Dabei ging es erst über eine stetig ansteigende Lalanghochebene, auf welche die Sonne glühend heiß herabbrannte. Um das Maß vollzumachen, hatten wir auf einer Strecke von ca. 20 Minuten eine brennende Grasfläche zu überschreiten. Links und rechts von uns züngelten die Flammen aus dem Riede, und ein stickend heißer Aschenregen machte das Atmen zur Qual. Ganz erschöpft erreichten wir nach guten 2 Stunden das Talende, und nun galt es, noch einen ca. 800 m hohen, uns vom Matanna trennenden bewaldeten Gebirgsrücken zu bewältigen. Im Schatten der ersten Bäume machten wir kurze Rast.
Die letzte zurückzulegende Strecke war außerordentlich steil und bildete ein böses Stück Weges für meine Träger, die in strikter Widerlegung der vielfach gehörten Behauptung, daß die Eingeborenen nicht schwitzten, hier Ströme Schweißes vergossen. Nach angestrengter Kletterei gelangte ich, allen anderen weit voran, auf die Kammhöhe. In meiner Erwartung, oben gleich den ersehnten Anblick des Matanna-Sees genießen zu können, sah ich mich getäuscht; der Sattel des erstiegenen Gebirgsausläufers war viel breiter, als ich angenommen hatte, und es bedurfte noch eines tüchtigen Marsches, ehe ich meinen Wunsch erfüllt sah. Eilenden Schrittes und hinter jeder Wegebiegung den Ausblick auf den See vermutend, überquerte ich den Sattel. Endlich begann sich der Pfad zu senken, und ganz plötzlich lag der Matanna-See, im herrlichsten Azur erglänzend, vor mir. Das einzig schöne Landschaftsbild mit dem weiten, von wunderschönen Gebirgszügen umrahmten buchtenreichen See entlockte mir einen lauten Ausruf der Freude; brachte mir doch der bisher noch keinem halben Dutzend Europäer vergönnt gewesene Anblick des aus tiefem Talgrunde heraufgrüßenden Sees die Erfüllung lange gehegten stillen Hoffens und Wünschens und zugleich den ersten Erfolg meiner Reisen in Celebes.
Nach den Angaben der Herren Sarasin mißt der Matanna-See ca. 25 Kilometer Länge und 7½ Kilometer Breite und liegt rund 400 m über dem Meere. Die weichen Konturen der das Seebecken umschließenden, mäßig hohen Berge erscheinen reihenweise voreinander gelagert und schieben zahlreiche Landzungen vor. Die nächstgelegenen Hügel und Kämme sind ohne jeden Baumbestand und nur mit Lalang bewachsen, das schönes Wiesengelände vortäuscht. Durch ein nicht allzubreites Tal von meinem gegenwärtigen Standorte getrennt, lag das recht malerisch in das hier seichte Wasser hineingebaute Pfahldorf Matanna, hart am Westzipfel des Sees. Der Anblick des dicht vor uns liegenden Zieles hatte auch meine nachgekommenen Leute alle Müdigkeit vergessen lassen, und rüstig ging es talwärts, dem Dorfe zu.
Es war 4 Uhr nachmittags geworden, als ich in dem auf Gouvernementsverfügung nun in allen Dorfschaften zu findenden Unterkunftshäuschen meinen Einzug hielt. Dieses hier war in geringer Entfernung vom Dorfe, hart am Seeufer errichtet und gewährte einen schönen Ausblick. Für meine Begleitung stand ein zweites Häuschen zur Verfügung, so daß ich mich ganz ungestört dem Genusse des Panoramas und dem Anhören des mir wie Musik klingenden Wellengeplätschers hingeben konnte. Aus dem Dorfe schickte man mir als Gastgeschenk frische Kokosnüsse zur Erquickung. Ich hatte gerade noch Zeit zu einem köstlichen Bade im See, ehe der Ansturm der Lieferanten aus dem Dörfchen begann, die mir sehr sauber gearbeitetes Tongeschirr in antik anmutenden Formen und Farben zum Kaufe anboten. Auch Erzeugnisse der hier blühenden Messingindustrie wurden mir in reicher Fülle gebracht. Es waren zwar nur roh gearbeitete, aber durch Formenschönheit ausgezeichnete Schmuckobjekte, wie Arm- und Fingerringe, Brustgehänge, Kinderschamdeckel usw. Ich hatte alle Hände voll zu tun, die Tauschwaren heischende Dorfjugend zu befriedigen, welche Perlenketten und europäische Fingerringe gerne nahm, bares Geld jedoch allem anderen vorzog.
Matanna, den 5. September.
Die Nacht verlief recht unruhig. Heftige Böen trieben die mächtig rauschenden, aufgeregten Wogen des Sees gegen die Ufer, und aus dem Dorfe herüber tönte die ganze Nacht ein auf die Nerven gehendes, anhaltendes Gongschlagen, dessen Tonfall ohne rhythmischen Wechsel ungefähr wie gg–cc–gg–cc–gg–cc– – –ḡ–ḡ–ḡ–ć–ć–ć klang. Der Grund dieser, wie ich vernahm, nun schon 9 Tage währenden und insgesamt 15 Tage und Nächte anhaltenden, unaufhörlichen musikalischen Darbietung war eine bereits ebenso lange im Dorfe befindliche Leiche, die erst nach dieser 15tägigen Trauerperiode der Erde übergeben wird. Während einer solchen Zeit ruht jede Tätigkeit im Dorfe, so daß ich leider den Betrieb der Schmiedetechnik nicht beobachten konnte.
Vom frühen Morgen an kamen wieder eine Menge jugendlicher Lieferanten, deren Eltern sich genierten, persönlich vor mir zu erscheinen, und die deshalb die Kinder sandten. Meine ethnographische Sammlung nahm rasch zu. Zu dem Besten, was ich erwerben konnte, gehörte ein Rotangkriegshelm und ein Messinghelm der alten Ostindischen Kompagnie, wie ich ihn hier zu finden nicht erwartet hätte.
