Von Dr. Gustav Schulze, Leipzig
Es ist jetzt vielfach die Rede von großzügigen Bebauungs- und Wirtschaftsplänen, durch die nicht nur die eigentlichen Siedlungsflächen, Bau- und Industrieland, sondern auch die Adern des Personen- und Güterverkehrs zu Wasser und Lande, Eisenbahnlinien, Autostraßen, vor allen Dingen aber die Grünflächen, die Lungen der Großstadt, weitblickend festgelegt werden sollen.
Künstlich angelegte Grünflächen, Promenaden, Volksparks werden immer etwas Gewolltes, Unnatürliches an sich haben, die wahre Erholungsstätte für alt und jung bleibt doch der Wald. Nur schade, daß er sich in seiner natürlichen Unberührtheit, sei es auch nur Kulturwald, nur selten noch nahe dem Weichbild einer Großstadt finden wird. Bei Leipzig, dessen Lage ja, mit Unrecht allerdings! für besonders reizlos gilt, wird man das am wenigsten vermuten und doch ist es der Fall. Zehn Kilometer Luftlinie vom Marktplatz, vier Kilometer von der Stadtgrenze entfernt, befindet sich ein echter Nadelwald von acht Quadratkilometern Fläche, das Staatsforstrevier Harth. Der Name bedeutet soviel wie Weidewald.
Die Harth, Leipzigs Stolz und meistgewähltes Ausflugsziel – jede Leipziger Schulklasse tobt sich hier einmal wenigstens im Jahr aus, – liegt auf einer diluvialen Halbinsel zwischen den kilometerbreiten Talauen der Elster und Pleiße, die sich noch südlich der Stadt Leipzig vereinen und als breiter Auwaldstreifen die westlichen Vororte von dem eigentlichen Stadtkern scheiden. Die diluviale Tafel erhebt sich etwa fünfzehn Meter über die Auen und erreicht innerhalb der Harth im Südwesten ihren höchsten Punkt mit 133 Meter, an der Straße südlich Prödel liegt die tiefste Stelle mit 122 Meter. Die geringe Erhebung über den Grundwasserspiegel hat genügt, hier einen typischen Trockenwald, eine kleine Heide entstehen zu lassen, der allerdings alle dünenartigen Bodenwellen völlig fehlen. Die Eigenart der diluvialen Bodendecke hat diese Heidebildung noch begünstigt.
Den Boden der Harth bildet eine sechzig bis hundert Zentimeter dicke Lößschicht, ein durchaus gleichförmiges Gebilde, dem Geschiebe fast gänzlich fehlen. Dieser Löß liegt über lockeren und daher leichtdurchlässigen altdiluvialen Flußschottern. So war es möglich, daß durch Auslaugung der feinen Bestandteile und ihre Wegführung nach unten eine Decke von sandartigem Habitus übrig blieb, die, physikalisch betrachtet, wohl einen guten Boden darstellt, aber bei rund fünfundachtzig Prozent Kieselsäure doch recht arm an Nährstoffen ist. Sandliebende Pflanzen werden sich hier wohlbefinden und so entstand ein echter Heidewald mit Kiefern, Fichten, Lärchen und Birken; den Boden besiedeln Heidekraut und Heidelbeeren, Farne und Maiblumen, die der Leipziger natürlich weit mehr schätzt als den Knoblauch, der ihm zuzeiten die schönen Auenwälder fast vergällt.
Im Gegensatz zur feuchten, nebel- und mückenerfüllten Aue stellt die Umgebung der Harth ideales Siedlungsgelände dar. Das mag schon immer so gewesen sein, denn rings im Umkreis weisen Erdfunde, in der Harth selbst der Rennstieg, Wallanlagen und Brandgräber mit Aschen- und Knochenresten (Bronzezeit?) auf eine vorgeschichtliche Besiedlung hin. Auch die Siedlungen der geschichtlichen Zeit haben sich aus der Gefahrenzone des Überschwemmungsgebietes und vor seinen kalten Nebeln hinaufgeflüchtet auf das diluviale Hochplateau. In engem Kreise schließen Gaschwitz, Debitz-, Groß- und Probstdeuben, Stöhna, Zeschwitz, Zwenkau, Prödel, Zöbigker und Großstädteln die Harth ein. Es ist gar kein Zweifel, daß ihre ackerbautreibende Bevölkerung in früheren Zeiten der Harth manchen Quadratmeter Boden abgerungen hat, denn der Heideboden reicht viel weiter, als sich heute die Harth erstreckt. Sie war darauf angewiesen, dort ihren Pflug anzusetzen, denn die Aue eignete sich nur für Wiesenkultur. Alle diese Orte haben sich bis heute frei von Industrieunternehmungen gehalten, und kein giftiger Qualm, kein ohrenbetäubender Lärm belästigt hier den Erholung suchenden Menschen. Die meisten der Orte wußten die Vorzüge ihrer Lage wohl zu schätzen und hoben sie durch vorzüglich ausgebaute Straßen und mustergültige Beschleusung. Wohlgepflegte Wege führen von all diesen Orten hinüber zur Harth, und Gaschwitz, Deuben und Zwenkau schieben sich heute schon mit Villenkolonien dicht an sie heran.
