Es ist sieben Uhr abends. Das Orchester bei Berns spielt den Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, und bei seinen festlichen Klängen hält Olle Montanus seinen Einzug ins Rote Zimmer, in dem noch keins der Mitglieder anwesend ist. Olle sieht heute stattlich aus. Er hat einen hohen Hut auf, den er seit seiner Konfirmation nicht mehr besessen hat. Er hat neue Kleider, heile Stiefel an, ist gebadet, frisch rasiert und hat sich die Haare brennen lassen, als wolle er auf seine Hochzeit gehen; eine schwere Messingkette hängt auf der Weste, und eine deutliche Anschwellung ist an der linken Westentasche zu sehen. Ein sonniges Lächeln liegt auf seinem Gesicht, und er sieht so gütig aus, als wolle er der ganzen Welt mit einem kleinen Vorschuß helfen. Er legt seinen früher so vorsichtig zugeknöpften Überzieher ab und setzt sich mitten auf das Sofa, schlägt den Rock auf und zupft an der weißen Chemisette, daß sie sich knackend wölbt, und wenn er sich bewegt, knistert das Futter der neuen Hosen und der Weste. Das scheint ihm großes Vergnügen zu machen, ebenso großes, als wenn er seine Stiefel an den Sofabeinen knarren läßt. Er holt seine Uhr heraus, seine alte, liebe Kartoffel, die ein Jahr lang und noch einen Fristmonat im Leihhaus gewesen ist, und die beiden Freunde scheinen sich beide der Freiheit zu freuen. Was ist diesem armen Menschen passiert, daß er so unsagbar glücklich aussieht? Wir wissen, daß er nicht in der Lotterie gewonnen, keine Erbschaft gemacht, keine ehrenvolle Anerkennung bekommen, nicht das holde Glück errungen hat, das über alle Beschreibung geht; was ist denn nur geschehen? Ganz einfach: er hat Arbeit gefunden!
Und dann kommt Sellén: in Samtjacke, Lackschuhen, mit Plaid und einem Krimstecher am Riemen, Spazierstock, gelbseidenem Halstuch, zartfarbigen Handschuhen und einer Blume im Knopfloch. Ruhig und zufrieden wie immer; keine Spur von den aufregenden Eindrücken, denen er in den letzten Tagen ausgesetzt war, ist auf seinem mageren, intelligenten Gesicht zu sehen. In seiner Gesellschaft ist Rehnhjelm, stiller als gewöhnlich, denn er weiß, daß er sich von einem Freund und Beschützer trennen muß.
»Nun, Sellén,« sagt Olle, »jetzt bist du glücklich? Nicht wahr?«
»Glücklich! Was ist das für ein Unsinn. Es ist mir gelungen, eine Arbeit zu verkaufen. Die erste in fünf Jahren! Ist das zuviel?«
»Aber du hast doch die Zeitungen gelesen? Du hast einen Namen!«
»Nun, darum wollen wir uns nicht kümmern! Du mußt nicht glauben, daß ich mir aus solchen Bagatellen etwas mache. Ich weiß ganz genau, wieviel mir noch fehlt, bis ich etwas bin! In zehn Jahren, Bruder Olle, wollen wir über die Sache reden.«
Und Olle glaubt die eine Hälfte und glaubt die andere nicht, und er knackt mit der Chemisette und knistert mit dem Futter, so daß Selléns Aufmerksamkeit erregt wird und er sich zu dem Ausruf veranlaßt sieht:
»Potztausend, wie fein du bist!«
»Ja, findest du? Aber du siehst ja aus wie ein Löwe!«
Und Sellén peitscht seine Lackschuhe mit dem Stöckchen, riecht verschämt an der Blume im Knopfloch und sieht sehr gleichgültig aus.
Da aber holt Olle seine Kartoffel heraus, um nachzusehen, ob Lundell nicht bald kommt; und da muß Sellén sein Fernglas nehmen, um nach den Galerien hinaufzusehen, ob er vielleicht dort sitzt. Dann aber darf Olle mit der Hand über die Samtjacke streichen, um zu fühlen, wie weich sie ist, denn Sellén versichert, daß es für den Preis ungewöhnlich guter Samt ist. Und da muß Olle fragen, was er kostet, und das weiß Sellén, der zur Revanche Olles Manschettenknöpfe bewundert, die aus Muscheln gemacht sind.
