Nach zweistündiger Überfahrt erreichten wir glücklich das in ausgedehnte Kokoshaine eingebettete Sorowáko mit schönem Berghintergrunde. Der Ort ist ganz bedeutend größer und schmucker als Matanna. Der »Kapala Kámpong« des Dorfes, ein würdig und gut aussehender, aber etwas befangener Herr Namens Sálima erwartete uns bereits am sandigen Ufer. Die tiefgehende Prau lag weit davon im seichten Wasser auf Grund, und es war schwer, beim Herausklettern aus dem unbequemen Fahrzeuge und der darauffolgenden Waterei die notwendige Würde zu bewahren. Nach freundschaftlichem Händedrucke, eine dem Häuptling, wie ich bemerkte, völlig fremde und unbekannte Art der Begrüßung, geleitete er mich nach der kaum 50 Schritte vom Seeufer gelegenen Fremdenhütte. — Mein Quartier war ein winziges zweikammeriges Häuschen, in dem ich mich sogleich einrichtete. Der Sulewátang und seine Leute logierten sich im Hause der »Mákole« ein; mein Junge kochte und schlief unter meiner Hütte.
Sorowáko ist die Residenz von Andi Halu, der Königin des Matanna-Distriktes. Als solche führt sie den Titel Mákole. Die Fürstenwürde geht in Celebes bei Ermangelung männlicher Deszendenz auf die weibliche Linie über. Der Titel Mákole wird aber auch von Männern geführt; so wird z. B. der Wotu-Fürst von Baëbuntu bei Masamba Mákole tituliert. Eigentlich müßte es heißen »Mentjáran« = König. — Die Fürstin, die ich schon in Malili kennen gelernt hatte, war von dort noch nicht zurückgekehrt, und ich mußte mich damit begnügen, ihr großes, in luwuresischem Stil erbautes Haus zu besichtigen. Abgesehen von der abweichenden Bauart und Größe desselben, kennzeichneten je 6 an den Längsseiten herunterhängende hölzerne, grün und gelb bemalte Holzzapfen, — stilisierte Ananasblüten — das Haus bereits äußerlich als Residenz der Fürstin, da nur Edelleute solche Embleme, nach Graden abgestuft, an ihren Häusern anbringen dürfen. An Tobela-Gebrauch gemahnen am Hause der Königin einzig die in Büffelhörner auslaufenden Giebel.
Der Innenraum des Hauses ist in 2 ungleich große Teile geteilt. Gleich von der Treppe aus betritt man den auf unserer Photographie links befindlichen seitlichen Anbau, dessen Plankenboden um ca. 1 m tiefer liegt als der Boden des eigentlichen Innenraumes. In diesem die ganze Länge des Hauses einnehmenden Vorraume hält sich bei Audienzen das Volk auf, während sich die Radjas neben der Königin auf dem höher gelegenen Podium niederlassen, welches zwei Drittel des Innenraumes einnimmt. — Als Mobiliar befanden sich auf dem Podium nur ein kleines Tischchen und mehrere wackelige Rotangstühle. Durch ein ausgespanntes Kattuntuch war eine Art Plafond geschaffen. Das rechts gelegene Viertel des Innenraumes ist durch einen Verschlag abgegrenzt und in mehrere Kammern geteilt, welche die Wohngemächer der Fürstin bilden. Die Umgebung der Mákole macht es sich abends auf den Dielen der Plattform bequem. Eine Matte auf den Boden und, wenn es hochkommt, noch eine Rolle als Kissen, und das Nachtlager ist fertig. Toilettenwechsel erübrigt sich. Das tagsüber als Sarong fungierende Tuch hüllt abends den ganzen Körper ein und dient auch als Schlafdecke. — Die Fortsetzung des Treppenanbaues bildet auf der hinteren Schmalseite die Küche, an der Vorderfront ein Balkon.
