Von Professor Dr. Naumann
Als Muster eines Auenwaldes bezeichnet Roßmäßler die artenreichen, feuchtkühlen Laubwälder der Leipziger Umgebung. Er sagt darüber: »Die Nähe eines gepflegten Auenwaldes schützt die große Stadt der Tiefebene vor dem Hereinbrechen der Langweiligkeit, welche dem vordringenden Feldbau auf dem Fuße folgt. Und in solch glücklicher Lage befindet sich Leipzig, welches aus seinem westlichen Tor unmittelbar in einen der schönsten Auenwälder Deutschlands tritt.«
Jeder Auenwald verdankt seine Entstehung und seine Zusammensetzung der überschwemmenden Tätigkeit eines Flußsystems.
Während der Oberlauf des Flusses sich eingeengt sieht durch die ansehnlichen Bodenerhebungen eines Berglandes, dringt der Mittellauf meist durch liebliches Hügelgelände. Solch begleitende Höhen lassen eine breite Überschwemmungszone kaum aufkommen. Der schmale Ufersaum ist meist blockreich und schotterbedeckt, so daß sich Baumbestände auf vereinzelte Weiden, Erlen und Espen beschränken, wie wir an den schmalen Uferstreifen unserer Erzgebirgsflüsse wahrnehmen können. Der meist gewundene Lauf ist einer ruhigen und steten Ablagerung feinerer Anschwemmungsprodukte nicht günstig, und infolge des noch starken Gefälles im jugendlichen Strom bleiben nur kiesige Massen an den Uferrändern, während die aufschwemmbaren Produkte bis weit hinab ins Niederland geführt werden. Hierzu kommen die reißenden Schmelzwässer des Frühjahrs, welche etwa angehäuften Feinboden wieder zerstören. Nur selten zeigt sich in breiteren Gebirgsmulden, wie am Hemmschuh bei Rehefeld im Flußgebiet der Wilden Weiseritz, ein auwaldähnlicher Holzbestand, welcher als Auwaldpflanze noch den Märzbecher führt. (Abb. 1.) Der Prallhang der Bergflüsse bietet den Holzgewächsen gar keinen Raum, und der kiesige Gleithang ist meist mit strauchigen Weiden[1], einem Salicetum, bestanden.
Erst in der Niederung fließt der Strom in majestätischer Breite und altersträger Ruhe ohne besondere Richtungsänderung dahin. Nach starkem Herbstregen oder durch die Schmelzwässer des Frühlings tritt er weit über seine Uferränder hinaus und setzt feinkörnige fruchtbare Verwitterungsmassen ab, die wir als Aulehm bezeichnen, und welche aus Ton und feinem Sande bestehen. Nur dann weicht der Strom der Niederung von seiner eingeschlagenen Hauptrichtung ab, wenn sich ihm leichtgewellte Höhenzüge, wie bei der Elbe der Fläming, entgegenstellen, oder wenn seitliche, wasserreiche Zuströme ihm eine andere Richtung aufdrängen, wie dies bei der Weser durch die Aller geschieht. Dort, wo mehrere gleichgerichtete Flüsse sich auf engem Raum vereinigen, wo also ein engmaschiges Flußnetz gewebt ist, wird sich die günstigste Gelegenheit zur Auwaldbildung finden, und hier dürfen wir auch typische Auenwälder erwarten. In Sachsens Nordwesten, in Leipzigs Umgebung, ist ein solches Gebiet geschaffen durch den Zusammenfluß von Elster, Parthe, Pleiße und Luppe (Abb. 2), und die malerische Gruppierung verschiedenartigster Laubbäume am Hundewasser gibt uns einen Begriff von den Schönheitswerten solcher Bestände.
