Zwölftes Kapitel
Seeversicherungsaktiengesellschaft
Triton

Levi war ein junger Mann, der, zum Kaufmann geboren und erzogen, eben im Begriff stand, sich mit Hilfe seines reichen Vaters selbständig zu machen, als der Vater starb und nichts hinterließ als eine unversorgte Familie. Das war eine große Enttäuschung für den jungen Mann, denn er war jetzt in den Jahren, da er meinte, selber mit arbeiten aufhören und andere für sich arbeiten lassen zu können; er war fünfundzwanzig Jahre alt und hatte ein vorteilhaftes Äußeres; breite Schultern und das völlige Fehlen von Hüften machten seinen Rumpf besonders geeignet, einen Gehrock in der Weise zu tragen, wie er es so oft bei gewissen ausländischen Diplomaten bewundert hatte; sein Brustkorb hatte von Natur die elegante Wölbung, die einer Hemdbrust mit vier Knöpfen volle Elevation geben kann, auch wenn der Träger auf dem Lehnstuhl an der Schmalseite eines langen, mit Mitgliedern vollbesetzten Direktionstisches niedersinkt; ein schön geteilter Vollbart gab seinem jungen Gesicht ein einnehmendes und zugleich vertrauenerweckendes Aussehen; seine kleinen Füße waren dazu geschaffen, über einen Brüsseler Teppich in einem Direktionsbüro zu schreiten, und seine wohlgepflegten Hände eigneten sich besonders gut für eine leichtere Arbeit, zum Beispiel, seinen Namen zu unterzeichnen, am liebsten auf gedruckten Formularen. In dieser Zeit, die man heute die gute nennt, obwohl sie tatsächlich für viele recht bös war, hatte man soeben die große Entdeckung — die größte des Jahrhunderts — gemacht: — daß es billiger und angenehmer ist, vom Gelde anderer zu leben als von seiner eigenen Arbeit. Viele, viele hatten sie sich schon zunutze gemacht, und da sie nicht patentamtlich geschützt war, darf niemand sich wundern, daß auch Levi sich beeilte, sich ihrer zu bedienen, besonders da er selber jetzt kein Geld besaß und keine Lust hatte, für eine Familie zu arbeiten, die nicht seine eigene war.

Er zog also eines Tages seinen besten Anzug an und lenkte seine Schritte zu seinem Onkel Smith.

»So, also du hast eine Idee; nun, laß hören! Es ist gut, Ideen zu haben.«

»Ich wollte eine Aktiengesellschaft gründen.«

»Schön! Dann wird Aron Rechnungsführer, Simon Sekretär, Isaak Kassierer und die andern Jungen Buchhalter; das ist eine gute Idee. Nun weiter! Was für eine Gesellschaft soll es sein?«

»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft, habe ich gedacht.«

»So so, das ist schön! Alle Menschen müssen ihre Sachen versichern, wenn sie eine Seereise machen. Aber deine Idee? Nun?«

»Das ist meine Idee!«

»Das ist keine Idee! Wir haben doch die große Gesellschaft Neptun! Nun also! Das ist eine gute Gesellschaft! Deine muß besser sein, wenn du mit ihr konkurrieren willst! Was ist das Neue an deiner Gesellschaft?«

»Oh, ich verstehe! Ich ermäßige die Prämien, dann bekomme ich alle Kunden des Neptun!«

»Ja, das ist eine Idee! Also der Prospekt, den ich natürlich drucken lasse, enthält als Ouvertüre: ›Da es ein lange empfundenes Bedürfnis ist, die Seeversicherungsprämien herabzusetzen, dies aber aus Mangel an Konkurrenz nicht geschehen ist, so geben sich Unterzeichnete hiermit die Ehre, zur Aktienzeichnung für die Gesellschaft‹ ... Nun?«

»Triton!«

»Triton? Was ist das für ein Mann?«

»Das ist ein Meergott!«

»Na schön! Triton! Das wird ein gutes Plakat. Das mußt du bei Rauch in Berlin machen lassen, dann wird es nachher in ›Unser Land‹ abgedruckt. Nun also! Unterzeichnete! Ja! das wäre zunächst ich! Aber wir müssen große, gute Namen haben! Gib mir den Staatskalender her! So!«

Smith blätterte eine gute Weile.

