Schweden hatte vierzig Jahre lang gearbeitet, um die Berechtigung zu erlangen, die jeder mündig Gewordene zu bekommen pflegt. Man hatte Broschüren geschrieben, Zeitungen gegründet, Steine geworfen, Diners eingenommen und Reden gehalten; man hatte Tagungen veranstaltet und Petitionen aufgesetzt, hatte Eisenbahnfahrten gemacht, Hände gedrückt, Freiwilligenkorps eingerichtet, und schließlich mit viel Lärm bekommen, was man wollte. Der Enthusiasmus war groß und berechtigt. Die alten Birkentische im Opernkeller wurden zu politischen Tribünen, aus dem Dunst des Reformpunsches wurde dort mancher Politiker geboren, der sich später zu einem großen Schreier entwickelte, der Duft der Reformzigarren weckte manchen ehrgeizigen Traum, der sich später nicht verwirklichte; man wusch mit Reformseife den alten Staub von sich ab und dachte, alles sei gut; und dann ging man schlafen nach dem vielen Lärm, um auf das glänzende Resultat zu warten, das jetzt von selber kommen mußte. Man schlief ein paar Jahre lang, aber als man aufwachte, stand die Wirklichkeit vor einem, und man glaubte sich verrechnet zu haben. Hier und da wurde ein Murren laut; die Staatsmänner, die man noch eben bis zu den Wolken emporgehoben hatte, wurden kritisiert; unter der studierenden Jugend gab es sogar Leute, die entdeckten, daß die ganzen Anträge von einem Lande übernommen seien, das zu dem Antragsteller in sehr nahen Beziehungen stand, und daß man diese Anträge im Original in einem sehr bekannten Handbuch lesen könne. Genug: die Zeit zeichnete sich durch eine gewisse Niedergeschlagenheit aus, die bald die Form allgemeiner Unzufriedenheit oder Opposition, wie man es nennt, annahm. Doch es war eine neue Art Opposition, denn sie war nicht, wie gewöhnlich, gegen die Regierung gerichtet, sondern gegen den Reichstag. Es war eine konservative Opposition, der sich Liberale und Konservative, Junge und Alte anschlossen, so daß es ein großes Elend im Lande war.
Nun ereignete es sich, daß die Zeitungsaktiengesellschaft »Graumützchen«, die unter liberalen Konjunkturen geboren und groß geworden war, einzuschlafen begann, da sie Ansichten verteidigen sollte (falls man von Ansichten einer Aktiengesellschaft sprechen kann), die nicht populär waren. Die Direktion legte der Generalversammlung einen Antrag auf Änderung gewisser Ansichten vor, die nicht mehr die für den Bestand des Unternehmens erforderliche Abonnentenzahl sicherten. Die Generalversammlung nahm den Antrag an, und das »Graumützchen« gehörte jetzt zu den Konservativen. Aber — hier war ein Aber, das freilich die Gesellschaft nicht sehr bedrückte — man mußte den Chefredakteur wechseln um sich nicht zu blamieren; daß die unsichtbare Redaktion bleiben konnte, sah man als selbstverständlich an. Der Chefredakteur, der ein Ehrenmann war, nahm seinen Abschied. Die Redaktionsmitglieder, die lange wegen ihres roten Anstrichs gelästert worden waren, akzeptierten das Anerbieten mit Freude, da sie dadurch gratis ein Diplom als »bessere Leute« bekamen. Blieb nur die Sorge, einen neuen Chefredakteur zu beschaffen. Nach dem neuen Programm der Gesellschaft mußte er folgende Qualifikationen besitzen: er mußte zunächst ungeteiltes Vertrauen als Mitbürger genießen, mußte dem Beamtenstande angehören, mußte einen Titel haben, mochte er usurpiert oder erworben sein, der bei Bedarf verbessert werden konnte, mußte außerdem ein respektables Äußeres besitzen, so daß er sich bei Festen und andern öffentlichen Veranstaltungen sehen lassen konnte, mußte unselbständig sein, vielleicht etwas dumm, weil die Gesellschaft wußte, daß wahre Dummheit stets von konservativer Denkart und daneben einem gewissen Grad von Hinterlist begleitet ist, die die Wünsche der Vorgesetzten in der Luft spürt und nie vergißt, daß das allgemeine Wohl privater Natur ist, vom rechtlichen Standpunkt nämlich; er mußte bei Jahren sein, weil man ihn dann leichter lenken konnte, und verheiratet, weil die Gesellschaft, die aus Geschäftsleuten bestand, die Erfahrung gemacht hatte, daß verheiratete Knechte sich besser benahmen als unverheiratete.