Schon im Jahre 1912 fand eine Anregung unseres Landesvereins Heimatschutz auf Schaffung eines Auwaldschutzbezirkes durch die einsichtige Stadtverwaltung Leipzigs Erfüllung, indem vom Rate der Stadt beschlossen wurde, einen Teil des sogenannten Burgauer Forstreviers, den Polenz, der in der Nähe des Parkes vom Lützschenaer Rittergute liegt und dem Verkehr nur schwer zugänglich ist, bis auf weiteres in der bisherigen Gestaltung zu erhalten, d. h. von forstlicher Nutzung abzusehen. Dieser Teil wird von einem Elsterarm, eben dem Hundewasser, umflossen und zeigt den Typus des Auenwaldes mit seiner üppigen Vegetation noch recht unverfälscht. Weißbuchen und Ulmenaltholz bilden längs des Ufers eine Laubwand von gewaltiger Wirkung (Abb. 3). Auch der Anblick des Polenz von Osten her zeigt uns einen geschlossenen Laubwalddom, hinweg über einen vorgelagerten Hochwasserspiegel, welcher trotz wechselnder Wasserfülle den stolzen Fischreihern vorübergehend als Aufenthalt dient (Abb. 4).
Zum eigentlichen Heimatschutzgebiet aber wurde dieser köstliche Landesteil erst im Jahre 1922. Von diesem Jahre konnte man durch eine entsprechende Tafel mit der Inschrift:
Naturschutzgebiet
Urwüchsiger Auenwald
des Elstergebietes
Mit zahlreichen Baumarten (außer Rotbuche)
Helft alle dazu, dieses Naturdenkmal
unversehrt der Nachwelt zu erhalten.
gemeinsam unterzeichnet vom Heimatschutz und der Stadt Leipzig den Auwald am Hundewasser als »geschützt« bezeichnen. Abbildung 5 zeigt den Eingang zum Schutzgebiet, und der Blick fällt auf ein Baumgemisch von Eschenaltholz und stattlichen Rüstern. Wohl gibt es noch andre, vielleicht auch naturwissenschaftlich reichere Orte in Leipzigs Flußnetz, aber wir dürfen mit dieser Wahl zufrieden und Leipzigs Stadtverwaltung recht dankbar sein. Zwischen Gundorf und Lützschena finden sich malerische Altwassertümpel, die als Reste früherer Überschwemmungen verblieben sind (Abb. 6), und noch immer einer interessanten, leider immer weniger werdenden Groß- und Kleintierwelt günstige Lebensbedingungen gewähren. Diese Plätze sind daher als Sammelgebiet ein Dorado für Aquarienliebhaber geworden, und man ist damit umgegangen, dort eine biologische Arbeitsstätte zu schaffen. Leider wollte man auch Ansiedelungsversuche mit verschiedenen, auch fremdländischen Tieren machen. Ein solches »Ansalben« ist höchst bedenklich! Als Naturschutzgebiet im eigentlichen Sinne darf man derartige Orte, selbst wenn sie für bestimmte naturwissenschaftliche und Liebhaberzwecke der Allgemeinheit entzogen sind, nicht betrachten. Ein solches muß sich selbst überlassen bleiben, d. h. frei von forstlichen Eingriffen und frei von neugieriger Begängnis gehalten sein, um für unsere Nachfahren das Walten einer ursprünglichen Natur zu retten.
Nahe Leutzsch liegt ein stiller Auwald-Zauber über einer Luppenlandschaft, und man kann es der städtischen Forstverwaltung (Forstmeister Zacharias) nicht genug danken, daß auch dieser Winkel in seinem ursprünglichen Zustand gepflegt und erhalten wird (Abb. 7). Auch weiter westlich, in der Umgebung von Maslau und Horburg (vgl. Karte Abb. 2) bietet die Luppe malerische Baumbestände und wird mit dem wechselnden Grün und dem Silbergrau der Weiden, deren Spiegelbild in dem ruhenden Wasser zu uns leuchtet, zu einem landschaftlichen Kleinod (Abb. 8). Aber nicht bloß die herrlichen Baumgestalten entzücken uns; das träg fließende Wasser schmückt sich am Ufer weithin mit flüsterndem Ried und raschelndem Röhricht, und eine reizvolle Spiegeldecke lichtgrüner Schwimmpflanzen belebt anmutig die majestätische Ruhe (Abb. 9). Kaum satt kann sich das Auge trinken an dieser grünen Dämmerpracht, durchfunkt von den Goldblüten der Mummel. Darum darf wohl ein zweites Bild des Maslauer Auenwaldes (Abb. 10) auch dem verwöhnteren Leser nicht überflüssig erscheinen.