Nachmittags besuchte ich das aus 26 Wohnhütten verschiedener Bauart bestehende Dörfchen, wozu noch eine bedeutende Zahl von Reisvorratshäuschen kam. Erstere standen mit wenig Ausnahmen auf hohem, kreuz und quer verbundenem Stelzenwerk im seichten Wasser des Sees, und Laufplanken allerprimitivster Herstellung vermittelten den Übergang zum Lande. Auf diesen Stegen gelangte man zuerst auf eine Art Plattform, von welcher eine Pfostentreppe, meist aber nur ein gekerbter Baumstamm zum eigentlichen Wohnraume der Hütte emporführte. Das fensterlose oder durch Dachluken notdürftig erhellte Innere war unbeschreiblich eng, düster und von penetrantem Geruche erfüllt. Schmarotzer müssen in diesen Hütten ein paradiesisches Dasein führen. Tatsächlich sind durch Parasiten verursachte Hautkrankheiten und bösartige Geschwüre sehr häufig. — Die Aufgänge zu den Hütten waren durchaus nach keinem einheitlichen System hergestellt. Die am besten mit Hühnerleitern zu vergleichenden in die Höhe führenden eingekerbten Stämme waren teils vorn, teils seitlich an den Hütten angebracht, teils führten sie von der Mitte der unteren Plattform aus zum Wohnraum hinauf. Das aus den Wedeln der Kokos- oder Sagopalme (Atap) oder des noch weniger dauerhaften Blattmaterials des Lángsatbaumes hergestellte Dach und die Seitenwände der Häuser waren vielfach geflickt, zuweilen mit Rindenstücken; überhaupt machten die Häuser einen ziemlich verwahrlosten Eindruck. Unter einem die Mitte des in Kammern abgeteilten Wohnraumes einnehmenden und bis an den First des Hauses reichenden viereckigen Lattengestell war die Feuerstelle gelegen; auf den Etagen darüber waren die Kochtöpfe, Küchengeräte und Vorräte von Brennholz aufgestapelt. An Pfosten und Haken der Hüttenwände hingen Körbe und Basttaschen mit Feldfrüchten, Fischereigeräte und Hausrat aller Art. Ich konnte nicht aufrecht stehen, ohne anzustoßen, und flüchtete so schleunig als möglich aus dieser Hölle wieder an die frische Luft. Die Giebel der Hütten und Reishäuser wiesen vereinzelt kunstlose Schnitzarbeiten auf. Unter der Plattform fast jeder Hütte schaukelte ein Einbaumkanoe, und auf dem Strande lagen allenthalben zerfallene Boote, deren Holzreste gelegentlich als Material für Laufstege und dgl. Verwendung finden. — Die hier gebräuchlichen Paddelruder waren im auffälligen Gegensatze zu der Bauart der jeder Ornamentik ermangelnden Boote recht hübsch und geschmackvoll gearbeitet. — Winzige Seelenverkäufer fand ich mit kühner Segelvorrichtung ausgestattet. Merkwürdig waren die vor jedem Hause zu findenden Reisstampftröge, deren mühevolle Herausarbeitung aus großen Holzklötzen und deren gefällige Formen auf Geschick, bezw. Kunstsinn schließen lassen. Die wenigen, auf festem Boden errichteten Hütten werden zur Flutzeit von den Wogen des Sees unterspült, so daß auch sie der Segnungen einer kostenlosen Unratabfuhr teilhaftig werden. Außerhalb des Bereiches des höchsten Wasserstandes befinden sich nur die Reisvorratshütten. — Der Theorie, daß der Pfahlbau in Celebes der Ausnutzung der Unterspülung seine Entstehung verdankt, also auf sanitären und Bequemlichkeitsrücksichten basiert, dürfte zuzustimmen sein, obschon dabei sicherlich auch noch andere Faktoren eine bedeutsame Rolle spielen. Ebenso scheint die Anlage von Pfahldörfern auf friedliche Zeiten hinzudeuten, da solche bei kriegerischen Wirren wenig Schutz zu bieten vermöchten. Die Berechtigung dieser Ansicht wird treffend durch folgende Erzählung illustriert, die mir später bei den Tolampu mitgeteilt wurde und bereits hier erwähnt sein mag:
»Einst hatten die Tolampu gegen die Matanna-Tobela einen Kriegszug unternommen. Letztere jedoch zogen sich in ihr wohlbefestigtes Dorf auf dem Gipfel eines Berges zurück, und die Tolampu mußten sich damit begnügen, ihre Wohnungen am See zu zerstören.« Die Fortsetzung dieser Erzählung bringt in prägnanter Weise die eigenartige Denkweise der Eingeborenen zum Ausdruck: »Ohne einen Kopf erbeutet zu haben, mußten die Tolampu-Krieger den Rückzug nach ihrer Heimat antreten. Einer ihrer Häuptlinge aber schämte sich, ohne Beute zurückzukehren, und verbarg sich mit 30 seiner Leute in der Nähe des Matanna-Dorfes im dichten Lalang. Wirklich gelang es ihm, nach einiger Zeit in einer einsamen Hütte 3 Frauen und einen alten, kranken Mann zu überraschen, die an den Abzug des Feindes geglaubt und sich herausgewagt hatten, um nach ihren Feldern zu sehen. Sie wurden getötet und ihre Köpfe als Siegesbeute mit fortgenommen.« —
Auf meinen Vorhalt, daß dies doch eine ganz gemeine und feige Tat gewesen sei, erwiderte mir der Erzähler höchst entrüstet: »Aber nein, durchaus nicht, wollte doch eine der Frauen sogar ‚Amok‘ machen!« — Also der Umstand, daß eines der armen Schlachtopfer es gewagt hatte, sich gegen seine brutale Ermordung zu wehren, genügte den Tolampu, ihre Tat als ein Heldenstück zu rechtfertigen.