Diese Persönlichkeit wurde gefunden und besaß in hohem Grade alle aufgeführten Eigenschaften. Es war ein selten schöner Mann von ziemlich guter Figur, mit langem, wallendem, blondem Vollbart, der alle schwachen Punkte seines Gesichtes verdeckte, durch die sonst die Seele unbehindert hätte hindurchblicken können. Seine großen, offnen, falschen Augen fingen den Beschauer ein und lauerten ihm sein Vertrauen ab, das dann ehrlich mißbraucht wurde; seine etwas verschleierte Stimme, die nur Worte der Liebe, des Friedens, der Gerechtigkeit und vor allem der Vaterlandsliebe sprach, lockte viele irre gemachte Zuhörer an den Punschtisch, an dem der vortreffliche Mann seine Abende verbrachte, indem er Gerechtigkeit und vaterländisches Gefühl propagierte. Man vernahm mit Erstaunen, welchen Einfluß dieser Ehrenmann auf seine schlechte Umgebung ausüben sollte; sehen konnte man es nicht, aber man hörte es. Diese ganze Koppel, die jahrelang auf alles Alte und Ehrwürdige losgelassen gewesen, die auf Regierung und Beamte gehetzt worden war, die sogar die höheren Dinge angegriffen hatte, war jetzt still und liebevoll, nur nicht gegen die alten Freunde; ehrenhaft und gerecht, nur nicht in ihrem Herzen. Sie folgten in allem dem neuen Programm, das der neue Redakteur bei seinem Regierungsantritt aufgestellt hatte und dessen Kardinalpunkt — in wenigen Worten — war, alles neue Gute zu verfolgen, alles alte Schlechte zu fördern, vor der Macht zu kriechen, die emporzuheben, die Erfolg hatten, die niederzuschlagen, die hinauf wollten, den Erfolg zu verehren und das Unglück zu schmähen; in der freien Übersetzung des Programms hieß dies allerdings: »Nur dem Erprobten und anerkannt Guten Beifall zu spenden, aller Sensationssucht entgegenzuarbeiten, streng aber gerecht den Einzelnen zu verfolgen, der durch Unehrlichkeit den Erfolg erringen möchte, den nur redliche Arbeit schenken darf.« Für diesen geheimnisvollen letzten Punkt, der den Redaktionsmitgliedern am meisten am Herzen lag, gab es eine nicht allzufern liegende Erklärung. Die Redaktion bestand nämlich aus lauter Leuten, die alle auf irgendeine Weise in ihren Hoffnungen enttäuscht worden waren; die meisten allerdings durch eigene Schuld, hauptsächlich durch Leichtsinn und Trunksucht; einige waren sogenannte Universitätsgenies gewesen, die einmal als Sänger, Redner, Poeten oder Witzbolde einen großen Namen gehabt hatten und später einer gerechten Vergessenheit, die sie ungerecht nannten, anheimfielen. Nun hatten sie eine Reihe von Jahren hindurch voll Ärger alle Unternehmungen der Neulinge und überhaupt alles Neue fördern und rühmen müssen; es war also kein Wunder, wenn sie jetzt die günstige Gelegenheit ergriffen, um unter dem ehrenhaftesten Vorwand allem, was neu war, Gutem und Schlechtem durcheinander und ohne Unterschied, den Krieg zu erklären. Der Redakteur besonders war ein wahrer Herkules in bezug darauf, Humbug und Unehrlichkeit aufzustöbern. Wenn ein Reichstagsabgeordneter sich Anträgen widersetzte, die darauf hinausliefen, für die Interessen privater Vereinigungen das Land zu ruinieren, so wurde er sofort als ein Scharlatan bezeichnet, der originell sein wolle, der nach dem Ministerfrack dürste — er sagte nicht Portefeuille, denn er hielt sich meistens an die Kleider. Aber die Politik war nicht seine Stärke, oder ehrlicher gesagt, seine Schwäche; das war die Literatur. Er hatte einmal auf dem Nordischen Fest eine Rede in Versen auf die Frau gehalten und damit einen wichtigen