Auch im Muldenlande, südlich von Leipzig, zeigen die restlichen Baumbestände um Rochlitz noch den Charakter des Auenwaldes, wie er sich vor Zeiten, anstelle der jetzigen fruchtbaren Auwiesen und Felder, zu beiden Seiten des Flusses ausgebreitet hat (Abb. 11).
In der norddeutschen Niederung erlangen naturgemäß die periodischen Überschwemmungsgebiete ihre weiteste Ausdehnung und erzeugen, wie Drude sagt, scharfe Gegensätze zwischen Heide- und Auenwald. Hier werden auch die Flußauen, soweit der Eisgang das Aufkommen von Baumbeständen hindert, von sumpfigen Grasfluren und Grünmooren begleitet, wie uns die Abbildung 12 eines Flußtales in Posen durch den reichen Bestand an Wollgras mit seinen weißleuchtenden Fruchtfahnen dartut. Am Horizont erkennt man den dunkelgrünen Wall des Auenwaldes, soweit nicht dauernd nasses Gelände einen Bruchwald schafft, einen Sumpfwald aus Erlen und stattlichen Weiden, durchsetzt mit Birken und Schwarzpappeln[2].
Der Auenwald ist ein ausgesprochener Laubmengwald, der Nadelbäume ursprünglich völlig ausgeschlossen hat; wenn sie heute darin erscheinen, verdanken sie ihren Ursprung dem Zufall oder künstlicher Anpflanzung[3].
Wie schon früher bemerkt, ist der Auwaldboden größtenteils zusammengesetzt aus Feinsand und Ton. Solcher Feinboden ist wenig luftdurchlässig und wird daher nur in geringem Maße das Sauerstoffbedürfnis tiefgreifender Wurzeln befriedigen können. Es bleiben daher auf solchem Überschwemmungsboden Bäume mit lufthungrigen Wurzeln ausgeschaltet: die sandgewohnte Kiefer, die bergfrohe Tanne und die sonst anspruchslose Fichte. Es fehlt daher zumeist auch die Rotbuche, welche blockreiches Gelände bevorzugt. Wenn die Fichte im Gebirge trotzdem in versumpften, torfmoosbedeckten Böden auftritt, so ist sicherlich ihre Wurzel gebettet in Boden von gröberer Struktur, also »luftumgeben«. Schließlich wird der Sphagnum-Bestand und der von ihm gebildete Moostorf den Fichtenwald doch ersticken.
An dieser Stelle möchte ich ganz besonders auf das Sauerstoffbedürfnis aller lebenden Pflanzenorgane, also auch der Wurzel, aufmerksam machen. Auch Wurzeln müssen atmen, um sich die zum Wachstum nötige Betriebswärme zu schaffen. Wie es unter den Bakterien aërobe, d. h. sauerstoffbedürftige und anaërobe Arten gibt, die mit geringen Sauerstoffmengen auskommen können, so besteht sicher für die Wurzeln der verschiedenen Waldbäume ebenfalls ein abgestuftes Sauerstoffbedürfnis. Dasselbe ist noch wenig studiert, wird aber so manches Standortsrätsel bei Formationen und Assoziationen der Lösung entgegenführen.
