Es gelang mir, von den interessanten Vorgängen mehrere Aufnahmen zu machen. Die 3 Geisterbeschwörer ließen sich durch meine Kamera anscheinend durchaus nicht beirren. Dafür aber wurde ich beim Akte der Wasserbesprengung mit einer so ausgiebigen Dusche bedacht, daß ich dies als einen geschickt zum Ausdrucke gebrachten Protest gegen meine Neugierde auffaßte. Langsam um die Gestelle mit den Opfergaben herumwandelnd, besprengte der Oberste der Sándo diese mit Wasser, um hierauf nach erneuten Gebeten und Beschwörungsformeln nach allen vier Winden Wasser in die Luft zu sprengen, wobei die im Halbkreise eng nebeneinander hockenden Zuschauer nicht zu kurz kamen. Den Schluß der Zeremonie bildete die Einheimsung all der guten Sachen, die eigentlich den Geistern gewidmet waren, nun aber fabelhaft schnell in den zu solch löblichem Beginnen eigens mitgeführten großen Taschen der Sándo verschwanden. — Nach diesem Großreinemachen trieben diese noch einen schwunghaften Handel mit Amuletten und Arzneien gegen alle möglichen und unmöglichen Krankheiten. — Man beachte das verschmitzte Gesicht des Ober-Sándo auf dem beigegebenen Bilde, und man wird überzeugt sein, daß der Mann sein Geschäft verstand.
Die Atap-Häuschen von Karongsie mit einer Art Veranda an den Vorderfronten sahen äußerlich adrett und sauber aus. Hinter ihnen, in gleicher Richtung angeordnet, befanden sich die dazugehörigen Reisspeicher. Die sonderbaren Giebelverzierungen der Wohnungen erinnerten sehr an luwuresischen Gebrauch. Vor jeder Hütte hatten die Karongsier auf Regierungsbefehl kleine Anpflanzungen angelegt. Die Setzlinge, Arekapalmen, Melonenbäume, Pisang und Kápok, wurden ihnen hierzu unentgeltlich geliefert. — Das Innere der Hütten entsprach leider nicht dem freundlichen Äußeren. In denselben herrschte im Gegenteil eine greuliche Unsauberkeit, und ein durchdringender, ebenso unerträglicher wie undefinierbarer Geruch fiel mir auf die Nerven. In beengend niedrigen, kleinen Verschlägen hausten da die kinderreichen Familien. Manche der Leute erschienen mir buchstäblich wie Ausgrabungen, so völlig waren sie mit Schmutz inkrustiert und, um das Maß voll zu machen, mit bösartigen Hautkrankheiten behaftet. Männer mit handgroßen, offenen, bis auf die Knochen eingefressenen Beinwunden sah ich hier unverbunden herumhinken; vielfach vorkommende Eiterherde und Pusteln am Halse und auf der Brust, an den Armen und Beinen dürften syphilitischer Natur gewesen sein.
Die äußerst einfache und dem Feigenblattidyll nahekommende Lösung der Bekleidungsfrage des jungen Nachwuchses veranschaulicht die umstehende Photographie einer niedlichen Kindergruppe. Das nächstfolgende Bild zeigt zwei junge Frauen im Festkleide, eine mit dem unvermeidlichen Tabakpriemchen im Munde. Dabei möchte ich auf die eigenartige Kopfbedeckung der Frauen besonders aufmerksam machen.
Als Beschluß meiner Karongsie-Aufnahmen bringe ich noch das Bild eines jungen Pärchens, das im Begriffe stand, eine Wanderung nach Sorowáko anzutreten. Voraus, frank und frei mit bequemem Gehstock, die Wasserflasche auf dem Rücken, das Täschchen mit Rauch- und Kauutensilien um die Schultern gehängt und den Klewang an der Seite, der jugendliche Herr Gemahl; dahinter mit schwer bepacktem Rückenkorb und Buschmesser die kaum dem Kindesalter entwachsene junge Frau. Während diese auch nicht ein Schmuckstück an sich trägt, zieren den Gatten Arm- und Fingerringe. Der ängstliche Gesichtsausdruck beider zeigt, wie unheimlich ihnen die Prozedur des Photographierens war.
Karongsie — Sése, den 10. September.
In früher Morgenstunde verließen wir Karongsie. Auf der Plateauhöhe angelangt, stießen wir auf die Spuren des Sándo-Kleeblatts. Dicht am Wege waren vor einem neu angelegten Felde dieselben Opfertische errichtet, wie wir sie gestern im Dorfe gesehen hatten. Der wohlhabendere Teil der Bevölkerung läßt nämlich vor jeder Urbarmachung eines Feldstückes die Sándo Beschwörungen ausführen. Soll der Zauber aber recht kräftig sein, so muß die Zeremonie der Fruchtweihe sogar mehrmals vorgenommen werden. Auch beim Ausbleiben von Regen wird die Hilfe der Sándo in Anspruch genommen.
Bald nach unserem Aufbruche erblickten wir in der Ferne das tief unter uns liegende Kulturtal von Weúla. Es war ein höchst fesselnder Anblick, wie die Nebel in den Tälern zwischen den kulissenartig voreinander geschobenen Bergzügen mit der siegreichen Sonne kämpften. Gleich einem aufgeregten Meere wallten die Dunstschwaden auf und nieder, und in der Ferne täuschte der Brodem einen See vor. Die Gegend wurde jetzt sehr uneben und steinig; trotzdem waren allenthalben Feldanlagen zu sehen, meist mit einem dabeistehenden, winzigen Hüttchen. Wenn uns begegnende Frauen, die sich zur Feldarbeit begaben, beim Vorübergehen den Kopf zur Seite wandten oder ihr Gesicht verhüllten, so muß ich dies als Zeichen besonderen Zartgefühles dankend anerkennen. — Dem Höhenrücken folgend, stiegen wir geraume Weile in stetem Wechsel hinauf und hinunter. Gegen 9 Uhr erreichten wir den auf halber Bergeshöhe gelegenen kleinen Kampong Sinóngko. Hier fand ein Kuliwechsel statt. — Immer deutlicher wurden die Anzeichen einer dichteren Bevölkerung, immer häufiger die Anpflanzungen. Wieder eine halbe Stunde später ging es durch den Kondara-Fluß dem jenseits desselben gelegenen, aus nur wenigen Häusern bestehenden Kampong Weúla zu. Ohne Aufenthalt durchquerten wir das Reistal desselben, mit gegenwärtig brach liegenden Kulturen. Jetzt türmte sich vor uns ein hoher, bewaldeter Bergrücken auf, an dessen Lehne wir einem herrlich schattigen Waldwege folgten. Dabei begegneten wir einem an einer Quelle rastenden Dammar-Sucher mit schwer bepacktem Rückenkorbe. Sorgfältig hatte er seine kostbare Last mit Sagoblattscheiden bedeckt. Es war ein hübscher, stämmiger Bursche, und prachtvoll stach die Bronzefarbe seiner muskulösen Glieder gegen das Silbergrau der Baumstämme und die tiefgrüne Pflanzenpracht ringsum ab.