Beitrag zur lyrischen Literatur geliefert, der auch in so vielen Provinzzeitungen abgedruckt wurde, wie der Verfasser für seine Unsterblichkeit für nötig hielt. Damit war er Dichter; er kaufte sich nach bestandenem Examen ein Billett zweiter Klasse, um nach Stockholm zu fahren, ins Leben hinauszutreten und die Huldigung entgegenzunehmen, die er in seiner Eigenschaft als Dichter verlangen konnte. Unglücklicherweise lesen die Großstädter die Provinzzeitungen nicht. Der junge Mann war unbekannt, und sein Talent wurde nicht gewürdigt. Als kluger Mann, denn sein kleiner Verstand hatte nie durch eine übermächtige Phantasie Schaden genommen, verbarg er die Wunde und ließ sie das Geheimnis seines Lebens sein. Die Bitterkeit, hervorgerufen dadurch, daß er seine ehrliche Arbeit, wie er es nannte, unbelohnt sah, machte ihn besonders geeignet zum Kritiker literarischer Werke; aber er schrieb nicht selbst, denn seine Stellung verbot ihm, an solchen persönlichen Beschäftigungen teilzunehmen, sondern das überließ er dem Rezensenten, der alle an Gerechtigkeit und unbeugsamer Strenge übertraf. Dieser hatte selbst sechzehn Jahre lang Verse geschrieben, die kein Mensch gelesen hatte, unter Benutzung eines Pseudonyms, ohne daß irgend jemand sich die Mühe gemacht hätte, nach dem wirklichen Namen des Verfassers zu fragen. Seine Gedichte wurden aber jede Weihnacht aus dem Staub ausgegraben und im »Graumützchen« gelobt, von einem Unparteiischen natürlich, der stets seine Signatur unter den Artikel setzte, damit das Publikum nicht glauben solle, der Verfasser habe ihn selbst geschrieben; denn man hoffte immer noch, daß der Verfasser dem Publikum bekannt sei. Jetzt, im siebzehnten Jahre, hielt der Verfasser es für opportun, ein neues Buch (die Neuauflage eines alten) unter seinem wirklichen Namen herauszugeben. Aber da wollte das Unglück, daß das »Rotkäppchen«, das von jungen Leuten geschrieben wurde, die nie den wirklichen Namen des alten Pseudonymus gehört hatten, den Verfasser als einen Anfänger behandelte und sein Erstaunen darüber ausdrückte, daß ein Schriftsteller gleich bei seinem ersten Auftreten seinen Namen auf das Buch setzte und ferner, daß ein junger Mann so trocken und so altmodisch schreiben könne. Das war ein harter Schlag; der alte Pseudonymus bekam einen Fieberanfall, erholte sich aber wieder, nachdem er im »Graumützchen« glänzend rehabilitiert worden war, das in einem Atem das ganze Publikum herunterriß, es unsittlich und unehrlich nannte, weil es eine ehrliche, gesunde und moralische Arbeit nicht zu schätzen vermöge, die man ohne Schaden einem Kind in die Hand geben könne. Über diesen letzten Ausspruch machte sich ein Witzblatt sehr lustig, so daß der Pseudonymus einen Rückfall bekam, worauf er aller einheimischen Literatur, die künftig herauskommen würde, ewigen Tod schwur; freilich nicht aller, denn ein guter Beobachter konnte bemerken, daß recht häufig schlechte Literatur im »Graumützchen« gelobt wurde, wenn auch in lahmer, zweideutiger Art, und derselbe Beobachter konnte feststellen, daß diese Literatur von bestimmten Verlegern herausgegeben wurde; das brauchte aber nicht zu bedeuten, daß der Pseudonymus sich von irgendwelchen äußeren Umständen, wie Kohlrouladen oder Fischkonserven, hätte beeinflussen lassen, denn er war, gleich allen Mitgliedern der Redaktion, ein gerechter Mann, der ganz sicher nicht gewagt haben würde, mit andern so hart ins Gericht zu gehen, wenn er nicht selber untadelig gewesen wäre.