Und dann erscheint Lundell, der bei dem großen Schmaus auch einen Knochen abbekommen hat, denn er soll für geringen Preis das Altarbild für die Kirche in Träskaala malen; aber das hat keinen sichtbaren Einfluß auf seinen äußeren Menschen gehabt, abgesehen davon, daß seine fetten Wangen und sein strahlendes Gesicht eine bessere Diät andeuten. Und mit ihm kommt Falk. Ernst, aber froh, ehrlich froh im Namen der ganzen Welt, weil dem Verdienst Gerechtigkeit widerfahren ist.
»Ich gratuliere dir, Sellén, aber das war nicht mehr als recht,« sagte er. — Und das findet Sellén auch.
»Ich habe seit fünf Jahren ebenso gut gemalt, weißt du, und man hat gegrinst; man hat noch vorgestern gegrinst; aber jetzt! Pfui Teufel, sind das Menschen! Sieh, diesen Brief habe ich von diesem Idioten, dem Professor in Karls IX., bekommen.«
Große Augen und scharfe Augen, denn den Tyrannen möchte man gern in der Nähe sehen, ihn in den Händen halten und wenigstens das Papier mißhandeln, auf dem er seinen Namen geschrieben hat.
»›Mein bester Herr Sellén!‹ Hört nur! — ›Ich heiße Sie in unserer Mitte willkommen!‹ — Die Kanaille hat Angst! — ›Ich habe immer eine hohe Meinung von Ihrem Talent gehabt!‹ — So ein Heuchler! Zerreißt den Wisch und laßt uns seine Dummheit vergessen!«
Und dann nötigt Sellén zum Trinken; er stößt mit Falk an und spricht die Hoffnung aus, er werde auch bald in irgendeiner Weise durch seine Feder von sich hören lassen; Falk zögert und errötet und verspricht, das zu tun, wenn die Zeit da sei, aber seine Studienzeit werde lange dauern; er bittet die Freunde, nicht die Geduld zu verlieren, wenn er auf sich warten lasse, und dankt Sellén für die gute Kameradschaft, in der er gelernt habe, Geduld zu üben und Entbehrungen zu ertragen. Sellén jedoch sagt, er solle keinen Unsinn schwatzen; was es für eine Kunst sei, zu leiden, wenn man keine andere Wahl habe, und inwiefern es merkwürdig sei, zu entsagen, wenn man nichts bekomme?
Olle aber lacht so gütig, und die Hemdbrust schwillt vor Freude, so daß man die roten Hosenträger sieht, und er trinkt auf Lundells Wohl und rät ihm, sich Sellén zum Vorbild zu nehmen, damit er nicht um der ägyptischen Fleischtöpfe willen das Gelobte Land vergesse; denn er habe Talent, das habe Olle gesehen, und zwar immer, wenn er er selber bleibe und seine eigenen Gedanken male; sobald er aber heuchle und fremde Gedanken male, dann sei er schlechter als andere; deshalb solle er jetzt dies Altarbild als ein Geschäft auffassen, durch das er in die Lage versetzt werde, später nach eigenem Kopf und Herzen zu malen.
Falk will die Gelegenheit wahrnehmen und heraushören, was Olle über sich selbst und seine Kunst denkt, etwas, was ihm schon lange ein Rätsel ist, als Ygberg das Rote Zimmer betritt. Man bestürmt ihn im nächsten Augenblick mit Einladungen, Platz zu nehmen, denn man hatte ihn in den stürmischen Tagen vergessen, und will ihm nun zeigen, daß es nicht aus egoistischen Gründen geschehen ist; Olle aber wühlt in seiner rechten Westentasche, und mit einer Geste, die sehr unauffällig sein soll, stopft er einen zusammengerollten Papierlappen in Ygbergs Rocktasche, und dieser versteht, denn er antwortet mit einem dankbaren Blick.
Ygberg trinkt Sellén zu und meint, man könne wohl sagen, was er bereits an anderer Stelle ausgesprochen habe, Sellén habe sein Glück gemacht. Anderseits wieder könne man auch behaupten, das sei nicht der Fall. Sellén sei noch nicht entwickelt, er brauche noch viele Jahre, denn die Kunst sei lang, das wisse Ygberg selbst, der entschiedenes Pech gehabt habe und deshalb nicht in den Verdacht kommen könne, einen zu beneiden, der bereits so anerkannt sei wie Sellén.
