Es schlug zehn von der Riddarholmskirche einige Tage später, als Falk vor dem Reichstagsgebäude anlangte, um den Berichterstatter des »Rotkäppchens« in der Zweiten Kammer zu unterstützen. Er beschleunigte seine Schritte, denn in diesem Amt, wo man ordentlich bezahlt wurde, mußte man doch wohl auf den Glockenschlag zur Stelle sein, dachte er. Er ging die Ausschußtreppe hinauf und wurde auf die linke Berichterstattertribüne der Zweiten Kammer gewiesen. Mit einem gewissen feierlichen Gefühl betrat er die wenigen Planken, die wie ein Taubenschlag unter der Decke aufgehängt waren, damit »die Männer des freien Worts von hier aus hören sollten, wie die heiligsten Interessen des Landes von seinen würdigsten Mitgliedern diskutiert wurden«. Dies Ganze war Falk völlig neu, aber er wurde von keinem großen Eindruck überwältigt, als er von seinem Verschlag niederblickte und unter sich den leeren Saal sah, der lebhaft an eine Lancastersche Schule erinnerte. Es war fünf Minuten nach zehn, aber noch war außer ihm keine lebende Seele anwesend. Einige Minuten lang herrschte eine Stille wie in einer Dorfkirche vor der Predigt; ein leises Knabbern tönte durch den Saal. Eine Ratte, denkt er; aber dann entdeckt er auf der Berichterstattertribüne gerade gegenüber eine kleine, verhutzelte Gestalt, die auf dem Geländer einen Bleistift anspitzt, und er sieht, wie die Späne niederschneien und sich unten auf die Tische legen. Es gibt hier nicht vieles, worauf seine Augen ruhen können, als sie an den leeren Wänden umhertasten, aber sie heften sich schließlich auf die alte Wanduhr aus den Zeiten Napoleons I., deren kaiserliche, frisch vergoldete Embleme den aufgewärmten Kohl symbolisieren; aber auch die Zeiger, die zehn Minuten über zehn zeigen, sind — ironisch — ein Symbol für etwas, als die Türen im Hintergrunde sich öffnen, und ein Mann hereintritt. Er ist alt; seine Schultern beugen sich schon unter der Last der öffentlichen Ämter, sein Rücken krümmt sich unter dem Gewicht der kommunalen Missionen, sein Hals ist durch das lange Sitzen in feuchten Amtszimmern, Komiteesälen, Bankgewölben usw. aus der Fasson gekommen, es liegt etwas Pensioniertes in seinen leidenschaftslosen Schritten über den langen Kokosläufer, der zum Rednerpult führt. Als er in die Mitte des Ganges kommt, in die Nähe der kaiserlichen Uhr, bleibt er stehen — er scheint es gewohnt zu sein, mitten auf dem Wege stehenzubleiben und umherzuschauen, aber auch zurück; jetzt jedoch bleibt er stehen, vergleicht seine Spindeluhr mit der Wanduhr, und schüttelt unzufrieden den alten, verbrauchten Kopf: zu schnell, zu schnell! und sein Gesicht drückt eine überirdische Ruhe aus, die Beruhigung, daß seine Uhr nicht zu langsam gehen kann. Er setzt seine Wanderung durch den Gang mit den gleichen Schritten fort, als gehe er auf sein Lebensziel zu, und es ist sehr die Frage, ob er es nicht dahinten in dem ehrenvollen Lehnstuhl neben dem Rednerpult gefunden hat.