Dann kam der Theaterrezensent. Er hatte in einem Aushebungsbüro in X-köping seine Bildung erworben und seine dramatischen Studien gemacht und hatte sich dabei in eine Größe verliebt, die nur bei ihrem Auftreten in X-köping groß war. Da er nicht gebildet genug war, zwischen seinem privaten Urteil und einem mehr allgemeinen zu unterscheiden, so passierte ihm das Mißgeschick, daß er, als er zum erstenmal in den Spalten des »Graumützchens« losgelassen wurde, die erste Schauspielerin des Landes heruntermachte und behauptete, sie habe in dieser Rolle Mamsell — wie sie nun gerade hieß — imitiert. Daß dies auf plumpe Art geschah, braucht wohl nicht erwähnt zu werden, und daß es geschah, ehe das »Graumützchen« seinen Mantel nach dem Winde gedreht hatte, auch nicht. All das verschaffte ihm einen Namen, das heißt einen verhaßten, einen verachteten Namen, aber immerhin einen Namen, der ihn für den Unwillen, den er erregte, schadlos hielt. Zu seinen hervorragenderen, wenn auch spät geschätzten Eigenschaften als Theaterkritiker gehörte, daß er taub war. Da es mehrere Jahre dauerte, bis das entdeckt wurde, wußte man nicht, ob es mit einem Renkontre in Verbindung stand, das seine Rezension eines Abends im Opernvestibül, als das Gas schon ausgelöscht war, hervorgerufen hatte. Fortan übte er seine Armkraft nur an den Jungen, und wer die Verhältnisse kannte, konnte aus seiner Rezension genau ersehen, ob er etwa ein Mißgeschick in den Kulissen gehabt hatte, denn der eingebildete Kleinstädter hatte an irgendeinem schlechten Ort gelesen, Stockholm sei ein Paris, und das glaubte er.
Der Kunstkritiker endlich war ein alter Akademiker, der nie einen Pinsel in der Hand gehabt hatte, der aber dem vornehmen Künstlerverein Minerva angehörte, wodurch er in die Lage versetzt wurde, dem Publikum Kunstwerke zu beschreiben, bevor sie fertig waren, so daß er ihm die Mühe ersparte, sich sein Urteil selbst zu bilden. Er war immer mild gegen seine Bekannten und vergaß nie einen einzigen von ihnen, wenn er über eine Ausstellung berichtete; dabei hatte er eine so vieljährige Übung, gut über sie zu schreiben — wie hätte er es auch anders wagen sollen —, daß er zwanzig Stück in einer halben Spalte aufzählen konnte, wodurch seine Kritiken an das bekannte Spiel »Bilder und Verse« erinnerten. Die Jungen dagegen erwähnte er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit nie, so daß das Publikum, das seit zehn Jahren nur immer die alten Namen gehört hatte, an der Zukunft der Kunst zu verzweifeln begann. Eine Ausnahme hatte er aber gemacht; das war gerade jetzt geschehen, und leider in einem unglücklichen Augenblick; deshalb befand sich das »Graumützchen« an diesem Morgen in erregter Gemütsverfassung.
Es war folgendes geschehen:
Sellén, wenn wir uns des unbedeutenden Namens von einem früheren, nicht eben bemerkenswerten Anlaß erinnern, war im letzten Augenblick mit seinem Bilde in die Ausstellung gekommen. Nachdem dieses den schlechtesten Platz, der eben möglich war, bekommen hatte, da sein Urheber weder die königliche Medaille besaß noch der Akademie angehörte, erschien der »Professor in Karls IX.« Er wurde so genannt, weil er nie etwas anderes als Szenen aus Karls IX. Geschichte malte; das wieder kam daher, daß er einmal auf einer Auktion ein Weinglas, ein Tischtuch, einen Stuhl und ein Pergament aus Karls IX. Zeit gekauft hatte; diese Gegenstände malte er jetzt seit zwanzig Jahren, bisweilen mit, bisweilen ohne König. Aber er war nun einmal Professor und Ritter hoher Orden, und das half nichts. Jetzt war er mit dem akademisch Gebildeten zusammen, als seine Augen zufällig auf den Oppositionsmann und sein Bild fielen.
»Ach, Sie sind auch wieder hier?« — Er setzte den Kneifer auf. »So, dies soll also der neue Stil sein! Hm! Hören Sie auf mich, mein Herr! Hören Sie auf einen alten Mann; nehmen Sie das weg! Nehmen Sie es weg! Oder ich sterbe! Und Sie tun sich selbst einen großen Gefallen! Was meinst du dazu, lieber Bruder?«
Der Bruder hielt es ganz einfach für eine Unverschämtheit; er wolle als Freund dem Herrn raten, Schildermaler zu werden.
