Von Richard Buch
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Es hat lange gedauert, bis man der Eigenart und damit der Schönheit des Leipziger Landes gerecht geworden ist. Noch vor fünfzig, sechzig Jahren galt unsere Heimat wegen ihres Mangels an ausgeprägter oder auch nur deutlicher Romantik ganz allgemein für öde, reizlos und langweilig. Diejenigen, die heute noch mit Geringschätzung auf sie herabsehen, können sich auf berühmte Namen berufen (H. v. Treitschke, Ratzel u. a.). Und wer es liebt, »klassische Zeugen« für sich in Anspruch zu nehmen, der könnte hinweisen auf Goethe, auf jene bekannte Beurteilung der Leipziger Gegend in den aus Dichtung und Wirklichkeit gewobenen Lebenserinnerungen des Dichters. Es war ja, nach Goethes eigenen Worten, neben anderen Umständen vor allem der Mangel an schönen und erhebenden Natureindrücken, der ihn während seines Leipziger Aufenthalts jener Richtung des Schaffens zutrieb, die ihn alles in sich selbst suchen ließ und so seine Dichtungen zu Bruchstücken einer großen Konfession machte.
Aber die Anschauungen haben sich gewandelt. Wie sich in der Kunst ein Wechsel vollzogen hat von der sogenannten »erhabenen Landschaft«, die kaum ohne ruinengekrönte Felsen und stürzende Wasserfälle zu denken war, bis zur Darstellung des schlichten im Sonnenflimmer daliegenden Ährenfeldes, so hat sich auch in der Landschaftsbetrachtung ganz allgemein ein Wandel geltend gemacht, bei dem das Was hinter das Wie der Erscheinung stark zurückgetreten ist. In unseren Tagen, wo uns die Kunst gelehrt hat, daß keine Gegend ohne Schönheit ist, wo die einst landschaftlich gänzlich verachtete Heide für Tausende zum Gegenstand schwärmerischer Verehrung geworden ist, wo ein Richard Linde uns die herben Reize der weiten Geest- und Marschbreiten an der Niederelbe in Wort und Bild begeistert verkünden durfte, da kann es auch nicht mehr als Wagnis gelten, von den Schönheiten unserer Leipziger Heimat zu reden. Seitdem uns die Malerei die Augen dafür geöffnet hat, daß selbst im flachen, eintönigen Bauernland jede schlichte Ackerfurche im Wechselspiel von Licht und Farbe eine Fülle malerischer Eindrücke offenbaren kann, wird kein sinniger und empfänglicher Betrachter unserer Leipziger Landschaft in Abrede stellen, daß auch sie Schönheiten über Schönheiten in sich birgt. Freilich liegen die Schönheiten nicht an der Straße. Sie sind dem Tagesgetriebe entrückt. Man muß sie suchen, mit der Seele suchen. Darum aber kann man sie auch still genießen, sie mit ruhigen geistigen Atemzügen in sich aufnehmen. Und wer das gelernt hat, der weiß, daß man sich Stimmungen nicht nur in den Bergen oder am weiten unendlichen Meere suchen kann, und der versteht, daß eine gemütvolle Heimatkunst, wie sie ein Max Heiland und andere Landschafter neben und nach ihm gepflegt haben, auch im Leipziger Lande wohl eine Stätte haben kann.
Wenn man sich der anmutigen Züge unserer Landschaft freuen will, dann darf man sich nicht an anderen Gegenden verdorben haben. In fremden Landen sich umgeschaut zu haben, ist der Betrachtung der schlichten Heimat noch niemals abträglich gewesen; man darf nur keine falschen Maßstäbe aus der Ferne mitbringen und sie unberechtigter Weise auf die Heimat übertragen. Unser Leipziger Land ist Tiefland, Flachland, ein Teil jener großen Ebene, die sich von Frankreich bis zu den baltischen Provinzen breitet. Als Ebene will das Leipziger Land betrachtet, als Ebene landschaftlich genossen sein. Wer unsere Gegend ob ihres Mangels an überraschenden Gegensätzlichkeiten tadelt, wer sie verachtet und langweilig schilt, weil ihr kühnanstrebende, reizvolle Steilformen fehlen, der verlangt – ja was verlangt der eigentlich? – der verlangt, daß das beschauliche, abgeklärte Alter das himmelstürmende, trotzige Feuer der Jugend besitzen soll.