Bäume, deren Wurzeln vorübergehenden Sauerstoffmangel vertragen können, werden auf periodisch überschwemmten Standorten, also Auwaldböden, gedeihen. Hierzu scheinen graduell geordnet: Eiche, Hainbuche, Ulme und Esche zu gehören. Andere Bäume müssen dauernd mit der äußerst geringen Sauerstoffmenge in stagnierenden Gewässern fürlieb nehmen. Dies sind die Moor und Bruch gewohnten Erlen, Espen, Birken und Weiden. In den berühmten Sumpfwäldern (cypress-swamps) von Florida und Südgeorgien gedeiht auch eine nadelwerfende Konifere Taxodium distichum, da sie ihr Luftbedürfnis durch über die Erde ragende Atemwurzeln decken kann. Natürlich können auch Erle, Espe und Birke im Auenwald eingesprengt erscheinen, sind aber die Hauptbestandteile der Bruchwälder.
Für die Rotbuche ist zur Besiedelung des Auenwaldes neben dem ungestillten Sauerstoffbedürfnis wohl auch die Kalkarmut des ausgelaugten Schwemmlandbodens ein Hindernis.
In der Auenwaldfrage verdient auch eine eigenartige symbiotische Erscheinung unsere Aufmerksamkeit: Das Zusammenwirtschaften von Baumwurzeln und Pilzmycel, die Mycorrhiza. Noch ist der Nutzen der Mycorrhiza für den Baum nicht völlig geklärt, doch läßt sich annehmen, daß diese verpilzte Wurzel eine Nützlichkeitserscheinung darstellt, die auch in die Frage der Besiedelung von Überschwemmungsböden hineinspielt. Auch die pilzdurchsetzten Wurzelknöllchen aller Erlenarten mögen hier Erwähnung finden. Abbildung 13 zeigt uns solche später verholzende, traubige Wurzelknöllchen, welche bis zur Größe einer Kinderfaust heranwachsen können. Diese Gebilde werden hervorgerufen durch in das Wurzelgewebe eindringende Pilzfäden, welche in bakterienähnliche Kleinstäbchen bzw. kugelige Zellketten zerfallen. Nach Kulturversuchen von Nobbe und Hiltner, Tharandt, wissen diese Pilze den freien Stickstoff der Luft zu binden, so daß der von Stickstoffsalzen ausgelaugte Schwemmland- bzw. Uferboden den Erlen ein freudiges Gedeihen ermöglicht.
Während bei uns die Schwarzerle sich meist auf Bruchland findet, spielt in den prächtigen Auenwäldern der Donau (vgl. Schlußverzierung, aufgenommen von L. Kniese, Pillnitz) die Weiß- oder Grauerle eine hervorragende Rolle, wie ich auf meinen Wanderungen in der Wachau beobachten konnte. In den Donauauen Ungarns vergesellschaftet sie sich mit der südosteuropäischen Schwarzpappel, mit stolzen Baumweiden und der prächtigen Silberlinde zu Baumbeständen, in welchen als häufige Liane der Hopfen rankt, Jelängerjelieber die Zweige umspinnt und die Waldrebe ihre weißen Blütenzweige von Ast zu Ast in reizvollen Girlanden zieht, während der Boden von üppigem Kräuterwuchs, in Abbildung 14 von bitterem Schaumkraut, weithin bedeckt ist. Wir könnten meinen, das Bild eines tropischen Regenwaldes vor uns zu sehen, wie auch bei diesem hopfendurchrankten Teil der Pillnitzer Elbinsel (Abb. 15). Auch die Pillnitzer Insel besitzt übrigens noch schöne Schwarzpappeln, und es ist meines Erachtens eine müßige Frage, ob dieselben einheimisch sind. Bei Gelegenheit solcher Uferbegleiter sei noch auf eine spezifische, d. h. artverschiedene Eigenschaft der Bäume hingewiesen: auf das leichte oder schwere Vernarben von Wunden. Es sind besonders die Eisschollen, welche beim Eisgang des Frühjahres die Stämme schürfen und den Bäumen oft häßliche und gefährliche Rindenwunden schlagen. Manche Baumarten würden dadurch zu dauernder Kümmerung verurteilt, aber Weichhölzer, zumal Pappel und Weide, heilen sich rasch wieder aus. Auch der Wurzeltracht der Bäume muß bei der Besiedelungsfrage Aufmerksamkeit geschenkt werden, gibt es doch Tief- und Flachwurzler. Flachwurzelnde Bäume sind selbstverständlich in dem tiefgründigen Auwaldboden bei dem Flutendrang jährlicher Überschwemmungen völlig ausgeschlossen. Bei der diesjährigen anhaltenden Frühsommerüberschwemmung sind auf der Pillnitzer Elbinsel so manche Baumriesen durch Flutendrang und durch Unterspülung und Wirbelbildung gefallen (Abb. 16) andere Holzleichen zeigen ein vom Sturm gewaltsam abgerissenes Wurzelsystem (Abb. 17), so daß geradezu wertvolle Zerstörungsbilder eines Urwaldes geschaffen sind.
