Karl Nikolaus Falk und seine liebe Frau saßen einige Zeit nach den Ereignissen des vorigen Kapitels eines Morgens am Kaffeetisch. Der Mann war, gegen seine Gewohnheit, nicht in Schlafrock und Pantoffeln, und die Frau hatte einen kostbaren Morgenrock an.
»Ja, du, sie sind gestern hier gewesen und haben alle fünf ihr Leid geklagt,« sagte die Frau mit einem munteren Lachen.
»Das ist doch ver...«
»Nikolaus! Besinne dich! Du stehst jetzt nicht mehr hinterm Ladentisch!«
»Was soll ich denn sagen, wenn ich wütend werde?«
»Erstens wird man nicht wütend, man wird böse! Und dann kann man sagen: ›Das ist sehr merkwürdig!‹«
»Nun, es ist also sehr merkwürdig, daß du mich immer mit unangenehmen Dingen traktieren mußt. Sprich nicht ständig von so etwas, was mich in Wut bringt.«
»Ärgert, mein Alter! — So, ich soll also immer meinen Kummer allein tragen, du aber lastest ...«
»Lädst heißt es.«
»Lastest heißt es, deinen Ärger mir auf. Sag, hast du mir das versprochen, als wir uns heirateten?«
»Nun, nun, nur keine Auseinandersetzungen, keine Logik! Sprich nur weiter! Sie waren also alle fünf hier, die Mama und deine fünf Schwestern!«
»Vier Schwestern! Du hast wirklich nicht viel Liebe zu deinen Verwandten!«
»Zu deinen Verwandten! Das hast du doch auch nicht!«
»Nein! Ich mag sie nicht!«
»Nun also, sie waren hier und haben darüber gejammert, daß dein Schwager aus dem Amt gejagt ist, das hatten sie im ›Vaterland‹ gelesen. War es nicht so?«
»Jawohl! Und dann waren sie unverschämt genug, mir zu sagen, ich hätte jetzt keine Berechtigung mehr, dicknäsig zu sein.«
»Hochmütig, Altchen!«
»Dicknäsig, haben sie gesagt; ich würde mich nie herabgelassen haben, einen solchen Ausdruck anzuwenden!«
»Nun, was hast du denn geantwortet? Du hast es ihnen wohl ordentlich gegeben?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen! Und zwar so, daß die Alte drohte, nie mehr ihren Fuß über meine Schwelle zu setzen.«
»Ach, hat sie das gesagt? Glaubst du, daß sie Wort hält?«
»Nein, das glaube ich nicht! Aber sicher ist, daß der Alte ...«
»Du sollst nicht ›der Alte‹ von deinem Vater sagen, wenn einer es hört.«
»Glaubst du, dann würde ich mir das erlauben? — Jedenfalls kommt der Alte — unter uns — nie mehr hierher.«
Falk versank in tiefes Nachdenken. Dann nahm er wieder das Wort:
»Ist deine Mutter hochmütig? Ist sie leicht zu verletzen? Ich verletze so ungern Menschen, wie du weißt! Du mußt mir ihre schwachen, empfindlichen Seiten aufzählen, dann werde ich vermeiden, ihnen zu nah zu kommen.«
»Ob sie hochmütig ist? Das weißt du doch, auf ihre Art. Wenn sie zum Beispiel erführe, daß wir eine Gesellschaft gegeben und sie und die Schwestern nicht eingeladen hätten, dann würde sie nie wieder herkommen.«
»Sicher nicht?«
»Ja, darauf kannst du dich verlassen!«
»Es ist merkwürdig, daß Leute ihres Standes ...«
»Was redest du?«
»Nun, nun! Daß Frauen so empfindlich sein können! Sag einmal, wie steht es augenblicklich mit deinem Verein? Wie nanntest du ihn doch?«
»Für Frauenrechte!«
»Was sollen das für Rechte sein?«
»Nun, die Frau soll über ihr Vermögen selbst verfügen können.«
»Kannst du das denn nicht?«
»Nein, das kann ich nicht.«
»Ja, was hast du denn für Vermögen, über das du nicht verfügen darfst?«
»Dein halbes Vermögen, mein Alter! Meinen gesetzlichen Anteil als deine Ehefrau!«
»Himmeldonnerwetter, wer hat dich solche Dummheiten gelehrt?«
