Die Wasserscheide lag bereits hinter uns, und erst in sanfter Neigung, dann wieder auf scharf abfallendem Wege stiegen wir die jenseitigen Gebirgshänge hinab. Es war gegen 3 Uhr nachmittags geworden, als wir von einer kleinen Blöße aus das tief unter uns in einem waldumrauschten Tälchen gelegene Gebirgsdorf Raúta erblickten. Ich freute mich ungemein, dem uralten Stammsitz der Tolambátu bereits so nahe zu sein, und legte die letzte uns davon noch trennende Wegstrecke im Sturmschritte zurück. Meinen Leuten weit voran, betrat ich klopfenden Herzens als erster den Ort, dem ich so hochgespannte Erwartungen entgegenbrachte. Wie so häufig in solchen Fällen erging es mir auch hier. Der erste Eindruck war eine gewaltige Enttäuschung. Raúta, das mir von luftiger Bergeshöhe aus mit seinen saftgrün heraufschimmernden Matten wie eingebettet in Waldromantik erschienen war und mit seinen auf hügeligem Terrain zerstreut liegenden Häuschen einem reizenden Alpendörfchen glich, verlor, in der Nähe betrachtet, allen Nimbus. Aus den schwellenden Wiesen wurden starre Lalangflächen, und die Hüttchen erwiesen sich als halb zusammengestürzte Bauwerke, die dem Tälchen ein melancholisches Aussehen gaben. Meiner Gewohnheit folgend, feuerte ich bei meiner Ankunft Signalschüsse ab, auf welche es an anderen Orten stets lebendig wurde wie in einer aufgestörten Ameisenkolonie. In Raúta regte sich nichts. Über dem Orte brütete eine lastende Stille, durch welche das Echo der Schüsse unheimlich nachrollte. Ich wähnte das Dorf völlig verlassen. Sämtliche Hütten fand ich verschlossen und anscheinend leer. Neugierig öffnete ich eine Tür und sah mich zu meiner grenzenlosen Überraschung vier eng beieinander kauernden Männern gegenüber, die mich in regungslosem Schweigen ängstlich anstarrten. Meine Aufforderung, herauszukommen, schienen sie nicht zu verstehen, und es bedurfte erst des gütlichen Zuredens meines nachgekommenen Lambatu-Führers, um die Leute zum Verlassen der Hütte zu bewegen. Es waren kleine und schlecht genährte Menschen, die als einzige Bekleidung nur ein Schamtuch trugen, und deren bronzefarbene Körper mit einer jahrealten Patina bedeckt waren. Kein Wunder, da man sich hierzulande mit einer bloßen Abkühlung des Körpers begnügt, sobald sich die Hitze einmal allzu unangenehm fühlbar macht. Dabei stellt oder legt man sich einige Minuten in den nächsten Bach oder Fluß, läßt das kühlende Naß auf den Körper einwirken und geht dann seiner Wege, das Trocknen einfach der Sonne überlassend. — Es stellte sich bald heraus, daß auch in einer der oberen Hütten noch einige ältere Männer und ein paar Knaben angstvoll beisammen hockten, die von uns erst aufgesucht und beruhigt werden mußten, ehe sie sich zum Herauskommen entschlossen. Damit war aber auch der gegenwärtige Personalbestand Raútas erschöpft. Diese wenigen Menschen waren in Wirklichkeit die letzten hier noch ansässigen Angehörigen des nach dem Towuti ausgewanderten Tolambátu-Stammes. Sie behüteten die noch im Dorfe zurückgebliebenen Habseligkeiten ihrer Stammesbrüder. — Nicht eine Frau befand sich mehr am Platze. — Ich zählte im ganzen fünf beisammenliegende Hütten, worunter sich zwei größere Familienhäuser befanden, ungerechnet die im Tal und auf den Anhöhen sonst noch zerstreut liegenden, gleichfalls völlig leeren Wohnungen. Schon eine flüchtige Besichtigung der beiden einzigen bewohnt gefundenen Behausungen ergab die Unmöglichkeit, mich in einer dieser Hütten einzuquartieren, da sie entsetzlich schmutzig waren und es von Ungeziefer wimmelte. Es mußten also alle Mann antreten und mir aus dem Gestänge eines halbverfallenen Hauses eine Schutzhütte errichten, die mit Atapstücken derselben Herkunft gedeckt wurde. Dem Namen Schutzhütte machte dieses Bauwerk allerdings recht wenig Ehre, da es an drei Seiten offen war und somit eigentlich nur aus einer Wand und einem Dache bestand, unter dem mein Feldbett aufgeschlagen wurde. — An Hühnern, Eiern u. dgl. war in Raúta nichts aufzutreiben. Die Leute hier lebten ausschließlich von Sago, und ihr ungesundes Aussehen dürfte zum guten Teile auf die ungenügende Ernährungsweise zurückzuführen sein. Ich hielt mich unter solchen Umständen ausschließlich an meine mitgeführten Konservenvorräte, wie auch später im Verlaufe dieser ganzen Exkursion. — Kaum etwas restauriert, machte ich mich daran, mir meine neue Umgebung etwas genauer anzusehen.