Denn unsere Landschaft ist, erdgeschichtlich betrachtet, alt – sehr alt; sie zeigt durchaus die milden, vom Abendschimmer verklärten Züge des Greisenantlitzes. Unsere so hochgeschätzte Alpenlandschaft mit ihren zackigen Firnen, mit ihren tollkühnen, sich überstürzenden Wildbächen, mit ihren kindlich-träumerisch blickenden blauen Seeaugen ist von knabenhafter Jugendlichkeit gegen unser weites flachwelliges Tiefland. Im Gleichklang ihrer weichen, ruhigen Formen läßt uns diese Ebene kaum mehr ahnen, daß auch hier einst kühne Bergwellen mit zackigen Kämmen und hochaufstrebenden Firsten sich dahingezogen haben. Es war einmal! Aber nicht vor hundert oder vor tausend Jahren wie im Märchen, sondern vor Zeiten, denen gegenüber unser Vorstellen und Denken versagt. – »Mitteldeutsche Alpen« hat man dieses Gebirge urvergangener Tage genannt; »variskisches Gebirge« pflegt es die Wissenschaft zu nennen. – Das Wasser, das talwärts stürzende, strömende, fließende, rieselnde, sickernde Wasser mit seiner unwiderstehlich nivellierenden, einebnenden Macht hat das vielgestaltige Bergland so lange erniedrigt, bis die letzten Hügel und Bergkämme entfernt und die letzten Rinnen und Schluchten mit Schutt- und Trümmermassen ausgefüllt waren, bis die abtragenden Gewässer im trägen Lauf dahinschlichen, bis selbst dem Winde, dem treuen Arbeitsgenossen des nagenden Tropfens, kein Angriffspunkt mehr blieb, weil er die letzten Splitterstäubchen des letzten Felsenkammes längst über die weite Niederung hingebreitet hatte.
Tief, tief im Schoße unserer Heimaterde, unter weitausgedehnten Lehm-, Kies-, Sand-, Braunkohlen- und Porphyrdecken, in Tiefen, die zum Teil nur das Auge der Wissenschaft erreicht, die sich nur den Mitteln der modernen Technik erschließen, da liegt heute der felsige Rumpf unserer Alpen begraben, der übrig gebliebene Kern, der Stumpf dieser Uralpen. Meilenlange Risse und Spalten haben ihn in der Folgezeit zerrüttet. Gigantische Schollenverlagerungen, die die Erde bang erzittern ließen, haben bewirkt, daß die uralte Grauwacke des unterirdischen Gebirgsklotzes bis in die Höhen der heutigen Erdoberfläche »verworfen« wurde, so daß die Menschen einer späteren Zeit unmittelbar vor den westlichen Toren Leipzigs (Kleinzschocher) und auch südlich der Stadt (Otterwisch, Hainichen) im Flachlande Steinbrüche, richtige Steinbrüche, anlegen konnten. Leider ist es trotz angestrengter Bemühungen nicht möglich gewesen, die merkwürdigen Steinbruchswände von Kleinzschocher als die interessantesten geologischen Naturdenkmäler der Leipziger Umgebung vor der Verschüttung zu bewahren.
Seitdem das Wasser das nordsächsische Grauwackengebirge abtrug, ist es der bildende und formende Meister unserer Landschaft bis heute geblieben. Als rollende Meereswoge, als verlandender Sumpfsee, als breiter Wannenfluß und vor allem als blaues kristallnes Inlandeis hat es erniedrigend und auffüllend, hier grobschichtig formend, dort feingliedrig ziselierend, an dem Antlitz unserer Heimat gearbeitet, langsam und oft unmerklich, so daß sich seine tausendjährigen Arbeitsstunden zu Jahrmillionen der Erdgeschichte rundeten.
Nur noch einmal in dieser langen Geschichte unserer Heimat, und zwar noch im Frührot derselben, als der gewaltige Gebirgsabtragungsprozeß noch im Gange war, hat sich die Erde bei uns darauf besonnen, daß ihr noch andere Werkmeister zu Gebote stehen als der stetig und still schaffende Wassertropfen. Dämonenhafte Mächte aus Plutos unterirdischem Reiche türmten mit titanenhafter Kraft und gewaltigem Ungestüm aus glutigem Magma und heißen Aschenmassen trotzige Berge, breite Felsdecken und runde Aschentuffhügel empor. Keines Menschen Auge hat das grandiose Schauspiel ihrer Tätigkeit geschaut; aber wir wissen: die größten Lavaausbrüche mit ihren verheerenden Begleiterscheinungen, die die Menschheit erlebt hat, verschwinden im Vergleich zu den Ereignissen, die damals unsere Heimat erschütterten. Die Luft war weithin durch Aschenmassen verfinstert, aus denen Steine, Aschen und rauschender Regen niederstürzten. Ausgedehnte Sumpfwälder versanken unter Aschenschichten. Farnbäume, Riesenschachtelhalme und altertümliche Nadelhölzer wurden von strömenden Schlammassen verschlungen; glühende Lava, deren rotglutiger Schein die Finsternis kaum zu durchdringen vermochte, brach in rascher Folge an den verschiedensten Stellen unserer Heimat hervor, hier runde Quellkuppen, dort breite Decken formend; kochend heiße Schlammströme verhärteten zu roten ungeschichteten Tuffen.