Der aus Ygbergs Rede sprechende Neid rief eine leichte Wolke an dem sonnigen Himmel hervor, aber nur für einen Augenblick, denn alle wußten, daß der Neid durch die Bitterkeit eines langen, verlorenen Lebens zu entschuldigen war.
Mit desto froheren Gefühlen überreichte Ygberg gönnerhaft Falk eine neugedruckte kleine Schrift, und dieser sah mit Erstaunen das schwarze Bild der Ulrika Eleonora sich auf dem Umschlag abzeichnen. Ygberg erklärte, er habe die Bestellung auf den Tag abgeliefert. Smith habe Falks Absage und seinen Widerruf mit größter Ruhe entgegengenommen und sei jetzt im Begriff, Falks Gedichte zu drucken.
Die Gaslampen verloren ihren Schein vor Falks Augen, und er versank in tiefe Gedanken, weil sein Herz zu voll war, um sich Luft machen zu können. Seine Gedichte sollten gedruckt werden, und Smith würde die hohen Kosten bestreiten. Es mußte also etwas daran sein! Das war genug zum Nachdenken für diesen Abend.
Rasch enteilten die Stunden dieses Abends den Glücklichen, und die Musik verstummte, und die Gaslampen wurden ausgelöscht; man mußte gehen, aber es war noch zu früh, sich zu trennen, und so machten sie einen Spaziergang an den Kaien entlang unter endlosen Gesprächen und philosophischen Erörterungen, bis sie müde und durstig wurden; da endlich schlug Lundell vor, die Gesellschaft zu Marie zu führen, bei der sie Bier bekommen würden. Und nun wanderten sie nach Ladugaardsland hinaus und kamen in eine Gasse, die auf den Zaun eines ans unbebaute Land grenzenden Tabakfeldes mündete. Da standen sie nun vor einem alten zweistöckigen Steinhause, das nach der Straße einen Giebel hatte. Über der Tür grinsten zwei in die Mauer eingesetzte Köpfe aus Sandstein, deren Ohren und Kinn sich in Blatt- und Schneckenformen auflösten, die ein Schwert und ein Beil umgaben. Dies war das alte Scharfrichterhaus. Lundell, der mit der Örtlichkeit bekannt zu sein schien, gab ein Signal vor einem Fenster zu ebener Erde, worauf das Rouleau hochgezogen und eine Scheibe geöffnet wurde; ein Frauenkopf sah heraus und fragte, ob es Albert sei. Als Lundell sich zu diesem seinem Nom de guerre bekannte, schloß die Frau die Tür auf und ließ die Gesellschaft herein gegen das Versprechen, leise zu sein; da dieses Versprechen ohne Schwierigkeit gegeben werden konnte, so befand sich das Rote Zimmer bald im Hause und wurde Marie unter schnell angenommenen Namen vorgestellt.
Das Zimmer war nicht groß; es war früher eine Küche gewesen, und der Herd war noch darin. Das Meublement bestand aus einer Kommode, wie Dienstmädchen sie haben; darauf ein Spiegel mit einer weißen Musselingardine; über dem Spiegel eine kolorierte Lithographie, die den Erlöser am Kreuz darstellte; die Kommode war überladen mit kleinen Porzellangegenständen, Parfümflaschen, einem Gesangbuch und einem Aschbecher und schien mit ihrem Spiegel und den zwei brennenden Stearinkerzen einen kleinen Hausaltar zu bilden. Über dem Ausziehsofa, das noch nicht aufgemacht war, saß Karl XV. zu Pferde, umgeben von Ausschnitten aus dem »Vaterland«, die meistens Polizeibeamte darstellten, diese Feinde aller Magdalenen. Am Fenster vegetierten eine Fuchsia, ein Geranium und eine Myrte, — der stolze Baum der Venus neben den Pflanzen des Armenhauses. Auf dem Nähtisch lag ein Photographiealbum. Auf der ersten Seite war der König, auf der zweiten und dritten Papa und Mama, arme Landleute, auf der vierten ein Student — der Verführer —, auf der fünften das Kind, und auf der letzten der Bräutigam — ein Handwerker. Das war ihre Geschichte, die übliche. An einem Nagel neben dem Herd hing ein elegantes Kleid mit reichen Plissees, ein Samtmantel und ein Hut mit Federn — das war das Feengewand, in dem sie ausging, um Jünglinge zu fangen. Und sie selbst! Eine stattliche vierundzwanzigjährige Frau von gewöhnlichem Aussehen. Leichtsinn und durchwachte Nächte hatte ihrem Teint diese durchsichtige Weiße gegeben, welche die Reichen, die nicht arbeiten, auszuzeichnen pflegt, aber ihre Hände trugen noch die Spuren der mühsamen Arbeit ihrer Jugend. In einen schönen Schlafrock gekleidet, mit gelöstem Haar, konnte sie wohl für eine Magdalena gelten. Sie hatte ein verhältnismäßig schamhaftes Wesen und war heiter, höflich und gesittet in ihrem Benehmen.