Der langgestreckte Talkessel von Raúta ist vom Walde völlig umschlossen, hinter welchem sich in einiger Entfernung in schönen Abstufungen das Gebirge aufbaut, das gleichfalls bis an die Gipfel hinan mit üppiger Vegetation bestanden ist. Das von uns besuchte Dörfchen bildete den Abschluß der Talblöße auf dieser Seite. Haben auch noch die wenigen Hüter der von Ausgewanderten zurückgelassenen Habe das Dorf verlassen, so wird wohl in kürzester Zeit jede Spur der alten Ansiedelung vertilgt sein. Termitenfraß im Vereine mit Wind und Wetter werden stürzen, was bisher noch steht, und eine Pflanzenwelt voll drängender Wachstumsenergie wird die Reste überwuchern und unter einer dichten, immergrünen Decke verschwinden lassen. Sollte je der Zufall einen späteren Reisenden in diese Einöde verschlagen, so wird ihn kein Zeuge vergangener Zeiten mehr daran erinnern, daß auch an diesem Platze einst sorgende Menschen gelebt, und daß über dem Schweigen dieser Einsamkeit eine untergegangene große Tradition träumt. —
Bei der Untersuchung des einen größeren, noch bewohnten Hauses, in dem sich auch meine Leute eingerichtet hatten, fand ich eine große Menge bereits transportfertiger Gegenstände und Sagovorräte. Darunter fielen mir vor allem die vielen Messinggeräte malayischer Herkunft auf. Unter denselben befanden sich Bronzegongs in allen Größen, große Teller und Platten, Teetöpfe, Sirihgefäße, Spucknäpfe u. dgl. Derlei Geräte gelten an den Küsten Borneos und bei den wilden Stämmen des Innern dieser Insel als höchst wertvoll und sind dort in den entlegensten Orten zu finden. Niemals aber entdeckte ich solche Gerätschaften bei den Inlandstämmen von Celebes mit einziger Ausnahme der Tolambátu. An einen Tauschverkehr derselben mit der buginesischen Küstenbevölkerung zu denken, fällt mir angesichts des trennenden, ungeheueren wegelosen Urwaldgürtels schwer. Mir scheint im Gegenteil die gänzliche Unkenntnis der malayischen Küstendialekte bei den Tolambátu eine solche Annahme direkt zu verneinen. Sollten also alle diese alten Geräteformen, wie ich sie später auch in den Beisetzungsstätten der Tolambátu in Mengen auffand, bereits zu einer Zeit sehr früher Einwanderung mit ins Land gebracht worden sein? — Sprache, Sitten und Gewohnheiten der Tolambátu weichen völlig ab von denen der anderen Celebes-Stämme, gleichen dagegen in vielem denen der Dajak- und Dusun-Stämme Borneos. Wie diese die Gebeine ihrer Toten in Tonkrügen, den sogenannten Gússys, aufbewahren, die als unveräußerliche Erbstücke heilig gehalten werden, genau so geschieht es auch bei den Tolambátu. Gleich einigen Dajakstämmen überführen auch sie diese Gússys mit den Überresten ihrer Verstorbenen in Felsenhöhlen im Gebirge, die wahre Totengrüfte bilden und mit reichen Totengaben ausgestattet sind. Felsengräber fand ich zwar auch noch bei anderen Stämmen in Mittel-Celebes, aber doch in völlig abweichender Form, während der Ritus der Tolambátu mit Borneo-Gebräuchen sehr nahe verwandt ist. Über ihre Herkunft wußten mir die Tolambátu selbst nichts anderes anzugeben, als daß sie vor langer, langer Zeit übers Meer hierhergekommen seien.