Der weithin schauende Rochlitzer Berg, die dunkelbewaldeten Porphyrkolmen (Kohlenberg), die heute aus der Gegend von Beucha und Brandis in die Leipziger Ebene grüßen, die burgengekrönten Felsen bei Colditz und Grimma, die in einem tiefeingeschnittenen malerischen Tale die heutige Mulde bergen, die breiten Porphyrdecken, die sich bei Buchheim, Ebersbach, Frohburg und anderorts zum Teil unterirdisch dahinziehen, der Petersberg bei Halle, von dem in frühgeschichtlicher Zeit fromme Klosterglocken ins Land hineinriefen, die Höhen, die im Norden bei Landsberg in blauer, dunstiger Ferne schimmern, der kleine Kreuzberg drüben bei Taucha-Cradefeld, an dem der Leipziger Rat seine Straßensteine bricht, diese und viele andere Erhebungen wurden damals geboren, in der ersten Hälfte der Dyaszeit, in der Zeit des Rotliegenden, wie die Gelehrten sagen. – Heute ertönt in den erstarrten Porphyrbergen der Umrandungszone der Leipziger Tieflandsbucht das lustige Klingklang der Steinhämmer und das dumpfe Dröhnen der Schotterschlagmaschinen, denn das reichbesiedelte Leipziger Land braucht Werksteine für Häuser, Monumentalbauten und Denkmäler und Steinschlag für die Wege im weichen Boden des Schwemmlandes. Das gewaltigste Wahrzeichen der Leipziger Ebene türmt sich empor aus den grünlichen Quadern des harten Beuchaer Granitporphyrs, und eben erstehen vor dem alten Lotterbau auf dem Leipziger Marktplatz aus dem warmgetönten rötlichen Rochlitzer Porphyrtuff die Eingänge zu der großen Untergrundmeßhalle. – Der Steinbruchsbetrieb hat vielfach die Schönheit der Landschaft beeinträchtigt, er hat aber auch Bilder von besonderer Eigenart geschaffen, wie die Beuchaer Kirchwand, deren starren Linien sich die oft gemalte trutzige Wehrkirche da oben auf der Höhe so wunderbar anpaßt. Geheimnisvoll wie kleine grüne Bergseen muten uns oft die tiefen klaren Wasseransammlungen an, die zwischen den moosfarbenen und flechtengrauen Bruchwänden alter aufgelassener Steinbrüche träumen.
Nach den vulkanischen Umwälzungen der Rotliegendenzeit hat in unserer Heimat, wie gesagt, nur noch das Wasser erdbildend und landschaftsgestaltend gewirkt. Die Einebnung der variskischen Alpenzüge, Hand in Hand mit einer starken Senkung des mitteldeutschen Bodens gestattete es, daß ein weites flaches Meer, vom Ural bis in die Mitte Englands reichend, über den größten Teil Deutschlands hinweggriff. Es war das Zechsteinmeer, das an Ausdehnung, Gliederung, Tiefe und Salzgehalt proteusartig wechselnd, dem deutschen Vaterlande seine gewaltigen Steinsalzlager mit den heute darüberliegenden uralten Hallorten und Sulzbädern, ferner die wichtigen Kalilagerstätten und den versteinerungsreichen Kupferschiefer schenkte, der schon zu den Zeiten bergmännisch gewonnen wurde, da Luthers Vater zu Eisleben und Mansfeld ein armer Häuer »gewest«. – Unser Leipziger Land ist vom Zechsteinmeer wahrscheinlich mit der Randzone berührt worden, aber die Niederschlagsgesteine dieser Zone – Plattenkalke und schöne bunte Letten oder Tone – sind zu unbedeutend, als daß sie Einfluß auf das Landschaftsbild unserer Gegend hätten gewinnen können. Steinbrüche bei Ottenhain-Geithain geben uns von ihrem Dasein Kunde.
Der nicht vom Zechsteinmeer bespülte Teil unseres Vaterlandes war Flachküste. Dünenhügel und Dünenkämme mögen ihr das Gepräge gegeben haben. Je mehr sich das Zechsteinmeer zurückzog und in seinen Resten der Eindampfung verfiel, mußte sich dieser Wüstencharakter über Deutschland verbreiten. Sand, Sand, unendlicher Sand, das wurde die Signatur des trocken gelegten Landes. »Die Luftströmungen, die über der sonnendurchglühten Ebene emporstiegen, führten von allen Seiten stürmische Winde herbei«, und mit ihnen zogen samumartig rötliche Sandmassen daher, deren ungeheures Material den vom Wasser zerstörten Graniten und Gneisen der südlichen Züge der variskischen Alpen entstammte. – »Buntsandsteinzeit« hat man diese Wüstenperiode der Erdgeschichte genannt, denn die vielfarbigen Sande sind in der Folgezeit zu festem Sandstein verkittet worden. Vielfach mag das fließende und nagende Wasser die bunten Sandsteinbänke wieder beseitigt haben, auch bei uns in unserer Heimat. Aber da, wo Schnauder und Rippach ihre Bachbetten in das Leipziger Land gruben, da können wir ihre Reste noch heute beobachten. Weiter nach Süden, Westen, an der Elster und an der Saale gewinnen sie dann auch bestimmenden Charakter für die Landschaft.