Nachdem ich die allgemeinen Ursachen der Auwaldbildung und die natürliche Auswahl der dazu geeigneten Bäume besprochen habe, soll ein typischer Auenwald eine plastische Schilderung erfahren und dazu dürften die Auenwälder der Leipziger Umgebung besonders geeignet sein.
Als Charakterbäume derselben zeigen sich: Stieleiche, Hainbuche, Esche und Ulme oder Rüster. Selten finden sich Spitzahorn und Linde ein. Die machtvollste Erscheinung ist unbestreitbar die Eiche. Es ist die besondere Art der Stieleiche, welche im Auenwald zur Herrschaft gelangt. In Mitteleuropa besitzen wir zwei, durch allerlei Übergänge miteinander verbundene Unterarten der Eiche: Die Stieleiche mit langgestielten Einzelfrüchten und herzförmigem Blattgrund und die Steineiche mit kurzstieligen Fruchtbüscheln und keilförmigem Blattgrund.
Ich erinnere mich von meiner Studienzeit her noch einer Rieseneiche im Auenwald bei Leutzsch. Sie sollte ein tausendjähriges Alter haben und besaß einen Stammdurchmesser von zwei Meter. Auf der Fahrstraße Leipzig–Leutzsch–Böhlitz–Ehrenberg sehen wir noch jetzt berühmte Eichenbestände von ähnlichem Ausmaß (Abb. 18), und eine Eiche der Maslauer Auwaldbestände darf sich in ihrer Wuchskraft und stolzen Baumschönheit diesen Veteranen getrost zur Seite stellen (Abb. 19). In Abbildung 20 erblicken wir einen solchen Auwaldriesen im Rhedenholz bei Roßwein längs der Freiberger Mulde.
Alte Eichen beanspruchen mit ihren weitausgreifenden Ästen einen weiten Standraum und gestatten bei der Lockerheit ihrer Krone dem hereinflutenden Licht einen Durchgang, der dem Auwaldinneren einen grüngoldenen Schimmer von zauberhaftem Reiz gewährt. Von Ulmenarten findet sich besonders die Feldulme mit glatter Blattoberseite und kurzer Blattspitze. Doch kommt auch die rauhblättrige Bergulme im Überschwemmungsgebiet der Elster und Saale vor. Eine wohltuende Abwechslung bieten im Auenwald auch Farbe und Musterung der Stämme: Glattrindige, grüngelbe Espen neben weißstämmigen Birken, der dunkle Borkenstamm der Eiche neben den graugemusterten Säulen der Hainbuche, die braune Schuppenborke der Feldulme neben dem Silbergrau der Eschen.
