk?«
»Ja, ich habe das auch immer gesagt, aber mein Mann war anderer Meinung.«
»Ach, dein Mann«, fiel die Frau Revisor ein, »hat immer seine Meinungen für sich gehabt.«
»Also, er verkehrt mit Ihrem Neffen, Frau Baronin?« nahm Frau Falk eifrig das Gespräch wieder auf.
»Ja, sie haben einen kleinen Zirkel, in dem auch Künstler sind. Sie haben doch von dem jungen Sellén gelesen, dessen Bild von Seiner Majestät angekauft worden ist?«
»Ja natürlich, wir waren auf der Ausstellung und haben es gesehen. Der ist auch dabei?«
»Ja, das ist er. Es soll den jungen Leuten oft recht kläglich gehen, wie jungen Menschen wohl fast immer, wenn sie sich in der Welt emporarbeiten sollen.«
»Dein Schwager soll ja Poet sein,« sagte die Frau Revisor.
»Nun, das will ich meinen! Hm! er schreibt ganz ausgezeichnet; er hat in diesem Jahre einen Preis von der Akademie bekommen, und mit der Zeit wird sicher etwas Großes aus ihm werden,« antwortete Frau Falk mit voller Überzeugung.
»Ja, das habe ich ja immer gesagt,« bestätigte die Frau Revisor.
Und nun gingen sie mit Arvid Falks Vortrefflichkeit hausieren, so daß er schon im Tempel des Ruhms angelangt war, als der Diener Pastor Skaare meldete. Dieser trat mit eiligen Schritten ein und begrüßte die Damen hastig.
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich spät komme, aber ich habe nicht viele Minuten Zeit. Ich muß um halb neun zur Sitzung bei der Gräfin von Fabelkrantz und komme direkt von meiner Arbeit.«
»Oh, daß Sie es so eilig haben, Herr Pastor!«
»Ja, meine ausgedehnte Tätigkeit läßt mir keine Ruhe. Vielleicht können wir also gleich zu den Verhandlungen schreiten.«
Von dem Diener wurden Erfrischungen hereingebracht.
»Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken, Herr Pastor, ehe wir anfangen?« fragte die Wirtin, die wieder das Unbehagen einer kleinen Enttäuschung verspürte.
Der Pastor warf einen Blick über das Tablett.
»Danke, nein; da Punsch da ist, trinke ich den. Ich habe es mir zur Regel gemacht, meine Damen, nie in meinem äußeren Leben von meinen Mitmenschen abzustechen. Alle Menschen trinken Punsch, ich liebe dies Getränk nicht, aber die Welt soll nicht sagen, ich sei besser als sie, und Heuchelei ist ein Laster, das ich verabscheue! Darf ich den Bericht vorlesen?«
Er ließ sich am Schreibtisch nieder, tauchte die Feder ein und begann:
»Über die im Monat Mai eingegangenen Gaben für die Kinderkrippe Bethlehem wird hierdurch von der Verwaltung Bericht erstattet. Unterzeichnet Eugenie Falk.
Geborene — wenn ich fragen darf ...«
»Ach, das ist nicht nötig,« versicherte Frau Falk.
»Evelyn Homan.«
»Geborene — wenn ich bitten darf ...«
»Von Bähr, lieber Herr Pastor!«
»Antoinette Rehnhjelm.«
»Geborene, meine Gnädige ...«
»Rehnhjelm, Herr Pastor.«
»Ach richtig, verheiratet mit dem Vetter, der Mann tot, kinderlos! Wir können fortfahren! Eingegangene ...«
Allgemeine (fast allgemeine) Bestürzung!
»Aber«, wendete die Frau Revisor ein, »setzen Sie nicht auch Ihren Namen darunter, Herr Pastor?«
»Ich verabscheue Heuchelei so sehr, meine Damen, aber wenn Sie es wünschen! Bitte sehr!«
»Nathanael Skaare.«
»Prosit, Herr Pastor; trinken Sie ein wenig, bitte, ehe Sie anfangen,« bat die Wirtin mit einem bezaubernden Lächeln, das matter wurde, als sie sah, daß das Glas des Pastors geleert war, worauf sie es von neuem füllte.
»Ich danke Ihnen, gnädige Frau, aber wir wollen nicht zu heftig vorgehen! Wir fangen also an. Wollen Sie bitte das Manuskript vergleichen!