»Eine Seeversicherungsaktiengesellschaft müßte einen hohen Seeoffizier haben. Nun, warte einmal! Admiral nennt man das ja wohl!«

»Ach, die haben ja kein Geld!«

»Ei, ei, ei! Verstehst du so wenig von Geschäften, mein Junge? Sie zeichnen, brauchen aber nicht einzubezahlen, und dann bekommen sie ihre Zinsen dafür, daß sie die Generalversammlungen besuchen und an den Diners beim Direktor teilnehmen. Nun also! Hier sind zwei Admirale! Der eine hat das Ordensband des Polarsterns, der andere aber hat den russischen Annenorden! Was macht man da! — Ja! — Nun also! — Wir nehmen den Russen, denn Rußland ist ein gutes Seeversicherungsland! So!«

»Aber glaubst du denn, Onkel, daß sie sich so einfach nehmen lassen?«

»Ach, sei doch still! Jetzt müssen wir einen ehemaligen Minister haben! — So! Nun also! Mit dem Titel Exzellenz! Ja! Gut! — und dann einen Grafen! Das ist schwieriger! Grafen haben so viel Geld! Wir nehmen einen Professor! Die haben nicht viel Geld! Gibt es Professoren der Schiffahrt? Das wäre gut für das Geschäft! Ist neben dem Restaurant vom Südtheater nicht ein Segelklub? Ja! Nun also! Jetzt ist die Sache in Ordnung! Ach, ich habe das Wichtigste vergessen. Ein Jurist! Ein Justizrat! Nun also! — Da haben wir ihn!«

»Ja, den; aber wir haben noch kein Geld!«

»Geld! Was soll man mit Geld, wenn man eine Gesellschaft gründet! Muß nicht der, der sein Gut versichert, das selber bezahlen? Jawohl! Sollen wir für ihn bezahlen? Nein! Also die Leute müssen mit ihren Prämien bezahlen! Nun also!«

»Aber das Grundkapital?«

»Ach! Man schreibt Grundkapital-Obligationen aus.«

»Ja, aber man muß einen Teil auch bar einzahlen!«

»Jawohl, man zahlt bar ein mit Obligationen. Ist das nicht bezahlen? Nun also! Wenn ich dir eine Obligation für eine bestimmte Summe gebe, so bekommst du in jeder Bank Geld darauf. Ist eine Obligation also kein Geld? Nun also! Und in welchem Gesetz steht, daß bar dasselbe ist wie Banknoten? Dann sind Privatbanknoten auch kein Bargeld! Was?«

»Wie groß muß das Grundkapital sein?«

»Sehr klein! Man darf keine großen Kapitalien festlegen. Eine Million! Davon werden dreihunderttausend bar eingezahlt, der Rest in Obligationen!«

»Aber, aber, aber! Die dreihunderrtausend Kronen müssen doch wohl in Banknoten eingezahlt werden?«

»O du mein Schöpfer! Banknoten? Banknoten sind doch kein Geld! Hat man Banknoten, ist es gut, hat man keine, auch gut! Nun also! Deshalb muß man kleine Leute interessieren, die nur Banknoten haben!«

»Aber die großen? Womit bezahlen die?«

»Mit Aktien, Obligationen, Schuldscheinen natürlich! Nun, nun, nun! Das kommt später! Laß sie nur zeichnen, so werden wir das übrige schon arrangieren!«

»Aber nur dreihunderttausend? So viel kostet ja ein einziger großer Dampfer! Wenn man nun tausend Dampfer versichert?«