Die Gesellschaft verteilte sich in Gruppen, setzte die unterbrochene Unterhaltung fort und nahm neue Themen auf. Falk, der jetzt Dichter war und in allem etwas Interessantes finden wollte, auch in dem Banalsten, vertiefte sich in ein sentimentales Gespräch mit Marie, was ihr sehr gefiel, weil es ihr schmeichelte, als Mensch behandelt zu werden. Sie kamen wie gewöhnlich auf ihre Geschichte und die Motive, aus denen sie ihre Laufbahn gewählt hatte. Bei der ersten Verführung hielt sie sich nicht lange auf; »das sei nicht der Rede wert«; desto düsterer schilderte sie ihre Zeit als Dienstmädchen, dies Sklavenleben unter den Launen und Zänkereien einer beschäftigungslosen Frau, dies Leben der Arbeit ohne Ende. Nein, dann lieber die Freiheit!
»Ja, aber wenn Sie dieses Lebens einmal überdrüssig werden?«
»Dann verheirate ich mich mit Westergren!«
»Und er will Sie haben?«
»Er freut sich schon jetzt auf den Tag, und übrigens mache ich dann selbst mit meinem Ersparten einen kleinen Handel auf. Aber danach haben schon so viele gefragt. — Hast du Zigarren?«
»Ja, die habe ich! Aber jetzt wollen wir hiervon reden!«
Er nahm ihr Album und schlug den Studenten auf — es ist immer ein Student mit weißer Binde und der Studentenmütze auf den Knien, von tölpelhaftem Aussehen, der den Mephistopheles spielt.
»Wer ist das?«
»Ach du, das war ein netter Junge!«
»Der Verführer? Was?«
»Still du! Es war meine Schuld ebenso gut wie seine, und so ist es immer, mein Bester; beide haben Schuld! Da siehst du mein Kind! Das hat der liebe Gott zu sich genommen, und das war wohl das beste. Aber jetzt wollen wir von etwas anderem sprechen! — Was ist das für ein lustiger Kerl, den Albert heute abend mitgebracht hat? Der da am Herd sitzt neben dem Langen, der bis an den Schornstein reicht?«
Olle, dem diese Worte galten, fühlte sich ganz beschämt über die schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die seine Person erregte, und er drehte an seinem gebrannten Haar, das nach den vielen Libationen schon wieder glatt wurde.
»Das ist Diakonus Maansson,« sagte Lundell.
»Pfui Teufel, ist das ein Pfaffe? Ich hätte es ja an seinen verschmitzten Augen sehen können. — Wißt ihr, vorige Woche war auch einer hier. — Komm her, Masse, laß dich anschaun!«
Olle kroch vom Herd herunter, auf dem er gesessen und mit Ygberg Kants kategorischen Imperativ diskutiert hatte. Er war so gar nicht daran gewöhnt, von Frauen beachtet zu werden, daß er sich sofort jünger fühlte, und mit schlendernden Schritten ging er auf die Schöne zu, die er mit einem Auge bereits beobachtet und bezaubernd gefunden hatte. Er drehte seinen Schnurrbart so gut wie möglich und fragte mit gezierter Stimme, während er eine Verbeugung riskierte, die nicht in der Tanzstunde gelernt war:
»Finden Sie, Fräulein, daß ich wie ein Pastor aussehe?«
»Nein, jetzt sehe ich, daß du einen Schnurrbart hast. Du hast zu saubere Kleider an, um ein Handwerker zu sein — laß mich deine Hand sehen, — ach, du bist doch Schmied!«
Olle war rief gekränkt.