Die hinter diesem Waldgürtel folgende Wegstrecke war schattenlos. Über abgeholzte und verbrannte Rodungen gelangten wir in ein neu sich öffnendes Hochtal, das von felsigen Waldgebirgen umrahmt war. Es war Sése, die letzte uns noch vom Towuti-See trennende Station. — Das unbedeutende Dörfchen Sése, dem in geringer Entfernung der Kampong Tógo benachbart ist, lag jetzt dicht vor uns. Empfangen und geleitet von dem schüchtern auftretenden Dorfhaupte, hielt ich in dem abseits von den Dorfhütten gelegenen »Fremdenquartier« meinen Einzug. — Der Weg bis hierher hatte etwa 5 Stunden beansprucht, so daß ich noch einen halben Tag vor mir hatte, Zeit genug, das von Europäern kaum je besuchte entlegene Tälchen zu untersuchen.
Wir haben es in Sése abermals mit einer Neugründung zu tun. Das ganze Gemeinwesen hatte nur 6 Häuschen und eine einzige Reisscheune. Erstere wiesen sämtlich Giebelverzierungen auf, wie wir sie in genau derselben Weise auch in Karongsie gefunden hatten. Es war zu erwarten, daß diese kleine Siedelung in ethnographischer Hinsicht kaum etwas Besonderes bieten würde; desto froher überrascht war ich, auch hier einige mir neue Gegenstände zu erlangen, unter denen ein Blasrohr aus Bambus, súmpi genannt (malayisch: sumpitan), vielleicht das Beste war. Zum ersten Male in Celebes erhielt ich hier zwei hübsche Maultrommeln (= n’gói). —
So bescheiden die Menschen hier lebten — genügte ihnen doch ein kaum handbreiter, durch die Beine gezogener Schamlappen als völlig ausreichende Gewandung — so schienen sie mir in anderer Beziehung doch recht praktisch veranlagt. Jedenfalls hatte ich hier bei Einkäufen höhere Preise zu zahlen, als bisher irgendwo. Angenommen wurde nur bares Geld unter gänzlicher Nichtachtung selbst der verlockendsten Tauschobjekte.
In Sése begegneten mir zum dritten Male die Sándo, welche wiederum vor uns angekommen waren, hier aber wohl nicht allzuviel Arbeit vorgefunden hatten. — Im Laufe des Nachmittags ertappte ich meinen famosen Sulewátang bei einer nicht ganz fürstlichen Beschäftigung. In der von ihm bezogenen, neben der meinigen gelegenen Kammer lagen Herr und Diener auf der Bambusdiele und spähten mit Eifer und anerkennenswerter Ausdauer durch die Ritzen auf den Boden. Die Sache interessierte mich, und nicht lange sollte ich auf des Rätsels Lösung zu warten haben. Das ruchlose Paar ließ abwechselnd leise lockende Töne erschallen, welche das neugierig herbeirennende Hühnervolk Séses betörten, immer näher und näher an die Hütte heranzukommen. Alsbald flogen nun ein paar Hände voll Reiskörner auf den Boden unter das Haus, von den arglosen Hühnern mit lautem Freudengegacker begrüßt. Sorglos pickten sie den Reis auf. Da, plötzlich ein entsetztes, lärmendes Auseinanderstieben! Aber schon ist es zu spät. Ein teures Haupt fehlt, und das schönste Huhn zappelt rettungslos in der ihm von oben meuchlings übergeworfenen Schlinge. So beschafft man sich hierzulande billigen Hühnerbraten! Aber schon nahte die Nemesis. Den Dorfbewohnern schienen solche buginesische Scherze nicht fremd zu sein; denn laut zeternd kam bereits der beraubte Eigentümer herbei und ertappte die Schelme, die seelenruhig mit dem Rupfen ihrer Beute beschäftigt waren, in flagranti. Ich machte der nun folgenden erregten Szene ein rasches Ende, indem ich den Eigentümer entschädigte, hernach jedoch den beiden Übeltätern eine Lektion über die Unterscheidung von Mein und Dein erteilte.
Die Nacht verlief ziemlich unruhig. Das kleine Sése konnte nämlich die für den kommenden Aufbruch nötigen neuen Träger nicht allein stellen. Daher waren Boten nach dem benachbarten Tógo ausgesandt worden, um die fehlenden Leute zusammenzurufen. Diese kamen denn auch im Laufe des Abends, und das Beisammensein wurde nun mit Tanz und Rundgesängen gefeiert. Bis lange nach Mitternacht tönte mir das jauchzende »hē–ó–hē, hē–ó–hē« ihrer Liederrefrains in die Ohren.
Sése — Timámpu, den 11. September.
In den ersten Morgenstunden des heutigen Tages traf ein mir entgegengesandter Eilbote in Sése ein mit der Nachricht, daß Herr v. A. auf einer Dienstreise von Malili nach den Dammardistrikten am Towuti bereits in Timámpu eingetroffen sei und dort auf mich zur weiteren, gemeinsamen Bereisung der Seelandschaften warte. Nun war es zwar meine Absicht gewesen, Timámpu auf dem Umwege über die Ortschaften Tawáki und Balambáno zu erreichen, wozu drei Tage erforderlich gewesen wären. So lange konnte ich aber Herrn v. A. nicht warten lassen und beschloß daher unter Verzicht auf dieses Reiseprojekt, auf direkten Gebirgsfußsteigen nach Tabaráno und von dort auf guter Distriktstraße weiter nach Timámpu zu marschieren. Dies ließ sich in einem starken Tagemarsche bewältigen.