»Tausend? Oh! Neptun hatte achtundvierzigtausend Versicherungen im vorigen Jahr und hat sich nur gerade so gehalten!«

»Nun, um so schlimmer! Aber wenn — wenn es nun schief geht ...«

»Dann liquidiert man!«

»Liquidiert?«

»Ja, macht Konkurs! Das nennt man so! Und was tut es, wenn die Aktiengesellschaft Konkurs macht? Nicht du, nicht ich, nicht er macht Konkurs! Sonst aber pflegt man eine neue Aktienausgabe zu machen, oder man fertigt Obligationen aus, die dann in schweren Zeiten vom Staat preiswert eingelöst werden können!«

»Es ist also kein Risiko?«

»Gar keins! Übrigens, was hast du zu riskieren? Hast du einen Pfennig? Nein! Nun also! Was habe ich zu riskieren? Fünfhundert Kronen! Ich nehme nicht mehr als fünf Aktien, siehst du! Und fünfhundert sind für mich so viel!«

Er nahm eine Prise Schnupftabak, und damit war die Sache in Ordnung.

Diese Gesellschaft kam zustande, man mag es glauben oder nicht, und sie verteilte in den zehn Jahren ihrer bisherigen Tätigkeit 6, 10, 10, 11, 20, 11, 5, 10, 36 und 20 Prozent. Man schlug sich um die Aktien; und um das Geschäft erweitern zu können, wurde eine neue Aktienemission vorgenommen, gleich darauf aber wurde eine Generalversammlung einberufen, und über diese sollte Falk jetzt für das »Rotkäppchen« referieren, dessen außerordentlicher Berichterstatter er war.

Als er an einem sonnigen Nachmittag im Juni in den Kleinen Börsensaal kam, wimmelte es dort schon von Leuten. Es war eine glänzende Gesellschaft. Staatsmänner, Genies, Gelehrte, Militärs und Zivilbeamte der höchsten Rangstufen, Uniformen, Doktorfracks, Orden, Kommandeurbänder, — all diese Leute wurden von einem gemeinsamen großen Interesse hierhergezogen, der Förderung dieser menschenliebenden Institution, die man Seeversicherung nennt. Und es ist eine große Liebe erforderlich, um sein Geld für den in einer Notlage befindlichen Nächsten aufs Spiel zu setzen, der vom Unglück betroffen wird; so viel Liebe hatte Falk nie auf einmal beisammen gesehen! Er war fast verwundert darüber, obwohl er der Illusionen noch nicht gänzlich beraubt war; aber seine Verwunderung wuchs, als er den kleinen Schuft, den ehemaligen Sozialdemokraten Struve, wie ein Ungeziefer in dem Gewimmel umherkriechen sah und beobachtete, wie hochgestellte Persönlichkeiten ihm die Hand drückten, ihm auf die Schulter schlugen, ihm zunickten und ihn ansprachen. Besonders fiel ihm auf, wie er von einem älteren Herrn mit Ordensband begrüßt wurde und wie Struve bei diesem Gruß doch errötete und sich hinter einem bestickten Rücken verbarg; dadurch kam er in Falks Nähe, der ihn sofort festhielt und ihn fragte, wen er eben gegrüßt habe.

Struves Verlegenheit steigerte sich in hohem Grade, und er mußte bei der Antwort seine ganze Frechheit zu Hilfe nehmen: »Das müßtest du eigentlich wissen! Das ist der Präsident des Kollegiums für Auszahlung der Beamtengehälter.«

Als er das gesagt hatte, mußte er hinüber an das andere Ende des Saales, aber so eilig, daß Falk ein Verdacht überkam: Sollte dieser Mensch sich meiner Gesellschaft schämen? Sollte ein Ehrloser sich durch die Gesellschaft eines anständigen Menschen geniert fühlen?