»Das sind keine Dummheiten, das ist der Geist der Zeit, siehst du. Die neue Gesetzgebung müßte so werden: Ich hätte bei unserer Heirat die Hälfte bekommen müssen, und für diese Hälfte hätte ich kaufen können, was ich wollte.«
»Und wenn du sie ausgegeben hättest, müßte ich dich doch versorgen? Ich würde mich hüten!«
»Du würdest wohl dazu gezwungen werden, sonst kommst du ins Arbeitshaus! So steht es im Gesetz, wenn einer seine Frau nicht versorgen will.«
»Nein, höre einmal, jetzt geht es zu weit! Aber abgesehen davon: habt ihr eine Sitzung gehabt? Was sind denn da für Leute gewesen? Erzähle doch!«
»Wir stellen jetzt in den vorbereitenden Sitzungen erst die Statuten auf.«
»Nun, was sind denn für Leute da?«
»Vorläufig erst Frau Revisor Homan und Ihre Gnaden Rehnhjelm.«
»Rehnhjelm! Das ist ein recht guter Name! Mir ist, als hätte ich ihn schon früher einmal gehört. Aber war nicht auch von einem Nähverein die Rede, den ihr gründen wolltet?«
»Stiften, heißt es! Ja, und denke nur, Pastor Skaare will einmal abends kommen und eine Vorlesung halten.«
»Pastor Skaare ist ein vortrefflicher Prediger und verkehrt in der vornehmen Welt. Es ist recht, mein Altchen, daß du schlechte Gesellschaft meidest. Es gibt nichts Gefährlicheres für den Menschen als schlechte Gesellschaft. Das hat mein Vater immer gesagt und das ist einer meiner strengsten Grundsätze geworden.«
Die Frau las Brotkrümel auf und versuchte mit ihnen ihre leere Kaffeetasse zu füllen; der Mann wühlte in der Westentasche nach seinen Zahnstochern, um etwas Kaffee zu entfernen, der sich zwischen den Zähnen festgesetzt hatte.
Die beiden Ehegatten genierten sich voreinander. Jeder kannte die Gedanken des andern, und sie wußten, wer zuerst das Schweigen brach, würde eine Dummheit sagen, etwas Kompromittierendes. Sie suchten in aller Stille nach neuen Themen, prüften sie, fanden sie aber untauglich; alle standen in irgendeiner Beziehung zu dem eben Gesprochenen oder waren damit in Verbindung zu bringen. Falk versuchte einen Fehler im Arrangement des Tisches zu entdecken, der sich seinen Unwillen zuziehen konnte. Die Frau blickte aus dem Fenster, um eventuell einen Wetterumschlag zu konstatieren, aber — vergeblich.
Da kam der Diener und brachte mit den Zeitungen den Rettungsanker, während er zugleich Herrn Levin meldete.
»Lassen Sie ihn warten!« befahl der Herr des Hauses.
Darauf ließ er die Stiefel eine Weile über die Dielen knarren, damit der arme Wartende draußen auf dem Korridor beizeiten von seinem hohen Kommen unterrichtet würde.
Levin, auf den das neu erfundene Warten auf dem Korridor einen lebhaften Eindruck machte, wurde schließlich, zitternd, in das Zimmer des Hausherrn geführt, wo er kurz wie ein Bittsteller empfangen wurde.
»Hast du das Wechselformular bei dir?« fragte Falk.
»Ich glaube,« antwortete der Bestürzte und holte ein Bündel Schuldscheine und Wechselformulare aller möglichen Gattungen aus der Tasche. — »Zu welcher Bank möchtest du am liebsten gehen? Ich habe Formulare für sozusagen alle.«
Trotz dem feierlichen Charakter der Situation mußte Falk lachen, als er halbausgefüllte Schuldscheine sah, auf denen der eine Name fehlte, ausgeschriebene Wechsel ohne Akzeptanten und fertige Wechsel, die refüsiert worden waren.
»Wir nehmen wohl die Reiferbank,« sagte Falk.
»Das ist wirklich die einzige, die nicht geht, weil — man — mich dort kennt!«
»Nun, dann die Schuhmacherbank, die Schneiderbank, irgend eine, aber rasch!«
Man einigte sich auf die Schreinerbank.