Als er das Ziel erreicht hat, macht er halt, holt sein Taschentuch heraus und schnäuzt sich im Stehen; darauf läßt er den Blick über die lauschende Zuhörerschar von Bänken und Tischen schweifen und sagt ein paar bedeutungsvolle Worte, zum Beispiel: »Meine Herren, jetzt habe ich mich geschnäuzt.« Dann setzt er sich und versinkt in eine präsidentenhafte Ruhe, die Schlummer sein könnte, wenn sie nicht Wachen wäre; und, wie er glaubt, allein in dem großen Raum, allein mit seinem Gott, schickt er sich an, Kräfte zu sammeln für die Arbeit des kommenden Tags, als ein starkes Knabbern von links, hoch oben unter dem Dach, ihn aufschreckt; er wirft den Hals herum, daß er mit einem Dreiviertelblick die Ratte morden kann, die in seiner Gegenwart zu knabbern wagt. Falk, der die Stärke der Resonanz in dem Taubenschlag nicht berechnet hatte, nimmt den Todesstoß von dem mordenden Blick entgegen, der sich jedoch beim Niedergleiten von der Decke mildert und leise flüstert — denn laut wagt er es nicht zu sagen: »Es war nur ein Berichterstatter; ich fürchtete, es sei eine Ratte!« Dann aber überkommt den Mörder tiefe Reue über die Sünde, die sein Auge begangen hat, und er verbirgt sein Gesicht in der Hand — und weint? — Nein, er reibt den Fleck fort, den der Anblick eines widrigen Gegenstandes auf der Netzhaut seines Auges hervorgerufen hat.
Nun aber beginnen sich die Türen zu öffnen, die Mitglieder kommen, und die Zeiger der Wanduhr kriechen vorwärts, immer weiter vorwärts. Der Vorsitzende teilt in Form von Händedrücken und Grüßen Gratifikationen an die Guten aus und straft die Bösen, indem er sein Gesicht von ihnen abwendet, denn er muß gerecht sein wie der Höchste.
Jetzt kommt der Berichterstatter vom »Rotkäppchen«, häßlich, nicht ganz nüchtern und verschlafen; trotzdem scheint er ein Vergnügen darin zu finden, die Fragen des Neulings wahrheitsgemäß zu beantworten.
Noch einmal öffnen sich die Türen sperrangelweit, und herein kommt ein Herr mit so sicheren Schritten, als sei er hier zu Hause, der Kammerverweser aus der Steuereinschätzungskanzlei, der Aktuar aus dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter; er geht sogar bis an den Sessel, begrüßt den Vorsitzenden wie einen alten Bekannten und wühlt in den Papieren, als wären es seine eigenen.
»Wer ist das?« fragt Falk.
»Das ist der Oberschreiber,« antwortet der Freund vom »Rotkäppchen«.
»Was? Schreibt ihr hier auch?«
»Auch! Das wirst du bald sehen! Sie haben ein ganzes Stockwerk voller Schreiber; die ganzen Böden sitzen voll, und bald werden auch im Keller Schreiber sitzen!«
Jetzt wimmelt es da unten wie in einem Ameisenhaufen. Der Hammer schlägt auf den Tisch, und es wird still. Der Oberschreiber verliest das Protokoll der vorigen Tagung, das ohne Widerspruch genehmigt wird. Dann verliest er ein Gesuch um vierzehntägigen Urlaub für Jon Jonsson aus Lerbak.
Wird bewilligt!
»Gibt es hier auch Urlaube?« fragt der Neuling verwundert.
»Aber natürlich. Jon Jonsson muß nach Hause und in Lerbak Kartoffeln pflanzen.«
Jetzt beginnt sich die Estrade mit jungen Leuten zu füllen, die mit Feder und Papier bewaffnet sind. Lauter alte Bekannte aus Falks Hilfsarbeiterzeit. Sie lassen sich an kleinen Tischen nieder, als wollten sie Preference spielen.
»Das sind die Schreiber,« erklärt das »Rotkäppchen«. — »Sie scheinen dich zu erkennen!«
Und das ist wirklich der Fall, denn sie setzen ihre Kneifer auf und blicken alle nach dem Taubenschlag hinauf, genau so herablassend, wie die Parkettbesucher im Theater nach der Galerie hinaufsehen. Jetzt flüstern sie untereinander und tauschen Ansichten über einen Abwesenden aus, der sich allem Anschein nach auf dem Stuhl befinden muß, auf dem Falk sitzt. Falk fühlt sich von so viel Aufmerksamkeit so tief gerührt, daß er Struve, der verschlossen, ungeniert, schmutzig und konservativ den Taubenschlag betritt, nicht allzu freundlich begrüßt.
Der Oberschreiber verliest einen Antrag auf Bewilligung neuer Binsenmatten für das Vestibül und neuer Messingnummern für den Galoschenständer.