Jetzt begann die glänzende Versammlung ihre Plätze einzunehmen. Aber der Stuhl des Vorsitzenden war noch leer. Falk blickte sich nach dem Tisch der Berichterstatter um, und als er Struve neben dem Referenten des Konservativen rechts von dem Sekretär an einem Tisch sitzen sah, faßte er sich ein Herz und schritt mitten durch die glänzende Versammlung hindurch; aber gerade als er den Tisch erreicht hatte, wurde er von dem Sekretär zurückgehalten, der ihn fragte: »Für welche Zeitung?«

Eine momentane Stille entstand im Saal, und mit bebender Stimme antwortete Falk: »Rotkäppchen«, denn er erkannte in dem Sekretär den Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.

Ein ersticktes Gemurmel durchlief die Versammlung, worauf der Sekretär mit lauter Stimme sagte: »Ihr Platz ist dort hinten.« Er deutete nach der Tür, wo wirklich ein kleiner Tisch stand. Da erfaßte Falk in einem einzigen Augenblick, was konservativ bedeutete, und was Schriftsteller hieß, wenn man nicht konservativ war, und mit siedendem Blut ging er durch die hohnlachende Menge zurück; aber als er sie mit brennenden Blicken musterte, als wolle er sie herausfordern, begegnete sein Auge einem andern, ganz hinten an der Wand; und diese Augen, die so sehr jenem andern Augenpaar glichen, das jetzt erloschen war, ihn aber dereinst mit Liebe angesehen hatte, waren grün vor Bosheit und durchbohrten ihn wie eine Nadel, und er hätte weinen mögen vor Kummer, daß ein Bruder einen Bruder so ansehen konnte.

Er nahm seinen bescheidenen Platz an der Tür ein und ging nicht seiner Wege, nur weil er nicht fliehen wollte. Bald wurde er aus seiner scheinbaren Ruhe von einem Herrn geweckt, der jetzt hereintrat und ihn beim Ausziehen des Überrocks in den Rücken stieß, worauf ein paar Gummischuhe unter seinen Stuhl gestellt wurden. Der Eintretende wurde von der Versammlung begrüßt, die sich wie ein Mann erhob. Es war der Präsident der Seeversicherungsaktiengesellschaft Triton, aber er war mehr. Es war ein früherer Reichsmarschall, ein Freiherr, einer von den Achtzehn der Schwedischen Akademie, Exzellenz und Kommandeur des Hausordens Seiner Majestät des Königs usw.

Der Hammer schlug auf den Tisch, und der Präsident flüsterte unter lautlosem Schweigen die folgende Begrüßungsrede (die er kurz vorher in einer Steinkohlenaktiengesellschaft in den Räumen der Kunstgewerbeschule gehalten hatte): »Meine Herren! Unter allen patriotischen und für die Menschheit heilbringenden Unternehmungen dürften wenige, wenn nicht gar keine, so edler und in ihren Absichten menschenfreundlicher Art sein wie eine Versicherungsgesellschaft.«

»Bravo, bravo!« rauschte es durch die Versammlung, ohne auf den Marschall irgendeinen Eindruck zu machen.

»Was ist das Menschenleben anders als ein Kampf, ein Kampf auf Leben und Tod, kann man sagen, gegen die Naturkräfte, und wenigen von uns dürfte es wohl erspart bleiben, früher oder später mit ihnen in Streit zu geraten.«

»Bravo!«

»Lange ist der Mensch, besonders im Naturstadium, ein Raub der Elemente gewesen; ein Spielball, ein Handschuh, der wie ein Rohr vom Winde hierhin und dorthin geweht wurde! Heute ist das anders! Ganz anders! Der Mensch hat revoltiert, in einer unblutigen Revolution, nicht in der Weise, wie ehrvergessene Vaterlandsverräter bisweilen gegen ihre gesetzlichen Herrscher vorgegangen sind, nein, gegen die Natur, meine Herren! Er hat den Naturkräften den Krieg erklärt und gesagt: Bis hierher und nicht weiter!«

»Bravo! Bravo!« (Händeklatschen.)