Die weiteren von mir besuchten Raúta-Hütten waren völlig geräumt; doch konnte ich im alten Häuptlingshause noch die höchst interessante und merkwürdige Einrichtung der Totenkammer studieren, wie sie nur in den Häusern der Häuptlinge und Vornehmen der Tolambátu existiert hat. Zum besseren Verständnis der umstehenden Abbildung will ich hier gleich eine nähere Erklärung über den Totenkultus dieser in vieler Hinsicht rätselhaften Waldbewohner beifügen.
Die Angehörigen des Tolambátu-Stammes pflegen ihre Toten von gewöhnlicher Abkunft, nachdem sie gewaschen und mit weißen Tüchern umwickelt worden sind, in mit Harz gedichteten Särgen aus ausgehöhlten Baumstammhälften beizusetzen. Diese Särge wurden in früherer Zeit unter den Wohnhäusern innerhalb der hohen Pfahlgerüste oberirdisch beigesetzt, und zwar in einem verschlagähnlichen Raume, der wohl nur den Zweck hatte, den Sarg vor den Angriffen der Wildschweine zu schützen. In gegenwärtiger Zeit ist man davon abgekommen und gräbt den Sarg in Anlehnung an die alte Sitte entweder unter dem Hause ein oder, — und das ist gegenwärtig wohl überwiegender Gebrauch — man setzt ihn irgendwo in der Nähe im Busche, unter einem eigens dafür errichteten niederen Totenhäuschen in der Erde bei. In letzterem Falle kommt häufig der Sarg ganz in Wegfall, und der Tote wird ohne solchen, nur in Tücher gewickelt, in das Grab gelegt. Auf dem darüber geebneten Erdreich werden die Kleider des Verstorbenen und der stets neu angefertigte prächtige Totenhut niedergelegt und Schüsseln voll Reis oder anderer Speisevorräte aufgestellt. Um das Ganze wird ein kistenartiger, quadratischer Verschlag von etwa 3 m Seitenlänge errichtet, dessen Höhe 1½ m nicht übersteigt. Um den oberen Rand desselben läuft ein primitives hölzernes, handbreites Gitterwerk. Ein flach geschrägtes Atapdach liegt direkt auf den Rändern dieses Holzkastens auf. Die Leiche verbleibt nun an der Beisetzungsstelle, gleichviel ob oberirdisch oder im Erdgrabe so lange, bis die Zeit des großen Totenfestes gekommen ist. Alsdann werden die Gräber aller seit mindestens schon acht bis zwölf Monaten Verstorbener geöffnet, die Gebeine sorgsam gesammelt und in Kindersärgen ähnlichen Holzkisten aufbewahrt, um dann am Tage des allgemeinen Totenfestes nach den im Raútagebirge gelegenen Gebeinestätten geschafft zu werden. — (S. Taf. IV.)
Etwas abweichend von dem eben geschilderten Modus verfahren die Tolambátu mit ihren verstorbenen Häuptlingen und Vornehmen. — Die eingesargten Leichen solcher Personen werden im hinteren Teile des Wohnhauses in einem durch Tücher hergestellten Verschlage auf einer meist schön verzierten großen Bahre, wie sie meine Photographie deutlich zeigt, niedergestellt. Um den Sarg herum kommen dann die bereits erwähnten Totenbeigaben: Kleider, Lebensmittel für die Seele des Verstorbenen usw. Naht nun die Zeit des allgemeinen großen Totenfestes, das an keine bestimmten Daten gebunden ist und je nach den Mitteln des Stammes in Intervallen von 3–5 Jahren gefeiert wird, so öffnet man die Särge wiederum, um die nun herausgenommenen Gebeine in den schon besprochenen Gússys zu verwahren. Diese sind chinesischer Herkunft. Ihre Beschaffung ist so kostspielig, daß sie der Familie meist schwere Opfer und Entbehrungen auferlegt. Bei der Einbettung der Gebeine verfährt man in der Weise, daß auf dem Boden der Gússys zuerst Schmuckstücke des Verstorbenen, wie Muschelarmbänder, Perlenketten usw. niedergelegt werden. Auf diese legt man den Kopf des Toten und obenauf die Gebeine. Die Urne wird hierauf verschlossen und nun vorläufig auf einem neben der Bahre errichteten Totengerüst untergebracht, auf welchem sie bis zu ihrer endgültigen Überführung nach den Felsengräbern am Tage des großen Totenfestes verbleibt.