Nachdem ich kaum von meinem ersten Besichtigungsgange in meine Hütte zurückgekehrt war, erhob sich ein gewaltiger Sturmwind, der weiße Wellenkämme gegen das Ufer peitschte; doch fielen nur wenige Tropfen Regen, und bald lachte wieder heller Sonnenschein. Es war eine der gefürchteten Matanna-Böen. Während derselben ins Haus gebannt, benutzte ich die Zeit dazu, der um mein Hüttchen herumlungernden zahlreichen Kinderschar und einer Anzahl junger Leute den Zweck meines Besuches begreiflich zu machen und ihnen zur Verdeutlichung Abbildungen ethnographischer Gegenstände zu zeigen. Jedes ihnen bekannte Bild wurde mit lauten Ausrufen der Verwunderung begrüßt, und es dauerte gar nicht lange, so hatten fortgerannte Boten den Häuptling und eine Anzahl Männer des Dorfes herbeigeholt, denen ich nun nochmals alle Bilder zeigen mußte. Die erfreulichen Folgen dieses Privatissimums ließen nicht lange auf sich warten, und bald erschien einer nach dem andern, um mir verschiedenerlei Objekte anzubieten. Merkwürdig war hierbei, daß sie stets die zu veräußernden Gegenstände sorgfältig unter dem um die Schulter gelegten Shawl verbargen, wobei sie sich den Anschein gaben, als hätten sie überhaupt nichts zu veräußern. Erst auf direktes Befragen hin rückten sie mit ihren Schätzen heraus und nahmen höchst verlegen wahllos einen der ihnen vorgelegten Tauschartikel oder häufiger den von ihnen geforderten Geldbetrag in Empfang. Offensichtlich schämten sie sich des Verkaufes von Dingen, die in ihren eigenen Augen mehr oder minder wertlos waren, und acceptierten für derartige Objekte jedes Gebot, während sie für Gegenstände, die sie selbst hoch schätzten, teilweis sehr hohe Preise forderten. Zu dieser letzteren Kategorie gehörten vor allem Stickereien und Frauenarbeiten jeder Art. So kostete ein reich benähter Frauenhut z. B. 5 fl. — Mit einfachstem Kreuzstich ganz simpel verzierte Matten wurden mit 2½–5 Gulden bewertet; genau dieselbe Matte, aber ohne Handarbeit, kostete 10–20 Cents. Weibliche Handfertigkeit dürfte hiernach in Sorowáko eine ebenso seltene wie hochgeschätzte Tugend sein. Enorme Preise wurden für Buschmesser und einige wenige angebotene Lanzen verlangt. Recht billig dagegen waren wiederum die reizenden Schnitzarbeiten, die ich hier in mannigfaltiger Anwendung vorfand. Vor allem konnte ich prächtig geschnitzte Ruder erwerben, deren Ornamentik Geschmack verriet, ebenso Küchengeräte aller Art mit liebevoll herausgearbeiteten Griffen. Am meisten Freude machten mir einige der alten Messer, Erzeugnisse einheimischer Schmiedekunst, mit schönen geschnitzten Horn- und Holzgriffen, — vielleicht die letzten Zeugen dieser im Erlöschen begriffenen Kunst. Höchst eigenartig waren ferner Hornschnitzereien aller Art, wie Kämme, Modelle zum Aufnähen von Stickereien, und als Bestes eine Kási-Kási genannte Klammer zum Halten des Stoffes beim Nähen, die eine Kette aus Holzgliedern darstellte, deren Herstellung mit den allein dazu benutzten Instrumenten, — kleinen Messern in feststehendem Griffe, — ebensosehr unendliche Mühe und Ausdauer erfordert haben mußte, als dieses schöne Stück Formensinn zeigte.
Mittlerweile war es Abend geworden, und mein Wohnraum glich einem Trödelladen. Ich hatte mit meinem Faktotum Rámang noch mehrere Stunden zu tun, um alle erworbenen Gegenstände zu sichten, zu etikettieren und in den speziell zu diesem Zwecke gekauften Körben zu verstauen. Als letzte Arbeit des ereignisreichen Tages galt es noch, Platten umzulegen, eine in den undichten Nativehütten, durch deren Bambuswände allenthalben neugierig der Mond lugte, die größte Vorsicht erfordernde Beschäftigung, die aber schließlich mit Zuhilfenahme aller verfügbaren Decken doch glücklich gelang.
Sorowáko, den 8. September.
Ein strahlend schöner Morgen war angebrochen, und die nahen Berge hatten ihre Nebelkappe abgelegt. Still und leise atmend, lag die weite Seefläche. Die Kamera wurde hervorgeholt, das auch im Bilde festzuhalten, was auf die Sinne einen unvergeßlichen Eindruck machte.
