Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens Grenzdörfern

Von Rudolf Moschkau, Leipzig

Mit sieben Zeichnungen vom Verfasser

Zu den unscheinbarsten Blüten alter heimatlicher Volkskunst gehört eine Gruppe von Hausornamenten, die mir an Sachsens Landesgrenze bei Leipzig häufiger vorzukommen scheinen, als sonst in Leipzigs näherer Umgebung. Daß hierbei die erst hundertjährige politische Grenze keinerlei Rolle als Kulturscheide spielt, bedarf kaum der Erwähnung. Tatsächlich finden sich die in Rede stehenden Verzierungsmuster an bäuerlichen Lehmhäusern hüben wie drüben. Die reizvolleren Beispiele freilich traf ich jenseits der grün-weißen Grenzpfähle auf provinzialsächsischem Boden an. In unmittelbarer Umgebung der Großstadt dagegen hat großstädtische Bauweise mit den alten Lehmhäusern auch die alte Verzierungsweise verschwinden lassen. Ob heute die Technik der Lehmwandmusterung in dem unberührteren landwirtschaftlichen Nachbargebiete, in dem sie besser erhalten blieb, auch noch ausgeübt wird, entzieht sich meiner sicheren Kenntnis. Ich bezweifle es; auf jeden Fall könnte es sich nur um ein örtlich begrenztes, letztes Aufflackern einer verlöschenden Gepflogenheit handeln.

Die Hausornamente bestehen aus geometrischen Furchen- und Stichmustern, die in den noch bildsamen feuchten Lehm der eben fertiggestellten Hauswände eingetieft wurden. Das drei- bis sechszinkige Gerät, dessen sich der bäuerliche Handwerker hierzu bediente, ist kammartig zu denken. Zu Gesicht ist mir ein solches Instrument bisher nicht gekommen. Vielleicht genügte für einfache Muster das fünfzinkige Urbild aller Kämme, die menschliche Hand. Wo die gemusterte Lehmwand vor Schlagregen geschützt blieb, erhielten sich Furchen und Einstiche sehr wohl.

So kann man noch ganze Außenwände, mit unbegrenzten Mustern gefüllt, antreffen. Für Innenwände schuf man sich auf gleiche Art einen billigen Tapetenersatz. Als Beispiel mag ein Bauernhaus des siebzehnten Jahrhunderts aus Leipzig-Wahren dienen, das von seinem Besitzer pietätvoll geschont ward. (Abb. 1.) Ohne Kalk- oder Farbtünche geben seine Zimmerwände ein Bild armseliger und doch nicht schmuckloser Einfachheit: Der Balkenrichtung angepaßt, verlaufen vierfurchige Wellenbänder in Begleitung von Stichgruppen ziemlich sorglos zwischen senkrechten Furchenbändern oder folgen schrägen Streben des Balkenwerkes. An anderen Stellen tritt durch regelmäßige Kreuzung geradliniger Bänder ein strengeres Rautenmuster mit gewellten kurzen Mittelstrichen auf. Der Bauer hat die letztgenannte Art, eine Wandfläche im Ganzen aufzuteilen, entschieden vor anderen Möglichkeiten bevorzugt, so daß sie über weite Landstriche Sachsens und der Nachbarländer Verbreitung gefunden hat.

Durch besseren Wetterschutz vor der Wandfläche begünstigt, zeigt das Dachgesims die empfindlichen Kammuster in besserer Erhaltung. Die ausgewählten Beispiele sprechen für sich selbst. Was die Konstruktion des Simses angeht, so war ich um Ansichten in Übereckstellung bemüht. An den Ecken liegen die wunden Stellen des Lehmhauses, die nicht selten erkennen lassen, wie der Sims gebaut und mit Lehm verkleidet worden ist. Die Muster selbst werden an dem überschatteten Sims von ungeübten Augen leicht übersehen. Nur bei guter Erhaltung und Seitenbeleuchtung sind sie so deutlich wie auf unseren Zeichnungen sichtbar. (Abb. 27.)