Nach Besichtigung des Dorfes nahm ich eine Reihe photographischer Aufnahmen vor, zu denen sich die Dorfbewohner leicht gewinnen ließen, da ihnen die beiden Sulewátang mit gutem Beispiel vorangingen. Auf nebenstehendem Bilde ist der linksstehende der Tobela-Fürst von Matanna, Daëng Muróva, mit dem Titel Sulewátang, hier = »Distriktshaupt«. Er trägt eine turbanähnliche Kopfbedeckung, während der neben ihm stehende mit dem buginesischen Käppchen mein Luwu-Begleiter, der Sulewátang Daëng Mabela ist. Beide trugen auf meinen ausdrücklichen Wunsch ihre Krise offen zur Schau; dies ist unter anderen Umständen durchaus verpönt. Nach Besitznahme des Landes durch die holländische Regierung wurde nämlich das gemeine Volk entwaffnet und jede Art des Waffentragens streng verboten. Selbst Lanzen dürfen außer dem Hause nur mit spezieller Erlaubnis der Regierung mitgeführt werden. Allein den Stammeshäuptern und den Adligen wurde der Kris als Rang- und Würdeabzeichen gelassen; doch dürfen sie ihn zum Zeichen ihrer friedlichen Gesinnung nur unter dem Sarong und von diesem völlig verdeckt tragen, wie es das Gruppenbild der in Malili versammelten Radjas deutlich zeigt.
Als allgemeinster Gebrauchsgegenstand und wohl wichtigstes Besitztum jedes Tobela dürfte der Klewang oder das Buschmesser anzusehen sein. Diese Klewangs sind Produkte der jetzt im Verfall begriffenen Schmiedekunst, und das Material zu denselben wird aus den im ganzen Matanna-Becken zahlreich vorhandenen Eisengruben geholt. Das an vielen Orten offen zutage liegende Raseneisenerz wird hierzu nicht verwendet. Die Griffe der langen Klingen sind gewöhnlich mit Rotang umflochten. Die Verwendung des Klewang ist eine beinahe schrankenlose und umfaßt alle Möglichkeiten vom Fällen der Dschungelbäume, dem Haus- und Bootsbau an bis zur feinsten Schnitzarbeit.
Die ehemals zu Exportzwecken im großen betriebene Fabrikation von Lanzenblättern ist seit dem Verbote des Waffentragens und der Konsolidierung der politischen Verhältnisse fast gänzlich erloschen, so daß heutzutage Waffen jeder Art zu den am schwersten erhältlichen Objekten in Celebes zählen. Hierzu gehören auch die Schilde. Trotzdem gelang es mir, am Matanna-See drei verschiedene Formen von Langschilden ausfindig zu machen. Typisch für die Landschaft sind davon nur zwei: der geflochtene Rotangschild und der einfache Holzschild. Die dritte, schönste Gattung, mit Muschelstücken ornamentiert und reihenweise mit buntgefärbtem Ziegenhaar verziert, ist als dem Posso-See eigentümlich anzusehen und hat sich hierher wohl nur durch Tausch verirrt. Auf eine vierte Art, die Totenschilde, komme ich später bei den To-Lambátu zu sprechen.
An Haustieren sah ich bei meinem heutigen Inspizierungsgange nur Büffel, kleine spitzköpfige Hunde und Hühner; an Nutzbäumen nur Kokospalmen, und zwar ganze 5 Stück. Sie gediehen hier nur kümmerlich, und ihr Fruchtwasser schmeckte säuerlich. In großer Zahl waren Papayas (Melonenbäume) und Pisang (Bananen) angepflanzt. Ein einziger alter Lángsatbaum beschattete meine Hütte. Außerdem waren noch einige Kápok(Baumwoll)-Bäume vorhanden und in einiger Entfernung vom Dorfe an sumpfigen Strandstellen Sagopalmen. — An Feldfrüchten werden Reis, Mais, Ubi (= Bataten) und vor allem Tabak kultiviert. Letzterer nur auf Neurodungen, auf denen nach der Ernte Pády (= Reis) im Anbau folgt. Der Tabak wird im ganzen Seendistrikt gekaut und nicht geraucht. Mann und Weib ergeben sich dem Priemchengenusse mit Leidenschaft, und der Kommunismus wird so weit getrieben, daß man im Behinderungsfalle seine Tabakkugel einfach aus dem Munde nimmt und seinem Nachbar so lange zum Weiterkauen überläßt, bis man sich selbst wieder dem Genusse hingeben kann. Es kostete mich stets die größte Mühe, die Leute zu bewegen, beim Sprechen ihre voluminösen Tabakknäuel aus dem Munde zu nehmen. Hierbei mag gleich erwähnt sein, daß bei den Tobela Malayisch nur schlecht verstanden und noch viel schlechter gesprochen wird. — Die ekelhafte Gewohnheit des Ausspuckens ist im Seendistrikte allgemein im Schwange, doch nicht in dem Maße wie bei den Sirih kauenden Malayen.
Sehr instruktiv ist das folgende Bild einer Reihe von Frauen und Kindern aus dem Dorfe Matanna. Von links nach rechts machen 2 Mädchen im festlichen Tuchsarong den Anfang. Dann folgt eine Frau mit dem Rückenkorbe aus Palmscheide, den sie mittels über den Kopf gelegter Tragbänder aus Baumbast trägt. Die daneben stehenden Frauen, eine alte und eine junge, sind dem Tabakgenusse hingegeben, während das Mädchen davor die in einem sackähnlichen Tuche bestehende universelle Kleidung zeigt, die in früheren Zeiten aus Fuja (Baumbast) gefertigt wurde. — Die Kunst der Fuja-Herstellung ist in Südost-Celebes bereits in Vergessenheit geraten. Die mir hin und wider noch angebotenen ca. 40 cm breiten und gegen 1½ m langen unverarbeiteten Stücke weißer oder gelbgrauer, ungefärbter Rohfuja, die als Schlafdecken und Haupttücher, sowie als Schambinden benutzt werden, dürften aus Tobúngku stammen, wo ich später in der Landschaft Wiwiráno auch seidendünne, rotbraune Fujajacken erhielt, die in dieser Art im ganzen übrigen Celebes unbekannt sind.
Es folgt nun in der Reihe eine Frau mit der Sitte gemäß entblößten Brüsten. Sie trägt ihren kleinen an den Knien mit Messingschellen behängten Jungen, der auf ihrem Rücken reitet. Den Schluß bildet eine junge Frau, die in full dress, ihr Kleines im Umschlagetuche rittlings auf der Lende trägt.