Bereits um 6 Uhr befand sich meine Kolonne auf dem Marsche. Es mag manchem Leser befremdlich erscheinen, daß ich die 6. Morgenstunde als früh bezeichne; man hat aber mit den Gewohnheiten der Eingeborenen zu rechnen, die ohne vorherige umständliche Reiskocherei morgens keinen Marsch antreten würden; auch nimmt das Verteilen und Fertigmachen der Tragelasten eine geraume Weile in Anspruch. Häufig stellt sich dabei heraus, daß noch ein paar Träger fehlen, die nun erst herbeigeholt werden müssen. Endlich fürchten die ja nahezu unbekleideten Leute die Morgenkühle und die Taunässe des Busches. Soll ein Aufbruch um 6 Uhr morgens erfolgen, so müssen die Leute spätestens um 4 Uhr mit dem Abkochen beginnen, und das hat bei den Eingeborenen von Inner-Celebes, die die Zeit nicht zu schätzen wissen, seine beträchtlichen Schwierigkeiten.
Die nächsten Höhen wurden auf steilen Pfaden rasch erklommen. Ein letzter Blick auf das freundliche Sése; dann stiegen wir in ein schmales Tal hinab, in dem schnittreifer Reis neben bereits abgeernteten Feldern stand. Gegen den Ausgang des Tales beträchtlich ansteigend, führte der Weg über waldlose Höhenzüge, die wir in zweistündigem Marsche erkletterten. Von der prachtvolle Fernblicke gewährenden Paßhöhe aus ging’s bergab nach der Tabaráno-Niederung zu; das große Dorf gleichen Namens lag in kaum ½stündiger Entfernung unter uns in der Ebene. Wir verließen nun den Eingeborenenpfad und traten auf die große Handelsstraße heraus, die von Malili über Ráu und Balambáno direkt nach Timámpu, der bedeutendsten buginesischen Dammarstation am Towuti-See, führt. Mit einem Schlage fühlte ich mich aus einsamen, entlegenen Gefilden in ein Kulturland versetzt. War es auch nur ein schwacher Pulsschlag des großen Weltverkehres, der sich in den jetzt betretenen Gegenden fühlbar machte, so deuten doch alle Anzeichen darauf hin, daß hier Geister am Werke sind, die sich nicht mehr bannen lassen.
Lange Züge von Toradjas bewegten sich uns entgegen. Sie waren aus Paloppo herübergekommen, um die ungeheueren Schätze der Dammardistrikte heben zu helfen. Schwer unter ihren Lasten keuchend, setzten sie dieselben willig ab, um ihre Tabaksbeutel untersuchen zu lassen. Dabei wurden wunderhübsch gearbeitete Kalk- und Gambirdosen aus Bambus zutage gefördert, die mir gegen klingendes Entgelt gern überlassen wurden. Schon nach diesen Geräten zu urteilen, stehen diese Toradja kulturell höher als die Tobela. Die meisten dieser Leute kommen aus den Distrikten Makále und Rantepáo, den beiden Hauptcentren ihres Landes, um sich als selbständige Dammarsucher oder als Kulis zu betätigen und später mit einem ersparten kleinen Kapital in die Heimat zurückzuziehen.
Um 10 Uhr waren wir in Tabaráno, dem größten aller bisher besuchten Dörfer, angekommen. Die an den beiden Seiten der Distriktsstraße gelegenen Häuser bewohnt der bessere Teil der Ortsbevölkerung. Diese Häuser waren sämtlich mit Staketenzäunen gegen die Straße abgeschlossen.
Die ärmeren Dorfbewohner haben sich in recht bescheidenen, hinter diesen beiden Häuserzeilen liegenden Hütten angesiedelt, die sich weit an den Lehnen der angrenzenden Hügel hinziehen.
In Tabaráno mußten die Kulis gewechselt werden, und die damit verbundene Verzögerung benutzte ich zu einer ethnographischen Exkursion ins Dorf. Begleitet vom Dorfhaupte, wählte ich die eine, der Sulewátang die andere Dorfhälfte als Sammelgebiet. Mein Boy Rámang hatte indessen das Gepäck zu überwachen. Die Mehrzahl der vielen hier erworbenen Gegenstände bestand aus mir bereits bekannten und in meiner Sammlung schon vertretenen Stücken. Eine wertvolle Bereicherung derselben bildete dagegen ein Panzerhemd aus geknüpften Pflanzenfasern. Besonders schön gearbeitet waren in Tabaráno die hölzernen Tragkörbe, von denen ich mehrere erwarb. Auf eine Besichtigung der Hüttenräume selbst mußte ich hier verzichten. Mohammedanische Gepflogenheiten hatten in diesem mit der Küste in regem Verkehr stehenden Orte bereits so stark Eingang gefunden, daß die weiblichen Insassen eines Hauses laut zu kreischen anfingen, als ich nur den Versuch machte, eine Hütte zu besteigen. Um Ärgernis zu vermeiden, ließ ich davon ab und schickte meinen Begleiter allein in die Häuser. Leider konnte sich der Mann absolut nicht in meine Intentionen hineinfinden, so daß das Resultat unserer Streife recht kläglich war zur Freude des Sulewátang, der eine reiche Ausbeute mit zurückbrachte.
Nach nahezu zweistündigem Verweilen in Tabaráno setzten wir den Weg mit frischen Trägern fort. Dicht hinter dem Dorfe führte die Straße durch wunderschönen, schattigen Wald einen mäßig hohen Berg hinan. Toradja zogen in Reihen fortgesetzt nach beiden Richtungen an uns vorüber, ebenso lange Züge dammarbeladener Lastpferde. Bald war die Paßhöhe dieses letzten uns von der großen Towuti-Ebene trennenden Berges erreicht, und damit eröffnete sich uns in überraschender Weise ein herrliches Panorama, dessen Abschluß der aus weiter Ferne als Silberstreifen herüberglänzende Towuti-See bildete.