In der Buntsandsteinzeit grüßen wir schon das Morgenrot jener umfassenden, Jahrmillionen dauernden Erdepoche, die, als Mittelalter der Erdgeschichte bezeichnet, drei Schöpfungsperioden einschließt: die Trias-, Jura- und Kreidezeit. Es ist der Abschnitt der Erdentwicklung, wo sich die aufbauende Tätigkeit der Ozeane und Meere ins Allgewaltige steigert. Aus dem Muschelkalkmeere schlagen sich die zweihundert Meter mächtigen Muschelkalkbänke nieder, von deren Höhe heute stolze Burgen ins freundliche Saaletal herabschauen. Im Jurameer, in dessen Wogen sich die fabelhaften durch Viktor Scheffels feuchtfröhliche Laune so berühmt gewordenen Saurier tummelten, bauen sich aus tierischen Kalkresten die gewaltigen Juragebirge auf. In den Flachseen der Kreidezeit bilden sich aus den Kalkgehäusen unzähliger mikroskopischer Kleintiere die weißen Felsen der Schreibkreide, auf Rügen zum Beispiel und in der Champagne, aus eingeschwemmten und eingewehten Sandmassen aber auch die Quadersandsteine unserer Sächsischen Schweiz. Von all diesen Schöpfungsvorgängen aber bleibt unsere Heimat unberührt. Während sich das Land umher senkt und so den ozeanischen Fluten Zutritt gewährt, bleibt das böhmische Massiv mit einem nordwestlichen Ausläufer, also auch unsere Scholle, Festland, oft inselartiges Festland. Und so fehlen in der Schichtung unseres heimatlichen Bodens wichtige erdgeschichtliche Nachweise; die Chronik unserer Heimaterde zeigt hier eine schmerzliche Lücke.
Als nun die Neuzeit der Erdgeschichte anbricht, als die Alpen von heute zu strahlender Schönheit aufsteigen, als von der Eifel bis zum schlesischen Gebirge erneut lava- und aschespeiende Vulkane lohen und die Basaltkuppen des Erzgebirges der Tiefe entquellen, als zwischen Schwarzwald und Wasgenwald der Graben einbricht, der heute die lachenden Fruchtgefilde des Oberrheins birgt, als die südliche Flanke des Erzgebirges zur böhmischen Tiefe hinabsinkt, da liegt unsere Heimat inmitten all dieses gewaltigen Geschehens da als eine weite flache, nach Norden und Westen sich senkende offene Wanne. Die weiten Porphyrdecken, die die vulkanischen Gewalten der Rotliegendenzeit einst ausbreiteten, sind an der Oberfläche längst in Verwitterungsschutt zerfallen, und die feinsten Teile dieses Schuttes hat das aufbereitende Wasser als ausgedehnte Lehm- und Sandschichten über das flache Wannenland hingelagert. Subtropisches Klima, wie es heute etwa am Mississippi herrscht, brütet über der Heimat. Zwischen flachwelligen Höhen breiten sich weite Sumpfgewässer und Moore aus. Auf ihren Verlandungszonen und auf dem Waldmoorboden wachsen üppige Sumpfzypressen. An den Ufern grünen Zimt- und Feigenbäume, blühen prächtige Magnolien, duften blühende Oleander, stehen Myrte und Lorbeer. Von den flachen Landrücken grüßen immergrüne Eichen, Ahorne, Birken und andere Waldbäume meist heutigen Charakters. – In regenreichen Perioden räumen breite, wasserreiche Flüsse die Täler des sich hebenden erzgebirgischen Nordflügels, der mittelsächsischen Hügelketten und des heutigen Vogtlandes aus, mit den gewaltigen Schuttmassen das Flachland immer mehr einebnend und die überschwemmten, untergehenden Moordecken und Sumpfwälder unter mächtige Schichten von Sand und Schlamm bettend. Da sich das Flachland senkt, bricht von Norden her das Meer ein. Bis dahin, wo heute die Blütenpracht der Röthaer Obsthaine unser frühlingstrunkenes Auge entzückt, plätschern die Wellen der Flachsee. Seicht und breit mündende Ströme tragen von Süden her Kies- und Sandbänke in die See hinein. Und wenn es dem schürfenden Wasser gelang, im südlichen Teil der Tieflandsbucht längst begrabene, verkohlende Moordecken anzuschneiden, dann führen sie wohl in braunschmutzigen Fluten das Material herbei, um es zwischen die Schichten des Deltas als bodenfremde Braunkohlenflöze und -schmitzen einzulagern. Und als dann das Meer sich wieder nordwärts zurückzieht, grünen noch einmal üppige Sumpfwälder empor, um schließlich wiederum unter den Sinkstoffen der Flüsse eingeschichtet zu werden.
Die hohen Schornsteine, die heute an der Wyhra, im Altenburger Land und in der weiten Lützener Ebene wegweisend am Horizonte emporragen, kennzeichnen die Stellen, wo menschlicher Fleiß die ausgedehntesten und mächtigsten Flöze, die immer bedeutungsvoller werdenden braunen Schätze der Tertiärzeit abbaut. Die tiefen, sich weithin erstreckenden Tagebaue, die grüne Saaten verschlingen und Dorf und Wald bedrohen, die keuchenden Bagger, die hochaufgeschütteten Erdhalden, die fauchenden und zischenden Zechenbahnen, die neuerstandenen Brikettfabriken und Kraftwerke mit hochaufragenden Schloten, die Eisenbahnladeplätze mit ihren Schienensträngen und Wagenreihen, die neuzeitlichen Arbeiterviertel in den Dörfern, deren alte Bauernhäuser sich verschüchtert um das verwitterte Dorfkirchlein scharen, die landfremden Kohlenarbeiter mit ihrer dem Tagesberuf angepaßten Tracht, – das und noch vieles andere zeigt, wie eng menschliches Sein und Schicksal von heute mit der unendlichen Vergangenheit der heimatlichen Scholle verbunden ist. Ist es nur neue Form, die wir hier im Braunkohlengebiet schauen, oder ist es nicht auch neue Schönheit? – Die Kunst, die schon eifrig hier ihre Motive sucht, wird uns auch lehren, in diese von menschlichem Willen und menschlicher Kraft so stark beeinflußte Landschaftsgestaltung unsere Seele hineinzutragen.