Bei der reichen Artenzahl der Waldbäume von verschiedener Wuchskraft und Wuchshöhe, bei wechselnder Verästelung und vielgestaltigem Blattbau, ist die einfallende Lichtmenge immerhin groß genug, um auch einen artenreichen Unterholzbestand aufkommen zu lassen. Gerade das Unterholz, welches eine reiche Vogelwelt beherbergt und dem lieblichsten Sänger, der Nachtigall, ihre leichtsinnig ausgewählten niederen Brutplätze bietet, ist ein besonderer Wesenszug des Leipziger Auenwaldes. Auch hierbei herrscht eine reichhaltige Mannigfaltigkeit der Arten. Dr. Reiche sagt in einer netten, in den Dresdner Isis-Berichten 1886 veröffentlichten Skizze, daß das Unterholz in gleicher Zusammensetzung sich innerhalb Sachsens nur zweimal, um Leipzig und Meißen, entwickelt findet. Es besteht aus Ulmen, Feldahorn, Hasel, Weißdorn, Faulbaum, Traubenkirsche, schwarzem Holunder, Pfaffenhütchen und – als besondere Erscheinungen – aus Liguster und Hartriegel. Die meisten derselben schmücken sich im Spätsommer und Herbst mit saftig-fleischigen Früchten, die eben der Vogelwelt diese grünen Laubhallen zum beliebten Aufenthalt machen. Die gefiederte Welt besorgt gewiß auch die weitere Ansaat dieser Pflanzen, und wir sollten bei unseren Formationsbetrachtungen dem zoogenen Einfluß weit mehr Aufmerksamkeit schenken. Wasserläufe, welche als Kanäle oder Flußverzweigungen den Auenwald reichlich durchziehen, schmücken ihre Ufer weithin mit Strauchweiden (vgl. Abb. 8). Infolge der späteren Belaubung von Eiche und Esche wirkt die Frühlingssonne lebenweckend auf den sonst feuchtkühlen Auwaldboden und zaubert eine Fülle frühblühender Kräuter hervor, deren meist breite und tiefgrüne Blätter als erster Lenzesschmuck dem winterfahlen Waldboden entsprießen. Erst heben sich nach Reiches Schilderung die grünen Spitzen der Laubblätter des massenhaft vorhandenen Märzbechers empor, ihnen folgt das kräftige Blattwerk des Aronstabs (Abb. 21) und das zarte Grün des Bärenlauches (Abb. 22), der alsbald seine weißen Sterndolden entfaltet, aber leider auch seinen Knoblauchduft, welcher unser Entzücken über die Waldespracht etwas herabstimmt. Zur Osterzeit läuten die Großglocken des Märzbechers, es leuchten die trübpurpurnen oder weißen Trauben des Lerchensporns, die rotknospigen Blaublüten des Lungenkrautes, die goldgelben Blütenbüschel des Goldsterns, die Blumensonnen der Feigwurz. Dazu erfreuen weiße und gelbe Anemonen und Blütendolden der Himmelschlüssel unser Auge, und ein zarter Duft wird von dem niedlichen Moschusblümchen in die Lenzluft gehaucht. In den pflanzenreichen Auwäldern der Eger südlich Theresienstadt mit ihren Millionen von Märzbechern (Abb. 23) gesellt sich zu den genannten Pflanzen noch der Blaustern der Scilla und das zarte Gedenkemein (Omphalodes), die beide auch in Sachsens Elbegebiet als Reste früheren Auwaldes, wenn auch als Seltenheiten, erhalten geblieben sind (Abb. 24). Eine ähnliche entzückende Auenwaldflora aus Frühlingsblühern gewebt, schmückt in Sachsen auch den Jahnalauf bis Riesa und streckenweise auch die Ufergehölze der Döllnitz, so daß wohl als sicher gelten darf, daß auch die jetzigen Wermsdorfer Forsten früher ein Auenwaldgebiet darstellten, welches sich über Wurzen bis nach Leipzig hinzog. Auch an der Röder war sicherlich ein Auenwald entwickelt, und der Schloßgarten zu Wachau bei Radeberg (Abb. 25) bietet uns noch einen Restbestand. Überhaupt hat sich Auwaldgelände zu Parkanlagen englischen Stiles besonders geeignet und ist vielfach entsprechend benutzt worden.
