Frühlings Begräbnis

Horch! Vom Hügel welch ein sanfter Klang
Säuselt fernher durch die nächtgen Schatten?
Elfenscharen ziehn den Wald entlang,
Die mit Klaggesang
Ihren Freund, den toten Lenz, bestatten.
Schöner Jüngling! Wie er lieblich ruht,
Schlummerstill auf seiner Veilchenbahre!
Allzuschwer mit sommerlicher Wut
Traf ihn Sonnenglut
Und ihm sank das Haupt, das morgenklare.
Blumen in der Hand, die er geliebt,
Kleine, rote Fackeln leise schwingend,
Ziehn die Geister, die sein Tod betrübt,
Sonst im Flug geübt,
Heute schrittweis, Totenlieder singend.
Stumm in Wehmut schaut der Mond herab,
Und es schluchzen alle Nachtigallen.
Wo er oftmals seine Feste gab,
Senkt man ihn hinab,
Und die bleichen Silberflöre wallen.
Und ein Specht klopft an den Föhrenstamm
Und beginnt den Grabspruch ihm zu halten:
„Stillt die Tränen, tröstet euern Gram!
Der stirbt wonnesam,
Der in blühnder Jugend darf erkalten.
Glaubet mir, der lang die Welt gesehn:
Den ihr heut hier unter Blumen bettet,
Neu und ewig wird er auferstehn.
Nimmer kann vergehn,
Wer die Welt aus Winterbanden rettet.“
Als so weihevoll der Alte sprach,
Lauter schluchzte da das Grabgesinde,
Und die Elfenfürstin seufzt ein „Ach!“
Ihrem Liebling nach
Warf sie in die Gruft die goldne Binde.
Horch! Vom Hügel welch ein wilder Klang?
Finster hat Gewölk den Mond verschattet.
Ein Gewitter zieht den Wald entlang,
Und zerstoben bang
Ist das Häuflein, das den Lenz bestattet.
Paul Heyse