De Heimat[8]

Von Franz Ehregott Hauptvogel

Es is e därft’ches Fleckchen Erde,
uff den mar hier geboren sinn.
Gee Wasser hamm mar, geene Berche,
bloß plattes Land uff Meilen hin.
Fast nischt wie Felder un wie Wiesen,
ä gelwer, dann ä griener Strich.
Bedenkt mar andre da – nee wärklich,
verwehnt hat de Natur uns nich.
De Bleiße is ä träches Flißchen,
’s werd niemand sich was dran ersehn.
Als Bärschchen von e sechs siem Jahren
dorft’ ich zun Fischerbade gehn.
Mei Vader dauchte mit mar unter –
ar hadde mich erscht abgegihlt –
Dann schwomm ar naus, mich uff der Schulter:
von Angst haw’ ich da nischt gefihlt. –
Dar Naschmarkt is nich zu verwerfen,
ä Kunstwerk is er trotzdem nich.
Hier word’ch beinahe iewerfahren –
bloß meine Mudder schitzte mich.
Se zooch in letzten Oochenblicke
ihrn gleenen Jung’n von Flaster wegk,
ich säh se noch an Ooche bluten –
Un ich truuch bloß darvon in Schreck.
Gleich vor der Stadt de Wälder raachen,
voll Eichen glowig, breit un stark.
Still bleibst de stehn, wenn schluchzend schlaachen
de Nachtigall’n in dunklen Park.
Als junges Baar in Friehlingsdaachen
hamm mar gelauscht den Amselsang,
sinn – laut umdschwidschert, laut umdrällert –
in Sonnenlicht dahin gegang.
In Osten liecht dar Goddesacker:
e Beet der Liewe – herrlich scheen!
Die langen Reihen von Gastanien,
die gann mar immer widder gehn.
Wenns Friehjahr gommt, flanze ich Veilchen
uffs Grab von meiner Mudder naus – –
Dann setz’ ich for e Wehmuts-Weilchen
mich dichte bei ihr stilles Haus:
Ich denke viel, denk weit zuricke
an die, die war’n un nich mehr sinn.
Se gomm’n die unsichtbare Bricke,
se treten alle bei mich hin.
Was ich dorchlebt, erlew’ ich wieder,
es steht um mich in Kreise rum.
Se singen scheene Juuchendlieder.
Ich sinne nach: warum? warum?? …
So bin ich selwer alt geworden,
bin in dar Welt weit rumgereist.
Jaa – scheener warsch an vielen Orten –
doch iewerall war ich verwaist!
Daß du mich heimwärts fihrtest wieder
in meine Heimat – Gott hab’ Dank.
Mei Grab, mei Wald, de Amsellieder –
wenn die mir fehlen, bin ich krank.

Anmerkung: Viele meinen, die obersächsische Mundart, vor allem der Dialekt der Leipziger und Dresdner Gegend, sei wohl imstande, Humoristisches zum Ausdruck zu bringen, zur Wiedergabe ernster Seelenzustände sei diese Mundart aber nicht geeignet. Dazu ist zu sagen: Wohl erscheint der Dialekt Leipzigs und Dresdens, an reinem Hochdeutsch gemessen, manchem klanglich unbefriedigend; das liegt aber daran, daß eben aus ihm, aus der Sprache der meißnischen Kanzleien, das heutige Hochdeutsch herausgewachsen ist und die Mundart ihm so nahe verwandt, daß sie hier und da den Eindruck eines scheinbar »verdorbenen Hochdeutsch« hervorzurufen vermag. Daß es sich in Wirklichkeit um den umgekehrten Prozeß handelt, wissen die meisten nicht. Jedenfalls hat aber dieser Dialekt genau denselben Eigenwert wie jede andere deutsche Mundart und braucht der Muttersprache Fritz Reuters, Klaus Groths, Karl Stielers, Ludwig Thomas und anderer in keinem nachzustehen. So ist es auch immer wieder erfreulich, wenn sich bei uns Dialektschriftsteller finden, die von der Berufenheit ihrer Muttersprache in Lust und Leid, in Scherz und Ernst durchdrungen sind. In einem Gebiet, wo die Brüder Schumann durch ihre billigen »Bliemchen«-Schriften heillose Verwirrung angerichtet haben, ist jeder, der sich der Mundart mit Ernst und Stammesstolz bedient, ganz besonders zu begrüßen. Als der beträchtlichste Schriftsteller des Leipziger Dialekts erscheint zur Zeit Franz Ehregott Hauptvogel, und so muß sein Gedicht »De Heimat« im Sinne des eben Ausgeführten verstanden werden.

F.

Fußnote:

[8] Aus dem Buche »De droggne Bemme«, Gedichte und Erzählungen in sächsischer Mundart. H. Haessel, Verlag, Leipzig, Roßstraße 5/7, gebunden 3 RM.