Eingegangene Gaben: Ihre Majestät die Königin: 40 Kronen. Gräfin von Fabelkrantz: 5 Kronen und ein Paar wollene Strümpfe. Kommerzienrat Schalin: 2 Kronen, ein Stoß Kuverte, sechs Bleistifte und eine Flasche Tinte. Fräulein Amanda Libert: eine Flasche Eau de Cologne. Fräulein Anna Feif: ein Paar Manschetten. Karlchen: 25 Pfennig aus seiner Sparbüchse. Fräulein Johanna Pettersson: eine halbes Dutzend Handtücher. Fräulein Emilie Björn: ein Neues Testament. Kolonialwarenhändler Persson: ein Beutel Hafergrütze, ein Viertelzentner Kartoffeln und eine Flasche eingemachte Zwiebeln. Kaufmann Scheike: zwei Paar wollene Un —«
»Meine Herrschaften,« unterbrach Ihre Gnaden, »darf ich mir eine Frage erlauben: Soll dies wirklich gedruckt werden?«
»Ja, natürlich,« antwortete der Pastor.
»Dann bitte ich aus der Direktion austreten zu dürfen.«
»Glauben Eure Gnaden wirklich, die Gesellschaft könne durch freiwillige Gaben weiterbestehen, wenn die Namen der Geber nicht gedruckt werden? Ausgeschlossen!«
»Und die Wohltätigkeit soll also der kleinlichsten Eitelkeit Glanz und Gewicht geben?«
»Aber nein! Nicht so! Eitelkeit ist ein Übel, sehr richtig, ja! Wir verkehren das Böse in Gutes, wir verwandeln es in Wohltätigkeit, ist das nicht gut?«
»Ja, aber wir dürfen einer kleinlichen Sache nicht einen schönen Namen geben; das ist Heuchelei!«
»Eure Gnaden sind sehr streng; die Heilige Schrift sagt, man soll nachsichtig sein; vergebt ihnen ihre Eitelkeit!«
»Ja, Herr Pastor, ich vergebe ihnen, aber mir selbst nicht! Daß beschäftigungslose Damen sich mit Wohltätigkeit unterhalten, das ist verzeihlich, das ist brav, aber daß sie das eine gute Tat nennen, was nur ein Vergnügen ist, ein Vergnügen, größer als andere durch den Reiz, den die Öffentlichkeit, die größte Öffentlichkeit, die es gibt, nämlich die Publikation im Druck, ihm verleiht, das ist schändlich!«
»Ach,« griff Frau Falk ein mit der ganzen Kraft ihrer furchtbaren Logik, »meinen Eure Gnaden, es ist schändlich, Gutes zu tun?«
»Nein, kleine Freundin, aber drucken zu lassen, daß man ein paar wollene Strümpfe gespendet hat, das halte ich für schimpflich.«
»Nun, aber ein paar wollene Strümpfe schenken ist doch Gutes tun, also ist es schimpflich, Gutes zu tun ...«
»Nein, es drucken zu lassen, mein Kind; Sie müssen hören, was ich sage,« wies Ihre Gnaden die hartnäckige Hausfrau zurecht, die sich noch nicht ergab, sondern fortfuhr:
»Ach, das Drucken ist schimpflich! Nun, aber die Bibel ist doch auch gedruckt, dann ist es also auch schimpflich, die Bibel zu drucken ...«
»Wollen Sie bitte fortfahren, Herr Pastor,« unterbrach Ihre Gnaden, etwas verletzt durch die ungezogene Art, mit der die Hausfrau ihre Dummheiten verfocht, aber diese ließ nicht nach.
»Ach so, Eure Gnaden halten es für unter ihrer Würde, mit einer so geringen Frau wie mir Ansichten auszutauschen ...«
»Nein, mein Kind, aber behalten Sie Ihre Ansicht; ich möchte nicht tauschen.«
»Nennt man das diskutieren, frage ich? Herr Pastor, wollen Sie uns bitte sagen, ob man es diskutieren nennen kann, wenn der eine Teil sich weigert, auf die Beweisführung des andern zu antworten?«
»Meine beste Frau Falk, diskutieren kann man das allerdings nicht nennen,« antwortete der Pastor mit einem zweideutigen Lächeln, das Frau Falk beinahe zum Weinen gebracht hätte. »Aber wir wollen eine gute Sache nicht durch Zank verderben, meine Damen. Wir schieben den Druck auf, bis der Fonds größer wird. Wir haben das junge Unternehmen aufkeimen sehen wie ein Samenkorn, und wir wissen, daß viele wohlwollende Hände gesonnen sind, die junge Pflanze zu pflegen; aber wir müssen an die Zukunft denken. Die Gesellschaft hat einen Fonds; dieser Fonds muß verwaltet werden, wir müssen mit andern Worten darauf bedacht sein, uns nach einem Verwalter umzusehen, einem praktischen Mann, der die eingegangenen Gaben veräußern und sie in Geld verwandeln kann; wir müssen mit andern Worten einen Rendanten wählen. Ich fürchte, eine solche Persönlichkeit können wir nicht ohne pekuniäre Opfer bekommen — und was bekommt der Mensch ohne solche Opfer? Haben die Damen eine geeignete Persönlichkeit für dieses Amt vorzuschlagen?«
Nein, daran hatten die Damen nicht gedacht.