Die Nachkommenschaft wird von den Tobela mit einer ausgesprochenen Affenliebe behandelt. Ein Schlagen der Kinder kommt kaum je vor, und die Folgsamkeit derselben läßt meist alles zu wünschen übrig; auch ist kein besonderer Respekt junger Leute vor älteren Männern zu beobachten, eher eine nachsichtige Rücksichtnahme dieser auf jene. So nehmen z. B. auch noch sehr junge Männer am Rate der Alten teil. Eine Ausnahmestellung im Dorfe scheint nur der Kapala Kámpong, der Häuptling, einzunehmen.
In sanitärer Beziehung leben die Leutchen noch in paradiesischer Unschuld. Die köstliche Gabe des Wassers würde in ihren Augen entweiht sein, wenn es etwa zum Waschen verwendet würde, und das Baden geschieht nicht aus Reinlichkeitsgründen, wie Idealisten voraussetzen werden, sondern lediglich als Abkühlungsmittel. Wirklich gewaschen wird eigentlich nur das lange Haupthaar und das eben nur deshalb, weil’s gar so stark juckt.
Im allgemeinen ist der Menschenschlag robust u. ebenmäßig gebaut, dabei von ziemlich weichem Gesichtsausdruck. Das leicht wellige, tiefschwarze Haar wird von beiden Geschlechtern lang getragen. Die Hautfarbe der Tobela ist hell rötlichbraun; Augen sind meist dunkel rehbraun. Die vielfach, namentlich bei Kindern vorkommenden stark heraustretenden Bäuche werden auf die im Matanna-Becken grassierenden Fieber zurückgeführt, während die bei groß und klein nur allzuhäufig auftretende Ringwurmkrankheit, Kúrap, auch Cascádos genannt, auf Salzmangel basieren dürfte.
Die Kleidung der Tobela-Männer besteht in der Hauptsache fast durchweg aus den kurzen, schwimmhosenähnlichen Buginesenbeinkleidern. Vielfach werden Kattunjacken, ähnlich denen der Weiber getragen. In früherer Zeit bedienten sich beide Geschlechter eines großen, vom Kopf bis zu den Füßen reichenden Umschlagetuches. Gegenwärtig wird ein solches als eine Art Shawl mitgeführt, der gegebenen Falles als Tragesack oder als Hülle für mitgeführtes Gepäck bei Besuchen von Dorf zu Dorf zu fungieren hat.
Interessant ist die Art des Gehens der Tobela, welche die Füße nicht aus- oder einwärts, sondern seitlich stellen, so daß der Eindruck des Schieflaufens, wie es bei Jagdhunden zu beobachten ist, hervorgerufen wird. Ich möchte diese Angewohnheit auf die Bodenverhältnisse zurückführen, bei deren bergiger und lehmiger Beschaffenheit sich diese Art der Fußstellung als sehr praktisch erweist und ein Zurückgleiten des Fußes verhindert.
Seit auch bei den Tobela der Islam Eingang gefunden hat, mußte der vordem ausschließlich getragene Rotanghut, der Síga, dem Haupttuche Platz machen. Kriegshüte, úlu-úlu oder tándu-tándu genannt, wie sie in den nun vergangenen Zeiten permanenter Fehden im Gebrauche waren, gehören heutzutage zu den größten ethnographischen Seltenheiten und sind kaum mehr aufzutreiben. An Frauenhüten, wie sie wohl hauptsächlich bei der Feldarbeit Verwendung finden, konnte ich in Matanna nur einen weiten, flachen Basthut erlangen.
Halbwüchsige Jungen laufen gewöhnlich völlig nackt oder doch nur mit einem Schamstreifen bekleidet, der bei den Mädchen durch ein entsprechendes Lendentuch ersetzt wird. — Ohrgehänge, Hals-, Arm- und Fingerringe werden von alt und jung beiderlei Geschlechts gern getragen, wobei die am Orte angefertigten Messinggußprodukte dominieren. Neben ihnen sind die von der Küste her eingeführten, hoch im Preise stehenden Muschel- (Conus oder Tridacna-) Armreife, sehr begehrt. Beinringe fand ich nur bei Kindern als Schmuck.
An Erzeugnissen der Flechtwarenproduktion konnte ich hübsche Matten erwerben, die die Leute sowohl als Bodenmatten benutzen als auch dazu, die Speisen darauf zu servieren. Ferner erhielt ich niedlich geflochtene Sirih-, Gambir- und Tabakdosen, wogegen als Kalkbehälter merkwürdigerweise nur gewöhnliche unverzierte, kleine Kürbisformen benutzt werden. Häufig sind bei Männern Rucksäcke anzutreffen, aus einem Rotanggerippe bestehend, welches mit dem Felle des Hirsches oder der Decke des Gemsbüffels (Anoa depressicornis) überzogen ist. Auch gewöhnliche Büffel- und Ziegenhäute finden zu solchem Zwecke Verwendung.
An Musikinstrumenten dürften außer den eingeführten Gongs noch Maultrommeln, Flöten und Guitarren, sowie eine Art Schallzither im Gebrauche sein. Nur von letzteren beiden Arten konnte ich in Matanna je einige Belegstücke erhalten. — Hahnenkampf und Würfelspiele, eine Leidenschaft der Tobela, sind von der Regierung untersagt, und nur bei besonderen Gelegenheiten werden Ausnahmen gewährt.
Die Hauptindustrie von Matanna dürfte in der bereits früher erwähnten Anfertigung wirklich geschmackvoll gearbeiteter Tonwaren bestehen. Sie liegt ausschließlich in den Händen der Frauen. Die beigegebene Abbildung zeigt, wie die mannigfachen am Matanna-See hergestellten Tongeräte in einfachster Weise, ohne Zuhilfenahme einer Drehscheibe mit der Hand geformt werden, um hernach mittels hölzerner, verschiedenartig eingekerbter Model unter Anwendung von tönernen Klöppeln als Widerlager zurechtgeklopft zu werden. In der Farbengebung fand ich nur gelb und rot auf grünschwarzem Grunde verwendet. — Bemerkenswert ist noch ein dem Stamme nicht abzusprechendes naiv künstlerisches Empfinden, wie es z. B. aus den hübsch geschnitzten Tonschlägern spricht, und wie wir es später noch ausgeprägter bei den Rudern, Messergriffen und Kochgeräten der Sorowáko-Tobela wiederfinden.