Sellén wendete sanftmütig aber durchdringend ein, es gebe so sehr viele tüchtige Leute in diesem Beruf, deshalb habe er die künstlerische Laufbahn gewählt, in der man ja im übrigen allem Anschein nach sehr viel leichter vorwärts komme. Über diese naseweise Antwort geriet der Professor außer sich, und er kehrte dem Niedergeschmetterten mit einer Drohung den Rücken, die der Akademiker in ein paar Verheißungen umwechselte.
Darauf hatte die erleuchtete Ankaufskommission getagt, — bei verschlossenen Türen. Als die Türen sich wieder öffneten, waren sechs Bilder angekauft für das Geld, das die Allgemeinheit bereitgestellt hatte zur Förderung einheimischer Künstler. Der Auszug aus dem Protokoll, der in den Zeitungen veröffentlicht wurde, hatte nachstehenden Wortlaut: »Der Kunstverein hat gestern folgende Arbeiten angekauft. 1. Wasser mit Ochsen, Landschaft von Großhändler K. 2. Gustaf Adolf vor dem Brand von Magdeburg. Geschichtliches Gemälde von Leinwandhändler L. 3. Ein sich schneuzendes Kind. Genrebild von Leutnant M. 4. Der Dampfer Bore im Hafen. Marine von Schiffsmakler N. 5. Wald mit Dame. Landschaft von Kgl. Sekretär O. 6. Hühner mit Champignons, Stilleben von Schauspieler P.«
Diese Kunstwerke, die durchschnittlich tausend Reichstaler kosteten, waren dann im »Graumützchen« in zweidreiviertel Spalten (die Spalte zu fünfzehn Kronen) gelobt worden, und das war nichts Merkwürdiges; aber der Rezensent hatte, teils um die Spalte zu füllen, teils um beizeiten ein zunehmendes Übel zu unterdrücken, eine Unsitte getadelt, die sich einzunisten begann: daß nämlich junge, unbekannte Abenteurer, die der Akademie entlaufen seien, jetzt ohne Studien, nur durch Effekthascherei und Kniffe das gesunde Urteil des Publikums zu trüben suchten. Hierauf wurde Sellén bei den Ohren genommen und gestäupt, so daß sogar seine Gegner es ungerecht fanden, — und dann weiß man Bescheid. Nicht genug damit, daß ihm jede Spur von Talent abgesprochen und er ein Scharlatan genannt wurde, man griff auch seine privaten finanziellen Verhältnisse an, machte Anspielungen auf die minderwertigen Lokale, in denen er zu Mittag essen mußte, auf die schlechte Kleidung, die er trug, auf seine mangelhafte Moral, seinen geringen Fleiß, und endete damit, ihm im Namen der Religion und der Sittlichkeit eine Zukunft in irgendeiner Zwangsanstalt zu prophezeien, wenn er sich nicht beizeiten bessere.
Dies war ein großes Verbrechen, aus Leichtsinn und Eigennutz begangen, und daß, als das »Graumützchen« an diesem Abend herauskam, nicht eine Seele verloren ging, war ein Wunder.
Vierundzwanzig Stunden später erschien der »Unbestechliche«. Er stellte gewisse eingehende Betrachtungen darüber an, wie das Geld der Allgemeinheit von einer Clique verwaltet werde; wie unter den jetzt angekauften Bildern kein einziges von einem Maler gemalt sei, sondern alle von Beamten und Gewerbetreibenden, die sich nicht entblödeten, mit den Künstlern zu konkurrieren, die hier ihr einziges Absatzgebiet hätten; wie diese Räuber den Geschmack verdürben und die Künstler demoralisierten, deren einziges Streben hinfort darauf gerichtet sein müsse, ebenso schlecht zu malen wie die Verkaufenden, wenn sie nicht untergehen wollten. Dann wurde Sellén erwähnt. Sein Bild sei das erste seit zehn Jahren, das einer Menschenseele entsprungen sei; zehn Jahre lang sei die Kunst ein Produkt von Farben und Pinsel gewesen; Selléns Bild sei eine ehrliche Arbeit, voll Inspiration und Begeisterung, völlig ursprünglich, wie nur ein Mensch, der dem Geist in der Natur ins Auge gesehen habe, malen könne. Der Rezensent warnte den Jungen, gegen die Alten zu kämpfen, denn die habe er schon überholt; er ermahnte ihn, zu glauben und zu hoffen, denn er habe eine Aufgabe usw.