Seit die Herren Sarasin im Jahre 1896 das Glück hatten, als erste Weiße diesen damals noch sagenhaften See zu entdecken, war es meines Wissens später nur noch einem europäischen Forschungsreisenden, dem holländischen Geologen Herrn von Abendenon, vergönnt gewesen, bis zum Towuti vorzudringen. Meine Freude war groß, als mich der herrliche Ausblick auf diesen größten See des östlichen, ja überhaupt des ganzen Celebes belehrte, daß es nur noch einer geringen Anstrengung bedurfte, das winkende Ziel zu erreichen. Immerhin war die Entfernung bis zum See noch recht beträchtlich; auch war es nur ein kleiner Teil des gewaltigen Seebeckens, welchen ich von hier aus zu erblicken vermochte. Auf der weiten uns noch vom See trennenden hügeligen Ebene wechselten Waldparzellen und Kulturflecken anmutig miteinander ab. Die Gebirgsstränge zur Linken und Rechten traten in starkem Bogen zurück und verflachten sich. Wie auf einem Präsentierteller lag das uns am nächsten gelegene Dörfchen Leóka vor uns. Wir erreichten diesen Ort eine gute Wegstunde später. Er unterschied sich kaum von dem vorher passierten Tabaráno. In Leóka fand abermals ein Kuliwechsel statt. Die Unterbrechung des Marsches benutzte ich wie gewöhnlich zur Jagd auf Ethnographica. Als bestes Stück erbeutete ich diesmal eine Trommel, deren Gewinnung mir viel Vergnügen bereitete, um so mehr als Trommeln in Celebes an und für sich zu den seltenen Objekten gehören.
Die umstehend eingefügte Photographie stellt einen meiner Leókaträger dar. Ohne Sträuben stellte er sich meiner Kamera; als jedoch nach geschehener Aufnahme aus einer Gruppe von Gaffern heraus die dumme Äußerung fiel, nun müsse er sicher sterben, da ich ihm seine Seele fortgenommen hätte, wurde der Mann ganz bleich vor Angst und sehr aufgeregt. Ich hatte Mühe, ihn zu beruhigen, und hielt dem Schuldigen eine derbe Strafpredigt.
Auf prächtiger Straße wanderten wir von hier aus über die Ebene hinweg. Vielfach kreuzten kleinere, überbrückte Wasserläufe unsern Weg. Dieser führte streckenweise durch schattigen Wald, dann wieder über heiße Lalang-Strecken hinweg, auf denen ganze Rudel von Hirschen, unbekümmert um die vorüberziehenden Passanten, ihrer Äsung nachgingen. — Die trügerische Nähe des Sees spornte mich zu schärfstem Tempo an, so daß meine Begleiter, der Sulewátang und mein Junge, mir nur noch im Laufschritte zu folgen vermochten. Die weit zurückgebliebenen Kulis waren längst außer Sicht gekommen. Nach einstündigem Marsche gelangten wir in den aus ca. 40 Hütten elendester Art bestehenden Kampong Wawóndula. Dies war eines der wenigen alten Dörfer der menschenarmen Towuti-Ebene, wo der Islam noch nicht Wurzel zu fassen vermocht hatte. Als sicherstes Anzeichen, daß wir ein rein heidnisches Tobela-Dorf vor uns hatten, können die in Wawóndula unter allen Häusern gehaltenen Schweine gelten. — Ich besuchte das Haus des Dorfhäuptlings, wo ich einige hübsch gearbeitete Sirihstampfer sah. Trotz hohen Gebotes dafür wollte sich der gänzlich zahnlose, alte Herr nicht davon trennen, da, wie er behauptete, Ersatz nur sehr schwer zu beschaffen wäre. — Neu war mir in Wawóndula der allgemeine Gebrauch von Ohrschmuck. Fast ohne Ausnahme paradierten in diesem Orte Mann und Weib mit Ohrgehängen primitivster Art. Ein kleines dreieckiges Holzstückchen mit eingesetztem Glasscherben, ein rechteckiges dünnes Hornplättchen, der gehörnte Kopf eines Käfers, die metallisch schimmernde Flügeldecke einer Cetonide usw. genügen dem Schmuckbedürfnis.
Die Leute schienen sehr kräftig und muskulös zu sein. Der Typus erinnerte mehr an in stetem Kampfe mit Naturgewalten gestählte Urwaldmenschen, als an friedliche Bauern. In Wirklichkeit ist ja auch der Ackerbau hier erst in ganz bescheidenen Anfängen zu finden, und Jagd und Fischfang bilden noch heutigen Tages die Hauptbeschäftigung der am Towuti lebenden Tobela-Stämme.
Zu meinem größten Staunen bestanden meine nachgekommenen Träger trotz der kurzen Distanz von Leóka bis Wawóndula hier abermals auf einem Kuliwechsel. Man erzählte mir, dieses häufige Wechseln hinge damit zusammen, daß man Leute eines Nachbarortes nicht gern durch eigenes Gebiet ziehen lasse. Meine Ungeduld, ans Ziel zu kommen, ließ mich die Ankunft der neuen Träger gar nicht erst abwarten, und ich setzte alsbald den Weg fort. Der Landschaftscharakter blieb unverändert. Die Menge der uns immer zahlreicher begegnenden Lasttransporte verriet die Nähe Timámpus. Kurz nach 4 Uhr gelangten wir nach dem Tobela-Dorfe Pekalóa, durch welches die Straße mitten hindurchführte. Gleich Wawóndula ist dies eine seit alters bestehende Siedelung, deren Bewohner überwiegend Fischer sind. Meine Leute hatten sich inzwischen darauf besonnen, daß auch hier wieder neue Träger genommen werden müßten, trotzdem uns eine kaum mehr halbstündige Entfernung von Timámpu trennte.
Von dem auf kleiner Anhöhe gelegenen Pekalóa aus genoß ich endlich einen durch nichts behinderten, wundervollen Ausblick auf das gewaltige Towuti-Becken. Wohl infolge seiner Größe schienen die Randgebirge des Sees weniger hoch zu sein als die des Matanna. Die Länge des Towuti-Sees haben die Herren Sarasin mit 40–50, seine Breite mit 15–25 km, die Höhe über dem Meere mit 320 m angegeben.
Die sich von Pekalóa an in weitem Kranze um das ganze Nordende des Sees herumziehende sumpfige Fläche dürfte die frühere Ausdehnung des Sees erkennen lassen. Quer durch diese Schilfrohrwüste führte der Weg nach dem dicht am Seegestade hingebreiteten Timámpu. Mittlerweile war es 5 Uhr nachmittags geworden. Herr v. A., der eben zu einer Hirschjagd aufbrechen wollte, begrüßte mich herzlich, und sein reich besetzter Tisch ließ mich rasch alle Entbehrungen vergessen.