Das Relief, das die Heimat am Ende der Braunkohlenzeit zeigte, haben die kommenden Jahrtausende der erdgeschichtlichen Entwickelung nicht ganz verwischen können. Der flache Höhenzug zwischen Pleiße und Parthe zum Beispiel, der heute das Völkerschlachtdenkmal trägt und sich nach Nordwesten bis zum Leipziger Alten Theater, bis in den Mündungswinkel der Pleiße und Parthe hineinschiebt, dieser unbedeutende Rücken, der den Kern unserer Stadt, die Altstadt trägt und ihm Schutz vor den Überschwemmungen der Pleiße bot, ist tertiären oder braunkohlenzeitlichen Alters. Ihm verdanken wir, daß bei uns die Kinder am »Barfußberge« spielen, daß wir in Connewitz ein »Oberdorf«, in der Südvorstadt eine »Hohe Straße« verzeichnen können. Von seiner Höhe grüßt heute an Stelle der alten Zwingburg Dietrichs des Bedrängten die Matthäikirche.
Den stärksten Einfluß auf die Formung des heutigen Landschaftsbildes im Leipziger Kreise hat die jüngstvergangene erdgeschichtliche Periode erlangt, die Eiszeit oder die große Schneezeit (Diluvium). Wasser war es wieder, das hier die letzte Arbeit meisterte, – Wasser, diesmal in Gestalt des blauen Gletschereises.
Die subtropische Hitze, die einst die Braunkohlenwälder dem Sumpfboden unserer Heimat entlockt hatte, war längst einem kühleren Klima gewichen. Die mittlere Jahrestemperatur war langsam stetig gesunken, so daß sie noch um einige Grade tiefer lag als unser heutiges Jahresmittel. Dazu hatte das Klima ozeanischen Charakter angenommen. Die Niederschläge mehrten sich; im hohen Norden Europas, sowie in den Bergen der Alpen und auf den Höhen der deutschen Mittelgebirge häuften sich die Schneemassen. Bald quollen in den Bergen die Firnbecken über. Von den Alpen, vom Schwarzwald, vom Odenwald, vom Harz und von den Sudeten stiegen die Gletscher in die Vorlande. Und von den höchsten Höhen Skandinaviens verbreitete sich nach allen Seiten hin dickes Inlandeis, wie wir es heute aus Grönland kennen. Vom Ural bis Holland und England begrub es Nordeuropa unter seine gewaltige Last. Auch über unsere Heimat schreitet das Eis bei seinem stärksten Vorstoß von Norden her in einer Dicke von dreihundert Metern hinweg. Erst der Fuß des Erzgebirges gebietet ihm Halt. – Wie ein Riesenbagger schürft das langsam vorrückende Eis das Land unter sich auf. Es bricht gewaltige Blöcke und Platten der norwegischen und schwedischen Felsgesteine los, es hebt ganze Schollen der feuersteinreichen Kreide auf Rügen ab, es preßt die ungeheuren Lager von weichen Tonen und lockeren Sanden in der norddeutschen Ebene auf und schleppt alles im Weiterschreiten und Weitergleiten als Grundmoräne in seiner Sohle mit sich fort. Wo das Eis über anstehende Felskuppen hinweggleitet, da scheuert es das harte Gestein mit dem feinen Sand-, Ton- und Kalkschlick seiner Sohle ganz blank und kratzt in die fast spiegelglatten Flächen feine Ritzen und Schrammen hinein. Wenn drüben bei Beucha oder Kleinsteinberg die Steinbrecher neue Sprengungen vornehmen wollen und vorher die fruchtbare Ackerkrume vom Porphyrgestein abdecken, dann finden sie solche »Gletscherschliffe« als Erinnerungsmerkmale der eiszeitlichen Vergangenheit unserer Heimat. – Als die klimatischen Verhältnisse Europas ganz allmählich sich denen von heute näherten, da trat das Eis seinen Rückzug nach Norden an. Oft aber unternahm es bei eintretenden Klimaschwankungen erneute Vorstöße, so daß auch für unsere Heimat Zeiten der Vereisung mit Zwischeneiszeiten wechselten, in denen die Leipziger Tieflandsbucht eisfrei blieb. Mit Sicherheit sind wenigstens zwei stärkere Vereisungen unserer Gegend anzunehmen. Das zurückgehende Eis ließ als kostbares Geschenk den mit Blöcken und Steinen gespickten zähen Lehmbrei seiner Grundmoräne zurück, den sogenannten Geschiebelehm. Er bildet heute die fruchtbare Ackererde unserer Felder mit ihrem Reichtum an Lesesteinen, mit ihren zahlreichen einsamen Irr- und Wanderblöcken in stiller Feldflur.