Was die Moral des Tobela-Völkchens anbelangt, so sind dessen Sitten ziemlich ungebunden. Dem freien Verkehr der jungen Leute untereinander wird seitens der Eltern kaum ein ernstliches Hindernis in den Weg gelegt. Desto strengere Gesetze gelten für Verheiratete. Verletzungen der Ehe wurden in früherer Zeit mit dem Tode gesühnt und werden heut mit hohen Bußen bestraft. Prostitution im eigentlichen Sinne, wie sie z. B. bei den Toradja ganz allgemein ist, dürfte kaum bestehen. Ehen sind reine Kaufgeschäfte.
Die religiösen Vorstellungen der Tobela beruhen auf durchaus animistischen Ideen. Es war besonders schwierig, hierüber einiges zu erfahren. Jedes irgendwie auffällige Ereignis schreibt der heidnische Tobela guten oder bösen Geistern zu, deren Wohnsitze er sich in absonderlich gestalteten Bäumen, auf ungewöhnlich geformten Felsen, auf den Gipfeln hoher Berge, auf Grabstätten, im tiefen Wasser des Sees usw. denkt. Alles erscheint ihm beseelt, die Reispflanze, das Wasser, das Feuer, ein Stein. Gefürchtet werden von der Bevölkerung die bösen Geister, deren Gunst man durch Opfergaben zu erkaufen sucht. Für die den Menschen freundlich gesinnten »Hantu« hält man Opfergaben nicht für nötig, da sie den Menschen nur Gutes erweisen. — Die Seele Verstorbener fliegt nach Tobela-Glauben zum hohen Wawonnángo-Berge im Mori-Gebirge bei Toréa. Dort leben die Seelen aller abgeschiedenen guten Menschen gesellig beisammen, während die schlechter Menschen verdammt sind, ruhelos zwischen diesem Berge und dem ehemaligen Wohnsitze der Verstorbenen hin- und herzuwandern. Dasselbe Schicksal soll die Seelen Verunglückter oder eines gewaltsamen Todes gestorbener Menschen ereilen.
Zurückgekehrt von meinem Besuche im Dorfe, wurde ich auf eine ca. 50 Schritte hinter meiner Behausung gelegene Quelle aufmerksam gemacht, die ich nun besichtigte. Aus der Tiefe herauf quoll ein Wasser, das ein kreisrundes Becken von 5–6 m Durchmesser gebildet hatte. Es war klar und kühl, und aus dem kiesigen Grunde stiegen unaufhörlich Gasperlen in die Höhe. Ich untersuchte vorsichtig den Boden und fand ihn fest. Bei seinem Betreten jedoch entwich Kohlensäure in großer Menge. Das Wasser fließt nach wenigen Schritten in den See. Anscheinend lieben die Fische diesen Ausfluß, denn ein Krokodil lauerte beutegierig beständig in der Nähe dieses Platzes. Das mit dem Kopfe über Wasser liegende Tier war deutlich zu sehen und erhöhte mir nicht gerade die Annehmlichkeit des Badens, trotzdem die Eingeborenen versicherten, daß die Seekrokodile nicht gefährlich seien, und sie selbst sich unbesorgt in das Wasser hinauswagten.
Den Rest des Tages füllte das Verpacken der in Matanna erworbenen ethnographischen Schätze, eine Sache, die schwieriger ist, als sich mancher Leser vorstellen mag.
Matanna-Toréa, den 6. September.
Infolge des unausgesetzten Gongschlagens verbrachte ich die Nacht wiederum nahezu schlaflos. Ich hatte für heut die Fortsetzung meiner Reise über den See beschlossen, und eine große Ausleger-Prau, die bequem 20 Mann zu fassen vermochte, lag schon reisefertig vor meinem Quartier. Schnell wurde noch eine Aufnahme des interessanten, mit 12 Ruderern besetzten Fahrzeuges gemacht; dann nahm ich auf den mattenbelegten Bodenplanken desselben liegend Platz und vertraute mich erwartungsvoll dem still und bleiern daliegenden Gewässer an. Um 7 Uhr morgens winkte ich der Ortschaft Matanna meine letzten Grüße zu. Rasch trieben meine Leute das schwere Boot vorwärts, quer über die Bucht dem nördlichen Seeufer entgegen. Die eigenartigen und für ein so großes Boot völlig ungenügend erscheinenden Ruder bestanden aus Bambusschäften, durch deren gespaltene Enden Ruderblätter aus dünnem, rotem Holze gezogen und mit Rotang festgebunden waren. Die Form der Ruderblätter wechselte von der runden bis zur halbmondförmigen Gestalt. Die Leute paddelten völlig unregelmäßig und direktionslos; außerdem wurde ihre Arbeit durch die seitlich angebrachte Steuerung erschwert.
Das Gebirge bei Matanna ist, vom See aus gesehen, etwas eingesattelt, nach der Längsmitte des Seebeckens zu ansteigend, während es sich in der Richtung nach dem südöstlichen Ende des Sees allmählich senkt. Das Berggelände erscheint großenteils okkupiert. Am südlichen Ufer treten die Berge dicht an den See heran; sie sind völlig entwaldet, und nur in geschützteren Schluchten sind der Vernichtung durch Menschenhand oder durch Waldbrände entgangene Bestände von hohen Bäumen zu entdecken. Die weiter zurückliegenden, unbewohnten Gebirge des Beckenrandes sind lückenlos mit primärem Baumbestande bedeckt. — Ganz anders die Nordseite des Sees. Schon am westlichen Zipfel desselben treten die Berge weiter in das Land zurück, einer ca. ½–1 Kilometer breiten, mit Auenwäldern und Sagodickichten bestandenen Strandebene Raum gebend. Die weiter nördlich ziehenden, bewaldeten Gebirgsausläufer sind weniger schön geformt und bilden breite, sanft geschwungene Rücken.