Sorowáko, von räumlich großer Ausdehnung, liegt am Fuße der Seerandgebirge, die, hier zurücktretend, wie in Matanna einem Kulturtälchen Raum geben. Die Dorfbewohner bauen hauptsächlich Reis an, nebenbei Mais und Zuckerrohr. Auf frischen Rodeflächen der nahen Gebirgshänge waren Tabakfelder angelegt. — An Nutzbäumen fand ich außer den schon erwähnten Kokospalmen, die hier viel besser gedeihen als in Matanna, Arekapalmen, Lángsat- und Baumwollbäume. — Zu den Sorowáko eigenen Haustieren gehört neben Büffeln auch ein Pferd, wohl Eigentum der Mákole. Schweine, vor Zeiten die bevorzugteste Lieblingsnahrung der Bevölkerung, fehlen ganz. Ist der Tobela der Seengebiete auch innerlich ein Heide geblieben, der fest an seinem uralten Geister- und Dämonenglauben hängt, so ist er doch äußerlich ein Mohammedaner geworden, der mit der aufgezwungenen Verachtung des Schweines und der Annahme einiger buginesischer Formen ein Kulturmensch und seinen ebenso gefürchteten wie bewunderten Ausbeutern, den Buginesen, gleich geworden zu sein glaubt.
In zwei langen Reihen ziehen sich die Hütten des Dorfes das kiesige Seeufer entlang, und eine sauber gehaltene Dorfstraße führt dazwischen hin, mehrere kleine Bachläufe überbrückend. Die Häuschen unterscheiden sich äußerlich nicht von denen des Dorfes Matanna, nur daß hier neben dem Gros höchst primitiver Bauwerke auch Familienhäuser von respektabler Größe entstanden sind, deren Bauart wohl ebenfalls von den Buginesen entlehnt ist. Die Hüttenzugänge sind in Sorowáko eigentümlicherweise meist so angeordnet, daß die Leiter, ein eingekerbter Bambuspfosten, von der Mitte der unteren Plattform aus, also völlig verdeckt, zu dem Innern des Hauses hinaufführt. Bemerkenswert ist, daß auch die landeinwärts gelegenen Hütten, welche von der Unterspülung selbst bei höchstem Flutstande nicht erreicht werden, auf hohen Pfahlgerüsten stehen. Der Boden darunter war ebenso trocken und sauber wie bei den unterspülten Häusern. Die unter den Wohnräumen gelegenen, die ganze Ausdehnung der Häuschen einnehmenden Plattformen scheinen die Entfernung des Unrates durch die Lücken des Fußbodens zu verhindern. Das Errichten von Pfahlrosten scheint also doch auch andere Zwecke zu verfolgen als die Unterspülung, und zwar könnten in Betracht kommen: 1. die Verhütung des Eindringens ekelhafter oder gefährlicher Tiere, wie Schlangen, Skorpione, Skolopender usw., 2. die geringe Belästigung von Moskitos in zugigerer Höhe und 3. die damit zusammenhängende, den Eingeborenen durchaus nicht unbekannte Tatsache, daß sie in den zu ebener Erde gelegenen Wohnhäusern viel leichter Fieberanfällen ausgesetzt sind als in solchen auf hohem Pfahlwerk, speziell am Matanna-See, wo die Malaria ziemlich bösartig auftritt.
Ich will mich nun bemühen, das Innere eines Sorowákohauses zu schildern, und wähle hierzu das zu den besseren und größeren gehörende des Häuptlings Sálima.
Die Hühnerleiter unter dem Hause führte von der Mitte aus in einen engen, dunklen Gang, der zum gemeinsamen, die ganze Hausfront einnehmenden Aufenthaltsraume der Familienmitglieder leitete. Dieser bestand in einem ca. 2 m breiten Raume, dessen winzige, rund oder eckig eingeschnittene Fensteröffnungen mit einer Art Gitterwerk versehen waren, das stark an Haremsausgucke erinnerte. Seitlich zur Linken führte ein Gang zu zwei abgeteilten Kammern, den Schlafräumen der erwachsenen Töchter. Eine größere Kammer rechts, gleich vom Mitteleingange aus, bewohnte das Häuptlingspaar allein. Eine Fortsetzung des allgemeinen Aufenthaltsraumes auf der rechten Seite führte zu den Feuerstellen mit den Brennholzvorräten und Küchengeräten aller Art. An dem Deckengebälk und an den Seitenpfosten des Hauses war Hausrat aufgehängt, wie Reisschüttelkörbe, Rückenkörbe, Netzwerk zum Fischen, Ruder und Vorräte an Feldfrüchten. Den Hauptpfosten der dem gemeinsamen Aufenthalt dienenden Plattform schmückten eine Anzahl Lanzen, deren lange, schlanke Eisenblätter teils einfach in hölzerne Schäfte hineingetrieben waren, teils in hübsch gearbeiteten messingverzierten Stockhülsen steckten. Hier befanden sich auch die vielzackigen Fischspeere, die mit Rotangstreifen oder Lederriemen an langen Stöcken befestigt waren, ferner Langschilde aus Rotanggeflecht und Buschmesser verschiedenster Form, wie sie im Walde, bei der Feldarbeit usw. gebraucht werden. Die Dielen der Gänge waren lückenlos mit einfachen, weißen Matten belegt. —
Zu den Messinggußringen, Armreifen etc. — Erzeugnissen einheimischer Industrie — gesellte sich in Sorowáko viel eingeführter Tand, vom chinesischen Händler bezogen, und Artikel der buginesischen Silber- und Goldschmiedekunst. Hoch im Preise standen fein in Schuppenmanier gearbeitete Kupferhalskettchen, die nicht unter 25 Gulden pro Stück erhältlich waren.