Zwischen Saale und Elster im Westen, zwischen Pleiße und Parthe im Osten und vor allem im Norden ins Provinzialsächsische hinein hat der Geschiebelehm unübersehbare tischglatte Gemarkungen geschaffen. Hier werden wir uns des Flachlandcharakters unserer Heimat am deutlichsten bewußt. Hier reiht sich Feld an Feld, Ackerstreifen an Ackerstreifen. Nichts als die regelnde Hand des menschlichen Fleißes ist in dem schachbrettartigen Getäfel erkennbar. Geradlinig ist alles, die Straßen und Schienen oft wie mit dem Lineal gezogen. Selbst das langgestreckte Straßendorf bringt wenig Abwechselung in das Bild. Und doch ist dieses flache Bauernland schön und wird dem, der es kennen lernt, zum tiefen Erlebnis. Der weite in die Ferne hinausführende Horizont, der hohe unendliche Himmel mit seiner zu Herzen gehenden Wolkensprache, die unerschöpflichen Feinheiten der Luftperspektive, die unvergleichlichen Sonnenuntergänge, die prachtvollen Gewitter, die in der Ebene viel mehr dem Auge als dem Ohre predigen, das alles wirkt bedeutend – und erhebend. Glücklicherweise steigert sich die Ebenflächigkeit nirgends zur Monotonie. Das bunte Mosaik der Felder, die im Blütenschnee schimmernden Reihen der Straßenbäume, die von blumigen Wiesengründen begleiteten und von Erlen und Weiden gesäumten Bäche und Rinnsale, die weithin blinkenden Teiche, die duftigblau fernschimmernden Waldsäume der Diluvialwaldungen, die zahlreichen mit ihren Dächern und Türmen aus segenspendenden Obstbäumen hervorlugenden Dörfer, die weithin leuchtenden Wassertürme, das alles gruppiert sich zu immer neuem, fortwährend wechselnden Bildern von schlichter, lieblicher Schönheit. Vieles ist in dieser Landschaft charakteristisch und typisch. Nicht zuletzt das Menschenleben. Der »uralt heilige Beruf des Landmannes«, in Bildern von unerschöpflicher Schönheit tritt er uns hier entgegen. Der ernst schreitende Säemann, der rüstige Schnitter, die flinke Garbenbinderin, der hochbeladene Erntewagen, der Pflüger mit den strebenden Rossen. »Oft sind sie zu fünf, sechs oder mehr auf der sonnigen Erdscheibe zu sehen, bis zu Fernen, in denen sie sich zu winziger Kleinheit verlieren«. Und darüber im blauen Frühjahrshimmel windzerrissene Märzwolken. Wenn es wahr ist, daß Schönheit mit der Schlichtheit wächst, hier im flachen Bauernland wird es Ereignis.
Indem das Inlandeis bei seinen einstigen vor- und rückläufigen Bewegungen die Erhebungen des Bodens einebnete und die Senken mit dem Material seiner Grundmoräne ausfüllte, hatte es dem Leipziger Land noch einförmigere Linien verliehen, als es wohl schon am Ausgange der Braunkohlenzeit aufgewiesen hatte. Gleichsam unzufrieden mit dieser seiner Arbeit, brachte es vor seinem endgültigen Rückzuge ganz neue belebende Züge in das Bild der Landschaft. Da wo der Rand des Inlandeises auf längere Zeit, Jahrhunderte, Jahrtausende, zur Ruhe, zum Stillstand kam, häuften sich die Gesteinstrümmermassen des Gletschers zu langen Hügelreihen, zu riesigen eiszeitlichen Stirn- oder Endmoränen. Die von den Steilwänden des Gletscherrandes herabstürzenden, gurgelnden Schmelzwässer durchspülten unaufhörlich die gewaltigen Schuttanhäufungen der Endmoräne und entführten ihr die lehmigen und tonigen Bindemittel, so daß schließlich nur noch lose Haufwerke von Sanden, Kiesen, Blöcken und Gesteinsgrus blieb.