Alles in allem, die Harth ist das Ideal eines natürlichen Großstadtgrünfleckes. Die Eisenbahn hat die Bedeutung dieser Tatsache voll erfaßt und bringt die Ausflügler der Altstadt, wie auch der östlichen, südlichen und westlichen Vororte vom Hauptbahnhof, vom Schönefelder, Stötteritzer, Gautzscher und vom Plagwitzer Bahnhof her Sonn- und Wochentags mit vierundfünfzig Zügen heran, und von Gaschwitz, Deuben, Großstädteln, Böhlen oder Zwenkau mit siebenundfünfzig Zügen bei einer Fahrzeit von rund zwanzig Minuten wieder in die Großstadt zurück. Bis zum Gaschwitzer Bahnhof, dessen Verkehr dem einer Großstadt wenig nachsteht, ist die Strecke viergleisig ausgebaut, und die neuzeitlich ausgestattete Bahnhofsanlage ermöglicht auch die glatte Abwicklung des Feiertagsverkehrs, der durch Sonderzüge gewöhnlich noch eine Steigerung erfährt.
Eine der besten Autostraßen Leipzigs führt über Connewitz, Gautzsch, Zöbigker, Prödel geradlinig zur Harth, und über Knauthain, Eythra, Zwenkau sowie Ötzsch, Städteln, Gaschwitz ist die Zufahrt im Auto nach der Harth ebenfalls günstig.
Der Hauptvorteil der Harth gegenüber anderen Nadelwäldern in Leipzigs weiterer Umgebung liegt darin, daß sie durch Fußgänger auf schattigen, staubfreien Wegen fast von allen Teilen der Stadt aus zu erreichen ist, ohne daß man dabei vom Groß- und Schnellverkehr belästigt wird. Vom Westen und Süden der Stadt aus kann man ohne großen Umweg in der Elsteraue über Lauer, Cospuden, Eythra, Zwenkau oder vom Osten aus in der Pleißenaue über Lösnig, Dölitz, Markkleeberg, Crostewitz, Gaschwitz zur Harth gelangen. Die Karte vermöchte dieses weitverzweigte Wegenetz doch nicht vollständig wiederzugeben, darum wurde gar nicht erst der Versuch gemacht, um den Eindruck der Geschlossenheit der Auen zwischen Stadt und Harth nicht zu verwischen.
Schon auf der Wanderung zur Harth findet der Naturfreund vieles, was sein Herz erfreut, breite schattige Wege durch den hochstämmigen Auenwald oder enge verschlungene Pfade durch Weiden- und Erlengebüsch, ständig wechselnde Bilder längs der zahlreichen Wasserläufe, lauschige Plätzchen an stillen, von Wasserlinsen überzogenen Altwässern, breit hingelagerte Ziegeleien inmitten blumiger Wiesen, in entlegenen Talwinkeln und Flußschleifen verträumte alte Wassermühlen und efeuumsponnene Herrenhäuser hinter halb ausgetrockneten Schutzgräben. So gelangt man auf immer neuen, immer schönen Wegen in zwei, drei, höchstens vier Stunden hinaus zur Harth. Und nun hat man den doppelten Genuß. Der Laubwald ist reizvoll, es ist doch aber immer wieder etwas Eigenes um den Nadelwald in seiner herben, straffen Schönheit. Kerzengerade streben Fichten und Kiefern zum Himmel empor, in geraden Reihen, Soldaten gleich, wies ihnen die sorgende Hand des Försters den Platz. Gradlinig ziehen Schneisen und Wege dahin, weite Durchblicke gewährend, die dunklen ernsten Massen gesäumt von lichten, freundlichen Birken und Lärchen.
Mag an den Pfingstsonntagen die Harth noch so stark von Tausenden und Abertausenden besucht sein – »hier ist des Volkes wahrer Himmel« – der Kundige findet immer noch ein ruhiges, friedliches Plätzchen in verschwiegenem Gebüsch und vergißt für einige glückliche Stunden das Großstadtgetümmel und ruht und träumt, daß kluge Menschen und ein weitblickender Staat aus diesem unersetzlichen Kleinod einen Naturschutzpark gemacht hätten, den keine frevle Hand berühren darf und wenn das mächtigste Braunkohlenflöz der Erde darunter läge. – Ein schöner Traum, aber vielleicht wird er doch noch Wirklichkeit, wenn auch die Gefahr groß ist, die der Harth vom Staatlichen Braunkohlenwerk Böhlen her droht.