Bewilligt!
»Wo sitzt die Opposition?« fragt der Uneingeweihte.
»Ja, du, das weiß der Teufel, wo die sitzt.«
»Sie sagen doch zu allem ja!«
»Warte nur noch ein bißchen, dann wirst du schon hören!«
»Sind sie denn noch nicht hier?«
»Hier kommt und geht man, wie es einem gefällt.«
»Das ist ja genau wie bei einer Behörde.«
Der konservative Struve, der diese leichtfertige Rede gehört hat, meint die Regierung repräsentieren zu müssen.
»Was redet der kleine Falk da? Er soll nicht murren!«
Falk braucht eine so lange Zeit, um die passende Antwort zu finden, daß die Verhandlungen unten ihren Anfang nehmen.
»Du mußt dich nicht um ihn kümmern,« tröstet das »Rotkäppchen«; »er ist immer konservativ, wenn er Geld zum Mittagessen hat, und er hat vorhin fünf Kronen von mir gepumpt!«
Der Oberschreiber liest: »54. Bericht des Ausschusses über Ola Hipssons Antrag auf Abschaffung der Pfahlzäune.«
Holzhändler Larsson aus Norrland fordert unbedingte Annahme: »Was soll aus unsern Wäldern werden?« ruft er; »ich will nur fragen: was soll aus unsern Wäldern werden?« Und er wirft sich keuchend auf die Bank nieder. Diese kernige Beredsamkeit ist in den letzten zwanzig Jahren aus der Mode gekommen, und die Szene wird mit Zischen aufgenommen, worauf das Schnaufen auf der norrländischen Bank von selber aufhört.
Der Vertreter Ölands schlägt Sandsteinmauern vor; der Vertreter von Schonen bevorzugt Buchsbaumhecken; die Leute aus Norrbotten sind der Ansicht, daß Pfahlzäune unnötig sind, wenn man keine Äcker hat, und ein Redner auf der Stockholmer Bank meint, die Frage müsse an eine Kommission von Sachverständigen, er betont Sachverständigen, verwiesen werden. Da aber bricht ein Sturm los. Lieber den Tod als eine Kommission! Man verlangt Abstimmung. Der Antrag wird abgelehnt, und die Pfahlzäune werden stehenbleiben, bis sie von selber umfallen.
Der Oberschreiber liest: 66. Bericht des Ausschusses über Karl Jönssons Antrag auf Aufhebung des Beitrages für die Bibelkommission. Bei diesem ehrwürdigen Namen einer hundertjährigen Institution hört sogar das Grinsen auf, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen entsteht im Saal. Wer würde es wagen, die Religion in ihren Grundfesten anzugreifen? Wer würde es wagen, sich der allgemeinen Verurteilung auszusetzen? Der Bischof von Ystad bittet ums Wort.
»Soll ich schreiben?« fragt Falk.
»Nein, das geht uns nichts an, was er sagt.«
Aber der konservative Struve schreibt das folgende Referat:
»Die heil. Interessen des Vaterlandes. Im Namen der Religion und der Menschlichkeit. 829. 1632. Ketzer. Neuerungssucht. Gottes Wort. Menschenwort. Hundert Jahre. Ansgar. Eiferer. Biederk. Unparteilichkeit. Fähigkeit. Lehre. Bestand der schwed. Kirche. Uralte schwedische Ehre. Gustaf I. Gust. II. Höhen von Lützen. Augen Europas. Urteil der Nachwelt. Trauer, Schande. Der grüne Rasen. Wasche meine Hände. Sie haben es nicht gewollt.«
Karl Jönsson bittet ums Wort.
»Jetzt schreiben wir,« sagt das »Rotkäppchen«.
Und sie schreiben, während Struve den Samt des Bischofs bestickt.
»Unsinn. Große Worte. Kommission tagte hundert Jahre. Kosten hunderttausend Kr., neun Erzbischöfe, dreißig Prof., Upsala zus. fünfhundert Jahre. Diätare. Sekretäre. Gehilfen. Nichts geleistet. Probebogen. Schlechte Arbeit. Geld, Geld, Geld! Jedes Ding beim rechten Namen! Humbug. Beamten. Aussaugesystem.«
Nicht eine Stimme erhebt sich, aber bei der geheimen Abstimmung wird der Antrag angenommen.