Der bewaldete Bienitz mit dem benachbarten Wach- und Sandberg im Westen Leipzigs und die zahlreichen Höhen, die uns nördlich und östlich der Parthe grüßen, sind solche Endmoränenzüge. Wallartig geschlossen und nur am Bienitz durch die breite Elster-Luppen-Niederung unterbrochen, erstrecken sie sich von Dehlitz drüben bei Weißenfels an der Saale bis nach Eilenburg an der Mulde hin. Während sie aus weiter Ferne geschaut fast untertauchen in dem gewaltigen Gleichklang unserer Ebene, treten sie, aus der Nähe betrachtet, oft recht auffällig hervor. Einzeln für sich gesehen riesigen Maulwurfshaufen gleichend, bieten sie Freunden schöner Linienführung in ihrer Aneinanderreihung (Gordemitz) großen Genuß. Da wo die Gegenstücke unserer Landschaft, Moränenhügel und Aue unmittelbar nebeneinander auftreten (Parthenlauf), wo sich dem sanftanstrebenden Decksandhügel die Aue mit blumigen Wiesen anlehnt, da ist die Landschaft von überraschender Lieblichkeit. Die Windmühle mit den lustig im Winde sich drehenden Flügeln auf kahler luftiger Moränenhöhe und die stille Wassermühle am Auenfluß, tief eingebettet in das Grün buschiger Erlen und Weiden, mit dem schwerfälligen unterschlächtigen Mühlrade, sind Symbole einer Gegensätzlichkeit, die man im Leipziger Land nicht sucht. Oft sind die sandigen Hügel von Beständen der genügsamen Kiefer gekrönt. Ihr düsteres Grün gibt einen feinen Kontrast zur hellgrauen, spärlichen Ackerscholle oder zum gelblich-weißlichen Sande der abgebrochenen Sandgrubenwand. Wenn man da oben sitzt und das Auge die sandig welligen Abhänge hinabgleiten läßt, wenn man den weichen, sonnenheißen Sand durch die Finger rieseln läßt und das sandholde Pflanzen- und Tierleben belauscht, dann kommt Heidestimmung über einen, und Heidesehnsucht quillt im Herzen auf. Häufig tragen die Hügel kleine trutzige Wehrkirchen (Panitzsch, Thekla, Frankenhain u. a.) aus den Zeiten, da unser Land heißumstrittener Kolonialboden war und deutsche Ansiedler die neugewonnene Heimat gegen die von Osten heranbrandenden slawischen Sturmfluten verteidigen mußten. Obwohl die Moränenhügel die Höhe von einhundertundachtzig Meter nirgends überschreiten, sieht der anspruchslose Bewohner der Ebene doch in ihnen Berge. Als Wach-, Kreuz-, Wein-, Fuchs-, Galgenberge usw. sind sie in den Heimatkarten verzeichnet. Gelegentlich hat man sie sogar mit Aussichtstürmen geschmückt. Und es lohnt sich reichlich, einen solchen Ausguck zu besteigen. Bei der Ebenflächigkeit des Landes gibt es Ausblicke von überraschender Tiefe ins weite, weite Land hinein. Wo zwischen die Hügelreihen einsame Dörfer eingebettet liegen, da atmet die Heimat fast den Frieden und die Abgeschiedenheit stiller Gebirgsdörfchen.
Als sich das nordische Eis unserer Heimat näherte, schob es mächtige Eiszungen in die breiten Strombetten der heimatlichen Gewässer vor. Haushohe Stauwehre von Eis zwangen unsere Elster und Pleiße, die ursprünglich in nördlicher Richtung flossen, nach Westen dem Eisrande entlang auszubiegen. Auch die Mulde gab damals ihren nördlichen Lauf in der Gegend von Grimma auf und wälzte ihre durch Gletscherwässer verstärkten Fluten in zwei breiten Armen dem Lauf der heutigen Gösel und Parthe folgend über Leipzig der Saale zu. In der Eiszeit entsteht so die breite Entwässerungsrinne zwischen Leipzig und Merseburg, in der jetzt alles fließende Wasser des Leipziger Landes der Saale zuströmt. – Nach der Eiszeit brach für Norddeutschland und auch für unsere Ebene eine Trockenperiode an, eine Steppenzeit, in der gewaltige, lößaufhäufende Staubstürme über die Gegend dahinbrausten. Die Flüsse büßten mehr und mehr ihre Wasserfülle ein. – Und nach dieser Steppenperiode nahm dann infolge erneuter klimatischer Veränderungen unsere heutige Pflanzenwelt von der Heimat Besitz. Blumige Wiesen und schimmernde Laubwälder breiteten ein farbenfreudiges Gewand über die Landschaft. Trotz reichlicherer Niederschläge aber blieben die Flüsse jetzt klein und unbedeutend bis auf den heutigen Tag. – Nur wenn im Frühjahr die Schneeschmelze eintritt, scheinen sich die schwächlichen Epigonen der riesigen Eiszeitströme ihrer gewaltigen Vergangenheit zu erinnern. Sie steigen aus ihren schmalen Ufern und verwandeln die breite Aue in einen blinkenden See. Dann gibt es südlich bei Markkleeberg und im Nordwesten bei Modelwitz und Papitz trotz aller Dämme und Flutrinnen eine Fülle reizvollster Überschwemmungsbilder. – Die gelbe Flußtrübe der Überschwemmungsfluten setzt sich zu Boden, und eine dünne Schlammkruste bleibt zurück. Der Märzwind trocknet sie, und aus den tausend Rissen und Sprüngen sproßt hoffnungsfreudig neues Grün hervor. Unzählige Male ist die Flußaue so überschwemmt worden. Aus den dünnen Schlammschichten ist eine mächtige Lehmdecke geworden. Es ist der Aulehm unserer Flußtäler, ein feuchter, schwerer, steinfreier Lehm, der zahlreichen Ziegeleien ein ausgezeichnetes Material liefert. Unter ihm liegen zuweilen Sand- und Schottermassen, die die Flüsse hier ablagerten, wenn sie besonders transportfähig waren.