»Der Kaufmann sendet sein Schiff, seinen Dampfer, seine Brigg, seinen Schoner, seine Bark, seine Jacht, was weiß ich, aus. Der Sturm zerschmettert das Fahrzeug! Der Kaufmann sagt: Zerschmettere du nur! Und der Kaufmann hat nichts verloren! Das ist der große Gesichtspunkt, der große Gedanke der Versicherungsidee! Bedenken Sie, meine Herren, der Kaufmann hat dem Sturm den Krieg erklärt — und der Kaufmann hat gesiegt.«

Ein Orkan von Beifallsrufen rief ein Siegerlächeln auf den Lippen des großen Mannes hervor, und er sah aus, als tue dieser Orkan ihm sehr wohl.

»Aber meine Herren! Wir dürfen die Institution der Seeversicherung kein Geschäft nennen! Es ist kein Geschäft! Wir sind keine Geschäftsleute, um alles in der Welt nicht! Wir haben Geld zusammengeschossen, das wir aufs Spiel zu setzen bereit sind, nicht wahr, meine Herren?«

»Sehr richtig!«

»Wir haben Geld zusammengeschossen, sage ich, um es für den vom Unglück Betroffenen bereit zu stellen; denn den Prozentsatz, den er zahlt, ein Prozent ist es, glaube ich, kann man keine Einzahlung nennen; deshalb haben wir dafür sehr richtig den Namen Prämie, nicht als wenn wir irgendeine Belohnung nehmen wollten — Prämie bedeutet Belohnung — für unsere geringen Dienste, die wir — ich für meine Person möchte das aussprechen, nur aus Interesse, aus reinem Interesse — an der Sache leisten, und ich wiederhole, ich glaube nicht, daß einer von uns sich bedenken würde, das kommt wohl gar nicht in Frage, ich glaube nicht, daß einer von den Herren es auch nur schmerzlich empfinden würde, wenn sein Zuschuß, wie ich die Aktien nennen möchte, im Interesse der Sache verwandt würde.«

»Nein, nein!«

»Und nun bitte ich den Herrn geschäftsführenden Direktor, den Jahresbericht zu verlesen.«

Der Direktor stand auf. Er sah bleich aus, als habe er einen Sturm durchgemacht, seine großen Manschetten mit den Onyxknöpfen vermochten kaum ein leises Zittern der Hand zu verbergen, seine listigen Augen suchten aus Smiths bärtigem Gesicht Trost und Geisteskraft zu schöpfen, er schlug den Rock auf und ließ die breite Hemdbrust schwellen, als wolle er einen Schauer von Pfeilen auffangen, — und dann las er.

»Wunderbar und nicht vorauszusehen sind in Wahrheit die Schickungen der Vorsehung —«

Bei dem Worte Vorsehung erblaßte ein guter Teil der Versammlung; aber der Reichsmarschall hob seine Augen zur Decke, als sei er auf den schlimmsten Schlag gefaßt (einen Verlust von zweihundert Kronen).

»Das soeben beendete Versicherungsjahr wird in den Annalen lange als ein Kreuz auf dem Grabe der Unglücksfälle stehen, die der Voraussicht des Weisesten Hohn gesprochen und die Berechnungen des Vorsichtigsten über den Haufen geworfen haben.«

Der Reichsmarschall legte die Hände vor die Augen, als bete er, Struve aber dachte, die weiße Brandmauer sei schuld, und stürzte ans Fenster, um die Vorhänge herunterzulassen, doch der Sekretär kam ihm zuvor.

Der Vorlesende trank ein Glas Wasser. Das rief einen Ausbruch der Ungeduld hervor.

»Zur Sache! Ziffern!«

Der Reichsmarschall nahm die Hand von den Augen und war bestürzt, es dunkler zu finden als vorher. Ein Augenblick der Verlegenheit, und der Sturm war im Anzug. Man vergaß allen Respekt!