Ziemlich in Seemitte entdeckten meine Bootsleute einen auf dem Rücken treibenden Fisch, dessen Schwimmblase an 10 cm weit herausgetrieben war und gleich einem weißen Pfeil in die Luft ragte. Ohne Zögern und mit wahrem Feuereifer wurde sofort der Kurs der Fahrtrichtung geändert und der im Verenden begriffene, ca. 2 kg schwere Fisch mühelos mit den Händen gegriffen, um später mit großem Appetit verzehrt zu werden. — Nachdem wieder beigedreht war, steuerten wir dem nördlichen Seegestade zu. Durch Reflexe getäuscht, sahen wir den See nach dem flacher gewordenen Ostufer hinüber nicht geschlossen, sondern uferlos. Rein und klar war die Flut, und Unmengen kleiner Bivalvenschalen bedeckten das kiesige Ufer und den Grund. Bereits wenige Meter vom Lande fiel der Grund des Sees jäh in große Tiefen ab. In der Ufervegetation waren rotblühende Azaleen, Rhododendronbüsche und wohlriechende Myrtensträucher vorherrschend. Auch ein schön geformter Nadelbaum, eine Casuarinenart, bildete kleine Bestände. — Es dauerte gegen 3 Stunden, ehe wir Sokóyo erreichten. Der Ort war unbewohnt, und nur infolge seiner günstigen Mittellage erwählten ihn die Anwohner des Sees als Marktplatz. Alle 20 Tage wird hier Markt abgehalten. Zu diesem Zwecke waren weithin am Strande von Sokóyo eine Menge kleiner Buden errichtet, die als Verkaufsstände benutzt werden. Die das Mori-Gebirge bewohnenden Stämme bringen hierher ihre Waren, um sie gegen Matanna-Produkte auszutauschen. Das Marktleben unter den schönen, schattenspendenden Uferbäumen, worunter besonders viele Mango- und Brotfruchtbäume, muß an Pásartagen höchst fesselnd sein.
In Sokóyo erwartete uns bereits eine Schar von mehr als 20 Tambe-É-Leuten, die durch vorausgesandte Boten hierhergerufen worden waren, um mich nach ihrem weit im Gebirge liegenden Dorfe Toréa zu geleiten und mein Gepäck fortzuschaffen. Wie ich bereits früher erwähnte, haben wir es bei den Tambe-É-Leuten mit echten Waldbewohnern zu tun, die, obschon zum Tobela-Stamme gehörig, sich durch wesentlich andere Sitten auszeichnen. Ich wollte es daher keinesfalls versäumen, auch diesen Tambe-É-Zweig kennen zu lernen. Meine Prau mit aller irgend entbehrlichen Bagage sandte ich nach Noëha voraus, wohin ich mich von Toréa aus begeben wollte. Ohne Säumen traten wir den Marsch an, der uns zuerst eine Strecke weit das Ufer entlang führte. Das Gestade war hier über und über mit metallisch schimmerndem, schlackenartig aussehendem Raseneisenerz bedeckt. — Nunmehr galt es, den an dieser Stelle dicht an den See herantretenden Gebirgszug zu überschreiten. Stark bergansteigend, bogen wir in einen prächtigen Nadelwald ein. Fürs erste war der Pfad wunderschön. Wir wanderten über trockenen roten Waldboden, dessen sonnendurchfluteter Baumbestand, untermischt mit mancherlei blühenden Büschen, lebhaft an heimische Laubwälder erinnerte. Im üppig wuchernden Moose entdeckte ich zwei zierliche, schön gefärbte Nepenthes-Arten. — Meine Tambe-É-Führer schlugen ein Marschtempo an, wie ich es bei den Eingeborenen bisher noch nicht kennengelernt hatte, so daß es mir Mühe machte, den Leuten zu folgen. Dabei ging es steile Lehnen hinan, bis wir schließlich den 846 m hohen Rücken des Gunung Panturéa erklommen hatten. Meine übrige Begleitung, der Sulewátang und mein Boy Rámang, waren weit zurückgeblieben, und der Unterschied zwischen dem viel elastischeren und kräftigeren Bewohner des Inneren gegenüber der mehr verweichlichten Küstenbevölkerung trat auch bei dieser Gelegenheit zutage.
Der Gebirgsrücken war mit lichtem Walde bestanden, der mit den undurchdringlichen Regenwäldern Malakkas und Sumatras wenig Ähnlichkeit zeigte. Die Wanderung über den Kamm war ein Vergnügen und reizte stark zu längerem Aufenthalt; doch ließ die Zeit kein Verweilen zu. Strecken, auf denen Waldbrände verheerend gewütet hatten, wurden passiert. Bald nahm uns das Dämmerlicht eines dichten Tropenwaldes gefangen und gab uns stundenlang nicht mehr frei. Unsere Umgebung bildete einen Naturdom voll schwer zu beschreibender Großartigkeit. Kirchturmhoch strebten schlanke Baumsäulen kerzengerade empor, um sich erst hoch oben in luftiger Höhe zu einer breiten, schirmartigen Laubkrone zu verästeln. Mehr als 7 m hohe Luftwurzeln stützten diese Riesen des Waldes. Dazwischen drängten sich merkwürdig gestaltete Pandanaceen und stolze Baumfarne. Die Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt war verblüffend. Kaum zwei Bäume der gleichen Art waren nebeneinanderwachsend zu finden. Die Baumkronen bildeten 2, ja 3 verschiedene Schichten übereinander. Tausendfältig rankte sich Lianengewirr gleich festlichen Guirlanden von Stamm zu Stamm, hier stützend und erhaltend, dort umklammernd zu tödlicher Umschnürung. Altersschwache Baumgiganten, vom Sturme gebrochen und zu Boden gerissen, versperrten uns häufig den Weg. Die Wedel feinfiederiger Kletterpalmen rankten sich an schlanken Stämmen in die Höhe, dem lebenspendenden Lichte entgegen, und sandten ihre Ausläufer meterhoch über die höchsten Gipfel hinaus. In jeder Astgabel hatten sich Farne, Orchideen und andere Schmarotzerpflanzen sonder Zahl eingenistet. Unwillkürlich wurde in dem geheimnisvollen Schatten und der tiefen Stille dieser Urwaldpracht das gesprochene Wort zum Geflüster. Selbst meine Tambe-É-Führer konnten dem mächtigen Eindruck nicht widerstehen und ließen ihre Gespräche verstummen.