»Nun,« sagte Falk mit einem Blick, als habe er die Seele des andern gekauft, »jetzt mußt du dir einen neuen Anzug bestellen, aber bei einem Uniformschneider, damit du später deine Uniform auf Kredit bekommst.«
»Uniform? Die brauche ich nicht ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Sie muß Donnerstag nächster Woche fertig sein, wenn ich meine große Gesellschaft gebe. Du weißt, ich habe mein Geschäft mit Lager verkauft und bekomme morgen das Bürgerrecht als Großhändler.«
»Oh, ich gratuliere ...«
»Schweig, wenn ich spreche! Jetzt gehst du nach Skeppsholm und machst einen Besuch! Durch dein falsches Wesen und dein unerhörtes Talent, Unsinn zu schwatzen, hast du meine Schwiegermutter erobert. Gut! Nun frage sie, wie sie über meine große Gesellschaft am vorigen Sonntag denkt.«
»Über deine ...? Hast du ...?«
»Schweig und gehorche nur! — Dann wird sie grüne Augen machen und fragen, ob du eingeladen gewesen seist! Das bist du natürlich nicht, da ich überhaupt keine Gesellschaft gegeben habe. Gut! Ihr äußert gegenseitig euer Mißvergnügen, werdet gute Freunde, verleumdet mich, ich weiß, das kannst du; aber meine Frau mußt du loben! Verstehst du?«
»Nein, nicht ganz!«
»Das brauchst du auch nicht, gehorche nur! Noch eins: Du kannst Nyström sagen, ich sei so hochmütig geworden, daß ich nicht mehr mit ihm verkehren wolle. Sage das rundheraus, dann sagst du doch einmal die Wahrheit! — Nein, halt! Wir wollen damit noch etwas warten. Du gehst zu ihm, sprichst von der Bedeutung des Donnerstags, stellst ihm die großen Vorteile vor, die vielen Wohltaten, die glänzenden Aussichten und so weiter. Du verstehst.«
»Ich verstehe!«
»Aber dann gehst du zum Buchdrucker mit dem Manuskript, und dann ...«
»Dann stoßen wir ihn nieder!«
»Ja, wenn du dich so ausdrücken willst, meinetwegen!«
»Und ich lese auf der Gesellschaft die Verse vor und teile sie aus?«
»Hm, ja! Noch eins! Versuche mit meinem Bruder zusammenzukommen! Erkunde seine ganzen Verhältnisse und mit wem er verkehrt! Hefte dich an ihn, stiehl sein Vertrauen — das ist leicht; werde sein Freund! Sage ihm, ich hätte ihn betrogen, sage ihm, ich sei hochmütig, und frage ihn, wieviel er dafür verlangt, seinen Namen abzulegen!«
Levins weißes Gesicht wurde von einem leichten grünen Schatten überzogen, der ein Erröten vorstellen sollte.
»Dies letzte ist nicht schön,« sagte er.
»Was? Hör einmal! Noch eins! Als Geschäftsmann möchte ich meine Angelegenheiten in Ordnung haben! Ich bürge für eine soundso große Summe, — ich muß sie bezahlen, das ist doch klar!«
»Oh! Oh!«
»Ach rede nicht! Im Falle eines Todes habe ich keine Sicherheit. Schreibe mir diesen Schuldschein aus, ausgestellt auf den Inhaber und auf Sicht zahlbar; das ist ja nur eine Formalität!«
Bei dem Worte Inhaber ging ein leichtes Zittern durch Levins Glieder, und er faßte zögernd die Feder, obwohl er genau wußte, daß es keinen Rückzug gab. Er sah eine Perspektive von schäbigen Kerlen, die Spalier standen, mit Stöcken in den Händen, Kneifern vor den Augen, die Brusttaschen geschwollen von gestempelten Schriftstücken, er hörte Klopfen an Türen, Laufen auf Treppen, Vorladungen, Drohungen, Fristgewährungen; hörte die Rathausuhr schlagen, während die Männer ihre spanischen Rohre schulterten und er mit einem Klotz am Bein zum Richtplatz geführt wurde, wo man ihn selber laufen ließ, während seine Bürgerehre beim Jubel der Menge unter dem Beil fiel.
Er unterschrieb. Die Audienz war zu Ende.