Der Veilchenstrauß

An einem Tage in der ersten Frühlingszeit trat ein Herr, der nicht mehr jung war, aus seinem Kontor, schloß sorgfältig zwei Türen ab und begab sich auf die Straße, um nach Hause zu gehen zum Mittagessen. Wie er die Straße entlang ging, lief ein ganz kleines Mädchen auf ihn zu und schloß sich ihm an, sich immer dicht vor seinen Füßen bewegend. Das wurde ihm lästig, und er ging rechts und links von den breiten Steinen auf das Pflaster; aber das Kind blieb ihm immer vor den Füßen. Es war sehr hartnäckig für sein Alter. Da kam dem Mann dunkel der Gedanke, die Kleine möchte ihn vielleicht in Geschäftsangelegenheiten sprechen wollen. Er beugte sich zu ihr nieder und fragte: „Was hast du?“ Das Kind hob ein Schüsselchen zu ihm empor und sagte: „Veilchen! Bitte, bitte! kaufen Sie, lieber Herr!“ In ruhigem Tone — um keine falschen Erwartungen rege zu machen — fragte der alte Herr: „Was sollen sie kosten?“ — „Einen Dreier das Sträußchen!“ war die Antwort.

Der alte Herr zog aus der Westentasche eine Handvoll kleinen Geldes, suchte einen Dreier heraus, gab ihn dem Kinde und empfing ein Sträußchen, das er schnell in die Rocktasche steckte. Die Rocktasche ist kein guter Aufbewahrungsort für Blumen; aber wenn man als alter Herr der Meinung ist, daß nur junge Leute Blumen am Hut oder in der Hand tragen dürfen, so kann man wohl einmal einen Strauß an einen Ort tun, auf den er am wenigsten gefaßt ist.

Übrigens blieb der Veilchenstrauß diesmal nicht in der Rocktasche, sondern nach kurzer Zeit holte der Besitzer ihn heraus, um ihn zu betrachten. Der kleine Strauß bestand aus etwa einem Dutzend Blumen und einem grünen Blatte und war gebunden mit einem grauen Wollfaden aus einem ausgeribbelten Strumpfe. — ›Sie sollen gut riechen‹, dachte der Mann und näherte den Strauß seiner alten Nase. In der Tat hatten die Veilchen einen Wohlgeruch, der dem alten Herrn nicht ganz unbekannt vorkam. „Woher kommt das?“ sprach er zu sich, indem er nachsann. Er roch wieder an dem Strauß und fragte sich wieder: „Woher kommt das?“ Da fiel ihm ein Tag ein, der auch einmal in der ersten Frühlingszeit gewesen war. Das Wetter war damals auch so milde, und es war etwas Unruhiges in der Luft und in den Menschen. Dann sah er einen Mann, der ihm selbst ähnlich, aber viel jünger war, aus einem Kontor kommen und schnell durch die Stadt — die eine andere war — dem Tore zuschreiten. Vor dem Tore lief dem jungen Manne ein Kind nach, das mit Veilchen umherging. Dem kaufte er eine Menge der kleinen Sträuße ab, steckte sie aber nicht in die Rocktasche, sondern zog ein Papier hervor und machte eine Düte daraus, in die er die Veilchen hineintat. Vom Tore ab ging der junge Mann eine Landstraße entlang und ging so schnell wie jemand, der den Abgang eines Bahnzuges zu versäumen fürchtet — oder wie einer, der seine Braut besuchen will. Dennoch warf er zuweilen nach rechts und links einen Blick über die flache Landschaft. Lerchen sangen über den Feldern, die teils noch schwarz dalagen, teils mit zartem Grün leise übermalt schienen. Die Bäume waren noch kahl; nur einige Pappeln hingen über und über voll graurötlicher Blütenkätzchen. Nach einstündigem Wandern etwa kam der Jüngling in eine kleine Ortschaft und schritt bald auf ein niedliches, blendend weiß getünchtes Haus zu. Eine alte Dame öffnete ihm die Türe und hieß ihn willkommen. Er begrüßte sie freundlich, aber doch flüchtig und fragte: „Wo ist sie?“ Die alte Dame wies auf die halboffene Tür eines Zimmers. In der Ecke am Fenster stand ein altmodischer Lehnstuhl, und im Lehnstuhl saß, in das Kissen zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, ein junges Mädchen. Sie war sehr hübsch, und etwas von ihrem goldblonden Haar war ihr über das Gesicht gefallen! Neben dem Stuhl am Fenster hatte ein kleiner Arbeitstisch seinen Platz, auf dem unter anderen zierlichen Dingen ein leeres Körbchen stand. In dieses legte der junge Mann die Veilchen; dann beugte er sich über die Schlafende, wohl, um sie wach zu küssen. Vielleicht aber hatte sie auch gar nicht geschlafen; denn als er sich über sie beugte, verzog sich ihr Mund zum Lachen. Dann schlug sie auch schon die Augen auf, zugleich ihre Arme öffnend. — —

Bis dahin war der alte Mann in seinen Gedanken gekommen, als er bemerkte, daß er vor seinem Hause angelangt war. Er blieb stehen und überlegte, ob er noch ein Stückchen weitergehen sollte. Zuletzt entschied er sich dafür, in sein Haus zu gehn — da er nun doch wußte, woher der seltsame Wohlgeruch der Veilchen kam. Schneller als sonst stieg er die Treppe empor und schloß die Tür auf. In der Tür trat ihm ein Mädchen entgegen, sehr schön, hochgewachsen und goldblonden Haares. Weil sie der Gestalt, mit der sich der Alte in Gedanken eben beschäftigt hatte, sehr ähnlich sah, so stutzte derselbe. Auch das Mädchen stutzte, weil sie etwas Auffallendes im Wesen des Eintretenden bemerken mochte, und sagte in fragendem Ton: „Vater?“ Er aber, sich schnell besinnend, reichte ihr die zerknickten und welken Veilchen. „Ich habe dir etwas mitgebracht: Veilchen! Sind die nicht schön?!“

Johannes Trojan