Was an der Bemusterung der Simse sogleich auffällt, ist der größere Reichtum an Formen. Zickzack- oder Wellenbänder mit Überschneidungen folgen der Hauptrichtung des Simses und werden meist begleitet von Stichgruppen, die sinngemäß die freien Mittelfelder und Zwickel füllen. Aus der Zahl der Furchen, die ein Band bilden, oder der Punktzahl einzelner Stichgruppen ist die Zinkenzahl des verwendeten Kammes ohne weiteres erkennbar. Eine Reihung einzelner Elemente wie in Abbildung 5 mag durch die Reihe der vorstehenden Dachbalkenköpfe eingegeben worden sein. Diese Balkenköpfe werden gern durch Lehmauftrag verdeckt, um eine glatte Durchführung des Musters über den ganzen Sims hin zu ermöglichen. Da aber der dünnere Lehmauftrag an dem Balkenende weniger fest haftet, treten sie meist wieder zutage, wie in Abbildung 4. Hier hält überdies ein kahler, späterer Mörtelputz das freundliche alte Girlandenmuster bis auf eine Bruchstelle verdeckt.

In geschmacklicher Hinsicht verdient dieser bescheidene Hausschmuck fast ausnahmslos ein Lob. Es scheint, als ob die Hersteller Kenntnis gehabt hätten von den Ornamentgesetzen der Reihung. Nicht nur, daß die rhythmisch geordneten Zierteile und die rhythmisch bewegten Linien Gefallen erregen – selbst der Rhythmus des unbegrenzten, denkbar bescheidenen Musters in Abbildung 7 hat noch seinen Reiz – nein, auch die Logik dieses Schmuckes ist zwingend: Der Schmuck ist werk- und materialgerecht; denn der Kamm, der nur stechen und ritzen kann, wird allein in diesem Sinne verwendet, und zwar an einem Material, das eben diese Tätigkeiten mühelos erlaubt. Es sind nichts weiter als Werkzeugspuren in gefälliger Anordnung, die so entstehen, keine andere Herstellungsweise, kein fremder Werkstoff wird vorgetäuscht. Und auch die Stelle, wo der Schmuck sitzt, ist sinnvoll gewählt. Es ist der obere Wandabschluß des Hauses, wo das Muster wirkt wie der säumende, abschließende Besatz eines Kleides.

Bäuerliche Ritzkamm-Muster an der Innenseite der Lehmfachwände des Hauses No. in Wahren bei Leipzig. 17. Jahrhundert.
Abb. 1
Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in Döllnitz westl. Schkeuditz
Abb. 2
Bäuerliches Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in Raßnitz westl. Schkeuditz.
Abb. 3

Man sehe noch einmal ein Beispiel wie Abbildung 3 an, und man wird gestehen, daß der so erzielte Eindruck von Harmonie zwischen baulichen und schmückenden Gliedern ungetrübt ist. Ein ehrlicher, derber Menschenschlag mit Sinn für Zweckmäßigkeit und Freude an bescheidener Schmückung steht hinter solchem Werk. Aber noch ein anderer Eindruck drängt sich uns auf: Der Eindruck, daß es »so lange her« sei, daß hier eine uraltertümliche Kunstübung vorliegen müsse; und dem ist auch so. Wer in Europas vorgeschichtlicher Kunst Bescheid weiß, der kennt bereits diese Kreuzchen und Stichgruppen, Zickzack- und Wellenmuster. Sie sind zu allen Zeiten in mehr oder weniger primitiven Kulturen in Gebrauch gewesen. Vom Volk erfunden und angewandt, stellen sie im eigentlichen Sinne primitives Gemeinschaftsgut dar.

Bäuerliches Wohnhausgesims mit altem Ritzkamm-Muster unter jüngerem schmucklosem Mörtelputz. Klein-Kugel, östlich Halle, Kreis Halle.
Abb. 4
Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in Wöllmen südw. Eilenburg.
Abb. 5
Bäuerliches Wohnhausgesims mit Ritzkamm-Muster, Kl.-Kugel, östl. Halle, Kr. Halle.
Abb. 6
Groß-Kugel, östlich Halle, Kreis Halle, Scheunengesims mit Ritzkamm-Muster.
Abb. 7