Die Tierwelt fehlte scheinbar gänzlich. War es die drückende Schwüle der Mittagsstunde, die jede Regung des tierischen Lebens ersterben ließ, oder lag es an den grandiosen Dimensionen dieser Bergwälder, in denen kleinere Geschöpfe leicht übersehen werden, — kurz es herrschte eine durch keinen Laut, keine Bewegung unterbrochene Ruhe in dem ungeheuren, grünen Reiche, die fast bedrückend wirkte.
Vollste Aufmerksamkeit erforderte die Verfolgung des Buschpfades. Das Überklettern der feuchtmorschen Stämme, auf denen der Fuß einbrach oder ausglitt, war schwierig und wurde noch unangenehmer durch die Unmasse von Landblutegeln, die solche Örtlichkeiten bevorzugen. Reihenweise aufgepflanzt wie Soldaten im Gliede, harrten sie ihrer Opfer und richteten sich bei jedem eine Annäherung verratenden Laute beutegierig in die Höhe. Nicht selten verdankte ich es beim Durchkriechen von Ast- und Wurzelgewirr nur meinem erprobten, die derbsten Stöße mildernden Tropenhut, wenn ich vor Schädelbruch bewahrt blieb. Alle schlummernden Seiltänzerkünste hieß es zu Hilfe nehmen, um den zögernden Fuß über Schluchten hinwegzuführen, über welche zufällig gestürzte oder absichtlich gefällte Baumstämme unsichere Brücken bildeten.
Nach Passieren dieser Urwaldzone betraten wir ein Grashochland mit entzückendem Fernblick auf das Mori-Gebirge. Sanft fielen die Hänge nach allen Seiten ab, und über verschiedene Talbrücken hinweg erreichten wir nach vierstündiger Wanderung unser Tagesziel, Toréa. Meine Signalschüsse lockten alles, was laufen konnte, aus den Häusern, und der Häuptling des Dorfes kam uns grüßend entgegen.
Toréa ist hübsch auf einer Anhöhe gelegen und besteht im ganzen erst aus 8 in einer Längsreihe errichteten, neugebauten Häusern, von denen noch kaum die Hälfte bewohnt war. Die meisten der hierher gehörigen Stammesangehörigen lebten noch zerstreut auf ihren stundenweit auseinanderliegenden, einsamen Kebons (= Pflanzungen in den Bergen). Die sauberen mit Atap gedeckten Häuser waren groß und geräumig und zeigten einen bisher noch nicht angetroffenen Bautyp. Unser Bild zeigt die Rückseiten der auf der abfallenden Hügellehne auf hohen Pfahlgerüsten errichteten Toréa-Häuser mit ihren eigenartig übereinandergelagerten Ventilationsvorrichtungen, die ebenso wie die großen und zahlreichen Fensteröffnungen ein den Eingeborenen sonst völlig fremdes Licht- und Luftbedürfnis dokumentierten. Als gemeinsamen Firstschmuck wiesen alle Bauten einen an langer vorspringender Bambusstange befestigten »Zauber« auf, bestehend in einer gewöhnlichen, im Winde schaukelnden Glasflasche. In bemerkenswertem Gegensatze zu den hübschen Dorfhäusern stand das mir als Absteigequartier bestimmte, miserable Hüttchen, das so verfallen und schmutzig war, daß ich es vorzog, mein Feldbett im Freien, unter dem vorspringenden Dache aufzuschlagen.
Die Tambe-É-Leute von Toréa, im allgemeinen von großen und schlanken Körperproportionen, zeigten sich recht scheu, und besonders die Weiber waren nur schwer zu bewegen, sich photographieren zu lassen. So sauber die neuen Häuser schienen, so verwahrlost und schmutzig präsentierten sich ihre Bewohner. Sie schienen fast schwarz zu sein. Möglich, daß die ihre Gestalt gleichmäßig bedeckende Schmutzkruste ihre Hautfarbe dunkler erscheinen ließ, als sie tatsächlich war. Der Unsauberkeit war wohl auch der große Prozentsatz der mit Hautkrankheiten behafteten Individuen zuzuschreiben. Namentlich die Kinder waren fast durchweg über und über mit bösartig aussehendem Ausschlag behaftet. Besonders widerlich war die Gepflogenheit der mit Kurap behafteten Knaben und Männer, sich die abblätternde, vom Ringelwurm zerfressene Haut mit ihren Klewangs abzuschaben, demselben Werkzeug, das sie gegebenenfalls auch als Fleischmesser oder Zahnstocher benutzen. Die den Männern an äußeren Reizen in nichts nachstehenden weiblichen Dorfinsassen trugen Lendentücher aus dunkelfarbenen, schwarzblauen Stoffen, die ihnen knapp bis zu den Knien reichten. Ihre weitere Gewandung bestand nur noch in gelbweißen, aus ungefärbtem Kattun gefertigten Oberjäckchen, die beim Säugen der Kinder einfach über die Brüste hinaufgestreift wurden. Eigenartige, turbanähnlich geschlungene Tücher desselben Materials wurden als Hauptschmuck benutzt. In einem um die Schultern geschlungenen, shawlartigen Tuche hingen die kleinen Kinder, wobei die Beine derselben in reitender Stellung die Hüften der Mutter umschlangen. Als Schmuck trugen die Frauen dünne Messingspangen, die die Arme vom Gelenk bis zu den Ellenbogen deckten; an den Füßen trugen sie Reifen in massiver Ausführung von pfundschwerem Gewicht. Erstere dürften als ständiger Zierat, letztere nur als festlicher Schmuck anzusehen sein. Als es mir nach langem Zureden gelang, einen der Familienväter zu bewegen, mir gegen schnöden Mammon die Fußringe seines Weibes zu verkaufen, hatte der Gute, zu seinen Penaten zurückgekehrt, eine schwere Viertelstunde zu durchleben, wie uns das weithin vernehmbare Keifen seiner in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten besseren Hälfte bekundete. — Die Männerkleidung bestand auch hier wieder aus der kurzen Bugihose, zu der sich vereinzelt Kattunjacken und ganz allgemein Kopftuch und ein schärpenartig umgeschlungenes Lendentuch gesellten. Als Schmuck fand ich bei ihnen Arm- und Fingerringe aus Messing, die den in Matanna hergestellten glichen.