All die vorher genannten Lenzesboten müssen sich beeilen, an die Sonne zu dringen, ehe der zartgrüne Schleier des Unterholzes sich dichter webt, und ehe noch das grüne Laubdach in geschlossener Schwere dem Sonnenlicht den Zugang wehrt. Das doppelte Laubdach von Ober- und Unterholz hemmt aber nicht bloß das Licht, sondern sättigt auch die Waldluft reichlich mit Wasserdampf, so daß die Blätter der bodendeckenden Pflanzen den Bau von Hygrophyten (Feuchtpflanzen) zeigen: breite und zarte, chlorophyllreiche und daher dunkelgrüne Blattspreite ohne jede Trockenschutzeinrichtung. Da sind selbst die Blätter der Waldgräser breit, biegsam, bogenförmig herabgeneigt und besitzen Spaltöffnungen auf Ober- und Unterseite. Von solchen nenne ich die Waldhirse mit ihrem schwankenden Gehälm, das Waldrispengras mit dem oberseits abgespreizten Blatt, den stattlichen Riesenschwingel und den grünen Hundsweizen, vier Gräser, die sich auch im Auwald der Pillnitzer Elbinsel finden. Im Frühsommer sprießen die Waldveilchen – im Leipziger Auwald auch das seltene pfirsichblättrige –, Maiblumen duften und die Weißwurz schüttelt ihre Hängeglöckchen, während die familienverwandte giftige Einbeere mit der Vierzahl ihrer Blatt- und Blütenorgane kokettiert. Die meisten Gewächse schließen ihre Blütezeit im Juni ab, denn alsdann wird für den nötigen Lichtgenuß das Laubdach zu dicht. Darunter sind viele Allerweltspflanzen wie Brennessel, Zaungiersch, Benediktenkraut, Knoblauchshedrich, Gamanderehrenpreis. An Wasserläufen und Wasserlachen, die der Sonne Zugang gewähren, so daß das Waldesdunkel zu Halbschatten herabgemindert ist, entwickeln sich meterhohe Hochstauden, ich nenne davon Kerbelrübe, Waldklette, Engelwurz und Krausdistel. Eine große Anzahl der genannten Pflanzen finden sich noch heute als Begleiter unserer Zäune und Hecken, vielfach auch in bäuerlichen Grasgärten. Es sind eben die Reste vergangener Auwaldherrlichkeit, die durch Rodungen seit vielen Jahrhunderten unwiederbringlich dahin ist. Es ist sicher, daß in allen Flußniederungen Auenwälder vorherrschten, daß aber auch jene tiefgründigen Gelände, die durch jährliche, schichtenweise Bodenanschwemmung sich allmählich selbst über die Schwemmlandzone erhöhten, die auch durch hohe Dämme leicht vorm Hochwasser geschützt werden konnten, von den Ansiedlern zuerst zu Wohnstätten, zu Wiese und Weide benutzt wurden. Der stolze Auenwald wurde der Axt überantwortet, bot er doch zur Zimmerung von Buhnen und Wohnstätten vortreffliches Material. Die ursprünglichen Wälder der Niederung verschwanden und an ihrer Stelle wogen segenschwere Getreidefelder oder breitet sich das grüne Meer der Graswiese. Wo aber, wie in Leipzigs Umgebung und auf unserer Pillnitzer Elbinsel, sich jene Naturgebiete von höchster Eigenart, jene Lebensgemeinschaften von charakteristischer Prägung noch erhalten haben, sollten sie nach Möglichkeit geschont werden. So hat sich auch unser Landesverein dieser schwindenden Ursprünglichkeit angenommen, und es ist ihm gelungen, durch Mitarbeit und Geneigtheit von staatlichen und städtischen Behörden die Elbinsel zu Pillnitz, vor allem aber die weit reichere Auwaldherrlichkeit um Leipzig im Burgauer Forstrevier in ihrer Eigenart als Schutzgebiete erhalten zu sehen.
Fußnoten:
[1] Salix Caprea, cinerea, fragilis aurita u. Bastarde.
[2] Spreewald und Oderbruch.
[3] So dankbar wir dem Finanzministerium für den Schutz der Pillnitzer Insel sein müssen, so bedauerlich ist es, daß es noch immer Widerständen nachgibt, welche die störenden Fremdbilder, vor allen Dingen die undeutschen Robinien (als Bienenfutter!!) erhalten möchten.