Das Talende läuft in Sümpfe aus, in denen es von Krokodilen wimmelt. Von den Eingeborenen bleiben diese Bestien unbehelligt, da die Leute des Glaubens sind, daß die Seelen der Verstorbenen in die Körper dieser Tiere übergehen.
Die Leute von Laro-Ehá sind eng verwandt mit den benachbarten Tambe-É und bilden mit diesen zusammen eine Unterabteilung der Tobela des Matanna-Towuti-Distriktes. Sie schienen mir von schwärzerer Hautfarbe zu sein als diese und im Vergleiche mit den Tobela der Seendistrikte, die ich in Malili gesehen hatte, mehr den — wenn man so sagen will — wilderen Typ des Waldbewohners zu zeigen. Der Häuptling des Platzes, ein kleiner, etwas verwachsener und recht blöde aussehender Mensch, war nur mit Schambinde und den traurigen Resten einer Kattunjacke bekleidet. Als Kopfbedeckung figurierte ein rundes, einem umgestülpten Topfe zum Verwechseln ähnliches Rotanggeflecht. Ratlos stierte er mich an, dabei den Mund so weit aufsperrend, als hätte er vor Überraschung den Kinnbackenkrampf bekommen. Doch meinem sanften Zureden gelang es bald, dieses würdige Haupt seiner Untertanen in Trab zu bringen und nach Hühnern und Eiern zu schicken.
Ein späterer Besuch in der Häuptlingshütte ergab in ethnographischer Beziehung nur einige Rotangschilde und Hüte, die ich gegen europäische Perlenketten eintauschen konnte, außerdem aber eine reiche, völlig gratis mit in den Tausch bekommene Ausbeute an lebenden Insekten. Gegen Abend trafen unter Führung des Matannafürsten die säumigen Kulis ein.
Laro-Ehá — Matanna, den 4. September.
Abgesehen von der Moskito-Plage, gegen die selbst das feinmaschige Netz meines Feldbettes nur mäßigen Schutz gewährte, verlief die Nacht ungestört und ruhig. Bereits um die fünfte Morgenstunde begannen meine Leute, ihren Reis abzukochen, und um 6 Uhr war alles zum Aufbruch fertig. Zum ersten Male waren auch die neuen Kulis pünktlich und vollzählig zur Stelle. Auch in anderer Beziehung zeichneten sich die Laro-Ehá-Träger recht vorteilhaft vor ihren bisherigen Kollegen aus, indem jeder derselben ohne Zögern und Jammern über Größe oder Schwere des Gepäckstückes willig die ihm zugeteilte Traglast übernahm. — Im Gegensatze zu den Kawáta-Leuten, welche die Kolli mittels frischgeschälter, über die Schultern geschlungener Baumbaststreifen auf dem Rücken, teilweise auch auf Kopf und Schultern trugen, bedienten sich die von Laro-Ehá hierzu zweierlei Vorrichtungen. Die eine, sehr praktische bestand in hölzernen, spitz zulaufenden Tragkörben mit etwa 10 cm hohen Randleisten, durch deren seitliche Durchbohrungen Schnüre gezogen waren, mit welchen das aufgeladene Gepäck festgehalten wurde. Breite Baststreifen dienten auch hier als Tragebänder. Weit weniger brauchbar erwies sich eine zweite Art hoher schmaler Körbe. Diese bestanden aus Sagoblattscheiden, welche einfach zusammengebogen und mit einer Rotangnaht zusammengehalten wurden. Dieses mürbe, spröde Material hält wenig aus, und die Ecken meiner Stahlkoffer drangen glatt durch. Die erstere Art wird für schwere Traglasten benutzt; in letzteren transportieren die Eingeborenen gewöhnlich ihre Feldfrüchte.
Um 7 Uhr folgte ich den vorausgegangenen Kulis durch regennassen, schlüpfrigen Auenwald, durch welchen wir auf eine wellige, stellenweise mit Waldparzellen durchsetzte Lalangebene gelangten. Der Marsch durch das triefende, mannshohe Lalanggras ohne jede sichtbare Spur eines Weges war nichts weniger als erfreulich. Wir befanden uns anscheinend in einem alten Kulturtale; denn soweit der Blick reichte, zeigte das schöne Berggelände die Narben alter Rodungen und ehemaliger Kebons. In einigen der zu passierenden Waldstreifen fanden sich zahlreiche Lángsatbäume, deren Früchte bei den Eingeborenen sehr beliebt sind. Das Vorwärtskommen in diesen von den häufigen Talbränden verschont gebliebenen Waldparzellen war der vielen Pfützen und des äußerst glatten Lehmbodens wegen beinahe noch anstrengender als in der Grasebene. Allmählich kamen wir jetzt jedoch in höhere Lagen mit größeren Hochwaldbeständen, die, für Südost-Celebes eine große Seltenheit, licht und fast frei von Unterholz waren. In dem hohen Gezweige der Waldbäume trieben sich Affengesellschaften herum, die, wenig scheu, unseren Durchzug sehr interessiert beobachteten. Über einen breiten Bergrücken hinweg hatten wir nahezu ¾ Stunden durch ein merkwürdiges Quellensystem zu waten, dessen unzählige Adern und Verzweigungen den Wald völlig überschwemmten. Die Rinnsale führten teils klares, teils milchiges Wasser, das über feinkörnigen weißen Sand strömte. In demselben fanden sich stellenweise Nester tiefschwarzer, faustgroßer runder Steine. Die Ränder der Quellenläufe wiesen häufig Tuffsteinbildungen auf. Die Temperatur des Wassers war eher kühl als warm.