Schon die eiszeitlichen Fundstellen der Aurignackultur liefern auf Knochengeräten schön entwickelte Beispiele. Auf nacheiszeitlichen Rentierstäben der Yoldiaperiode tauchen sie wieder auf. Die reichste Entwicklung aber findet das primitive, geometrische Ritzornament in der Keramik der jüngeren Steinzeit Deutschlands. Hier läßt es sich auch zum erstenmal an Häusern – Grabhäusern freilich, wie das berühmte Merseburger Steinkistengrab, sowie an tönernen Hausmodellen aus Mähren – neben bildhaft symbolischen Zeichen beobachten. Für die viel spätere Zeit der Römerherrschaft bekundet Tacitus, Germania XVI, in einer vielgenannten Stelle, daß die Germanen manche Teile des Hauses mit feiner glänzender Lehmmasse überzögen, wodurch Malerei und Zeichnung gleichsam vertreten würden. Die merkwürdigste technische Übereinstimmung mit unseren Lehmwandmustern liefert jedoch der slawische Kulturabschnitt unserer Heimatgeschichte. Die slawischen Gefäße vom Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends kennen als ausschließliche Verzierung nur die Ritzkammusterung. Sehen wir von der viel kleineren Ausführung derselben ab, so ist die Ähnlichkeit dieser tausendjährigen Gefäßmuster mit unserem Lehmhausschmuck verblüffend. Davon kann sich jeder Besucher einer heimatlichen Vorgeschichtssammlung, die slawische Scherben enthält, überzeugen. Wenn heute noch in slawischen Ortschaften an der March[4], wie auch anderwärts in slawischem Siedlungsgebiet, Lehmwände in gleicher Weise mit Kammustern geschmückt werden, so darf auch eine ununterbrochene Tradition wenigstens für slawische Stämme vermutet werden. Ebenso wird für unsere Heimat eine Fortdauer vor- und frühgeschichtlicher Tradition bis zur Gegenwart nicht zu bestreiten sein.

Außer der primitiven Technik unseres Lehmhausornamentes weist aber noch ein zweiter Umstand in die graue Vorzeit als den Nährboden solcher Kunstübung, ein Umstand, der uns die Muster nicht mehr allein aus reiner, primitiver Schmuckfreude herleiten läßt. Das ist das Auftreten symbolartiger Bildzeichen. So erscheint, von mir freilich nur erst einmal in Leipzigs Umgebung beobachtet (Wölpern, südöstlich Eilenburg), in Verbindung mit Zickzackmusterung ein Bäumchen auf gestellartigem Untersatz, beides in Stichmanier ausgeführt. Ganz gleiche primitive Bäumchen mit aufwärtsweisenden Zweigen, wiederum verbunden mit Dreieckzacken und Punktmusterung sind im Hannöverschen als gelegentliche Malerei an Hausbalken bekannt. Auf Befragen eines volkskundlich eingestellten Forschers gaben Einheimische eine bildliche Ausdeutung der abstrakten Muster bis auf die Punktdreiecke, deren Erklärung mit einem »zweideutigen Schmunzeln« abgelehnt wurde[5]. Sie dürften wohl geschlechtliche Beziehung haben. Und da solche Zeichnungen einer Braut im Hause gelten, so ist die Beziehung auf künftige eheliche Fruchtbarkeit offensichtlich. Was hier im symbolischen Sinne geschieht, ist in alten Zeiten als zeichnerischer Fruchtbarkeits- und Abwehrzauber geübt worden. Darauf weist auch das Auftreten der Symbolzeichen in jenen steinernen Grabkammern des Neolithikums hin, in denen gerade das primitive Bäumchen, mit einem Sonnenrad beziehungsvoll verbunden, wiederholt beobachtet worden ist.

So kann vergleichende Volkskunde und Vorgeschichte die bescheidensten Zeugnisse heimatlicher Volkskunst in ein neues Licht rücken. Mochten die heutigen Lehmwandmuster auch von ihren Herstellern nur als Schmuck angebracht und empfunden worden sein, so gehen sie doch letzten Endes auf alte Vorbilder zurück, in denen sich Schmuckwirkung mit zauberischer Absicht verband. An anderem Bauzierat des Hauses läßt sich diese Verwurzelung in primitiver magischer Denkweise vorgeschichtlicher Kulturen deutlicher erkennen. Doch liegt hier durch die Sammlung von Wetterfahnen, Giebelzeichen, Dachluken, Hausinschriften usw. ein ungleich reicheres Material vor. Möchten sich auch für unsere aussterbenden Lehmwandmuster einige Heimatforscher finden, die durch zeichnerische Sammelarbeit das Material vermehren helfen, das auf diesen Seiten nur erst teilweise veröffentlicht worden ist, und das zusammenzutragen mir manche Freude bereitet hat.

Fußnoten:

[4] Mitteilungen der Anthropolog. Gesellschaft in Wien. Bd. VII, S. 318, mit Abbildung.

[5] Zeitschrift für Ethnologie. Verhandlungen 1896, S. 589, mit Abbildung.