Was nun die Kleidertracht der Sorowáko-Leute anbelangt, so ist auch diese der von Matanna identisch. Wie dort trugen auch hier die Frauen das Haupthaar offen und lang herabhängend oder in einen kunstlosen Schopf zusammengebunden, die Männer aber trugen es unter dem lose geschlungenen Haupttuche versteckt. Merkwürdige Haartrachten waren mitunter bei Kindern zu sehen, so z. B. kreisrunde Büschel stehen gelassener Haare bei sonst glatt rasierten Köpfen, Simpelfransen, lange Nackenhaare bei geschorenem Haupthaar usw. Ebenso verschiedenartig war, wie das beigegebene Gruppenbild zeigt, die Kostümierung der jugendlichen Schar von splitternackt bis zum vollendeten Dandy buginesischer Art. Häufig trugen Knaben und junge Männer glatte, fingerbreite Bastbänder als Knöchelschmuck.
Ein allerliebstes Kerlchen war das Söhnchen des Häuptlings, dessen Konterfei die nebenstehende Abbildung zeigt. Selbstbewußten Blickes und ohne Furcht, wie es sich für einen jungen Edlen geziemt, ließ er die Prozedur des Photographierens über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken.
Die Art des Lasttragens auf hölzernen Rückenbrettern, die mittels der durch die durchbohrten Randleisten gezogenen Schnüre hoch beladen werden können, zeigt uns die nächste Aufnahme. Sie stellt einen jungen Menschen und eine Frau aus Sorowáko dar.
Die mit einem besonderen Zeitaufwand und großer Mühe aus groben Holzklötzen herausgearbeiteten Reiströge, wie ich sie auch in Matanna fand, sind in Sorowáko noch formreicher als dort vertreten. Sie wiesen fast antike Formen auf, und gern hätte ich einige Exemplare davon mitgenommen, wäre mir nicht der Transport der schweren, mehr als 1 m hohen Holzgebilde über das Gebirge allzu umständlich erschienen. Somit beschränkte ich mich auf die photographische Fixierung der hauptsächlichsten vorgefundenen Formen.
Die Schmiedekunst, die ehemals in Sorowáko in hoher Blüte stand, ist, wie ich bereits erwähnte, gegenwärtig auf dem Aussterbeetat angelangt. Die alt und weit berühmte Herstellung ganzer eiserner Lanzen und einzelner Lanzenblätter ist seit dem Waffenverbot der Regierung nahezu erloschen, und ebenso verhält es sich mit der Anfertigung von Schwertern und Messern, die als Handelsartikel ehemals weithin ausgeführt wurden.
Anders steht es mit der Tonwarenindustrie, die in Sorowáko in großem Umfange betrieben wird, und deren Erzeugnisse meiner Ansicht nach die von Matanna an Schönheit übertreffen. Jedenfalls zeigten die hier erworbenen Geschirre einen größeren Formenreichtum und eine Farbenfreudigkeit, die erheblich gegen die düstere Farbengebung der Tonwaren in Matanna abstach.
Fischerei scheint am ganzen Matanna-See nur in relativ beschränktem Maße und wohl nur für den Eigenbedarf ausgeübt zu werden. — Überall verbreitet war das Kreiselspiel, dem sich auch junge Männer mit Eifer hingaben. Dabei schleuderte einer der Spieler mittels einer langen Schnur zuerst einen Kreisel, und seine Mitspieler bemühten sich nun, den tanzenden Holzkegel mit den ihrigen zu treffen und aus seiner Bahn zu schleudern.