Die Ortschaft Timámpu entwickelte sich aus wenigen Tobela-Fischerhütten zur heutigen ansehnlichen buginesischen Ansiedelung. Am flachen Nordufer des Towuti-Sees gelegen, besteht sie in der Hauptsache aus einer Gruppe von 12 größeren Familienhäusern. Timámpu ist ein ziemlich lebhafter Ort, in welchen allein schon die großen Transportzüge der hier ansässigen Händler viel Leben bringen. Singen und Guitarrenklang schallen des Abends und die Nächte hindurch aus dem Inneren der Häuser, und auch sonst geht es in Timámpu recht lustig zu. Die Leute verdienen viel und leben gut.
Das ganze weit ausgedehnte Waldgebiet um den Towuti-See ist unendlich reich an Dammar, und die Erschließung der hier zu gewinnenden Schätze nimmt von Jahr zu Jahr einen immer gewaltigeren Aufschwung. Timámpu bildet so recht das eigentliche Centrum des gesamten Dammarhandels, wohin die meisten der die Wälder durchstreifenden Dammarsucher ihre Ausbeute schaffen. Die in Timámpu ansässigen buginesischen Aufkäufer übernehmen alsdann dieses Rohmaterial, sichten und säubern es oberflächlich und schaffen es weiter nach Malili, wo es in die Hände der chinesischen Großhändler übergeht, welche das wertvolle Harz schiffsladungenweise nach Makássar, den javanischen Häfen und Singapore weiter verfrachten. Welch ein bedeutender Faktor diese gegenwärtig noch in den Kinderschuhen steckende und unrationell betriebene Industrie in der Entwicklung des Landes zu werden verspricht, erhellt aus der Tatsache, daß im Monat August 1911 die Dammarausfuhr aus Malili 61000 Gulden an Wert überstieg.
Die Pioniere des Towuti-Gebietes rekrutieren sich nahezu ausschließlich aus Toradja, welche von der südlichen Halbinsel herüberkommen, um sich in den Dammardistrikten ein kleines Kapital zu erarbeiten. Die zahlreiche Ansammlung dieser Toradja dürfte in ursächlichem Zusammenhange mit der Abschaffung der Sklaverei stehen, die eine Menge besitzloser Leute selbständig machte. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß es sich gerade bei diesen Dammarkulis und Dammarsuchern um solche freigelassenen Sklaven handelt, die mit ihrer neugewonnenen Freiheit im eigenen Lande nicht viel anzufangen wußten. Während der Sklaverei sorgten im Grunde recht gutmütige Herren für ihren Lebensunterhalt; als Freie sind sie dieser Fürsorge beraubt, ohne für ihre Freiheit das geringste Verständnis zu besitzen. In dem ungeheuren Towuti-Gebiete nun, in dem man tage-, ja wochenlang in lückenlosen Urwaldregionen streifen kann, ohne auf eine Menschenseele zu stoßen, gab es Ellbogenfreiheit und winkte unter Umständen reicher Verdienst; denn der Preis des Dammars schwankt hier je nach Qualität zwischen 7–12 Singapor-Dollars per Pikul (= 60,5 kg). In Malili werden für das Pikul bereits 15–18 Dollar, in Makássar 20–25 Dollar und mehr bezahlt.
Die Dammargewinnung ist vom Gouvernement für jedermann gegen eine Abgabe von 5% des Ertrages freigegeben worden. Man schätzt die Zahl der in den Wäldern einsam ihrem Geschäft nachgehenden fremden Dammarsucher auf mindestens 1000, nach anderen sogar auf 2000. Gewöhnlich bringen die Toradja ihre Frauen mit, die beim Aussuchen und Sortieren des Dammarrohmateriales Verwendung und Verdienst finden. Viele davon verdingen sich auch als Mägde, andere wieder ergeben sich der Prostitution.
Timámpu — Tokolimbu, den 13. September.
In imponierender Ausdehnung erstrahlt die schimmernde Seefläche im Lichte des jungen Tages. Stolz und düster ragt aus dem Seespiegel die große Insel »Loëha«, deren hohe und schöne Bergformationen steil aus dem Gewässer emporsteigen. Der eingeborenen Bevölkerung gilt das Eiland als heilig, und sagenhafte Gerüchte bezeichnen sie als »Toteninsel«. Seit alters sollen die Gebeine der Verstorbenen dorthin gebracht worden sein. Dies wird auch von dem jüngst besuchten Leóka behauptet. In Höhlen des diesem Orte nahen Gebirges sollen sich ebenfalls Totenstätten befinden. Aber weder das eine noch das andere basiert auf Tatsachen, und Herr Leutnant v. Ardenne, der Loëha nach allen Richtungen hin auf das genaueste untersucht hat, versicherte mir auf das bestimmteste, daß auch nicht die leisesten Anzeichen für die Glaubwürdigkeit der alten Mythe sprächen, und daß außer Dammarsuchern kein menschliches Wesen auf der Insel zu finden sei.
Das Gesamtpanorama des Towuti-Beckens mit seinen dunklen, schwarzgrünen Waldmassen, seinen vorspringenden Kaps und den sanft geschwungenen Gebirgslinien im Hintergrunde stimmt eher ernst als heiter, und selbst die windgeblähten Segel einiger dammarbeladener Prauen vermögen kaum etwas Leben in die schwermütige Ruhe der Landschaft zu bringen. Ist es die Menschenarmut, welche die Einsamkeit über dem ganzen Towuti-Gebiete mit so schweren Fittichen lasten läßt?
Pekalóa und Wawóndula — wenn man dieses noch hierher zählen darf — sind die einzigen Orte, an denen einheimische Bevölkerung existiert. Hierzu kommen am südöstlichen Seeende noch einige kleinere Siedelungen; das ist alles. Was sich sonst noch an menschlichen Wohnstätten findet, ist gleich Timámpu buginesisch und verdankt der Einwanderung seine Entstehung und ein provisorisches Dasein.