Unser Bild zeigt vier Gestelle für ebensoviele Urnen, die früher alle mit weißen Tüchern verhängt waren, von denen noch Reste zu sehen sind. Links steht das tragbahrenähnliche Holzgerüst, auf dem der Sarg, die Totengaben und Opfer ruhten. Vor den vier Urnengestellen sehen wir zwei eigenartige Holzmodelle, welche die Überbleibsel von Puppenkörpern darstellen. Gleichzeitig mit der Aufstellung der Urnen werden nämlich vor diesen Gestellen lebensgroße, reichgewandete und mit dem prachtvoll gearbeiteten Totenhut geschmückte Figuren aufgestellt, welche die Verstorbenen darstellen sollen, und denen nun von den Hinterbliebenen alltäglich bis zur Überführung in überschwänglicher Weise gehuldigt wird. Die weiblichen Angehörigen der Familie werfen sich wehklagend vor der Puppe zu Boden, raufen sich die Haare, streichen schmeichelnd die Beine und Waden der Totenpuppe, als sei sie lebend, und küssen ihre Kleider. Die Männer sitzen in stummem Brüten dabei. Meist wird nur eine solche symbolische Figur aufgestellt, welcher dann aber so viele Hüte aufgesetzt zu werden pflegen, als die Familie Tote zu bestatten hat. In anderen Fällen erhält jeder Tote seine eigene Puppe, die dann am Überführungstage gleichzeitig mit den Gebeinurnen und allen Totengaben samt der großen, bisher im Hause aufgestellten Bahre nach den Felsengräbern gebracht wird. Die feierliche Überführung der Gebeine aller Verstorbenen, gleichgiltig ob hoch oder niedrig, geschieht unter Teilnahme meist mehrerer Gemeinden und unter Führung der Dorf-Sánru (Zauberer).
Unabhängig von dem geschilderten Rituell gestaltet sich die Bestattung von Kinderleichen. Dieselben werden stets ohne besondere Feierlichkeit sofort nach Herrichtung eines Leichenschmauses von der betroffenen Familie nach den Felsengräbern geschafft, wo nach uralter Überlieferung die Gebeine aller Tolambátu ihre letzte Ruhe finden sollen. Auf diese Felsengräber komme ich später noch zu sprechen. —
Das verlassene Häuptlingshaus barg außer der beschriebenen Totenkammer nichts von Bedeutung. Einigen alten Küchenrat, defekte Bastkörbchen, Matten und dergl. Links auf dem Bilde ist ein eigentümlich geformter, umgestürzter Reisstampfmörser zu sehen, dessen Gewicht mir leider seine Mitnahme verbot. Rechts davon steht eine schadhafte alte Trommel, deren schwerer Holzcylinder keinerlei Zierarbeit aufwies. Ich verließ also die öden Räume und besuchte nochmals die von meinen Leuten als Quartier ausersehene Wohnhütte. Als einzige ethnographische Beute entdeckte ich dort einen zierlich aus Horn geschnitzten Hüttenhaken von der Form eines Ankers, welcher als Gerät- oder Kleiderhalter gedient haben mochte. Er war und blieb das einzige Stück dieser Art, welches ich bei den Tolambátu erhielt.
Eine Annehmlichkeit in dem öden Raúta war die Existenz von ein paar in der Nähe befindlichen Kokospalmen, deren Früchte die einzige aufzutreibende Delikatesse waren. Der rasch hereindunkelnde Abend brachte Legionen blutgieriger Moskitos auf den Plan, vor denen selbst mein Netz mich nur notdürftig zu schützen vermochte, während meine Begleiter in ihrer räucherigen und verqualmten Hütte ziemlich sicher waren.
Raúta — Wiwiráno, den 15. September.