An mir besonders erwünschten ethnographischen Objekten konnte ich eine eigenartige Kinderwiege (= sói) erwerben, die in einer der Hütten an Rotangseilen schaukelte, außerdem einen alten Rotangkriegshut und mehrere Rotangschilde. Lanzen schienen hier ganz gründlich beseitigt worden zu sein; ihr ehemaliges Vorhandensein bewiesen nur noch die höchst praktisch als Gehstöcke verwendeten Schäfte, welche teilweis sehr hübsche Messingbeschläge aufzuweisen hatten. Zu diesen kamen noch eine Anzahl Sitzfelle und Regenschutzmatten, sowie endlich Hahnenkörbe (= ogóta) mit den dazugehörigen Schlingen (= mantára), zum Einfangen der hier zahlreichen wilden Dschungelhühner. Bei dieser Fangmethode wird der Lockhahn auf einer geeigneten Waldblöße an einem Pflocke festgebunden. Auf die Rufe des sich einsam fühlenden Gefangenen kommen die rauflustigen wilden Kameraden herbeigeeilt. Hierbei geraten sie in die Schlingen, womit ihr Schicksal besiegelt ist.
Neu waren mir die in Toréa gebräuchlichen Eßlöffel aus Blattscheiden. Auch einen schön gearbeiteten Vorratskorb aus Rotang fand ich, dessen Flechtmuster quadratische Grundformen aufwies. Leider war das Stück nicht zu erhalten.
Als höchst willkommene Abwechslung meines täglichen Konservenmenus brachte man mir in Toréa frische Eier, eine im Waldleben seltene Delikatesse; auch Hühner konnte ich ohne Schwierigkeit erwerben.
Toréa-Sorowáko, den 7. September.
Am frühen Morgen brachen wir auf, um auf neuem Wege nach Noëha am Matanna-See zurückzukehren. Die Toréa-Träger trugen die leichteren Gepäckstücke frei auf dem Kopfe, die schwereren an Stirnbändern auf dem Rücken. Gleich zu Anfang hatten wir ein ziemlich tiefes Flüßchen zu durchwaten, eine zum Tagesbeginn stets unwillkommene Einleitung. Drüben traten wir auf ein mit Riedgras und Lalang bestandenes Hochtal heraus, dessen welligen Erhebungen wir über eine Stunde lang folgten. Hierbei kamen wir an einem von den Eingeborenen für Zwecke der Hirschjagd völlig eingelappten großen Terrain vorüber. Als Schreckmittel für das Wild hatte man mit viereckigen Atapstücken behängte Stangen verwendet. — Gegen 8 Uhr standen wir wiederum vor einem Flusse, dem wir nun durch dichtes Buschwerk längere Zeit nachgingen. Die Krümmungen des Wasserlaufes abschneidend, durchschritten wir ihn unzählige Male. Legionen von Stechmücken raubten uns hierbei den Rest guter Laune. Endlich wieder auf freies Terrain gelangt und froh, den lästigen Peinigern entronnen zu sein, gerieten wir vom Regen in die Traufe. Sämtliche Büffel dieser gesegneten Gegend schienen hier ihren Rendezvousplatz zu haben; denn der Boden war stellenweise zu tiefem Morast zertreten. Rettungslos sank der Fuß in den Schlamm ein, und mehrfach war ich in Gefahr, mein schon durch das ewige Waten arg mitgenommenes Schuhzeug ganz einzubüßen. Langsam wurde der Weg wieder etwas besser, bis wir in mannigfachem Wechsel von Berg und Tal, Busch und Aue gegen 10 Uhr auf ein parkartiges Gelände heraustraten und bald darauf von einer Hügelkuppe aus den Spiegel des Matanna-Sees erblickten. — Noch eine kurze Wanderung, und Noëha, ein alter, jetzt verlassener Kampong inmitten eines Haines von Mangobäumen, war erreicht.
Zwei von Sorowáko herübergekommene Prauen warteten hier auf unsere Ankunft und hatten schon das gestern von Sokóyo hierher gebrachte Gepäck übernommen. Mit außerordentlichem Stimmaufwand ließ mein »Reisemarschall« auch die neu angekommenen Lasten in die Boote verstauen, und nach dem Photographieren und Ablöhnen der Tambe-É-Träger kroch auch ich in den engen Verschlag der für mich bestimmten Prau. Im Falle eines Malheurs müßte man in solchem Käfig, in dem man wie in einer Mausefalle sitzt, elend umkommen.
Mit schwach vom Winde geschwellten Segeln näherten wir uns um die Mittagsstunde dem schräg gegenüber am Südufer gelegenen Hauptorte des Matanna-Sees, Sorowáko. Die Sorowáko-Ruderer bemühten sich, eine Art Tempo einzuhalten, indem sie einem vollen Schlage stets einen halben Ruderschlag folgen ließen. — Prächtig lag die Seerunde vor uns, und klar hoben sich die Bergprofile vom wolkenlosen Himmel ab. Tief indigoblau erschien die Wasserfarbe. Die Lotungen der Herren Sarasin ergaben seinerzeit an dieser Stelle des Sees bei 480 m noch keinen Grund.
In der Ferne schwamm ein verendender Fisch mit aufgetriebener Blase, eine, wie es scheint, auf dem Matanna häufige Erscheinung. Die Leute erzählten mir, daß nach größeren Stürmen stets große Mengen solcher Tiere sterbend an die Oberfläche des Wassers aufsteigen. Je näher wir dem Südufer kamen, desto übermütiger gebärdeten sich meine Bootsleute, die in Seemitte stets eine große Angst vor den auf dem Matanna nicht ungewöhnlichen urplötzlich auftretenden Böen zeigen. Einzelne fingen an, Schelmenliedchen zu singen, die von den übrigen mit schallendem Gelächter begleitet wurden, und ein mit unermüdlicher Ausdauer bearbeiteter Gong schien ihnen einen wahren Ohrenschmaus zu bereiten.