Während das »Rotkäppchen« mit geübter Hand die holperigen Ausführungen Jönssons zurechtstutzt und eine packende Überschrift darüber setzt, ruht Falk sich aus. Als aber seine Augen die Zuhörertribüne streifen, treffen sie auf einen bekannten Kopf, der auf der Barriere liegt und dessen Besitzer Olle Montanus heißt. Er sieht in diesem Augenblick aus wie ein Hund, der einen Knochen bewacht. Nicht ohne Grund sah er so aus, aber das wußte Falk nicht, da Olle sehr verschwiegen war.
Jetzt erschien unten bei der Bank unter der rechten Galerie, gerade an der Stelle, wo die verhutzelte Gestalt die Späne des Bleistifts hatte niederschneien lassen, ein Herr in blauer Beamtenuniform mit dem Dreispitz unter dem Arm und einer Papierrolle in der Hand.
Der Hammer fiel auf den Tisch, und es entstand ein ironisches, boshaftes Schweigen.
»Schreib,« sagte das »Rotkäppchen«, »aber nimm nur die Zahlen. Ich nehme das andere.«
»Wer ist das?«
»Das sind königliche Anträge.«
Jetzt wurde aus der Papierrolle vorgelesen: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf Erhöhung des Beitrags von 50000 Kr. für das Amt zur Vervollkommnung adliger Jünglinge in lebenden Sprachen, unter Rubrik Schreibmaterialien und Ausgaben auf 56000 Kr. 37 Öre.«
»Was sind das für Ausgaben?« fragte Falk.
»Wasserkaraffen, Schirmständer, Spucknäpfe, Jalousien, Diners in Hasselbacken, Gratifikationen und dergleichen. Halt den Mund; es kommt noch mehr!«
Die Papierrolle fährt fort: »Antrag Seiner Majestät des Königs auf Einrichtung von sechzig neuen Offiziersstellen in der westgotländischen Kavallerie.«
»Waren es sechzig?« fragte Falk, dem staatsmännische Angelegenheiten völlig fremd waren.
»Sechzig waren es! Schreibe nur!«
Die Papierrolle entrollte sich knisternd und wurde immer größer und größer.
»Antrag Seiner Majestät des Königs, fünf neue ordentliche Kanzlistenstellen einzurichten in dem Kollegium für Auszahlung der Beamtengehälter.«
Große Bewegung an den Preferencetischen; große Bewegung auf Falks Stuhl.
Die Papierrolle rollte sich knisternd wieder zusammen, der Vorsitzende stand auf, dankte mit einer Verbeugung, die fragte: Ist weiter nichts gefällig?, und der Besitzer der Papierrolle setzte sich auf die Bank und begann die Späne fortzublasen, die der Verhutzelte ausgestreut hatte, aber sein steifer goldgestickter Kragen hinderte ihn, in dieselbe Sünde zu verfallen, die der Vorsitzende in der Frühe begangen hatte.
Die Verhandlungen gingen weiter. Sven Svensson aus Torrlösa bat ums Wort in der Armenfürsorgefrage. Wie auf ein gegebenes Zeichen erheben sich alle Berichterstatter, gähnen und recken sich.
»Jetzt gehen wir hinunter und essen Frühstück,« erklärt das »Rotkäppchen« seinem Schützling. »Wir haben eine Stunde und zehn Minuten Zeit.«
Sven Svensson aber spricht.
Die Mitglieder der Kammer beginnen sich zu rühren, etliche gehen hinaus. Der Vorsitzende spricht mit einigen guten Mitgliedern und drückt dadurch vonseiten der Regierung seine Mißbilligung dessen aus, was Sven Svensson vorbringt. Zwei ältere Mitglieder von der Stockholmer Bank gehen mit einem jungen Herrn, anscheinend einem Neuling, in die Nähe des Redners, um diesen wie ein Wundertier vorzuführen; sie nehmen ihn genau in Augenschein, finden ihn lächerlich und kehren ihm den Rücken.