Ich benutzte den Morgen zu einigen Aufnahmen von Timámpu. Zu sammeln gab es hier absolut nichts, und zu Spaziergängen war die sumpfige Umgebung nicht geschaffen. Somit ordnete ich meine auf bereits 300 Nummern angewachsene ethnographische Ausbeute, die ich von hier aus auf direktem Wege nach Malili zurücksenden wollte, um bei der Fortsetzung meiner Reise nicht zu sehr mit Gepäck beschwert zu sein.
Timámpu, den 13. September.
Zwei Kanoes warteten unserer Einschiffung nach dem am südlichen Seeende gelegenen Dorfe Tokolímbu. Bei ganz flauem Winde segelten wir um die siebente Morgenstunde ab. Schlaff hing das gewaltige Segel um den großen Bootsmast; träge lag das Wasser des Sees. Zwei faul aussehende Timámpu-Ruderer bestätigten durch ihr Arbeitstempo den hervorgerufenen Eindruck. Sie waren angestrengt bemüht, so wenig wie möglich zu tun, und dank dem einträchtigen Zusammenwirken von Windstille und Arbeitscheu kamen wir nur sehr langsam vorwärts. Nahezu 5 Stunden vergingen, ehe wir die Nordwestspitze von Loëha erreichten. Dicht an der Insel entlang fahrend, vermochten wir im klaren Wasser bis in große Tiefen hinab jeden Kiesel zu erkennen. Aber wie über der Oberfläche des Wassers, so war auch auf dem Seegrunde nicht die Spur eines Lebewesens zu erspähen. Kein Fisch ließ sich blicken; kein pflanzliches Gebilde schien da unten gedeihen zu können, und nur grobes Geröll bedeckte den Seeboden. Als unsere Prauen an die hoch aufragenden Felsenufer der Insel gekommen waren (n. Saras. 250 m M. H.), nahmen uns diese das bißchen Wind vollends aus den Segeln und zwangen damit unsere seufzenden Ruderer, selber die Fahrzeuge fortzubewegen. Womöglich noch langsamer als bisher krochen die Boote an dem steil abfallenden Ufer von Loëha entlang. Ein einziges Mal kündete uns ein aufgescheuchter Raubvogel, daß auch hier nicht alles tierische Leben fehle.
In dem durch ein Sonnendach geschützten engen Bootsraum liegend, vertrieben wir uns in mehr dem Raume angepaßter als angenehmer Stellung die Zeit mit Gesprächen und Erkundigungen bei unserer Bemannung, wobei ich die im folgenden erzählte Towuti-Legende zu Gehör bekam, die mir einer Analogie mit unserer heimischen Vineta-Sage nicht ganz zu entbehren scheint:
Am buchtenreichen Westufer des Towuti-Sees befindet sich eine abgrundtiefe Stelle, welche sich die Wassergeister als Wohnsitz erkoren haben. Nach uraltem Glauben der Tobela müssen die Insassen aller hier vorüberkommenden Boote Sirih essen. Einst fuhr nun eine Gesellschaft von Tobela und Tolampu gemeinsam in einem Kanoe an diesem heiligen Orte vorbei. Ihrer alten Gewohnheit getreu, aßen die Tobela-Leute daselbst Sirih und verlangten ein Gleiches von den mitfahrenden Tolampu. Diese aber weigerten sich, und hierüber kam es zu so heftigem Streite, daß die Tobela drohten, den Kahn entzwei zu schneiden, wenn die Tolampu nicht Sirih essen wollten. Die Geister des Sees würden sie sicher retten, während die Tolampu dann elend ertrinken müßten. Hohnlachend erklärten die Tolampu, es darauf ankommen zu lassen. »Wenn ihr nicht ertrinkt,« erklärten sie, »werden ganz gewiß auch wir am Leben bleiben.« Wirklich hieben die Tobela-Leute daraufhin den Kahn entzwei, und wunderbarerweise erreichte die mit den gläubigen Tobela-Leuten besetzte Hälfte desselben ungefährdet das Ufer, während die Tolampu in der anderen Kahnhälfte gleich einem Steine in die unergründliche Tiefe sanken. Bei ruhigem Wetter seien noch heutigen Tages die Frevler mit ihren Rudern unter dem Arme auf dem Seegrunde zu erblicken. —
Inzwischen waren wir dem eine weite Bucht bildenden Ende der langgestreckten Insel nahegekommen, die hier durch einen kaum 2 km breiten Seearm vom östlichen Ufer getrennt war. Das südöstliche Ende des Sees verläuft wie dasjenige bei Timámpu in eine sumpfige Ebene mit dichtem Röhricht und Lalangbestand, — ein Dorado für die dort rudelweise auftretenden Hirsche. In dem seichten Seewasser und dem anschließenden Sumpfstreifen bekam ich zum ersten Male am Towuti größere Scharen von Sumpf- und Schwimmvögeln zu Gesicht. Enten in mehreren Arten, Wasserhühner, Taucher, Kormorane, Schlangenhalsvögel, Reiher und Bekassinen wurden durch unsere Ankunft aufgestöbert. Ein kleiner Adler kreiste um diesen Beute verheißenden Uferstrich. Wir landeten nach genau 7stündiger Bootsfahrt in einer Rohrwildnis, durch welche die Kanoes bis zu einem weit in den Morast hinausgebauten Steg gezogen wurden. Am Lande befanden sich nur zwei gegenwärtig leer stehende buginesische Hütten. Ohne Aufenthalt ging es den aufgeschütteten Damm entlang über die heiße Seeniederung, und eine halbe Stunde später erreichten wir unser Ziel, das Tolambátu-Dorf Tokolímbu. Im winzigen Unterkunftshäuschen machten wir es uns bequem, während sich Leute aus dem Dorfe zum See begaben, um unser Gepäck aus den Booten hierher zu schaffen.