Nach 10 Uhr vormittags überschritten wir auf miserablen Wegen ein Lalangplateau, wobei mehrmals tief einschneidende Schluchten zu durchqueren waren. Darauf gelangten wir endlich auf den von den rechts gelegenen Höhen herabkommenden, im Entstehen begriffenen direkten Weg Ussu-Matanna, dem wir nun folgten, um bald das in einer buschreichen Senkung gelegene Dörfchen Tambe-É zu erreichen. Gleich den jüngst angesiedelten Bewohnern Kawátas haben sich auch die Tambe-É-Leute auf Verlangen des Gouvernements erst in letzter Zeit in der Ebene seßhaft gemacht. Die hübsch gelegene Siedelung Tambe-É, nach dem Stammesnamen ihrer Bewohner benannt, ist durch die von den eigentlichen Tobela abweichenden Sitten und die eigene Sprache ihrer Bewohner besonders interessant. Daß diese dem großen Stamme der Tobela seit altersher benachbart gewesen sein müssen, geht aus den Überlieferungen der Tambe-É hervor, durch welche die uralte Feindschaft zwischen den die nordwestlichen Gebirge bewohnenden Tolampu und den Tobela auf die Vergewaltigung einer Tambe-É-Frau zurückgeführt wird. Die Sage erzählt:
Einst sind die beiden großen Stämme der Tolampu und Tobela eng befreundet gewesen. Damals befand sich der Hauptkampong der Tambe-É, Paantaúwa, noch auf einem Berggipfel des Morigebirges. Einmal traf es sich nun, daß ein Tolampu-Mann Namens Latetémbu eine Tambe-É-Frau überfiel und mißbrauchte. — Die empörten Dorfbewohner verfolgten den Übeltäter, fingen ihn und bestraften ihn grausam. Der Mann wurde über einem der senkrecht gezogenen Blasebälge eines Schmiedefeuers mit auseinandergespreizten Beinen festgebunden, und in dieser Stellung wurden ihm die Genitalien weggesengt. Seine Leiche wurde hierauf verbrannt und die Überreste in alle Winde verstreut, so daß Latetémbu für seine Angehörigen fortan unauffindbar und verschollen blieb. — Lange Zeit blieben deren Nachforschungen nach seinem Verbleibe vergeblich, bis ein Zufall zur Entdeckung des Mordes führen sollte. Einige Freunde des Getöteten belauschten den Gesang eines mit Reisstampfen beschäftigten Kindes. Aus dem Refrain des Liedes: »Latetémbu muß verbrennen, muß verbrennen!« erfuhren die Lauschenden, was geschehen war, und der Sohn des Getöteten, Lagóngga, legte einen feierlichen Schwur ab, daß Krieg sein solle zwischen den beiden Stämmen, der nimmer ende, bis »die Krähen weiß geworden« und »die Reisstampfkolben Blätter trieben!«
Durch Jahrhunderte hindurch wurde dieser Schwur gehalten und wurden von beiden Seiten Köpfe geschnellt, wo nur immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Erst vor ca. 15 Jahren gelang es einem Datu des Reiches Luwu in Paloppo, die Fehde zum Ausgleich zu bringen; doch erklärten sich die Tolampu nur unter der Bedingung zu einer Versöhnung bereit, daß ihnen noch weitere zwei Köpfe als Sühneopfer ausgeliefert würden. Daraufhin kauften die Tobela zwei Toradja-Sklavinnen, die sie den Tolampu übergaben. Diese beschäftigten die Frauen zum Scheine mit Feldarbeit, um sie dabei meuchlings zu morden. Die Leichen wurden der Köpfe beraubt. — Erst jetzt war dem Verlangen nach Sühne Genüge geschehen, und große Freudenfeste vereinten die feindlichen Brüder aufs neue und machten der seit mehr als 300 Jahren währenden Fehde ein Ende.
Als abweichend von Tobela-Sitten erschien mir bei den Tambe-É-Frauen das Tragen schwerer Metallfußringe (= lánke). Auch die Benutzung von Sitzfellen (=tundáa) bei den Tambe-É-Männern, welche ein nie fehlendes Attribut derselben darstellen, ist etwas sonst Ungewöhnliches. An Stelle solcher Felle kennen die Tobela nur geflochtene Sitzmatten, und auch diese sind bei ihnen relativ selten anzutreffen. An interessanten Ethnographica konnte ich außer den eben erwähnten noch einen, Báki genannten, geflochtenen Rückenkorb der Weiber und mehrere aus Hirschfell gefertigte, Kalámbi genannte Rucksäcke der Männer erwerben, wie sie auch am Matanna-See allgemein üblich sind, wo sie »gorái« heißen. Nach längerem Aufenthalte im Tambe-É-Dorfe, in dem wir mehrere Hütten besuchten und ich eine Reihe von Aufnahmen machte, traten wir die letzte, uns noch vom Matanna-See trennende Etappe an.