»Bin ich so häßlich, mein Fräulein?« sagte Olle mit rührender Stimme.
Marie sah ihn einen Augenblick an.
»Du bist recht häßlich! Aber du siehst nett aus!«
»O mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie weh Sie meinem Herzen tun. Mich hat noch nie eine Frau liebgehabt; ich kenne so viele, die glücklich sind, obwohl sie häßlicher waren als ich, aber das Weib ist ein verwünschtes Rätsel, das kein Mensch lösen kann, und deshalb verachte ich die Frau!«
»Gut! Olle,« ertönte eine Stimme aus dem Schornstein, wo Ygbergs Kopf saß. »Sehr gut!«
Olle wollte nach dem Herd zurückkehren, aber er hatte ein Thema berührt, das Marie zu sehr interessierte, als daß sie es hätte abbrechen mögen, und er hatte eine Saite angeschlagen, deren Ton sie kannte. Sie setzte sich neben ihn, und sie vertieften sich bald in eine weitschweifige, ernste Diskussion — über Weib und Liebe.
Rehnhjelm aber, der den ganzen Abend still, stiller als gewöhnlich gewesen war, und aus dem keiner recht klug wurde, war allmählich etwas aufgelebt und saß jetzt in Falks Nähe in der Sofaecke. Er hatte schon lange etwas auf dem Herzen, was ihm nicht über die Lippen wollte. Er nahm sein Bierglas und klopfte auf den Tisch, als wolle er eine Rede halten, und als seine nächsten Nachbarn verstummt waren, sprach er mit zitternder und nachlässiger Stimme:
»Meine Herren! Sie denken, ich bin ein Rindvieh, ich weiß, Falk, ich weiß, daß du mich für dumm hältst, aber ihr sollt sehen, Jungens, ihr sollt sehen, hol mich der Teufel ...«
Er hob die Stimme und schlug das Bierglas auf den Tisch, daß es zerbrach, worauf er auf das Sofa zurücksank und einschlief.
Diese Szene, die nicht ganz ungewöhnlich war, erregte doch Maries Aufmerksamkeit. Sie stand auf und brach ihre Unterhaltung mit Olle ab, der obendrein die rein abstrakte Seite der Frage zu verlassen begann.
»Nein, so ein hübscher Bengel! Wo habt ihr den her? Armer Junge! Er ist so müde. Ich habe ihn gar nicht gesehen!«
Sie legte ihm ein Kissen unter den Kopf und breitete ihren Schal über ihn. »Seht nur diese kleinen Hände! Solche habt ihr Bauernjungens nicht! Und dies Gesicht! So unschuldig! Pfui, Albert; du hast ihn verleitet, so viel zu trinken!«
Ob es nun Lundell gewesen war oder ein anderer, war in diesem Falle unwesentlich, denn der Mann war betrunken; sicher war aber, daß niemand ihn zu verleiten brauchte, denn ihn verzehrte eine ständige Begierde, eine innere Unruhe zu betäuben, die ihn von seiner Arbeit wegzutreiben schien.
Lundell war jedoch nicht entzückt über die Betrachtungen, die sein schöner Freund veranlaßte, und der wachsende Rausch spornte seine religiösen Gefühle an, die an diesem Abend infolge des reichlichen Essens ziemlich stumpf gewesen waren. Und da der Rausch allgemein zu werden begann, nahm er Veranlassung, an die Bedeutung des Abends zu erinnern und an die Gefühle, die ein Abschied hervorruft. Er erhob sich von seinem Platz, füllte das Bierglas, lehnte sich gegen die Kommode und appellierte an die allgemeine Aufmerksamkeit.