»Zur Sache! Weiter!«

Der Direktor mußte einen Haufen von Phrasen überspringen und direkt auf die Sache losgehen.

»Also gut, meine Herren, ich werde mich kurz fassen.«

»Vorwärts, zum Donnerwetter!«

Der Hammer fiel auf den Tisch. »Meine Herren!« Es lag so viel Ritterhaus in diesem einen »Meine Herren!«, daß man sich sofort der Achtung erinnerte, die man sich selber schuldig war.

»Die Gesellschaft hat im abgelaufenen Jahre die Haftung für rund 169 Millionen übernommen!«

»Hört! Hört!«

»Und hat an Prämien anderthalb Millionen vereinnahmt.«

»Bravo!«

(Falk stellte hier in aller Eile eine kleine Berechnung an und konstatierte: wenn der ganze Prämienbetrag, anderthalb Millionen, angesetzt wurde, dazu das gesamte Grundkapital in einer Höhe von einer Million — ungefähr — so blieben noch 166 Millionen, für die die Gesellschaft die Kühnheit besessen hatte, die Haftung zu übernehmen, und er begann den Sinn des Ausspruches von den Schickungen der Vorsehung zu erfassen.)

»An Schadenersatz hat die Gesellschaft bedauerlicherweise 1728670 Kronen, 8 Ör auszahlen müssen.«

»Schändlich!«

»Wie Sie sehen, meine Herren, hat die Vorsehung ..«

»Lassen Sie die Vorsehung aus dem Spiel! Ziffern! Ziffern! Die Dividende!«

»Mit Schmerz und Bedauern kann ich in meiner beklagenswerten Eigenschaft als geschäftsführender Direktor unter den augenblicklichen ungünstigen Verhältnissen keine andere Gewinnverteilung in Vorschlag bringen als fünf Prozent des eingezahlten Kapitals.«

Jetzt brach der Sturm los, den kein Kaufmann der Welt besiegen konnte.

»Schändlich! Unverschämt! Schwindler! Fünf Prozent! Pfui Teufel! Da kann man ja sein Geld verschenken!«

Aber man hörte auch menschenfreundlichere Äußerungen, wie zum Beispiel: »Die armen kleinen Kapitalisten, die nur von ihrem Gelde leben! Was soll aus denen werden! Gott behüte, so ein Unglück! Hier muß der Staat schleunig helfen! Oh! Oh!«

Als es möglich wurde fortzufahren, verlas der Direktor die Elogen, die der Aufsichtsrat dem geschäftsführenden Direktor und allen Beamten hatte zuteil werden lassen, die »mit unermüdlichem Fleiß und ungeteiltem Eifer die undankbare Aufgabe übernommen hätten« usw. Das wurde mit offenem, ehrlichem Hohn angehört.

Darauf wurde der Bericht der Revisoren verlesen. Sie hatten (nach einem erneuten Ausfall gegen die Vorsehung) die Geschäfte in guter, um nicht zu sagen, vortrefflicher Ordnung und bei der Inventuraufnahme alle Garantiefonds-Obligationen als richtig (!) befunden, weshalb sie den Antrag stellten, den Geschäftsführern Entlastung zu erteilen unter lebhafter Anerkennung ihres ehrlichen und mühevollen Strebens.

Die Entlastung wurde natürlich erteilt. Darauf erklärte der geschäftsführende Direktor, er meine die ihm zustehende Tantieme (hundert Kronen) nicht annehmen zu dürfen, sondern wolle sie dem Reservefonds überweisen. Das wurde mit Beifall und Lachen aufgenommen. Nach einem kurzen Abendgebet, das heißt nach einer demütigen Bitte, die Vorsehung möge im nächsten Jahre zwanzig Prozent geben, wurde die Versammlung vom Reichsmarschall geschlossen.