»Nun, dann möchte ich einen jungen Mann von ernster Gemütsart in Vorschlag bringen, den ich für geeignet halte. Hat die Direktion etwas dagegen, daß Sekretär Eklund gegen eine mäßige Entschädigung Rendant der Krippe wird?«
Nein, dagegen hatten die Damen nichts, besonders da Pastor Skaare ihn empfahl, und das konnte er um so mehr, als der Sekretär ein naher Verwandter von ihm war. Und so bekam die Gesellschaft einen Rendanten, mit sechshundert Kronen Gehalt.
»Meine Damen,« nahm der Pastor wieder das Wort, »finden Sie nicht, daß wir für heute genug im Weinberg gearbeitet haben?«
Schweigen. Frau Falk blickt nach der Tür, ob ihr Mann nicht kommt.
»Meine Zeit ist knapp, und ich sehe mich außerstande, länger zu verweilen! Hat jemand noch etwas hinzuzufügen? — Nein! — Aber indem ich Gottes Beistand für unser Unternehmen anflehe, das einen so schönen Anfang genommen hat, wünsche ich uns allen Gnade und Segen und kann das nicht mit besseren Worten tun, als er selber uns gelehrt hat, da er uns beten lehrte: Abba, lieber Vater! Vater unser ...«
Er verstummte, als scheue er sich, seine eigene Stimme zu hören, und die Gesellschaft hielt die Hände vor die Augen, als schäme sie sich, sich ins Gesicht zu sehen. Die Pause wurde lang, länger, als man ertragen konnte; sie wurde zu lang, aber keiner wagte sie zu unterbrechen; man blickte zwischen den Fingern durch, ob nicht jemand eine Bewegung machen würde, als ein heftiges Klingeln draußen im Korridor die Gesellschaft wieder auf die Erde riß.
Der Pastor nahm seinen Hut, trank sein Glas aus und erinnerte ein wenig an einen Menschen, der sich davonschleichen will. Frau Falk strahlte, denn jetzt würde die Zerschmetterung kommen, und die Rache und die Rehabilitierung, und ein lebhaftes Feuer strahlte aus ihren Augen.
Und die Rache kam, und die Zerschmetterung auch, denn der Diener brachte einen Brief herein, der von ihrem Manne geschrieben war; was er enthielt — das erfuhren die Gäste nicht, aber sie sahen genug, um sofort zu erklären, sie wollten nicht länger stören, und sie würden zu Hause erwartet.
Ihre Gnaden, die gern bleiben wollte, um die junge Frau zu beruhigen, deren Aussehen einen hohen Grad von Unruhe und Kummer verriet, wurde jedoch keineswegs dazu ermuntert, sondern ihr wurde im Gegenteil eine so auffallende Aufmerksamkeit beim Anziehen der Sachen erwiesen, daß es den Eindruck machte, als wolle man sie am liebsten so rasch wie möglich auf der Straße sehen.
Man trennte sich unter recht großer Verlegenheit, die Schritte erstarben auf der Treppe, und die Fortgehenden konnten an dem nervösen Knacken des Schlosses, das hinter ihnen zugemacht wurde, hören, daß die arme Hausfrau die Einsamkeit herbeisehnte, um ihren Gefühlen Luft zu machen. Und das tat sie. Als sie in den großen Zimmern allein geblieben war, brach sie in heftiges Weinen aus; aber es waren nicht Tränen, die wie Mairegen auf ein altes, verstaubtes Herz fallen, es war die Galle des Zorns und der Wut, die den Spiegel der Seele verdunkelt und dann niedertropft und wie Säure die Rosen der Gesundheit und Jugend zerfrißt.