Aus der Höhe von Papitz schauen wir heute hinein in die lachende Aue. Wie eine ebene Tafel ist das Schwemmland der Aue eingelagert in die höher gelegene Geschiebelehm- und Endmoränenlandschaft. Bald ist der Gegensatz von Aue und Auenrand scharf, bald klingen die Höhen des Randes sanft in die Aue hinein aus. Es sind zwei verschiedene Welten, die sich hier berühren, Hochland und Tiefland, Steppe und Wasserland, Geest und Marsch, Ackerland und Bruchland, Kultur und Wildnis, uralte Gegensätze, die sich auf Erden so oft wiederholen. – Wasser, Wiese und Wald sind die drei Landschaftselemente, die sich in der Aue in immer neuen überraschenden Gruppierungen zusammenfinden und so den Reichtum an Landschaftsbildern ergeben, der die Aue auszeichnet. Ihrer eigensten Natur nach ist die Aue uraltes Wasserland. Wasser quillt im sumpfigen Boden; Wasser rinnt in den Flüssen mit ihren vielen Armen und Gräben; Wasser erfüllt die zahlreichen Überschwemmungstümpel, die stillen Altwässer, die verträumten Lachen, die waldumgürteten Sümpfe, die schilfreichen alten Lehmstiche; Wasser braut um Busch und Baum, wenn am Abend den tiefen Wiesengründen graue Nebelschwaden entsteigen. Was die Aue unter allen Landschaftsformen der Heimat obenanstellt, das ist der prächtige Auwald mit seinem Reichtum an Laubbaumarten, mit seinen weichen Blättermassen und seinen weichen runden Laubformen, mit seinen vielhundertjährigen Rieseneichen, seinem dichten aus Strauchwerk und Stockausschlag bestehendem Unterholz, mit seiner eigenartigen Frühlingsflora und seinen üppigen Schattenstauden im Sommer. Wo sich dieser Wald kulissenartig hinausschiebt in die Wiesenlandschaft der Aue, da gibt es Bilder von hoher landschaftlicher Wirkung; im Mondenlicht gesehen sind diese Bilder von überraschender Plastik, so daß sie das Auge fast körperlich aufnimmt. Im Strahl der Herbstsonne lohen die reichen Blättermassen der zahlreichen Baumarten in einer unvergleichlichen Farbensymphonie auf. Herbstfahrten durch die Aue! Einen höheren Naturgenuß kann es kaum geben! Die Laubgänge leuchten rot und gelb, als blicke farbendämmerndes Licht durch bunte Kirchenfenster. Von Tag zu Tag werden Farben flammender, bis der erste Frost der Herrlichkeit ein jähes Ende bereitet. – Die Auenwiesen, die besonders in der Elster-Luppen-Aue (Oberthau) in manchmal kaum übersehbarer Weite hingebreitet sind, können sich an Blumenreichtum und Farbenpracht nicht mit Gebirgswiesen messen. Der kühle Aulehm ist der Farbenfülle nicht günstig. Zumeist ist es eine bestimmte Pflanze, die mit ihrer Blütenfarbe die Wiese eine Zeit lang beherrscht. Das tiefe Gelb der duftenden Schlüsselblume wird abgelöst vom zarten Blaßblau des Wiesenschaumkrautes; das prächtige Rosa des Wiesenknöterichs weicht dem Scharlachrot des Ampfers usw. – Die menschlichen Siedelungen fliehen die Aue wegen der Überschwemmungsgefahr. Es sind zumeist Einzelsiedelungen, die uns in der Aue begegnen, Gasthäuser an Querwegen, Wassermühlen und Ziegeleien. Gering ist die Zahl der Auendörfer. Aber oben auf dem Auenrand, da reihen sich schon seit vorgeschichtlichen Zeiten die Siedelungen aneinander wie die Perlen an der Schnur. Die Großstadt hat die Wassernatur des Landes überwunden und die Aue erobert. Aber in hundert Zügen hat ihr das Wasser den Charakter der »Auenstadt« aufgeprägt. Als köstliches Geschenk der engen Beziehung seiner Stadt zur Auenlandschaft schätzt der Leipziger, daß er wenige Minuten von dem alten Marktplatz, dem Mittelpunkt der Stadt, und vom Hauptbahnhof, dem heißklopfenden Herzen des Großstadtverkehrs, in Waldungen eintreten kann, die nach Roßmäßlers Urteil zu den schönsten in Deutschland zählen.
So liegt das Leipziger Land vor uns als ein Geschenk des Wassers: Schwemmland von uraltem Schwemmlandscharakter. – Das menschliche Schicksal von Jahrtausenden ist heute in diese große Schwemmlandstafel eingegraben. »Alles Schaffen, alles Hoffen und Leiden, alles Gewinnen und Verlieren längst vergangener Menschengeschlechter ist hier verzeichnet.« Selbst da, wo die Landschaft noch am ursprünglichsten zu uns spricht, im weiten Wasserland der Aue, gibt es wohl keinen Schrittbreit Boden, den menschlicher Wille nicht beeinflußt hätte. Und doch kann die Landschaft die Züge, die ihr die Weltenjahre erdgeschichtlicher Vergangenheit aufgedrückt haben, nirgends verleugnen. Die Urnatur des Landes, gewissermaßen die Wildnis, schaut überall durch den dünnen Schleier der Kultur hindurch. »Gewaltiger als der Mensch ist die Natur, die ihn selbst mit unlösbaren Banden umspannt.«