Das saubere und einen freundlichen Eindruck machende Dörfchen Tokolímbu ist die Neugründung einer vor kurzem hier zugewanderten Tolambátu-Gemeinde, die ihren bisherigen Wohnsitz Raúta, einen weit entlegenen und tief im Tobúngku-Gebirge versteckten Kampong, verlassen hat, um sich am Towuti-See in geeigneterer Lage neue Heimstätten zu gründen. Der Ort bestand aus 12 reinlich gehaltenen Pfahlhütten mit Rindenwänden. Diese mir in Celebes sonst nirgends mehr begegnete Verwendung von Baumrinde als Baumaterial kennzeichnet die Insassen bereits als echte Waldbewohner. Seit ältester Zeit hatte der Tolambátu-Stamm im unerforschten und schwer zugänglichen Kendari-Waldgebirge seine Stammsitze, und die Totenhöhlen, die ich dort im entlegensten Gebirge auffand, legten in gleicher Weise wie später von mir bei Wiwiráno aufgefundene Opferplätze mit Triumphsäulen der siegreich von ihren Kopfjagden zurückgekehrten Krieger beredtes Zeugnis dafür ab, daß die Tolambátu vordem ein zahlreiches und kriegerisches Volk gewesen sein müssen.
Seitdem eine klug und energisch vorgehende Regierung die Jahrhunderte währenden Fehden der Inlandstämme und die hieraus resultierende Unsitte der Kopfjägerei zu unterdrücken wußte, den Sklavenhandel unterband und erfreuliche Anfänge zu konsolidierten Zuständen schuf; seitdem Schiffe die Küsten der Insel regelmäßig umfahren und Handel und Wandel sich allenthalben zu regen beginnen; seitdem vor allem mit der Entdeckung der riesigen Dammarschätze von Südost-Celebes ein ganz neues Element der Betätigung und ein bisher ungekanntes Streben nach Verbesserung der Lebensbedingungen in das Denken der weltfremden Waldbewohner gekommen ist, vollzieht sich auch in diesen Landesteilen eine immer schneller um sich greifende allgemeine Evolution. Auch der Zweig des Tolambátu-Stammes, von dem hier die Rede sein soll, hatte sich dem nivellierenden Geiste der neuen Ära nicht zu entziehen vermocht und war wie seinen bisherigen Wohnplätzen so auch seiner Tradition untreu geworden, um unter günstigeren Auspicien sich eine neue Heimat zu gründen. Hierhin hatte er gleichzeitig mit seiner den Tobela-Idiomen völlig fremden Sprache auch manche seiner seltsamen rituellen Gebräuche mit verpflanzt.
Mit dem Oberhaupt der Tokolímbu-Lambatu, Namens Langódi, dessen Charakterkopf unser Auge fesselte, konnten wir uns nur mühsam verständigen. Trotzdem erfuhr ich von ihm so viel über Raúta, daß mein Interesse dafür auf das höchste gesteigert wurde und ich mich entschloß, diese unerforschten Gegenden selbst aufzusuchen. Leider konnte mich Herr v. A. auf der beschlossenen Expedition nicht begleiten, da er eine Inspektionsreise zu machen hatte, um den unter den Dammarsuchern eingerissenen Mißständen und Unzuträglichkeiten abzuhelfen und die Verhältnisse zu regeln. Auch gehörten die von mir zu besuchenden Landschaften nicht mehr zu seinem Dienstbezirke, sondern bereits zum Distrikt Kendari. Seiner freundlichen Vermittelung gelang es jedoch, mir die nur ungern und zögernd gegebene Zustimmung des Häuptlings zu meinem Vorhaben zu sichern. Auch bestimmte er Langódi, mir einen erprobten und zuverlässigen Führer mitzugeben, der mich auf meinen Wunsch von Raúta aus auch noch weiter ins Tobúngkugebirge zu begleiten hätte. Um keine Zeit zu verlieren, beschloß ich, gleich am nächsten Morgen nach Raúta aufzubrechen. —
Der heutige Tag wurde mit einer Inspizierung der Dorfhütten in Tokolímbu beschlossen. Diese unterschieden sich bereits äußerlich von den bisher gesehenen Typen durch die schon erwähnte Borkenbekleidung der Hüttenwände und Dächer. Die Wohnungseinteilung war weit zweckmäßiger, als ich sie bisher bei den Tobela gefunden hatte, da die einzelnen Abteilungen der Tolambátu-Hütten symmetrisch um einen gemeinsamen großen Mittelraum gruppiert waren. Allerdings muß ich dahingestellt lassen, ob diese praktische Anordnung der Räume nicht unter dem Einflusse des Gouvernements gewählt wurde, das bei solchen Neuansiedelungen gewisse Aufsichtsrechte geltend macht.
Ethnographisch ergab die Streife wenig Neues, denn die Leute hatten nur ihre unentbehrlichsten Gebrauchsgegenstände aus Raúta mit hierher gebracht; ihre übrigen Habseligkeiten warteten dort noch der nachträglichen Überführung nach Tokolímbu. — Völlig neuartig waren in Tokolímbu nur die hier vorgefundenen breitklingigen Koláka-Schwerter, erwähnenswert auch die mit leichten Zieransätzen geschmückten Reisstampfkolben in gefälliger Tulpenform. In dem sauber gehaltenen Häuptlingshause Langódis wurde mir eine alte Lanze mit prächtig geschnitztem Schafte gezeigt. Aber auf alle meine Überredungskünste und Versuche, das seltene Stück in meinen Besitz zu bekommen, erhielt ich vom Häuptling die stereotype Antwort, daß die Lanze nicht sein Eigentum sei, sondern ihm von der Mákole von Matanna, zu deren Machtgebiet auch der Towuti-Bezirk gehört, nur zur Bestätigung seiner Eigenschaft als Häuptling anvertraut worden sei. Was tun! Der Fall war schwierig; die Lanze aber hätte ich zu gern gehabt. Endlich fanden wir folgenden, allgemein befriedigenden und gleichzeitig die Denkweise dieser Leute scharf beleuchtenden Ausweg. Ich fragte Langódi: »Die Lanze ist also Eigentum der Mákole?« — »Ja, Herr!« — »Ja dann darfst du sie natürlich nicht verkaufen. Aber ich will ja auch gar nicht die Lanze haben, Häuptling; ich wünsche ja nur den Schaft der Lanze. Das ist doch was ganz anderes!« — Längeres verblüfftes Schweigen, welchem eine lebhafte Unterredung Langódis mit den ältesten seiner um uns versammelten Genossen in ihrer eigenen, uns unverständlichen Sprache folgte. Als deren Resultat bekam ich die Antwort: »Ja Herr, das ist richtig. Die Mákole hat uns ausdrücklich gesagt, sie vertraue mir die Lanze an, nicht den Lanzenschaft! Wenn du also erlaubst, daß wir das Lanzenblatt herausnehmen, so kannst du den Schaft erhalten.« Gesagt, getan. Binnen wenigen Minuten war ein anderes Blatt eingesetzt und ich glücklicher Besitzer dieser alten Waffe, ohne das sensible Häuptlingsgewissen im geringsten beschwert zu haben.