Das »Rotkäppchen« scheint es für ein Gebot der Höflichkeit zu halten, Falk darüber aufzuklären, daß der Redner die »Zuchtrute« der Kammer ist. Er ist weder kalt noch warm, kann von keiner Partei benutzt werden, ist für kein Interesse zu gewinnen, aber er spricht, spricht. Doch worüber er spricht, das kann niemand sagen, denn es ist niemals in irgendeiner Zeitung über ihn berichtet worden, und keiner hat sich die Mühe gemacht, im Protokoll nachzusehen; die Schreiber an den Tischen aber haben geschworen, wenn sie einmal zur Macht kämen, seinetwegen die Gesetze ändern zu lassen.
Falk jedoch, der eine gewisse Schwäche für alles Unbeachtete hat, bleibt im Saal und hört, was er schon lange nicht mehr gehört hat: einen Ehrenmann, der untadelig seinen Weg geht und die Klage der Unterdrückten und Mißhandelten vorbringt — und niemand hört ihn an.
Struve hat beim Anblick des Landmanns schnell seinen Entschluß gefaßt und ist in die Kneipe hinuntergegangen, wohin ihm jetzt die andern folgen und wo sie die halbe Kammer treffen.
Als sie gegessen haben und etwas angeheitert sind, gehen sie wieder hinauf, setzen sich auf die Hühnersteige und hören noch eine Weile Sven Svensson reden, oder richtiger, sehen ihn reden, denn jetzt ist die Unterhaltung nach dem Frühstück so lebhaft, daß man kein Wort von dem Sprecher hört.
Aber es nimmt doch einmal ein Ende. Niemand hat etwas einzuwenden, irgendeine Folge hat die Rede nicht, es ist, als sei sie überhaupt nicht gehalten worden.
Der Oberschreiber, der unterdes einmal in seine Ämter hat laufen können, um seine Postzeitungen durchzusehen und sein Feuer im Ofen zu schüren, ist jetzt wieder auf seinem Platz und liest:
»72. Denkschrift des Staatsausschusses über den Antrag Per Ilssons aus Träskaala, 10000 Kr. zur Restaurierung der alten Schnitzarbeiten in der Kirche von Träskaala zu bewilligen.«
Der Hundekopf auf der Barriere der Zuhörertribüne sah drohend aus, als wolle er seinen Knochen bewachen.
»Kennst du diese Mißgestalt da hinten auf der Tribüne?« fragte das »Rotkäppchen«.
»Olle Montanus, ja, das will ich meinen.«
»Weißt du, daß er der Landsmann von dem Träskaalaer ist? O, das ist ein pfiffiger Kerl! Sieh dir den sprechenden Kopf an, jetzt wo der Mann aus Träskaala spricht.«
Per Ilsson hat das Wort.
Struve wendet mit Verachtung dem Sprecher den Rücken und schneidet sich ein Stück Tabak ab, Falk und das »Rotkäppchen« halten die Bleistifte zur Aktion bereit.
»Nimm du die Redensarten,« sagt das »Rotkäppchen«, »ich notiere die Tatsachen.«
Falks Papier war nach einer Viertelstunde mit folgenden Buchstaben bedeckt:
»Vaterl. Kultur. Ökon. Interessen. Vorw. d. Materialism. Nach Fichte Mater. Vaterl. Kult. nicht Mater. Ergo Vorw. hinfällig. Ehrw. Tempel im Glanz der Morgensonne. Turm bis in die Wolken. Heidn. Zeit. Philos. nicht träumen lassen. Heil. Rechte der Nation. Heil. Inter. d. Vaterl. Kult. Akad. der Wissensch. u. d. Künste.«
Dies Sammelsurium, das zum Teil Heiterkeit erregt hatte, besonders bei der Ausgrabung des toten Fichte, rief doch eine Erwiderung von der hauptstädtischen Bank und von der Bank von Upsala hervor:
Der erste sagte: obwohl er weder die Kirche von Träskaala noch Fichte kenne, und obwohl er nicht wisse, ob die alten Gipsonkel zehntausend Kronen wert seien, so glaube er doch seinen Beifall ausdrücken zu müssen, um einen schönen Antrag in der Kammer zu unterstützen, denn es sei das erstemal, daß die Majorität zu etwas anderem Geld verlange als zu Brücken, Zäunen, Volksschulen und ähnlichem.