Das »Graumützchen« schäumte vor Wut.
»Ihr sollt sehen, der Kerl hat Erfolg!« rief der Chefredakteur. »Zum Teufel, warum mußten wir auch so schroff gegen ihn vorgehen! Denkt, wenn er sich durchsetzt! Dann haben wir uns blamiert!« Aber der Akademiker schwur, er werde keinen Erfolg haben, und er ging nach Hause mit Unfrieden in der Seele und las in seinen Büchern und schrieb eine Abhandlung, die von neuem den Beweis führte, daß Sellén ein Scharlatan und der »Unbestechliche« bestochen sei.
Das »Graumützchen« atmete auf, aber nur, um einen neuen Schlag zu bekommen.
Die Morgenzeitungen des nächsten Tages verkündeten, Seine Majestät der König habe Selléns »meisterhafte Landschaft« angekauft, die bereits seit mehreren Tagen das Publikum in die Ausstellung locke.
Jetzt faßte der Wind das »Graumützchen«, und es flatterte wie ein Lappen auf einem Zaunpfahl. Sollte man umkehren oder drauflosgehen? Es galt die Zeitung, und es galt den Rezensenten. Da beschloß der Chefredakteur (auf Befehl des geschäftsführenden Direktors), den Rezensenten zu opfern und die Zeitung zu retten. Aber wie? Man erinnerte sich Struves, der in allen Labyrinthen der Öffentlichkeit völlig zu Hause war, und rief ihn herbei. In einem Augenblick hatte er die Situation erfaßt und versprach, in wenigen Tagen die Sache zu deichseln. Um Struves Machinationen zu verstehen, muß man einige der wichtigsten Daten seiner Biographie kennen. Er war der geborene ewige Student und nur aus Not in die Literatur gekommen. Zunächst wurde er Redakteur der sozialdemokratischen »Volksfahne«; darauf knüpfte er Beziehungen zu dem konservativen »Bauernschinder« an; als diese Zeitung aber in eine andere Stadt verlegt wurde, mit Inventar, Druckerei und Redakteur, änderte sich der Name in »Bauernfreund«, und damit nahmen auch die Anschauungen eine andere Farbe an. — Darauf war Struve an das »Rotkäppchen« verkauft worden, wo er gerade durch seine Bekanntschaft mit allen Schlichen der Konservativen sehr erwünscht war, genau wie es jetzt beim »Graumützchen« sein erheblichstes Verdienst war, daß er alle Geheimnisse des Todfeindes, des »Rotkäppchens«, kannte, die er mit der größten Freiheit mißbrauchte.
Struve begann die Reinwaschungsarbeit mit einem Artikel in der »Volksfahne«, aus dem dann einige Zeilen im »Graumützchen« zitiert wurden, die von dem großen Zulauf zur Ausstellung berichteten. Darauf schrieb er ein Eingesandt im »Graumützchen«, worin er den akademischen Kritiker angriff; dem Eingesandt waren einige beruhigende Worte, »Die Redaktion« unterzeichnet, beigegeben. Diese Worte lauteten: »Obwohl wir niemals die Ansicht unseres geehrten Rezensenten in bezug auf die mit Recht sehr gerühmte Landschaft Herrn Selléns geteilt haben, können wir doch anderseits das Testimonium des geehrten Einsenders nicht voll unterschreiben; da es aber zu unseren Grundsätzen gehört, auch anderen Anschauungen in unseren Spalten Raum zu geben, so haben wir nicht gezögert, den obenstehenden Artikel zum Druck zu bringen.«
Jetzt war das Eis gebrochen. Struve, der, wie man sagte, über alles schrieb — außer über kufische Münzen —, schrieb jetzt eine glänzende Kritik über Selléns Bild zusammen und unterzeichnete sie mit dem höchst charakteristischen Dixi. Und da war das »Graumützchen« gerettet und Sellén natürlich auch, aber das war nicht so wichtig.