Von Musikinstrumenten nationalen Gepräges erhielt ich nur eine »gésso-gésso« benannte, sonderbar konstruierte Laute, deren aus einer halbierten Kokosfrucht geformter Resonanzboden auf der nackten Brust aufgesetzt wird. Es lassen sich mittels dieses Instrumentes wohlklingende, einfache Weisen spielen. Junge Burschen benutzen dasselbe, den Auserwählten ihres Herzens regelrechte Ständchen zu bringen. — Sonst kamen nur noch aus Bambus gefertigte Mund- und Nasenflöten vor.
Auffallend war mir in Sorowáko die ängstliche Zurückhaltung der Frauen und Mädchen, von denen sich auch nicht eine einzige blicken ließ. Wahrscheinlich ist auch diese Scheu eine Folgeerscheinung des hier bereits tief eingedrungenen Islam.
Sorowáko — Karongsie, den 9. September.
An Stelle des gewohnten, heiteren Landschaftsbildes zeigte sich die Scenerie heut morgen grau in grau, und ein fein herniederrieselnder Regen wirkte deprimierend auf jedermanns Stimmung. Ich hatte für heut den Aufbruch nach dem Towuti-See beschlossen; doch kostete es bei dem abscheulichen Wetter Mühe, die notwendigen Träger aus ihren Hütten herauszulocken und zur Übernahme der Lasten zu bewegen. Nach vielem Ärger und manch ehrenrührigen Vorstellungen an die Adresse der säumigen Leute war endlich alles Gepäck in den hier gebräuchlichen hohen und spitzen Holztragen untergebracht. Nun bedurfte es nur noch einer kräftigen Aufmunterung seitens des die Lastenverteilung überwachenden Sulewátang, um den Kulis begreiflich zu machen, daß sie ihre Regenmatten zum Schutze des ihnen anvertrauten Gepäckes und nicht ihrer werten Persönlichkeit zu verwenden hätten. So wurde es 8 Uhr, ehe es gelang, die 22 Mann starke Kolonne in Gang zu bringen. Vorüber an fröstelnden Kindergruppen, die, um Feuer hockend, am Dorfausgange unsern Abmarsch beobachteten, ging es den grau verhängten nahen Bergen zu. Auch über dem See lastete dicker Nebel, jeden Abschiedsblick darauf verwehrend.
Sacht ansteigend, kamen wir bald in eine höchst pittoreske Berglandschaft. Zwischen Felsenkuppen wand sich der steinige Pfad empor. Immer schwieriger wurde das Terrain, und auf regennassem, schlüpfrigem Geröll ging es höher und immer höher, just zur selben Zeit, als sich das Regengeriesel in trostlosen Landregen verwandelte, der jedes leise Hoffen auf erfreulichen Witterungsumschlag im Keime ersterben ließ. Tropfnaß und verärgert über des Tages Ungunst, die Anhänglichkeit der kiloweise an meinen Stiefeln haftenden Matannaerde verwünschend, eilte ich meinen Leuten voran und stand nach 1½ Stunden, durchweicht und erschauernd im kühlen Höhenwinde, auf dem Rücken der 6–700 m hohen Bergkette. — Wallende Nebel rings umher gestatteten kaum, die nachfolgende Trägerkarawane in unsicheren Umrissen zu erkennen. Doch zu langem Verweilen war die Situation nicht geeignet, und so begann ich denn resigniert mit dem Abstiege in der Richtung nach Karongsie zu.