Der Redner auf der Upsalaer Bank meinte (nach Struves Aufzeichnungen): der Antragsteller habe a priori recht; seine Prämisse: die vaterländische Kultur müsse gepflegt werden, sei richtig; seine Schlußfolgerung: die zehntausend Kronen müßten gezahlt werden, sei bindend; der Zweck, die Absicht, die Tendenz sei schön, löblich, vaterländisch, aber hier sei doch ein Fehler begangen worden. Von wem? Vom Vaterlande? Vom Staat? Von der Kirche? Nein! Von dem Antragsteller! Verstandesmäßig gesehen habe der Antragsteller recht und deshalb könne der Redner nicht anders, er wiederhole das noch einmal, als den Zweck, die Absicht, die Tendenz loben, und er werde das Schicksal des Antrags mit den wärmsten Sympathien begleiten; er fordere die Kammer auf, im Namen des Vaterlandes, im Namen der Kultur und im Namen der Kunst, dem Antrag zuzustimmen; er selbst aber müsse den Antrag ablehnen, da er, begriffsmäßig, falsch, unmotiviert, uneigentlich sei, denn er wolle den Begriff des Orts unter den des Staats subsumieren.
Der Kopf auf der Zuhörertribüne rollte die Augen und bewegte die Lippen konvulsivisch, während die Abstimmung vorgenommen wurde, aber als sie vollzogen und der Antrag genehmigt worden war, explodierte der Kopf und verschwand durch die mißvergnügte und gepuffte Zuhörerschar.
Falk glaubte den Zusammenhang zwischen Per Ilssons Antrag und Olles Anwesenheit und Verschwinden zu begreifen. Struve, der nach dem Frühstück noch konservativer und lärmender geworden war, äußerte sich rückhaltlos über dies und jenes. Das »Rotkäppchen« war ruhig und gleichgültig; er hatte aufgehört, sich zu wundern.
Aber aus der dunklen Wolke von Menschen, in die Olle Montanus einen Spalt gerissen hatte, tauchte jetzt klar und hell und leuchtend wie eine Sonne ein Gesicht auf, und Arvid Falk, der seine Blicke dorthin gewandt hatte, mußte die Augen niederschlagen und sich abwenden — es war sein Bruder, das Haupt der Familie, die Ehre des Namens, der ihn einmal groß und glänzend machen würde. Hinter Nikolaus Falks Schultern sah man die Hälfte eines schwarzen Gesichts mit milden, falschen Zügen, das dem Blonden Heimlichkeiten zuzuflüstern schien. Falk hatte nur eben Zeit, sich über die Anwesenheit des Bruders in diesem Hause zu wundern, weil er seinen Unwillen gegen die neue Staatsform gut kannte, als der Vorsitzende auch schon Anders Andersson die Befugnis erteilte, einen Antrag einzubringen; diese Befugnis machte sich Andersson mit großer Ruhe zunutze und las: »Auf Grund hinreichender Vorkommnisse stelle ich hiermit den Antrag, der Reichstag möge von sich aus den Beschluß fassen, daß Seine Majestät der König bei allen Aktiengesellschaften, deren Statuten er sanktioniert, solidarisch verantwortlich ist.«
Die Sonne verlor ihren Schein auf der Zuhörertribüne, und im Saal erhob sich ein Orkan.
Graf von Splint hat das Wort:
»Quousque tandem Catilina! So weit mußte es kommen! Man vergißt sich so sehr, daß man die Regierung zu tadeln wagt! Hören Sie, meine Herren! Man tadelt die Regierung, oder, was schlimmer ist, man macht sie zur Zielscheibe eines Scherzes, eines rohen Scherzes, denn anders kann man diesen Antrag wohl nicht auffassen. Ein Scherz, sage ich, nein, ein Attentat, ein Verrat! O mein Vaterland! Deine unwürdigen Söhne haben vergessen, was sie dir schuldig sind! Aber wie kann es auch anders sein, da du deine Ritterwacht, deinen Schild, deine Wehr verloren hast. Ich fordere, daß Per Andersson, oder wie der Mann heißt, seinen Antrag zurückzieht, oder, bei Gott, er soll sehen, daß König und Vaterland noch treue Verteidiger haben, die wohl einen Stein heben können, um die vielköpfige Hydra des Verrats zu zerschmettern!«
Beifall von der Zuhörertribüne, Unwille im Saal.