Tokolímbu — Raúta, den 14. September.
Herr Leutnant v. A., welcher noch vor mir den Ort verließ, um seine Bootsreise fortzusetzen, hatte sich freundlichst erboten, mein entbehrliches Gepäck sowie meine ethnographischen Objekte mit sich zu nehmen. Infolge dieses Entgegenkommens kam ich diesmal mit nur 8 Trägern aus. Meine kleine Expedition setzte sich aus insgesamt 14 Personen zusammen. Die Spitze des Zuges bildete mein Lambatu-Führer, welchem ich folgte. Hinter uns kamen der Sulewátang, unsere beiden Boys und ein zufällig in Tokolímbu zu uns gestoßener Dammarhändler, ein Buginese, welcher gebeten hatte, sich mir anschließen zu dürfen, um die zu durchziehenden Gegenden unter unserem Schutze nach Dammar zu durchsuchen. Den Beschluß bildeten die 8 Träger. Gleich hinter dem Dörfchen Tokolímbu führte unser Weg durch ein kleines, tiefes Flüßchen, — die leidige, schon öfter genossene Ouvertüre des Reisens in Inner-Celebes. Die nächste halbe Stunde folgten wir einem in dem meterhohen Schilfe für meine Augen völlig unsichtbaren Fußpfad. Nach Passieren des der Seeküste vorgelagerten Sumpfgürtels am Fuße einer sanft ansteigenden Hügelkette angelangt, tauchten wir alsbald im kühlen Schatten eines prächtigen Hochwaldes unter. Dank der nun seit Monaten anhaltenden schönen Witterung war der zu verfolgende Waldpfad verhältnismäßig gut. Zur Regenzeit aber müssen diese Waldpfade geradezu fürchterlich sein. In stetem Auf und Ab hatten wir eine Reihe zungenartig vorgeschobener Hügel zu überschreiten, wobei in den Einschnitten regelmäßig Wasserrinnsale zu durchwaten waren. Unser erst hübsch geschlossen marschierender Zug hatte sich inzwischen mehr und mehr in die Länge gezogen, und als unsere Spitze nach zweistündigem Marsche an einem Flüßchen halt machte, hatten wir mehr als eine halbe Stunde zu warten, ehe uns die Träger nachkamen. Weitere zwei Stunden ging es nun in derselben Weise durch lückenlosen Hochwald. Gegen 11 Uhr hatten wir das steil vor uns aufsteigende Hauptgebirge mit dem hohen Oawonlingkau-Gipfel erreicht. In dem steinigen Bette eines nahezu versiegten Flüßchens lagerten wir uns zu einer kurzen Ruhe. Alle Mann versorgten sich mit Wasser, das in Kalebassen mitgeführt wurde; denn hier bot sich vor Raúta zum letzten Male Gelegenheit, den Durst zu stillen. Hoch aber war das Gebirge; heiß strahlte die Sonne hernieder, und das Ziel war noch viele Stunden fern.
Es begann eine böse Kletterei, an welcher Hände und Füße in gleicher Weise beteiligt waren. An Wurzelgewirr und Lianensträngen Halt suchend und einander schiebend und ziehend, überwanden wir den ersten steilen Hang. Oben belohnte uns ein schöner Ausblick auf das eben durchwanderte wellenförmige Hügelland mit dem tiefblau herüberleuchtenden Towuti-See als malerischem Hintergrunde. Eine einzig schöne Waldlandschaft lag unter uns, und ein feierlich frohes Gefühl überkam mich in dem Gedanken, wahrscheinlich der erste Europäer zu sein, dem es vergönnt war, dieses großartige Landschaftsbild zu bewundern. Meine Begleiter dachten nicht im entferntesten daran, sich dergleichen Naturschwelgereien hinzugeben. Schwitzend und stöhnend lagen sie im schwellenden Moospolster des Laubwaldes und zerbrachen sich die Köpfe darüber, was eigentlich ihren Tuan so begeistern konnte hier in einer Gegend, wo es doch wirklich nichts zu sehen gab als Bäume.
Weiter ging es bergan. Der Bergrücken bildete ein schmales Plateau, das mit prachtvollen Baumriesen bestanden war. Rotes Fallaub bedeckte in dichten Lagen den Boden. Gedämpftes Sonnenlicht huschte durch das Gezweig, naturwahr einen heimatlichen herbstlichen Laubwald vortäuschend. Bald hernach erreichten wir eine zweite Gebirgsabstufung, und nach gut zweistündigem Steigen die dritte und höchste Platte, den Gipfel des Oawonlingkau. Von hier ab folgten wir den Einsenkungen des Kammes durch steten dichten Hochwaldbestand, in dem mir zahlreiche Spuren des Anoa, des celebensischen Gemsbüffels, auffielen. Auch die Falterwelt war hier bemerkenswert reich. Schemenhaft zogen große Papilionen durch die Lichtungen. Riesige Danais gaukelten, wie vom Winde getrieben, von Blütenbusch zu Blütenbusch, während hurtige Lycaeniden voll leuchtender Farbenpracht über den Weg huschten und pfeilschnelle Charaxes sich hoch oben im Baumgezweige spielerisch herumjagten. In merkwürdigem Gegensatze zu diesen so zahlreich vertretenen lieblichsten Bewohnern des Tropenwaldes schien die gefiederte Welt auf diesen Bergeshöhen ganz zu fehlen, während die Talwälder von Vogelrufen widerhallten. Möglicherweise war es nur die im Zenithe stehende Sonne, welche die Vogelzungen verstummen ließ. —
Wunderbar schön ist die Flora dieser Hochgebirgswälder, unter welcher Baumfarne, herrliche Pandanaceen und ganze Netzwerke von Lianen und kletternden Rotangpalmen mir als augenfälligste Vertreter auffielen. Es war eine köstliche Wanderung durch diese einsamen Urwaldregionen, voll unvergeßlicher Eindrücke. —