Glücklich gelangte ich über die Felsen hinab auf ein Hochplateau, auf welchem ein guter, vielbegangener Pfad nach Karongsie führte. Hier auf dem offenen Terrain blies ein kräftiger Wind, dessen Hauche die regenschweren Wolkenmassen nicht standzuhalten vermochten. Die Luft wurde sichtiger, und der Regen ließ etwas nach. Das sich aufhellende Wetter gestattete allmählich einen Blick über die Landschaft. Hinter mir lagen frischgerodete Hänge mit einem Labyrinth gefällter Stämme; vor mir breiteten sich anmutige, nach dem Regen im saftigsten Grün schimmernde Hügel. Weit traten die sanft verebbenden Ausstrahlungen des Matanna-Vorgebirges zurück, über die wir herabgekommen waren. Nach längerer, angenehmer Wanderung über das schöne Gelände stand ich ziemlich unvermittelt vor einer tiefen Talmulde, auf deren Grunde sich das hübsche Dörfchen Karongsie eingenistet hatte. Als ich Karongsie betrat, waren seit meinem Aufbruche in Sorowáko kaum mehr als 3 Stunden verflossen. Trotz dieser kurzen Wegestrecke wollte ich den Marsch heut nicht mehr fortsetzen teils in Hinsicht auf meinen total durchnäßten äußeren Menschen, teils in der Erwartung, hier ein ethnographisch ergiebiges Feld zu finden. Meine Leute, die etwa eine Stunde nach mir eintrafen, begrüßten meinen Entschluß mit Jubel. Sie fanden mich bereits im Office — wie in den nun betretenen Landschaften die Unterkunftshäuser genannt werden — meines Gepäckes zum Kleiderwechseln harrend und umringt vom Dorfhaupte und seinen Getreuen. Da von diesen allen auch nicht einer ein Wort malayisch sprach, so blieb unsere Unterhaltung recht einsilbig, und mein guter Sulewátang, wie mein Boy Rámang hatten nach ihrem Eintreffen Mühe, als Dolmetscher dem nun beginnenden Ansturm von Fragen gerecht zu werden.
Mein Entschluß, diesen Tag in Karongsie zu verleben, sollte mich nicht gereuen. Wennschon auch dieser Ort erst eine kurze Vergangenheit hat, so erhielt ich hier doch manches mir völlig Neue; darunter mehrere Küchengeräte mit geschnitzten hölzernen Griffen, welche an Stelle der bisher ausschließlich vorgefundenen Ornamentik Tiermotive aufwiesen. Ferner erwarb ich hübsche, beim Reisessen als Teller benutzte, geflochtene Körbchen und ein weiteres Exemplar der in Karongsie »sosánru« genannten Laute, wie ich eine ähnliche in Sorowáko bekommen hatte.
Mehr jedoch als diese Bereicherung meiner Sammlungen interessierte mich das seltene Schauspiel einer Aktion von 3 Tobela-Zauberern, die ich hier auf ihrer Rundreise durch den Matanna-Bezirk antraf (siehe Taf. III).
Es war um die Zeit, in welcher die Eingeborenen neue Felder anlegten und die Aussaaten vornahmen. Die 3 Zauberer, Sándo genannt, besuchten die Dörfer, um den Segen der Reisgeister auf die Neupflanzungen herabzuflehen. Ihre aus kurzer Hose und Kattunjäckchen bestehende Kleidung unterschied sich in nichts von der üblichen Tracht. Abweichend hiervon war nur eine aus dünnem, weißgrauem Fujastoffe spitz geschlungene Kopfbedeckung. Die 3 Leute stammten nicht aus hiesiger Gegend, sondern behaupteten, To-Mori zu sein. Auf dem Hauptwege in der Mitte des Dorfes errichteten sie aus Bambusrohren ein kleines Tischgestell, daneben auf dem Boden 2 fußlose Roste. Diese Gestelle wurden mit Atap belegt und darauf die von den Frauen des Dorfes herbeigeschleppten kleinen Schälchen und Schüsselchen samt den zum Zaubern notwendigen Ingredienzien ausgebreitet, unter denen Reis, Mais, Tabakblätter und Sirihzutaten eine Hauptrolle spielten. Hierzu kamen noch eine Unmenge kleiner Gambirdöschen und sonstiger Hokuspokus. Die Schüsseln wurden mit Stücken weißer Fuja bedeckt. Jede Familie im Dorfe brachte Opfergaben herbei, die, ebenfalls mit Fujastücken bedeckt, auf den Tischgestellen aufgestapelt wurden. Vor diesen Opfertischen hockten die 3 Sándo nieder, um teils in corpore, teils einander ablösend endlose Litaneien leise vor sich hin zu murmeln oder im singenden Tone mit lebhaften Gestikulationen herunterzuleiern. Dabei entnahmen sie den Reisschälchen hin und wider kleine Prisen Körner, die sie unter Beschwörungsformeln, welche an die Geister der Wolken, des Regens und der Winde gerichtet waren, in die Höhe warfen. Die neben der ziemlich vollzählig versammelten, den Vorgängen andächtig folgenden Dorfbewohnerschaft gleichfalls anwesenden gefiederten Bewohner Karongsies sorgten dafür, daß von diesen den Geistern zugedachten Reiskörnern nichts umkam.