»Ha, glaubt ihr, ich fürchte mich!«
Der Redner arbeitet mit den Armen, als würfe er mit Steinen, die Hydra aber lacht mit ihren hundert Gesichtern. Der Redner sucht nach einer andern Hydra, die nicht lacht, und er findet die Referententribüne.
»Dort! Dort!« Er deutet nach dem Taubenschlage hinauf und schleudert Blicke, als sehe er in der Wand den Abgrund sich auftun. »Dort sitzt das Rabennest! Ich höre ihr Gekrächz, aber sie können mich nicht einschüchtern! Auf, schwedische Männer, haut den Baum ab, sägt die Bretter durch, reißt die Balken nieder, zertretet die Stühle, zertrümmert die Pulte, in Splitter nicht größer als so« (er mißt ein Stück vom kleinen Finger ab) »und verbrennt das ganze Gesindel mit Mann und Maus, dann sollt ihr sehen, wie das Reich in Ruhe blüht und wie seine Pflanzen gedeihen. So spricht ein schwedischer Edelmann! Denkt daran, Bauern!«
Diese Rede, die vor drei Jahren am Ritterhausmarkt mit Bravorufen begrüßt und wörtlich ins Protokoll aufgenommen worden wäre, um später separat gedruckt und an alle staatlichen Volksschulen und andere allgemeine Wohltätigkeitseinrichtungen verteilt zu werden, wurde jetzt als ein Amüsement angesehen, im Protokoll gehörig berichtigt und sonderbarerweise nur in den Oppositionsblättern erwähnt, die sonst nicht gern so etwas aufnehmen.
Darauf baten die Upsalaer ums Wort. Der Redner war in der Sache vollkommen mit dem Vorredner einig und hatte mit seinem feinen Ohr etwas von dem einstigen Schwerterklang in dessen Rede vernommen; jetzt wolle er selbst über die Idee der Aktiengesellschaft als Idee sprechen, aber er bat darauf aufmerksam machen zu dürfen, daß die Aktiengesellschaft keine Ansammlung von Geld sei, keine Vereinigung von Personen, sondern die Aktiengesellschaft sei eine moralische Persönlichkeit und als solche unzurechnungsfähig —
Jetzt erhob sich im Saal ein solches Gelächter und Geschwätz, daß der Referent nichts mehr von der Rede verstehen konnte, die damit endete, daß die Interessen des Vaterlandes auf dem Spiel ständen, begriffsmäßig genommen; würde der Antrag nicht abgelehnt, so würden die Interessen des Vaterlandes vernachlässigt und somit der Staat in Gefahr geraten.
Sechs Redner beschäftigten sich bis zur Mittagspause damit, Auszüge aus der offiziellen Statistik Schwedens, aus Naumanns Verfassung, aus dem Juristischen Handbuch und aus der Göteborger Handelszeitung vorzulegen, und immer war die Schlußfolgerung, das Vaterland sei in Gefahr, wenn Seine Majestät der König für alle Aktiengesellschaften, deren Statuten von ihm sanktioniert worden seien, solidarisch verantwortlich gemacht werde, und die Interessen des Vaterlandes ständen auf dem Spiel. Einer war kühn genug, zu behaupten, die Interessen des Vaterlandes ständen auf einem Becherwurf, während ein anderer meinte, sie ständen auf einer Karte; manche waren der Ansicht, sie hingen an einem Haar, während der letzte Redner vorzog, zu sagen, sie hingen an einem Faden.
Vor Beginn der Mittagspause wurde die Verweisung an einen Ausschuß abgelehnt, das heißt, das Vaterland brauchte nicht mehr durch die Ausschußmühle, das Kanzleisieb, die Reichshäckselkiste, die Keulenschwinge und den Presselärm zu gehen. Das Vaterland war gerettet! Armes Vaterland!