Die Nacht war abscheulich. Eine ewig störende halb verhungerte Katze machte sich an meinen Vorräten zu schaffen, und ein Rudel Hirsche, durch mein Nachtlicht angelockt, kam bis auf wenige Schritte heran, um bei meinem Aufschrecken mit schwerem Getrampel durch die Büsche zu flüchten. Ungeniert jagten dicht über mir nach Kerbtieren haschende Fledermäuse, und weich beschwingte Eulen wählten sich mein Hüttendach als Warte für ihre Beutezüge, mit unheimlichen, hohlen Rufen einander lockend. Diese vereinzelten Geräusche und das hin und wider erschallende girrende Lachen eines träumenden Waldvogels machten die lastende Stille der Nacht noch unerträglicher, so daß ich herzlich froh war, als um die vierte Morgenstunde das erste fahle Dämmerlicht den Beginn des neuen Tages verkündete. Mitleidslos weckte ich meine noch süß schlummernden Leute aus ihren Träumen. Es galt heut, einen außerordentlich schwierigen Marsch zu bewältigen, und es mußte früh aufgebrochen werden, sollte das in Aussicht genommene Ziel, Wiwiráno, erreicht werden. Bereits vor 6 Uhr ging es durch den knietiefen Bach hinein in den nässetriefenden Laubwald. Große Lehmpfannen, dermalen Suhlen von Büffeln, unterbrachen alle Augenblicke den viel verwünschten Pfad, auf dem mehrere meiner Leute mit ihren Lasten lang hinschlugen. Fadendicke Spinnenfäden von merkwürdiger Zähigkeit kreuzten den Weg und legten sich feuchtklebrig um das Gesicht, das Vorwärtskommen lästig erschwerend. Um das Vergnügen voll zu machen, war der Wald stark mit Rotang durchsetzt, dessen hartdornig bewehrte Ranken sich auf Schritt und Tritt an den Kleidern festhakten, mir den Hut vom Kopfe und den Trägern die Lasten vom Rücken streifend. Ich atmete daher auf, als wir diese wenig angenehme erste Wegestrecke endlich hinter uns hatten und in ein von Bergen und Wald umgrenztes Lalangtal hinaustraten. Diesem folgten wir nun ca. eine Stunde, bis wir den an einem Flüßchen gelegenen Kreuzungspunkt erreichten, an welchem der Pfad nach Wiwiráno links abbog, während in der Richtung nach rechts die uralten Felsengräber der Tolambátu liegen sollten. Während meine Träger mit ihren Lasten den Wiwiráno-Weg vorauszogen, wandten ich und mein Tolambátu-Führer, sowie der Sulewátang, der Buginese und mein Boy uns der Richtung nach den Gräbern zu. Diese geheimnisvollen, noch von keinem Europäer besuchten Totenhöhlen im Gebirge von Raúta, von denen die Tolambátu sagen, daß keine Seele ihrer Abgeschiedenen Ruhe finden könne, deren Gebeine nicht hier beigesetzt wären, befinden sich in abgelegenster Einöde, und nichts verrät ihre Nähe. Weglos marschierten wir erst 20 Minuten durch düsteren Hochwald im Bette des steinigen Flüßchens aufwärts, bogen dann, eine große Flußbiegung abschneidend, weiter nach rechts in den Busch ein, um bald unvermittelt auf eine durch Menschenhand geschaffene Lichtung hinauszutreten. Eine Menge provisorisch errichteter und jetzt in sich zusammengestürzter Laubhütten deuteten darauf hin, daß schon geraume Zeit vergangen sein mußte, seit zuletzt Menschen hier geweilt und genächtigt hatten. Wie mir mein Führer erzählte, verbringen hier die die Totengebeine überführenden Prozessionen die Nacht, ehe sie die letzte kurze Wegstrecke bis zu den Felsenhöhlen zurücklegen. Über diesen Platz hinweg gelangten wir abermals zum Flusse, kreuzten ihn und sahen uns nun einer steil emporführenden Schneise gegenüber. Diese war mit meterhohem Unkraut dicht verwachsen, so daß wir uns erst mit dem Buschmesser freie Bahn schaffen mußten. Die Breite der Lichtung mochte 12–15 m betragen. Vom Ende derselben, hoch von oben herab leuchteten uns weißschimmernde Felsenwände entgegen.