»Meine Herren« — er erinnerte sich der Anwesenheit Magdalenas — »und Damen. Wir haben heute abend gegessen und getrunken, und zwar, um zum Thema zu kommen, in der Absicht, jetzt von dem Materiellen abzusehen, das nur der niedere, sinnliche, tierische Bestandteil unseres Wesens ist, in einem Augenblick wie diesem, da die Stunde des Abschieds naht — wir sehen hier ein betrübliches Beispiel des Lasters, das wir das Laster der Trunksucht nennen! Es ist in Wahrheit erschütternd für das religiöse Gefühl! Wenn man nach einem Abend, den man im Freundeskreise verbracht hat, sich veranlaßt fühlt, ein Glas auf den zu trinken, der sein seltenes Talent gezeigt hat — ich meine Sellén —, dann sollte man doch denken, daß die Achtung vor einem selbst sich in irgendeiner Weise geltend machte. Ein solches Beispiel, betone ich, hat hienieden in einer höheren Potenz sich zu erkennen gegeben; ich erinnere mich der schönen Worte, die mir stets in den Ohren klingen werden, solange ich lebe, und ich bin überzeugt, daß wir uns alle ihrer erinnern, wenn auch der Ort nicht sehr geeignet ist; dieser junge Mann, der, soviel ich sehe, dem Laster zum Opfer gefallen ist, das wir Trunksucht nennen wollen, hat sich leider in unsere Gesellschaft eingeschlichen und, um mich kurz zu fassen, traurigere Resultate gezeitigt, als man hätte erwarten sollen. Prosit, edler Freund Sellén, ich wünsche dir alles Glück, das dein edles Herz verdient! Und auch dein Wohl, Olle Montanus! Falk ist ebenfalls ein edler Mann, der sich in größerem Maße bemerkbar machen wird, wenn seine religiösen Gefühle die Festigkeit erlangt haben, die sein Charakter zu verbürgen scheint. Von Ygberg will ich nicht sprechen, denn er hat jetzt endlich seinen Entschluß gefaßt, und wir wünschen ihm alles Gute für die Laufbahn, die er so schön begonnen hat — die philosophische; es ist eine schwere Laufbahn, und ich sage mit dem Psalmisten: Wer kann es uns sagen? Wir haben jedoch allen Anlaß, für unsere Zukunft das Beste zu erhoffen, und ich glaube, wir können stets auf sie rechnen, solange wir edel von Gefühl sind und nicht nach schnödem Gewinn trachten, denn, meine Herren, ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh. Deshalb möchte ich die Herren alle miteinander auffordern, ihre Gläser zu heben und sie bis zum Grund zu leeren auf alles Edle, Schöne und Herrliche, das wir erstreben! Prosit, meine Herren!«
Das religiöse Gefühl begann jetzt Lundell zu überwältigen, in so hohem Grade, daß die Gesellschaft es geraten fand, an Aufbruch zu denken.
Das Rouleau war schon eine gute Weile vom Tageslicht beleuchtet worden, und die Landschaft mit der Ritterburg und der Jungfrau strahlte jetzt im ersten Glanz der Morgensonne. Als es hochgezogen wurde, fiel das Tageslicht voll in das Zimmer und beleuchtete diejenigen von der Gesellschaft, die sich in der Nähe des Fensters befanden, so daß sie wie Leichen aussahen. Ygberg, der auf dem Herd schief, die Hände um das Bierglas gefaltet, hatte noch den roten Schein vom Stearinlicht im Gesicht und gab einen vortrefflichen Effekt. Olle aber hielt Reden auf das Weib, auf den Frühling, auf die Sonne, auf das Universum, wobei er das Fenster aufmachen mußte, um für seine Gefühle Luft zu bekommen. Die Schlafenden wurden aufgerüttelt, Abschiedsgrüße wurden gewechselt, und die ganze Gesellschaft ging durch den Torweg hinaus. Als sie auf die Gasse kamen, drehte Falk sich um; da lag Magdalena im offenen Fenster; die Sonne schien auf ihr weißes Gesicht, und ihr langes, schwarzes Haar, das von der Sonne dunkelrot gefärbt wurde, glitt am Halse herunter und sah aus, als stürze es sich in mehreren Rinnsalen auf die Straße hinab; und über ihrem Kopf hingen Schwert und Beil und die beiden grinsenden Gesichter. In einem Apfelbaum auf der anderen Seite der Gasse aber saß ein schwarz und weißer Fliegenschnäpper und sang sein milzsüchtiges Lied als Ausdruck seiner Freude, daß die Nacht vorbei war.