Eine feierliche Erwartung bemächtigte sich unser aller Gemüter. Meine Begleiter waren merkwürdig still geworden, und sogar der Führer hatte sich hinter mich geschlichen. Am meisten Angst aber zeigte der Buginese. Der riesige Kerl zitterte vor Aufregung und blieb sacht immer weiter zurück. Die Totenstraße endete plötzlich vor einer Felsenmauer, deren Wände senkrecht vor uns emporstiegen. Wir standen am Fuße des Hauptgebirges. — Zu unserer Rechten trat das Steingeklüft in schräger Richtung zurück, und hier war es, wo sich nicht etwa tief eindringende Höhlen, wie ich bisher angenommen hatte, sondern weit überhängende, an Stalaktiten reiche Aushöhlungen gebildet hatten, die, terrassenförmig übereinandergelagert, gewaltige Nischen darstellten. Diese lichten, offenen Gewölbe dienten den Tolambátu als letzte Beisetzungsstätte für die irdischen Reste ihrer Angehörigen. — Meine Begleiter verharrten, bleich vor Aufregung, vor dem durch Felsenblöcke verbarrikadierten und daher etwas schwierigen Zugange und waren nicht zu bewegen, mir weiter zu folgen. Selbst der Sulewátang bat mich inständig, den von bösen Geistern bewohnten Ort zu fliehen und zurückzukehren, ehe sie uns ein Leid täten. Nur mein eigener Boy Rámang hatte etwas mehr Mut und folgte mit dem photographischen Apparat mir auf dem Fuße. — Die erste und vorderste Wölbung schien zugleich auch die älteste der Gebeinkammern zu sein. Das rote trockene Erdreich der Felsennische war mit zahllosen, wirr durcheinander liegenden Totengebeinen und herumgekollerten Schädeln bedeckt, und zwar so dicht, daß wir auf dem Wege zur zweiten Hauptnische fortwährend auf Knochen treten mußten. Auch an der Zugangsstelle zu dieser lagen mächtige Gesteinstrümmer, über die hinweg wir erst ins Innere gelangen konnten. Diese zweite Nische war eine sichtlich bis in die jüngste Zeit benutzte Schädelstätte, in der sich mir ein ebenso überraschendes wie eindrucksvolles Bild darbot. Hatten in der ersten Nische Witterungseinflüsse und die Zeit bereits ihre Arbeit getan, so fanden wir in diesem zweiten, mehr geschützten Gewölbe noch alles in der ziemlich gut erkennbaren ursprünglichen Anordnung vor. Große schwere Totenbahren, altersmorsch, mit teilweis schon geknickten Stützen legten mit der Fülle der darauf niedergelegten Gaben ein beredtes Zeugnis von der Liebe und Verehrung ab, die der Tolambátu seinen Manen zollt. Es muß unsägliche Mühe gekostet haben, diese unförmigen plumpen Gestelle von weit her durch den pfadlosen Urwald hier herauf zu bringen, und es ist rührend, mit welchem Aufwande von zärtlicher Sorge die Hinterbliebenen bei der Auswahl der dem Toten mitgegebenen Gegenstände darauf bedacht waren, seine Seele für das Jenseits mit allem Nötigen zu versehen. Alle Gewänder der Toten, ihre Waffen, Schmucke und Eßgeschirre, Palmweinbehälter und Mundvorrat waren teils auf den Bahren, teils auf dem Boden niedergelegt. — Aus diesen Altären naiver Pietät aber hatten die in das Gewölbe leicht eindringenden Weststürme ein Chaos geschaffen. Umgestürzt und zerborsten lagen kostbare Totenurnen. Die Deckel der Holzkisten, welche die Überreste von weniger Bemittelten bargen, waren geplatzt, und zwischen Felstrümmern, Topfscherben und in die Höhle gewucherten Schlinggewächsen lagen Schädel und Menschenknochen herum, — ein erschütterndes Memento mori. — Neben Tonkrügen aller Größen und Formen sah ich hier breitrandige, kunstvoll gearbeitete Totenhüte, uralte, gegenwärtig nicht mehr existierende Formen von Schilden, ornamentierte Trommeln, Geräte, wie sie heut niemand mehr kennt, viele Messingwaren, Teller und Schüsseln, ganze Stöße von Rindenbastgewändern, Bündel von Rohfuja usw. Das meiste von dem allen war defekt; denn wenn die tiefen Nischen auch vor Nässe schützten, so doch nicht vor Wind und Wetter noch vor dem Eindringen der Nagetiere. Mit Mühe und Not fand ich auf dem trümmerbesäten Boden eine zur Aufstellung meines Apparates geeignete Stelle.